Rabbiner in Deutschland – so sieht es aus

Fast wirkt er wie eine Fortschreibung des Artikels über die mögliche Abschiebung von Rabbiner Navon (siehe hier), der Beitrag von Detlef David Kauschke in der aktuellen Jüdischen Allgemeinen in dem es um die aktuelle Situation der Rabbiner in Deutschland geht:

Jahrzehntelang wurde die rabbinische Unterversorgung der Gemeinden hierzulande beklagt, die eine spirituelle Wüste habe entstehen lassen. […]
Nun der Faktencheck: Wie viele von den vor vier Jahren feierlich eingeführten Absolventen sind mit einer Vollzeitstelle in Deutschland tätig? Keiner. Ein anderes Beispiel: Von den beiden am Montag ordinierten Rabbinern bleibt einer hier, er übernimmt eine Gemeinde in Potsdam. Sein Kollege wird Religionslehrer in Österreich. […]
Die Gründe, dass frisch gebackene Rabbiner Deutschland den Rücken kehren, mögen vielfältig sein. Doch ein Hauptgrund ist, auch das gehört zum Faktencheck, dass die Absolventen keine Stelle finden. […]
von hier

und da knüpft der Text an die vielen verteilten Beiträge zur aktuellen Schieflage an (wie dieser Beitrag hier). Wohin geht die Reise?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist sicher richtig, daß es die jungen Rabbiner in Deutschland derzeit noch schwer haben, eine Vollzeitstelle zu finden, mit denen sie eine ganze Familie ernähren können. Bei manch einem könnte die Abwanderung ins Ausland aber auch andere Gründe haben: zum Beispiel den, daß Berufserfahrung an einer jüdischen Schule – als Schulleiter, Menahel Ruchani und dergleichen – in Deutschland im Moment noch nicht wirklich möglich ist. Die beiden einzigen orthodoxen Schulen in Deutschland – von Chabad Berlin und Lauder Berlin – sind noch zu neu im Geschäft, als daß ein 22jähriger Absolvent dort wirklich Erfahrungen sammeln könnte. Und so ist doch nur richtig, wenn für eine Art “Referendariat” ins erfahrenere Ausland vermittelt wird.
    Dafür hat z.B. die Lauder-Schule in Berlin eine erfahrene Kraft aus Österreich dazugewonnen. Die “jüdischen Grenzen” liegen manchmal eben anders als die Staatsgrenzen.
    Trotzdem ist es sicher richtig, darauf aufmerksam zu machen, daß sich Gemeinden und Zentralrat anstrengen müssen, den jungen Rabbinern und ihren Familien eine Perspektive in Deutschland zu geben. Sonst geht es ihnen wie der deutschen Wissenschaft: nach dem Studium ab ins Ausland und nie mehr zurück.

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  2. Es gibt da IMHO noch einen Aspekt. Die erwaehnten jungen Absolventen sind auch junge orthodoxe Famlienvaeter, die sich um die juedische Erziehung ihrer Kinder sorgen. Es ist ja vermutlich kein Zufall, dass viele der importierten Rabbiner entweder nur Kinder im Kleinkindalter haben – die gehen, wenn ihre Kinder ein gewisses Alter erreichen – , oder deren Nachwuchs bereits saemtlich verheiratet ist (bekannte Ausnahme: Chabad).
    Nur wenige Gemeinden haben Schulen, und selbst da, wo es welche gibt, bleibt der religioese Standard zu oft bescheiden, was wohl auch – aber nicht nur – daran liegt, das ein erheblicher Prozentsatz der Schueler darin nichtjuedisch ist.
    Es gibt also auch noch andere Dinge, die passieren muessten, um die jungen Talente halten zu koennen, ausser die blosses Existenz von Vakanzen.

    YM

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  3. Nun, es gibt auch nicht wenige (Rav Langnas ist ein Beispiel), wo die Kinder weggeschickt werden bzw. wo die Frauen mit den Kindern in einen Ort ziehen, wo es eine jüdische Schule gibt. Die Kinder der Chabadrabbiner in Ostdeutschland gehen wohl alle in die Chabadschule Berlin, die in Norddeutschland nach Hamburg und im Süden werden die Kinder nach Stuttgart bzw. nach Strasbourg gefahren. Die Tendenz wird dahingehend steigend sein. Kleine Gemeinden, die – logischerweise – keine Infrastruktur bieten können, werden sich wohl damit zufrieden geben müssen, daß die Rebetzn nur über Schabbat und während der Chagim in ihrer Gemeinde weilt…
    Das mit de “erheblichen Prozentsatz nichtjüdischerSchüler” halte ich für eine noch zu verifizierende Unterstellung und ist wohl zunähst einmal wieder nur ein gutes Beispiel für Loschn Hora. Let’s drop a word which goes around…
    (Die Frage stellt sich, ob das Gros der ausgebildeten Rabbiner es überhaupt schaffen würde, in diesem Beruf im Ausland eine Parnusse aufzubauen – wohl eher nicht, denn in den meisten Ländern haben sie nicht gerade auf BTs mit Rabbinatsstudium gewartet und obendrein Probleme, die “eigenen” Leute unterzubringen.)
    Und die interessantere Frage stellt sich, ob Zentralrat und andere verantwortliche Stellen überhaupt in der Lage sind, dem Unternehmen “Rabbinatsausbildung für Deutschland” die Priorität einzuräumen, die es haben sollte. Alles ist im Fluß. Gam su letovo. Lassen wir uns überraschen.

    In diesem Sinne gut Schabbes und ein gebenschtes neues Jahr.

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  4. @Matronit:
    Viel Spass beim Verifizieren.
    Ob es dabei um eine negative Zuschreibung handelt, liegt wohl im Auge des Betrachters. Mancher legt ja offenbar grossen Wert darauf, “nicht im Ghetto” zu leben, und da kommen Schuler nicht-juedischer Herkunft, die sich von den “hohen akademischen Standards” angezogen fuehlen, ganz recht.
    Allen ein Kesivoh vechassimoh tovoh.
    YM

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  5. @ Yankel Moishe

    Pschschsch, das kommt ja richtig ätzend rüber aus London…

    Was ist denn der Anlaß bzw. das Motiv, daß Dich bewegt zu soviel Erbostheit über Schulen, die Du selbst von innen noch nicht gesehen hast, daß Du sie, ihre Schüler und Lehrer und die Eltern der Schüler so dermaßen verallgemeinernd aus der schönen Ferne in den Dreck ziehen möchtest?

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  6. @Matronit:
    1. Ich moechte nichts und niemanden “in den Dreck” ziehen. Es ist auch nicht notwendig, dass Du mir das unterstellst.
    2. Habe ich diese Schule tatsaechlich von innen gesehen, woertlich, erst letzte Woche. Mein Neffe geht auf die Schule, und die Nichtjuden, von denen ich spreche, sind seine Spielkameraden.
    3. An Sukkos bin ich sGw in Deiner Stadt…
    @Jitzchak:
    Warst Du da?? Schade, dass Du Dich nicht vorgestellt hast…

    YM

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  7. @Yankel Moishe

    Zu 1

    Was sagen die Eltern Deines Neffen zu dem Problem, welches Du hier so freizügig ins Netz stellst? Fühlen sie sich dadurch von Dir unterstützt oder eher kompromitiert? Oder wissen sie gar nichts davon?
    Die Schule, von der Du sprichst, wird eventuell ihre Gründe haben, warum sie Nichtjuden aufnehmen muß. Könnte es sein, daß die Schule keine Privatschule sondern eine staatlich genehmigte und von Staatsgeldern mitfinanzierte Schule ist (wie alle jüdischen Schulen in Deutschland) und somit VERPFLICHTET ALLE Kinder aufzunehmen, ob sie will oder nicht? Wenn man weiß, wie schwer allein finanziell es ist eine Schule ins Leben zu rufen, dann wird man vermutlich etwas bescheidener in die Welt hinaus rufen… (Dein Involvement in Ehren, ich denke nur, es ist der falsche Stil). Ich könnte mir vorstellen, daß es jener Schule bzw. ihrem Träger selbst nicht als Idealvorbild vorschwebt, in die Schule Nichtjuden, sprich Kinder jüdischer Väter und Kinder von Eltern, die keinen halachischen Übertritt gemacht haben, aufnehmen zu müssen. Aber aller Anfang ist bekanntlich schwer.
    (Übrigens ist der Unterschied zwischen säkularen Kindern jüdischer Mütter und den gänzlich nichtjüdischen oft in realiter nur marginal. )
    Bevor also vom Ausland aus in Chajms nettem Blog der Stab gebrochen wird, bitte ich doch um etwas mehr Milde. Das Leben ist in der Regel komplizierter und prüfungsreicher, und jede Sache hat ihre (immensen) Herausforderungen.

    Zu 2 Du kommst in meine Stadt? Möchtest Du mit dem Träger den unsäglichen Zustand der Schule diskutieren? 😉
    DAS fände ich gut. Wäre dann an der richtigen Adresse!

    Zu 3
    Vielleicht wäre es ja sinnvoller, online Klassen mit Deinem Torawissen anzubieten, anstatt hier eine Diskussion aufzuwerfen, von der äußerst fraglich ist, ob sie an DIESEM Ort der Schule, Deinem Neffen und allen anderen involvierten Menschen hilft.

    4 “Mancher legt ja offenbar grossen Wert darauf, nicht im Ghetto zu leben, und da kommen Schuler nicht-juedischer Herkunft, die sich von den hohen akademischen Standards angezogen fuehlen, ganz recht.”

    DIESER Satz IST Dreck.
    Er wirklich sehr, sehr beleidigend. Soviele Neffen kann man gar nicht an einer jüdischen Schule haben, daß es gerechtfertigt wäre, solches Gift in die Welt schießen zu wollen.
    Vielleicht kannst Du Dir in den nächsten 2 Tagen noch einmal durch den Kopf gehen lassen, ob Du derlei wirklich so in die Welt schicken willst.

    🙁 🙁 🙁

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  8. ad 1) “Nichtjuden, sprich Kinder jüdischer Väter und Kinder von Eltern, die keinen halachischen Übertritt gemacht haben”
    Ich meinte eigentlich eher “Otto-Normal-Goi”, ganz ohne jüdischen Bezug. Dass die Schule Gründe für ihren Schritt hat, ist mir völlig klar. Das eigentliche Problem scheinen eher die Eltern zu sein, die ihre Kinder nicht in diese Schule schicken, und damit die Schulleitung zur solchen Massnahmen zwingen. Und diejenigen, die kein Interesse daran haben, dass in einer jüdischen Schule Kinder zu Juden erzogen werden.
    ad 2) Die Schulleitung weiss das alles bereits.
    ad 3) Kontext bitte nicht aus den Augen verlieren: Ausgangsthema war die (fehlende) Attraktivität von Provinzgemeinden für junge Rabbiner. Ich wollte oben bloss darauf aufmerksam machen, dass Schulen da ein Faktor sind.
    ad 4) Mir scheint, Du hast mich nur partiell verstanden. Die Anführungszeichen sollten klarmachen, dass das ein Zitat war. Von betroffenen Eltern. Offenbar findet (auch) in dieser Schule eine offene Auseinandersetzung um die Ausrichtung statt….

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  9. “Kontext bitte nicht aus den Augen verlieren: Ausgangsthema war die (fehlende) Attraktivität von Provinzgemeinden für junge Rabbiner. Ich wollte oben bloss darauf aufmerksam machen, dass Schulen da ein Faktor sind.”

    Um noch einmal meine Kritik zu verdeutlichen:

    “bleibt der religioese Standard zu oft bescheiden, was wohl auch aber nicht nur daran liegt, das ein erheblicher Prozentsatz der Schueler darin nichtjuedisch ist.”

    Ein bloßes ‘Aufmerksammachen” war jener Satz wohl nicht, der die Diskussion in eine andere Richtung gelenkt hat.
    Er lebt von Unterstellungen: einem “Bleiben” (im bescheidenen Standart) und einer “Erheblichkeit” (nichtjüdischer Schüler).
    Also den Kontext nicht aus den Augen verlieren ;).

    Die Frage stellt sich auch, welchen Sinn das Stellen von “Zitate betroffener Eltern” im Netz machen. Authentitzität? Wer kann es überprüfen?

    Sollst Du schon gut eingeschrieben sein.

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