Zentralrat der deutschen Juden

Sommerloch oder ernsthafte Erwägung? Die Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch hat in einer Sendung des Fernsehsenders 3SAT (hier Online-Meldung):

Präsidentin Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland will ihre Organsiation in “Zentralrat der deutschen Juden” umbenennen. “Dafür will ich mich auch bei meinen Nachfolgern sehr einsetzen”, sagte Knobloch. Noch seien nicht alle 120.000 Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger, viele müssten erst noch eingebürgert werden.

Damit hätten wir mal schnell 95 Prozent der Gemeindemitglieder ausgeklammert? Das meint auch Michel Friedmann:

Der ehemalige Vizechef des Zentralrats, Michel Friedman, hält eine Umbenennung für falsch. “Ich fühle mich sehr wohl mit dem Begriff Zentralrat der Juden in Deutschland, weil er keinen ausklammert”, sagte Friedman dem “Kulturzeit”-Magazin. von hier

Eine Schatten und Scheindebatte: Alle sind zufrieden damit, wie es ist. Nahezu jeder Jude der in Deutschland lebt, ganz gleich ob eingewandert, hier geboren oder nur temporär hier, würde theoretisch unter den Titel des Dachverbandes passen. Was für ein Dachverband wäre das, der schon Leute durch seine Selbstbezeichnung ausschließt?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

35 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Problem besteht doch gar nicht bei einem etwaigen Ausschluss, sondern beim unzulässigen Vertretungsanspruch. Ein sehr großer Teil der Juden in Deutschland, wenn nicht die meisten, sind gar keine Mitglieder in einer dem ZR angeschlossenen Gemeinde bzw. Landesverband. Zudem hat der ZR die Rechtsstellung als KdöR aufgrund seiner religiös-kultischen Funktion, und auch das müsste in seinem Titel bzw. Namen zum Ausdruck kommen.

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  2. Nein, besser ist es, weniger zu vertreten vorgeben als man tatsächlich vertreten kann, als umgekehrt… Im Zweifelsfall: Mehr Sein als Schein.

    Der ZR besteht ja im Grunde genommen aus Landesverbänden und diese wiederum aus einzelnen Kultusgemeinden, welche ohne die kultisch-jüdische Kernfunktion schlichte e. V.s wären. Das gesamte Gefüge hat also von Grund auf nur deswegen die Rechtsstellung als KdöR, weil es als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt ist. Inwiefern der ZR diese Kernfunktion (bzw. deren Aspekte auf Bundesebene) wirklich erfüllt, ist eine andere Frage.

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  3. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat der Zentralrat der Juden in Deutschland vor allem die Aufgabe, die Interessen seiner Mitglieder nach Außen zu vertreten. von hier

    Das klingt mir nicht nach einem “religiös-kultischen” Anspruch. Wobei “Mitglieder” nicht Personen sind, sondern Grossgemeinden und Landesverbände. Und “Interessen” sind eher politische Interessen, nicht religiöse. Der ZR beansprucht nicht die Rolle eines Vatikans oder eine Bischofskonferenz. Hätte der ZR einen religiösen Anspruch, würde man von den Repräsentanten eine entsprechende Qualifikation verlangen.

    Natürlich kann eine Organisation per definition nur organisierte Mitglieder vertreten, nicht unorganisierte. Und Namen von Organisationen suggerieren oft Vertretungsansprüche, die nicht immer wörtlich zu nehmen sind.

    Worauf der K.d.ö.R.-Status basiert, ist mir ehrlich gesagt auch unklar.

    Dieser Umbennungsplan ist mir völlig unverständlich. Selbst wenn die hier lebenden Juden mittlerweile sämtlich deutsche Pässe hätten, würden die damit nicht zu “deutschen Juden”. Der Begriff ist mit bestimmten Anschauungen und Bräuchen verbunden, die zwar ausserhalb Deutschlands durchaus noch gepflegt werden, aber in Deutschland eher nicht.

    YM

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  4. Dafür will ich mich auch bei meinen Nachfolgern sehr einsetzen.

    “Nachfolgern”? Habe ich da was versäumt?

    Noch seien nicht alle 120.000 Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger.

    “Alle 120.000 Juden”? Laut dem von Chajm kürzlich dankenswerterweise aufgespürten Bericht vermeldete der ZR zum 31.12.2008 in seinen Gemeinden 106.435 organisierte Personen. Es gibt also nur 13.565 nicht im ZR organisierte Juden? So hoch würde ich die Zahl der anderweitig organisierten Juden einschätzen. Mit anderen Worten: Wer nicht jüdisch organisiert ist, ist laut Charlotte Knobloch automatisch Nichtjude?
    Oder wie ist das zu verstehen?

    YM

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  5. @ YM: Der Zentralrat kann es so drehen wie er will, aber eine KdöR ist er einzig und allein wegen des religiösen Punktes. Es wundert mich nicht, dass eine Organisation, die vorgibt, Personen zu vertreten, die sie weder vertritt noch vertreten kann, auch mit ihren “Kompetenzen” so locker umgeht, sofern diese Zielsetzung wirklich so zu verstehen ist, wie du sie oben dargelegt hast. Mich dünkt, es ist mit Absicht vage formuliert.

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  6. @Yoav:
    Nu, es ist ein Dachverband, der die Interessen der Landesverbände und Grossgemeinden vertritt. Das heißt zum einen wohl, über Staatsverträge die finanziellen Grundlagen der Gemeindearbeit sichern, Dinge wie das Feiertagsgesetz etc. Dass Aufgrund der Geschichte Vertreter des ZR von den Medien gern mal in eine Gewissenspolizei gedrängt werde (die so mancher anscheinend nicht ungern annimmt), gehört wohl nicht unbedingt zum Kern des Aufgabengebiets.

    Früher, vor 1990, wurde ja gelegentlich festgestellt, dass die Identität vieler Juden in Deutschland (aber auch anderswo) weniger um “Torah” und “Mitzwoth”, sondern mehr um “Schoah” und “Solidarität mit Israel” gebaut sei. Und diese “Religion” vertritt der ZR doch ganz passabel, oder? (Über wieviele Generationen so eine “Religion” lebensfähig ist, ist eine andere Frage. Das Live-Experiment läuft vor unser aller Augen ab.)

    YM

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  7. Na ja, wenn man genau hinguckt, müßte es ja eigentlich heißen:
    “Zentralrat der orthodoxen und pseudo-orthodoxen Juden in der Bundesrepublik Deutschland”. Denn Deutschland ohne Apendix war schon immer ein Wintermärchen und wie sieht es mit liberalen oder reformierten Gemeinden im ZR aus ? P.S.: Irgendwie erinnert das Kürzel Z.R. ein bißchen an Z.K..
    Gitt Restwoch noch,
    Euer
    Shabbes-Goi

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  8. Hallo SG,

    nice to meet you here again!
    Es gibt zwei liberale (oder pseudo-liberale? ;-)) Landesverbände im ZR (aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen). Siehe auch http://www.zentralratdjuden.de/de/topic/5.html
    In der Tat gibt es eine Parallele zwischen ZR und ZK, nämlich die Tatsache, dass die Mitglieder der jeweiligen Gremien nicht direkt von der “Basis” gewählt werden, sondern von Delegierten (die evtl ihrerseits wiederum von Delegierten gewählt wurden).

    YM

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  9. Tja, Schleswig Holstein & Niedersachsen. Aber frag mal Roman, wie die Stellung seiner Gemeinde in NRW ist. Übrigens ist dieses ganze öffentliche Körperschaftsgesetz in Hinsicht auf Glaubensgemeinschaften hauptsächlich von der SPD im verfassungsgebenden Ausschuss 1918/19 geprägt. Eine Notlösung, um nicht wie in Frankreich wirklich zwischen Staat und Kirche trennen zu müssen. Diesen “Bonus” hat man dann auf andere Religions- & Weltanschauungsgemeinschaften erweitert. Spannend ist vor allem der Aspekt, dass der Staat K.d.ö.R. einräumt, eigene Gesetze zu erlassen und selbst einen eigenständigen Beamtenstatus einzuführen. Sozusagen ein Staat im Staate.

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  10. Wenn Frau Knobloch von “deutschen Juden” sprechen will, scheint sie die jüdische Eigendefinition als Volk zu ignorieren oder ihr keine Wichtigkeit beizumessen. Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Bezeichnung “deutsche Juden” genauso sinnlos wie “deutsche Türken”.
    Ansonsten weiß ich auch gar nicht, was eine solche Umbenennung bringen soll.
    Zudem frage ich mich, mit welcher Legitimation und Begründung Frau Knobloch eine solche Namensänderung gern vornehmen würde. Das sie die Lebenswirklichkeit in den Gemeinden damit nicht treffen würde, ist ohnehin klar – und damit beziehe ich mich nicht nur auf die Zuwanderer.

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  11. Na ja, im Gegensatz zu Chajm spekuliere ich nicht auf eine Sauregurkenmeldung oder auf einen Sommerlochfüller. Eigentlich ist es ja fast nur eine Wortumstellung. Aber genau die hat es in sich. Vor allem im Kontext von “Noch seien nicht alle 120.000 Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger, viele müssten erst noch eingebürgert werden.”, glaube ich eher, dass diese nominelle Veränderung in Richtung Schäuble winkt und das sich effektiv noch mehr dahinter verbirgt.

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  12. “viele müssten erst noch eingebürgert werden” – streng genommen bezieht es sich nicht nur auf Kontingentflüchtlinge u. Ä., sondern auch auf Gemeindemitglieder wie mich, die in ihren Kultusgemeinden zwar ebenfalls mit einem fremden Pass registriert sind, aber ihren Aufenthaltstitel nicht unbedingt verliehen bekommen haben, damit sie sich hier später auch einbürgern. Es stellt sich also die Frage, ob die Schattenregierung ZR/ZK nunmehr auch über die bundesrepublikanische Einwanderungspolitik entscheiden zu dürfen glaubt. Aber da kann man sich jederzeit hinter dem Konjunktiv verstecken.

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  13. Na ja, unterm Strich, um ganz ehrlich zu sein, scheint es von außen betrachtet beim Z.R. um Posten, Pfründe und um Einfluss zu gehen. Die Ziele sind viel zu unklar umrissen. Ist es eine Bundesvertretung der Kultusgemeinschaften mit der klaren Aufgabe, die notwenigen Grundlagen für die Ausübung des Kultus und die damit verbundenen Bildungsaufgaben zu schaffen? Sind sie die Verwalter des schlechten Gewissens ? Die Mahner gegen neuen Antisemitismus? Oder die Bauhütte neuer Synagogen, die dann Ihrer Zwecker-Füllung harren? Von außen betrachtet fehlt einfach das klare Programm. Was will der Z.R. eigentlich? Und die zweite Frage wäre, hat er das Personal mit den notwendigen fachlichen Qualifikationen, diese Ziele dann umzusetzen?
    Irgendwie errinnert das Ganze doch sehr an die Mechanismen und Strukturen jeder x-beliebigen Partei, es fehlt halt nur die Wahl.

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  14. @ Ron: Na ja, das Ende dieser Kette wären dann die ” deutschen Deutschen”. Und genau darum geht es ihnen, der Bundesregierung, nicht dem Z.R.. Nationale Sumpftümelei im Sinne von “Du bist Deutschland”, “Wir sind Papst” und unsägliche Einbürgerungstests statt doppelter Staatsbürgerschaft, wobei eigentlich jeder Staatsbürger werden können müßte, der das Grundgesetz anerkennt. Denn das ist die eigentliche, leider immer weiter ausgehöhlte Grundlage dieses Staates, nicht diese dumpfe Deutschtümelei. Und der Zentralrat stellt sich nie dagegen, obwohl sie es eigentlich besser wissen müßten.
    Aber durch zu klaren Einspruch verscherzt man sich natürlich auch politisches Entgegenkommen.
    Mir ist der jetzige Titel des Z.R schon ein Greuel.
    Eigentlich müßte es doch heißen: “Bundesvertretung der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden.” Aber diese Verbindung von Zentralrat und “in Deutschland”, na ja, eben richtig deutsch, wenig bundesrepublikanisch. Und mit dem neuen Titel wird es dann eben noch ein bißchen deutscher, was immer sich hinter dieser Floskel verbergen mag.

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  15. Wenn Frau Knobloch von deutschen Juden sprechen will, scheint sie die jüdische Eigendefinition als Volk zu ignorieren oder ihr keine Wichtigkeit beizumessen.

    Zunächst: es hieß nicht jüdische Deutsche, sondern deutsche Juden. Meint: Die Formulierung spricht immer noch primär von Juden mit dem Sekundärattribut “deutsch”. Das dieses Attribut in der gegenwärtigen Situation unsinnig ist, darin sind wir uns offenbar einig. Ich denke aber nicht, dass hier Juden zu Deutschen deklariert werden sollen.

    Wenn es aber so wäre: Ist es nur der Zentralrat der hier die “jüdische Eigendefinition als Volk ignoriert”? Der Volksbegriff im Bezug auf die Nachfahren Israels taucht erstmals auf in Schmoth/Exodus, unter anderem in dem berühmten, als Spiritual vertonten Vers: “…Let My people go…”/”…Lasse Mein Volk ziehen…” (8:16). Es wird leider allzugern ignoriert, dass der Vers weitergeht: “… damit sie Mir dienen”. Nach der jüdischen Eigendefinition sind wir eben nicht ein Volk wie die anderen. Der Volksstatus ist mit einer bestimmten Aufgabe verknüpft. Die von wieviel Prozent der ZR-Gemeindemitglieder ernst genommen wird? In einer Zeit, wo im allgemeinen gewählte Führer nicht führen, sondern stattdessen der Wählermeinung hinterher laufen, wäre es nicht unbedingt außergewöhnlich, wenn auch die ZR-Spitze die “jüdische Eigendefinition als Volk ignoriert”.

    es fehlt halt nur die Wahl

    Das ist sachlich nicht ganz richtig. Es liegen durchaus Wahlen in den angeschlossenen Gemeinden (mit oft dürftiger Wahlbeteiligung und unklarer Transparenz) zugrunde. Nur eben keine direkten. Das ist übrigens in politischen Parteien tatsächlich ähnlich.

    YM

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  16. @ YM:

    Warum zitierst du hier gerade aus diesem (ideologisch freilich nicht “objektiven” oder “neutralen”) Text und nicht aus einem anderen, den das jüdische Volk ebenfalls hervorbrachte und der womöglich eine andere Auffassung des jüdischen Volkes artikuliert als Ex. 8:16.

    Mit anderen Worten: Ex. 8:16 stellt – auch wenn man ihn anders versteht als du – eine zwar wichtige “Eigendefinition” dar, aber eben nur eine unter vielen.

    Und apropos Ex. 8:16 kommen mir die Worte von Rabbiner Cherki wieder in den Sinn: Wir sind kein jüdisches Volk, weil wir die Thorah haben, sondern wir haben die Thorah, weil wir das jüdische Volk sind.

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  17. Was haben K.d.ö.Rs eigentlich mit Religion zu tun? Nichts! Siehe z.B. “Steuerberaterkammer Düsseldorf (KdöR)”. Das ist ein Rechtsstatus, sonst nichts.

    “Mir ist der jetzige Titel des Z.R schon ein Greuel.
    Eigentlich müßte es doch heißen: Bundesvertretung der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden. Aber diese Verbindung von Zentralrat und in Deutschland”

    Ist doch egal. Die Bundesrepublik ist nicht einmal der Nachfolger des 3. Reiches, es ist das 3. Reich, zumindest rechtlich.

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  18. Nach SPD und CDU nun auch der ZR mit seinem beitrag zum Sommerloch!!!

    Ich zitiere nur schnell mal Leo Baeck : “Die Geschichte des deutschen Judentums ist definitiv zu Ende …” und damit ist alles gesagt, der Zentralrat kann sich nennen wie er will.

    Dafür will ich mich auch bei meinen Nachfolgern sehr einsetzen
    Will Frau Knobloch etwa abtreten???

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  19. @Yoav:
    Ich bin nicht der Überzeugung, dass es “das jüdische Volk” war, dass den von mir zitierten Text hervorgebracht hat. Aber das ist Dir sicher auch klar. Wie verstehst Du denn Ex. 8:16? Welchen anderen Text hätte ich nach Deiner Auffassung zitieren sollen? Und inwiefern wäre der “objektiver” oder “ideologisch neutraler”? Wir haben die Torah, weil wir die ersten waren, die “Na’asseh wenischma” gesagt haben.

    @Roman:
    Es gibt eine besondere Kategorie von KdöR, die religiösen KdöR. Du hast Recht, es ist “nur” ein Rechtsstatus, aber eben einer, der mit Priviliegien verbunden ist. Und in der Tat, dass die Gemeinden, und in Erweiterung die Landesverbände und der ZR diese Privilegien geniessen, verdanken sie dem Status als anerkannte Religionsgemeinschaft.
    Korrekter müßte es statt “3. Reich” heißen “Deutsches Reich”. Du beziehst Dich offenbar auf http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Reich#Begriff_nach_1945

    YM

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  20. @ Chaim:

    …als wäre das so einfach, dass man es hier als Kommentar binnen weniger Sätzen erklären könnte!

    Meine Auffassungen werden je nach Thema in manch bisherigen (wie auch noch geplanten…) Beiträgen auf meinem Blog erklärt. Liest du den eigentlich oder tust du das nur wenn du für die JZ über die jüdische Blogosphäre schreiben willst? 😉

    Nun, was die Unterschiede zwischen Kaplan und mir angeht, so versuche ich trotzdem, sie kurz zu beschreiben: Kaplan hatte eine philosophische Perspektive aufs Judentum, die es ihm ermöglichte, ziemlich frei mit Begriffen umzugehen, während ich mich dem historischen Blick verpflichtet fühle und das Judentum daher nicht zu einer “Zivilisation” erklären würde (selbst wenn die Juden ein gemeinsames Narrativ hätten, das sie als Zivilisation darstellen würde: Die Definition als “Zivilisation” setzt m. E. mehr voraus als ein gemeinsames Narrativ). Mit diesem Ansatz wollte Kaplan m. E. die ihm tradierte Plausibilität jüdischer Existenz in nichtjüdischen Ländern aufrechterhalten, *ohne* diese Existenzform von der mittradierten Religiosität abhängig zu machen. Ich als Zionist sehe hier eine andere Möglichkeit, nämlich, im Ausland zu leben wie die Deutschen in Siebenbürgen, sodass die Frage der Religiosität zweitrangig wird (ein Deutscher in Siebenbürgern muss nicht gläubig sein, um Teil der deutschen Gemeinschaft zu sein, aber er würde sich schon erheblich rumänisieren, wenn er sich orthodox taufen lassen sollte). Demzufolge betrachtete er die Beziehung zu Gott als eine philosophische Frage, während sie sich mir als eine soziologische Frage stellt.

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  21. Klar bemühe ich mich alle Blogs zu lesen… aber Du hast mir ja hier ein ein Appetithäppchen hingeworfen, da wollte ich schon direkt die ganze Mahlzeit haben 😉

    Deshalb auch Dank für Deine Erklärung! Dein Kommentar erinnerte mich ja erheblich an die Sicht Kaplans und erfreut, dass Dein Spektrum so groß ist, dass Du wiederum wußtest, was ich meine…

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  22. Diese Diskussion gab es auch schon mal vor Jahren. Auch die Begründung, man wolle sich nicht umbennen, weil Juden aus den ehem. GUS-Ländern keine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Ich kann mir denken, dass man das Thema immer mal anspricht. Auch in Zukunft.

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  23. In Ergänzung zu Yael (heute in der FR):

    “Die Debatte gibt es schon seit langem. Ich habe immer gesagt, dass man sich mit einer Umbenennung befassen und diese dann auch umsetzen muss, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen sind”, sagte sie [Charlotte Knobloch] der FR. “Momentan ist das noch nicht der Fall.” Bei der Diskussionsrunde in Stuttgart ging der letzte Teil unter, ebenso bei einem Bericht von 3sat. Der Satz wurde ein Politikum.” von hier

    YM

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  24. @Alle
    Nochmal zurück zur Thematik… 😉 Schauen wir doch, wie sich die Gemeinden historisch entwickelt haben, die sich da im Zentralrat zusammengeschlossen haben und in denen längst nicht alle Juden Deutschland Mitglieder sind.

    Bereits bei der Gründung der Gemeinden war es wohl offensichtlich, dass sie nicht nur religiöse Zwecke erfüllten (was ich durchaus für legitim halte) – für wen, fragt man sich, wenn man die Dissertation von Harry Maor liest.
    Schauen wir doch, was Harry Maor 1961 herausfand. Er beschäftigte sich eingehend mit den wiedererstandenen Gemeinden in Deutschland. Unbedingt anraten würde ich Lektüre der gesamten Dissertation: http://www.harrymaor.com/

    Die Zugehörigkeit zum Judentum drückte sich bei den Angehörigen der Restgruppe letztlich dadurch aus, daß sie alle unter Hitler ein jüdisches Schicksal erfahren hatten, das immer grausam war, auch wenn es manchmal in seiner Grausamkeit abgestuft schien. Die neuen Gemeindegründer – und Mitglieder gehörten ganz überwiegend zu jenen deutschen Juden, die den natürlichen aktiven und passiven Assimilationsprozess mit seinen Begleiterscheinungen der innerlichen und äußerlichen Loslösung vom Judentum, wie sie sich am sinnfälligsten in den Austritten aus den Gemeinden, der Taufe und der Mischehe dokumentierten, bis zu Ende gegangen waren. Sie standen fast alle am Rande eines Judentums, das ihnen oft genug schon von den Vätern und Großvätern in verdünnter Substanz überkommen war. Sie schienen den Prognosen der jüdischen Bevölkerungspolitiker, Historiker und Soziologen recht zu geben, die im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts vom “Untergang des deutschen Judentums” innerhalb weniger Generationen gesprochen hatten. Dieser fast vollendete Aissimilationsprozess konnte faktisch nicht mehr rückgängig gemacht werden, und der Soziologe wird tiefgreifende Wandlungen nach der Art einer “jüdischen Umkehr” kaum erwarten. Aus. Maor, Harry: Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden seit 1945, Dissertation, Mainz 1961, Seite 4

    an anderer Stelle:

    Dieser Wunsch, zum Judentum und seinen geistigen Quellen zurückzukehren, droht früh an dem Mangel fast jeglicher jüdischen Tradition unter den “neuen Juden” zu zerbrechen (51). Der Mangel an Rabbinern ließ die Gottesdienste hier und da geradezu “synkretistische” Elemente annehmen, was durch die Anwesenheit der christlichen Ehepartner erklärt werden mag:
    “Das Ausmaß der Unwissenheit in jüdischen Dingen ist unvorstellbar. Menschen möchten etwas erfahren, etwas lernen. Es gibt keine Bücher, es gibt keinen Menschen, zu denen sie gehen können – und sie würden sich sehr gerne mit jüdischen Dingen beschäftigen.”
    Aus. Maor, Harry: Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden seit 1945, Dissertation, Mainz 1961, Seiten 11/12

    Über die Einrichtung des Zentralrats:

    Diese Landesverbände und Landesgemeinden sind mit Ausnahme des Landesverbandes der Ostzone (19) in einer seit 1948 immer nachdrücklicher geforderten “Dachorganisation” (20) zusammengeschlossen, die 1950 unter dem Namen “Zentralrat der Juden in Deutschland” (Sitz Düsseldorf) ins Leben trat. Der Zentralrat der Juden ist seit seiner Gründung die von allen jüdischen Institutionen und Organisationen des In- und Auslandes ebenso wie auch von den Deutschen Behörden anerkannte höchste Repräsentanz und der offizielle Sprecher des Judentums in Deutschland, in der Tat seiner Führung. Er besteht aus einem sechsköpfigen Direktorium, das eine Exekutive aus drei Personen bildet. Die Geschäftsführung des Zentralrats, der selbst weder Körperschaft des öffentlichen Rechts noch eingetragener Verein ist, wird von einem der Exekutive angehörigen Generalsekretär wahrgenommen. Die sechs Direktoriumsmitglieder sowie ihre vier Stellvertreter sind Delegierte der Landesverbände und Landesgemeinden. Der Generalsekretär sowie sechs der zehn Direktoriumsmitglieder sind besoldet, die Direktoriumsmitglieder allerdings nur in ihrer Eigenschaft als geschäftsführende Vorsitzende ihrer Gemeinden oder Landesverbände. Im Zentralrat besteht als ständige Einrichtung ein Kulturdezernat, zu dessen Aufgaben die jüdische Erwachsenenbildung bei den Gemeinden teilweise auch das Religionsschulwesen (21) sowie ein Informationsdienst gehören. Der Kulturkommission, dem Haushaltsausschuß sowie dem Schiedsgericht des Zentralrats gehören auch Nichtdelegierte, darunter zwei Rabbiner an (22). Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, obgleich ein selbständiger, eingetragener Verein (23), als deren Aufgabengebiet die soziale Arbeit im weitesten Sinn einschließlich der Jugendpflege genannt werden darf, ist ebenfalls eine Schöpfung des Zentralrats, was wiederum in der weitgehenden Identität der Direktoriumsmitglieder mit dem Vorstand der Zentralwohlfahrtsstelle zum Ausdruck kommt (24). Es würde über den Rahmen dieser Studie hinausgehen hier im einzelnen die materiell wie ideell höchst wertvollen Tätigkeiten des Zentralrats aufzuzählen, die zu einem gewiß nicht geringen Teil mit dem Wiederaufbau der Gemeinden selbst zusammenfallen (25). So ist die Beschaffung von Mitteln zur finanziellen Sicherung der Gemeinden auf dem Wege der Rückerstattung und Wiedergutmachung ein hohes Verdienst des Zentralrats, dessen Generalsekretär, Hr. H.G. van Dam, auch maßgeblich an der Entschädigungsgesetzgebung mitgewirkt hat. Aus. Maor, Harry: Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden seit 1945, Dissertation, Mainz 1961, Seiten 91,92

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  25. Baleblog! Smartest author off the universe. Danke für das labende Öl über mein wundes Haupt! Tja, ich war ein wenig absent, weil die Arbeit mich unter sich begraben hat und ich im Jammertal einer leichten Sinnkrise steckte. Wie das mit uns Künstlern halt so ist.
    Übrigens, hast Du schon gehört, am kommenden Shabbes, 05. September 2009, (16. Elul 5769 Ki Tawo), soll es um 10.oo Uhr bei EtzAmi ein höchst erqickliches Shacharit-Shabbat geben. Ich habe sogar von einem Besucher gehört, dass er eine erlesene Flasche Yarden Mount Hermon zum Kiddush mitbringt. Wer im Pott weilt, nur zu empfehlen ( Shacharit natürlich, nicht nur der Yarden ).
    Mehr dazu hier: http://www.minjan.de/ unter Termine.
    Gute Woche
    Euer Shabbes-Goi

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  26. @Konstantin Zum Leo Baeck Zitat zitiere ich nochmal Maor:

    Baeck soll diese seither vielzitierte Äußerung bereits auf der ersten Sitzung der Reichsvertretung der deutschen Juden (1933 gegr.) getan haben. In einem nach dem Krieg geschriebenen Aufsatz ‘Die deutschen Juden’, in: Ten Years American Federation Of Jews etc., findet sich nur die Wendung: “Die Zeit der Juden in Deutschland scheint beendet zu sein…” In einer Grußbotschaft, die Leo Baeck laut “Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland, Düsseldorf 24.8.1951 nach einem Besuch der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an die Juden in Deutschland richtete, sagte er: “Wer die jüdischen Gemeinden in Deutschland nach Jahren wiedersieht, steht unter dem tiefen Eindruck der Arbeit, die unter unvergleichlichen Schwierigkeiten vollbracht worden ist. Voller Dankbarkeit muß jeder dieses Werk des Aufbaus anerkennen.”

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