Vergesst das “Oremus et pro Iudaeis”

Vergesst das Oremus et pro Iudaeis! Viel zu indirekt, weil da ja nicht direkt zur Judenmission aufgerufen wird. Die evangelische Kirche in Sachsen, gemeinsam mit freikirchlichen Organisationen und den Sächsischen Israelfreunden sind da viel direkter:

Außerdem baten sie Gott, dass immer mehr Juden erkennen, dass Jesus der im Alten Testament angekündigte Messias ist. Die messianische Bewegung innerhalb des deutschen Judentums hat etwa 1.000 Anhänger. von hier

Beteiligt waren also nicht nur Evangelikale:

Bei einem Gedenkgottesdienst, den die Superintendentin von Pirna, Uta Krusche-Räder, und der Vorsitzende der (charismatischen) Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in Deutschland, Pfarrer Dieter Keucher, leiteten, legten die Konferenzbesucher stellvertretend für die deutsche Nation ein Schuldbekenntnis ab. auch von hier

Damit sind also auch Teile der evangelischen Kirche an etwas beteiligt, was etwas heftiger ist, als das kompliziert formulierte Oremus et pro Iudaeis.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Abgesehen davon, dass ich Missionare und “Bekehrungen” unter “sanftem Druck” grundsätzlich verabscheue, frage ich mich, was für eine Mentalität dahintersteckt, wenn Christen ausgerechnet unter Juden aggressiv “missionieren”wollen.
    Ich fürchte, das Motiv ist nicht im religiösen Glauben, sondern in der (gesellschaftlichen und politischen) Ideologie zu suchen. Ideologen “wissen”, dass sie im Alleinbesitz “der Wahrheit” und der “Lösung für alle Probleme” sind – wobei es mich in diesem Fall besonders anwidert, dass Menschen (und vor allem Juden) die nicht daran glauben wollen oder können, dass Jesus der Messias ist, als “Problem” sehen.
    Hoffentlich wird dieser missionswütigen Christen mal klar, wie sehr sie sich in der unseligen Tradition des christlichen Antijudaismus bewegen – und wie groß die geistige Verwandschaft zwischen der Ideologie der Judenmission und der Ideologie eines “eliminatorischen Antisemitismus” ist – auch wenn sie “den Juden” nicht ans Leben wollen, soll auf längere Sicht “das Judentum” – das m. E. mehr ist, als “nur” eine Religionsgemeinschaft – “verschwinden”.
    (Entschuldige bitte, dass ich ich mich hier auskotze.)

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  2. Nu, wen wunderts !
    Martin Luthers Verhältnis zu den juden unterscheidet sich nicht allzusehr von dem Mohammeds. Nachdem seine Hoffnung, dass die Juden durch die Reformation sich eher zu Christen bekehren würden, enttäuscht wurde, wandelte er sich zum aggressiven Antisemiten. Siehe auch: Von den Jüden und iren Lügen (1543) http://de.wikipedia.org/wiki/Von_den_Jüden_und_iren_Lügen
    Außerdem war die evangelische Kirche unter dem Naziregime staatstragend.
    Als Reichskirche http://de.wikipedia.org/wiki/Reichskirche#Die_Deutsche_Reichskirche_.28Nationalsozialismus.29 und dann als Deutsche Christen http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Christen
    unter Reichsbischof Ludwig Müller http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Müller_%28Theologe%29
    predigten und praktizierten evangelische Theologen agressiven Antisemitismus. Und das hat Tradition bis in die BRD hinein.
    Otto Dibelius, der beim Tag von Potsdam ( 21.03.1933)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Tag_von_Potsdam die Predigt zum “Staatsakt” gehalten und darin die evangelischen Christen auf den “Führer” eingeschworen hat, hatte später unter Adenauer weiterhin wichtige Kirchenämter inne: Bischof von Berlin & Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche, http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dibelius
    Die für die antinationalsozialistischen Tendenzen in der evangelischen Kirche immer wieder ins Feld geführte Bekennende Kirche unter Niemöller ist nichts weiter als ein schlecht kaschierendes Feigenblatt, denn hier ging es vorallem immer um vom Naziregime verfolgte evangelische Glaubensgenossen, nie um ein klares Bekenntnis
    gegen die Judenverfolgung im dritten Reich.
    Letztendlich steckt bei Katholen wie Evangelen die gleiche Motivation hinter der Judenmission. Das schlechte Gewissen, sich unberufen Adoschem, den Gtt der Juden, angeeignet und für sich vereinnahmt zu haben.

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  3. Gebe Dir recht, shabbes-goi, nur bzgl. Deines vorletzten Satzes weiß nicht so recht, ob die Katholiken im letzten Jahrhundert unter den Juden so viel missioniert haben wie die Protestanten. Die ganzen (die meisten? alle?) Missionsvereine in Deutschland, z.B. die “Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden” und andere waren schon immer eine protestantische Domäne. Bei den Katholiken höre ich viel eher, dass der Alte Bund für die Juden fortbesteht. Das war (bei deutschen Protestanten) nach dem letzten Weltkrieg nicht anders, quasi als “Holocaust-Reflex”, aber es scheint sich langsam wieder zu ändern. Die radikalen Evangelikalen machen es vor. In den USA wird das Thema ausgiebig diskutiert: auf der einen Seite finden die Juden die Unterstützung durch die Protestanten super, was ja auch gerade für die Israel-Politik nicht unwichtig ist, aber wenn die dann ankommen und verlangen, dass sie Jesus als ihren Messias akzeptieren sollen, hört der Spaß (verständlicherweise) auf.

    Was Mission allgemein angeht: das Christentum ist nun mal eine “missionarische Religion”. Man ist nicht per Geburt Christ. Das ist einer der Grundzüge dieser Religion. Das Christentum kennt kein Volks- oder Rassenkonstrukt als Bestandteil der Religion. Ergo: es muss missioniert werden.

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  4. Unbedingt neu sind einzelne Mosaiksteinchen nicht, nun fügt sich langsam ein größeres Bild daraus zusammen. All die Gruppen sind teilweise ja auch verwoben mit jüdischen (muss man wohl so schreiben) Initiativen… und dann regen sich alle über die katholische Kirche auf. Während diese derlei Aktivitäten überhaupt keinen nennenswerten Raum schafft… Das sollte in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert werden!

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  5. Anti-Katholizismus (auch in der abgeschwächten Form des “Sich-über-die-katholische-Kirche-Aufregens”) ist wahrscheinlich die einzige Form des Rassismus, die in den westlichen Gesellschaften noch in breiter Mehrheit geduldet wird. (Letztens erst wieder im US-Wahlkampf. Olle John McCain lässt grüßen.) Es gehört einfach zum guten Ton, in Ländern wie Deutschland, England, USA usw., die viel stärker als der Süden von der Reformation beeinflusst sind, die katholische Kirche zu kritisieren und zu verleumden, auch wenn es in vielen Fällen nur leeres Feierabendgerede ist, Standardphrasen halt. Aber die Leute schalten sowieso meist auf Durchzug, nicken mit dem hohlen Kopf und erwarten, dass das Thema innerhalb der nächsten 15 Minuten wechselt und nicht wirklich ernsthaft diskutiert wird. Das Wirken der Protestanten (und neuerdings auch unter dem wachsenden Einfluss der Evangelikalen) ist noch selten ein Thema, v.a. im Land Martin Luthers und der preußisch-protestantischen Staatskirche.

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  6. Ganz freundlich geantwortet:

    Ich bezog mich auf Chajms Bemerkung “und dann regen sich alle über die katholische Kirche auf”. Diese Aufregung ist in einigen Fällen sicherlich berechtigt, aber ich wollte nur zeigen, dass es recht “einfach” und folgenlos ist, sich in unserer Gesellschaft über die kath. Kirche aufzuregen oder sie runterzumachen, zu beleidigen. Wenn jemand Schwarze oder Juden beleidigt, selbst irgendwo im Nebensatz, dann kann man davon ausgehen, dass mindestens einer aufschreit oder Contra gibt, wenn man sich nicht gerade in einem dunkeldeutschen Etablissement befindet. Aber wenn einer pauschal von den teuflischen Katholen, diesen Massenmördern und ihrer verbrecherischen Kirche redet, wird er nicht kritisiert. Da nicken alle eifrig. Diese Form des Alltagsrassismus habe ich schon häufig mitbekommen, durch alle gesellschaftlichen Schichten und Religionen hindurch, und genauso die Apathie & Ignoranz der Zuhörer.

    Anti-Katholizismus fällt mindestens in die Kategorie “kultureller Rassismus”, aber früher war es waschechter Rassismus, als die Menschen noch glaubten, dass die Religion (und damit die Religionszugehörigkeit) das wichtigste Innere und Essentielle eines Menschen ausmacht. Also kann man hier 100%ig von Rassismus reden, genau wie auch Schwulenfeindlichkeit mittlerweile als Rassismus bezeichnet wird. Das ist nicht weit hergeholt.

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  7. Naja… den Rassismusvorwurf finde ich etwas “stark”. Meine Intention war eher, ausdrücken zu wollen, dass man sich in der Diskussion zu sehr auf die katholische Aktion gestürzt hat – mit großem Aktionismus – aber den Rest der Judenmission kaum beachtet hat….

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  8. Klar es ist halt nicht das, was man sich unter “klassischem” Rassismus vorstellt, allein weil Katholiken kein Volk oder Ethnie sind. Dennoch hatte es “klassisch rassistische” Auswirkungen (z.B. in Armenien). Aber die kath. Kirche eignet sich halt hervorragend, zum einen weil sie tatsächlich jede Menge Mist gebaut hat, zum anderen weil sie eine grandiose Projektionsfläche bietet und ein greifbarer Antagonist ist. Die protestantischen Kirchen und Strömungen sind nicht so “groß” (= einheitlich), nicht so greifbar, fraktioniert, religiöses klein-klein, fast automatisch nicht so im Rampenlicht, wenig beachtet, ohne bedeutende Führungspersönlichkeiten. Aber die protestantische Affinität zum “Alten Testament” ist größer als bei den Katholiken. Es wundert mich also nicht besonders, dass die protestantische Judenmission stärker und energischer zu sein scheint.

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  9. Zum Rassismus führe ich die Definition von Albert Memmi ins Feld:

    Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen

    Die Empfindung, die protestantischen Kirchen hätten mehr (Juden-)missioniert als die katholische, sollte evtl. empirisch überprüft werden. Es handelt sich ja eher um eine Wahrnehmung…

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  10. Nu ja, kommt drauf an, ab welchem Zeitpunkt wir anfangen wollen mit dem Vergleich. Wenn wir allein die Marannen und die jüdischen Autodafe Opfer von Ferdinand II und Isabella I mitdazuzählen, muß sich die evangelische Kirche ganz schön anstrengen, um das zahlenmäßig aufzuholen.
    ( Schon jetzt vorab pardon für den leise durchscheinenden zynischen Unterton )

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  11. Ja, und das ist umso bemerkenswerter, als nämlich Ferdinand II selbst jüdische Vorfahren hatte. Aber es wird natürlich gerne unterschlagen, dass damals Christen genauso verfolgt wurden, von alteingesessenen Glaubens”brüdern”.

    zu Chaims Post: eine Überprüfung wäre wirklich nötig. Es kann durchaus sein, dass ich es nur so wahrnehme.

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  12. Es ist ja nicht so, dass Juden sich nicht gegen Missionierung wehren, wie wir jetzt gerade wieder lesen können:

    http://www.haaretz.com/hasen/spages/985362.html

    Ich finde es schon seltsam, dass in einem Land, in dem es angeblich Religionsfreiheit gibt, solche Dinge geschehen und allgemein für andere Religionen enorme Restriktionen zu existieren scheinen.

    Wenn’s um die Türkei und den EU-Beitritt geht, schreien alle auf, wenn Christen mal wieder verfolgt werden. Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen?

    (Übrigens: lt. Wikipedia sind neben den messianischen Juden v.a. die amerikanischen protestantisch-freikirchlichen Missionare (d.h. Evangelikale & J’s Zeugen) in Israel am aktivsten. (Von Katholiken habe ich noch nichts gefunden.)

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