Juden Jena – Na und?

In der neuen dritten Liga war fast schon abzusehen, dass bestimmte Vereine von sehr unsmarten Fans begleitet werden. Im Thüringer Derby zwischen Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena wurde (schon wieder) durch die Erfurter Fans Juden Jena skandiert. Soll das etwa eine Beleidigung sein? Vielleicht sollte man nicht schon bei dem Wort Jude zusammenzucken, sondern einfach mal kreativ damit umgehen und das ironisch nehmen? Was weitere, eindeutig antisemitische, Parolen angeht: Da sollte dann doch mit aller Härte des Gesetzes zugeschlagen werden. Wenn man auch noch unterstützt, dass Jude ein Schimpfwort sein soll, dann ist Hopfen und Malz vermutlich schon verloren…

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich muss sagen, das ich in dem Begriff Kanake auch nicht mehr ausschließlich etwas negatives verstehe, das benutzen wir schon untereinander. Ok, es kommt auch darauf an, von wem es kommt. Das gleiche trifft auch bei Schwarzen auf das Wort Nigger zu.

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  2. Ganz meine Meinung. Empfinden wir es selbst als Schimpfwort? Im Gegenteil. Ich finde es eher albern, wenn sich die Menschen so gar nicht mehr getrauen, uns “beim Namen” zu nennen, sonder so schöne Titel wie “Mitbürger jüdischen Glaubens” oder “Angehöriger der jüdischen Religion” finden. Ich habe schon oft gefragt, warum man nicht einfach Jude sagt. Eine Antwort gab es nie, nur unverständige Blicke…

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  3. @Serdar Die von Dir benannten Begriffe sind ja Bezeichnungen durch Dritte. Das Wort Jude ist ja auch eine Selbstbezeichnung. Scheinbar wirkt aber immer noch Propaganda nach, so dass man es für etwas schlechtes hält. Wie Juna passend festgestellt hat, trauen sich viele nicht, das Wort Jude zu sagen… das führt dann zu den Verrenkungen die sie beschrieb.

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  4. Also, für mich persönlich ist Fußball grundsätzlich absoluter Goien-Nacheß. Diese ballistische Fingerfertigkeit der Gehwerkzeuge hochdotierter Spitzensportler liegt komplett jenseits meines Horizontes.
    Abgesehen von diesem persönlichen Mangel an Affinität zum Volkssport Nummer eins in unserer Republik,
    der natürlich auch eine ungewollte Nebenwirkung meiner Wehrdienstverweigerung und meines gebrochenen Verhältnis zu zu der Worthülse Deutschland sein kann, würde ich, obwohl ich mitten im Ruhrgebiet lebe, zumindest unter dem Aspekt der Flächenkonzentration von Bundesligavereinen die Fußballhochburg der Nation, weder jemals “auf Schalke” gehen , noch zu Borussia, noch zum VFL Bochum. Und zwar schlicht und einfach, weil mir die Stimmung in den Stadien auch schon ohne antisemitische oder nazistische Parolen grundsätzlich zu reichsparteitagsmäßig ist.
    Aber das ist ja auch der eigentliche Sinn dieser Veranstaltungen. Letztendlich geht es dabei nicht um den Sport, sondern, sieht man von dem Nebeneffekt der Kapitalmehrung der Vereinsfunktionäre einmal ab, darum, möglichst vielen zivilisationsbedingt Frustrationsgeladenen & Aggressionsgestauten über das emotionsgewaltige Massenerlebnis ein relativ kontrolliertes Ventil zu bieten
    ihren gestörten Adrenalinhaushalt für den Rest der Woche wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
    Echte Fußballfans werden mich für diese These natürlich vom Platz stellen wollen,
    aber im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist sie nicht von der Hand zu weisen.
    Schließlich übernehmen bezeichnenderweise ja nicht die Vereine, sondern die Kommunen und Länder die immensen Kosten für den mit diesen Spielen verbundenen beträchtlich Polizeiaufwand. Der Staat unterstützt diese Stadionveranstaltungen aus gutem Grund, denn man stelle sich diese entfesselten Massen nicht ritiualgebändigt hinter Gittern im Stadion, sondern freilaufend in der Innenstadt vor. Unter diesem Aspekt könnte man Bundesligaspiele für ein probates Mittel der staatlich geförderten indirekten Gewaltprävention
    durch Ausschaltung des Großhirns zugunsten des Hypothalamus halten, wenn sie nicht einen gravierenden negativen Nebeneffekt hätten. Genau diese stadionspezifische Atmosphäre der Massenhysterie bietet leider
    Agitatoren und Propagandisten einen wunderbaren Nährboden, ihre kruden rassistischen, antisemitischen und faschistischen Parolen am Hirn vorbei direkt in die “Volksseele” zu pflanzen.
    Jena ist da ja leider kein Einzelfall, ich verweise hier unter anderem auf die Borussenfront unter SS-Siggi Borchardt in den achtziger und neunziger Jahren und die Asamoa-Schmähungen.
    Doch zurück zum konkreten Fall “Jena-Juden”. Hört sich auf den ersten Blick nach einer völlig sinnentleerten Kindergartenalliteration mit Unterhaltungswert für Neanderthaler an, vor allem, weil der Verein, auf den es sich bezieht ja nicht Makkabi Jena, sondern Carl Zeiss Jena heißt. Das klingt zunächst so simpel und blöde, dass nur absolute Gutmenschen und notorische Philosemiten darin auch nur einen Anflug
    von Antisetimus zu erkennen vermögen. Doch weit gefehlt, denn gerade die Simplizität von “Jena-Juden” macht seine Gefährlichkeit aus! Der Grönaz aller Zeiten, Adolf Schickelgruber, mußte sich damals noch eines Julius Streicher, Josef Goebbels und eines kompletten Reichspropagandaministeriums bedienen,
    um mit kruden pseudowissenschaftlichen Theorien das teutsche Volk von der antisemitischen Bedrohung zu überzeugen. “Jena-Juden” braucht diesen ganzen Aufwand nicht, das ist so simpel und eingängig,
    dass damit jenseits aller antisemitischen Scheinargumenten einfach die Juden als der Gegner und damit als das grundsätzlich Schlechte und Böse postuliert. Das funktioniert zwar nur langsam und schleichend,
    ist aber trotzdem auf Dauer umso gefährlicher.
    Aber was soll man dagegen tun ?
    Eine witzige Replik wäre natürlich smart, aber was auf einen so kruden Simplizimus antworten?
    Erfurt-Evangelen ? Cottbus Katholen ?
    Bar jeder Spitze und jeden Witzes.
    Wenn ich meiner Fußballphobie zum Trotze
    im Vorstand des Carl Zeiss Jena säße,
    würde ich das Problem ernstnehmen
    und mich nicht auf dem pseudo-entnazifierenden Standardprogramm von Distanzierung und der Androhung einer Klage wegen Volksverhetzung ausruhen.
    Ich würde den Weg der offensiven Zivilcourage einschlagen.
    Als erstes würde das Vereinsemblem und alle Vereins-Wimpel durch eine sechsarmige Menorah ergänzt.
    Bewußt sechsarmig, damit es zu keinen unnötigen Verwechslungen und Vereinnahmungsvorwürfen kommt,
    trotzdem unverkennbar eine Menorah.
    Dann würde ich meine Spieler, notfalls auch mit Gehaltszulage,
    davon überzeugen,
    dass sie zum Einlauf,
    also dem obligatorischen Shake-Hands
    mit der gegnerischen Mannschaft vor dem Spiel,
    mit Kippoth in Vereinsfarben und im Tallit antreten.
    Natürlich Tallitot ohne Tzitit,
    quasi Goien-Tallitot,
    damit es bei aller Zivilcourage trotzdem koscher bleibt.
    Wenn das die “Juden-Jena” Rufe nicht zum Verstummen bringt,
    würde ich auch nicht davor zurückschrecken,
    das schwere Geschütz der Shoah-Assoziation aufzufahren.
    Ich würde die Vereinsfarben von Gelb-Blau in Blau-Weiß umändern,
    für die Mannschaft
    neue eng längsgestreifte Trikots im Zebralook bestellen
    und auch nicht auf den gelben Winkel verzichten.
    Flankierend würde ich alle Fanclubs solange vom Platz verweisen,
    bis sie entweder das Moorsoldatenlied oder “Wir werden leben”
    zur offiziellen Carl Zeiss Jena Hymne erklären und natürlich auch bei jedem Spiel
    stimmgewaltig intonieren.
    Letzendlich würde so “Jena-Juden” von der simplen aber gefährlichen Schmähung durch gegnerische Fans zum eigenen stolzen Schlachtruf , die Spieler würden neu motiviert und unschlagbar werden,
    der Verein in die Bundesliga aufsteigen und Deutscher Meister werden!
    Ach, wäre das Leben doch so einfach wie die satyrische Glosse.

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  5. @Chajm
    Stimmt, das ist schon ein Unterschied. Aber es ist noch gar nicht solange her, das das Wort “Türke” einen ähnlichen negativen Beiklang hatte. In den 80ern war es noch üblich Zeitungen mit “Türke erschlägt Rentner” zu betitteln. So konnte man schön ethnisieren.

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  6. @shabbes-goi: Ich muß sagen, Deine, wenn auch satirische, Glosse hat was. Ich könnte mir gut vorstellen, daß das für reichlich Sprachlosigkeit sorgen würde…. Ich habe jedenfalls sehr bei dem Gedanken amüsiert….

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  7. Juna, Danke für die Blumen!
    Wobei mir gestern Nacht noch ein passenderer Schluß eingefallen ist:
    “Letzendlich würde so Jena-Juden von der simplen aber gefährlichen Schmähung durch gegnerische Fans zum eigenen stolzen Schlachtruf , die Spieler würden neu motiviert und unschlagbar werden,
    der Verein in die Bundesliga aufsteigen, käme ins Pokalendspiel und dann… würde Makkabi München Bundesligameister.

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