Nach Ma’aleh Adumim

Ein junger Mann arbeitet in Ma’aleh Adumim, also in einem Ort der gerne als Siedlung beschrieben wird, tatsächlich aber eine Stadt in der Nähe von Jeruschalajim ist. Recht häufig fahren Menschen von dort nach Jeruschalajim um zu arbeiten, unser Mann fährt in die Gegenrichtung. Was hier folgt ist aber kein Bericht, sondern inhaltliches etwas vollkommen anderes als das, was es hier sonst gibt. Eine Kurzgeschichte. Sie ist nicht für das Blog entstanden, wird aber nun exklusiv hier veröffentlicht. Hier als pdf herunterladen: Ma’aleh Adumim.pdf

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

34 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Als Khalil viele Jahre später auf dem Sterbebett lag, seine Enkel und Enkelinnen um sich versammelt, war er sich sicher, dass er, auch wenn er selbst nie den Mut gefunden hatte, sich für die heilige Sache zu opfern, trotzdem ins Paradies einkehren würde. Denn durch ihn und seine Freunde war es gelungen, Al Kuds von den Juden zu befreien und ein neues Gottesreich aufzubauen. In dieser Gewissheit schloß er die Augen und starb. Als er die Augen wieder öffnete, befand er sich in einem wunderbaren Garten, schöner, als er ihn sich je hätte vorstellen oder als eine menschliche Zunge ihn je hätte besingen können. Doch er war nicht allein. Vor einer lieblichen Quelle saßen engumschlungen zwei Engel im Gras. Nackt. In Erwartung der verheißenen Genüße strebte Khalil auf die Quelle zu. Doch im Näherkommen erkannte er, dass es sich um eine junge Frau und einen jungen Mann handelte. Die Frau kam ihm bekannt vor, irgendwo in ihm dämmerte eine Erinnerung.
    Seine Schwägerin, Djamila, genauso strahlend und schön wie damals, als er sie für den Bus vorbereitet hatte. Sie blickte ihn an, lächelte, wandte sich dem jungen Mann zu, der ihn ebenfalls anlächelte, und küßte ihn. Zwischen den Lippen der beiden flammte ein kleines Licht auf, nicht mehr als ein Funken, der sich von ihren Lippen löste und langsam auf Khalil zustrebt. Direkt vor ihm verharrte der Funken in der Luft und Khalil vernahm eine Stimme von Licht in seinem Kopf.
    “Habe ich irgendwann oder irgendwo gesagt, ihr sollt Euch in meinem Namen gegenseitig umbringen?” “Aber es steht geschrieben…” stotterte Khalil. “Geschrieben!” antwortete das Licht in seinem Kopf. “Schreibe ich? Nein, ich spreche. Spreche direkt zu den Menschen.” “Aber der Prophet…” hob Khalil an. “Ich bin der der ich bin, der ich war, der ich sein werde und sein will. Brauche ich Propheten? Habe ich keine Stimme? Ich frage Dich, habe ich Dir, Khalil, je gesagt, Du sollst in meinem Namen töten?”. Als das Nein Khalils Lippen verließ, verblaßte das Licht vor ihm, verblaßte der Garten und alles verschwamm zu einem unendlichen Grau ohne Anfang und ohne Ende. Mitten darin, Khalil.

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  2. Nachdem Khalil immer grauer und grauer geworden und zu einem Nichts im unendlichen Nichts verblasst war, strahlte das Licht, obwohl ihm jegliche Mimik fehlte, eine tiefe Zufriedenheit aus. In diesem Augenblick erhoben sich Alon und Djamila, fassten sich an die Hand und schritten auf das Licht zu. “Warum?” fragte Alon. “Warum was” antwortete das Licht in seinem Kopf. Djamila blickte das Licht direkt an, “Warum mussten wir damals sterben?” Das Licht zuckte, ” Weil…”, “Weil?” “Weil ich der bin, der ich bin, der ich war, der ich sein werde und sein will!” Das Licht schien vor Zorn zu erbeben. Djamila und Alon drehten sich um und gingen. Nach wenigen Schritten wandte sich Djamila zu Alon:”Welchen Sinn macht es, wenn er zu den Menschen spricht? Wie soll es jemals einen Sinn ergeben, wenn er nie fragt. Nie fragt, was wir Menschen brauchen, zu brauchen glauben oder was wir uns schlicht und einfach wünschen?”

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  3. Eine interessante Art und Weise der metaphysischen Bestrafung… die Bestrafung aus Sartres Geschlossene Gesellschaft kennst Du sicher. Mit Sicherheit kann man, Die Hölle, das sind die anderen. auch auf viele Bereiche anwenden, in denen es mit Solidarität nicht so weit her ist…

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  4. Na ja, zugegebenermaßen eine sehr unkonventionelle Art des Kommentars, aber vielleicht eine passende auf eine Kurzgeschichte. Es würde mich freuen, wenn es mehr davon hier auf dem Blog geben könnte, Kurzgeschichten. Nicht nur von Dir als Blogauthor, the smartest of the W, sondern auch von anderen Bloglesern. Das wäre mal eine neue spannende Form des Austausches abseits der eingefahrenen Argumentationsmühlen.
    Übrigens ging es mir bei meinem 1. angehängtem Ende in erste Linie weniger um den metaphysischen Aspekt an sich, sondern vielmehr um die höchst zweifelhafte Motivation und mehr als strittige Selbstlegetimation der Anstifter. Der Deus(exmachina) war da eher ein schnell gefundenes Stilmittel.

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  5. @ Lisbeth & @ Chajm:
    Kurzgeschichten find ich gut, aber wenn schon denn schon, dann welche von jüdischen Autoren oder mit jüdische Themen/Situationen.
    Und wenn der Baleblog nix dagegen hat, warum dafür extra ne neue Seite aufmachen, der Blog hier heißt doch nicht umsonst “Sprachkasse”.
    Wenn Chajm einen Artikel “Kurzgeschichten” reinsetzt, können alle ihre Kurzgeschichten als Kommentar druntersetzen.
    Gitt Shabbes allerseits, nehmt die letzte Woche vor RoschHaschune nicht ganz so dunkel, notfalls einfach morgen die Haftara genießen!
    Euer
    Shabbes-Goi

    @YM: The very best greetings over the Channel.

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  6. Danke Anat. Eine gute Anregung, über Klezmer zu schreiben. Vielleicht mache ich das nach den Feiretagen. Obwohl, vielleicht ist es nicht fair den Menschen den Glauben zu nehmen, das sei “authenische Jüdischkeit”.

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  7. @ Shaabbes-Goi
    Und dann kannst Du sie “Hitler-Floden” nennen. Kennst Du den passen Witz?
    Aber jetzt mal ernst. Vielleicht liegt es an uns, nicht richig mitteilen zu können, was wir bei diesen Gedenktagen ( meine sind sie nicht)fühlen. Ich bin nur Zuschauer. Statistin. Gut gemeint ist nicht gut.

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  8. @ Lisbeth: Wobei ich ja gestehen muß, die meisten hier wissen das ja auch, dass ich eigentlich Berufsgedenker bin. Allerdings ohne falschen Pathos oder mitleidsheischender Betroffentheitsasche auf den Häuptern, sondern mit Schmackes und Butter bei die Fische.
    Wer zufällig am Montag, dem 9.11. im Pott sein sollte und morgens nichts Besseres zu tun hat: http://www.kijukuma.de/sites/09_november.htm#09.11.09
    Ist zwar eigentlich ausverkauft, aber ein zwei Leutchen kriegen wir immer noch unter.

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  9. Unser Blick auf das Angesprochene (Gedenken, Klesmer) ist vielleicht (berufsbedingt) ein wenig anders.

    ad Gedenken …:
    Vorausgeschickt sei, dass wir die Kritik am falschen Pathos etc. selbstverständlich voll und ganz teilen. Dennoch machen wir – eben auch als Museum – immer wieder die Erfahrung, dass auch diese Medaille zwei Seiten hat. Auf der einen Seite – sehr salopp formuliert, aber durchaus mit Sitz im Leben – Politiker, die bei den Gedenkfeiern mit ernstem Gesicht salbungsvolle Worte sprechen und beim Heurigen antisemitische Witze zum Besten geben. Auf der anderen Seite jene Menschen, denen – aus welchen Gründen auch immer – die Erinnerung an das Geschehene ein ehrliches Anliegen ist und die das Nichtgedenken als Zeichen der Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschehenen empfinden würden, wohl zurecht.

    Am Rande sei noch angemerkt, dass wir ebenfalls immer wieder feststellen können/müssen, dass die Aufarbeitung keineswegs so weit fortgeschritten ist, dass sich die “öffentliche Erinnerung” erübrigen würde. Mit “Aufarbeitung” meinen wir, dass vielfach kein Bewusstsein sowohl was Existenz und Bedeutung jüdischen Lebens als auch dessen Ende (etwa in unserer Region) betrifft, vorhanden ist.

    ad Klesmer:
    Auch hier sei vorausgeschickt, dass keiner von uns (den Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen) ein Klesmerfan ist. (Christopher hat dies sogar in der “Über uns”-Seite geoutet.) Wohl vor allem deshalb veranstalten wir nur sehr selten Klesmerkonzerte.

    Wir verkaufen z.B. in unserem Shop auch CD’s mit (u.a.) Klesmermusik, synaogaler Musik, mit jiddischer Musik und mit hebräischen Liedern etc. Noch nie konnten wir feststellen, dass die Klesmermusik-CD’s schneller verkauft waren 😉

    Überspitzt formuliert: Wir sind sozusagen froh, dass die Menschen zu den Klesmerkonzerten gehen, anstatt (politischen) Sagern (wie hören ja Vergleichbares schon in den unsäglichen Wahlkämpfen hierzulande) a la “Heimatliche Volksmusik statt Klesmer” zu folgen.

    Und auch von uns von hier (wenn es auch nicht der richtige Beitrag ist) herzliche Gratulation zum 1000er!
    Beste Grüße Johannes

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  10. @Johannes: Sholem nach Austria! Ich persönlich finde den 09.11. und auch den 27.01. als Gedenktag und berechtigten Anlass, eine nachhaltige und wenn möglich auch empatische Auseinandersetzung mit der Shoah und den Nazis anzustossen, grundsätzlich sehr wichtig und richtig. Ohne diese Gedenktage würden sie wahrscheinlich schon wesentlich stärker aus dem öffentlichen Bewustsein verschwunden sein, als sie es eh schon sind. Mir gehen nur diese öffentlichen politischen Gedenkfeiern schrecklich auf die Nerven, weil sie entgegen ihrer gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung, Erinnerung wachzuhalten bzw. Erinnerungsarbeit zu leisten, genau das nicht tun, sondern aufwendig inszenierte Feigenblätter dafür sind, dass die politisch Verantwortlichen nicht gewollt oder in der Lage sind, Verantwortung für das, was zwischen 1930 und 1945 geschehen konnte, vor allem aber auch dafür, dass es sich nie mehr auch nur im Kleinsten wiederholt, zu übernehmen. Die beste und nachhaltigste Form der Erinnerung mit effektiver nachhaltiger Wirkung bei den Zuhörern, die ich bisher erlebt habe, ist, wenn überlebende Verfolgte, sowohl jüdisch als auch nichtjüdisch, von ihren Erlebnissen unter den Nazis erzählen. Leider werden diese Überlebende durch das Verstreichen der Zeit immer weniger, bzw. sehen sich immer weniger von ihnen in der Lage, vor vielen Menschen über ihr Schicksal zu erzählen. Es ist also an der Zeit, für diese Art der Erinnerungsarbeit, direkt, menschlich, emotional und empatisch, sprich lebendig, neue Formen zu finden.
    Zum Erinnungs- bzw. Präventionsfaktor der Klesmer-Musik: na ja, es kommt drauf an. Wenn sie nur das akkustische Sahnehäubchen zum zur Erinnerung gereichten Krabbenschnittchen ist, kann man meinetwegen gerne darauf verzichten.
    Wenn man durch ein Klezmerkonzert zu den Gedenktagen ein Publikum zieht, dass sonst nicht kommen würde, und über diesen Köder weitere Inhalte vermitteln kann, gut.

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  11. in meinem Ort bin ich im letzten Jahr unglaublich angeeckt weil ich gegen einen Klezmer-Konzert im Anschluß an den jahresüblichen Schweigemarsch protestiierte. Ich fand es unpassend, bei Fladenbrot, Weitrauben und Tee die “traurigschönen” Klänge einer untergegangenen Kultur zu hören. Es lässt sich gut über tote Juden weinen. Die selbsternannten Antifaschisten waren empört über meine Meinung. Nur, was hat Klezmer mit den ermorderten Juden in Erftstadt zu tun? Ist Klezmer = Judentum ? Selbst die musikalische Untermalung einer Dokumentation über d. Ghetto von Venedig ist…? Bingo. Aber habt Ihr schon einen Film über Rügen gesehen und den Bayerischen Defiliermarsch dazu gehör? Leider wurden meine diesbezüglichen Argumente häufig als “unsachlich” und “empfindlich” abgetan.

    Zugegeben. Vor Lichtjahren, als G.F. noch nicht auf der Bühne stand, fand ich die jiddische Lider und Musik ( damals wusste ich noch gar nicht was Klezmer ist) schon mir sehr nahe. Damals. Vor der Inflation

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  12. @E B-G:
    Ich habe den Verdacht, die Juden von Erftstadt (vermutlich alte jekkische Landgemeinde ohne ostjüdischen Zuzug?) werden zu Lebzeiten nie Klesmer (die Schreibung Klezmer ist im deutschen eigentlich unsinnig) gehört haben. Ich war mittlerweile auf so einigen jüdischen Hochzeiten. Der dort im allgemeinen gespielte “chassidic pop” hat eher wenig mit Klesmer zu tun. So mancher wohlmeinende Philosemit läßt sich in seinem Bild von Juden von Tatsachen eben nur ungern beirren.

    YM

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  13. @ Yankel Moishe
    Eben! Diese Landjuden, einfache Händler, waren in ihren Dörfern inegriert, hörten die gleiche Musik wie ihre Nachbarn. Sprachen selten jiddisch. Sie waren so deutsch wie es für sie nur möglich war. (S auch C Bormann: Heimat an der Erft.) Die Ostjuden? Millionen Lichjahre entfernt! Mein Vater s.A. hatte einen passen Spruch: “Wie kommt Homan in Manistano?”

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  14. @ Shabbes-Goi, volle Zustimmung! Es ist sicher nicht das Gedenken an sich problematisch, das ist schon unverändert höchst angezeigt, sondern einerseits die Wahl des richtigen “Mediums” (im weitesten Sinn), andererseits die Tendenz, Erinnerung an z.B. Politiker auszulagern und es dabei wiederum beim offiziellen und allzu oft hohlen Gestus bewenden zu lassen. Da denke ich auch an inhaltsleere Vorworte, Eröffnungsreden etc.

    Michael Blumenthal schreibt in einem Beitrag im Buch Art Projects Synagoge Stommeln, dass (inhaltlich zitiert) die Medien nahezu ununterbrochen über den Themenkomplex Holocaust berichten, dass kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein Aspekt dieses Themas in einem Dokumentarfilm oder in einer Talkshow (sic!) abgehandelt wird. Und dass es eben in gewissem Sinn seit einigen Jahren wieder eine “jüdische Frage” gibt, bei der aber auffällt, dass der Dialog und der Diskurs zwischen Nichtjuden stattfinden! Er meint auch, dass ohne Denkmäler, Konferenzen, Mahnreden oder Ausstellungen keine Gefahr bestünde, dass die Shoa vergessen wird, da sie sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingetragen hat. Und schreibt weiter (wörtlich): Das Problem besteht nicht darin, dass Deutsche oder Juden eines Tages aufhören könnten, sich zu erinnern. Die wirkliche Frage lautet: Wie und an was wird man sich erinnern Wird sich die Erinnerung so entwickeln, dass sie es künftigen Generationen von Deutschen und Juden ermöglicht, auf eine positive, konstruktive Weise mit dem Trauma der überkommenen historischen Erfahrung umzugehen? Oder wird die Erinnerung auf Schlagwörter und leere Rituale reduziert werden?

    Ich glaube es hier im Blog gelesen zu haben, dass Chajm ein ganz ähnliches Erlebnis hatte wie ich anlässlich einer dieser Gedenkveranstaltungen (mit Bürgermeister, Landesrat usw.) Die Eröffnung war an Erev Pesach angesetzt und die Veranstalter konnten sich nicht einmal erklären, warum keine jüdischen BesucherInnen anwesend waren …

    Ein Problem, das wir (gerade als regional verortetes jüdisches Museum) auch sehen, ist außerdem, dass Shoa-Erinnerung häufig immer noch zu abstrakt und isoliert gedacht wird, d.h. es wird eben abstrakt Shoa erinnert, ohne sich zu vergegenwärtigen, wer und was in der Shoa tatsächlich ausgelöscht wurde, wer die Menschen waren, wie sie (vor Ort gewissermaßen) gelebt haben etc. Abstraktes Gedenken ist halt bequemer und unverbindlicher als diese konkrete Rückfrage, aber sie ist eben deshalb auch eine Erinnerung light.

    Indirekt dazu passt ein für mich extrem einschneidendes Erlebnis im November 1995. Der jüngere jüdische Friedhof hier im Ort war geschändet worden (Naziparolen usw.). Einige Tage danach fand eine großangelegte Mahnveranstaltung am Friedhof statt, Bundeskanzler abwärts, alle waren anwesend. Alle trugen Kopfbedeckung, alle übten sich in ernsten und mahnenden Worten, aber es waren nur sehr unverbindliche, sehr allgemeine Worte und Phrasen, man sprach sozusagen über geschändete seelenlose Steine, die Menschen, die hier begraben wurden, waren überhaupt nicht präsent und dabei trampelten alle auf den Gräbern herum

    @ Yankel Moishe
    KleSmer: JA! 🙂

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  15. @ Lisbeth & YankelMoishe ( mehr Lisbeth als Yankel):
    Entschuldigt bitte meine goische Vermessenheit, aber ich komme da nicht ganz hinterher. Unter “Bereit für die hohen Feiertage” https://www.sprachkasse.de/blog/2009/09/06/bereit-fuer-die-hohen-feiertage/ ging es noch über gut 40 Kommentare lang vollkommen am Thema vorbei um die jüdische Nation an sich und als solches. Jetzt tauchen hier plötzlich die Ostjuden als Abstufung der Jeckes auf. Wie passt das zusammen? Die Zahl der jüdischen Shoahopfer liegt bei 6.000.000. Vor Schicklgruber gab es 500.000 Juden in der deutschen Republik. Was meint ihr, wo die restlichen 5.500.000 herkamen? Hat die Integration die Jeckes vor der Shoah bewahrt ? Sind die Ostjuden an der Shoah Schuld?

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  16. Nee, Schabbes-Goi, auf den Zug springe ich nicht auf. Ich fasse zusammen.
    Thema war, Kurzgeschichte, aber erst im November weil dort passend. Dann kamen wir auf “Erinenrungkult”, Klezmer und Jeckes. Dabei war von mir nichts als Abstufung gemeint, lediglich ein Hinweis auf “regionalen Unterschiede” und evt. Musiktradition/Vorliebe. Die Diskussion über Integration/Shoah und Ostjuden/Schoah-Schuld ( Beides mit unzähligen Fragezeichen) bringst Du ein. Und das soll sicherlich eine mögliche, andere Diskusion sein!!!!

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  17. Nochmal zurück zu Kleszmer: es hängt natürlich auch davon ab, um was für eine Art von Kleszmer es sich handelt. Wir machen jetzt seit 10 Jahren das Schulprogramm für die Anne-Frank-Kultur-Wcohen in Bochum, bei denen es auch ein Abendprogramm für Erwachsene gibt, für das wir allerdings nicht verantwortlich sind. Hier ist die Band “Das Blaue Einhorn” aus Dresden http://www.dasblaueeinhorn.de/ seit mehreren Jahren Stammgast. Keine echte Kleszmerband, aber sie haben Kleszmer im Programm. In den ersten drei Jahren haben sie sich mit einem sehr lockeren eingängigem Programm ein begeistertes Stammpublikum in den Anne-Frank-Kultur-Wochen erspielt und waren immer ausverkauft.
    Dann waren sie mit ihrem Programm mit Liedern aus den Ghettos und aus Therezin zu Gast. Wieder ausverkauftes Haus vor dem Stammpublikum, aber zu hören gab es eine Form von “Klezsmer”, die der Shoah gerecht wurde. Es war eine absolut eigenartige Stimmung im Publikum, kurz vor lauten Murren. Zum Schluß sass ich da, mir liefen von den Texten und der Musik einfach nur noch die Tränen, keine philosemitischen sondern echt betroffene, aber das Stammpublikum forderte eine Zugabe, was Lustiges, so wie man es gewohnt war. Neben mir schrie ein Oberlehrer lautstark in den Saal ” Hey Chawerim, spillt uns noch a lidl”. Es liegt also doch stärker an der Erwartungshaltung der “Gedenkenden” als nur an der Musik.

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  18. @ Baleblog & @ All:
    So, da es ja leider auf Sprachkasse immer noch keine Rubrik jüdische Kurzgeschichten gibt,
    hierhin:

    Kiddush-Kopp
    Der neue Anzug knisterte, als er sich auf sein Bett setzte. Gedankenverloren strich seine Hand über den Thallit, der neben ihm lag. Sein erster Thallit für die Synagoge. Onkel Eph hatte ihn extra aus Israel geschickt. Nach dem Auspacken hatte Großvater ihm zugezwinkert,
    sein Taschenmesser ausgeklappt, vorsichtig die Tzitzit abgeschnitten
    und mit dem Kopf zur Schublade seines Schreibtisches gedeutet.
    Alex zog daraus eine alte blecherne Matzekiste hervor und brachte sie seinem Großvater. Der legte die abgeschnitten Tzitzit vorsichtig hinein und holte ein in Ölpapier eingeschlagenes Päckchen aus der Kiste. “Familiensache!” Langsam wickelte er das Päckchen aus,
    bis eine blauschimmernde Garnrolle in der Mitte des Ölpapiers auf dem Tisch lag.
    “Ist natürlich nicht das original Blau. Die Schnecken, aus denen es hergestellt wurde, sind schon lange ausgestorben.
    Aber unser Familienblau. Von meinem Großvater,
    Deinem Ururgroßvater, in seiner Fabrik eigenhändig gezwirnt und gefärbt.”
    “Wir hatten eine Fabrik?”
    “Eine Spinnerei. Aber die haben dann 38 die braunen Schleimschnecken gefressen! Kurz nach meiner Bar Mitzvah.”
    Großvater hatte drei gleichlange Fäden und einen etwas längeren von der Rolle abgeschnitten, sie über die Mitte geschlagen,
    so dass es jetzt acht Fäden waren, sieben gleichlange, ein längerer.
    Während er die Fäden durch eine Öse der Thallit fädelte,
    hatte er erklärt:
    “Sieben Gleichlange für die sieben Schöpfungstage,
    der längere ist der Schammes! Wir Juden brauchen immer einen Schammes.” Dann schlug der in die Fäden einen Doppelknoten,
    um danach die sieben gleichen Fäden mit dem Schammes sieben mal zu umwickeln. Noch ein Doppelknoten, dann achtmal mit dem Schammes umwickelt.
    “Sieben und acht macht fünfzehn und das steht für?”
    Alex zuckte die Schultern.
    “Für Jud und Hey, also für die beiden ersten Buschstaben Seines Namen” hatte Großvater gegrummelt. Noch ein Doppelknoten, elf mal mit dem Schammes drumherum, Doppelknoten, dreizehn mal mit dem Schammes drumherum und zum Schluß wieder ein Doppelknoten. Großvater hatte sein Werk begutachtet und dabei erklärt:
    “Elf ist Waw und Hey, hast Du Seinen kompletten Namen!
    13 steht für Echad”.
    “Eins, einzig und allein” antwortet Alex.
    Während Großvater die Prozedur an den anderen drei Ösen wiederholte, fragte er ” Tzitzit steht für wieviel?”
    Diesmal wußte Alex die Bescheid:”Sechshundert”.
    “Genau!” meinte der Großvater, ” Sechshundert plus fünf Knoten plus acht Fäden, sind?” “Sechshundertdreizehn, die Mitzvot!”.
    Großvater warf ihm den neuen Thallit zu: “Probier ihn aus!”.
    Dann hatten Sie zusammen nochmal das Anlegen des Thallit und die Broche geübt.
    Und heute war es dann so weit, Schluß mit üben, heute würde es ernst werden. Aber Großvater würde nicht dabei sein, Großvater ging nie in die Synagoge. Als Alex zehn Jahre alt war, hatte er ihn gefragt warum. Großvater hatte seinen Hemdsärmel aufgekrempelt, auf die tätowierte Nummer gezeigt und begonnen von einer Höhle zu erzählen, die die Hölle war. Dora Mittelbau. Geendet hatte er seinen Bericht mit den Worten: “Damals, in der Hölle, habe ich so viel gedawnet, dass es für den Rest des Lebens reicht!” Damit endete ihr Gespräch.
    Alex strich immer noch mit der Hand über den Thallit, der neben ihm auf den Bett lag, als sich vorsichtig die Tür öffnete. Seine Mutter. “Und, aufgeregt ?” fragte sie. “Ja!”. Sie trat näher und strich ihm mit der Hand über den Kopf, “Mach Dir nichts draus, bis jetzt war noch jeder Jude aufgeregt vor seiner Bar Mitzvah. Wahrscheinlich sogar Moses selbst.” Fast hätte Alex geschmunzelt. “Moses hatte gar keine Bar Mitzvah, und es ist auch nicht die Bar Mitzvah, warum ich so aufgeregt bin!”
    “Ach?” fragte seine Mutter, fasste sein Kinn und drehte seinen Kopf so, dass sie ihm in die Augen schauen konnte.
    Er griff nach dem Thallit und hielt ihr die Tzitzit vor die Nase.
    “Das ist halt so eine Familiensache von Opa. Wenn Dir die blauen Quasten peinlich sind, nimm halt den Erstatzthallit von Papa mit den weissen.”
    Alex schüttelte den Kopf. “Es geht mir nicht um das Blau, sondern darum, wofür die Tzitzit stehen.
    613 Mitzvot, und wenn Du genau hinguckst, sind es noch vielmehr. Allein die am Shabbes verbotenen Arbeiten. 39 verbotene Hauptarbeiten, aus denen sich jeweils nochmal 39 weitere Verbote ableiten.
    Ich weiß einfach nicht, ob ich alle Mitzvoth beachten kann!”
    Seine Mutter setzte sich neben ihn auf das Bett, zwischen ihnen der Thallit.
    “Kein Jude beachtet wirklich alle Mitzvot. Mit der Zeit entscheidet man sich, welche zu einem passen und welche nicht,
    welche man beachten kann, ohne sich selbst zu sehr zu verbiegen.
    Schließlich ist ein Jude ein Mensch und kein Verm.”
    Alex blickte an die gegenüberliegende Wand. “Aber Bar Mitzvah heißt doch Sohn der Gebote und das ich alle Pflichten eines Juden erfüllen muß. Ich weiß aber nicht, ob ich das kann oder ob ich das überhaupt will!”
    Seine Mutter stand auf, nahm den Thallit, fasste ihn an zwei Ende und drehte sich um sich selbst, so dass der Thalllit wie eine Chuppa durch sein Zimmer wirbelte. Dann ließ sie ihn auf sich niederschweben, bis sie in ihm eingehüllt war.
    “Weißt Du, Alex, bei Deiner Brit haben wir Dich nicht gefragt, damals konntest Du schlecht antworten, aber die Bar Mitzvah ist auch eine Form von Brit, ein Bund, den nur Du schließt. Und wenn Du noch nicht dazu bereit bist, bist Du eben noch nicht bereit!” Unter dem Thallit zuckten ihre Schultern. Alex blickte auf die Spitzen seiner Schuhe.”Und was wird Opa dazu sagen?” Seine Mutter streckte ihre Nase aus dem Thallit hervor.”Nun, wenn Du Nein sagst, wird Opa der letzte sein, der zu Deinem Nein nein sagt.”
    “Und Du?” fragte Alex, “Die ganzen Vorbereitungen, der Kiddush!”
    Seine Mutter zog ihn vom Bett hoch und zog den Thallit über sie beide. “Wer sagt denn, dass der Kiddush ausfällt?”
    “Aber ich werde nicht auf die Bima gehen und ich werde nicht aus aus der Thora vorlesen!”
    “Na und. Meine Mutter hat immer gesagt, es ist nicht der Mohel, der den Juden macht und auch nicht der Rebbe. Es ist der Kopp, der den Juden macht. Also sag ich mir, lieber ein Kiddush für einen jüdischen Kopp ohne Bar Mitzvah, als ein Kiddush für einen BarMitzvah ohne Kopp!”

    Copyright: shabbes.goi@gmx.de

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