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Wir haben Post!

Einen offenen Brief an die jüdische Welt haben die muslimischen Gelehrten des Zentrums für das Studium jüdisch-muslimischer Beziehungen (Centre for the Study of Muslim-Jewish Relations).
In dem Schreiben heißt es die Zeit gekommen, um Brücken zu bauen, statt Waffen sprechen zu lassen. Präsentiert wurde der Brief von Tariq Ramadan, von dem man sagen kann, dass er einen Islam europäischer Prägung fordert. Er hat durch sein smartes Auftreten durchaus auch Gehör bei den jungen Muslimen mit akademischer Ausbildung (siehe auch den Artikel im Time-Magazine).
Jedenfalls war er wohl maßgeblich beteiligt an der Formulierung des Briefs, von dem wir hoffen können, dass er viele Leser erreicht – er ist zwar an Juden adressiert, er spricht damit aber auch durchaus Muslime an:

Many Jews and Muslims today stand apart from each other due to feelings of anger, which in some parts of the world, translate into violence. It is our contention that we are faced today not with a clash of civilizations but with a clash of ill-informed misunderstandings. Deep-seated stereotypes and prejudices have resulted in a distancing of the communities and even a dehumanizing of the Other. We urgently need to address this situation. We must strive towards turning ignorance into knowledge, intolerance into understanding, and pain into courage and sensitivity for the Other.
For many centuries our communities co-existed and worked together fruitfully and peacefully such as in the Iberian Peninsula. As Muslims and Jews we share core doctrinal beliefs, the most important of which is strict monotheism. We both share a common patriarch, Ibrahim/Abraham, other Biblical prophets, laws and jurisprudence, many significant values and even dietary restrictions. There is more in common between our religions and peoples than is known to each of us. It is precisely due to the urgent need to address such political problems as well as acknowledge our shared values that the establishment of an inter-religious dialogue between Jews and Muslims in our time is extremely important. Failure to do so will be a missed opportunity. Memories of positive historical encounters will dim and the current problems will lead to an increasing rift and more common misunderstandings between us.
This Letter is important for non-Muslims and Muslims because it illustrates that the Muslim world has diversity of opinion and that Muslims are willing to engage in a conversation with Jews, a conversation that is not wholly dominated by the conflict in Israel-Palestine. Although many Muslims and non-Muslims only know of Muslim-Jewish relations through the prism of the Israeli-Palestinian conflict, there needs to be an awareness of other positive encounters at different stages of our history as well as the pioneering work of inter-religious dialogue being undertaken by contemporary Muslims and Jews outside of the Middle East.von hier

Eine pdf des offenen Briefs kann man sich auf der Website des Zentrums herunterladen (hier).

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Gemeinsame Tfilah

Halachic MinyanIst das gemeinsame Gebet in einem Minjan für Männer und Frauen möglich? Wie diese Frage im liberalen Judentum und im konservativen Judentum beantwortet wird, ist völlig klar. Heikel wird es erst, wenn wir den Boden der Orthodoxie betreten, denn, auch wenn manche das vehement bestreiten, eine einheitliche orthodoxe Position dazu gibt es nicht. Einige der Berührungspunkte diesbezüglich sind noch nicht ausreichend diskutiert worden. Dürfen Frauen wohl zum Minjan gezählt werden? Seit wann gibt es diese Einrichtung, den Minjan, überhaupt? Erst der Schulchan Aruch sagt, ein Minjan bestehe aus zehn Männern. Dazu kommt die Frage, ob es halachisch eine Verpflichtung zum gemeinsamen Gebet gibt…

Michal und Elitzur Bar-Ascher haben nun halachische Aussagen dazu gesammelt, was Frauen so alles in einem halachischen Rahmen machen können.
Halachic Minyan - HebräischDas kann dann so aussehen, dass zum Minjan tatsächlich zehn Männer gezählt werden, Frauen und Männer durch eine Mechitze getrennt sitzen und – selbstverständlich – orthodoxe Siddurim verwendet werden. Aber (!) Frauen können aus der Torah lesen, erhalten Alijot und als Schaliach Tzibur (Vorbeter) agieren. Die Sammlung namens Guide for the Halachic Minyan gibt es hier oder hier. Auch in hebräischer Sprache: hier.
Gemeinden die das praktizieren gibt es natürlich auch und das schon lange bevor es die Guidelines gab. Seit 2001 schon besteht beispielsweise Schira Chadascha in Jeruschalajim. Dort gibt es selbstverständlich eine Mechitze und all das, aber auch eine gemeinsame Tfilah:

Therefore our shul embraces as a religious value the inclusion of both men and women in leadership and ritual participation within the framework of halakhah. We have sought out the opportunities afforded by traditional Jewish sources (the Talmud, the Shulhan Arukh, reponsa) for increasing the inclusion of women in our liturgical practices. This allows the participation and leadership of women in certain parts of the prayer service: kabbalat Shabbat, Pesukei de-Zimra, the removal and replacing of the Torah in the Ark and Torah reading. von hier

zur Trennung von Männern und Frauen:

The mehitzah (partition) in our synagogue runs down the middle of the room, so that the mens and womens sections are side by side. The bimah is located in the center between the mens and womens sections and a shtender is located on each side. Shira Hadasha has taken upon itself to begin those parts of the service that require a minyan when both ten men and ten women are present. auch von hier

Auf der Website des Heimatminjans von Michal und Elitzur Bar-Ascher Minyan Urim gibt es eine kleine Liste von Minjanim mit Websites. Eine interessante Entwicklung und der Beweis dafür, dass es auch innerhalb der Orthodoxie sehr viele verschiedene Ansichten zu bestimmten Themen gibt.

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Jüdisch-islamischer Dialog in der Wikipedia

Kürzlich habe ich entdeckt, dass es einen sehr bruchstückhaften Text zum jüdisch-islamischen Dialog gibt. Er bezog sich in erster Linie auf jüdisch-islamische Koexistenz. Ich wollte beginnen ihn zu ändern, aber die Leser dieses Blogs einladen, sich vielleicht auch daran zu beteiligen. Manchmal findet ja jemand hierher, der am Dialog interessiert ist. Der Artikel Jüdisch-islamischer Dialog könnte etwas Text ganz gut gebrauchen…

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Unsportlich

Englischer Fußball ist eine harte Angelegenheit, da sind wir einige Raufereien und extreme Parteinahmen gewohnt und von englischen Fußballfans auch so einiges.
So hat es mich ein wenig gewundert, dass es so lange dauert, bis jemand entdeckt, dass (oder auch Chelski genannt, seitdem der russische Milliardär Roman Abramowitsch den Verein gekauft hat) der Coach des Vereins Chelsea aus Israel kommt und – ja genau – Jude ist. So erhielt der Coach Avram Grant am Dienstag eine Morddrohung mit sehr eindeutig antisemitischem Inhalt.
Zum Trainingsgelände von Chelsea wurde ein Paket mit einem Pulver zugestellt welches, laut Begleitbrief, tödliche Wirkung haben sollte. Spätere Untersuchungen ergaben allerdings, dass es harmlos war.
Dem Paket beigelegt war ein Schreiben, in dem Grant als Judenbastard bezeichnet wird.

Wurde das Paket von einem passionierten und antisemitischen Anhänger einer Gegenmannschaft geschnürt, oder von einem passionierten Antisemiten der einfach Juden überall nicht ertragen kann und sich nur eine prominente jüdische Person für seine Hatemail gesucht hat?
Dafür spricht einiges, denn richtige Fans sollten eigentlich wissen, dass am Zustelltag das Champions-League Spiel mit Olympiakos Piräus in Griechenland auf dem Plan stand und folgerichtig, Grand also auch in Griechenland war. Zudem hat Chelsea keinen Erzrivalen, so wie Schalke Dortmund (haben nicht die Dortmundfans übrigens Asamoah bei der letzten Begegnung ausgepfiffen?) hat. Ein fanatischer Fan hätte sich vielleicht auch öffentlichkeitswirksamer gegen den Spieler Tal Ben Haim gewandt.
Ha’aretz beleuchtet noch einige andere Hintergründe.

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Zur Paraschah Ki Tissah

Zeit für einen Torahkommentar. Dieser Beitrag von mir erschien im vergangenen Jahr in der Jüdischen Allgemeinen.

Inmitten von Anweisungen, Beschreibungen und technischen Einzelheiten ist unsere Paraschah wie eine Unterbrechung und fordert dem Leser und Hörer der wöchentlichen Torahlesung noch ein wenig Aufmerksamkeit mehr ab, als wir ihr ohnehin schon widmen. Diese Aufmerksamkeit benötigen wir auch, denn die Paraschah enthält einige Stolperfallen, die auch die großen Kommentatoren der Torah herausforderten. So stellten sich ihnen und uns einige interessante Fragen:

Welche Rolle spielt Aharon bei der Episode mit dem goldenen Kalb?

Fielen die Kinder Israels in großem Maße in genau den Götzendienst zurück, dessen Zeugen sie im Lande Ägypten waren?

Fertigte Aharon ihnen ein Abbild eben derjenigen Götzen an?
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Für die Berliner: Deutsche Israelpolitik

Arzenu Deutschland e.V. bietet im Rahmen der Veranstaltungsreihe 60 Jahre Israel am Sonntag, 17.02, im Kiddusch-Raum der Neuen Synagoge Berlin (Oranienburger Str.) einen Vortrag von Dr. Gregor Wettberg und Sergey Lagodinsky vom Arbeitskreis Jüdischer Sozialdemokraten zum Thema Deutsche Israelpolitik an. Konkret soll beleuchtet werden: Deutsche Außenpolitik in Bezug auf Israel und den Nahen Osten am Beispiel der Verlängerung des Libanon-Mandats der Bundeswehr im September 2007.
Sergey Lagodinsky wird im Anschluss den Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten vorstellen.
Die Veranstaltung beginnt um 15.00 Uhr, Rückfragen und Anmeldungen an info@arzenu.de

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Eine echte jüdische Vereinigung

Eine echte jüdische Vereinigung ist der Europäische Jüdische Kongress (European Jewish Congress) nun offenbar – zerstritten und zweigeteilt. Wie die Jerusalem Post berichtet, sind einige Länder aus der Dachorganisation ausgetreten:

The French Jewish community suspended its membership in the European Jewish Congress on Sunday, shortly after a vote in Paris extending the terms of the umbrella group’s leadership by two years.
The French were joined by the Austrian and Portuguese communities, who say they may break away from the European Jewish Congress entirely after its General Assembly retroactively extended the term of members of the EJC’s executive. Instead of holding elections in June 2009, they will serve until June 2011. von hier

Mitverantwortlich ist die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten des Kongresses Mosche Kantor, der ausschließlich russische Interessen vertreten soll:

The dispute comes after months of tension going back to the mid-2007 election for EJC president, contested by Russian agrochemical tycoon Moshe Kantor and French businessman Pierre Besnainou. Kantor, who ultimately won the election, was often denigrated as a „Putin stooge“ who would be soft on the Kremlin and would represent Russian interests in Europe, rather than Jewish interests in Russia.
The current crisis includes similar talk, with one European Jewish official telling the Post that Kantor „is taking over the whole EJC as his own little soccer club or something. At least the French and the Austrians have the balls to stand up and stay away. Most of those folks are afraid in an open and public audience to stand up and say ’no.‘ That’s a shame, but it’s also a result of certain elements of Russian mentality. We’ve seen it on other occasions when there were elections on certain issues.“ von hier

Ganz neu sind diese Befürchtungen nicht. Bereits 2006 hieß es:

The EJC’s president, Pierre Besnainou, accused the Russian Jewish Congress‘ president, Moshe Kantor, of engaging in „blackmail“ at the Feb. 19 meeting after the latter said he would give the organization a donation of $475,000 only if he could have oversight of money that he brought in from donors in his role as chairman of the board of governors.
The vice president of the EJC, Ariel Muzicant, concurred with Besnainou, suggesting that Kantor was trying to thwart democracy. „There can only be one president, and what Mr. Kantor wants is to take over without being elected.“
The squabble came as the EJC is trying to have a greater influence on key European political leaders in issues of Middle East policy and anti-Semitism, which have leapt to the top of the European political agenda in recent months.
Some European Jewish leaders privately worry that Kantor, owner of one of Russia’s largest fertilizer firms, is a mafia mogul seeking to take over the EJC with his large donations. He already claims he is the EJC’s largest personal donor, providing the organization with more than $175,000 annually. von hier

Der Mann mit Kontakten in den Kreml zeigt, dass nicht alles immer ganz so unpolitisch vor sich geht, wie es scheint. Wenn die Sachlage so ist, wie sie die Jerusalem Post darstellt; dann Respekt vor den Vertretern der Staaten, die sich zurückgezogen haben.

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Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte

Jediot Acharonot
Jediot Acharonot hat gestern einen drastischen Aufmacher gebracht – zu Recht (die Überschrift lautet übrigens: Mama, was ist mit meinen Beinen passiert).
Das dürfte er gewesen sein. Der berühmte letzte Tropfen in das volle Fass. Nun werden natürlich Reaktionen gefordert und diejenigen, welche die Raketen abfeuern haben ihr Ziel nahezu erreicht.
Es soll nicht vergessen werden, dass bisher an nahezu jedem Tag Raketen auf Sderot niedergingen. Raketen die übrigens in den europäischen Nachrichten häufig klein geredet wurden. Meist durch Zusätze, sie seien selber gebaut und primitiv. Das sie keinen Personenschaden anrichteten, war dabei nicht auf die Ungefährlichkeit der Projektile zurück zu führen, sondern auf das Glück der Bewohner von Sderot.

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Die Kluft zwischen Orthodoxie und Nicht-Orthodoxie wird größer

zumindest in den USA. Dies soll der neue Meinungsjahresbericht des American Jewish Committee aussagen. Der vollständige Bericht kann hier heruntergeladen werden. Die präsentierte Sicht gilt natürlich nur für die jüdische Bevölkerung der USA. JewishJournal.com schreibt

The AJCommittee’s 2007 Annual Survey of American Jewish Opinion focused mainly on the political preferences and concerns of Jews leading into this election season.
It showed that while Jews across the religious spectrum have maintained their political party affiliation, on specific issues the Orthodox are becoming much more conservative than Jews who affiliate with the more liberal religious streams of Judaism. von hier

Eigentlich nicht überraschend sind die Zahlen:

According to the survey, 69 percent of Orthodox Jews said they feel „very close“ to Israel, compared to 29 percent of Conservative Jews and 22 percent of Reform Jews. Only 4 percent of the Orthodox said they feel „fairly distant,“ as opposed to 14 percent of Conservatives and 25 percent of the Reform.
Fifty-seven percent of Orthodox Jews said the United States „did the right thing“ when it invaded Iraq and support U.S. military action against Iran. Only 27 percent of Conservative Jews backed the Iraq war and 38 percent favored strikes against the Islamic Republic; among Reform Jews the totals were 22 percent and 32 percent. von hier

22 Prozent der amerikanischen Reformjuden fühlen sich Israel nahe – da ist offensichtlich noch einiges an Arbeit zu leisten…

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Was steht denn da?

Schma Jisrael - arabisch

Was das ist? Das ist das Schma Jisrael in arabischer Übersetzung. Tatsächlich gibt es ja nicht wenige Juden aus dem arabischen Sprachraum und Maimonides schrieb auch in arabischer Sprache. So außergewöhnlich ist es also nicht – aber wir mögen es als ungewöhnlich empfinden.
Diese Übersetzung entstammt dem Siddur Farhi , einem hebräisch-arabischen Siddur aus den USA (im Print ausverkauft, nur noch elektronisch erhältlich). Vielleicht eine gute Quelle für Dialogs und Trialogtätige. Wer für lokale Trialogsveranstaltungen Material in türkischer Sprache benötigt, kann sich auf sevivon.com umschauen. Dort gibt es beispielsweise eine Zusammenfassung der Wochenabschnitte (hier Pera?a Dilimleri) und zahllose Kommentare dazu in türkischer Sprache (hier).