Kurze Zwischenfrage zu Wallraff

Über das Magazin der ZEIT erwischte mich der Hype zuerst. Man konnte nachlesen, was es an alltäglichem Rassismus zu erleben gibt, wenn man nicht die Hautfarbe der meisten anderen hat. Nicht dass es überraschen würde, fassungslos macht es dennoch, wenn jemand diese Dinge festhält.
Zur Vorgehensweise: Günther Wallraff machte sich einen Namen durch verdeckte Recherche, so deckte er die miesen Arbeits- und Hygienverhältnisse eines Backwarenzulieferers auf, indem er sich als Arbeiter dort verdingte – undercover also. Jetzt hat er sich für einen Film über den Rassismus in Deutschland schwarz anmalen lassen und geht so als falscher Schwarzer durch das Land. Da drängt sich jedoch eine Frage auf: Traut Wallraff es einem schwarzen Journalisten nicht zu, diese Arbeit zu machen? Wäre es nicht einfacher gewesen, einen schwarzen Journalisten bei dieser Arbeit zu begleiten, als eine solche Maskerade durchzuführen? Soll man herauslesen, dass Wallraff meint, er könne das Handwerk besser, als ein Journalist, der zufällig die richtige Hautfarbe für eine solche Reportage hat?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Soll man herauslesen, dass Wallraff meint, er könne das Handwerk besser, als ein Journalist, der zufällig die richtige Hautfarbe für eine solche Reportage hat?“

    Das regt mich wesentlich weniger auf als die Resultate seiner Reportage, zumal er dieses Prinzip schon immer angewendet hat.
    Vielleicht ist es auch einfach anders, die Dinge am eigenen Leib zu erfahren?

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  2. Wenn Herr Wallraff eine verdeckte Recherche macht, so hat das aufgrund seiner Bekanntheit einen höheren Stellenwert und erreicht ein größeres Publikum als von jemand Unbekannten durchgeführt. Durch seine engagierten Reportagen hat er einen gewissen Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein. Vergeblich ist deshalb seine Arbeit nicht.

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  3. Die Resultate? Es gibt ausreichend viele andere Stimmen und Beobachter, die Rassismus latent und tatsächlich erlebt haben und auch manifeste Zeugnisse dessen, dass es unter Umständen sogar zu Gewalt kommen kann. Dann kommt plötzlich jemand her und eröffnet uns, es gäbe Rassismus?
    Nachdem Wallraff immer wieder in die Haut von Menschen geschlüpft ist, die keine Möglichkeiten hatten, sich zu artikulieren – sei es aus intellektuellen Gründen oder weil es zu gefährlich war, oder weil die Personen keine Lobby hatten. Wer hört schon einer Aushilfe zu, die aus der Brötchenfabrik berichtet? Das stellt ja auch niemand in Frage. Vielleicht hätte Wallraff, so meine ich, seine Bekanntheit auch dazu nutzen können, einen Journalisten oder Protagonisten ins Rennen schicken können, der tatsächlich schwarz ist, oder viele Stimmen dazu sammeln können. Nicht diese Maskerade. Der Trailer zum Film zeigt übrigens ausschließlich Wallraff und die Schminkaktion.

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  4. Wäre es nicht investigativer Journalismus dementsprechend betroffene Menschen zu suchen und zu interviewen?
    Was spricht eigentlich dagegen, diesen Menschen Gelegenheit zu geben sich persönlich zu erklären, was ihnen tagtäglich begegnet?
    Männer und Frauen zu befragen die die deutsche Staatsbürgerschaft bereits kurz oder schon eine lange Zeit haben – aber auch Menschen, die hier Asyl beantragt haben oder bereits erhielten.

    Könnte man also nicht auch unterstellen, dass Herr Wallraff nur auf Aktionismus aus ist und ihn vielleicht die Meinung der Betroffenen entweder schlicht weg nicht interessiert oder er es gar nicht erst in Erwägung zieht diese ernst zu nehmen?

    Ich verstehe die Maskerade Herrn Wallraff’s nicht.
    Dieses Thema ist doch nicht geeignet es anzugehen, wie in einer Realityshow auf einem der privaten Spaß-TV-Sender.
    Zum Nachdenken hat mich auch Zettels Artikel gebracht: „Wallraff der Lügner, zum zweiten“
    http://zettelsraum.blogspot.com/2009/10/zettels-meckerecke-wallraff-der-lugner.html

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  5. Ich dachte, Achtung vor der Würde des Alters wäre eine Mitzveh?
    Herr Wallraff is a alter Knacker jenseits des Pensionsalters. Aber er ist halt selbständig freischaffend. Gönnen wir ihm doch sein Alterszubrot, wenn er Blöde findet, die die Zeitungen mit den Artikeln und das neue Buch kaufen. Wir müssen ja nicht dazu gehören!

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  6. Apropros investigativer Enthüllungsjournalismus: passender wäre es gewesen, er wäre mal undercover in ein ganz normales Altenpflegeheim gegangen. Das hätte dann ohne falschen Sensationsnimbus wirklich sehr aufklärend sein können. Aber hätte natürlich nicht soviel hergemacht wie den „schwarzen Mann“ zu geben. Wie war das noch im Struwelpeter mit dem Tintenfass ?

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  7. Ich stimme Chajm in seiner Kritik zu, obwohl ich mir über die Motive Herrn Wallraffs wirklich nicht im klaren bin. Ich finde es allerdings wirklich problematisch, dass erst ein „Weißer“ daher kommen muss, um anderen Weißen zu erklären, dass es Rassismus in diesem Land gibt. Ich habe vorhin ein Interview mit Noah Sow gelesen, das den Nagel auf den Kopf trifft.

    Frau Sows Buch „Deutschland Schwarz Weiss“ ist übrigens um ein vielfaches authentischer, fachkundiger und glaubwürdiger als alles was ein verkleideter Weißer jemals über die Erfahrungen als schwarzer Mensch produzieren könnte. Es stimmt einfach nicht (mehr?), dass es die Prominenz eines Wallraff braucht, um diesen Menschen eine Stimme zu geben. Sie existiert bereits vielfach, wird nur nicht ernst genommen.

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  8. Der Unterschied ist, dass Baron Cohens Figuren satirisch angelegt sind und die Plots keine Undercover Aktionen. Da agieren Menschen bewusst vor einer Kamera und hier wird Fiktion mit dokumentarischem Material gemischt. Er arbeitet ja damit, dass wir schon ahnen, dass gewisse Menschen Rassisten sind oder Vorturteile haben und deshalb geht er dort hin. Cohen behauptet später auch nicht, er habe gezeigt oder bewiesen, dass irgendwo Rassismus oder Antisemitismus existiert. Diese Art der Unterhaltung läuft auf einer vollkommen anderen Ebene.

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  9. Der Unterschied zwischen Baron Cohen und Walraff ist, dass Baron Cohen den Rassismus gegenüber Dritten offenlegt. Dagegen lenkt Walraff den Rassismus auf sich selbst, bzw. seine Kunstfigur. Beide Aktionen werden Undercover ausgeführt, beide verkleiden sich, beobachten und natürlich agieren auch beide bewusst vor der Kamera und vermischen das Ganze mit dokumentarischem Material. Auch wenn es einem bei Borat nicht immer bewusst wird, da der Fokus vor allem auf Unterhaltung liegt.

    Was Baron Cohen später behauptet ist egal, der Schnitt sagt alles. Schau dir mal Brüno an, da muss nix mehr gesagt werden.

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