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Die Geschichte der Sarajevo Haggadah

Sarajevo Haggadah
Die Geschichte der Haggadah von Sarajevo an sich ist schon höchst faszinierend und für mich schon seit langer Zeit der Inbegriff dessen, was vielleicht nur in Bosnien möglich war. Ein jüdisches Buch, eine herrlich bebilderte Haggadah, wird von Muslimen vor den Nazis, dann vor serbischem Artilleriefeuer gerettet und taucht dann kurz nach dem Krieg zu Pessach wieder in der jüdischen Gemeinde Sarajevo auf. Sie trägt sichtbare Spuren ihrer Benutzung am Sederabend und zahlreiche Hinweise darauf, was mit ihr passiert sein könnte. Sie wurde um 1350 in Spanien geschrieben (entweder in Saragossa oder Barcelona) und gelangte mit sefardische Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien 1492 über Umwege auf den Balkan.
2007 machte Geraldine Brooks aus der faszinierenden Geschichte (hier detailliert nachzulesen) einen Roman namens People of the book, der nun unter dem Titel Die Hochzeitsgabe erschienen ist und die fehlenden Puzzlestücke in der Geschichte der Haggadah in einer fiktiven Rahmenhandlung erzählt. Immer jedoch in Anlehnung an die wahre Geschichte des Buches. Ich hatte das Vergnügen, die deutsche Ausgabe vor Erscheinen lesen zu dürfen. Zum einen wird die Geschichte der Buchrestauratorin und Wissenschaftlerin Hanna erzählt, die sich der Geschichte des Buches über Hinweise nähert, zum anderen in Episoden die Geschichte der Haggadah. In diesen Episoden begleitet der Leser Personen die mit der Haggadah zu tun hatten bzw. Teil ihrer Geschichte gewesen sein könnten. Das erzählt, völlig nebenher auch kleine Fetzen europäisch-jüdischer Geschichte (und auch über diesen geographischen Raum hinaus). In diesem Zusammenhang betrachtet, erscheint es dem Leser als viel größeres Wunder, dass die Haggadah die letzten 600 Jahre unbeschadet überstand. Die Ausweisung der Juden aus Spanien, die Inquisition, die Weltkriege und den Balkankrieg. Der Titel der deutschen Übersetzung führt etwas auf den Holzweg, den es geht eigentlich weniger um eine Hochzeit (wohingegen eine im Verlauf der Handlung vorkommt), sondern eigentlich ausschließlich um die Haggadah und diejenigen, die mit ihr zu tun hatten. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht eine Kette von Happy Ends ist und teilweise geht Brooks bis an die Schmerzgrenze. Vielleicht ist das der Lesestoff für den herannahenden Winterabend.
Die Hochzeitsgabe bei amazon. In der aktuellen Ausgabe derZeitschrift der Jüdischen Gemeinden Kroatiens findet sich die Geschichte übrigens ausführlich in kroatischer Sprache KNJIGA O EGZODUSU.

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Verbeugen und knien

Im Tempel war das Knien offenbar Teil des Gebets (in ähnlicher Form, wie es heute bei den Muslimen ist).
Zu den Hohen Feiertagen (Rosch haSchanah und Jom Kippur) treffen wir es aber wieder.
Besonders im Mussaf von Jom Kippur. In einigen Gemeinden knien viele Gemeindemitglieder und berühren mit dem Kopf den Boden, in einigen knien die Gemeindemitglieder und verbeugen sich, in anderen wird nur gekniet und es gibt welche, da kniet nur der Chazan (Vorbeter). Ein faszinierender Teil.
Die Verbeugung und das Knien soll uns an den Dienst im Tempel erinnern. Sogar wenige observante Juden sind fasziniert von diesem Relikt (und jedes Jahr nehme ich mir vor, zu schauen, ob das mal Bestandteil des Gebet war) und siehe da! Es gibt ein paar Menschen, die diese Art zu beten wieder einführen möchten. Ein junger Mann demonstriert mit einem Teil aus dem täglichen Gebet, wie dies ablaufen könnte.


Der Nussach hört sich fast jemenitisch an. Bei den Berachot aus der Amidah verbeugt sich der Mann auf der Video-Demonstration vollständig. Auf der dazugehörigen Website kann man sich eingehend mit der Theorie dahinter befassen.

Update In den Kommentaren wies ich schon darauf hin: Saifuddin hat das Thema ähnliches Beten aus islamischer Sicht beleuchtet und auch Bilder des Jom Kippur Rituals aus To Pray as a Jew von Rabbiner Hayim Halevy Donin dazu eingefügt. Es kommentiert zu diesem Beitrag auch Rachel Berenblat von Velveteen Rabbi. Sie hat übrigens die Sure Al-Fatiha ins Hebräische übersetzt und einen Text erhalten, der durchaus ein jüdischer sein könnte (hier).

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Sukkot

Jüdische Allgemeine Sukkot Artikel

Man sagt, man solle nach Ausgang von Jom Kippur direkt mit dem Aufbau der Sukkah beginnen und wie ich in einigen Gemeinden bemerkt habe, hat man dort auch schon während der zehn Bußtage mit dem Grundgerüst begonnen. In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen lege ich dar (hier, jeweils verfügbar bis eine neue Ausgabe erscheint), warum wir bei Herbstwetter in der Sukkah sitzen sollten/müssen/können/dürfen.
In der aktuellen Ausgabe des Magazins Familienmentsch beschreibe ich dementsprechend auch, wie man Sukkot zu einem Familienfest mit Sukkah machen könnte – wenn es dies nicht bereits ist.

Allgemeine Informationen gibt es natürlich auch auf talmud.de.

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Ich darf das, ich bin Jude

Seit diesem Monat ist das Buch Ich darf das, ich bin Jude (bei amazon) von Oliver Polak erhältlich. Wer das ist?? Ein Comedian aus Papenburg im Emsland der sich auf das Judesein in Deutschland spezialisiert hat und zwar ähnlich hemmungslos, wie das in den verschiedenen deutschsprachigen jüdischen Blogs gemacht wird. Früher hat er übrigens auch als Moderator bei VIVA und RTL gearbeitet und war auch schon in DER deutschen Institution zu sehen: In der Lindenstraße. Dort spielte er wohl nicht den Juden, obwohl das eine Minderheit ist, die dort wohl dringend fehlt. Einige Dinge werden nichtjüdische Deutsche lustiger finden als jüdische, nicht etwa wegen mangelnder political correctness, da ist man Selbstironie und schärfstem Zynismus dem nichtjüdischen Humor weit voraus. Der innerjüdische Diskurs könnte auf Nichtjuden geradezu verstörend wirken. Das habe ich auch schon einige Male erlebt Das kann man doch aber nicht sagen! war da eine häufig gehörte Floskel. Nein, deshalb nicht, aber Witze über Beschneidungen sind ein wenig langweilig und abgelutscht. Das übt ja auch keinerlei exotischen Reiz aus. Wer schon einen Mohel mit dem Mund und einem Glasstäbchen hat Blut absaugen sehen, den schockt gar nix mehr. Amüsanter die Persiflage dessen, was Nichtjuden über die Beschneidung denken.
Aber ein Bild kann sich jeder selber machen.

Hier ist Oliver Polak in Bewegung:
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Jom Kippur beginnt am Mittwochabend

Roedelheim Machsor for Jom Kippur

Am Mittwochabend beginnt Jom Kippur. Grundlegende Informationen findet man hier. Das transliterierte Kol Nidrej kann man hier lesen und hören. Nicht weniger interessant in Avinu Malkenu. Auf den Internetseiten der Yeshivat Chovevei Torah findet man drei interessante Artikel zu den Hohen Feiertagen. Im vergangenen Jahr wies ich auf zwei Filme hin, einer stellt den Nussach vor, der andere beschäftigt sich damit, was passieren kann, wenn man beim Naschen erwischt wird (hier).
Im Untane Tokef aus dem Mussaf-Gebet von Rosch haSchanah (und in vielen Gemeinden auch an Jom Kippur, im Rödelheimer Machsor jedoch fehlt es an Jom Kippur) heißt es, dass an Rosch haSchanah G-tt Gericht hält, jedoch erst an Jom Kippur (zehn Tage später) das Urteil besiegelt: Weiterlesen

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Herbstausgabe von Heeb

Heeb Cover

Die Herbstausgabe von Heeb ist seit heute auf dem Markt. Schon allein das Cover ist ein Grund das Heft zu bestellen/zu kaufen; klarer könnte der jüdische Standpunkt ja wohl kaum sein. Die Liste mit den Heeb 100 findet man hier. Interessanterweise ist Maxim Biller (bei Myspace) auf der Liste der Autoren, obwohl er doch eigentlich in deutscher Sprache, obwohl Halt! ein Artikel im New Yorker von Maxim Biller. An dieser Stelle ergeht also wieder der Kaufbefehl!

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A slim peace

Nach dem Ramadan und Rosch haSchanah treffen sich jüdische uns palästinensische Frauen um gemeinsam abzunehmen. Seit 2006 gibt es die Gruppe von Yael Luttwak nun. Das Bindemittel ist nicht Politik, sondern ein viel profaneres. Nicht alles klappt reibungslos, Freundschaften entstehen nicht automatisch, aber es gibt gemeinsame Anlässe.

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Tag der offenen Moschee

Tja Ralph Giordano, wir waren in der Nachbarschaft und haben heute vom Angebot des Tages der offenen Moschee Gebrauch gemacht. Wenngleich ich zuvor schon in einigen war, auch zu Dialogsveranstaltungen oder Gelegenheiten, bin ich mitgekommen und habe es mir bei Gebäck und Tee gut gehen lassen. Einige Fotos habe ich auch gemacht:

Bereits im vergangenen Jahr habe ich hier dazu aufgerufen, die Chance zu nutzen und hinzugehen. Wie der Vorsitzende mir übrigens berichtete, wird die Moschee ausschließlich über Spenden- und Mitgliedsbeiträge finanziert. Lediglich das schmale Gehalt des Imams (er nannte die Summe, tatsächlich eher schmal) zahle der Dachverband Ditib für den Verein bzw. die Gemeinde. Man habe nun zwar noch Verpflichtungen den Banken gegenüber, aber man hat ein reges Gemeindeleben entwickelt und konnte dies mit Selbstverständlichkeit präsentieren. An das Nektar Kirchensteuer kommen die Moscheeverbände ja bisher nicht, vielleicht ein Glücksfall?