Eindrücke von Limmud.de Berlin 2009, Samstag

Der Shabbat fing mit einer solchen Auswahl an Gottesdiensten an, daß als erstes eine Entscheidung zu treffen war, welchen man nun den anderen vorziehen sollte. Schwierige Frage. Einige entzogen sich diesem Dilemma durch Ausschlafen oder gemütliches Frühstücken in der Sonne. Zur Auswahl für motivierte Aufsteher standen ein egalitärer – (Rabbinerin Ederberg), ein orthodoxer (Chabad), ein liberaler (Rothschild), und ein Familiengottesdienst (Katz), sowie, in der Mongolen-Jurte, ein experimenteller Gottesdienst. (Hierzu versuche ich noch einen Erfahrungsbericht zu erhalten).
Kiddusch nach Schacharit fand überwiegend im Rahmen der einzelnen Gottesdienste statt, da aus Kapazitätsgründen nicht alle Limmudniks gleichzeitig in den Speisesaal passten – es waren erfreulicherweise einfach viel zu viele. Nachmittags konnte dann wieder ausreichend Gehirnjogging betrieben werden. Im Bibliolog wird ein neuer Ansatz der Textinterpretation gesucht, nicht zu verwechseln mit Bibliodrama. Hier war das Thema In die Wüste geschickt, Hagar und Ismael. Die etwas gewöhnungsbedürftige Herangehensweise der Analyse von Emotionen einzelner Protagonisten ist wohl dozentenabhängig sehr unterschiedlich, einige Teilnehmer fühlen sich sehr angesprochen von dieser Art, mit persönlich liegt die direkte Diskussion doch eher. Das Thema als solches allerdings fand ich spannend, und gerade im Rahmen eines Limmud durchaus diskussionswürdig. Spannend auch war eine Analyse (nun in eher klassischer Diskussion des tatsächlichen Textes) der Geschichte von Rabbi Akiva und seiner Frau, Rachel (Ketuvot 62b, Nedarim 50a) als Bild einer Liebesbeziehung und daraus eventuell abzuleitende Erkenntnisse und Erklärungen (Yael Unterman), sowie eine Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des Moses Mendelsohn und seinem Religionsverständnis (Adina Shoulson; beide Workshops auf Englisch). Dieses Thema, Verständnis der Religion, wurde am Sonntag wieder aufgegriffen in einem Vergleich der Offenbarungsgeschichte (Exodus 24/3-7) mit talmudischen Zitaten (Shabbat 88a), sowie der Wiederholung der Offenbarung in Deut.5/20-27, Yael Unterman). In englischsprachigen Workshops waren interessanterweise (natürlich?) vollkommen andere Teilnehmer anzutreffen als in deutschsprachigen, und mir fiel eine ausgeprägt andere Diskussionskultur in diesen englischsprachigen Workshops auf. Hier war ein lebendigerer Dialog anzutreffen. Ist das wohl kulturell bedingt, oder lag es an den Dozenten? Zu russischen Veranstaltungen (hier auch eine beeindruckende Auswahl mit vielfältigen, interessanten Themen!) reichte mein Wortschatz nicht aus…
Einer der am meisten kontroversen und daher, für mich, mit am spannendsten Vorträge wurde vom Gründungsmitglied der Halachic Organ Donor Society gehalten, Robby Berman. Interessenten dieses Themas muß ich an diese Webseite verweisen, dort ist der Inhalt des Vortrages insgesamt recht gut repräsentiert. In Kurzfassung läßt sich dazu nur sagen: es gibt keine halachisch (auch bei strengster Auslegung) haltbaren Gründe gegen Organspende. Robby Berman teilte mit, er würde auch bei Interesse sehr gerne jederzeit zu Vorträgen in Gemeinden kommen, wenn dieses gewünscht werde und noch Klärungsbedarf sei.
Gil Yaron, Journalist, hielt einen sehr gut besuchten Vortrag über die geschichtliche Entwicklung der Stadt Tel Aviv sowie der Gegend Tel Aviv Jaffa und die nicht unbeträchtliche und meistens kaum wahrgenommene Rolle der Deutschen (Templer) an dieser Entwicklung sowie der Entwicklung wesentlicher Infrastruktur im damaligen Palästina im Allgemeinen. Im Anschluß an das dicht gepackte Nachmittagsprogramm war wiederum die Qual der Wahl der Hawdala gegeben. Mehr durch Zufall gerieten wir in einen (Fußgänger-) Stau, verursacht durch eine Gruppe um Chabad, die auf dem Weg vor dem Haus im Licht der Straßenlaterne Ma’ariv beteten, um dann im Hausflur in schöner Stimmung und wunderbar improvisiert mit einigen Kiefernzweigen (Besamim) und zwei Feuerzeugen Hawdala zu machen. Bei der Weiterreise auf der unbeabsichtigten Hawdala-Tour erlebten wir im Anschluß noch die egalitäre Hawdala in der Turnhalle, hier mit frischem Basilikum und drei (!) Hawdala-Kerzen. Wirklich ein sehr interessanter Kontrast zum Ausgang dieses kontrastreichen Shabbat.

Naomi

Gastautorin im Blog. Sie berichtet aus der weiten Welt.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Aber nein, Noa, gar kein Bisschen! Da bist du jung und knackig und gut im Rennen! Es waren etliche (viele!) Teilnehmer eher in der Altersklasse 70-plus, manche gar 80-plus. Gar kein Problem! Und das Geld sollte auch kein Problem sein, du kannst mit den Organisatoren sprechen, es gibt sicher Möglichkeiten, und es werden auch immer viele Freiwillige gesucht zum helfen. Melde dich auf jeden Fall zum nächsten Limmud an!

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  2. Analyse der Emotionen einzelner Protagonisten im Bibliolog? Da mußt Du was falsch mitbekommen haben? Allerdings geht es im Bibliolog – im Gegensatz zum analytischen Herangehen – um einen ganzheitlichen Zugang, der auch die emotionale Ebene einbezieht. Das macht manchen durchaus Mühe, gerade weil jüdisches Lernen in traditionelleren Formen das oft ausblendet.

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  3. Margret, ein Beispiel: “Abraham schickt dich fort. Hagar, was geht dir durch Herz und Sinn?” Daraufhin äußern sich Teilnehmer als Hagar, die sagt, wie sehr sie das bedrückt etc. Es ist sicher, wie auch beschrieben, dozentenabhängig, wie gearbeitet wird…

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  4. Ja, ich übernehme auch keine Verantwortung für den Inhalt von meinen Berichten 🙂 Ich habe einfach geschrieben, was ich erlebt habe, und kenne nicht unbedingt alle Hintergründe. Habe eben beschrieben, wie ICH Bibliolog erlebt habe. Das heißt ja nicht, daß das der tiefere Sinn davon war, die korrekt angewandte Variante, oder ob ich was falsch verstanden habe.

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  5. Sholem Naomi!
    Geht doch auch gar nicht um falsch oder korrekt, korrekt oder falsch!
    Hört sich einfach nur nach einer sehr spannenden und lebendigen Form der Auseinandersetzung mit der Thoire an. Gibt es anscheinend in der eher theatralen Variante Bibliodrama, bei der die Beteiligten komplett in die Rollen der Charaktere schlüpfen und in der eher verbalen Variante Bibliolog, in der die Beteiligten als Charaktere in einen Dialog treten und dann auch noch als Überschneidungsversion. Ich persönlich finde es sehr spannend, allerdings mit der Einschränkung, dass nicht zu sehr psychologisiert, sondern mehr erfahren und gespielt wird.
    Sheyene
    Shabbes-Goi

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  6. @ all: Frage: War zufällig jemand bei David Palant: Beit Midrasch
    für Geschichtenerzähler Beit Midrash for Storytellers und hat mehr Informationen dazu oder weiß, wo man was dazu im Netz findet ?
    Unter David Palant findet man leider nichts über google.
    Schöne Grüße
    Shabbes-Goi

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  7. Mein Samstag war mit dem Besuch von insgesamt sechs (6) – sehr unterschiedlichen – Veranstaltungen/Vorträgen prall gefüllt. Vortrag + Film “100 Jahre Tel Aviv” war informativ, interessant + spannend, auch wenn der Raum bis zum Bersten mit Teilnehmern überfüllt war. Aber Tel Aviv gehört zu meinen “Lieblingsstädten”, in die ich mindestens einmal p.a. reise. Ganz spannend, bewegend und wunderbar vorgetragen war die “Jüdische Familienforschung” an Hand von beeindruckenden, prakisch erlebten Beispielen von Judith Kessler, die zeitweise von ihren eigenen Emotionen überwältigt wurde und auch manchen von uns zu Tränen rührte! Temperamentvoll und lebendig war der Vortrag von Miriam Magall “Jüdische Ethik”, auch wenn das Vorgetragene nicht allen Teilnehmern gleichermaßen gefiel, es zu kontorversen, heftigen + kritischen Kommentaren kam, was den Fluß des Vortrages ein bisschen störte, trotzdem aber interessant war. Frau Magall ließ sich nicht beirren, hielt tapfer durch und beendete ihre Ausführungen,wie von ihr vorgesehen. Bei Vorträgen zu brisanten Themen sollte mehr Zeit + Spielraum für Diskussionen eingeräumt werden! Ähnlich verlief der Vortrag von Herrn Gur (Holländer) zum “Menschenbild in der Schöpfungsgeschichte”. Er behielt jedoch nicht so tapfer sein “Zepter in der Hand”, und obwohl wir nur sechs Hörer waren, geriet sein Vortrag leider ein wenig außer Kontrolle und zur “Selbstinszenierung” manch eines Teilnehmers, die mit ihrem eigenen Wissen und Ansichten “glänzten”. Die Ansichten zu diesem Thema waren sehr kontrovers. Ich persönlich fand es schade, dass der Vortrag ständig unterbrochen und Herr Gur seine Ausführungen nicht beenden konnte. Am Nachmittag tankte ich im Freien + Grünen viel frische Luft beim “Breathing” mit Fau Ammon in einer Runde von gesundheitsbewußten und esoterisch bewegten Menschen. Um 22:00 Uhr besuchte ich dann noch in der Disco den “Israelischen Tanz” von Frau Slobodjanik, weniger israelisch und viel mehr russisch, wenn auch temperamentvoll durchgeführt, so dass die Teilnehmenden viel Spaß hatten und wir die beim Abendbrot zu viel zugeführten Kalorien wieder gut abgetanzt haben! Ein schöner, erlebnisreicher Tag ging zu Ende und ich sank gegen Mitternacht in mein Bett…..Mirjam (Lehrende und Lernende zugleich)

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  8. @shabbes-goi:
    “Bibliolog” ist keine abgewandelte Form von “Bibliodrama” a la Peter Pitzele. Das Ganze ist etwas komplizierter. Peter Pitzele hat etwas entwickelt, was er im amerikanischen Kontext seinerzeit “Bibliodrama” genannt hat, und was in Deutschland “Bibliolog” genannt wird, weil in Deutschland “Bibliodrama” schon anders besetzt ist. Der Begriff “Bib liolog” ist von Peter Pitzele selbst geprägt worden (Bibel + Dialog)

    Seit den 1970iger Jahren gibt es in Deutschland eine sehr lebendige Bibliodrama-Bewegung. Was in Deutschland “Bibliodrama” heißt, das wird in Amerika “Bibliotherapy” genannt. Bibliodrama / Bibliotherapy erfordert längere Zeiträume, geht nur in kleineren Gruppen und verlangt vom Teilnehmer, aktiv eine Rolle zu spielen. Außerdem spielen auch Selbsterfahrungsprozesse eine wichtige Rolle und werden thematisiert.

    Beim Bibliolog können größere Gruppen teilnehmen. Es geht in kürzeren Zeiteinheiten, die Verabredung ist, daß ein Text ausgelegt wird. Bibliolog ist sehr “inklusiv”, d.h. er erfordert keinerlei Vorkenntnisse bei den Teilnehmenden. Man spielt nicht, sondern bleibt im Stuhl sitzen. Es ist auch völlig o.k., wenn jemand nichts sagt und still teilnimmt. Durch Methoden der Verlangsamung können auch Menschen teilnehmen, die sonst eher bei Arbeiten mit Texten still am Rande sind und auch solche mit reduzierten sprachlichen Fähigkeiten: Migranten, geistig Behinderte, dementiell veränderte Menschen. Bibliolog ist also sehr viel niedrigschwelliger als Bibliodrama.

    Bibliolog und Bibliodrama haben gemeinsam, daß sie verlangsamen – auf neu deutsch: Entschleunigung ist angesagt. Dadurch ist eine genauere Wahrnehmung möglich.

    @Naomi: Die Frage “was geht Dir durch Herz und Sinn” macht eigentlich beide Ebenen auf: Die Teilnehmenden können auf der emotionalen oder auf der kognitiven Ebene reagieren. Je nach Gruppenzusammensetzung wird dies unterschiedlich sein.

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  9. Sholem Iris!
    Ganz herzlichen Dank für die ergänzenden Erklärungen. Hört sich beides sehr spannend und interessant an. Mich persönlich würde aber wohl am ehesten eine dritte, neue Form reizen, die dann wohl Thoiretheater bzw. Thoratheatron heißen müßte. Ich würde sehr gerne mal mit Mehreren Szenen oder Begebenheiten aus der Thora einfach in der Gruppe ohne therapeutischen Ansatz spielen, um so spielerisch zu neuen Ansätzen und Erkenntnissen zu kommen. Das wäre dann allerdings weniger Entschleunigt, sondern vielmehr höchst dynamisch.
    Gute Restwoche noch,
    auch wenn nicht mehr viel von da ist,
    Dein
    Shabbes-Goi

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  10. Zu 12, Yael Unterman: Ich war in dem Bibliolog-Workshop einer anderen Dozentin. Yael habe ich in der Diskussionsrunde über Rabbi Akiva und Rachel sowie dem Workshop “freedom or coercion” kennengelernt. Yael ist sehr charismatisch, Workshops mit ihr machen sehr viel Spaß und sind total spannend. Bibliodrama wäre mit ihr auch mal interessant…

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  11. @Shabbes-Goi

    dem, was Du suchst, kommt im deutschen Sprachraum wahrscheinlich das “Bibeltheater” am nächsten.

    In Amerika wird bei den Jewish-Renewal-Leuten mit einer Form experimentiert, die sie “Drasho.drama” nennen. Dazu gibt es meines Wissens aber noch keine Veröffentlichungen.

    Seit einigen Jahren entwickelt in New York ein modern orthodoxer Rabbiner biblischen Szenen, Theaterarbeit und Improvisation – auch im öffentlichen Raum. Er macht das auch in Theatern und Clubs etc. Die Stücke sind so angelegt, daß das Publikum einbezogen wird. Ein Freund, der zu dieser Gruppe gehört, hat mir eine Ablauf-Skizze zum Buch Ruth geschickt und ich fand das sehr ansprechend. Es war so konzipiert, daß auch ältere Leute im Rollstuhl mitmachen können.

    Der Rabbiner heißt Amichai Lau-Lavie. Mehr dazu findest Du auch unter dem Stichwort “storahtelling”.

    Vielleicht ist das auch für Deine Theaterarbeit interessant? Ich weiß von einer Gruppe, die Amichai Lau-Lavie übernächstes Jahr nach Deutschland einladen will. Wenn Dich das näher interessiert, dann melde Dich einfach per pm.

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  12. …ich entdecke diese wunderbaren Berichte erst heute…wie schön sie zu lesen sind und wie wunderbar zu sehen, wie so machne Diskussionen weitergeführt werden…habt Dank für die Schilderung Eurer vielen Eindrücke. Ich frage mich immer wieder, was die Langzeitwirkungen dieser Lernevents auf die Teilnehmer sind…

    Liebe Grüße
    Sophie

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  13. @sophie, die “Langzeitwirkungen” sind sicherlich, dass man/frau nette Leute kennen gelernt, interessante Vorträge gehört und dadurch Lust auf mehr bekommen hat, d.h. das nächste Limmud zu besuchen!
    Gruß Mirjam – war als “Tänzerin” und “Sängerin” mit dabei und hoffe, auch beim nächsten Mal in eben dieser Eigenschaft mit dabei zu sein!

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