Bereit für die Hohen Feiertage?

Bereit für die Hohen Feiertage? Nicht, was Schuwah etc. anbelangt, sondern Sicherheit… Ein Beispiel aus New York:

Dank an Jewschool.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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  1. Ich war letzte Woche zu Selichot in einer sefardischen Synagoge, da waren auch nicht wenige Soldaten im Dienst dabei, mit langen MGs und allem drum und dran. Alsdann fiel mir ein, dass dieser Anblick mir nach drei Jahren im Ausland tatsächlich auffällt. Und das war nicht einmal am Schabbes, wobei es ab und zu auch vorkommt, dass Wächter u. Ä. eine Pause machen und mit ihren Waffen beten (ganz zu schweigen von Orten, wo man, von freindlichen Arabern umgeben, lechatchila bewaffnet beten soll). Heute morgen habe ich über diese New Yorker Rabbiner in der Tageszeitung gelesen und mir dabei gedacht: Schön, dass auch sie die Synergie von Sefer und Sayif entdeckt haben, die nach unserer Tradition ja miteinander verwoben vom Himmel herabkamen.

    Und auf der anderen Seite: Vor einigen Wochen tauchte in der Synagoge ein rabbinisches Paar aus dem deutschen Sprachraum auf, das in der Stadt anscheinend zu Besuch war und, wie man es hierzulande auch kennt, sich ziemlich dominant am Gebet beteiligte (obgleich ich wohl der einzige war, der wusste, wer diese Leute waren, die auf sich aufmerksam machen wollten). Nun, so war es und so ging es auch weiter, bis es zu den Gebeten fürs Wohl des jüdischen Staates und für Erfolge der jüdische Armee kam, da – ausgerechnet da – wurden die Hochwürdigen plötzlich todstill. Soweit reicht also die Integration.

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  2. Na ja, aber irgendwie passen doch Knarre und Shul nicht so ganz zusammen. Beim Kiddush soll die Challa gebrochen und nicht geschnitten werden und eigentlich soll auch kein scharfes spitzes Messer auf dem Tisch sein ( bei den Schmiermessern brech ich mir jedesmal beim Obstaufschneiden die Finger, weswegen ich mir immer mein Okuliermesser mitnehm, was ja nun eindeutig kein Schwert ist) und dann wie John Wayne zur Kabbalath oder Shacharit ?
    Also ich hab das Video auf Jewschool erst für eine Persiflage gehalten, aber es scheint ja doch leider Realität zu sein.

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  3. @Yoav Gibt es noch andere dezente Hinweise auf dieses Paar? Das würde mich jetzt schon interessieren… Orthodox, Deutsch, Im Urlaub…? Das wird schwer. Im Übrigen habe ich in Deutschland oft genau das Gegenteil erlebt: Besonderes, zeitweise unglaubwürdiges, Engagement bei dem Gebet für die Tzahal und den Staat Israel. Es gibt eine Gemeinde hier, in der ist daraus ein eigener Block innerhalb des Schacharit entstanden. Da werden die Gebete gesungen, feierlich ausgeschmückt und anschließend die Hatikwah gesungen…

    Zum Thema Waffen in der Synagoge habe ich auch noch eine Geschichte über eine Synagoge hier in der Tasche… vielleicht später etwas mehr dazu … 😉 Yoav macht es auch spannend!

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  4. @Yoav:
    1. “dominant” beten oder einfach nur chassidisch? 😉 Bzgl Lautstärke und “Schockeln” beim Gebet gibt es verschiedene Auffassungen und Bräuche. Ich würde das nicht unbedingt überbewerten.
    2. Was hat das Nicht-Sprechen der Mischeberach für die israelische Regierung oder Zahal mit “Integration” zu tun? Manche Gemeinden sind zionistisch, andere nicht. Wus is die groisse Chochme?
    In der britischen United Synagogue und anderso wird ganz pathetisch für the Queen and the Royal Family gebetet. Gibt einfach verschiedenen Minhogim.
    Gibt deutsche Vorkriegs-Siddurim mit Gebet für den Kaiser…. Auch das würde ich also nicht überbewerten.

    @Chajm:
    Ein gewisser Pseudo-Zionismus als Ersatzreligion ist nach meiner Erfahrung durchaus nichts ungewöhnliches in manchen Gemeinden in D.

    YM

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  5. “Orthodox, Deutsch, Im Urlaub?”

    Chajm – wieso eigentlich “orthodox”? Da war doch nur von einem “rabbinischen” Paar die Rede (whoever it might be – ist sie’s? Ist’s er? Wieso ist es überhaupt so wichtig, die Eigenheiten von deutschen Betern im Ausland zu observieren und nach Hause zu reportieren? Fragen über Fragen ;))

    @Schabbesgoj
    Wieso darf die Challe nur gebrochen werden? In welchem Schulchan Aruch steht das nun wieder?

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  6. @Matronit: Ne, ne im Shulchan Aruch wird geschnitten, Lau schneidet auch, aber eigentlich dürfen ja keine Messer benutzt werden, Shabbat Shalom, an dem keine Schwerter(Messer) auf dem Tisch sein sollen, von wegen Shalom. Abgesehen davon: wenn Du schon an Shabbes nicht tragen sollst, sollst Du bestimmt erst recht keine Waffe tragen.

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  7. Wenn man Jude werden will, sollte man m. E. mit dem einfachen Sachverhalt anfangen, den man vor sich hat, also mit dem Irdischen: Staat, Politik, Armee etc., und sich damit als Ausdruck der Volkszugehörigkeit identifizieren (meinetwegen auch sehr kritisch, weil es einem eben am Herzen liegen soll).

    Erst danach sollte man sich mit jüdischen Fragen befassen, die über das Irdische hinaus gehen und das Himmlische betreffen. Was nützt ein Rabbiner, der aus dem ganzen Herzen Kaddisch sagt, aber nicht einmal für die Soldaten beten kann, die für das irdische Judentum ihr Leben riskieren?

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  8. @Yoav:
    Mir ist immer noch klar, was daran falsch ist, beim Mischeberach (oder bei anderen Stellen, die nur vom Vorbeter gesprochen werden, wie Kaddisch) mucksmäuschensill zu sein. Vielleicht ist das sogar ein Zeichen von Respekt?

    @SG:
    Bzgl Messer am Tisch könnte Dich das hier interessieren: http://www.dailyhalacha.com/Display.asp?ClipDate=5/20/2009
    Bzgl Waffen in der Synagoge:
    “Es gibt gibt Autoritäten, die das Betreten einer Synagoge mit einem langen Messer… verbieten.” (Schulchan Aruch, Orach Chajim 151.6)
    Mischnah Brurah zur Stelle: “Weil eine Synagoge, die fürs Gebet gebaut ist, das Leben des Menschen verlängert, wohingegen eine Messer sein Leben verkürzt. Siehe Eljah Rabbah, nach dessen Meinung man hier nicht stringent sein muss, es sei denn, das Messer ist aus seinem Futteral.”
    Übrigens heißt es in OC 151.1, also kurz davor, dass das Schwätzen, also Konversation über Alltagsdinge, in einer Synagoge verboten ist. (Nicht nur während der Gebetszeit!)

    YM

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  9. Es ist eine Frage von Minhag haMakom. Wie gesagt: Bis zu dem Punkt haben sie immer ganz brav und auffallen mitgesungen, wenn die ganze Gemeinde es getan hat, nur nicht bei diesen Gebeten, obwohl der Vorbeter, als er bemerkt hat, dass da auch sehr aktive Neuankömmlinge dabei sind – ausdrücklich erklärt hat, wie diese Gebete in der Gemeinde gesungen werden.

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  10. @YM: Sholem Maitre! Danke für den Hinweis zu dem Artikel. Die Erklärung, dass Instrumente, die das Leben verkürzen, nichts beim Kiddush zu suchen haben, ist mir persönlich einleuchtend und naheliegend. Die Analogie zum Temple, bei dessen Bau kein Eisen verwendet werden durfte, trägt nicht ganz so weit, denn schließlich wurde ja beim Opfer im Tempel dann wiederum ein Messer benutzt.

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  11. @Yoav: “Wenn man Jude werden will, sollte man m. E. mit dem einfachen Sachverhalt anfangen, den man vor sich hat, also mit dem Irdischen: Staat, Politik, Armee etc., und sich damit als Ausdruck der Volkszugehörigkeit identifizieren”
    Na ja, von außen kann man das natürlich anders sehen. Was Du da sagst, gilt auf alle Fälle für einen gläubigen Israeli, aber gilt es auch unbedingt für einen Juden?

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  12. Für einen normalen Juden gilt das nicht; es *ist* so, wenn man im jüdischen Land lebt, dass man sich, ob gläubig oder nicht, (meistens) mit dem identifiziert, was die jüdische Existenz ausmacht und ich vorher das “Irdische” genannt haben.

    Für einen Juden, der unter Fremden lebt, ist es natürlich komplizierter. Da ist es nicht so, sondern es muss “getan” werden, damit es “gilt”. Nun gut, nur frage ich mich, warum man am Ende anfängt: Beim Glauben und sonstwie Himmlischen, wenn einem die grundlegenden Merkmale der Zugehörigkeit fehlen?

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  13. @Yoav: Na ja, ohne Himmlisches/Gläubiges hätte Awram die Brit damals mit sich selber schließen können, und wer weiß, wie lange das dann Bestand gehabt hätte. Ist halt die Frage, was vom Judentum bleibt, wenn Du Hashem wegdividierst. Außerdem glaube ich, egal ob Du vorne oder hinten anfängst, was ja relativ ist und vom Standpunkt des Betrachters abhängt, dass Israeli und Jude eben nicht gleichzusetzen ist, weil die Grundvoraussetzung schon sehr voneinander differieren.

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  14. Ich setze sie genauso wenig miteinander gleich wie ich “Deutsche” mit “Bürgern des BRD” gleichsetze. Und dennoch meine ich, wenn ich von Deutschen rede, meistens die normalen Deutschen, die im deutschen Land leben, und nicht die Deutschen in Siebenbürgen.

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  15. @Yoav: Na ja, chawer, das ist eben der wunderbare Unterschied. Juden hat es schon immer überall gegeben, auch lange vor 70. nach der Zeitenwende. Und ich, zugegebenermaßen von außen betrachtet, sehe diese territoriale Unabhängigkeit als einen qualitativen Aspekt an.

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  16. Ja. Das ist nichts Neues. Für Reformjuden ist das Judentum eine Religion, für Rekonstruktionisten eine Zivilisation, für orthodoxe Juden gibt es das Am Jisrael mit all seinen Facetten und für viele Israelis die keiner dieser Strömungen anhängen ist es halt eine Nationalität. Ist eben eine Frage der Sichtweise. Wir übersehen nur manchmal, dass sie nicht von jedermann geteilt wird.

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  17. @Yoav:
    Dir ist aber sicher klar, dass es auch weit außerhalb von Neturei Karta durchaus nicht so klar ist, welche religiöse Bedeutung man dem modernen Staat Israel zumessen möchte. Insofern folge ich Dir nicht, wenn Du aus dem Nichtbefolgen bestimmter Minhagim das Fehlen “grundlegender Merkmale der Zugehörigkeit” ableitest.
    Macht die “jüdische Existenz” das “Irdische” aus?

    @SG:
    Bedenke, der verlinkte Text ist sefardische Halacha.

    YM

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  18. @Yoav: “Hören die Deutschen, die ausnahmsweise in Deutschland leben, deswegen auf, die Deutschen zu sein?”.
    Yaov, da hast Du wohl was in den falschen Hals bekommen. Es liegt mir überaus fern, den Juden in Israel in irgendeiner Weise ihr Judentum abzusprechen. Ich finde es nur wichtig, Israeli und Jude nicht automatisch gleichzusetzen. Abgesehen davon gibt es für mich weder die “Deutschen”, noch die “Israelis”.

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  19. @Baleblog & Yoav: Vive la complexite et la pluralisme! Sehe ich auch so. Wobei mir, rein von der Begrifflichkeit, nicht unbedingt von den faktischen Ausprägungen her, der Begriff Am Israel am besten gefällt. Das Volk, das mit Hashem streitet, ohne den es kein Volk wäre. Ein wunderbares Programm, oder?

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  20. Wir reden aneinander vorbei.

    @ Chaim: Ja, klar. Nur hat die Geschichte denjenigen Recht gegeben, die ihre jüdische Nationalidentität im eigenen Lande durch den eigenen Staat verwirklichkt haben – und sie sind in der Mehrheit. Es gibt auch Palästinenser, die meinen, genauso deutsch zu sein wie mein schwäbischer Freund, weil sie einen Pass des deutschen Nationalstaates haben. Na und? Verschiedene Ansichten hat es immer gegeben und wird es immer geben, nur mit der Wirklichkeit haben sie, nebbich, nicht unbedingt zu tun.

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  21. @Yoav: Ich glaube, die Geschichte gibt niemandem Recht, sie ist absolut unparteiisch und passiert einfach. Und, ohne die Existenz des Staates Israel auch nur in der geringsten Weise anzweifeln zu wollen, auch ohne den Staat Israel wäre das jüdische Volk nicht vom Erdboden verschwunden. Wer was anderes behauptet, maßt sich so einiges an. Außerdem halte ich es für Quatsch, von der Wirklichkeit im Singular zu schreiben, denn sie ist und war schon immer streng pluralistisch.

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  22. @SG:
    1. Bin kein “Meister”.
    2. Ist für mich gar kein Problem. Wollte nur darauf hinweisen, dass sich nicht unbedingt alles dort auf aschkenasische Gemeinden anwenden läßt. (Eine analoge aschkenasische Seite im Web habe ich noch nicht gefunden.)

    @Yoav:
    Ich möchte ja den sprichtwörtlichen Teufel nicht an die Wand malen. Aber wir haben uns schon zweimal in den Augen des Lenkers der Geschichte eines Staates für unwürdig erwiesen (und nebenbei die Eigenständigkeit trotzdem bewahrt – wohl einmalig in der Geschichte.) Woher nimmst Du die Sicherheit, dass der Daumen nicht wieder fällt?

    YM

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  23. Ob der Daumen fällt oder nicht ist hier völlig nebensächlich: Schon die Errichtung (und seitdem die Aufrechterhaltung) eines jüdischen Staates bezeugte, dass die Vorstellung vom Judentum als Nationalität (mit eigenem Kult etc.) die Oberhand hat. Wenn die Juden, die das Judentum auf eine Religion reduzieren, in der Mehrheit (gewesen) wären, hätten wir heute keinen Staat.

    Und umgekehrt (beispielshalber): Wenn in der BRD das Rückkehrrecht für Auslandsdeutsche aus dem Gesetzbuch entfernt und der deutsche Nationalstaat eine Art USA würde, könnte man sagen, dass die Vorstellung, das Deutschsein sei eine Sache der Staatsangehörigkeit und nicht der Volkszugehörigkeit, besiegt hat. Vielleicht wird es dann noch Leute geben, etwa in Siebenbürgen, die das bestreiten würden – aber das wäre dann die von der Geschichte (für eine bestimmte Epoche) abgewiesene Position.

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  24. @YM: Geschätzter Nichtmeister! Wenn es für Dich kein Problem ist, warum sollte es dann eins für mich sein.
    @YM & Yoav: Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob ein “jüdischer” Staat in irgendeiner Weise der Garant oder die Grundvoraussetzung für das Weiterbestehen des jüdischen Volkes ist. Auch das gefragt, ohne dem Staat Israel in irgendeiner Weise die Existenzberechtigung absprechen zu wollen.

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  25. @Yoav Aber ohne jüdische Religion, hätten es Juden nicht bis zur Gründung des Staates Israel wohl kaum noch gegeben…
    vMan Majorität pochen (ein Argument das bei diesen Diskussionen immer vollkommen deplatziert ist, weil es nichts über den Gehalt einer Idee sagt, wenn ihr sehr viele Menschen anhängen. Blogleser teilen immer Schelte aus, wenn ich das nichtorthodoxe Judentum zahlenmässig am orthodoxen messe… 😉 ) aber das sagt nichts aus. Da die Geschichte nicht beendet ist, lässt sich auch nur der bisherige Verlauf analysieren.

    Diese Siebenbürgengeschichte hat Dich offenbar sehr beschäftigt? Das kehrt immer wieder zurück. Da vergleichen wir aber unterschiedliche Dinge.

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  26. @ Chaim: Natürlich vergleichen wir unterschiedliche Dinge. Es würde nicht viel Sinn ergeben, die gleichen Dinge miteinander zu vergleichen…

    Ja, ohne Religion wäre wir nicht usw. Stimmt. Gott sei Dank, dass wir es entwickelt haben, als es notwendig war.

    Das mit Siebenbürgen ist einfach ein bekanntes Beispiel. Man könnte genauso gut auch mit den Ungarn in der Slowakei argumentieren oder mit den Palästinensern in Israel.

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  27. @Yoav: Yoav, für mich gibt es kein Deutsches Volk. Für mich gibt es nur Bundesbürger, die auf der Grundlage des Grundgesetzes eine gemeinsame Organisationsform in einem zufälligem Territorium gefunden haben.
    Für mich müßten auch Einwanderungswillige keinen nebulös ominösen Einbürgerungstest über die deutschen Mittelgebirge machen, aber ich hielte es für sinnvoll, wenn jeder Staatsbürger, der hier geboren ist, sich mit achtzehn Jahren einem Grundgesetztest unterziehen müßte, wobei ich mir über die möglichen Konsequenzen bei Nichtbestehen dieses Testes nicht im Klaren bin.

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  28. @Yoav:
    Es stimmt. Seit sehr kurzem gibt es mehr Juden in Israel als in der Diaspora. Das liegt aber vor allem daran, dass die Juden in der Diapora sich indirekt dafür entschieden haben, ihr Judentum nicht oder jedenfalls nicht ausreichend an die nächste Generation weiterzugeben. Es ist ja nicht so, wie von Dir hier suggeriert, dass sich die Mehrheit der Juden von sich aus für eine Ansiedlung im heiligen Land entschieden hätte. Hätte es mehr “Platz” im Galuth gegeben, wären viele postsowjetische Juden wohl kaum nach Israel gegangen.
    Schon in den 30ern gab es den makaberen Witz, dass man deutsche Juden in Palästina fragte: “Kommen sie aus Zionismus – oder aus Deutschland?”

    @Chajm:
    Offenbar meinst Du u. a. mich 😉 Meine “Schelte” basiert aber nicht zuletzt darauf, dass ich behaupte, dass viele “Anhänger” des nicht-orthodoxen Judentums in Wahrheit indifferent und annähernd “unaffiliated” sind, so dass man sich künstlich reich rechnet, wenn man diese Gruppe für sich vereinnahmt.

    YM

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  29. @YM : Was macht es aus, wie die Geschichte eine Mehrheit bzw. die Oberhand schafft? Eine Lebensform erweist sich (zu einer gegebenen Epoche) als tragfähig, eine andere nicht.

    @ SB: Das sieht der deutsche Gesetzgeber anders (wobei ich gestehe, dass dieser Gesetzgeber in den letzten Jahrzehnten a bissl schizophren geworden ist)

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  30. @Yoav: Gesetzgeber ? Als Jude solltest Du doch wissen, dass zu jedem Gesetzgeber jemand gehört, der das Gesetz annimmt. Das gestaltet sich aber seit 1989/90 schwierig, da seit dem wenig vom Grundgesetz die Rede ist, der Blick darauf mit Nationalhudelei verkleistert wird und es immer weiter ausgehöhlt wird, gerne auch mit dem Scheinargument der nationalen Interessen bzw. der nationalen Sicherheit.

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  31. Ich würde ja gerne noch um einiges weiter mit Euch parlieren und argumentieren, aber mein Chabon und das Bett ruft.
    Also, cholemt was sheynes 😉
    P.S.: Yankel, das mit dem Meister war überhaupt nicht bös oder ironisch gemeint sondern als Chapeau vor Deiner Gelehrtheit, wobei ich gestehen muß, dass ich manchmal nicht ganz genau verstehe, wo Du mit Deiner Gelehrtheit hinwillst. Nimm es mir nicht übel, Dein Shabbes-Goi.

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  32. Ich habe den Bezug des deutsch-rabbinisches Ehepaares zu deinem Satz: “Wenn man Jude werden will, sollte man m. E. mit dem einfachen Sachverhalt anfangen….” nicht verstanden. Hat das mit diesem Paar, dass das Israelgebet nicht mitgemacht hat zu tun oder ist das völlig unabhängig? Ich krieg den eventuellen Zusammenhang nicht auf die Reihe.

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  33. “Was nützt ein Rabbiner, der aus dem ganzen Herzen Kaddisch sagt, aber nicht einmal für die Soldaten beten kann, die für das irdische Judentum ihr Leben riskieren?”

    Vielleicht kämpft die Zahal in den Augen mancher religiöser Juden nicht immer für himmlische und somit in ihren Augen auch nicht für jüdische Ideale?!

    Zur ganzen Volk-oder-Religion-usw.-Diskussion:
    Ich würde nicht behaupten, dass das Reformjudentum das Judentum primär als Religion definiert – auch hier müsste man differenzieren. Würden wir alle, egal ob orthodox oder reformiert, unser Judentum ausschließlich über den Glauben definieren, so gäbe es wohl kein Klal oder Am Jisrael mehr, denn die Gegensätze zwischen Orthodoxie und Reform(gerade in den USA) sind zum Teil doch gewaltig(und mit Orthodoxie müssen nicht automatisch Haredim gemeint sein). Der Zusammenhalt wird doch vor allem dadurch gewährleistet, dass wir uns als Volk(!) verbunden und füreinander verantwortlich fühlen. Warum sonst hätten wir mehrheitlich so eine enge Bindung zum Staat Israel? Woher würde der Staat Israel sein Existenzrecht im Land “Palästina” nehmen, wenn wir doch nur eine Religion und kein Volk wären?
    Dass wir ein Volk sind, ist ein Fakt. Ohne jüdisches Volk keine jüdische Religion und ohne jüdische Religion kein jüdisches Volk – komische Wechselbeziehung, aber das Eine geht nicht ohne das Andere.
    Zur Diskussion kann lediglich stehen, inwiefern einem das Eine oder das Andere wichtig ist. Ist mir der Glaube(oder wie Yoav es ausdrückt “der Kult”) unseres Volkes wichtiger oder definiere ich mein Judentum hauptsächlich über die Nation, so wie Yoav es scheinbar tut. In meinen Augen darf man keinen Unterschied machen, beides gehört untrennbar zusammen.

    Einem Reformjuden mag es vielleicht nicht so wichtig erscheinen, zu betonen, dass wir ein Volk sind, doch leugnen darf er das nicht….denn dann ist die Stufe zur Assimilation sehr schnell überschritten.

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  34. @Yoav:
    Du hast mich vermutlich falsch verstanden. Ich habe Dein Argument

    Nur hat die Geschichte denjenigen Recht gegeben, die ihre jüdische Nationalidentität im eigenen Lande durch den eigenen Staat verwirklichkt haben und sie sind in der Mehrheit.

    erwidern wollen. Ich bezweifle schlicht, dass die “Geschichte” irgendjemandem recht gegeben hat. Gerade in der Gegenwart sieht es ja nicht unbedingt so aus, als könne man aus ihr die Zukunft extrapolieren. Und bei weitem nicht alle, die nach Israel gekommen sind, taten das aus Überzeugung. Insofern bezweifle ich auch, dass man die Staatsgründung, wie Du das anscheinend tust, als eine Art Volksabstimmung interpretieren kann.

    @SG:
    Habe den “Titel” auch gar nicht negativ aufgefasst. Er steht mir schlicht nicht zu. Will mit meiner vermeintlichen “Gelehrtheit” nirgendwo hin. Jüdisches Wissen geht unvermeidbarerweise mit jüdischem Leben Hand in Hand.

    @Ron:
    Stimme Dir zu. ????? ?? ???? ????? hat es vor über 1000 Jahren in einem klassischen Zitat in ?????? ????? (3. Teil, Kapitel 7) so formuliert:?

    ??? ???????? ??? ????? ???? ???? ??? ????????

    Etwa: Die Kinder Israels sind ein Volk nur durch ihre Torah.
    Der erste hebräische Satz, der traditionellerweise jüdischen Kleinstkindern als erstes beigebracht wird, ist nicht zufällig dieser:

    ???? ?????-???, ???: ?????, ????? ?????

    (????? ??? ?? ,?, Dewarim/Deut. 33:4)

    YM

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  35. In meinen Augen lässt sich die Frage ganz rational beantworten:

    Der jüdische Glaube, d.h. die auf einen selbst bezogene Vorstellung von einer Beziehung zwischen Israel und seinem Gott (in welcher Form auch immer), ist normalerweise – und wir reden hier ja über das Wesen, also über die Norm – nicht die Ursache dafür, dass man Jude ist, sondern ganz eindeutig das Resultat hiervon.

    Das lässt sich an den Milliarden Menschen erkennen, die keinen jüdischen Glauben haben, aber nicht aus Überzeugung, sondern einfach weil sie nicht jüdisch geboren und aufgewachsen sind. Und umgekehrt: Die allermeisten Menschen, die jüdisch geboren und aufgewachsen sind, bleiben bis zum Ende ihres Lebens innerhalb des jüdischen Diskurses (der notabene auch atheistische Juden umfasst!).

    Und gebe mich als Beispiel an: http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/allgemein/2009-08-01/warum_ich_jude_bin

    Nur unter unnatürlichen, armseligen Umständen wie etwa zur Zeit von Saadja Gaon kann das Geistige, das nicht von den natürlichen Umständen abhängt, sprich: das Kultische bzw. das Religiöse, mangels konkreter Bezugspunkte der Identitätsstiftung vom Resultat zum Eckstein werden, ohne den man die Existenz am Rande der Geschichte nicht hätte überleben können, sondern verschwunden wäre wie jedes andere Volk.

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  36. @Yoav:
    Es ist ja nicht so, dass die anderen verschwundenen Völker nicht auch einen “Kult”, wie Du es nennst, bzw eine “Religion”, gehabt hätten. Was ist nach Deiner Auffassung der Unterschied zwischen uns den anderen? Warum hat uns unsere “Religion” vor dem Verschwinden bewahrt, die anderen ihre aber nicht? Zufall?

    Offenbar hälst Du “Religion” nur für ein Mittel. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er seine Erfolge sich selbst als Verdienst zurechnet, dass er sich also in guten Zeiten von G-tt abwendet. Insofern hast Du recht, in schlechten Zeiten tritt das “Religiöse” mehr zum Vorschein.

    Wie schon zuvor erwähnt, finde ich Deine Formulierung vom “Rande der Geschichte” angesichts der schon sehr alten Juden-Obsession der anderen Völker geradezu belustigend.
    Ich verstehe auch Deine Logik nicht, denn ganz offensichtlich bewahrt ein Volk eine Position im “Zentrum der Geschichte” (womit Du offenbar ein eigenes Staatsgebildet verbindest) nicht vor dem Verschwinden.

    Du meinst, das jüdische Volk soll sein wie alle anderen. Die Torah meint, das jüdische Volk soll nicht sein wie alle anderen. Die Geschichte suggeriert mir, dass der Ansatz der Torah vielversprechender ist für den Fortbestand des jüdischen Volkes. Oder meinst Du, solange wir einen Staat haben, brauchen wir nicht religiös zu sein; wenn wir den Staat dann (chas weschalom!) irgendwann mal nicht mehr haben sollten, können wir ja wieder religiös werden?

    YM

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  37. Die antiken Götter wurden an ihren Erfolgen bemessen. Nicht die Völker, sondern Götter siegten und erlitten Niederlagen, infolge deren das eroberte Volk oft den Kult des siegreichen Gottes adoptierte, was auch dazu führen konnte, dass das Volk sich assimiliert, in anderen aufgeht oder einfach eine andere Form annimmt und nicht mehr das ist, was es mal war (Beispiel: Persien beim Übergang in den Islam). Das Besondere am antiken Judentum scheint mir in der Strafteleologie zu bestehen: Die israelitische Gottheit verlor nicht im Kampf gegen die babylonischen Götter, sondern bestrafte das Volk für seine Laster. Mehr zu diesem Ansatz findest du hier: http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/judische-religion/2009-07-19/g-ttliche-geburtswehen

    Bzgl. Staat und Religion: Ich sehe hier keine Dichotomie. In meinen Augen fragst du mich, ob man auf die Freunde, die zu ihm stehen, wenn er sich trüb und alleine fühlt, immer dann verzichten soll, wenn er eine Freundin hat. Meine Antwort lautet also: Inwiefern eine beliebige Privatperson ihr Judentum “religiös” auslebt, hat nichts mit der Existenz eines Staates zu tun. Da hat jeder seinen eigenen Geschmack, wie er sein Judentum versteht. Aber insgesamt ist es klar, dass die Religion in Israel an Bedeutung gewinnt, wenn der Staat an Bedeutung verliert. Ob es so sein “soll” oder nicht, ist eine Frage, die mit dem Gang der Dinge nicht mehr so viel zu tun hat.

    Zum “Rand der Geschichte”: Ein Volk agiert nicht nur durch Texte und Individuen, die sich schöne Gedanken machen, sondern vor allem durch ein funktionierendes, handlungsfähiges Gemeinwesen, was heutzutage “Staat” heißt.

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  38. @Yoav:
    Dein Vergleich mit den Rumäniendeutschen (oder auch Rußlanddeutschen) scheint mir für europäische oder amerikanische Juden wenig zukunftsweisend, denn soweit ich erkenne, das Bewahren einer separaten Identität dort war eng verbunden mit eigenen Siedlungsblöcken (Dörfern, Stadtteilen). Etwas, was mir im Bezug auf Juden in der gegenwärtigen Diaspora nur im Zusammenhang mit strikt orthodoxen Gruppen bekannt ist. (Man sollte auch nicht die Rolle der Schtetls und – lehawdil – der Ghettos bei der Bewahrung jüdischer Identität unterschätzen.)

    Der fundamentale zwischen G-ttesdient und Götzendienst ist so: Wir fragen, was wir für G-tt tun können. Der Götzendiener fragt, was der Götze für ihn tun kann. Frei nach JFK.

    Mir scheint, jüdische Individuen haben die Weltgeschichte durch Texte und Ideen weitaus stärker beeinflusst als andere Völker mit ihren Staaten.

    YM

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  39. Zu den eignen Siedlungsblöcken: Ja, klar, ist doch ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Volksgemeinschaft – ganz egal, ob “en dtail” an der Wolga oder “en masse” in Israel. Kein Wunder, dass die Juden in der heutigen Diaspora oft “verloren gehen”, wenn sie nicht miteinander wohnen, keine eigene Sprache sprechen etc. Die beste “Antwort” auf das “Problem” der Emanzipation ist der Staat Israels – sonst könnte uns selbst die Religion nicht mehr “am Leben” halten (früher waren ja alle religiös, da war diese Überbrückung noch sehr wirksam).

    Zu den Individuen: Kann durchaus sein, aber das hat noch nichts mit dem jüdischen Volk als solchem zu tun.

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  40. Seitdem ich gehört habe, dass sekuläre Israelis über Juden in der dritten Person sprechen, bin ich nicht mehr ganz so überzeugt davon, dass der Staat Israel ein geeignetes Vehikel für jüdische Kontinuität ist. Die “Religiösen” wohnen durchaus auch heute noch oft miteinander. Und manche pflegen sogar heute noch eine eigene Sprache.

    War die Emanzipation das “Problem”? Nicht eher die Aufklärung? Weil sie faktisch jeden Juden zu seinem eigenen Posek gemacht hat?

    Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass Individuen, die aus einer sehr textbasierten Kultur kommen, ausgerechnet mit Texten einen so grossen Einfluss auf die Weltgeschichte hatten. Der Text, der die Weltgeschichte wohl am stärksten beeinflusst hat, hat IMHO ziemlich viel “mit dem jüdischen Volk als solchem zu tun”.

    YM

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  41. Siegmund Freud, hebräisches Vorwort zu Totem und Tabu:

    Keiner der Leser dieses Buches wird sich so leicht in die Gefühlslage des Autors versetzen können, der die heilige Sprache nicht versteht, der väterlichen Religion – wie jeder anderen – völlig entfremdet ist, an nationalistischen Idealen nicht teilnehmen kann und doch die Zugehörigkeit zu seinem Volk nie verleugnet hat, seine Eigenart als jüdische empfindet und sie nicht anders wünscht. Fragte man ihn: Was ist an dir noch jüdisch, wenn du alle diese Gemeinsamkeiten mit deinen Volksgenossen aufgegeben hast, so würde er antworten: Noch sehr viel, wahrscheinlich die Hauptsache. Aber dieses Wesentliche könnte er gegenwärtig nicht in klare Worte fassen.”

    Ist das jüdische Volk, nennen wir es Am Jisrael, damit der Begriff Volk keine falsche Konnotation transportiert, ausschließlich eines durch Religion?
    Das trifft nicht zu, weil auch nahezu alle Strömungen zustimmen, dass man Jude auch sein kann, ohne zu praktizierender Jude zu sein. Auch Atheisten können Juden sein.
    Eine Rasse, wie es die Deutschen behaupteten, mit gemeinsamen genetischen Merkmalen oder geographischer Herkunft? Das ist auch abwegig. Genetische Gemeinsamkeiten lassen sich nur bei Mitglieder der Kohanim finden. Es gibt natürlich Jüdinnen und Juden die behaupten, man müsse jüdisches Blut in sich tragen, um jüdisch sein zu können. Auf der anderen Seite könnte theoretisch jeder dem Judentum beitreten. Praktisch ist das offenbar nicht so einfach.
    Eine ethnische Gruppe? Dazu bedarf es einiger gemeinsamer Nenner. Zumindest irgendwelche Rituale sollten gleich sein. Allerdings ist das nur noch in Grundzügen so, wenn man amerikanische Reformjuden und äthiopische Juden vergleicht.
    Ein Volk, im Sinne modernen Sinne von Nation? Mit gemeinsamer Sprache, einer gemeinsamen Geschichte, gemeinsamen Merkmalen? Nope. Haben wir nicht. Jüdische Bürger sind loyale Bürger jeden Staates in dem sie leben. In der Torah sind Juden noch ein Volk, aber das hat nichts mit territorialer Selbstständigkeit zu tun, eher mit einer größeren Gruppe von Menschen die ein gemeinsames Schicksal hatte und gemeinsame Wurzeln. Davon sind wir heute entfernter denn je. Die geographische Zerklüftung und die unglaubliche Diversität von Juden auf der ganzen Welt, spricht dagegen.
    Jetzt kommt Rabbiner Steinsaltz ins Spiel, der sagt, es gibt einen gemeinsamen Moment zwischen allen Juden, der aber sehr schwer zu fassen sei. Es gäbe ein Gefühl der Verbundenheit und eine Art Mitgefühl, wenn jemandem, der jüdisch ist, etwas zustößt. Weil in der Torah das Am Jisrael auch Bnej Jisrael genannt wird, schlägt er vor, den Begriff Familie zu verwenden. Das erklärt die meisten Phänomene und Geheimnisse jüdischer Identität und warum man Teil dieser Familie werden kann. Diese Familie hat die gleiche Religion, auch wenn es eine unüberschaubare Zahl von Variationen gibt.

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