Gemeinsame Tfilah

Halachic MinyanIst das gemeinsame Gebet in einem Minjan für Männer und Frauen möglich? Wie diese Frage im liberalen Judentum und im konservativen Judentum beantwortet wird, ist völlig klar. Heikel wird es erst, wenn wir den Boden der Orthodoxie betreten, denn, auch wenn manche das vehement bestreiten, eine einheitliche orthodoxe Position dazu gibt es nicht. Einige der Berührungspunkte diesbezüglich sind noch nicht ausreichend diskutiert worden. Dürfen Frauen wohl zum Minjan gezählt werden? Seit wann gibt es diese Einrichtung, den Minjan, überhaupt? Erst der Schulchan Aruch sagt, ein Minjan bestehe aus zehn Männern. Dazu kommt die Frage, ob es halachisch eine Verpflichtung zum gemeinsamen Gebet gibt…

Michal und Elitzur Bar-Ascher haben nun halachische Aussagen dazu gesammelt, was Frauen so alles in einem halachischen Rahmen machen können.
Halachic Minyan - HebräischDas kann dann so aussehen, dass zum Minjan tatsächlich zehn Männer gezählt werden, Frauen und Männer durch eine Mechitze getrennt sitzen und – selbstverständlich – orthodoxe Siddurim verwendet werden. Aber (!) Frauen können aus der Torah lesen, erhalten Alijot und als Schaliach Tzibur (Vorbeter) agieren. Die Sammlung namens Guide for the Halachic Minyan gibt es hier oder hier. Auch in hebräischer Sprache: hier.
Gemeinden die das praktizieren gibt es natürlich auch und das schon lange bevor es die Guidelines gab. Seit 2001 schon besteht beispielsweise Schira Chadascha in Jeruschalajim. Dort gibt es selbstverständlich eine Mechitze und all das, aber auch eine gemeinsame Tfilah:

Therefore our shul embraces as a religious value the inclusion of both men and women in leadership and ritual participation within the framework of halakhah. We have sought out the opportunities afforded by traditional Jewish sources (the Talmud, the Shulhan Arukh, reponsa) for increasing the inclusion of women in our liturgical practices. This allows the participation and leadership of women in certain parts of the prayer service: kabbalat Shabbat, Pesukei de-Zimra, the removal and replacing of the Torah in the Ark and Torah reading. von hier

zur Trennung von Männern und Frauen:

The mehitzah (partition) in our synagogue runs down the middle of the room, so that the mens and womens sections are side by side. The bimah is located in the center between the mens and womens sections and a shtender is located on each side. Shira Hadasha has taken upon itself to begin those parts of the service that require a minyan when both ten men and ten women are present. auch von hier

Auf der Website des Heimatminjans von Michal und Elitzur Bar-Ascher Minyan Urim gibt es eine kleine Liste von Minjanim mit Websites. Eine interessante Entwicklung und der Beweis dafür, dass es auch innerhalb der Orthodoxie sehr viele verschiedene Ansichten zu bestimmten Themen gibt.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank, sehr interessant!
    Beim ersten überfliegen im Grunde wenig überraschendes.
    Konnte allerdings bisher keine Stelle darin finden,
    die zur Frage von „Kol Ischa“ u. ä. Stellung bezieht.

    Grüße

    YM

    Antworten

  2. Diese Gruppen betrachten sich als orthodox und das sind sie wohl auch. Klar, dass Charidim nicht besonders amused darüber sind. Doch, Baruch haSchem, gibt es keine Behörde die bestimmen darf, was orthodox ist und was nicht, was liberal ist und was nicht. Innerhalb der modernen Orthodoxie gibt es einige sehr interessanter Bewegungen, Gruppen und Entwicklungen – finde ich. Interessant wird die Auseinandersetzung der Gruppen untereinander sein. Wird sie konstruktiv verlaufen oder setzt sich die Gruppe mit mehr Erfolg durch?

    Antworten

  3. Ich habe Shira Chadasha seit dem Ende der 90er Jahre mehrfach besucht. Damals war das noch eine ganz kleine, überschaubare Sache. Inzwischen füllen die Menschen, die kommen, eine ganze Aula. Die Entwicklung solcher Minjanim finde ich interessant, und beobachte sie von fern. Ich selbst habe einige Vorbehalte und Kritikpunkte, sehe aber auch einiges Positive und denke, die Aktivisten der Gruppe sind überzeugend in ihrem Bemühen. Die Beter sind übrigens größtenteils Anglos und der modern-modernen 😉 Orthodoxie zuzuordnen.
    Vor allem interessant und gleichzeitig nicht weiter verwunderlich finde ich, daß sich so viele aus dem konservativen Spektrum von dieser Gruppe angesprochen fühlen und so ein Feld entsteht, wo die linke Orthodoxie und Konservative sich mischen und vielleicht etwas ganz Eigenes abseits der beiden Strömungen schaffen könnten.
    Die Frage, ob diese Gruppe oder diese Form des Minjans „orthodox“ ist, finde ich eigentlich nicht unbedingt wichtig. Natürlich ist für Haredim ein solcher Minjan unvorstellbar. Aber das ist *auch* in Ordnung – wenn man anderes tolerieren will, muß man auch tolerieren, daß es Menschen gibt, die eine solche Sache nicht mögen – weil es nicht dem entspricht, womit sie aufgewachsen sind, ganz abseits von halachischem. Halachisch scheint alles abgeklärt und somit möglich, aber trotzdem bleiben diese Gruppen bislang recht singulär und wachsen auch nicht in dem Maß, wie es vielleicht Ende der 90er vorstellbar war – das heißt die große Mehrheit der Beter, sowohl von der konservativen als auch von der orthodoxen Seite, scheint sich nicht sehr dafür zu interessieren (das zum Punkt „größerer Erfolg“). Dann kommt es darauf an, wie die einzelnen Aktivisten des Minjans leben, wie sie sich verstehen, bei welchen Autoritäten sie bei Fragen Hilfe suchen. Werden es in der Zukunft orthodoxie Autoritäten sein, welche Autoritäten, wird der Konflikt mit der konservativeren Orthodoxie gesucht oder kocht man einfach sein eigenes Süppchen… vieles ist einfach offen). Es ist vermutlich verfrüht, diese Minjanim in eine Strömung zu pressen und so eine Debatte loszuschlagen, welche Orthodoxie denn nun die „richtige“ ist. Ich sehe diese Minjanim im Moment eher so, daß sie für sich stehen, Menschen aus verschiedenen Hintergründen anziehen und immer noch in der Phase des Experimentes und der Selbstbildung stehen. Es gilt abzuwarten, ob und wieviele Nachahmer es wird und welche Form die Minjanim annehmen werden, welche Impulse zurück in die „Mainstream-Orthodoxie“ fließen werden usw.
    Erst dann kann ein klareres Bild entstehen.

    Antworten

  4. I am part of an orthodox shul in England that practises most of these things – women can lead certain prayers, leynen and, although sat separately from the men, do not sit behind a mechitzah.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.