Artikel

Über den Wiederaufbau

Vor kurzer Zeit schrieb ich hier über den möglichen Niedergang des Judentums und als es um den Zentralrat ging, fiel mir wieder Harry Maor (Biographie hier, 1914 – 1982) ein, der den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden detailliert und fundiert beschrieben hat. Wenn man seine Analyse (die er im Rahmen seiner Dissertation anfertigte) liest, spricht man nicht vom Wiederaufbau des Judentums, denn das war es in erster Linie nicht. Man spricht zunächst vom Wiederaufbau der Gemeinden.
So schrieb Maor

Die Zugehörigkeit zum Judentum drückte sich bei den Angehörigen der Restgruppe letztlich dadurch aus, daß sie alle unter Hitler ein jüdisches Schicksal erfahren hatten, das immer grausam war, auch wenn es manchmal in seiner Grausamkeit abgestuft schien. Die neuen Gemeindegründer und Mitglieder gehörten ganz überwiegend zu jenen deutschen Juden, die den natürlichen aktiven und passiven Assimilationsprozess mit seinen Begleiterscheinungen der innerlichen und äußerlichen Loslösung vom Judentum, wie sie sich am sinnfälligsten in den Austritten aus den Gemeinden, der Taufe und der Mischehe dokumentierten, bis zu Ende gegangen waren. Sie standen fast alle am Rande eines Judentums, das ihnen oft genug schon von den Vätern und Großvätern in verdünnter Substanz überkommen war. Sie schienen den Prognosen der jüdischen Bevölkerungspolitiker, Historiker und Soziologen recht zu geben, die im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts vom Untergang des deutschen Judentums innerhalb weniger Generationen gesprochen hatten. Dieser fast vollendete Assimilationsprozess konnte faktisch nicht mehr rückgängig gemacht werden, und der Soziologe wird tiefgreifende Wandlungen nach der Art einer jüdischen Umkehr kaum erwarten. Aus. Maor, Harry: Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden seit 1945, Dissertation, Mainz 1961, Seite 4

Seinen gesamten Text kann man hier herunterladen. Zahlen, Berichte aus erster Hand, Gemeindelisten, Satzungen etc. Vollständiger geht es kaum. Wie die Geschichte danach weiterging, durften wir erleben. Die Frage ist, wer die Zukunft gestaltet.

Artikel

Zentralrat der deutschen Juden

Sommerloch oder ernsthafte Erwägung? Die Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch hat in einer Sendung des Fernsehsenders 3SAT (hier Online-Meldung):

Präsidentin Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland will ihre Organsiation in „Zentralrat der deutschen Juden“ umbenennen. „Dafür will ich mich auch bei meinen Nachfolgern sehr einsetzen“, sagte Knobloch. Noch seien nicht alle 120.000 Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger, viele müssten erst noch eingebürgert werden.

Damit hätten wir mal schnell 95 Prozent der Gemeindemitglieder ausgeklammert? Das meint auch Michel Friedmann:

Der ehemalige Vizechef des Zentralrats, Michel Friedman, hält eine Umbenennung für falsch. „Ich fühle mich sehr wohl mit dem Begriff Zentralrat der Juden in Deutschland, weil er keinen ausklammert“, sagte Friedman dem „Kulturzeit“-Magazin. von hier

Eine Schatten und Scheindebatte: Alle sind zufrieden damit, wie es ist. Nahezu jeder Jude der in Deutschland lebt, ganz gleich ob eingewandert, hier geboren oder nur temporär hier, würde theoretisch unter den Titel des Dachverbandes passen. Was für ein Dachverband wäre das, der schon Leute durch seine Selbstbezeichnung ausschließt?

Artikel

Jüdische Blogs gespammt und nun beleidigt

Andere Blogger kennen das Phänomen vielleicht: Gelegentlich erhält man Besuch von anderen Blogbetreibern die nicht einmal einen Pseudokommentar verfassen, sondern direkt einfach nur einen Link zu ihrem Blog in das Kommentarfeld packen. Eine andere Variante ist das Setzen von so genannten Trackbacks ohne tatsächlich auf die jeweiligen Blogs zu verweisen. Ziel ist es, auf sich selbst aufmerksam zu machen.
Ähnliches hat ein Aktiver einer christlichen Seite gemacht. Zufällig besuchte er die Seiten, die in meinem Artikel über jüdische Blogs erwähnt wurden (zumindest einige von ihnen) inklusive meines eigenen Blogeintrages darüber und parkte einen Link drunter. Anna fand das wenig charmant und bloggte das, freilich ohne den Urheber zu nennen. Nun legt aber der Urheber der Links in den Kommentaren nach und gibt sich beleidigt. Er habe einen Dialog gewollt, Anna würde den nicht wollen. Hier lässt er sich darüber aus und eskaliert so diese Geschichte, die sonst niemand auf den Tisch gepackt hätte.
Wie so häufig, wenn Juden sich der Umarmung erwehren, wird es dann auch schon mal unangenehm und der Ton schärfer und auch herablassender:

In Deutschland haben wir Religionsfreiheit und es sollte kein Thema sein, Deine Religion hier zu leben und zu praktizieren. Was meinst Du damit, wenn Du sagst, das sei schwieriger als an vielen anderen Orten der Welt ? Denkst Du, im Iran oder Irak wäre das leichter ? von hier

und später in einem Kommentar:

Irgendwie kommt es mir aber so vor, dass möglicherweise viele Juden so eine Art Paranoia haben, dass man ihnen was will ? von hier

Ansonsten gibt sich der Urheber ahnungslos und sieht nicht, dass es offenbar auch Personen mit anderer Meinung geben könnte. Er habe nur die Blogger einladen wollen, auf seinem Portal zu bloggen. Einladungen schauen jedoch anders aus und poltern nicht als reine Linkablage in die Blogs. Mit einer vernünftigen Vorgehensweise hätte man sich die darauf folgende Selbstentblößung ersparen können…

Artikel

Exorzist in jüdischer Version

Seit diesem Jahr und ab August auf DVD gibt es eine jüdische Variante des Films Der Exorzist. Die Geschichte (Standardhorrorfilmgeschichte) ist schnell erzählt: Studentin Casey hat Albträume und Visionen und ihre Augenfarbe verändert sich. Ein Arzt erzählt ihr, dass diese Veränderung bei Zwillingen auftreten können. Ihr Vater erzählt ihr daraufhin, dass sie einen Zwillingsbruder hatte, dieser jedoch im Mutterleib verstarb. Natürlich interessiert sie sich für die Geschichte und so trifft sie ihre Großmutter- Diese erzählt ihr von Experimenten in Auschwitz bei Zwillingen. Damals habe ein Dämon ihren Bruder befallen, der sich nun menschliche Körper sucht, um durch Spiegel (wie in Zillionen anderer Filme) in die Welt der Menschen zu gelangen. Ein Rabbiner muss also her (Rabbi Sendak, gespielt von Gary Oldman), um den Dämon loszuwerden. Das ganze natürlich ausgestattet mit dem ganzen Horrorkram, der so dazu gehört – drehende Köpfe, Menschen werden irgendwo hinein gezogen etc. Ein besonderer jüdischer Film ist er nicht. Wer die Möglichkeit ihn zu sehen kann das tun, sollte aber keine großen Erwartungen haben…

Der englische Trailer:

The Unborn – bei amazon.de auf DVD

Artikel

Die nackten Zahlen – aufbereitet

Wie es um die Renaissance des Judentums in Deutschland bestellt ist, war hier kürzlich mit Bezug auf Julius Schoeps Thema. Es lohnt sich aber auch, die nackten Zahlen zur Situation des Judentums bzw. der organisierten jüdischen Gemeinden zu betrachten. Die ZWST hat diese Zahlen für das Jahr 2008 dokumentiert. Die Zahlen habe ich dementsprechend ein wenig aufgearbeitet und visualisiert.
Ablesbar ist, dass der Abwärtstrend bereits eingesetzt hat:
mitglieder

Verknüpft mit der Anzahl der Einwanderer aus der jüdischen Einwanderung ergibt sich eine große Differenz:

Differenz Zuwanderung - Gemeindemitgliedschaft

Die Alterspyramide:
Die Alterspyramide

Artikel

Kirchensteuer fällt um

Ein Gerichtsurteil, welches fast untergeht -trotz des Sommerlochs. Die Kirchensteuer wackelt. Die Auswirkungen wären keine kleinen. Man könnte demnach die Zugehörigkeit zum Judentum aus der Steuerkarte streichen lassen und dennoch auf Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde bestehen. Die Süddeutsche Zeitung berichtete unter dem Titel Sterbeglocke schlägt für Kirchensteuer, die ZEIT berichtete ebenfalls.

Im Juli 2007 erklärte der Freiburger Kirchenrechtler Hartmut Zapp vor dem Standesamt seine Abkehr von der Kirche, hielt aber in einer Zusatzerklärung fest, sein Schritt beziehe sich ausschließlich auf die Körperschaft öffentlichen Rechts. Der Glaubensgemeinschaft fühle er sich weiter zugehörig. Aus durchaus frommen Gründen wagte er die rebellische Tat. Weder pekuniäre noch kirchenkritische Motive gaben den Ausschlag. Nicht länger aber soll mit Exkommunikation bestraft werden, wer die Kirchensteuer ablehnt, ohne auch den Glauben zu negieren. Der Körperschaftsaustritt sollte einen Präzedenzfall schaffen. von hier

Artikel

Jüdische Blogs in deutscher Sprache

Im Juli erschien in der Jüdischen Allgemeinen der Artikel Digitale Freistilringer in dem eine ganze Reihe proisralischer Blogs kurzerhand zu jüdischen Blogs erklärt wurden. Wie Jüdisches Berlin feststellte, wurde auch jemand zum Geburtshelfer der deutschsprachigen jüdischen Blogosphäre erklärt, der damit zunächst überhaupt nichts zu tun hatte. Dementsprechend wurde nun nachgelegt und ein kurzer Gang durch die deutschsprachige jüdische Blogosphäre unternommen. Ach ja, der Artikel ist von mir… und hier abrufbar.

Artikel

Veranstaltung: Was nach Dresden?

Veranstaltungshinweis:
Auf tragische Weise hat uns der Mord an Marwa El-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal vor Augen geführt, wie virulent und gefährlich menschenverachtende Ressentiments in unserer Gesellschaft sein können. Der tödliche Vorfall in der sächsischen Hauptstadt wirft zahlreiche Fragen auf, die, wie viele glauben, im Nachgang zum Mord unbeantwortet blieben: Haben unsere Gesellschaft, unsere Institutionen und Politiker bei der Bekämpfung des Hasses und Diskriminierung versagt? Wird das Problem der religiös oder rassistisch bezogenen Menschenfeindlichkeit immer noch als Problem der Anderen behandelt? Und wie, wenn überhaupt, soll die politische Klasse in Deutschland auf solche Vorfälle reagieren?
In der muslimischen Community wurden die Reaktionen auf den Mord an Marwa El-Sherbini als unausreichend angesehen, und als Zeichen für die fehlende Anerkennung von Musliminnen und Muslimen in unserem Land gedeutet. Auch jüdische Menschen haben häufig das Gefühl mit wachsenden antisemitischen Ressentiments in Deutschland allein gelassen zu sein.
Wo stehen wir als Vielfaltsgesellschaft angesichts dieser Entwicklungen? Und wohin bewegen wir uns in der Zukunft? Darüber wollen wir mit führenden Politikern diskutieren.

Verantwortung der Politik und Gesellschaft angesichts alter und neuer Formen der Menschenfeindlichkeit:

Centrum Judaicum
Oranienburger Strasse 28-30 Berlin
19.00 – 20.30 Uhr
13. August 2009
Weiterlesen