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Videosynagogenführung

Es gibt nicht sehr viele Videos in deutscher Sprache, die durch eine Synagoge führen. Schätzungsweise an Nichtjuden richtet sich ein Video, dass die Synagoge Wuppertal zeigt, bzw. eine Reihe von Videos. Auch wenn das Einbetten deaktiviert wurde, hier der Verweis darauf: Teil 1, Teil 2, Teil 3 (hier wird über die Einheitsgemeinde gesprochen), Teil 4 (Frauen im Judentum).

Kleiner Zusatzinformation: Das Zitat auf der Synagoge stammt nicht aus der Torah, sondern von Jeschajahu…

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Siddurrezension

Jüdisches Gebetbuch - HaKol
Heute erschien in der Jüdischen Allgemeinen meine Rezension des neuen liberalen Gebetbuches (hier online lesbar). Als ich den Artikel verfasste, sprach ich mit einigen Personen, die das neue Layout mochten und nur zwischen den Zeilen sagten, sie mögen zwar die Idee hinter der Transliteration, aber ihre Positionierung nicht. Sie würde sich praktisch aufdrängen.
Vorletzten Schabbat dann, entschloss die liberale Gruppe zu der ich gehe, den Siddur nicht zu verwenden und statt dessen den eigenen weiter zu verwenden. Dieser wurde dann recht schnell (durch mich) erneuert und liegt nun auch in Buchform vor. Informationen dazu gibt es hier.
Gespannt bin ich nun zu beobachten, welche Gemeinden und Gruppen zu welchem Siddur greifen…

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Broder visiert den Zentralrat an

Henryk M. Broder hat den Zentralrat im Visier und erklärt im Tagesspiegel, warum er sich gerne zum Vorsitzenden wählen lassen würde. Was etwas seltsam anmutet, nachdem er dessen Arbeit bzw. die des Generalsekretärs des Zentralrats sorgfältig auseinander nimmt. Offenbar geht Broder davon aus, der Zentralrat bestehe nur aus zwei Personen, Frau Knobloch und dem Generalsekretär Kramer:

Die offizielle Vertretung der Juden in Deutschland befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Präsidentin intern Tante Charly genannt scheint von dem Job überfordert. Wer die Pressemitteilungen liest, die von ihrem Büro herausgegeben werden, erfährt, dass ein Besuch bei der Frau des Bundespräsidenten zu den wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens gehört. von hier

und

Was der Zentralrat tut oder unterlässt, das entscheidet dessen Generalsekretär, der die schwindende Bedeutung der Organisation durch taktische Allianzen und sinnfreien Aktionismus auszugleichen versucht. von hier

Insgesamt ist es eher Broders Abrechnung mit dem Zentralrat, als ein konstruktiver Beitrag dazu, wie dessen Arbeit in Zukunft aussehen sollte. Welche Prioritäten er in seiner Arbeit setzen sollte, was überhaupt dessen Funktion sein kann in einer Umgebung und Gemeinderealität, die um einiges flexibler geworden ist. Er vertritt nicht mehr alle Gemeinden, geschweige denn alle Juden des Landes. Immer mehr Gruppen finden sich locker zusammen um gemeinsame Interessen zu teilen – das hat nicht einmal etwas mit einem Konflikt zwischen Orthodoxie und liberalem Judentum zu tun.

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Kurze Zwischenfrage zu Wallraff

Über das Magazin der ZEIT erwischte mich der Hype zuerst. Man konnte nachlesen, was es an alltäglichem Rassismus zu erleben gibt, wenn man nicht die Hautfarbe der meisten anderen hat. Nicht dass es überraschen würde, fassungslos macht es dennoch, wenn jemand diese Dinge festhält.
Zur Vorgehensweise: Günther Wallraff machte sich einen Namen durch verdeckte Recherche, so deckte er die miesen Arbeits- und Hygienverhältnisse eines Backwarenzulieferers auf, indem er sich als Arbeiter dort verdingte – undercover also. Jetzt hat er sich für einen Film über den Rassismus in Deutschland schwarz anmalen lassen und geht so als falscher Schwarzer durch das Land. Da drängt sich jedoch eine Frage auf: Traut Wallraff es einem schwarzen Journalisten nicht zu, diese Arbeit zu machen? Wäre es nicht einfacher gewesen, einen schwarzen Journalisten bei dieser Arbeit zu begleiten, als eine solche Maskerade durchzuführen? Soll man herauslesen, dass Wallraff meint, er könne das Handwerk besser, als ein Journalist, der zufällig die richtige Hautfarbe für eine solche Reportage hat?

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Rückschau Bereschit

Der letzte Schabbat in der Synagoge Selm-Bork (auch zusya berichtete) war der Schabbat Bereschit, dementsprechend sprachen wir anschließend auch über die Paraschah und den neuen liberalen deutschsprachigen Siddur.
Was Thema des Wochenabschnittes war und auch in der aktuellen Jüdischen Allgemeinen angerissen wurde, ist die Reihenfolge der Schöpfungsgeschichte (Einteilung in Tage vor der Erschaffung von Sonne und Mond) und die Erwähnung der Bnej Elohim die mit Frauen Kinder zeugten.
Zum ersten Thema fand ich einen Beitrag von Rabbi Lawrence Kushner auf g-dcast, der sich dem Thema Licht widmet:


Parshat Bereshit from G-dcast.com

More Torah cartoons at www.g-dcast.com

Bei den Bnej Elohim wird es etwas schwieriger. Es wurde während des Kidduschs nur davon berichtet, wie schwer es sich die klassischen Kommentatoren machten, diese Stelle (Bereschit 6, 1ff) zu interpretieren oder zu erklären. Während viele moderne Kommentare zu den Parallelen in der griechischen Mythologie verweisen, so wird in den klassischen Kommentaren dieses Thema vermieden. Im ArtScroll Kommentar lesen wir Verweise auf Raschi und den Saadiah Gaon, die Bnej Elohim als Angehörige der Oberschicht interpretieren oder besonders g-ttesfürchtige Menschen. Chajm Potok schreibt, dass durchaus gemeint sein könnte, dass es Wesen gewesen sein könnten, die engelgleich gewesen sind. Bnej Elohim sei hier eine Gattungsbezeichnung wie Bnej Jisrael, was ja auch nicht wörtlich verstanden sein will. Es gibt offenbar aber keine Erklärung oder Theorie, die alle zufrieden stellt.

Interessant, auch für andere liberale Gruppen, dürfte gewesen sein, dass sich die Anwesenden gegen eine Einführung des neuen liberalen deutschsprachigen Siddurs ausgesprochen haben. Zum einen war man nicht zufrieden mit dem Layout (Transliteration optisch zu nah am hebräischen Text, Übersetzungen unter den Texten), aber auch inhaltlich konnte er nicht überzeugen. Zu weit weg vom Einheitssiddur und warum solle man eine funktionierende, ausgewogene Tradition opfern für die Einführung eines Siddurs den jemand anders heraus gibt (überspitzt formuliert). Also wird es demnächst eine neue (erneut überarbeitete) Auflage des Siddurs von EtzAmi geben, die über in Deutschland über das Internet erhältlich sein wird.

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Amos Oz – Bilder aus dem Dorfleben

Amos Oz & Chajm Die knappe Beschreibung der Lesung von Amos Oz in der Bochumer Jahrhunderthalle (noch knapper und uninformativer schaffte es nur die Lokalpresse) enthielt einige Elemente nicht. Zum einen meine Verwunderung darüber, dass ich es für selbstverständlich hielt, dass Amos Oz in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhält. Sein literarisches Werk ist breit gefächert und sein Vermögen, mit Sprache umzugehen, spiegelt sich sogar in den deutschen und englischen Übersetzungen wieder. Sein politisches Engagement, welches nicht immer und überall in gleichen Maßen geschätzt wird, ist bekannt und wird in Deutschland häufig von den falschen Personen beklatscht, weil sie nur einzelne Ausschnitte betrachten. So lehnt er zwar die Siedlungstätigkeit vehement ab, ist aber ausdrücklich kein Gegner des Zionismus und der zionistischen Idee. So befürwortete er auch Ideen, die nicht bei jedem antizionistischen Applaudierer mit Begeisterung aufgenommen wurde. Die israelische Sperranlagen etwa, die Israel vom Westjordanland abgrenzen – aber nicht ihren Verlauf (siehe auch hier). Er befürwortete auch den letzten Krieg im Libanon, aber nur im Rahmen von Selbstverteidigung (siehe hier).
Mit einem Blick in die deutsche Leserschaft, war ich mir nicht immer sicher (und bin es noch immer nicht), welcher Aspekt seines Wirkens von den deutschen (nichtjüdischen) Lesern besonders geschätzt wird. Ich bin mir nicht einmal ganz sicher, ob die Leserschaft das selber sagen kann. Auch wenn er der meist übersetzte israelische Schriftsteller ist, so stellt sich diese Frage für Deutschland, denke ich, ganz speziell.
Er selber sagte am Sonntag, dass er in Israel nicht einmal eine Geschichte über das Taschengeld eines Mädchens schreiben könne. Sofort würde man darin eine Anspielung an die Wirtschaftskrise erkennen, in der Mutter die Öffentlichkeit sei und in der Tochter die Jugend des Landes. Etwas später fiel mir ein, woher ich das Argument schon kannte:

You’re always expected to have something to say about the political situation.
„Look, if I write a story about a father, a mother, a daughter and an allowance, someone will say the father is the government, the mother is the public, the daughter is the younger generation and the allowance is the economic crisis. What can I do? The new book takes place in Israel more or less, but it’s more about the human situation than the Israeli one. I know that people read the Israeli situation into it, because the Israeli situation is so painful that people read it into everything. I can’t tell people how to read.“ von hier – HaAretz

Die FAQ der oberflächlichen Leser an den Autor, hat Oz bereits in seinem vorletzten, kurzen Roman, Verse auf leben Tod (hier bei amazon) verarbeitet: Jeder Schriftsteller kennt und fürchtet die wichtigsten Fragen der Leser. Von Warum schreiben Sie? über Sind Ihre Geschichten autobiographisch oder erfunden? zu Was wollten Sie mit Ihrem letzten Buch sagen?.
Wer einen Blick in Geschichten aus Tel Ilan, ?????? ???? ???? also Bilder aus dem Dorfleben wirft, der versteht schnell, worin die Meisterschaft besteht, nämlich im gekonnten Aufspannen eines Mikrokosmos, in dem alle miteinander interagieren und in dem Personen durch scheinbare Nebensächlichkeiten einen Charakter erhalten.
Tel Ilan ist ein fiktiver Ort im Galil, der umgeben ist von Weinbergen und Obsthainen. Der Ort hat Geschichte, geht auf die Gründer des Staates zurück, ist aber heute Rückzugsgebiet für Menschen aus der Stadt und bietet ihnen dementsprechend Galerien, Boutiquen und Restaurants. Der Ort lebt zum größten Teil von den Wochenendtouristen und zwischen ihnen die Bewohner. Sie werden vorgestellt und verheddern sich irgendwann in Geschichten, die ein wenig an Kafka erinnern und zuweilen etwas deprimierend wirken. Den Beginn kann man hier online lesen.
Geschichten aus Tel Ilan bei amazon.de

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Der letzte Antisemit

wird wahrscheinlich niemals geboren werden, sagt ein ein alter, ehemaliger Knesset-Abgeordneter, in der Kurzgeschichte Graben von Amos Oz, die in deutscher Sprache unter dem Titel Geschichten aus Tel Ilan, aber im Hebräischen ?????? ???? ???? also etwa Bilder aus dem Dorfleben heißt und damit schon eine Art Statik in der Zusammensetzung dieser Aufnahmen voraus nimmt. Im Rahmen der Ruhrtriennale las Oz selber aus seinem Werk, er zunächst in hebräischer Sprache und ein genialer Samuel Weiss dann in der deutschen Übersetzung. Leider nicht 1:1, sondern Oz riss immer nur ein Kapitel an und Weiss las dann einen ausführlichen Teil vor. Für einige im Publikum war es offenbar zuviel, wie eine Dame hinter mir sagte. Bemerkenswert wenige junge Leute hatten sich eingefunden, um den großen israelischen Schriftsteller zu hören. Juden noch weniger – orthodoxe Diasporagemeinden feierten ohnehin noch Simchat Torah, aber jüdische Feiertage trafen mit vielen Ruhrtriennaleveranstaltungen zusammen, die für jüdisches Publikum interessant gewesen sein könnten (vgl. Der Jüdischen Kultur begegnen).
Bei der anschließenden Diskussion bat der Autor wohlweislich darum, in erster Linie Fragen zum literarischen Werk zu stellen und nicht den Nahostkonflikt in den Mittelpunkt zu stellen, freute sich über den Nobelpreis für Obama, hielt den Zeitpunkt aber für verfrüht. Er sprach auch kurz über Europa und dass Juden Europa schon immer geliebt hätten, aber Europa den ersten richtigen Europäern (den Juden) zu viel angetan hätte und es somit nicht unbedingt eine erwiderte Liebe war oder ist.
Das Publikum hielt sich dann auch brav an die Anweisung und frug nicht die Fragen die man stets hört, wenn ein Israeli (oder auch nur ein Jude) irgendwo Rede und Antwort steht.

Eine der Geschichten aus Geschichten aus Tel Ilan ist im New Yorker erschienen. Die findet man hier.