Westliche Bürger für die Theokratie

Es gibt ein Land, in dessen Sprache das Wort für Frau wörtlich übersetzt bedeutet von niederer Geburt und das Wort für Mann dementsprechend Wesen höherer Geburt. In diesem Land ist der Besuch vieler heiliger Stätten Männern vorbehalten. In der Religionsauslegung dieses Staates ist seine Religion die einzig richtige.
Das ist eigentlich keine Kultur, mit der man sich hierzulande unkritisch auseinandersetzen würde: Dennoch hissten gestern zahllose Gemeinden und Städte vollkommen unkritisch die Fahne des Landes. Es handelt sich natürlich nicht um den Iran. Es handelt sich um Tibet. Dessen Autonomie und Wiedereinsetzung der ursprünglichen Regierung bedeutet die Wiedereinsetzung der Theokratie und die Wiederherstellung eines feudalen Systems in dem die großen Klöster den Hauptanteil des Landes besitzen und das Blidungswesen dominieren. Über diese werden dann auch alle wirtschaftlichen Aktivitäten abgewickelt. Für diese Staatsform werden hier die Flaggen gehisst und in den Augen der chinesischen Regierung jede Kritik an deren Vorgehen ad absurdum geführt; denn man kann anschließend nicht hergehen und behaupten, man engagiere sich für die Befreiung des tibetischen Volkes. Die Besetzung Tibets und das Vorgehen Chinas in dieser Region soll damit nicht gerechtfertigt werden; aber man darf seine eigene Position getrost auch mal hinterfragen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es stimm, das “alte Tibet” war eine scheußliche Theokratie – oder genauer gesagt, ein religiös verbrämtes Feudalsystem. Selbst Heinrich Harrer (“Sieben Jahre in Tibet”) schrieb, Tibet sei eine Diktatur.

    Es stimmt allerdings nicht, dass die tibetische Exilregierung die Wiedereinsetzung der Theokratie betreiben würde – sicher, Lippenbekenntisse zur parlamentarischen Demokratie sind billig, allerdings gab es 2001 eine weltweite Wahl der Tibeter im Exil für die Position des Premierministers. Dieser Chef der Exilregierung, Lobsang Tenzin, tritt entschieden für einen gewaltfreien Weg des Widerstands gegen die Besetzung Tibets ein – wobei das erklärte Ziel eine weitgehende Autonomie und nicht die Wiederherrstellung eines unabhängigen Tibets ist. Außerdem setze er sich für die Demokratisierung der tibetischen Gesellschaft ein. Der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso betrachtet sich nunmehr politisch als “halb im Ruhestand”, es ist also streng genommen nicht ganz richtig, ihn als “weltliches und geistiges Oberhaupt” der Exiltibeter zu bezeichnen.

    Dass der aktuelle Aufstand in Tibet “gewaltlos” sei, ist eine nachweislich falsche “westliche Legende” – und die Gewaltopfer sind (wahrscheinlich) meist harmlose han-chinesische Zivilisten. Anderseits ist die offizielle chinesische Darstellung, dass der Aufstand zentral von Dalai Lama gesteuert würde, eine durchschaubare Propagandabehauptung, im Sinne einer “Agententheorie”

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  2. Du siehst die Dinge sehr differenziert und ich bin mir nicht sicher, ob das alle Free Tibet Aktivisten genauso sehen. Übrigens scheint auch diese ein Regierungsorakel zu befragen und auch nicht soooo liberal zu sein:

    “Heutzutage die Staatsorakel – und es gibt noch mehrere Orakel, insgesamt drei, vier Orakel in Indien – spielen eine ziemlich große Rolle in den verschiedenen Entscheidungen von unserer Exilregierung, daß viele von uns denken, das ist ein bißchen Risiko.”
    KOMMENTAR:
    Als Führer der tibetischen Demokratie-Bewegung gilt dieser Mann, auch er Anhänger des Dalai Lama. Die Zeitung, die er herausgab, hieß “Demokratie”. Auf Druck der Exilregierung des Dalai Lama erscheint das Blatt nicht mehr. Begründung: Die Zeitung habe die Exilregierung öffentlich dafür kritisiert, zu kompromißbereit gegenüber den Chinesen zu sein.
    Von hier: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/1997/erste6852.html

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  3. Wenn ich den Dalai Lama bei seinem Besuch in Hamburg richtig verstanden habe, ist er ein Befürworter der Demokratie. Er hat dabei auch mehrgach darauf hingewiesen, dass er als Staatsoberhaupt abdanken wird und seine weltliche Macht einem gewählten Parlament übertragen wird, wenn Tibet frei ist und er noch am Leben. Damit wäre die Theokratie offiziell beendet.

    Ich kann mir nicht vorstellen, das der Dalai Lama so eine Aussage von Gewicht öffentlich leichtfertig äussert. Ich glaube, das eine programmatische Aussage ist.

    Was ein gewähltes Parlament in einem freien Tibet möglicherweise dann beschliest, entzieht sich natürlich jeder Vorhersage. Auch der spekulativen.

    Ich halte alles für möglich und würde nichts ausschliessen. Griechen und Türken haben Frieden geschlossen. Zwischen den Mutterländern und auch die Volksgruppen auf Zypern. Die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen fallen. Erste ernsthafte Annäherungen haben zwischen Süd- und Nordkorea stattgefunden. Vor neunzehn Jahren ist der Eiserne Vorhang in Europa gefallen. Deutschland ist vereinigt. Warum soll ein Volk wie die Tibeter nicht selbstbestimmt in ihrem eigenen Land leben können? Ich glaube, das wird passieren.

    Ich bin über ein halbes Jahrhundert unterwegs. Dinge sind passiert, an die ich nicht mehr geglaubt habe. Nichts ist unmöglich. Nicht einmal in Palästina 🙂

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  4. Natürlich ist vieles möglich, nicht nur in Palästina – auch in Israel 😉

    Der Prophet Jeschajahu (Jesaja) hat’s ja formuliert für die messianische Zeit:

    …Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen… (Vers 2:4)

    Tatsächlich denke ich, dass es verschiedene Tibets, wenn man so will. Es gibt das tatsächlich mit seiner, in den Staat und das Volk eingewebten, Religion. Auf der anderen Seite gibt es die romantisierte Fassung. Sie ist eher, wie man sich das im Westen so vorstellen möchte. Polemisch könnte man sagen, hier taucht das Motiv des Edlen Wilden wieder auf. Dahinter verschwindet die Tatsache, dass vieles nicht Gold ist, was da so glänzt. Einige Punkte nannte ich ja. Soweit haben aber, meiner Meinung nach, die Free Tibet Aktivisten gar nicht gedacht. Sollte der Dalai Lama das so entscheiden, wäre das eine grundlegende Reform des religiösen Systems. Vermutlich wird es auch da konservative Kräfte geben, die das nicht mit offenen Armen begrüßen. Von der demokratischen Exilregierung war ja hier bereits kurz die Rede… Ich werde also weiterhin skeptisch beobachten und keine voreiligen Forderungen abfeuern.
    Interessant finde ich auch: Als man die Olympiade nach China gab, war das doch auch schon ein kommunistischer Staat mit einer ganzen Reihe von Problemen. Jetzt beschwert man sich darüber?
    Gestern habe ich erfahren, wer sich den olympischen Fackellauf zum ersten Male hat einfallen lassen: Von wegen Weltfrieden…

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  5. Das gesamte olympische Zeremoniell ist heidnischer Mummenschanz im wagnerianischen Ausmass. Flamme, Fahne, Eid, Fackellauf, Lorbeerkränze, Helden, Fanfaren… Also, ich bitte dich, Chajm… Wir leben im 21.Jahrhundert. Olympia gehört entrümpelt von diesem faschistoiden und pseudomythischen Gedankengut. Und von diesen Altvorderen & Funktionären.

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  6. Hier noch der Hinweis auf einen sehr ausführlichen Artikel über die tibetische Exilregierung und ihr Demokratieverständnis:

    Hinter all dem verbirgt sich jedoch ein anderes Problem: die Scheu der Tibeter vor einer echten politische Debatte. Das Exilparlament basiert deshalb auch nicht auf einem Parteiensystem. Die vorläufige Verfassung schreibt diese Repräsentationsform nicht vor. Sie sagt dazu schlicht gar nichts, obwohl sie ansonsten durch Reformen die Gewaltenteilung sowie die Direktwahl der Abgeordneten und des “Premierministers” eingeführt hat.

    Demokratische Institutionen allein machen eben noch keine Demokratie aus, solange es nicht möglich ist, auf der Grundlage unterschiedlicher politischer Ziele oder Ideale über eine Sache zu streiten. Zum Beispiel auch über die offensichtliche – aber nicht förmlich vollzogene – Spaltung zwischen den Verfechtern der Unabhängigkeit und den Anhängern des Autonomiestatuts.

    von hier:
    Monde Diplomatique

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  7. Hallo zusammen,
    ich war jahrelang tibetischer Buddhist und bin auf diese Seite zufällig gestossen.
    Ich kann vor dem Dalai Lama und seiner “Weltsicht” nur eindringlich warnen.
    Seine öffentlichen Verlautbarungen sind das eine, die “geheime” Praxis das andere:
    Der Dalai Lama gilt unter älteren Schülern als “Nazischwuler” (seine Freundschaften seinen hier nur als Indiz genannt) und es wird von langer Hand ein zukünftiger Krieg geplant, der sich gegen alle Angehörigen “semitischer” Religionen richtet.
    Dies ist real, wird aber nicht öffentlich gelehrt, das ganze Gerede von Demokratie, Menschenrechten usw. ist FAKE.
    Ich bin PERSÖNLICH vom 14.Dalai Lama als “DRECKSJUDE” beschimpft worden, ich gebe euch mein Wort, Massel.

    Liebe Grüsse, alles Gute

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