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Makkabi Berlin im Film

Im vergangenen Jahr gab es in Berlin die Ausstellung Kicker, Kämpfer, Legenden Juden im deutschen Fußball zu sehen und zahlreiche Berichte über widerliche Hetze am Spielfeldrand (siehe beispielsweise auf Jüdisches Berlin) bei einem Spiel TuS Makkabi Berlin gegen VSG Altglienicke II. Für die besagte Ausstellung entstand der Film Makkabi Story.
Hier ist er:

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IKEA-Synagoge

IKEA-Katalog Israel
Statt im Kinderland könnte man mich dort abgeben: In der Synagoge von IKEA, denn in Israel gibt es das tatsächlich und Nein! ich habe das zuvor nicht gewußt. Yedidia Meir hat in der vergangenen Woche darüber in Ha’aretz geschrieben (Jediot Acharonot muß schon im vergangenen Jahr darüber berichtet haben, glatt übersehen):

Little by little, more good Jews gather in the secret bunker. Some work in the store, others are customers – the rabbi has assured their wives that he will personally see to it that they return within 15 minutes to the same mirrored shelf unit in the same model bathroom. I go to check out the bookshelves and am bowled over. Everything is so neat and spiffy. Every synagogue should be so orderly. Printed on each book is “Property of IKEA.” There’s an IKEA-siddur, and IKEA-chumash, a new set of IKEA-Rambam and even a Torah ark with a velvet curtain on which the following is embroidered: “For out of Zion shall go forth the Torah and the word of Hashem from Jerusalem. Donated by Yehiel Moshe (Edgar) and Matityahu Bronfman.” von hier

Zwei Fotos von der Schil gibt es hier. Nun fehlt noch, dass sie Synagogeneinrichtungen verkaufen: Aaron ha Kodesch Snrre oder so… und: Sind die Siddurim auch im IKEA-Corporate Design? Dann hätte ich gerne eines…

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Autsch!

Sie ist Trägerin des NATO Science Award, Mitglied der New York Academy of Sciences, Mitglied des Comit National de Psychologie an der Acadmie Royale des sciences, des lettres et des beaux-arts in Belgien, war Präsidentin der Socit dErgonomie de Langue Francaise, war Präsidentin der Socit Belge de Psychologie und sitzt seit 2004 für die Sozialistische Partei Belgiens im Europarat, dort ist sie Koordinatorin im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und außerdem Mitglied im Ausschuß für Menschenrechte. Vronique De Keyser hat sich also akademisch und politisch schon einige (sehr viele!) Lorbeeren verdient und außgerechnet von ihr stammt folgendes Zitat

Wenn der israelische Botschafter noch ein einziges Mal kommt und über die Sicherheit Israels spricht, schwöre ich, dass ich ihn einfach erwürgen werde.

das meldete Jediot Acharonot gestern, sie äußerte dies während einer Debatte um die Freilassung von palästinensischen Gefangenen, diese fand übrigens auch statt…

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Häretiker des Monats – Jakob Frank

Jakob FrankDas American Jewish Life Magazine füllt monatlich eine interessante Rubrik: Heretic of the month – Häretiker des Monats. In diesem Monat geht es um Jankiew Lejbowicz oder, wie er später heißen wird, um Jakob Frank.1726 in Galizien geboren organisierte die Gruppe (Sekte?) der Sohariten oder Frankisten. Gerschon Scholem nannte Frank eine der abstoßendsten Erscheinungen der jüdischen Geschichte (Gerschom Scholem: Erlösung durch Sünde, in: Judaica 5, hg. von Michael Brocke, Frankfurt/M. 1992).
Auf einer Reise ins Osmanische Reich lernte er die Dönme kennen. Die Dönme sahen in Sabbatai Zwi den Maschiach. Frank erklärte sich als letzte Verkörperung des Maschiach. Er erklärte, zuvor habe sich dessen Seele in David, Elias, Jesus, Mohammed, Sabbatai Zwi und Berechja verkörpert.
1755 ging er nach Polen und verkündete dort zunächst, er sei gekommen, um das ewige Leben auf diese Welt zu bringen. Später dann verkündete er, Polen sei das verheißene Land. Natürlich nahmen die Rabbiner Polens Abstand von den Frankisten. Frank orientierte sich aber schnell um und wandte sich der christlichen Kirche zu.
Die Frankisten glaubten an einen dreifaltigen G-tt, als Einheit der obersten drei Sefirot und an die Menschwerdung G-ttes, wobei Frank als Maschiach. Praktischerweise erklärten die Frankisten, dass die Taufe Bedingung für den Glauben an den Maschiach sei. Es wird berichtet, die Frankisten behaupteten, der Talmud fordere Rituale, bei denen das Blut von Christen verwenden werde (Hoppla, ist Ariel Toaff etwa Frankist?). Seltsamerweise konnten sie den apostolischen Verwalter Lembergs damit nicht überzeugen.

Frank lies sich 26. November 1796 in Warschau taufen, sein Taufpate war König August III. Trotz der Taufe betrachtete Frank sich aber weiterhin als Maschiach und wurde so im Februar 1760 verhaftet und für dreizehn Jahre in Cz?stochowa eingesperrt. In Haft konnte er aber weiterhin seine Anhänger empfangen und ab 1762 durfte sogar seine Frau bei ihm wohnen. Die Haft endete 1773 mit dem Einmarsch Russlands in Polen.
Nach seiner Befreiung ging er 1774 nach Wien, wo er unter fürstlichen Umständen lebte. 1775 gaben ihm Maria Theresia und Joseph II. gar eine Audienz. Offenbar hofften sie, dass er mehr Juden zum Christentum bringen würde. Hier wurden seine Aussprüche und Lehren durch seine Anhänger gesammelt und Sendschreiben an verschiedene zerstreute Gemeinden auf den Weg gebracht. Es ist anzunehmen, dass es sich hier um eine nicht sehr kleine Gruppe handelte. 1788 ging er nach Offenbach und ließ sich im Isenburger Schloss nieder und nannte sich Baron Offenbach. Dort herrschte dann ein reger, regelrechter, Wallfahrtsverkehr (im tatsächlichen, doppelbödogen Sinne) und so kamen immer mehr Anhänger zu ihm nach Offenbach. Warum doppelbödig? Lassen wir Gerschon Scholem das beschreiben, er berichtet über die orgiastischen Riten des Frauentauschs und der rituellen Unzucht… der antinomistischen Sabbatianer. (Gerschom Scholem: Sabbatai Zwi. Der mystische Messias, Frankfurt/M. 1992) Nach Franks Tod leitete seine Tochter Eva das religiöse Geschäft weiter, bis sie 1817 verstarb.
Zurück zum Text im American Jewish Life Magazine; dieser fasst die Geschichte auch noch einmal zusammen:

He rejected the Torah (once threatening to defecate on it if angry rabbis didnt leave him alone). He converted to both Islam and Catholicism. He slept with his followers and maybe even his daughter. He preached a nihilistic doctrine that saw this world as intrinsically corrupt, and believed that the best way to imitate God was to cross every boundary, transgress every taboo, and mix the sacred with the profane.von hier

und schildert die Geschichte nicht unamüsant:

But something was strange about these New Christians, who insisted on maintaining their old customs (including I kid you not the eating of kugel) and who never quite renounced their old faith. von hier

und erwähnt einigere wichtigere Details über Franks Anhänger:

Amazingly, some of Franks followers went on to become leaders of the Prague Enlightenment, prominent attorneys in Poland, and shape-shifters of every kind. Adam Mickiewicz, considered Polands greatest poet, used Frankist themes in his work. Even Supreme Court Justice Louis Brandeis had a portrait of Franks daughter Eva on his desk in the Supreme Court an heirloom he received from his Dembitz relatives, whose ancestors were followers of Frank. […]
Far greater than Frank’s direct impact, though, was how his contemporary, the Baal Shem Tov, sublimated the messianic and Kabbalistic zeal of Frankism, removed the antinomian elements, and incorporated mystical practice into the stable, normative structure of Judaism. The result was Hasidism, still with us today.

Einen wirklich sehr ausführlichen Text über Jakob Frank findet Ihr hier.

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Von der Welt, die enger wird

Ach, sagte die Maus, die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe. Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie. Franz Kafka – Kleine Fabel

Es ist eher zufällig, dass ich abermals über David Grossman schreibe, jedoch hat die ZEIT gestern einen großen Ausschnitt aus einer Rede Grossmans die er im April 2007 in New York beim PEN-Festival World Voices zum Thema Meinungsfreiheit gehalten hat:

Deshalb möchte ich, ehe ich auf meine Schreiberfahrung heute eingehe, ein paar Worte darüber sagen, wie sich ein Schicksalsschlag oder eine traumatische Situation auf ein ganzes Volk auswirkt.
Dabei kommt mir sofort die Maus in Kafkas Kurzgeschichte Kleine Fabel in den Sinn. Eingekeilt zwischen der Falle vor und der lauernden Katze hinter sich, sagt die Maus: Ach, die Welt wird enger mit jedem Tag. Nach den vielen Lebensjahren, die ich in Israel, also in der extremen Realität eines politischen, militärischen und religiösen Dauerkonflikts verbracht habe, muss ich Ihnen bestätigen, dass Kafkas Maus recht hatte: Die Welt wird tatsächlich mit jedem Tag enger und bedrängender.
Und ich kann Ihnen auch von dem Leerraum erzählen, der nach und nach zwischen dem einzelnen Menschen und der gewaltsamen und chaotischen Situation, in der er lebt, entsteht. Dieser Raum nämlich bleibt nie leer. Er füllt sich rasch mit Apathie, mit Zynismus und vor allem mit Verzweiflung die jahrelang, zuweilen sogar über Generationen andauern kann. Es ist die Verzweiflung über eine unabänderliche Lage. Und es ist die noch tiefer sitzende Verzweiflung über die Folgen der verfahrenen Situation für das Leben jedes Einzelnen von uns. von hier

Eindrücklich ist seine Schilderung Israels:

Und ich beschreibe das Leben meines Landes, Israel. Dieses gequälten, gehetzten Landes, berauscht von einer Überdosis Geschichte, einem Überschuss an Emotionen, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen, von einem Zuviel an extremen Ereignissen und tragischen Entwicklungen, Ängsten und lähmender Nüchternheit, von einem Übermaß an Erinnerungen, an enttäuschten Hoffnungen, von einem Schicksal, das unter den Völkern nicht seinesgleichen hat, das mythische Ausmaße hat, das es uns unmöglich zu machen scheint, jemals ein gewöhnliches, normales Leben zu führen, als ein Staat unter anderen, als ein Volk wie alle Völker. von hier

Übrigens prangerte Grossman schon im November vergangenen Jahres an, dass der Krieg im Libanon nahezu ohne Plan geführt worden ist (hier):

Der letzte Krieg hat uns schmerzlich bewusst gemacht, dass dieser Tage keiner König in Israel ist. Dass unsere Führung hohl ist, die politische wie die militärische. Die wesentlichen Inhalte, mit denen Israels Führungskräfte die Hülle ihrer Politik heute füllen, sind Ängste und Einschüchterung, Machtverliebtheit und Machenschaften, Feilschen über alles, was uns lieb und teuer ist. In dieser Hinsicht sind sie keine wahren Führer, gewiss nicht von dem Schlag, den ein Volk in einer so schwierigen und verunsicherten Lage braucht. Manchmal könnte man meinen, ihr Denken, ihre historische Erinnerung, ihre Vision, alles, was ihnen wirklich wichtig ist, fülle gerade einmal den winzigen Raum zwischen zwei Schlagzeilen. Oder die Zeit zwischen zwei Ermittlungen des Generalstaatsanwalts.
Herr Ministerpräsident, ich sage diese Worte nicht aus Wut oder Rache. Mir ist weh um dieses Land und um die Dinge, die Sie und Ihre Gefährten ihm antun. Glauben Sie mir, Ihr Erfolg ist mir wichtig, denn unser aller Zukunft hängt an Ihrer Fähigkeit und Entschlossenheit, ans Werk zu gehen. von hier

Dann erschien der Winograd-Bericht (englische Zusammenfassung hier, hebräisches Original hier) und nun geben die Ereignisse Grossman Recht. Laut Presse haben sich über 150.000 Menschen an den Demonstrationen gegen Olmert beteiligt und das über ideologische Grenzen hinweg. Man ist sich einig (ausnahmsweise), dass Olmert gehen muß, nur wer ihm nachfolgen soll oder, weiß wohl niemand so genau. Solange Olmert aber die Stimmung ignoriert, spielt dieses Thema ohnehin keine große Rolle…

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Maxim liest für Dich

Maxim Biller liest nun auch bei Youtube. Auch wenn das Teil einer großen Vermarktungsstrategie ist, darf der Hinweis hier dennoch nicht fehlen. Maxim Biller liest aus seinem neuen Buch Liebe heute.

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Weiterhin und immer noch lesenswert ist auch ein altes Interview der ZEIT (2005) mit ihm und Adriana Altaras, überschrieben mit Mir fehlen die Juden. Das Interview ist auch interessant, weil es nicht nur über die Geschichte philosophiert, sondern weil auch über jüdisches Selbstveständnis und die Gemeinden gesprochen wird:

ZEIT: Deutschland hat die drittgrößte und schnellstwachsende jüdische Gemeinde. Warum ist das keine kritische Masse?
Biller: Das ist keine Frage der Zahl. Die neuen Juden sind russische Juden. Aber deren Arbeit, deren Bücher, Bilder und Forschungsergebnisse werden wir erst in zehn, zwanzig Jahren zu sehen bekommen. Wir leben in der Zwischenzeit.
Altaras: Ich sehe das an der jüdischen Grundschule meines Sohnes. Bis diese jüdischen Kinder sich frei gemacht haben und sagen: Keine Geige, ich will Theater spielen, das dauert noch, wird aber kommen.
ZEIT: Es fehlt die Heimat in der Heimat?
Altaras: Das ist doch immer so: Entweder man hat eine Gemeinde, eine dicke Familie im Rücken, oder man schmeißt sich raus in die Welt. Wenn man es eilig hat, und wir haben es eilig, muss man raus und darauf verzichten. Die Heimat, die mir angeboten wird, ist mir zu eng. Ich habe das Gemeindeleben in den achtziger Jahre kennen gelernt und bin sofort wieder raus. Ich bin weder akzeptiert worden, noch habe ich einen Zugang gefunden.

und auch 2005 über das neue Gesicht des Antisemitismus:

Altaras: Das ist auch so deutsch: im Prinzip.
Biller: Aber die Antisemiten, denen man ihren Antisemitismus nachweisen könnte, wären ehrlich überrascht davon.
ZEIT: Ist der klassische Antisemitismus sublimiert worden in Antiisraelismus?
Altaras: Auf jeden Fall.
Biller: Klar. Aber warum müssen Juden über Antisemiten reden? Warum reden nicht Deutsche über sie? Warum soll ich dem deutschen Leser erklären, dass der neue Antisemitismus im Gewande des Antiisraelismus daherkommt? Es wäre interessant, darüber zu reden, aber ich tue es nicht, weil man es von mir als Juden erwartet. Und schon wieder sitze ich in der Falle des von außen Betrachteten.
Altaras: Ich kriege das selten ab.
Biller: Aber das nervt.
Altaras: Mir ist das egal. Ich kann doch machen, was ich will. Ich würde als Nächstes gern die Traviata inszenieren.
Biller: Du wirst sie nicht kriegen, weil du Jüdin bist. Und wenn du sie kriegst, würde ich sagen, weil du Jüdin bist.