Chanukkah – Lichterfest mit Schatten

Jüdisches Lichterfest – mit Schatten nannte der WDR einen Beitrag zu Chanukkah. Darin geht es weniger um das Fest selber, als vielmehr um die auflodernden Konflikte in den Gemeinden in Nordrhein-Westfalen (hier). Allerdings wirft der Artikel einiges durcheinander. So heißt es etwa

Ultra-Orthodoxe kamen ins Land, die eine strenge Form des Judentums propagieren, vereinzelt auch messianische Juden, die Jesus als den Messias verstehen. Den größten Zulauf aber hatten die progressiven Juden, wie sie sich selber nennen

Bisher ist mir noch kein einziger ultra-orthodoxes Gemeindemitglied begegnet, welches mit dieser Einstellung nach Deutschland gekommen ist (vielleicht mag es eine Ausnahme geben, mir ist sie nicht begegnet). Auch kamen wahrscheinlich kaum messianische und noch weniger progressive ins Land. Dieser Markt entstand erst in Deutschland unter der Aufbruchsstimmung. Jedenfalls liefert der Artikel ein kleines Stimmungsbild von dem, was in Nordrhein-Westfalen derzeit passiert, auch wenn nicht alle Aspekte vollkommen richtig oder ausführlich ausgeleuchtet wurden. Wenn man den Hinweis der sinkenden Mitgliederzahlen ernst nimmt, dann könnte man den Eindruck gewinnen, nach dem Höhenflug hat nun eine lange Talfahrt begonnen. Um dies zu stoppen, gilt, was ich im Artikel über die sinkenden Mitgliederzahlen schrieb:

Für die jüngere Generation, die jüdisches Leben draußen kennt, oder sich im Internet über die Aktivitäten nahezu jeder Gemeinde überall auf der Welt informieren kann, führt das zu Problemen, wenn man auf stark formalisierte Gemeinden im eigenen Land trifft und zunächst nicht das findet, was man zu finden erhofft hatte. Jüdinnen und Juden, die bereit sind sich zu organisieren, werden das tun gerade über das Internet. Die Gemeinden müssten genau diese Menschen an sich binden und für sich gewinnen. Die entscheidende Frage ist also: Werden sie das tun?

Viele personelle Ressourcen werden gebunden um an Gelder zu gelangen, dabei kann viel Arbeit durch persönlichen Einsatz schon getan werden. Das geht in kleinen Strukturen natürlich einfacher, als in großen und vielleicht werden sich zunächst einmal diese kleinen entwickeln.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Man kann es auch anders herum sehen: Wenn die young Proefessionals das Geld an eine Einrichtung geben, von der sie denken, dass sie vernünftig mit ihrem Geld umgeht und sie den Sinn verstehen, haben sie sicher auch weniger Probleme, etwas zu bezahlen.
    Die Beiträge für die Gemeinden in den USA liegen teilweise über dem, was Personen hier an Kultussteuer bezahlen müssen.
    Wenn es hier vierstellig wird, aber die Gemeinde ungefähr plus minus nichts für die zahlende Person bietet, dann wird die Person sich schon genau überlegen, ob sie nicht eine bessere Idee für das Geld hat…

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  2. Nun, von außen betrachtet glaube ich, dass in Städten jenseits Berlins, Frankfurts und Münchens es auf Dauer die nicht gemeindlich organisierten Strukturen sein werden, die Bestand haben werden.
    Auch ohne Landesgelder. Oder dann später mit Landesgeldern statt der ZR-Gemeinden.

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  3. @SG:
    Ich teile Deine Vermutung – die ja auch J. Schoeps im hier zuvor diskutierten Artikel erwähnten Artikel ähnlich geäußert hat.

    Wollte nur mal darauf hinweisen, dass es historisch nicht nur die größeren Städte sind, die Hochburgen des Judentums waren sind. Angefangen mit Jawne. Heute haben kleine Städte wie Lakewood, Monsey und Gateshead sehr starke Gemeinden. Angefangen haben sie alle mit einer Stätte jüdischen Lehrens und Lernens im Niemandsland.

    Man kann über das Internet Kontakte pflegen und Projekte organisieren. Aber jüdisches Leben erfordert direkten, phyischen Zugang zu jüdischer Infrastruktur. So mancher wird also über einen Umzug an einen Ort, wo diese vorhanden – oder neu aufzubauen – ist, nachzudenken haben.

    Ich muss sagen, ich finde die Aussage von Herrn Kramer, dass die öffentlichen Gelder “Gift” seien, das “Zwietracht und Streit” versache, höchst bemerkenswert. Ich fage mich, welche Folgen aus dieser Einsicht erwachsen werden…

    Lichtige Grüße

    YM

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  4. @Yankel Moishe

    Ich muss sagen, ich finde die Aussage von Herrn Kramer, dass die öffentlichen Gelder Gift seien, das Zwietracht und Streit versache, höchst bemerkenswert. Ich fage mich, welche Folgen aus dieser Einsicht erwachsen werden

    Er liest also hier mit 😉
    Und: Ja. Natürlich ist die Größe einer Stadt nicht der Faktor für die Vitalität des gelebten Judentums. Idealerweise würde die Größe natürlich verschiedene Prozesse begünstigen. Besser wäre es also, meinst Du, wenn aktive (ganz gleich welcher Strömung) auch auf Dauer räumlich zusammenfinden? (Ich spreche mit Absicht nicht von Auswandern oder ähnlichen Schritten)

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  5. “Besser wäre es also, meinst Du, wenn aktive (ganz gleich welcher Strömung) auch auf Dauer räumlich zusammenfinden? (Ich spreche mit Absicht nicht von Auswandern oder ähnlichen Schritten)”

    Wichtig wäre nicht nur, sich “räumlich zusammen zu finden”, sondern wichtig ist auch, dann für eine Infrastruktur zu sorgen, die sich halten kann. Ich war unlängst in einer kleineren frommen Kehille im Ausland, die wegen Überalterung händeringend nach “Frischblut” sucht. Junge Familien sollen angeworben werden. Vor einigen Jahren noch undenkbar, die Kehille war Zuzügen gegenüber reserviert.
    Das Problem ist entstanden, weil nicht dafür gesorgt wurde, wie es nach dem mittleren Schulabschluß bzw. der Jugendyeshiva weitergeht. Die Jugendlichen werden alle ins Ausland geschickt, entweder ans Seminary oder an eine Yeshiva. Dort bleiben sie dann allermeistens, denn dort gibt es noch eine gute Alterspyramide und damit auch eine weitere gute Infrastruktur… Sollte jemals dann jene dortige Yeshiva unattraktiv werden, wird die Jugend wieder fortgeschickt. In einer Generation kann so eine ganze Gemeinde zum Erliegen kommen. Und so weiter und so fort und wenn sie nicht gestorben sind –

    lichtige Chanukka!

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  6. Besser wäre es also, meinst Du, wenn aktive (ganz gleich welcher Strömung) auch auf Dauer räumlich zusammenfinden? (Ich spreche mit Absicht nicht von Auswandern oder ähnlichen Schritten)

    Genau das meine ich. Dieser Trend ist ja auch anderswo beobachtbar. “Mittlere” Gemeinden in UK (wie Birmingham, Leeds, …) schrumpfen, London, Manchester, Gateshead wachsen. Nicht nur auf natürlichem Wege, sondern auch durch Wanderung. In Borehamwood (London) wird gerade ein Stadtteil neu “judaisiert”, weil die “angestammten” ziemlich teuer sind.

    Infrastruktur ist teuer, aber unverzichtbar. Und wenn sich mehr daran beteiligen, wird es für den einzelnen günstiger. Es macht also auch ökonomisch zu einem gewissen Grad Sinn, zusammenzuwohnen.

    YM

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