Töten für ein höheres Ziel?

Zur Paraschah Mattot
Gleich zu Beginn der Paraschah Mattot, noch bevor die Torah mit Vorschriften des sozialen Miteinanders beginnt, begegnet uns eine Begebenheit, die bei uns und zahllosen Kommentatoren und Auslegern des Textes regelrechtes Kopfzerbrechen auslöst oder ausgelöst hat:
Der Krieg gegen Midian und die Auslöschung der gesamten männlichen Bevölkerung Midians durch 12000 israelitische Kämpfer und die anschließende Tötung der midianitischen Frauen im geschlechtsreifen Alter und die Aufteilung der Besitztümer der Midianiter unter den Kindern Israels. Die Torah schildert dies in recht klaren Worten: Räche die Kinder Israels an den Midianitern, anschließend wirst Du zu deinem Volk eingehen. Da sprach Moses zum Volk: Rüstet Männer zum Kriegsheer aus, sie sollen gegen Midian ausziehen, um für den Ewigen Rache an ihnen zu üben.. Die Formulierung anschließend wirst Du zu deinem Volk eingehen bedeutet nicht, dass Moses anschließen (siegreich) zurückkehren wird zum wartenden Volk, sondern bedeutet, dass Moses anschließend sterben wird. Es sollte also der letzte Kampf werden, dem Moses beiwohnt.
Was ist der Hintergrund der Kontext – für diese Aufforderung, gegen die Midianiter ins Feld zu ziehen? Geht es um die militärische Eroberung des Landes?
Hintergrund der Geschichte bildet eine Episode in Kapitel 25 des vierten Buch Moses, also in Paraschah Balak. Dort überreden die Midianiter die Kinder Israels zu Götzendienst und sexuellen Ausschweifungen infolge derer 24000 Israeliten ihr Leben lassen mussten. Für diese Wegführung der Israeliten von ihrem G-tt folgt nun der Kampf gegen die Verursacher. Das Wort Rache sollte in diesem Kontext mit Vorsicht gebraucht werden. Dennoch ist der Text dadurch nicht leichter verdaulich, denn wie der Text sagt, werden alle Männer erschlagen (Vers 8 ) mitsamt den fünf Königen von Midian und dann führten die Kinder Israels die Frauen von Midian und ihre Kinder gefangen fort und erbeuteten all ihr Vieh, alle ihre Herden und all ihr Gut. Die Städte und Lager werden verbrannt. Als die Krieger zurückkehren ist Moses in Rage und fragt sie Habt Ihr etwa die Frauen alle am Leben gelassen? Sie waren es doch, die die Kinder Israels auf Anraten Bileams veranlassten, durch Peor Untreue am Ewigen zu begehen. (Verse 15 bis 17) und so werden alle weiblichen Gefangenen die keine Jungfrauen mehr sind und auch alle männlichen Kinder getötet, auch wenn dies gar nicht zu den ursprünglichen Direktiven gehörte, die Moses den jeweils 1000 Kämpfern aus jedem Stamm mit auf den Weg gab.
Nicht nur aus heutiger Sicht ist dies, die Tötung von gefangenen Frauen und Kindern, ein unfassbar grausames Vorgehen gegen einen Feind, vor allem, weil die Midianiter vor genannter Götzendienstepisode in einem vollkommen anderem Licht erschienen. Der Schwiegervater von Moses war ja niemand geringerer als der Hohepriester von Midian, Jitro.
Im zuvor zitierten Text aus der Paraschah, weist G-tt Moses an, das Volk Israel zu rächen. Moses wiederum spricht zu den Kindern Israels, dass sie die Rache G-ttes ausüben und so gewissermaßen in G-ttes Auftrag handeln. Raschi merkt zu diesem dritten Vers von Kapitel 31 an jemand der sich gegen Israel erhebt, erhebt sich gegen den Heiligen, gepriesen sei er.. Diese Annahme entfernte möglicherweise letzte Skrupel der israelitischen Kämpfer.
Besonders heute muss uns eine solche Stelle Kopfzerbrechen bereiten, wenn wir Menschen ausgeliefert sind, die für sich in Anspruch nehmen, im Namen ihres G-ttes zu kämpfen. Nicht unbekannt ist uns die Phrase heiliger Krieg. Wer überzeugt ist, in göttlichem Auftrag zu handeln, der hält jedes eingesetzte Mittel für richtig, denn sein Handeln hat ja metaphysische Ausmaße. Die moralischen Grenzen scheinen niedergerissen und das ist es, wofür Fanatismus blind macht.
Später, im 20. Kapitel des fünften Buches werden für weitere kriegerische Handlungen Grenzen gesetzt und auch diese Handlungen geregelt, etwa dass keine Zerstörung von Bäumen erfolgen soll, was bedeutet, dass ein Kampf in einer Art und Weise stattfinden soll, die es erlaubt, nach den Kampfhandlungen wieder zu einem normalen Leben in einer intakten Infrastruktur zurückkehren zu können. Weiter heißt es dort, dass einem Akt des Krieges ein Angebot des Friedens vorausgehen soll und auch im zweiten Buch lernten wir Wenn du von deinem Feinde einen Ochsen oder Esel triffst, der sich verirrt hat, so sollst du ihn zurückbringen. (Kapitel 22,3).
Doch all dies nimmt nicht die Brisanz aus unserer Paraschah, insbesondere nachdem die Torah gelehrt hat, wie eine friedliche Gesellschaft aufgebaut werden kann. Die besondere Schwere der Taten wird auch dadurch klar, dass sich die ausführenden Kämpfer anschließend sieben Tage lang entsündigen müssen: Wer einen Menschen getötet hat, oder einen Getöteten berührt hat, sowohl von euch als auch von euren Gefangenen, soll sich am dritten und am siebenten Tag entsündigen am siebenten Tage wascht ihr eure Kleider und seid rein.. (Verse 19-24). Wir könnten weiter entlasten und ins Feld führen, dass Israel gar nicht alle Midianiter ausgelöscht habe, denn im sechsten Kapitel des Buches Schoftim wird davon berichtet, dass die Midianiter wieder so stark wurden, dass die Israeliten sich teilweise vor ihnen verstecken mussten, in unserer Paraschah jedoch ist die Rede von allen männlichen Midianitern. Die Entsündigung macht aber eines klar: Die Tötung anderer Menschen, ganz gleich unter welchen Umständen, ist kein Akt der glorifiziert werden kann oder sollte. Die Tötung von Menschen ist keine kleine Etappe, so wie eine der 42 in dieser Paraschah genannten Stationen Israels auf dem Weg von Ramses in Ägypten bis nach Abel-Schittim in den Steppen Moabs, auf dem Weg zur Erreichung eines höheren Zieles, sondern noch immer und gerade eine Tat mit Konsequenzen für jeden einzelnen Beteiligten.

Vielleicht hat auch Moses deshalb nicht ein Gesamtheer aus allen wehrfähigen Männern zusammengestellt, sondern nur 1000 aus jedem Stamme berufen. Solange wir gewisse Probleme mit solchen Abschnitten in der Torah haben und uns an ihnen reiben können, wissen wir, dass unsere Wahrnehmung der Welt noch der entspricht, wie sie die Torah von uns verlangt. Vor denen, welche die Auslöschung der Midianiter bejubeln, sollten wir uns in Acht nehmen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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