Tischa beAw

Die Tempelzerstörung - von Francesco Hayez

Heute ist Tischa beAw, einer der Tage, an denen sich besonders viele Unglücke ereignet haben.
Ein deutsches Gebet aus dem Gebetbuch für das ganze Jahr (herausgegeben von Elbogen und Seligmann im Auftrag des Liberalen Kultus-Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden) aus dem Jahr 1929 fasst diesen Tag zusammen:

Himmlischer Vater! Tief bewegt wendet Jisrael heute seinen Blick rückwärts in eine Vergangenheit voll Elend und Bedrängnis. Trauer erfüllt unsere Seele, da all das Leid vorüberzieht, das du, o G-tt, über unsere Vorfahren verhängt hast. Aber niemals traf uns deine Hand so schwer als am neunten Aw, jenem Schreckenstag, an welchem dreimal Jisraels Herrlichkeit in Staub und Trümmer sank.
Am neunten Aw hat Babylons Kriegsfürst Jerusalem zerstört, den Tempel in Asche gelegt und Jisrael aus seiner Heimat vertrieben.
Am neunten Aw schleuderte der Römer ein halbes Jahrtausend später seine Brandfackel in das neuerstandene Heiligtum, und Jisrael wurde hinausgestoßen unter alle Völker der Erde.
Am neunten Aw ging der Unglückstag auf über das einst so gesegnete Spanien, wo unsere Vorfahren eine neue, glückliche Heimat gefunden hatten. Sie wurden vertrieben und nirgendwo hat seitdem der Jude den Glanz wieder gewonnen, der ihn dort Jahrhunderte hindurch umstrahlt hat.
In der Erinnerung an all dies Unglück ist unsere Seele voll tiefer Trauer. Aber diese Vergangenheit voll Trauer und Weh birgt auch den Trost, dessen unser Herz in all den mannigfachen Prüfungen der Gegenwart so sehr bedarf. Babylon und das alte Rom sind dahin, die Sonne Spaniens ist untergegangen, aber Jisrael und Jisraels heiliger Glaube lebt. Denn du, Allmächtiger, warst unser Licht in der Nacht, unser Schild in der Not. Darum konnten sie uns quälen, aber nicht vernichten. O, gedenke deines Volkes, dass überall, wo deine Sonne leuchtet, auch die Sonne des Friedens und der Menschenverbrüderung die Herzen erwärme, auf dass Jisrael geholfen werde und der Erinnerungstag des neunten Aw in einen Tag der Wonne und der Freude sich wandle durch deine Gnade. Amen!

Das Bild, welches die Zerstörung des Tempels zeigt, stammt von Francesco Hayez.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Prof. Dr. W. Kaltenstadler 26. November 2009
    Bei Ignaz Bernstein (Warschau 2008) gibt es den schönen jiddischen Spruch “A ganz juhr burwess, ün tischu – buw in soken.” Mir scheint wichtig, dass es diesen Monat auch im Jiddischen gegeben hat und dass es im Ostjiddischen eine andere Schreibweise gibt.
    Solche schönen Sprüche tragen zur Belebung einer Website bei. Wichtig ist auch, dass man an den den 9 Tischa-Tagen kein Fleisch aß, wenn man ein frommer Jude sein wollte.
    Viele interessante Dinge zur jüdischen Kulturgeschichte finden Sie in meinem Buch “Griechisch-römische Antike oder jüdisches Christentum – Wem verdanken wir die europäische Zivilisation?” im UBW-Verlag von Dr. Roman Landau, Hamburg, Tel. 040 47 26 10.
    Schalm
    Wilhelm Kaltenstadler

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  2. 1. Im “Ostjiddischen” (Sie meinen wahrscheinlich chassidisches Jiddisch) gibt es nicht nur eine andere “Schreibweise”, sondern vor allem eine andere Aussprache.
    2. Natürlich gibt es den Monat auch im Jiddischen – was sonst?
    3. Es ist auch heute noch so, dass man ab Monatsbeginn Aw bis zum 9. Aw kein Fleisch ißt, wenn man ein frommer Jude ist. Wieso die Verwendung des Imperfekt?

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