Wieder Identität

Jeder ist Israeli wird als Nichtjude betrachtet, bis das Gegenteil bewiesen wurde schreibt Alana Newhouse, Herausgeberin des jüdischen Tablet Magazine in der New York Times. Hintergrund dieser Polemik war ein israelisches Gesetzesvorhaben zu Übertritten, welches mittlerweile zwar nicht mehr unmittelbar entschieden wird, aber auch nicht vollkommen vom Tisch ist.
Zurückgestellt wurde es, weil es aus dem Ausland Proteste nichtorthodoxer Organisationen hagelte und Ministerpräsident Netanjahu persönlich zum Handeln aufgefordert wurde. Im Oktober soll nun das Gesetz zur Abstimmung in die Knesset gehen.
Ein israelisches Gesetz, das im Ausland leidenschaftliche Diskussionen auslöst? Wenn US-amerikanische Rabbiner und ihre Kollegen auf der ganzen Welt Briefvordrucke an den Ministerpräsidenten Netanjahu ins Internet stellen und Proteste organisieren, dann muss es sich um eine Angelegenheit handeln, die zumindest die Interessen des Judentums in der Diaspora berührt oder beeinflusst.
Doch, worum geht es eigentlich? David Rotem aus der Siedlung Efrat, Knessetabgeordneter von Israel Bejtejnu, wollte ein Wahlversprechen Avigdor Liebermans an seine vielen Wähler einlösen, die aus russischsprachigen Ländern nach Israel gekommen sind: Eine leichtere Aufnahme ins Judentum von nichtjüdischen Familienangehörigen der Einwanderer, oder eine leichtere Aufnahme ins Judentum für Menschen, die als Kinder jüdischer Väter Aufnahme im Land Israel gefunden haben. Um den Prozess des Übertritts zum Judentum zu erleichtern, sah das Gesetz vor, dass alle Statusfragen in Zukunft durch örtliche Rabbiner im Lande abgeklärt werden dürften und diese Entscheidungen dann vom israelischen Oberrabbinat anerkennt werden würden. Eigentlich eine Dezentralisierung dieser Statusfragen, welche theoretisch eine mögliche Hemmschwelle für diesen Schritt herabsetzen sollte. Hinzu kommt das Argument, dass örtlichen Rabbiner ja auch die Kandidaten tatsächlich kennenlernen könnten und sie deshalb besser geeignet sind, mögliche Kandidaten zu betreuen. Zugleich soll aber eine Gerichtsbarkeit entstehen, die sich nur mit Übertritten und Statusfragen beschäftigt und bei zweifelhaften Entscheidungen Recht spricht. Die Annullierung von Übertritten soll ausschließlich dem Vorsitzenden eines obersten rabbinischen Gerichtes möglich sein.
Gegner des Gesetzesvorschlags sehen darin einen Versuch, die Entscheidung von Statusfragen zu monopolisieren und vollkommen in die Hände orthodoxer Rabbiner zu legen. Eben in die Hände jener Rabbiner, die zuvor vom Oberrabbinat mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet würden. Man verortet die Zusammensetzung des israelischen Oberrabbinats heute eher im charejdischen – ultraorthodoxen Judentum und fürchtet daher eine Durchsetzung entsprechender Normen. Es wird weiter befürchtet, dass nur Übertritte die nach ihren Normen durchgeführt werden oder in der Vergangenheit durchgeführt wurden, anerkannt werden würden.
Tatsächlich würde dies in der Konsequenz bedeuten, sie dürften die jüdische Identität jeder beliebigen Personen die mit dem Judentum in Israel in Berührung kommt, also etwa bei Eheschließungen oder Bestattungen, in Frage stellen und auch gegebenenfalls abschlägig entscheiden.
So brachte der Versuch von David Rotem, weitere Personen leichter zum jüdischen Volk zu bringen und in die israelische Gesellschaft zu integrieren, eine neue Diskussion der jüdischen Identität mit sich. Aus einer nationalen Frage wurde eine von internationaler Tragweite. Von einem nationalen Projekt eine internationale Verwicklung und das obwohl das Chok HaSchwut, das israelische Rückkehrgesetz noch nicht in Frage gestellt wurde. Derzeit erlaubt es die Einwanderung nach Israel allen Juden, ganz gleich, ob sie nur einen jüdischen Vater haben oder bei irgendeiner Strömung zum Judentum übergetreten sind. 2002 hatte der oberste israelische Gerichtshof diese Regelung unterstrichen und betont, dass auch Übertritte im Ausland anerkannt werden.
Zielgruppe für Rotems Vorschlag wären etwa 300.000 Menschen die nach Israel gekommen sind, durch das Rückkehrgesetz als berechtigte Einwanderer anerkannt wurden, nach halachischen Maßstäben jedoch keine Juden sind.
Eine Lösung wurde bereits unter Ariel Scharon angestrebt. 2002 begann man mit dem Aufbau eines organisierten Übertrittswesens unter Rabbiner Chajm Druckman. 2008 jedoch hob das israelische Oberrabbinat die Übertritte durch Druckmanns Behörde wieder auf. Aus Juden wurden Nichtjuden nach dem Willen des Oberrabbinats.

Diese leidenschaftliche Debatte wurde also, wieder einmal, durch die Frage ausgelöst Wer ist Jude und Wer hat das Recht zu entscheiden, wer Jude ist?
Die heftigen Reaktionen zeigen, dass dies keine Angelegenheit ist, die man als innenpolitische Angelegenheit abhandeln kann. Die aktuelle Debatte offenbart, dass es keine einheitliche Sicht auf die Definition von Judentum und die Identität als Jude gibt. Wer die Frage wer ist Jude? stellt, muss zwangsläufig fragen was macht das Judentum aus und das dürfte auch eine der meist gestelltesten Fragen nichtjüdischer Menschen sein, die sich für das Judentum interessieren.

Wer ist nun Jude? Was ist das Judentum? Nation? Volkszugehörigkeit? Ganz simpel eine Religion?
Nation, Volkszugehörigkeit, nur Religion. Jede dieser Antworten kann man erhalten.
Ist das Judentum eine Religion? Natürlich ist das Judentum eine Religion mit einer Reihe von Regeln und gemeinsamen Werten. Aber nicht ausschließlich, es scheint, als sei das Judentum die Religion der Juden. Eine ganze Reihe von Juden würden sich dem gegenüber nicht als religiös bezeichnen, bleiben aber dennoch Juden. Es gibt auch Atheisten, die sich als Juden bezeichnen würden, oder sich bewusst als Juden betrachten. Es ist kein Geheimnis, dass sich in Israel viele Menschen als säkular bezeichnen. Bilden Juden denn dann eine Nation? Es steht doch in der Torah, dass Juden ein Goj kadosch heiliges Volk (2.B.M. 19,6) sind. Eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Bräuchen, gemeinsamen Mythen und Geschichten und sogar einem gemeinsamen Wertesystem. In der Sowjetunion wurde das Judentum tatsächlich als Nationalität im Pass eingetragen. Aber auch diese Definition ist zu eng. Juden sind keine Gäste in den Ländern in denen sie leben und haben keinen jüdischen Pass in der Tasche.

Aber zumindest eine ethnische Gruppe!? Hier greift eine ähnliche Definition wie bei der Nationalität. Aber wie viele Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem aschkenasischen Juden und einem jemenitischen Juden? Für jede der Definitionen gibt es überzeugende Argumente und Gegenargumente. Rabbiner Adin Steinsaltz definierte deshalb eine weitere, umfassendere, Definition. Das Judentum sei keine Religion, keine Nation keine ethnische Gruppe oder Rasse sondern eine Familie. Womit er die meisten Phänomene der Interaktion zwischen Juden erklärt. Wenngleich man sich streitet, so gibt es doch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit; denn wenn die verhassten Diskussionsgegner von anderen angefeindet werden, zeigt man sich solidarisch. Wenn Juden etwas erreichen, dann hat man irgendwie Anteil daran. Der Sechstagekrieg hat viele unbewusste Juden sich mit ihrer Identität beschäftigen lassen. Wer zum Judentum übertritt, der wird nicht nur in speziellen religiösen Fragen geschult, sondern er wird Teil der Familie.
Nun stellt sich die Frage, wer Teil der Familie sein darf. Die meisten jüdischen Gemeinden klären derartige Statusfragen innerhalb ihrer Strömung oder unterliegen in dieser Frage klar formulierten Statuten. Wer Strömungsgrenzen überschreitet, befindet sich auf unsicherem Territorium. Die Entscheidung eines israelischen Rabbiners zu Statusfragen hat deshalb auch keine unmittelbare Auswirkung auf die Situation in Deutschland. Die Gemeinden sind autonom in ihren Entscheidungen und mit der Allgemeinen Rabbinerkonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz sind zwei Körperschaften entstanden, die sich auch um Statusfragen kümmern, denn diese werden weiterhin direkt vor Ort geklärt.
Die jüdische Gemeinde Warschau etwa orientiert die Frage nach Mitgliedschaft am Chok haSchwut. Wer einen jüdischen Vater hat, darf Mitglied der Gemeinde werden. Davon unberührt ist jedoch etwa die Teilnahme an religiösen Ereignissen.
Israel und die Diaspora rücken immer mehr zusammen, der Austausch ist größer als jemals zuvor und Jüdinnen und Juden jeder Strömung wollen ihre Strömung im jüdischen Staat repräsentiert sehen. Dieser Anspruch an die Familienmitglieder im jüdischen Staat ist hoch und offenbar gibt es noch Potential für Überzeugungsarbeit. Gesetzgebungsverfahren dagegen werden Sichtweisen zementieren, ganz gleich welche Berechtigung sie haben.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

24 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt auch von orthodoxer Seite Kritik an dem Gesetzesvorhaben(siehe Interview mit Rav Riskin in der Jüdischen Zeitung). Ist ja auch verständlich, da das Rabbanut momentan haredisch besetzt ist, was nun wirklich nicht die Lebenswirklichkeit der orthodoxen Welt repräsentiert.

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  2. Du hast dir viel Mühe gegeben, Chaim, aber irgendwie scheint das alles unnötig zu sein. Kennst du einen Staat, der zufällig entstanden ist, ohne von einer Nation getragen zu werden? Ich nicht. Und es gibt nun mal einen Staat, der sich als jüdischen Staat versteht, als Staat der jüdischen Nation (in meinem nichtsowjetischen Personalausweis steht nach wie vor “Nationalität: jüdisch”). Also gibt es – phänomenologisch gesehen – eine jüdische Nation. Diese Nation hat ihre eigene Religion etc., aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie besteht. So gut besteht sie, dass sie auch Kriege führt und (normalerweise…) gewinnt.

    Nun aber, fragst du mich sicherlich, was ist mit den Juden, die meinen, das Judentum wäre keine Nation? Dann frage ich dich zurück: Was ändern sie an der Tatsache, dass Israel besteht? Möglicherweise gibt es auch Leute, die meinen, ihre französische Identität wäre eine rein religiöse Identität. Nun gut, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es eine französische Nation gibt, solange es auch einen französischen Staat gibt (bzw. die Vorstellung von einem).

    Und du weißt doch besser, als zu behaupten, Juden hätten keinen jüdischen Pass in der Tasche.

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  3. Und übrigens: Die Diskussion ums Rotem-Gesetz war alles andere als international. Es sei denn, es hätten sich dafür auch Nichtjuden interessiert?

    Das ist ja das Lächerlichste an allen, die nicht wissen, wo sie eigentlich hingehören: Einerseits behauptet man, nur “Amerikaner mosaischen Glaubens” zu sein, andererseits erschreckt man plötzlich, wenn man durch ein israelisches Gesetz sein Recht auf jüdische Einbürgerung verlieren könnte. Und ich frage: Was geht es sie überhaupt an…?

    Wenn man mit seiner amerikanischen/deutschen/chinesischen/was-auch-immer Identität vollkommen zufrieden ist und sein Judentum aufs Religiöse reduzieren will, kann er das gerne machen. Mich oder andere Juden stört es doch gar nicht. Aber warum sich dann in unsere eigenen Staatsangelegenheiten einmischen? Und wenn es einem wirklich so wichtig ist, ob er Bürger werden kann oder nicht: Warum nicht gleich Bürger werden und, statt Petitionen zu unterschreiben, gleich bei der jüdischen Staatspolitik *selber mitmachen*?

    Die heutige Situation ist ganz komisch. Warum soll die Meinung irgendwelcher Auslandsjuden wichtiger sein als die der Inlandsjuden, die viel mehr für den jüdischen Staat tun und die auch tatsächlich bei den letzten Wahlen teilgenommen haben?

    Das alles zeigt m. E., dass die ganze Rede von “Familie”, “Religion” usw. nichts hält. Die Auslandsjuden haben sich nur deswegen aufgeregt, weil es ihnen doch ganz wichtig ist, zu wissen, dass sie einen jüdischen Pass in der Tasche haben.

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  4. Yoav, dir scheint dabei entgangen zu sein, dass auch dein (ja! auch DEIN!) Status als Jude damit von einer charedischen Behörde abhängen würde! Wenn du z.B. heiraten oder sterben willst, kann die entsprechende Behörde sagen hey, das ist gar kein Jude, und beweis erst mal, dass du einer bist. Bei wie vielen Israelis gibts denn irgendwo in der Familie (und sei es vor hundert Jahren!) einen Übertritt? Tja, und wenn dann die Urgrossmutter damals übergetreten ist, dann aber nicht nach den Regeln der Charedim gelebt hat, und überhaupt ihr Übertritt nur schwer nachvollziehbar ist (weil evtl Dokumente nicht existieren), na dann viel Vergnügen. Das ist übrigens nicht so unwahrscheinlich wie es klingt, Fälle bei denen rückwirkend die Übertritte von Vorfahren aberkannt worden sind exisitieren durchaus. In Israel.

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  5. Franziska, du rennst bei mir offene Türen ein.

    Aber meine Frage war doch: Warum sind diese – tatsächlichen oder vermeintlichen – Missstände auch und gerade solchen Juden so wichtig, die im Ausland leben und behaupten, dort, also etwa hier in Deutschland, ihre Heimat gefunden zu haben?

    In Deutschland kann man doch alle und alles heiraten, was das Herz begehrt, Lebenspartnerschaften gründen und was alles nicht… Aber nein, das Auslandsjudentum muss sich dann ausgerechnet wegen eines israelischen Gesetzes aufregen, dass das Leben der Juden im Ausland nicht im Geringsten berühren würde?

    Ach ja, bis die Auslandsjuden sich in Israel einbürgern lassen möchten. Und obwohl sie es *noch* nicht machen wollen, ist es ganz vielen von ihnen ganz wichtig, es *doch* machen zu können, sobald sie es wollen, und da haben wir schon den jüdischen Pass “in der Tasche”.

    Was haben wir gelernt? Das Judentum sei eine “Religion”, bei der es sehr wichtig ist, ob man sich in einem *Staat* einbürgern lassen kann… Logisch, oder?

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  6. Jitzchak und Fransiska,

    ich finde es auch unmöglich, dass da ein paar! Rabbiner zu bestimmen haben, wer Jude ist oder nicht. Das ist eines der größten Mankos, das wir haben. Das sollte endlich irgendwann einmal aufhören.

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  7. Yael, wen meist du bitteschön mit “wir”? Du hast doch letztens von dir erzählt, du bist Deutsche und nur Deutsche. Kannst du also vielleicht erklären, was innerisraelische Übertrittsreformen dich überhaupt angehen? Das ist doch nicht *dein* Staat, oder?

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  8. Das habe ich zwar nicht erklärt (sondern jüdin und deutsche), aber das macht nichts. Ich schreibe meine Meinung, mehr nicht. Übertrittsproblematiken gibt es nicht nur in Israel und mich regt das Getue du bist Jude und du nicht, einfach auf, als hätte das jüdische Volk keine anderen wichtigeren Probleme. Aber wir können uns das Leben auch komplizierter machen als es eh schon ist.
    Viel Spaß dann noch!

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  9. Nun gut. Die ganze Aufregung hat jedenfalls nichts mit dem Gesetzentwurf zu tun, der die staatliche Anerkennung nichtorthodoxer, aber letzten Endes im Ausland erfolgter Übertritte nicht berührt.

    Es hat alles nur mit Ego-Fragen zu tun, und zwar seitens nichtorthodoxer Berufsjuden. Und das sage ich als jemand, der grundsätzlich sehr für die Erweiterung der Anerkennung auch für gänzlich in Israel erfolgte, nichtorthodoxe Übertritte. Derlei wird heute nicht anerkannt, auch würde es nach dem Gesetz nicht anerkannt, also bestünde da keinerlei Änderung auf diesem Gebiet.

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  10. Ist Teil des Problems nicht, dass bis zur Emanzipation sich alle darin einig waren,
    dass das biblische Verständnis von “das auserwählte Volk, dass die Torah trägt”
    (also Kombination aus Nation und Religion) die Sachlage akkurat beschreibt, danach die einen (Reformer in Deutschland) den nationalen Aspekt, die anderen (Haskalah in Osteuropa) den religiösen Aspekt verdrängt haben?

    “Mehr noch als der Juden den Schabat gehalten haben, hat der Schabat die Juden erhalten.” Sagte der “Ahad ha-Am”, der sich selbst von der gelebten Torah verabschiedet hatte. Und da wo man aufhört, den Schabat (und andere Mitzwoth) zu halten, ist vier Generationen später nur noch ein Bruchteil der Juden übrig. War im 19. Jhd in Deutschland so, ist jetzt in USA und UK auch so.
    Verhält sich in Israel naturgemäß anders, denn dort heiratet man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dann jüdisch, wenn man die Entscheidung dafür nicht explizit getroffen hat.

    Die Siebenbürger Sachsen etc leben in eigenen Ortschaften, wo sie kulturell dominant sind. Das ist mit der Lage der Juden in der Diaspora IMHO fundamental nicht vergleichbar.

    YM

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  11. Seit dem Holocaust ist es tatsächlich nicht vergleichbar.

    Ansonsten ist deine Argumentation nicht ganz schlüssig. Erstens, weil dieser Konsens nie so bestanden hat (man denke etwa an das jüdische Königreich der Hasmonäer). Und zweitens: Warum nur die jüdische Geschichte zurückspulen? Bis vor kurzem waren sich auch die meisten Deutschen einig, dass über sie Könige “von Gottes Gnade” herrschen. Sollen wir vielleicht auch dahin zurück, nur weil es mal so war?

    Assimilation erfolgt bei jeder Volksgruppe, die nicht ihrer Heimat lebt oder aus anderen Gründen von einer anderen Kultur überwältigt wird, s. die Sorben, die zusehends verschwinden. Das ist der natürlich Gang der Dinge. Was mit den über in den letzten zwei Millennia passiert ist, ist die Ausnahme, aber Ausnahmezustände können ja auch nicht ewig funktionieren, sondern werden sie zu psychopathologischen Zuständen.

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  12. @ Juna:

    Im Gegenteil. Es gab wirklich solche Fälle. Das war nur ein Beispiel für die Schwierigkeiten, die sich aus dem Thema ergeben. Ob das Juden oder Deutsche sind, ist zweitrangig. Jeder Nationalstaat ist darauf angewiesen, Kriterien festzulegen, nach denen zu beurteilen ist, wer zum staatstragenden Volk gehört (und ggf. Anspruch auf Einbürgerung hat) und wer nicht. Die Kriterien variieren natürlich, aber das Prinzip nicht, und auch in Deutschland gibt es solche gesetzlich festgelegten Kriterien, z. B. “Abstammung”, “Sprache”, “Erziehung”, “Kultur”. Und wie in Israel, so gibt es auch in Deutschland immer Fälle, die – vielleicht zu Unrecht – nicht so recht zu den Kriterien passen. Aber solche Probleme, solche Schwierigkeiten, hat man immer. In dieser Hinsicht ist Israel kein Einzelfall, und das ist eben der Punkt, den ich Yael veranschaulichen wollte.

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  13. Das primäre Problem liegt gar nicht bei den staatlichen Interessen Israels und einer möglichen bzw. nicht möglichen Einwanderung, sondern schlicht bei der Frage, wem eine Deutungszuheit bezüglich der Jüdischkeit von Menschen zusteht. Aufgrund der Bedeutung des Rabbanut(welches haredisch geprägt nur eine Minderheit repräsentiert und befriedigt) bewegt sich diese Problematik auch in politischen Sphären.

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  14. Ronny, ausgelöst hat den ganzen Aufruhr ein Gesetzentwurf, also haben wir hier notwendigerweise vor und nach allem mit dem Staat zu tun, um dessen Gesetzgebung es geht.

    Wie schon mal erklärt, kein Nationalstaat kommt umhin, Kriterien festzulegen. Man kann sich genauso gut auch darüber empören, dass Deutschland die einen und nicht die anderen Kriterien für die “Deutschkeit” von Menschen festgelegt hat. Wichtig ist nur, dass Deutschland keinem – ob im Ausland oder im Inland – verbietet, für sich die deutsche Volkszugehörigkeit zu beanspruchen. Der deutsche Staat sagt nur, was von ihm tatsächlich anerkannt wird und was nicht.

    Genauso verfährt auch Israel: Jeder Mensch auf der Welt, einschließlich Israels, darf von sich oder von einem anderen behaupten, er sei Jude. Den jüdischen Staat interessiert das alles nicht im Geringsten. Es geht nur darum, welche Fälle vom Staat auch anerkannt werden. Das tut der jüdische Staat wie andere Nationalstaaten auch; es ist auch seine Pflicht, das zu tun (und ich muss sagen, Israel ist auf diesem Gebiet im Vergleich mit anderen Staaten auch jetzt schon *sehr* liberal).

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  15. Die Empörung gilt nicht der Tatsache, dass ein Staat Richtlinien festlegt, sondern denjenigen, welche die entsprechende Kompeten zugesprochen kriegen. Und schließlich beschränken sich deren Entscheidungen nicht nur auf den Staat Israel, sondern sind ein entscheidender Beitrag zur allgemeinen Debatte darüber, wer als Jude anerkannt wird und wer nicht.

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  16. @Yoav:
    > man denke etwa an das jüdische Königreich der Hasmonäer

    Auswüchse, die auf der Abfallhalde der Geschichte gelandet sind, hat es natürlich immer gegeben. Die “Sadduzäer” haben ihre Identität auch mit dem damals existenten Staat verknüpft. Ihr Überleben als Gruppe hat es nicht gesichert.

    > Wollen die Deutschen zu Königen zurück, weil es so war?

    Ist das mein Problem?

    Der Punkt ist nicht, dass es so war. Der Punkt ist, dass es etwas geleistet hat, was kein Staat geleistet hat, nämlich eine Kontinuität von 100+ Generationen. Und warum? Weil dieses System das Übertragen der Identität an die nächste Generation zur allerobersten Priorität gemacht hat. Sicherung des Fortbestandes nicht durch Armeen und Waffen, sondern durch Erziehung, durch Herzen und Hirne, durch Familienband und Schulen.
    Ist sicherlich ungewöhnlich in der Geschichte. Aber das ist kein Beweis, dass es schlecht ist, im Gegenteil. Judentum hat angefangen mit Abraham haIvri.

    Selbstverständlich sollen wir einen Staat haben, aber wir müssen uns darüber klar sein, was er leisten kann und was nicht.

    > Assimilation ist der natürliche Gang der Dinge.

    Es sei denn, man arbeitet dagegen an.

    YM

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  17. Na endlich! Endlich ist mal wieder die Frage auf dem Tisch, “wer ist eigentlich Jude” und “wer befindet darüber”?

    Nicht etwa, dass mich dieser uralte und unauflösbare Streitpunkt gross stören würde! Was mich viel mehr stört, ist etwas ganz anderes, nämlich: es gab in Europa eine Zeit, da wurden Menschen per Dekret zu Juden gemacht, obwohl sie das wirklich weder waren, noch sein wollten! Und das mit den bekannten Konsequenzen.

    Heute gibt es Menschen, die gerne jüdisch sein wollen, es aber nicht sein dürfen/können (und das, obwohl sie ein Zertifikat haben!), da bestimmte Spezifikationskriterien, aufgestellt von irgendwelchen jüdisch-orthodoxen Bonzen, angeblich nicht so richtig erfüllt sind (war ja ‘nur’ ein konservativer oder Reformrabbiner, der die Prozedur durchgeführt hat). Und die konservative/reformierte Funktionärsseite hört dem Ganzen gelassen zu, sieht das natürlich alles völlig anders, verurteilt das Treiben gar als ‘unjüdisch’, hat aber andererseits keinen Mumm, den orthodoxen Funktionären gegenüber mal so richtig aufzumucken!

    Alles sehr, sehr peinlich und auch grotesk! Irgendwie eine Pointe mit hohem Unterhaltungswert, wenn’s nicht so absurd wäre! Oh ja, liebe Grossmutter, Du hattest ja sooo recht als Du mir wiederholt sagtest, “vergiss nicht, wir Juden sind feige”! 🙂

    Shalom!

    Miles

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  18. es heisst immer wieder, dass die Rabbanut Reform-Übertritte nicht anerkennt. Stimmt. Was man aber viel seltener hört, was aber auch der Fall ist: die Rabbanut erkennt auch ORTHODOXE Übertritte nicht an, wenn ihnen das Beit Din nicht passt!!! Das ist meines Erachtens fast noch schlimmer. Denn damit erzwingen sie sich und damit Israel die Hoheitsfunktion über Statusfragen. Und eben genau das ist im Judentum nicht vorgesehen! Es gibt weder Vatikan noch Papst. Und jetzt spielen sich gewisse Kreise mehr und mehr als genau das auf.

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  19. “Es gibt weder Vatikan noch Papst.”

    Natürlich gibt es das alles im Judentum! Ganz offensichtlich ist das Oberrabbinat in Jerusalem ‘der Vatikan’ und die Oberrabbiner dort ‘sind unsere Päpste’! 🙂

    Shalom!

    Miles

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  20. @ Yoav:

    Natürlich kommt kein Staat darum hin kriterien festzulegen. Israel ist jedoch ein jüdischer Staat und die realität des jüdischen Volkes ist im moment nun mal so, dass es Juden in Israel und Juden in der diasporah gibt. Es ist logisch, dass Fragen wie zum Beispiel der wer ist jude das gesamte jüdische volk betreffen.

    Das ist nicht die selbe kategorie von Fragen wie zum Beispiel die räumung der städte bei gaza und der rückzug, wie viele juden in der diasporah schon fast fanatisch dafür oder dagegen waren, aber ohne bereit zu sein weder die städte bei gaza zu verteitigen, noch später dann sich in sderot die raketen auf den kopf hageln zu lassen, sondern sich lieber in der diasporah gemütlich zu machen.

    das sind zwei absolut unterschiedliche kategorien von fragen.

    jakobo

    PS.: der begriff “religion” ist doch schoon von vorne herein sehr auf das christentum bezogen, oder nicht?

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