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Jom Kippur, Lederschuhe und unbequeme Reformrabbiner

Die Jamim Noraim sind traditionell eine gute Gelegenheit, sich intensivst mit der eigenen Position auseinander zu setzen und zumeist eine Zeit besonderer Observanz. Kur vor Jom Kippur So organisierte ich frühzeitig die Lektüre für die wenigen Stunden zwischen Schacharit und Minchah an Jom Kippur. Das Kescher-Magazin des Abraham-Geiger-Kollegs brachte in diesem Jahr in der Ausgabe für die Hohen Feiertage einen gekürzten Artikel von Rabbiner Abraham Kohn. Dieser schrieb ihn für die Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie die zwischen 1835 und 1839 mit jährlich drei Heften von Abraham Geiger herausgegeben wurde. 1839 veröffentlichte Kohn dort seinen Artikel Über die Musik an Feiertagen in dem erklärt, warum Musik in der Synagoge kein Tabu sein muss. Interessant ist der Artikel, weil Kohn sich mit den Quellen auskennt und daraus einen lesenswerten Artikel gemacht hat. Nach Jom Kippur fand ich in der gleichen Ausgabe der Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie einen Artikel der eigentlich viel unmittelbarer mit Jom Kippur zusammenhängen würde:
Erste Seite des Artikels von Abraham Kohn

Über das Entbehren lederner Schuhe am Versöhnungstage (Heft 2, 1839) . Dieser ist nicht ganz frei von Polemik, aber auch er ist lesenswert und möglicherweise auch lehrreich.
Noch interessanter ist aber die Geschichte von Rabbiner Abraham Kohn, der 1807 in Böhmen geboren wurde und am 7. September 1848 in Lemberg starb – ermordet. Nicht etwa durch einen antisemitischen Mob, sondern durch Gegner der Reform! Dazu ist bereits vor einiger Zeit in den USA ein Buch erschienen A Murder in Lemberg: Politics, Religion, and Violence in Modern Jewish History :

Murder, intrigue, media spotlight, community in-fighting, police coverup, judicial malfeasance. O.J. Simpson? Jon-Benet Ramsey? No, it’s the poisoning of Rabbi Abraham Kohn and his family by a fellow Jew, Abraham Ber Pilpel, in 1848, in the Ukrainian city of Lemberg (now Lviv). Stanislawski, professor of Jewish history at Columbia, uncovers a forgotten story as his fascinating book details the events surrounding the murder of the reformist (but not Reform) Rabbi Kohn and his four-year-old daughter (four other family members survived) after Pilpel sneaked into their kitchen and poured arsenic in the family’s soup. von hier

Wir sind heute weiter? Denkste! Im Seforim-Blog gibt es einen kleinen Beitrag zum Buch von Michael Stanislawski und dort schreibt ein Kommentator:

I frankly don’t see any difference between murdering him and the Chashmona’im murdering Hellenists. Kommentar von hier

So wurde aus dem interessanten Artikel im Kescher-Magazin ein Hinweis auf eine weit größere, sehr interessante Geschichte mit zahlreichen Querverweisen auf das Wirken von Abraham Kohn, der – das kann man wohl schreiben – das Opfer von Fundamentalisten wurde…

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Die Lobby und die Koscher Nostra

Im März 2006 veröffentlichten John J. Mearsheimer und Stephen Walt ihren Aufsatz The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy (hier). Der hat schon für Wirbel gesorgt, aber nun erschien in diesem Monat die erweiterte Fassung als Buch, sowohl in den USA, als auch in Deutschland. Zusammengefasst soll das Buch wohl folgendes aussagen: Die Nahostpolitik der USA diene nicht ihren eigenen nationalen Interesse (in dem Zusammenhang ist selbstverständlich klar, in wessen Interesse) und fördere deshalb sogar selber den Antiamerikanismus in der arabischen Welt, ach ja, am Irak-Krieg sei diese Lobby letztendlich auch Schuld. Eine amerikanisch-israelische Gruppe bestehend aus Politikern, einflussreichen Denkern, verschiedenen Gruppen und Organisationen und sogar christlicher Evangelikaler sollen aktiv daran arbeiten, die US-Außenpolitik in eine proisraelische Richtung zu steuern bzw. die Richtung beizubehalten. Der Einfluss dieser Lobby sei ungleich größer, als der anderer Interessenverbände, wie zum Beispiel der amerikanisch-kubanischen Lobby. Sie sei in der Lage abweichende Meinungen herabzuspielen, ja sogar Kongressabgeordnete und Regierungsangestellte unter Druck zu setzen um kritische Töne zu unterdrücken. Man möchte gleich aufschreien, das habe man schon Millionen Male gehört und der Vorwurf sei nicht besonders neu. Originell sich auch nicht. Ein kühlen Kopf bewahrt Josef Joffe in der ZEIT und dekonstruiert das Werk, ohne hysterisch zu werden:

Der Anklage folgt im zweiten Teil die Verschwörungstheorie. Wenn Israel eine strategische und moralische Belastung für Amerika ist, warum wird der jüdische Staat so bedenkenlos unterstützt? Warum hat sich Washington zuletzt sogar in den Irakkrieg treiben lassen mit den bekannten schrecklichen Konsequenzen?
Die Antwort besteht aus einem Wort: Israel-Lobby. Vornehmerweise sagen die beiden Autoren nicht Juden. Meistens sagen sie Neocons, unter denen sich zwar auch brave Christen tummeln, die aber sofort als jüdische Kabale verstanden werden. Hinzu kommt die christliche Rechte, die Evangelikalen. Der Hauptverschwörer aber ist Aipac, das American Israel Public Affairs Committee, das in der Tat eine glänzend organisierte und finanzierte Lobby ist, die viel Einfluss auf dem Kapitol und im Weißen Haus besitzt. von hier: DIE ZEIT

David Remnick vom New Yorker spitzt dieses Modell von Mearsheimer und Walt so zu:

In Mearsheimer and Walts cartography, the Israel lobby is not limited to AIPAC, the American Israel Public Affairs Committee. It is a loose yet well-oiled coalition of Jewish-American organizations, watchdog groups, think tanks, Christian evangelicals, sympathetic journalists, and neocon academics. This is not a cabal but a world in which Abraham Foxman gives the signal, Pat Robertson describes his apocalyptic rapture, Charles Krauthammer pumps out a column, Bernard Lewis delivers a lectureand the President of the United States invades another country. Dick Cheney, Donald Rumsfeld, and Exxon-Mobil barely exist. von hier: New Yorker

Joffe zeigt aber in erster Linie die fehlerhafte Argumentation nach, die nur bestimmte Fakten zulässt:

Hat diese Koscher Nostra Amerika in den Krieg getrieben, um Saddam zu stürzen und Israel zu stützen? Dies hieße, spottet der frühere Verteidigungschef Don Rumsfeld im New Yorker, dass der Präsident und sein Vize, ich und (Außenminister) Colin Powell gehirnlose Gewächse waren (fell off a turnip truck) als wir unsere Jobs antraten. Es lässt sich auch so ausdrücken: Drei Neocon-Juden plus ihre publizistischen Büchsenspanner wie Norman Podhoretz (Alt-Neocon) und William Kristol (Jung-Neocon) haben 300 Millionen Amerikaner in den falschen Krieg gelockt und dies in landesverräterischer Manier als Handlanger eines fremden Staates. Fazit: Bush, Cheney, Rumsfeld, Rice, die Vereinigten Stabschefs haben sich dumpfen Hirns und blinden Auges von den Juden manipulieren lassen. Die These stimmt, aber nur, wie hier zum ersten Mal enthüllt wird, weil all diese Protestanten in Wahrheit neuzeitliche Maranen sind (das waren die spanischen Juden, die sich zum Schein taufen ließen, um der Inquisition zu entgehen). von hier: DIE ZEIT

Josef Joffe hat aber argumentativ noch einiges andere zu entgegnen, was die Käufer des Buchs aber sicher nicht interessieren wird:

Es braucht schon ein kühnes (oder übel gelauntes) Gemüt, um die Geschichte der Israel-USA-Beziehung als ein Reiter-Ross-Verhältnis zu karikieren. Truman hat Israel 1948 als einer der Ersten anerkannt, aber Stalin war noch schneller. Gekämpft haben die Israelis mit Ostblockwaffen (zu einer Zeit, als dort die Führung von Juden gesäubert wurde). Die USA weigerten sich bis in die sechziger Jahre, Waffen zu liefern; das taten bis 1967 die Franzosen. Eisenhower hat die Israelis nach dem Suezkrieg aus dem Sinai vertrieben, um die Araber bei der Stange zu halten.
Israel-Lobby hin oder her, Johnson weigerte sich, am Vorabend des Sechstagekrieges die ägyptische Blockade des israelischen Hafens Elat (Zugang zum Indischen Ozean) zu brechen; das sollten die Israelis bitte selber tun. Henry Kissinger, der Jude aus Fürth, wartete ab, bevor er den hart bedrängten Israelis im Jom-Kippur-Krieg (1973) endlich Nachschub gewährte, um sie so empfänglich zu machen für spätere Konzessionen. Dann zwang Kissinger die Israelis, die schon auf dem Weg nach Kairo waren, hinter den Suezkanal zurückzukehren. Warum hat ein glühender Freund Israels, Ronald Reagan, dem Verteidigungsminister Scharon 1982 verboten, Beirut einzunehmen? Warum verlegen die USA ihre Botschaft nicht, wie von der Lobby ständig gefordert, von Tel Aviv nach Jerusalem? So viel Lobby und so wenig Macht, das reimt sich nur, wenn man sich eine hübsche Theorie nicht von hässlichen Fakten kaputt machen lassen will. von hier: DIE ZEIT

Etwas verwundert es da schon, wenn Michael Lerner vom Tikkun-Magzine heftigst den Text von Mearsheimer und Walt benickt und als Anlass betrachtet, sich über die Medienzensur zu beschweren und den Begriff der Lobby noch weiter ausweitet.
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Jom Kippur hören und sehen

Jom Kippur fällt mit dem kommenden Schabbat zuammen, deshalb hier schon einmal ein kurzer filmischer Nussach-Beitrag

Und einer zum Thema Erwischt werden an Jom Kippur – für mich auch ein guter Vorwand hier einmal Audrey Tautou unterzubringen. Das passende Video mit Audrey Tautou (und Edouard Baer) gibt es hier.

Wer sich schon einmal in den gesamten Ablauf einhören möchte, findet auf virtualcantor.com jede Menge Audiomaterial dazu. Beispielsweise Awinu Malkejnu (nachlesen) oder den Torahabschnitt und Mussaf, Maariv und Ne’ilah. Minchah ist dort noch under construction.

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Wahlen in Berlin – überall interessant

Jüdisches Berlin macht darauf aufmerksam, dass in Berlin demnächst Wahlen für die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde sind. Die Gemeinde ist groß und so gibt es tatsächlich auch regelrechte Listen und Wahlbündnisse die sich unterschiedlichen Zielen gewidmet haben. So rief die Liste Neue Namen in der letzten Ausgabe der Jüdischen Zeitung ganzseitig zu Änderungen auf, freilich nur dann, wenn man Kandidaten der Liste wählt. Die URL zur angegeben e-Mail Adresse @block-neuenamen.de führt (derzeit?) auf die Internetseiten der Werner Media. Das ist die Herausgeberin der Jüdischen Zeitung. Jüdisches Berlin berichtet übrigens auch von einer anderern Liste namens Atid. Das Wahlmotto von Atid (Zukunft) lautet übrigens ATID statt Austritt, wie die Jüdische berichtet. Für diese Liste hat sich Stephan Kramer aufstellen lassen, der auch Generalsekretär des Zentralrats der Juden ist. Die taz berichtet, seine Kandidatur sei nicht mit Charlotte Knobloch und ihren Stellvertretern Salomon Korn und Dieter Graumann abgesprochen gewesen. Unterstützt wird Atid auch durch Michel Friedman:

Die Jüdische Gemeinde Berlin ist, wenn sie kompetent geführt wird, neben dem Zentralrat die wichtigste politische Stimme im Dialog mit Deutschland, sagte Friedman und ließ keinen Zweifel daran, dass er den derzeitigen Vorsitzenden Gideon Joffe und seinen Vorstand für inkompetent hält. „Die Gemeinde hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren und muss jetzt einen Vorsitzenden bekommen, auf den sie stolz sein kann“, sagte Friedman. von hier

Entscheidend für die Wahl sind mit Sicherheit jedoch die Wähler mit russischer Muttersprache. Diesen bot Arkadi Schneiderman bisher ein Forum. Der Anfangs erwähnte Block Neue Namen dürfte ebenfalls auf jene Klientel schielen. Mit der Jeveryskaya Gazeta als Träger für Anzeigen dürfte man auch einen großen Teil der Wähler erreichen. Ebenso sicher ist es, dass mit herannahendem Wahltermin auch die Öffentlichkeitsarbeit der Kontrahenten zunehmen wird… und das ist mit Sicherheit überall interessant.

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Mit Sprache umgehen können

Depot für entartete Kunst
Mit Worten müsste er sich auskennen und auch genau abschätzen können was Worte bewirken. Immerhin heißt es im Johannes-Evangelium ?? ???? ?? ? ????? im Anfang war das Wort und es ist davon auszugehen, dass Kardinal Joachim Meisner sich da auf sicheren Terrain bewegt. Dennoch geht er hin und sagt dann Sachen wie diese hier:

Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet von hier

Und es ist keine Überempfindlichkeit, wenn dieser Gebrauch von Sprache sauer aufstößt:

Der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) wies die Bewertung nicht-religiöser Kultur als „entartet“ scharf zurück. „Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat“, sagte der CDU- Politiker dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Samstagausgabe). Meisner rechtfertigte die umstrittene Passage im Gespräch mit dem Kölner Domradio. Er habe „nur ganz schlicht sagen wollen, dass wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden“. Grosse-Brockhoff hielt dem entgegen, das Wort „entartete Kunst“ stehe für eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte und einen katastrophalen Umgang mit Kunst und Kultur.Der SPIEGEL

Überempfindlich? Betrachten wir also ein Flugblatt derjenigen, die diesen Begriff geprägt haben:

von Judencliquen preisgekrönt, von Literaten gepriesen, waren
Produkte und Produzenten einer Kunst, für die Staatliche
und Städtische Institute gewissenlos Millionenbeträge deutschen
Volksvermögens verschleuderten, während deutsche Künstler zur
gleichen Zeit verhungerten. So, wie jener Staat war seine
Kunst.
Seht Euch das an! Urteilt selbst!
Besuchet die Ausstellung
Entartete Kunst Vom Flugblatt der Ausstellung Entartete Kunst die am 19. Juli 1937 in München in den Hofgarten-Arkaden eröffnet wurde und 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen zeigte.

Statt einzulenken, weist man dagegen die in die Schranken, die diesen Gebrauch von Sprache ablehnen. Das Erzbistum Köln wies die Kritiken als ethisch äußerst fragwürdig und völlig unangemessen zurück (siehe hier).
Entgegen der Erwartungshaltung, als Vertreter der Religion des Wortes, müsse man genauestens arbeiten, tut man aber genau dies nicht. So werden auch die Herausgeber von kreuz.net nicht sehen, dass Zwischenüberschrift wie Jedem das Seine (siehe hier). Solange man aber nicht bemerkt, was andere eigentlich anstößig finden mögen, hat man ein kleines Problem, weil man selber nicht verstanden hat, worüber gesprochen worden ist.

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Schanah Tovah!

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Schanah Tovah allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs!

und weil auch in diesem Jahr der Beginn von Rosch haSchanah mit Beginn des Ramadan zusammenfällt, wünsche ich auch noch Ramadan Mubarak! Ich denke, es wird auch im kommenden Jahr, im Jahr der Schmittah, genügend Begebenheiten und Themen geben wird, über die hier geschrieben werden wird.
Die Paraschah Haasinu in der Torah
Direkt an die zwei Tage von Rosch haSchanah fügt sich der Schabbat Schuwah mit der Paraschah Ha’asinu an.
Eine Paraschah über die übrigens auch Franz Kafka schrieb. In seinen Tagebüchern heißt es für den 19 Oktober 1921 (die Woche nach Ha’asinu):

Das Wesen des Wüstenwegs. Ein Mensch, der als Volksführer seines Organismus diesen Weg macht, mit einem Rest (mehr ist nicht denkbar) des Bewußtseins dessen, was geschieht. Die Witterung für Kanaan hat er sein Leben lang; daß er das Land erst vor seinem Tode sehen sollte ist unglaubwürdig. Diese letzte Aussicht kann nur den Sinn haben, darzustellen, ein wie unvollkommener Augenblick das menschliche Leben ist, unvollkommen, weil diese Art des Lebens endlos dauern könnte und doch wieder nichts anderes sich ergeben würde als ein Augenblick. Nicht weil sein Leben zu kurz war kommt Moses nicht nach Kanaan, sondern weil es ein menschliches Leben war. Dieses Ende der 5 Bücher Moses hat eine Ähnlichkeit mit der Schlußszene der Education sentimentale.

Besprechung zu Haasinu Wer mehr über den großen Mann Mosche erfahren möchte, kann während der Feiertage, in müssiger Stunde gerne zur Jüdischen Allgemeinen greifen lesen, woher Mosche die Kraft hatte, angesichts seines Todes ein Lied zu dichten.
Wie Regen träufle meine Lehre, es riesele gleich dem Tau mein Spruch, wie Regenschauer auf das Grüne, wie Wolkengüsse auf das Gras. Ein Fels ist er, sein Tun vollkommen ist der poetische Beginn des 43 Verse langen Liedes von Mosche, das einen großen Teil der Paraschah ausmacht. Die Torah wechselt hier von der dritten in die erste Person. Zuvor wurde berichtet, erzählt und instruiert. Nun spricht Moses direkt zu den Kindern Israels, sowohl damals zu seinen direkten Zuhörern, aber auch durch die Torah direkt zu uns, den heutigen Lesern und Zuhörern in der Synagoge und am Schabbat Schuwah mag das noch eine viel gewichtigere Bedeutung haben! Feedback willkommen!
Mögen wir alle eingeschrieben werden in das Buch des Lebens!

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Nimm doch endlich das Ding ab!

KefijeEs ist wieder da! Dieses Tuch ist wieder zurück im Straßenbild. Irgendein Designer scheint es wieder zurück in den öffentlichen Raum gebracht zu haben und nun verkehren sich die Symbole. Während die Kippah öffentlich nicht getragen werden kann, so ist das Symbol für den Kampf gegen den Staat Israel und das Judentum ein schickes Accessoire das völlig frei von jeglichem Kontext getragen wird. Zu Beginn des Schabbats wurde ein Rabbiner niedergestochen, weil er als Jude erkennbar war, am Sonntag darauf begegnen einem zahllose Jugendliche mit diesem Tuch. Klar, es ist total warm und kuschelig und irgendwie ist es ja auch links und so. Ich will hier gar nicht die ganze Geschichte des Tuchs wiedererzählen (von dem es mittlerweile ja nun auch eine israelische Variante gibt), sondern nur auf die Koinzidenz hinweisen und auf Menschen und Texte hinweisen, die sich damit schon ausführlich befasst haben.
Die FAZ beschreibt, wie das Tuch nach Deutschland kam:

Das Palästinensertuch kam, folgen wir den Hinweisen von Forschern, die sich mit der Geschichte der 68er-Bewegung befaßt haben, in die dafür völlig unvorbereitete Bundesrepublik Deutschland, als sich Mitglieder des Palästina-Komitees – eines Sprosses des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes – nach Palästina aufmachten, um sich vor Ort die PLO und deren Kampfmethoden anzuschauen und davon zu lernen. Die gleiche Situation: Die Sonne schien, die Häupter brauchten Schutz. Die Tücher lagen für die Gesandten griffbereit. FAZ-online

Der Verfasser eines Flugblattes schildert die Geschichte ausführlicher:

Ungefähr um 1936 begann der als Mufti von Jerusalem bekannte Amin el-Husseini, das sogenannte Palästinensertuch bei der Bevölkerung durchzusetzen. Gefoltert und/oder getötet wurden diejenigen, die sich dem allgemeinen Zwang nicht beugen wollten und weiterhin europäische Hüte spazierentrugen oder einen westlichen Kleidungsstil pflegten. El-Husseini war einer der engsten Verbündeten der Muslimbruderschaft, die bis heute den ideologischen als auch den organisatorischen Kern der islamistischen Bewegung bildet, die Gruppen wie al Qaida oder eben Hamas umfasst.
Ihr gemeinsames Ziel ist der Widerstand gegen die „kulturelle Moderne“. Das Tragen des Palituchs ist Ausdruck einer Abkehr vom Westen, die die Rückbesinnung auf die eigene Kultur beabsichtigt und der eben auch die Homogenisierung der Menschen durch diese nennen wir es euphemistisch „Kleiderordnung“ dient. Im Prinzip ist die Aussage, die durch diese Tücher gemacht wird, ganz einfach: Wir gehören zusammen, wir sind ein Volk und daraus folgt, dass wer sich weigert als Feind behandelt wird. Es geht nicht nur darum, eine eigene Kultur in Koexistenz aufzumachen, sondern um die Bekämpfung des Westens.
Der „Westen“ meint in diesem Fall besonders Israel und die USA, gegen die in der gesamten muslimischen Welt in den Moscheen der Djihad („Heiliger Krieg“) ausgerufen wird. Nicht nur für Arafat, die Hamas, Hizbollah, Bin Laden und Hussein gilt einhellig: „Frieden bedeutet für uns die Zerstörung Israels.“ (Arafat 1980) Die ganze muslimische Welt soll sich solidarisieren und identifizieren: „Wir sind alle Muslime. Wir werden alle unterdrückt. Wir werden alle gedemütigt. (…) 1,3 Milliarden Moslems können nicht durch ein paar Millionen Juden besiegt werden.“ (Mahathir Bin Mohamad, Premierminister von Malaysia auf der islamischen Spitzenkonferenz 2003)
Der Kampf der Islamisten gegen die Juden und gegen Israel kann ebenfalls auf eine längere Geschichte zurückblicken. Die erste große Mobilisierungskampagne der „Muslimbrüder“ gegen Juden und Zionisten fand 1936 in Palästina statt. Mit Parolen wie „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten und Palästina“ wurde damals das bis heute nicht veränderte Ziel artikuliert und in Angriff genommen, diese Länder von jüdischen Menschen zu säubern. von hier

Etwas theoretischer der Text von Jens Jessen in der ZEIT:

Die dogmatische Weigerung, in Konflikten etwas anderes als Klassenkämpfe zu sehen, machte die Linke blind für das Fortleben nationalistischer, rassistischer oder ethnischer Motive. Daher die merkwürdige Unschuld, mit der das PLO-Tuch getragen wurde, ohne im Entferntesten den Vorwurf eines antisemitischen oder auch nur antiisraelischen Bekenntnisses zu fürchten. von hier

Verstörend also, dass ausgerechnet dieses Stück Stoff wieder im Straßenbild angekommen ist. Wo bleibt nur das Zeichen gegen Antisemitismus?
Für das Bild gilt die Free Art License

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Nun auch in Deutschland

Aus Frankreich haben wir zahlreiche Fälle gehört, in denen Juden auf offener Straße verletzt wurden, nun auch in Frankfurt. Die Nachrichtenmeldungen (von denen es eben nicht wenige gab) am Ende des Schabbat sind knapp und kurz gefasst, eine wirkliche Empörung ist nicht spürbar. Fakt ist, dass Zalman Gurevitsch, der Rabbiner von Chabad Frankfurt, am Freitagabend auf dem Nachhauseweg von der Synagoge auf der Eschersheimer Landstraße, in arabischer Sprache angesprochen wurde und dann niedergestochen, offenbar mit den Worten Dich Juden werde ich jetzt umbringen. Eine genaue Schilderung findet man hier.

Ein Rabbiner ist in Frankfurt am Main von einem Unbekannten durch einen Messerstich in den Bauch auf offener Straße verletzt worden. Das Mitglied der jüdischen Gemeinde wurde mit einem Messerstich im Bauchbereich schwer verletzt und musste in einer Frankfurter Klinik operiert werden, wie die Polizei mitteilte. Lebensgefahr habe aber nicht bestanden.Die Tat ereignete sich am Freitagabend gegen 20.30 Uhr im Ortsteil Westend, wo der 42-Jährige mit zwei Bekannten zu Fuß unterwegs war. Ein von Zeugen als Südländer, möglicherweise Araber, beschriebene Täter in Begleitung zweier Frauen habe den Rabbiner in arabisch klingenden Worten angesprochen. Der Geschädigte, der eine jüdische Kopfbedeckung trug, habe die Worte aber nicht verstanden. Als er sein Gegenüber nach dessen Anliegen befragte, habe der Täter in Deutsch eine Todesdrohung ausgesprochen und mit einem Messer einmal auf ihn eingestochen. von hier

Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen, sagt das, was man auch zu einer Schulhofschlägerei sagen könnte:

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) nannte die Messerattacke eine „perfiden Tat, die wir nur mit Entsetzen und Empörung aufnehmen können und auf das Schärfste verurteilen“. Zugleich äußerte der Regierungschef die Hoffnung, „dass der Rabbiner schnell und vollständig genesen möge und es gelingt, den Täter so schnell wie möglich zu fassen“. von hier

Halten wir also fest, dass es in Deutschland für Juden nicht möglich ist, sich mit Kippah auf der Straße frei zu bewegen. Das ist kein Zwischenfall, sondern der Beweis dafür, dass die Politik und die Instrumente des Rechtsstaats versagt haben. Wenn Juden nicht als Juden den öffentlichen Raum betreten können, dann ist dies erstmal eine Armutserklärung. Nach einigen handfesten Pöbeleien in Berlin ist dies nun ein Fall, der jemandem das Leben hätte kosten können. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Tat geplant war oder nicht. Das wirklich perfide ist also, dass man sich nicht mit dem Opfer solidarisiert, sondern die Sache ausschließlich so behandelt, als sei es im Verlauf einer Auseinandersetzung zu einem Gewaltausbruch gekommen. Wer sicherstellt, dass Juden sich frei bewegen können, der darf auch darüber reden, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder eine Heimat hat (siehe hier).

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Neuer Machzor für Rosch haSchanah

Machzor für Rosch haSchanah
Ein neuer (orthodoxer) Machzor und das mit deutscher Übersetzung! Rabbiner Menachem Halevi Klein aus Frankfurt hat jetzt, kurz vor Rosch haSchanah einen deutschsprachigen und transliterierten Siddur herausgebracht. Die Typographie folgt dem klassischen Machzor/Siddur-Standard, dafür hat man einige gestalterische Elemente hinzugenommen. Beispielweise einen Rand mit Navigation und kleinen Hilfssymbolen die angeben, an welcher Stelle der Aaron haKodesch geöffnet wird, oder wann die Gemeinde antwortet. Zudem wurden Teile weggelassen, die heute oft von den Gemeinden in der Regel übersprungen werden.

Das sieht dann so aus:
Machzor für Rosch haSchanah - Hebräischer Text

Die Übersetzung steht allerdings unter dem Text, die Transliteration dafür dann dem hebräischen Text gegenüber – beides zugleich dürfte auch ein kleines Problem sein…

Machzor für Rosch haSchanah - Deutscher Text
Zu haben ist dieser (und wohl bald auch einer für Jom Kippur) über das Rabbinat in Frankfurt und kostet 25 Euro. Kontaktdaten hier.

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Rabbiner Eric Yoffie bei der Islamic Society of North America

Rabbiner Eric Yoffie, Prräsident der Union for Reform Judaism, die 1,5 Millionen Mitglieder in etwa 900 Synagogen hat, war am vergangenen Freitag Redner bei der Versammlung der Islamic Society of North America, kurz ISNA. Er war somit der erste jüdische Redner auf einer solchen Veranstaltung. In seiner Rede rief er die Muslime Nordamerikas dazu auf, sich für einen offenen Dialog zwischen Judentum und Islam einzusetzen und sich für eine Lösung des Nahostkonflikts stark zu machen; geht aber auch auf die Gefahren von religiösem Extremismus ein und versucht laut darüber nachzudenken, wie die jetzige Situation, in der dem Islam häufig offene Feindschaft entgegen schlägt, entstand.

There exists in this country among all Americans whether Jews, Christians, or non-believers a huge and profound ignorance about Islam. It is not that stories about Islam are missing from our media; there is no shortage of voices prepared to tell us that fanaticism and intolerance are fundamental to Islamic religion, and that violence and even suicide bombing have deep Koranic roots. There is no lack of so-called experts who are eager to seize on any troubling statement by any Muslim thinker and pin it on Islam as a whole. Thus, it has been far too easy to spread the image of Islam as enemy, as terrorist, as the frightening unknown. von hier

Einige Vorschläge bzw. Aussagen von Politikern zitiert er auch und wundert sich über die unverhohlene Feindschaft:

How did it happen that Christian fundamentalists, such as Pat Robertson and Franklin Graham, make vicious and public attacks against your religious tradition?
How did it happen that when a Muslim congressman takes his oath of office while holding the Koran, Dennis Prager suggests that the congressman is more dangerous to America than the terrorists of 9/11?
How did it happen that a member of Congress, Tom Tancredo, now running for President, calls for the bombing of Mecca and Medina? von hier

Aber auch Europa bekommt sein Fett weg. So wie die USA hier mittlerweile der große Bösewicht sind und kaum ein Comedien dieses Thema ausspart, so wird scheinbar die Europäische Union in den USA gesehen:

Compare this with the situation in Christian Europe. For centuries we were the other in Europe. The Europeans have little ability to deal with difference, and often show suspicion or outright contempt for people of faith. As you are well aware, there are places in Europe where wearing a headscarf to a public school is a punishable offense. What an outrage this is, what an abomination! In a global media culture that fawns over Britney Spears and Lindsay Lohan, why should anyone criticize the voluntary act of a woman who chooses to wear a headscarf or a veil? Surely the choice these women make deserves our respect, not to mention the full protection of the law.
America, fortunately, is different in this regard. What distinguishes America is our religiosity and our pluralism. More than 150 million Americans worship on a regular basis, in an astonishing number of denominations. Americans respect religion and believe in God, and they eventually learn to respect religions different from their own. If we add to this the great principle of church-state separation, we can be certain that our religious autonomy is assured. And we can conduct our dialogue not in despair but in hope, knowing that we will ultimately find a secure place in the American religious mosaic. von hier

Wie kommt man also heraus aus der Sackgasse in der wir stecken? Rabbiner Yoffie:

You will teach us about Islam and we will teach you about Judaism. We will help you to overcome stereotyping of Muslims, and you will help us to overcome stereotyping of Jews. We are especially worried now about anti-Semitism and Holocaust denial. Anti-Semitism is not native to Islamic tradition, but a virulent form of it is found today in a number of Islamic societies, and we urgently require your assistance in mobilizing Muslims here and abroad to delegitimize and combat it. A measure of our success will be our ability, each of us, to discuss and confront extremism in our midst. As a Jew I know that our sacred texts, including the Hebrew Bible, are filled with contradictory propositions, and these include passages that appear to promote violence and thus offend our ethical sensibilities. Such texts are to be found in all religions, including Christianity and Islam
The overwhelming majority of Jews reject violence by interpreting these texts in a constructive way, but a tiny, extremist minority chooses destructive interpretations instead, finding in the sacred words a vengeful, hateful God. Especially disturbing is the fact that the moderate majority, at least some of the time, decides to cower in the face of the fanatic minority perhaps because they seem more authentic, or appear to have greater faith and greater commitment. When this happens, my task as a rabbi is to rally that reasonable, often-silent majority and encourage them to assert the moderate principles that define their beliefs and Judaisms highest ideals. My Christian and Muslim friends tell me that precisely the same dynamic operates in their traditions, and from what I can see, that is manifestly so. Surely, as we know from the headlines, you have what I know must be for you as well as for us an alarming number of extremists of your own those who kill in the name of God and hijack Islam in the process. It is therefore our collective task to strengthen and inspire one another as we fight the fanatics and work to promote the values of justice and love that are common to both our faiths. Auch von hier

Man kann nicht behaupten, Yoffie habe ein Thema ausgespart und das die Höflichkeit einen nicht dazu zwingt gewisse Themen auszusparen, zeigt die Rede eigentlich schon. Den ganzen Text gibt es hier.