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Ein Projekt zum Novemberpogrom

Kristallsplitter

Der Jüdische Kulturverein Kinor aus Gelsenkirchen macht derzeit ein Projekt bekannt, dass durch den Weltkongress russischsprachiger Juden initiiert worden ist. Es wurden etwa 10.000 Abzeichen vorbereitet, die sogenannten Kristallsplitter. Diese haben die Form eines Davidsterns und tragen die Aufschrift Nie wieder! in den Sprachen der Teilnehmerländer. Sie sollen am 9. November 2008 als Erinnerung und Mahnung getragen werden. Laut Aussage des Weltkongresses soll die Aktion in den USA, Großbritannien, Italien, Tschechien, Polen, Bulgarien, Lettland, Estland, Rumänien, Österreich und Deutschland durchgeführt werden.

Es wäre für uns eine große Ehre, wenn Sie an unserer Aktion teilnehmen würden. Es erscheint uns einer Geste von größtem symbolischen Wert, wenn gerade in Deutschland an jenem Tage soviel Menschen wie möglich diese Abzeichen für kurze Zeit tragen werden, deshalb rechnen wir mit Ihrer Unterstützung.

heißt es in einem Begleitschreiben des Kongresses.

In Deutschland übernimmt unter anderem der Jüdische Kulturverein die Verteilung der Kristallsplitter. Kontakt per Mail über Frau Gubenko.

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Babel und der Turm

Jüdische Allgemeine Noach
Nicht ganz ironiefrei ist der Wochenabschnitt Noach mit seiner Geschichte vom Turmbau von Babel. So heißt es im hebräischen Text Al ken kara schma Bavel ki-scham balal HaSchem sfat kol ha’aretz Deshalb nennt man die Stadt Bawel, denn dort hat HaSchem die Sprache der ganzen Welt verwirrt. Kurzum: Wegen des Gebabbels heißt die Stadt Babel. Das lässt vielleicht den springenden Punkt hervorstechen.
Was diese kurze und bekannte Geschichte noch verrät, kann man in meinem Artikel in der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen nachlesen:

Die Parascha Noach erzählt zwei Geschichten,die nahezu gleichermaßen bekannt und beliebt sind. Da ist zum einen die Geschichte von Noach und seiner Tewa so die Bezeichnung dessen,was hinlänglich als Arche bekannt ist. Kaum ein Kind kennt die Geschichte nicht. Und auch der Turmbau zu Babel kann von vielen Menschen leicht nacherzählt werden. Diese Geschichten mit einer scheinbar einfachen Handlung haben ihre ganz eigene Faszination entwickelt. Doch ausschließlich für Kinder ist keine der beiden Geschichten.

Den kompletten Artikel gibt es hier

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Einblicke 2008

Bereits 2007 veröffentlichte die Bewegung für Reform Judaism in Großbritannien ein Video zu aktuellen Entwicklungen (siehe hier). Auch für 2009 ist nun aktuell ein neues Video erschienen. In diesem wird auch das kürzlich hier besprochene, neue Siddur, kurz angerissen. So sehen wir Rabbiner Dr. Jonathan Magonet, den Editor des Siddurs. Sicherlich war das einer der größten Meilensteine, die im vergangenen jüdischen Jahr erreicht wurden.

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Die wahren Kinder Israels sind die Palästinenser

Telepolis wartet heute mit einer wahrhaften Enthüllung auf und titelt mit »Sind Palästinenser die echten “Kinder Israels”? . Spätestens an dieser Stelle schlafen diejenigen weg, die sich« schon seit längerer Zeit mit Antisemitismus beschäftigen. Entweder der Jude ist als Semit hier irgendwie fremd oder zur Abwechslung hat der Jude überhaupt keine semitischen Wurzeln.
Der Artikel auf Telepolis beschäftigt sich mit der zweiten, auch recht weit verbreiteten Hypothese. Nicht jedoch irgendwie auf einer Metaebene, sondern beschäftigt sich mit dem israelischen Autoren Schlomo Sand, der versucht hat, der Hypothese einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. In diesem Jahr erschien in Israel sein Buch
– Wann und Wie wurde das jüdische Volk erfunden/erschaffen? Die französische Ausgabe titelt etwas klarer Comment le peuple juif fut invent – De la Bible au sionisme
Eine Zusammenfassung des Buchs für Eilige: Es ist Mythos, dass die Juden der Diaspora aus Israel stammen. Alle Juden Nordafrikas und Europas stammten von Völkern oder Gruppen ab, die von wenigen jüdischen Emissären missioniert worden sind. Im Wesentlichen wiederholt er auch die, gerade in antisemitischen und antizionistischen Kreisen beliebte These, die heutigen aschkenasischen Juden seien überwiegend Nachkommen der Chasaren und nicht der Israeliten. Sie stammt im Wesentlichen von Ernest Renan, einem französischen Philosophen und Antisemiten, der von 1823 bis 1892 lebte. Heute gilt die These als widerlegt und ist an sich ein Mythos. Heute wissen wir aus Untersuchungen (wie dieser hier), dass sefardische Juden und aschkenasische Juden miteinander verwandt sind. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass die Kohanim (viele von ihnen) ein gemeinsames Y-Chromosom haben.
Entdeckt und überprüft hatte das Sands Kollege Professor Karl Skorecki von der Uni Haifa. 1997 entdeckte er bei Kohanim einen hohen Anteil ganz bestimmter Y-Chromosom-Marker. Folgestudien anderer Forscher datierten den Ursprung der gemeinsamen DNA 3000 Jahren zurück. Man nahm nun den Cohen modal Haplotype an, einen Satz von Y-Chromosom-Markern die den Kohanim gemeinsam ist. Übrigens gibt es auch bei nichtjüdischen Gruppen signifikante Vorkommen davon, nämlich bei Italienern und den südafrikanischen Lemba.
Weder Sand, noch der Telepolis Hermann Ploppa scheinen jemals davon gehört zu haben. Statt dessen werden wir informiert, dass die Römer keine Eisenbahnen hatten:

Im Jahre 70 nach Christus fanden Aufstände fundamentalistischer jüdischer Sekten gegen die römische Besatzungsmacht statt. Die angebliche nachfolgende Vertreibung und Verstreuung der Juden in alle Himmelsrichtungen sind ebenfalls freie Erfindung, urteilt Sand. Denn um ein ganzes Volk zu vertreiben, fehlten schlicht die Mittel:
Die Römer haben keine Völker ins Exil getrieben, und sie konnten es auch gar nicht. Sie verfügten nicht über Eisenbahnen und Lastwagen, um ganze Bevölkerungen zu deportieren. von hier

Ich möchte als Gegenthese hinzufügen, es gab ja auch kein Internet mit dem Chabad große Teile der europäischen Bevölkerung missionieren konnte…
Ha’aretz hat sich schon im März eingehend mit dem Buch befasst (hier) und Tachles hat erst in dieser Woche ein Interview mit Schlomo Sand online gebracht (hier). Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Judentum gar keine Frage der Biologie ist, sondern der Zugehörigkeit zum Am Jisrael welches sich über die Halachah definiert und da gehört jeder mit jüdischer Mutter dazu, oder der zum Judentum konvertiert. Bestandteil dieses Judentums ist aber auch die Einheit von G-tt, der Torah und Israel und das nicht erst seit Theodor Herzl.
Man muss nicht versuchen, die eigene Herkunft zu dekonstruieren, um mit einer anderen Gruppe in Frieden leben zu können – das scheint mir die Zielstellung von Sand zu sein – man muss nur mit der anderen Gruppe in Frieden leben wollen.
Übrigens bin ich mir nicht so sicher ob die Hamas-Aktivisten stolz darauf wären, Nachfahren jüdischer Landwirte zu sein… wie es Sand ja sagt.

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Das macht doch keinen Sinn!

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Nein, die Person oben ist nicht Dr. Hans-Werner Sinn, auch wenn ich mich da zunächst mächtig vertan habe. In diesem Interview mit dem Tagesspiegel, heute verteidigte Sinn die deutschen Manager vor dem (vielleicht doch zuweilen verständnlichen) Zorn der Öffentlichkeit und verglich gleich die Kritik an ihnen mit der Judenfeindlichkeit in der Weltwirtschaftskrise 1929 und danach.

In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. von hier

Ein solcher Vergleich ist wohl selten gezogen worden: Darf man heute Manager mit Juden vergleichen? Wen oder was hat man noch nicht mit Juden verglichen? Als der Leinen- und Maulkorbzwang für größere und gefährliche Hunde verordnet wurde, hefteten besonders engagierte Hundehalter ihren Vierbeinern gelbe Sterne an und meinten, dies sei ein adäquater Protest.
Wirklich bemerkenswert sind an dem Sinn Interview zwei Dinge. Erstens war klar, dass eine Zeitung das für die Überschrift des Interviews nutzen musste: Hans-Werner Sinn: “1929 traf es die Juden heute die Manager” zweitens die Dramaturgie des Interviews. Da fällt so ein Satz der es bis in die Headline schafft und dann setzt der Tagesspiegel nicht einmal nach. Vielleicht etwa wie Ist Ihnen da klar, wie brisant dieser Vergleich ist oder Haben Sie tatsächlich gerade Antisemitismus verharmlost? Statt dessen heißt es Sind regelmäßige Krisen nicht ein Teil der Marktwirtschaft? .
Der Zentralrat reagierte prompt, griff sich aber, meiner Meinung nach, zunächst die falsche Person. Man sollte bei solchen Zitaten doch fragen, warum so etwas unhinterfragt publiziert wird?

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Neuer Reformsiddur aus GB

British Forms of prayer

Hat die Siddurausgabe von ArtScroll nun einen progressiven Gegenpart gefunden?
Lesbar, gut organisiert, kommentiert und mit Quellenhinweisen versehen?
Das könnte sein. In diesem Jahr erschien eine grundlegend überarbeitete Version des Forms of prayer – Seder haTeffilot der britischen Bewegung für Reformjudentum. Dieses erschien erstmals 1977 und wurde 2001 von der Jüdischen Verlagsanstalt Berlin als Seder haTeffilot in einer deutsch-hebräischen Ausgabe verlegt. Nur sieben Jahre später ist die Ausgabe überholt, wie wir sehen werden und könnte ergänzt werden durch ein liberales Siddur, welches sich am liberalen Einheitsgebetbuch orientiert (wie auch der EtzAmi Siddur); aber versprochen wird das schon seit langer langer Zeit.
Dem neuen Forms of prayer – Seder haTeffilot ist abzulesen, dass das Bedürfnis der Beter zurückgeht zur Tradition.
Die etwas zusammengewürfelte Zusammenstellung von Elementen der Gebete hat eine Ende und es gibt beispielsweise wieder eine klare Trennung zwischen den Birkot haSchachar und den Psuke deSimra und Texte sind wieder an ihren Ort zurückgekehrt. Jeder Baustein des täglichen oder Schabbatgebets wird von einer kurzen Einleitung und Erklärungen eingeführt. So etwa vor den genannten Birkot haSchachar oder vor dem Schma oder der Amidah. Lange englische Meditationstexte zwischen den Gebeten sind vermieden worden und in einen nachgeordneten Teil verschoben worden; jedoch finden sich an passender Stelle Verweise auf die entsprechende Seitenzahl im hinteren Bereich. Dieser Bereich ist übrigens zu einer wahren Anthologie zu jedem denkbaren Ereignis des Lebens oder auch einfach nur zu den täglichen Gebeten geworden. Die Gebete werden zugleich durch study texts in diesem Bereich um wissenswertes ergänzt. Es enthält die Gebete für Wochentags (Maariv, Schacharit, Minchah, das Nachtgebet), für Schabbat (also Kabbalat Schabbat, Maariv, Schacharit mit zwei Varianten des Mussaf, gekürzt und traditionell, Minchah, Hawdalah). Weiterlesen

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Sie haben nichts gelernt – Österreich und Haider

Österreich? Nee, dann lieber Südamerika. Da gibt’s auch alte Nazis, aber das Wetter ist besser. – Georg Schramm

Die aufwendige Beerdigung des Rechtspopulisten Jörg Haider hat nicht nur in Israel verwundert, aber dort wurde das in den Medien auch thematisiert. Jemand der vor (ehemaligen) Angehörigen der Waffen-SS folgende Rede hielt

Dass es in dieser regen Zeit, wo es noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind. Und das ist eine Basis, meine lieben Freunde, die auch an uns Junge weitergegeben wird. Und ein Volk, das seine Vorfahren nicht in Ehren hält, ist sowieso zum Untergang verurteilt. Nachdem wir aber eine Zukunft haben wollen, werden wir jenen Menschen, den politisch korrekten, beibringen, dass wir nicht umzubringen sind und dass sich Anständigkeit in unserer Welt allemal noch lohnt, auch wenn wir momentan nicht mehrheitsfähig sind, aber wir sind den anderen geistig überlegen. () Wir geben Geld für Terroristen, für gewalttätige Zeitungen, für arbeitsscheues Gesindel, und wir haben kein Geld für anständige Menschen.

wurde ohne kritische Untertöne geehrt.
Dementsprechend schreibt Noah Klieger von Yediot Acharonot: They havent learned a thing.

No. Many Austrians have proven yet again that they have not changed. They have proven that they have not learned a thing, and that they do not wish to learn or to change.
The funeral arrangements for Jörg Haider, the leader of a far right party, only served to prove that when it comes to Austria, what used to be there is still what we see there to this day.

Jörg Haiders funeral has proven once again as was already proven by the results of the elections held in the country about two weeks ago that many Austrians still long for those days, 70 years ago.
von hier

Es war verstörend ein Land in kollektiver Trauer zu sehen ohne ein Wort der Kritik zu hören. Wenn jemand geehrt wird, der nicht immer übermäßig viel Respekt vor anderen Menschen zeigte. Über den ehemaligen Vorsitzenden der Gemeinde in Wien Ariel Muzicant, sagte er 2001, er wundere sich, wie jemand, der Ariel heißt, soviel Dreck am Stecken haben könne. Über den Präsidenten des österreichischen Verfassungsgerichtshofes, Ludwig Adamovich sagte er Wenn einer schon Adamovich heißt, muss man zuerst einmal fragen, ob er überhaupt eine aufrechte Aufenthaltsberechtigung hat. Der österreichische EU-Kommissar Franz Fischler wurde von ihm als Vaterlandsverräter bezeichnet. Die Liste der Schmähungen ist beliebig fortsetzbar. In seinem Bundesland kärnten billigte er der slowenischen Minderheit nicht einmal Ortseingangsschilder mit slowenischer Zusatzbeschriftung zugebilligt und ließ zweisprachige Schilder kurzerhand abmontieren. Dieser Mann wurde nun als einer der größten Politiker aller Zeiten verabschiedet. König der Kärntner Herzen oder Du warst für uns immer etwas Besonderes stand auf Bannern in der Klagenfurter Innenstadt. Das Herz am rechten Fleck haben war nie doppeldeutiger. Die Spitze der Regierung war anwesend und das österreichische Fernsehen übertrug das Begräbnis live und in Farbe. Wie man aus österreichischen Medien erfuhr, wurde dies zuletzt bei Papst Johannes Paul II. gemacht.
Da muss man sich auch die Fragen von Noah Klieger gefallen lassen.

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Waltz im Bashir – Waltz with Bashir

?Waltz with Bashir ???? ?? ?????- Walzer mit Baschir ist ein Trickfilm, nein besser: Ein Animationsfilm über den Libanonkrieg, der heute schon der erste Libanonkrieg genannt wird. Er ist eine Koproduktion zwischen Israel, Frankreich und Deutschland, geschrieben wurde der Film von Ari Folman. 1982 war Folman als Infanterie-Soldat der Tzahal unter dem Kommando Verteidigungsministers Ariel Scharon in den gerade ausbrechenden Krieg gezogen der bis 1985 andauern würde. Im Libanon kämpfen auch christliche Phalange-Milizen mit palästinensischen Kämpfern und es kommt zu den berüchtigten Auseinandersetzungen im Flüchtlingslager Sabra und Schatila. Folman berichtet in dem Film darüber, wie er die Dinge im Laufe der Zeit verdrängt hat und wie die Erinnerung heute an den ehemaligen Soldaten nagt. Der Film selber beansprucht, eine dokumentarischer Animationsfilm zu sein; wenngleich er auch als Spielfilm daherkommt. In dem Film vermischen sich Zeitzeugenaussagen, Musik und Lifestyle der 80er Jahre mit Originalaufnahmen aus Sabra und Schatila. Der Film ist mal sehr hektisch, laut und dann wieder sehr ruhig, voller interessanter Bilder. Im Prinzip eigentlich Bildabfolgen die wir aus Filmen über den Krieg kennen und wie in den (Anti-)Kriegsfilmen jüngster Zeit wird hier der Soldat nicht als Held verehrt, sondern auch als Mensch mit Zweifeln in einem moralischen Dilemma. Das ist aber für den häufigen Kinogänger nicht neu. Dies sind aber Grundsatzfragen die dem nichtjüdischen Kinogänger vielleicht abstrakt erscheinen mögen, denn dieser wird in der Regel keine Verwandten oder Freunde haben, die sich mit existentiellen Fragen um den Krieg beschäftigen müssen. Vielleicht ist der Film hier vergleichbar mit Spielbergs München, der auch keine uneingeschränkten Helden zeigt. In Israel war der Film nicht ganz unumstritten , auch weil einige Bilder an Auschwitz und die Schoah erinnern. Neu ist aber die Machart des Films und die Eindrücklichkeit der animierten Bilder.

Der Trailer:
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