Von der Welt, die enger wird

Ach, sagte die Maus, die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe. Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie. Franz Kafka – Kleine Fabel

Es ist eher zufällig, dass ich abermals über David Grossman schreibe, jedoch hat die ZEIT gestern einen großen Ausschnitt aus einer Rede Grossmans die er im April 2007 in New York beim PEN-Festival World Voices zum Thema Meinungsfreiheit gehalten hat:

Deshalb möchte ich, ehe ich auf meine Schreiberfahrung heute eingehe, ein paar Worte darüber sagen, wie sich ein Schicksalsschlag oder eine traumatische Situation auf ein ganzes Volk auswirkt.
Dabei kommt mir sofort die Maus in Kafkas Kurzgeschichte Kleine Fabel in den Sinn. Eingekeilt zwischen der Falle vor und der lauernden Katze hinter sich, sagt die Maus: Ach, die Welt wird enger mit jedem Tag. Nach den vielen Lebensjahren, die ich in Israel, also in der extremen Realität eines politischen, militärischen und religiösen Dauerkonflikts verbracht habe, muss ich Ihnen bestätigen, dass Kafkas Maus recht hatte: Die Welt wird tatsächlich mit jedem Tag enger und bedrängender.
Und ich kann Ihnen auch von dem Leerraum erzählen, der nach und nach zwischen dem einzelnen Menschen und der gewaltsamen und chaotischen Situation, in der er lebt, entsteht. Dieser Raum nämlich bleibt nie leer. Er füllt sich rasch mit Apathie, mit Zynismus und vor allem mit Verzweiflung die jahrelang, zuweilen sogar über Generationen andauern kann. Es ist die Verzweiflung über eine unabänderliche Lage. Und es ist die noch tiefer sitzende Verzweiflung über die Folgen der verfahrenen Situation für das Leben jedes Einzelnen von uns. von hier

Eindrücklich ist seine Schilderung Israels:

Und ich beschreibe das Leben meines Landes, Israel. Dieses gequälten, gehetzten Landes, berauscht von einer Überdosis Geschichte, einem Überschuss an Emotionen, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen, von einem Zuviel an extremen Ereignissen und tragischen Entwicklungen, Ängsten und lähmender Nüchternheit, von einem Übermaß an Erinnerungen, an enttäuschten Hoffnungen, von einem Schicksal, das unter den Völkern nicht seinesgleichen hat, das mythische Ausmaße hat, das es uns unmöglich zu machen scheint, jemals ein gewöhnliches, normales Leben zu führen, als ein Staat unter anderen, als ein Volk wie alle Völker. von hier

Übrigens prangerte Grossman schon im November vergangenen Jahres an, dass der Krieg im Libanon nahezu ohne Plan geführt worden ist (hier):

Der letzte Krieg hat uns schmerzlich bewusst gemacht, dass dieser Tage keiner König in Israel ist. Dass unsere Führung hohl ist, die politische wie die militärische. Die wesentlichen Inhalte, mit denen Israels Führungskräfte die Hülle ihrer Politik heute füllen, sind Ängste und Einschüchterung, Machtverliebtheit und Machenschaften, Feilschen über alles, was uns lieb und teuer ist. In dieser Hinsicht sind sie keine wahren Führer, gewiss nicht von dem Schlag, den ein Volk in einer so schwierigen und verunsicherten Lage braucht. Manchmal könnte man meinen, ihr Denken, ihre historische Erinnerung, ihre Vision, alles, was ihnen wirklich wichtig ist, fülle gerade einmal den winzigen Raum zwischen zwei Schlagzeilen. Oder die Zeit zwischen zwei Ermittlungen des Generalstaatsanwalts.
Herr Ministerpräsident, ich sage diese Worte nicht aus Wut oder Rache. Mir ist weh um dieses Land und um die Dinge, die Sie und Ihre Gefährten ihm antun. Glauben Sie mir, Ihr Erfolg ist mir wichtig, denn unser aller Zukunft hängt an Ihrer Fähigkeit und Entschlossenheit, ans Werk zu gehen. von hier

Dann erschien der Winograd-Bericht (englische Zusammenfassung hier, hebräisches Original hier) und nun geben die Ereignisse Grossman Recht. Laut Presse haben sich über 150.000 Menschen an den Demonstrationen gegen Olmert beteiligt und das über ideologische Grenzen hinweg. Man ist sich einig (ausnahmsweise), dass Olmert gehen muß, nur wer ihm nachfolgen soll oder, weiß wohl niemand so genau. Solange Olmert aber die Stimmung ignoriert, spielt dieses Thema ohnehin keine große Rolle…

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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