Der letzte Antisemit

wird wahrscheinlich niemals geboren werden, sagt ein ein alter, ehemaliger Knesset-Abgeordneter, in der Kurzgeschichte Graben von Amos Oz, die in deutscher Sprache unter dem Titel Geschichten aus Tel Ilan, aber im Hebräischen ?????? ???? ???? also etwa Bilder aus dem Dorfleben heißt und damit schon eine Art Statik in der Zusammensetzung dieser Aufnahmen voraus nimmt. Im Rahmen der Ruhrtriennale las Oz selber aus seinem Werk, er zunächst in hebräischer Sprache und ein genialer Samuel Weiss dann in der deutschen Übersetzung. Leider nicht 1:1, sondern Oz riss immer nur ein Kapitel an und Weiss las dann einen ausführlichen Teil vor. Für einige im Publikum war es offenbar zuviel, wie eine Dame hinter mir sagte. Bemerkenswert wenige junge Leute hatten sich eingefunden, um den großen israelischen Schriftsteller zu hören. Juden noch weniger – orthodoxe Diasporagemeinden feierten ohnehin noch Simchat Torah, aber jüdische Feiertage trafen mit vielen Ruhrtriennaleveranstaltungen zusammen, die für jüdisches Publikum interessant gewesen sein könnten (vgl. Der Jüdischen Kultur begegnen).
Bei der anschließenden Diskussion bat der Autor wohlweislich darum, in erster Linie Fragen zum literarischen Werk zu stellen und nicht den Nahostkonflikt in den Mittelpunkt zu stellen, freute sich über den Nobelpreis für Obama, hielt den Zeitpunkt aber für verfrüht. Er sprach auch kurz über Europa und dass Juden Europa schon immer geliebt hätten, aber Europa den ersten richtigen Europäern (den Juden) zu viel angetan hätte und es somit nicht unbedingt eine erwiderte Liebe war oder ist.
Das Publikum hielt sich dann auch brav an die Anweisung und frug nicht die Fragen die man stets hört, wenn ein Israeli (oder auch nur ein Jude) irgendwo Rede und Antwort steht.

Eine der Geschichten aus Geschichten aus Tel Ilan ist im New Yorker erschienen. Die findet man hier.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Baleblog: “Das Publikum hielt sich dann auch brav an die Anweisung und frug nicht die Fragen die man stets hört,”
    Wobei wahrscheinlich gerade Amos Oz ein paar Antworten parat hätte, die nicht dem sonstigen “hiesigen” jüdischen Mainstream entsprechen.
    Aber was ganz anderes, Du warst ja anscheinend da:
    ist es nicht absolut bizzar in dieser riesigen “Jahrhundert” – Halle eine Lesung zu halten? Ich empfand das schon vorab als grundsätzliche Idee des Veranstalters als ziemlich daneben.

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  2. Die Frage ist, ob alle Leute in gleicher Weise mit Differenzierungen und differenzierten Meinungen umgehen können und ob sie das wirklich hören wollen. Diese Diskussionen sind recht undankbar.

    Aus der Halle hatte man einen Teil herausgelöst, so dass eine Teilhalle übrig war und dies passte dann.

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  3. Tja, leider tritt bei differenzierteren Meinungen hier schnell der Langer Effekt ein. Man liebt es, zu kritisieren, um von der eigenen Schuld abzulenken. Wenig fruchtbar. Da war die Ansage von Oz wohl angebracht, damit er mit seiner differenzierten Meinung nicht in das falsche Lager gerückt wird, oder sich die falschen Leute seine Meinung auf die Fahne schreiben. Schade, denn eigentlich geht er ja sehr weit über einen reinen Zionismus als Selbstzweck hinaus und vertritt damit eigentlich eine Meinung die Zukunft haben sollte.

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