Einfluß in welcher Menge?

Also ist das Israelische Oberrabbinat doch so etwas, wie der Vatikan für die katholische Bevölkerung? Wenn in Madrid eine Statusfrage geklärt werden soll, dann wird das nicht vor Ort erledigt, sondern, wie vor einiger Zeit die Jerusalem Post berichtete, in Jeruschalajim. Bei dieser unrühmlichen Geschichte ging es um die Bestattung eines kleinen Jungen auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde Madrid. Da der Junge mit seiner Mutter vor einem konservativen Bejt Din übertraten, war der dortige Rabbiner Mosche Ben Dahan sich nicht sicher, was zu tun war und rief das Rabbinat des Staates Israel an. Von dort aus wurde entschieden, der Junge dürfe nicht auf dem Friedhof beigesetzt werden, sondern ein eigenes, separiertes Grab bekommen. Wie Rabbiner Andrew Sacks berichtet, schob anschließend ein Rabbiner die Schuld auf den anderen und nahm es dabei mit der Wahrheit wohl nicht so ganz genau.
Soweit Madrid. Wie sieht es hier aus? Ähnlich? Wie es heißt, wurde der Bejt Din Deutschland der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Zusammenarbeit mit dem israelischen Oberrabbinat aufgebaut (siehe hier). Von drei Dajanim, würden zwei vom Oberrabbinat gestellt werden. Zur Amtseinführung des Rabbiners von Köln reiste der aschkenasische Oberrabbiner Metzger an (siehe hier), um sich vor Ort zu überzeugen. Erhält das israelische Oberrabbinat also doch langsam den Status einer obersten rabbinischen Instanz?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

59 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Denn die Entfremdung vom Judentum ist in Israel genau fortgeschritten wie anderswo.” – jaja, die Juden sollten sich an ihre alten Gesetze halten, die Deutschen an den Sachsenspiegel, die Italiener sollten die Maßstäbe des römischen Rechts wiederbeleben… Ich sehe tatsächlich kein Problem darin, dass Juden etwa den Shabbat auf ganz unterschiedliche Art und Weise begehen und dass die allermeisten das anders machen als etwa du. Wer ist hier also wirklich entfremdet?

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  2. @Yoav:
    Dein Vergleich hinkt. Die sinaitischen Gesetze und die rabbinischen Auslegungen sind eben nicht “alt”, im Sinne von von “veraltet”, wie Du es offensichtlich interpretierst.
    Ich weiss, wie es in IL zugeht. Ich habe selber ausreichend Mischpoche da. Ich habe kein Problem damit, wenn andere den Schabbath “anders” begehen. Sei mal ehrlich: De facto begehen sie ihn gar nicht. Sie machen was sie wollen, sie haben nicht bloss eine andere Auffassung von dem, was G-tt von ihnen verlangt. Sie erklären G-tt für irrelevant oder nichtexistent. Jedenfalls sind sie kaum bereit, ihren Willen einer höheren Macht unterzuordnen. Auf dieser Basis kann man vielleicht einen Samstag begehen, aber gewiss keinen Schabbath!

    YM

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  3. “Sie erklären G-tt für irrelevant oder nichtexistent.”

    – Erstens liegst du hier empirisch falsch. Umfragen ergeben, dass nur ca. 10-15% der Juden in Israel sich als ungläubig definieren. Das ist eine kleine Minderheit. Sprich: Nicht Gott “erklärt” die Mehrheit für irrelevant, sondern den Schulchan Aruch, um es mal zügig auf den Punkt zu bringen.

    Zweitens gibt es hier keine Erklärung. Eine Regierung kann etwas erklären, einfache Menschen leben einfach. Der Schulchan Aruch wurde nie für irrelevant erklärt, weil es keiner solchen Erklärung bedarf. Der Schulchan Aruch *ist* für das Judentum weitgehend irrelevant, auch wenn jüdische Minderheitsgruppen mangels Einflussmöglichkeiten das Gegenteil davon *erklären* (Erklärungen sind schwächer als die Wirklichkeit).

    “Jedenfalls sind sie kaum bereit, ihren Willen einer höheren Macht unterzuordnen.” – Na und? Sogar ein kurzer Blick in jedes Schullehrbuch zur jüdischen Geschichte der Neuzeit hätte dir verraten, dass das Judentum sich seit langem nicht mehr nur aus Theisten und theistischen Positionen zusammensetzt.

    Ich bin mir aber absolut sicher, dass du dir völlig bewusst bist, dass du gerade das voraussetzt, was du erst nachweisen willst, indem du den Schabbat von vornherein genau nach deinen eigenen Grundvorstellungen davon definierst und die jüdische Praxis des Großteils des Judentums, der deine Grundprämissen nicht teilt, schlichtweg als “kein Schabbat” abtust.

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  4. @Yoav:
    Aber wo kommt das Konzept “Schabbath halten” her? Von hier:
    ????? ???-?????, ??-????, ????? ??-???? ???????, ???? ????. ????, ???? ??? ?????–??? ???, ?????: ??-??? ????, ??? ???? ??-?????? ???-????, ????? ??????, ??? ??????
    (Schmoth 31:16-17)
    Offensichtlich macht der Begriff “Schabbath” ohne “Theismus” überhaupt keinen Sinn.

    Es kommt drauf an, wie man “Glauben” definiert. Ein “Glaube”, der sich nicht im Handeln ausdrückt, ist IMHO bestenfalls ein Lippenbekenntnis. Auf dieser Prämisse basiert nebenbei ganz offensichtlich die Torah. Und ich behaupte hier nicht, dass man unbedingt dem Schulchan Aruch folgen müßte, um einem Glauben an G-tt Ausdruck zu verleihen. Aber nicht jede Art, einen Glauben an G-tt auszudrücken, ist eine jüdische Art. Sonst wären ja alle praktizierenden Christen und Moslems Juden, nicht wahr? Denn das Judentum definiert sich aus Texten, und nicht aus dem Handeln der Mehrheit der Nachfahren der (mythischen?) Figur Jakob.

    Nebenbei gesagt haben viele Israelis ja heutzutage auch von modernerer jüdischer Geschichte keinen blassen Dunst. Viele wissen ja anscheinend nicht mal Basics über Herzl.

    So oder so: Ausgangspunkt war YCukiermans Bemerkung über Kiruw. Und der Ausdruck bezieht sich nun mal darauf, Juden an orthodoxes Judentum heranzuführen. Ich habe bloss darauf hingewiesen, dass Kiruw nicht nur in USA stattfindet, sondern auch in Israel. Insofern verstehe ich nicht, worauf Du hinausmöchtest.

    YM

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  5. P. S. @Yoav:
    Allgemein scheint mir, Du solltest die Begriffe “Judentum” und “Judenheit” in Deiner Argumentation klarer trennen.

    Mehrheitsverhältnisse beeindrucken mich wenig. Als Kenner der jüdischen Quellen ist Dir sicher klar, dass
    1. das Judentum mit einem Mann (Abraham) gegen den Rest der Welt angefangen hat,
    2. das jüdische Volk das “kleinste” (Dewarim 7:7) aller Völker ist,
    3. es oft nur eine Minderheit innerhalb der Minderheit war, die die jüdische Fahne hochgehalten hat; aber der verdanken wir unseren Fortbestand als Juden.

    YM

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  6. “3. es oft nur eine Minderheit innerhalb der Minderheit war, die die jüdische Fahne hochgehalten hat; aber der verdanken wir unseren Fortbestand als Juden”

    Bei in der Regel häufig zustimmendem virtuellen Kopfnicken meinerseits mit Deinen Postings befällt mich bei Punkt 3 jedoch ein wenig das Gruseln. Ist dieser Rückschluss nicht bezweifelnswert? Die jüdische Geschichte läßt sich doch historisch nicht so versimplifizieren… Ich habe immer den Eindruck, unsere Rabbonim durch die Jahrhunderte hatten zwar einerseits einen festen Willen zum Festhalten an Überliefertem, aber andererseits wesentlich mehr Größe und Willen, sich mit anderen Meinungen konstruktiv auseinanderzusetzen als es heute.
    Wer hält die Fahne hoch? Was muß man tun um sie hochzuhalten? Den ganzen Tag in der Yeshiva sitzen, oder nur den halben und ansonsten arbeiten, zur Armee gehen oder nicht… vermutlich gibt es hier, wie bei allem , sehr vielen verschiedene Ansichten.
    Bei allem Beharren auf halachischen Grundlagen stellt sich dennoch die Frage, wie inklusiv will man sein? Kann man sein? Oder will man sich lieber abgrenzen, weil dies vermutlich leichter geht, denn es erspart Auseinandersetzungen und Kompromisse? Und wo ist die Grenze des Abgrenzens? Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Selbst innerhalb der Orthodoxie streiten wir uns mehr als daß wir uns vertragen… wo führt uns das hin?

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  7. @Matronit:
    Ich wollte hier in der Tat nicht den Umkehrschluss verkaufen: “Wer in der Minderheit ist, hat automatisch recht”.

    Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass das observante Lager in etlichen Fragen verschiedene legitime Antworten gefunden hat, im Gegenteil. Man lese einfach mal, was R. Hirsch in seinem von Chajm dankenswerter eingestellten Kommentar zum aktuellen Abschnitt “Wajechi” im Kontext von Jakobs Segen seiner Söhne über das Konzept von Vielfalt schreibt:

    Vielmehr, wie wir dies bereits oben zur Stelle angedeutet, ist mit dem K’hal Gojim, hier K’hal Amim, die durchaus für dieses Volk charakterisitische Bestimmung gegeben, dass es innerhalb seiner vollkommenen, durch die Gemeinsamkeit der einen geistigen und sittlichen Aufgabe gegebenen Einheit, eine Mannigfaltigkeit verschieden gearteter Stämme umschliessen soll. Es soll das Ackerbau- wie das Handelsvolk, das Kriegervolk wie das Volk der Wissenschaft usw. und somit als Mustervolk die Wahrheit faktisch darstellen, dass der eine gemeinsame Menschen- und Völkerberuf, wie ihn das Gottesgesetz offenbart, durch seine besondere Art des Berufs und der Anlage bedingt ist, sondern die Gesamtmenscheit in allen Nüancen ihrer Mannigfaltigkeit in ganz gleicher Weise ihren Beruf in der einen, allen gemeinsamen geistigen und sittlichen Lebensaufgabe finde….” (zu Gen. 48:3f.)

    Als ich oben (3.) formulierte, dachte ich eher an Chanukkah, an “Mi Haschem Elai”, an Mordechai, …

    Jetzt klarer?

    YM

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  8. Ich wiederhole: Die Daten werden unterschiedlich erhoben und sind, auch wenn viele diesen Fehler machen, nicht addierbar. Im Ausland erfolgt das inklusiv: Nicht nur Mitglieder religiöser (oder gar orthodoxer) Gemeinden, sondern alle, die sich als Juden identifizieren und/oder aus Sicht der Sochnut rückkehrberechtigt sind, auch wenn sie sich kaum bis gar nicht als Juden identifizieren (im Ggs. zu jüdischer Abstammung; in den USA z. B. kann es keineswegs so viel Juden geben wie noch angenommen wird). Darum sind die Daten fürs Ausland überproportioniert. Im Inland hingegen werden die Daten exklusiv berechnet: Nur diejenigen, die aus Sicht der orthodoxen Religion als Juden zählen. Wer also im Ausland noch Teil der jüdischen Demographie war, wird ausgerechnet nach seiner Aliyah davon ausgeschlossen, was ich völlig absurd finde.

    Der einzige Weg, eine inklusive Zahl der Juden in Israel zu berechnen, ist, die Fremden abzuziehen:
    Gesamtbevölkerung (Bürger+Niedergelassene) Dez. 2009: 7,5 Mill.
    Davon Araber (Bürger+Niedergelassene): 1,5 Mill. (aufgerundet)
    Da ca. 99% der Niedergelassenen ’67-Araber in Jerusalem und auf dem Golan sind (die anderen sind ein paar Tausend nichtjüdische Deutsche, Amerikaner etc., die seit langem als Zuwanderer in Israel leben und arbeiten), bilden wiederum ca. 99% der restlichen Bevölkerung das jüdische Kollektiv.

    Und wie schon mal gesagt: Selbst bei einem Verhältnis von 40%-60% kann es kein Gleichgewicht geben zwischen dem In- und Ausland. Als es 20% zu 80% waren, schon, aber das ist längst vorbei.

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