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Stop Darfur or close down the Holocaust memorials

Darfur hat nicht nur besondere Aufmerksamkeit verdient, sondern eigentlich unsere gesamte Empörung und das der Genozid nicht jeden Tag Thema in den Nachrichten ist, ist ein Skandal. Jewcy hat nun eine spezielle Seite mit Inhalten nur zu Darfur veröffentlicht, darunter ein Artikel von Joey Kurtzman über Ruth Messinger:

If there is one Jewish-American who has done more than any other to ensure that the spirit of Never Again be made flesh, that the ethical lessons of the Holocaust be extended into today’s world, it is Ruth Messinger.
Never Again often seems an increasingly silly expression. Again happened in Bosnia, and it happened in Rwanda. Did the Holocaust-pious West or the feckless international community move in any significant way to stop either genocide? As CEO of the American Jewish World Service, Messinger has tirelessly promoted international intervention in Darfur to end the genocide. The expression Never again, Messinger says, cannot be reserved only for Jews. von hier

Und so ist sie es, die sagt Stop Darfur or close down the Holocaust memorials und erinnert daran, dass man Verantwortung nicht einfach nur verwalten kann. Lesebefehl also für jewcy!

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Die Achse des Bösen als Bildschirmschoner

Bad LandsDie Achse des Bösen gibt es nun auch als Bildschirmschoner für die politisch informierten PC-Arbeitsplätze. Während also der Nutzer den Rechner nicht verwendet, zeigt dieser die Länder der Achse mit einem Gradmesser für Übelkeit des jeweiligen Staates. Herunterladen kann die ganze Geschichte hier. Der Schoner ist ein Werbegimmick für das Buch Bad Lands von Tony Wheeler, der all diese bösen Länder bereist hat und gleich ein, wahrscheinlich sehr interessantes, Buch daraus gemacht hat:

‚You guys really are the axis of evil‘, our guide splutters over his stein of beer in the Pyongyang duck restaurant. ‚You’re always leaning out of the windows and taking photographs when I tell you not to.‘
In an age of plastic knives on planes, Tony Wheeler can make the extraordinary claim of having visited all the rogue countries currently on newsreaders‘ lips. Bad Lands is a witty first-hand account of his travels through places often perceived as having some of the most repressive and dangerous regimes in the world: Afghanistan, Albania, Burma, Cuba, Iran, Iraq, Libya, North Korea and Saudi Arabia. Taking into account each country’s attitude to human rights, terrorism and foreign policy, he asks ‚what makes a country truly evil?‘ and ‚how bad is really bad?‘ – all the while engaging with a colourful cast of locals and hapless tour guides, ruminating on history and debunking popular myths. von hier

Mit großem Dank an K. für das Auffinden und weitersagen dieser Geschichte

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Schön massenkompatibel weißgewaschen

Der Journalist Daniel Pearl wurde am 23. Januar 2002 in einem Verschlag in Pakistan von einer Gruppe namens Nationale Bewegung zur Wiederherstellung der pakistanischen Souveränität entführt und etwa eine Woche später durch Enthauptung ermordet. Über die Motive des Mords schweigt sich Chalid Scheich Mohammed nicht aus:

Mit meiner gesegneten rechten Hand habe ich den Kopf des amerikanischen Juden Daniel Pearl in Karachi in Pakistan abgeschlagen zitiert nach der Basler Zeitung

Seine Frau, Mariane Pearl, war zum Zeitpunkt der Entführung ihres Mannes mit ihrem ersten Kind im fünften Monat schwanger und brachte am 27. Mai 2002 den gemeinsamen Sohn, Adam Pearl, in Paris zur Welt. 2003 verarbeitete sie ihren Verlust in ihrem Buch Ein mutiges Herz: Leben und Tod des Journalisten Daniel Pearl. Dieses ist kürzlich verfilmt worden (unter anderem mit Brad Pitt und Angelina Jolie).
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Der Film startete nun unter dem Titel A mighty heart am 22.Juni 2007 in den USA und wird am 13. September 2007 in Deutschland – hoffentlich nicht ohne Aufsehen zu erregen, denn Rabbi Yonah von jewlicious macht auf einen beachtenswerten Blogeintrag von Debbie Schlussel aufmerksam. Debbie Schlussel hat sich das Werk aufmerksam angeschaut und war verwundert darüber, wie saubergewaschen die filmische Abbildung der Ereignisse ist und nennt das ganze in ihrem Blogeintrag Muslims Heroes in Qaeda-less Jolie-Pitt Daniel Pearl „Lifetime“-esque Movie:

As one would expect from the Jolie-Pitts, A Mighty Heart is mostly NOT about the Al-Qaeda murder of Daniel Pearl, killed in cold blood specifically because he was a Jew. In fact, the movie minimizes that, instead repeatedly blaming America for its treatment of Guantanamo Bay prisoners as the reason Pearl was cut into the ten pieces like a slaughtered chicken, the state in which his body was found. (Thats no surprise, given that the Jolie-Pitts hired as A Mighty Hearts director, Michael Winterbottom, who also directed the propaganda fake-umentary, The Road to Guantanamo.) In A Mighty Heart we see no depiction at all of Pearls captivity or even kidnapping by Qaeda thugs, but for a few re-enactments of tiny parts of the famous Pearl video.
Most shocking, we get an onscreen repeat of the oft-told Muslim myth that 4,000 Jews didnt show up for work at the World Trade Center on 9/11, because the Jews planned the attacks. The movie provides no refutation of this myth or any indication that it is invalid. von hier

Aus den Blogeinträgen lernt man, dass der Film sich (und das ist vom Ansatz her schon mal fantastisch) in erster Linie den muslimischen Daniel Pearl befasst und sich bemüht, diese in einem guten Licht darzustellen und nicht unnötig zu dämonisieren, aber auf der anderen Seite die Gründe für den Mord an Daniel Pearl und den terroristisch-fundamentalistischen Hintergrund herunterspielt. So werden die tragischen Ereignisse Anlass für das Erzählen einer völlig anderen Geschichte, die sich vielleicht zu sehr um Unvoreingenommeheit bemüht um genau dies nicht mehr zu sein.
Debbie Schlussel wittert aber noch mehr hinter der Geschichte:

And don’t forget Wall Street Journal reporter Steve Levine, played by Gary Wilmes, the most stereotypically Jewish-looking actor they could cast–a living embodiment of the angst-ridden, sweaty big-nosed, glasses-wearing Jew you’d find in „The Protocols of the Elders of Zion“ picture book for kids.
Yup, that’s how the Muslim world–and Pitt and Jolie–see America: bizarre, drooling torturers in sunglasses, lesbian FBI agents, and big-nosed, bespectacled Jews who dominate the media. auch von hier

Vielleicht gelten die Worte Judea Pearl, dem Vater Pearls, der nun die jüdisch-muslimische Zusammenarbeit fördert, auch hier:

„Truth can be elusive, even in our times,“ said Judea Pearl, who received an honorary doctor of science degree yesterday at University of Toronto. „It is covered in a heavy fog of fear and hidden agendas.“
And he told graduates in Convocation Hall, „it is only after the murder of my son that I came to appreciate how hard it is even in our age of the Internet to stay the course of truth.“ (von hier)

Übrigens hat auch Bernard-Henry Lvy ein Buch über Daniel Pearl geschrieben, in Qui a tu Daniel Pearl?. Michael Mönninger schrieb damals in der ZEIT:

Die Mörder filmten die Enthauptung des Journalisten, der mit einem blanken Messer wie nach islamischem Halal-Ritus geschächtet wurde. Die Bilder schockierten für kurze Zeit die Welt. Der Ritualmord galt als ein weiterer Hassausbruch radikaler Islamisten gegen den Westen. Kurze Zeit später richtete sich alle Aufmerksamkeit auf den Truppenaufmarsch gegen den Irak. Doch Lvy will den politischen Hintergrund des Mordes in Erfahrung bringen und Daniel Pearl ein Denkmal setzen. […]
Er führt mit exakter Fantasie zwei Lebenswege aufeinander zu: Daniel Pearl, den amerikanisch-isralischen Stanford-Elitestudenten und Starjournalisten; Omar Sheikh, den britisch-pakistanische Elitestudenten der London School of Economics und Mörder. Lvy vertieft, was bereits die Fälle von Mohammed Atta und Richard Reid zeigten: dass die Feinde des Westens die Produkte des Westens sind.
von hier

Aber Lvy scheint nicht (vollständig) in die Einseitigkeitsfalle zu tappen sondern bemüht sich offenbar auch um Ausgleich:

Die Bezwingung der radikalen Muslime beschreibt Lvy als die entscheidende Schlacht des 21. Jahrhunderts und lässt im Schlusskapitel mit einer Liebeserklärung an den sanften, aufgeklärten Islam ahnen, dass dieser Krieg nicht mit Bomben gewonnen wird. Ein unvollendetes Meisterwerk. von hier

Ersteres wird nämlich stets gefordert ohne letzteres zulassen zu wollen, eine Verständigung mit denen, die sich verständigen wollen.

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The Authorised Daily Prayer Book

Daily Prayer BookIn den Kommentaren zum Beitrag ArtScrolls Mission erwähnte Yonatan, dass es für die britischen (orthodoxen) Gemeinden einen neuen Siddur gäbe, es handelt sich dabei um The Authorised Daily Prayer Book of the United Hebrew Congregations of the Commonwealth mit einem Kommentar, sowie einer überarbeiteten Übersetzung des britischen Oberrabbiners Sir Jonathan Sacks.
926 Seiten neuer Siddur – der sich jedoch als Weiterführung des Singers’s Siddur versteht – 926 Seiten neues Layout (von Jerusalem Typesetting), 926 Seiten neue Typographie und 926 neuer Kommentar, neue Texte erwartet man ja von einem orthodoxen Siddur ja eher weniger, dafür liegt hier der Augenmerk auf Vollständigkeit und Arrangement. Der Siddur ist selbstverständlich aschkenasisch, wenngleich auf die britische Art , man kann sagen, Minhag Anglia, der moderner und offener daherkommt als beispielsweise der ultraorthodoxe der ArtScroll-Siddurim. So findet man im Authorised Daily Prayer Book auch einen Service at the Consecration of a House und Tfillot haDerech mit einem Abschnitt für Flüge. Es versteht sich von selbst, dass es auch ein Gebet für die königliche Familie gibt Prayer for the Royal Family, in dem für our sovereign Lady, Queen Elizabeth, Philip, Duke of Edinburgh, Charles, Prince of Wales, and all the Royal Family. gebetet wird. Im Schacharit Schabbat folgt daraufhin ein Gebet für den Staat Israel und die Tzahal, allerdings wurden hier nicht, die in Israel gebräuchlichen, Texte verwendet, sondern ein zusammenhängender neuer Text geschaffen, der noch dazu sehr gut ist. Was allerdings genau an dieser Stelle fehlt, sind Texte für ein Mischeberach, es gibt lediglich im Anhang einen kurzen für Wochentage. Die kurze Form der Amidah (Havinenu) findet sich auch in dem Buch.
Die Instruktionen für die Beter sind sehr in die Texte eingebracht, statt zu schreiben, bei dem Satz vehaju le totafot etc. berührt man die Kopf Teffilin, sind kleine Symbole in den Text eingefügt (ohne ihn zu zer/stören), die dies markieren, ohne dass man oben wieder nachschauen müsste, wann welche Geste zum Gebet gehört. Instruktionen bringt das Prayer Book stets in einer serifenlosen Schrift, was sie ganz gut hervorhebt und überhaupt verzichtet der Siddur auf die grauen Kästchen die ArtScroll als Quasi-Standard einführte und rückt Einschaltungen in den Text, mit Linien markiert, ein. Überhaupt hat man nicht besonders viel vom großen ultraorthodoxen angloamerikanischen Konkurrenten übernommen. Lediglich der zweispaltige Kommentar im unteren Teil der Seiten erinnert layoutlich an diesen, inhaltlich jedoch nicht, man möchte fast sagen, dies sei auch gut so. Der Text von Rabbiner Sir Jonathan Sacks spielt in einer anderen Liga und dürfte denjenigen gefallen, die nicht so ohne weiteres jede ultraorthodoxe Weisheit schlucken wollten. In einem ausführlichen, einleitendem Artikel Understanding Prayer, erklärt der britische Oberrabbiner auch einige Grundlagen des jüdischen Gebets mit viel Sinn für Einzelheiten und Strukturen:

This Introduction tells of how prayer came to take its present form, the distinct spiritual strands of which it is woven, the structure it has, and the path it takes in the journey of the spirit. Seite XII

Interessant ist der Teil über numerische Strukturen, oder über Fraktale. Ein anderer beschäftigt sich mit der Frage, ob Gebet auch beantwortet werden, oder was die verschiedenen Namen G-ttes zu bedeuten haben.
Die Typographie des hebräischen Textes ist durchaus als gelungen zu bezeichnen, erinnert aber in vielen Strecken an die Lösung im konservativen Siddur Sim Shalom, einzelne Abschnitte sind klar voneinander getrennt, Zusammenhänge werden dagegen deutlich, Texte sind keine Buchstabenblöcke mehr, sondern klar strukturiert und umbrochen (wenn auch nicht so exzessiv wie im Sim Shalom). Der hebräische Schriftsatz ist modern und leicht zu lesen.
Interessant ist ein kleines Detail: Wenn in dem Siddur von der Person die Rede ist, die vorbetet, heißt es nicht Chazan oder Cantor, sondern Leader, was den Vorbeter etwas deinstitutionalisiert, oder anders gesagt, demokratisiert, denn ein jüdisches Gebet kann jeder leiten, der weiß, wie das funktioniert.
Im Anhang findet man, selbstverständlich, Torahlesungen für Wochentage und spezielle Anlässe, den Mischeberach, das Kaddisch in Transliteration, aber auch eine Tabelle von Psalmen für spezielle Anlässe, wie etwa im Krankheitsfall.
Durch den häufigen Vergleich hat man es schon gesehen: für mich tritt dieser Siddur praktisch gegen die ArtScroll-Siddurim an, denn beide sind neue englischsprachige Siddurim. ArtScroll konnte durch Benutzerfreundlichkeit und gefälliges Layout und Erklärungen diejenigen erreichen, auch zahlreiche Nichtmuttersprachler, die Orientierung suchten und durch das Gebet geführt werden mussten. Dabei konnten natürlich auch Inhalte verkauft werden. Kann dieser neue Siddur in diesen Wettbewerb eintreten? Zweifellos (also nach meiner Meinung) kann er das, wenn er auch das gleiche Marketing erhält und erfolgreich eingeführt wird. Es gibt ihn in zahllosen Variationen, als Taschenausgabe, als Vorbeterausgabe, als Buchausgabe etc…. Ein Plus der Taschenausgabe ist übrigens der leicht zu reinigende und biegbare Umschlag und das hervorragende dünne Papier. Früher hatte auch die Taschenausgabe des Siddur Sefat Emet dünnes Papier, darauf hat man wohl bei späteren Ausgaben verzichtet und vermutlich wird die Taschenausgabe den Sefat Emet aus meiner Tasche verdrängen, denn besonders leserfreundlich ist der nicht. Bei amazon ist der Siddur übrigens über diesen Link zu haben.

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Vom Leben und Überleben des Judentums in Deutschland

Dr. Grigori Pantijelew fragt sich hier, was wohl aus den Juden in Deutschland wird und liefert eine, durchaus zutreffende, Zustandsbeschreibung der Gemeinden für beide Seiten des jüdischen Deutschlands. Er betrachtet die russischsprachigen Gemeindemitglieder und die, so genannten, Alteingesessenen:

Mir geht es eher darum, die Verbindung zwischen vorhandenen Strömungen zu fördern. Wie erreicht man die Immigranten, die kaum Zeitungen lesen und dem Mainstream der deutschen bzw. russischen TV-Medien ausgeliefert sind? Wer will und kann vermitteln – die jüdische Tradition, die Kultur, auch die der Diskussion?
Die deutschsprachigen Juden sind als Angehörige von Überlebenden aufgewachsen und sind viel mehr Enkelkinder des osteuropäischen Judentums. Das bedeutet, die meisten Repräsentanten gehören nicht wirklich zu der liberalen Tradition, wie sie in Deutschland vor 1933 gepflegt wurde, und wie sie es von sich denken, sondern bilden selbst eine eigene Tradition. Es ist eine Mischung für sich: Die selbstauferlegte Strenge des Ritus und eine gesuchte Nähe zur Politik eines säkularen (aber doch im vielem christlich geprägten) Staates sind schon ein Widerspruch. Daraus erfolgt ihre Grunderfahrung, wie zum Beispiel die Notwendigkeit jahrein, jahraus Politiker oder Vertreter der christlichen Kirchen daran zu erinnern, dass eine Veranstaltung, zu der eine Jüdische Gemeinde eingeladen wird, nicht für einen späten Freitag anberaumt werden kann. Das will sich einfach nicht ändern. Mal wollen sie eine Synagoge für ihre lieben Juden bauen, mal Stolpersteine verordnen, mal reden sie von „ihrer“ Bibel, mal fragen sie, „wie es euch bei uns geht“. Jüngst haben gar Bischöfe die Zeit gefunden, als Touristen nach Israel zu reisen, und fanden dabei kein Wort der Empörung über Missstände im eigenen Lande (antisemitischer Angriff auf eine Kindertagesstätte), posaunten aber ihre private Meinung über das bedrückende Elend der Palästinenser groß heraus. Auf diesem Wege verfügen die nichtjüdischen deutschen Eliten weiter darüber, wie die Zukunft des Judentums in Deutschland auszusehen hat: Synagogen als Festungen, starre Shoa-Gedenkfeste, bei denen das Leid der Palästinenser zunehmend mehr angesprochen wird und Juden sich immer weniger zeigen, alltägliche Polizeipräsenz um die jüdischen Einrichtungen und die Selbstbeschwörung um den angeblich unwägbar kleinen Antisemitismus in der Gesellschaft. von hier

dann die andere Seite:

Die russischsprachigen Juden sind mit vollkommen anderen Lebenserfahrungen ausgestattet. In der Atmosphäre des staatlichen Antisemitismus aufgewachsen, opferten sie ihr Judentum zuerst, um dann geopfert zu werden. Um sich vom Antisemitismus zu befreien, haben sie auf ihre Religion verzichtet. Dann wurden sie an ihre Nationalität brutal erinnert und diskriminiert. Jeder kann seine eigene traurige Biographie erzählen, wie es einmal war. Wenn sich also die Russischsprachigen orientieren, dann stellen sie fest, dass sie außer ihren Lebensgeschichten nichts Jüdisches an sich haben, nicht einmal die Sprache. Anstatt aber die verlorenen Wurzeln neu zu pflegen, suchen sie nach der Schuld und finden sie nicht bei sich, sondern wie gesagt – unter den deutschsprachigen Juden. Diese verweigern die Umstellung des Gemeindelebens auf die russische Sprache und Kultur. Keine Jubiläumsfeier für Puschkin? Kein Treffen mit einem ehemaligen Stalinisten, der so gerne aus Russland kommen würde, um über sein bewegtes Leben zu erzählen und Kleingeld zu verdienen? Keine Änderung der religiösen Prinzipien zugunsten der nationalen? Den sich unermüdlich weiter drehenden Kreis habe ich somit schon zweimal beschrieben.auch von hier

In seinem Text geht Dr. Grigori Pantijelew recht schonungslos mit den Akteuren der Jüdischen Bühne Deutschland um und als Bestandsaufnahme ist es fast bedrückend. Wie geht es also weiter? Die Situation ist verfahren, eine Lösung, wie aus dem zahlenmäßigen Zuwachs in den letzten Jahren, ein dauerhafter – auch in den kommenden Jahren- wird, hat natürlich niemand und deshalb gibt es zahlreiche Lösungsvorschläge (wie Pantijelew ganz richtig schreibt) und deshalb ist er nicht töricht auch einen vollständigen Vorschlag zu bringen, sondern gibt nur Impulse (wie das in diesem Blog hier auch zuweilen passiert):

Zauberworte aus meiner Sicht wären Pluralismus und Toleranz. Ist es eine Gebetsmühle, wenn dieses Wort schon wieder auftaucht? Nein, es ist eine Tatsache, dass heute weltweit mindestens vier Strömungen im Judentum koexistieren, die alle historisch bedingt herausgebildet sind (orthodox, liberal, konservativ, rekonstruktionistisch). Warum nicht noch mehr, aus Bedürfnissen einer neuen jüdischen Gemeinschaft, die gerade hier und jetzt entsteht? auch von hier

und schließt dann mit der Forderung:

Wenn auserwählt, dann bitte schön – zum Überleben. Wenn alte Traditionen mitgenommen werden – dann zum Weitergeben. Bewusst. Aus sich heraus. In eigener Verantwortung, auch für die Kindeskinder. Damit diese den Spagat schaffen sich vom Russischen ins Deutsche zu übersetzen, ohne das Jüdische unterwegs zu verlieren. auch von hier

Damit kratzt er an dem eigentlichen Sinn und Zweck der Übung. Wenn die Gemeinden überleben wollen und sollen, dann müssen sie ihre Ressourcen in diejenigen stecken, die diesen Aufbau leisten sollen und das ist unzweifelhaft die Generation Minus 50 (darunter fasse ich alle von 25 bis 50). Außerdem muss man sich zwangsläufig mit der Frage auseinandersetzen, warum soll das Judentum überleben? Existiert es als Selbstzweck? Das tut es nicht und vielleicht sollte man dies auch einmal beachten und daraus ein Selbstverständnis entwickeln.
Bemerkenswert ist aber auch, dass die Fragestellung keine neue ist. Harry Maor schrieb bereits 1961 im Vorwort zu seiner Dissertation über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden in Deutschland (Mainz, 1961). Einige seiner Beobachtungen teilen wir auch 46 Jahre nach Erstveröffentlichung:

Wir werden den Wiederaufbau der Gemeinden dabei nicht vom Standpunkt seiner unmittelbaren Architekten, der um ihn verdienten Gemeindeführer, betrachten, deren gutes Recht es ist, auf so sichtbare Errungenschaften wie Synagogen und Gemeindehäuser stolz zu sein. Wir werden vielmehr zu wissen begehren, was dieser Wiederaufbau für die Juden in Deutschland selbst bedeutet, welche Notiz sie von ihm nehmen, kurz, was sein gesellschaftlicher Charakter ist.
Obwohl zahlreiche reportageartige Äußerungen über die Juden in Deutschland vorliegen, so ist es dennoch bisher zu keiner umfassenden wissenschaftlichen Darstellung gekommen. Das hat die verschiedenartigsten Gründe. Das Interesse an den Juden in Deutschland nahm vorwiegend die Form eines Interesses an der Judenfrage an, zu der man vom religiösen, weltanschaulichen oder politischen Standpunkt aus Stellung nahm. Aus erklärlichen Gründen standen und stehen noch immer moralische Fragen im Vordergrund, ja sie scheinen der einzige Aspekt zu sein, unter dem die Nichtjuden die Juden und die Juden sich selbst betrachten. Das meiste, was der Verfasser namentlich in Deutschland selbst über die Juden lesen konnte, war apologetischer Natur; vieles war gutgemeint philosemitisch, und fast alle literarischen Zeugnisse tragen die Spuren irgendeiner Befangenheit. […]
Wenn wir selbst zu dem Schluß gelangen werden, dass der Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland auf einem äußerst schwachen Fundament vollzogen wird, so bleiben wir gewiss nicht unberührt davon, dass die Baumeister der Gemeinden in den Grundstein die Worte des Propheten Jesaja eingesenkt haben: Aufgebaut werden durch dich Trümmer der Vergangenheit, Grundlagen für kommende Geschlechter richtest du auf.

Ein Blick in seine Arbeit lohnt sich also als ergänzende, vervollständigende Lektüre. Die Arbeit gibt es hier.

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Eruv in Münster

Wie die Welt heute berichtet, gibt es im Rahmen der Skulptur Projekte in Münster nun einen Eruv, bzw. eine Installation, die Eruv-ähnlich das Stadtzentrum umschließt. Der britische Künstler Mark Wallinger schuf einen für die Stadt Münster, wobei er es war, den Begriff Eruv ins Spiel brachte und damit durchbricht er ja gewissermaßen auch eine Grenze, nämlich eine religiöse indem er mit Symbolen einer Religion spielt.
Das Gebiet innerhalb eines Eruvs wird durch diesen zu gemeinsamem Besitz der Gemeinde, die innerhalb dieses Eruvs lebt. Vielleicht auch deshalb müssen theoretisch alle Bewohner innerhalb des Eruvs mit dessen Errichtung einverstanden sein. Damit dies gewährleistet ist, muss das Gebiet von einem Zaun oder einer Mauer umschlossen sein. Heute kann dieser Zaun kann auch aus einem Seil oder einem Draht bestehen, der um einen Bereich innerhalb einer Stadt gezogen wird. Wichtig ist, dass die Umschnürung ununterbrochene Abgrenzung bildet. Innerhalb dieses Eruvs darf man am Schabbat einige Dinge tragen, ausgenommen sind natürlich Gegenstände die ohnehin muktze sind, wie etwa Stifte, Feuerzeuge, Elektrogeräte oder Schirme etc. Wie so etwas in der realen Welt ausschauen kann, illustriert die Seite des Merrick Community Eruv (hier), für London kann das so ausschauen.

Auf seinem Weg durch die Stadt wird der Betrachter die Schnur oft passieren, doch sie nur bemerken, wenn er den Blick nach oben wendet, den höheren Dingen entgegen. Denn damit hat dieser Kreis des britischen Bildhauers auch zu tun. Der Talmud nennt es Eruv, ein nach überlieferten Regeln exakt eingegrenztes Gebiet, in dem einige der 39 Verbote, die orthodoxe Juden am Sabbat einhalten müssen, aufgehoben sind. Die von Mark Wallinger erzeugte Zone bedeutet auch eine transzendente Markierung, so wie die Mauern des Klosters für Jahrhunderte das geistliche vom weltlichen Leben trennten. Ohne dass es zu spüren ist, schlägt der Kreis den Betrachter in seinen Bann, und solange er sich in seinem Inneren bewegt, gehört er einer Gemeinschaft an. von hier

oder wie die Welt berichtet:

Der britische Künstler spielt hier unter anderem mit den Begriff des Eruvs, jenem Markierungsverfahren, mit dem jüdisch orthodoxe Gemeinschaften ihren privaten Raum mithilfe von gespannten Schnüren symbolisch ausweiten, damit sie am Sabbat dort auch Gegenstände mit sich tragen dürfen. Da Wallinger für seine Arbeit das Einverständnis der Hausbesitzer brauchte, um seine Haken in die Wände zu dübeln, waren noch nie so viele Einwohner gezwungen, sich direkt mit einem Kunstprojekt auseinanderzusetzten. von hier

Nur, die Frage sei erlaubt, was soll das eigentlich? Auf was will er damit ansprechen, was thematisieren? Wird die Gemeinde Münster den Eruv übernehmen und liegt sie überhaupt innerhalb des Eruvs? Warum verläuft er über einem Gewässer? Fragen über Fragen…

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Der Golan ist israelisch

Der Fuchsbau bringt einen interessanten Artikel von Nadav Schragai aus Ha’aretz vom 17.6.2007. Weil der Artikel einige Dinge sehr treffend erklärt und vielleicht auch polarisiert, mache ich es dem Fuchsbau gleich und gebe den übersetzten Artikel hier wieder:

Wirtschaft auf dem GolanVon Nadav Shragai
Es ist beinahe schon politisch inkorrekt, ja ketzerisch, heutzutage zu behaupten, dass der Golan weder wirklich syrisch noch ein Pfand oder eine Trumpfkarte bei Verhandlungen ist. Doch es ist Zeit, dies jenen israelischen Politikern zu sagen, die versuchen, das Bewusstsein der Öffentlichkeit in diesem Punkt zu trüben.

Der Golan ist weitaus mehr israelisch als syrisch. Er ist seit 40 Jahren israelisch. Somit ist er doppelt so lang in israelischer Hand wie er jemals in syrischer Hand war. Seit 26 Jahren steht er unter israelischer Souveränität. Der Golan hat weder eine ausländische Bevölkerung noch ein demographisches Problem. Er ist Teil des israelischen Lebens. Er ist das am meisten besuchte Gebiet des Landes, übersät mit Dutzenden von jüdischen Gemeinden, landwirtschaftlichen Nutzflächen, Industriegebieten, Touristenzentren, Naturreservaten und unberührten Landschaften.

Die israelischen Wurzeln, die dort wuchsen, sind kein Klischee mehr. Zumindest im Laufe der letzten beiden Generationen wenn nicht länger – hat sich der Golan als untrennbarer Teil unseres Staates in unserem Bewusstsein verankert. Er ist nicht nur Teil der nationalen Heimstätte. Die meisten von uns betrachten seine Landschaften und selbst seine Produkte als Teile unseres israelischen Wesens, ob wir nun über das Mineralwasser Eden sprechen, über die Golanweine, über Unterkünfte (Zimmerim), die Übernachtung und Frühstück anbieten oder über Ausflüge von Schulen und Jugendbewegungen. Man braucht keine Umfrage um zu wissen, dass die israelische Öffentlichkeit mit dem Golan verbunden ist, ihn liebt und auf Grund gesunder Intuition fühlt, dass er ein Teil von ihr ist.

Wer auch immer darüber spricht, den Golan an Syrien zurückzugeben, führt in die Irre. Der Golan war in Folge des Kolonialabkommens, das die Region teilte, unter französisches Mandat gestellt. Syrien erlangte seine Unabhängigkeit erst im Jahr 1946. Während der kurzen Zeit, in der Syrien den Golan – 0,5% seines Staatsgebietes innehatte, hat es dieses Gebiet in eine Abschussrampe verwandelt und versucht, von hier aus Israel zu erobern und zu vernichten. Die syrische Armee bombardierte die israelischen Gemeinden entlang der Grenze, attackierte Fischer am See Genezareth, versuchte, den Wasserlauf umzuleiten und machte das Leben dort zu einer Hölle wie sie heutzutage in Sderot existiert. Der Golan wurde von Israel in einem gerechtfertigten Verteidigungskrieg erobert. Wir haben für ihn mit Blut bezahlt. Die Syrer haben ihn ganz klar verloren.

Auch in früheren Zeiten wurde der Golan nicht als Teil von Syrien betrachtet. Er ist voller Fundstücke jüdischen Heldentums und jüdischer Souveränität, beginnend mit der Herrschaft Salomos über die Periode des zweiten Tempels, den heldenhaften Kampf der Stadt Gamla bis hin zur talmudischen Periode. Der Golan war kein fremdes Land, das erobert wurde. Unsere Verbindungen zum Golan sind älter als die heutigen Gründe der militärischen Sicherheit oder die Notwendigkeit, den Wasserzulauf für Israel zu bewachen, oder andere gute Argumente.

Wer nun die ultimative syrische Forderung nach einem vollständigen israelischen Rückzug aus dem Golan und der Evakuierung jeder einzelnen Gemeinde wie einen himmlischen Erlass behandelt, ist irregeführt und irreführend. Die Preisschild-Konvention muss zerschmettert werden. Die Herangehensweise muss sich von Grund auf anders gestalten. Der Golan ist nicht syrisch. Er ist israelisch. Syrien kann eine Menge vom Frieden bekommen, doch nicht notwendigerweise Territorium. Israel steht einer seltenen Gelegenheit gegenüber, dies der Welt ohne Aufregung zu erklären. Denn Syrien ist inzwischen überall auf der Welt als Unterstützer des Terrors bekannt, als Teil der Achse des Bösen.

Es ist möglich, dass letzten Endes in ein oder zwei Generationen auch ein Kompromiss für den Golan gefunden werden wird, doch dieser wäre weitaus besser, wenn der Ansatzpunkt ein anderer wäre, d.h. wenn sich beide Parteien von Anfang an einig darin wären, dass der Golan einer Seite gehört.
Die Ergebnisse des zweiten Libanonkrieges haben den Appetit Syriens vergrößert und es dazu geführt, mit einem Krieg gegen Israel zu drohen, wenn Israel den Golan nicht an Syrien übergeben würde. Neben der Abschreckung, von der der designierte Verteidigungsminister Ehud Barak spricht, ist dies genau der richtige Zeitpunkt, die Geschichte Israels auf den Golanhöhen zu erzählen.
(Haaretz, 17.06.07)
Soweit der Text von Schragai.
Wer übrigens schon einmal dort war, weiß auch ohne militärische Ausbildung, dass man vom Golan aus nahezu jeden beliebigen Punkt im Galil unter Feuer nehmen kann. Israel macht sich also dort verwundbar und deshalb geht es hier nicht nur um Territorium…

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Let Hamas govern

Let Hamas govern ist eine Forderug von Samir El-youssef (hier) im Comment is free Bereich auf den Seiten des guardian:

Hamas won the Palestinian parliamentary elections of 2006 and it’s about time that Abbas and the Fatah leadership admit defeat and hand over power – government as much as foreign policy, security forces and civil services – to the elected party. It was originally their failure to do so which has led to the current situation. von hier

Mir ist nicht ganz klar, ob er mit diesem Artikel provozieren will (dann ist er sehr gut), oder ob er es Ernst meint, wenn er von Demokratie schreibt, immerhin werden in einer Demokratie politische Gegner nicht exekutiert, auf der anderen Seite schreibt er schon ganz richtig, dass all das Chaos nicht plötzlich hereingebrochen ist:

It [the Fatah government] failed to establish independent state and government institutions thus turning the increasingly impoverished and insecure Palestinian society into a discontented dependent of a corrupt and chaotic system. Most of all its peace negotiations and treaties with Israel failed to put an end not only to the Israeli military occupation – which what Palestinians hoped to see – but even the expansion of Jewish settlements. von hier

und dann schreibt er:

Rather than wasting their time calling for international intervention or making another Mecca agreement, such as the one which has brought the doomed government of unity, regional and international supporters of peace must help Fatah to become an effective democratic opposition. auch von hier

Die Durchsetzung demokratischer Ziele mit demokratischen Mitteln erscheint immer erstrebenswert, aber es gibt keinen genauen Hinweis darauf, dass auch die Hamas an demokratischen Zielen interessiert ist. So erklärten die Aktivisten ja bereits, für die Hamas seien die Fatahleute wie die Juden und was sie von denen halten ist ja hinlänglich bekannt.

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ArtScrolls Mission

Über die Mission des emsigsten Verlagshauses für Siddurim und Judaica gibt der Leiter Rabbiner Nosson Scherman in einem Interview mit der Jewish Press Auskunft (hier). Das Interview ist insofern interessant, als dass nicht nur Erfolgsgeschichten abgefragt werden, sondern auch kritische Fragen zur ideologischen Ausrichtung gestellt werden:

Some people claim that ArtScroll does not quote rabbis from certain camps in their works. For instance, Ive heard complaints in Chabad circles that the Lubavitcher Rebbeisnt quoted. The same could probably be said about Rav Kook. How do you respond?
Authors will quote, first of all, classic sources, which almost by definition excludes almost anybody in the 20th century. My commentary on Chumash relies mostly on classic sources, and some moderns. Rav Soloveitchik is quoted there, as are Rav Kotler, Rav Feinstein and Rav Schorr. But if its my commentary, then Im going to write it according to what I learned and my style of learning and how I understand it, and Ill quote my teachers.
There are a lot of great men who are not quoted. Rav Chaim Ozer Grodzenski was the gadol hador and I dont think hes quoted anywhere in the Chumash or Tanach. Neither is the Satmar Rav. The idea is that the person whos learning it should understand the content. Its not a question of trying to include as many names as you can for the sake of popularity. Its a matter of trying to clarify the material. von hier

Ohne Zweifel ist ArtScroll führend in der Produktion schöner Siddurim, ohne Zweifel transportiert ArtScroll natürlich damit auch seine Sicht auf das Judentum, aber es steht ja anderen Richtungen auch frei, selber schöne Siddurim und Chumasch-Ausgaben zu veröffentlichen…