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Das Judentum und das Internet

JA InternetDas ist hier, in diesem Blog, natürlich irgendwie stets ein Thema- doch die Frage, ob all die Technologien auch Nutzen für die Weiterentwicklung des Judentums bringen, ist eine andere und einen Beitrag dazu findet man in der morgen (1.März 2007) erscheinenden Jüdischen Allgemeinen. Im Innenteil (Seite 9) ist auch ein Bericht über das so gehypte Second Life. Erst im Dezember meldete heise zwei Millionen Mitglieder, was natürlich nicht beduetet, dass auch tatsächlich zwei Millionen Menschen gleichzeitig aktiv sind. Viele melden sich aus Neugier an, aber heute (also nur knapp drei Monate später) waren 4,129,057 Mitglieder angemeldet, von denen immerhin 1,361,704 in den letzten 60 Tagen aktiv waren. Viele Avatare stehen also meistens irgendwo herum. Ohnehin ist es besser, wenn weniger Personen irgendwo anwesend sind, weil sonst der Server direkt überlastet wird, die benötigen halt alle Bandbreite, weil die Umgebung über das Internet übertragen wird.
Wie selbstverständlich, gibt es natürlich auch schon längst jüdische Einrichtungen. Jemand von Chabad hat beispielsweise die Kotel haMaaravi dort aufgebaut und ein Bild des Rebben davor gepackt, also auch hier ist Chabad wieder mit dabei, wenn es darum geht, neue Technologien zu entwickeln. Natürlich war ich schon dort (siehe Bild) und habe mich ein wenig umgesehen in der schönen neuen Welt Die erste Person die ich dort in einer jüdischen Einrichtung traf, frug mich direkt, von welchem jüdischen Magazin ich denn käme, jpost und forward seien gerade weg.
Synagoge in Second Life

Könnten die vielen neuen Anmeldungen alles Medienvertreter sein? Das Titanic-Magazin meint schon (hier) und vermutet hinter den meisten aktiven Avataren Medienvertreter, denn das Thema ist tatsächlich überall. Publicity gibt es also für diese seltsame Welt genug. Politik soll ja auch schon Einzug gehalten haben, vielleicht haben ja auch schon Vertreter extremer politischer Richtungen ihre eigenen Inseln errichtet… Wie hier berichtet wird…

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Schon morgen… im Ruhrgebiet

Jerusalem Wiege des Friedens oder Quelle des Kriegs?
Vortrag von Dr. Gil Yaron

Mittwoch , 28. Februar 20.00 Uhr
VHS Duisburg -Am König-Heinrich-Platz
Vortragssaal – Eintritt frei

Jerusalem, eine heilige Stadt mit ambivalenter Geschichte. Keine andere Stadt ruft derart viele Assoziationen und Emotionen hervor. Keine andre Stadt verfügt über eine derartige Omnipräsenz im historischen, religiösen und politischen Bewusstsein. Die zentrale Rolle, die Jerusalem für die drei monotheistischen Weltreligionen einnimmt, spiegelt sich auch in der zentralen religiösen und damit verbundenen politischen Bedeutung wider, die die Stadt seit 3000 Jahren innehat. In Anbetracht internationaler politischer Entwicklungen wird der israelische Journalist und Publizist Dr. Gil Yaron in seinem Vortrag einen Einblick in die Geschichte der Stadt und ihre gegenwärtige und zukünftige Bedeutung im politischen und religiösen Geschehen des Nahen Ostens geben. Dabei geht es auch um eine Fokussierung der verschiedenen partizipierenden politischen und religiösen Kräfte und deren divergierende Interessen.

Die Ankündigung klingt interessant… wer in der Nähe wohnt, sollte also hingehen…

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Henryk Broder meets Arjeh Friedmann

Broder trifft Friedmann
Im Achse des Guten-Blog schildert Henryk Broder seinen Aufprall auf Arjeh Friedmann, antizionistischer Neturei-Karta-Rabbiner in Wien, der auch schon Achmadiendschad die Hand schütteln durfte, bzw. ihm um den Hals fallen durfte… Henryk Broder wundert sich wohl ein wenig darüber, dass Friedmann kein Hebräisch kann, dabei hat man bei der Neturei Karta wohl aus der Not eine Tugend gemacht und weigert sich Hebräisch als profane Sprache zu verwenden (ich unterstelle, Broder wußte das und es war Absicht):

Ich kralle meine NIKON Coolpix 5ooo, die ich letztes Jahr zum halben Preis in Haarlem gekauft habe, winde mich aus dem Mini und rufe in akzentfreiem Hebräisch: Rega, Adon Friedman, rega echad! Friedman bleibt stehen, ich stelle mich vor und frage ihn, ob er Zeit für ein kurzes Gespräch hätte, alles auf Hebräisch. Friedman schaut, als hätte ich ihm aus der japanischen Ausgabe von Max und Moritz vorlesen. Er versteht mich nicht. Moishe Arye Friedman, Oberrabbiner der orthodoxen antizionistischen Gemeinde von Wien, versteht kein Hebräisch. von hier

Die Begegnug der beiden währt nicht sehr lange: Friedmann ruft die Polizei, Broder wird mitgenommen und so entgeht ihm die Gelegenheit, eine illustre Gestalt zu interviewen:

Schade, ich hätte ihm gerne ein paar Fragen gestellt. Wo er gelernt und wo er die Smicha zum Rabbiner bekommen hat, was es auf der Holocaust-Konferenz in Teheran zu essen gab, wer seinen Flug und sein Hotel bezahlt hat, bei welchem Kostümverleiher er seinen Outfit holt, wo seine Gemeinde ist und wie viele Gläubige sie zählt. von hier

Bebildert gibt es eine Schilderung der Geschichte hier.

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In Polen meint man…

… Juden sind Fremdkörper in Europa. Natürlich meinen das nicht alle Polen, aber erstens ist das eine plakative Überschrift für diesen Beitrag und zweitens die Meinung des polnischen Politikers Professor Maciej Giertych, so berichtet das Schweizer Magazin tachles:

Maciej Giertych, ein einflussreiches rechtsextremes Mitglied der nationalistisch-katholischen Liga der polnischen Familien, veröffentlichte sein Werk unter dem Titel Zivilisation im Krieg in Europa in Strassburg, dem Sitz des Europaparlaments. Giertychs Sohn Roman, polnischer Erziehungs- und stellvertretender Premierminister, ist heute Chef der Liga, die sich seit Jahren gegen das Image wehren muss, eine antisemitische Vereinigung zu sein. In seinem 32-seitigen Werk versucht Vater Giertych zu beweisen, dass es in Europas Kultur, Erziehung und Moralität nur für eine Zivilisation Platz hat. Polen und andere Teile Europaswerden als Gegend mit einer katholischen Basis dargestellt, die, wie der Autor meint, nicht mit der auf der Thora basierenden Kultur der Juden koexistieren könne. von hier

Wurde nicht erst vor zwei Wochen eine Jeschiwah in Lublin eröffnet? Ist Polen nicht ein EU-Land?

Nun, das Buch des Professors ist auch auf seiner Homepage verfügbar. Dort finden sich, neben einigen Zeilen über die verschiedenen Menschenrassen, auch Abschnitte über das Judentum:

Those Jews who followed Christ merged within the Christian universality. Those who rejected Him became wanderers throughout the world, among believers of other religions, jealously nurturing their chosenness, this messianic consciousness, which gives a defining mark to their civilisation.
It is a civilisation of programmed separateness, of programmed differentiation from the surrounding communities. In Judaism there is no specified theology that one could get to know and accept as a convert. One can only get married into Judaism, that is biologically become part of it. Jews do not seek converts. By their own will, they prefer to live a separate life, in apartheid from the surrounding communities. They form their own communes (kahals), they govern themselves by their own rules and they take care to maintain also a spatial separateness. They form the ghettos themselves, as districts in which they live together, comparable to the Chinatowns in the USA. Von hier, Seite 23

In this way, situation ethics developed, which for us is something completely alien. We recognise only a total ethic, the same ethic for all occasions. But are we always faithful to this understanding? For example, do we not sometimes treat differently the stealing from a neighbour as compared to the stealing of state property or the lies told to friends as opposed to those told to enemies? Such situational ethics derives from the Jewish civilisation and we should avoid it. Von hier, Seite 25

Auf Seite 27 dann:

Both our position and the Jewish position make sense, but only within the context of our respective civilisations. This clearly demonstrates that no middle ground is possible on issues differentiating civilisations.

Ach ja: Giertych ist auch Mitglied des europäischen Parlaments, also nicht nur jemand der irgendwo Stimmung macht, sondern im Herzen der europäischen Demokratie…

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Chabad.org auf Deutsch

Chabad.org in deutscher Sprache
Wenn man über Outreach sprach – sofern man das in Deutschland überhaupt gemacht hat- so sprach man in der Vergangenheit in der Regel von Chabad. Heute haben viele andere Strömungen auch einige Outreachprogramme, man kann aber behaupten, Chabad war ein Vorreiter. Wollte man sich in der Frühzeit des Internets über Judentum informieren, so landete man bestimmt bald auf einer Internetpräsenz von Chabad (später auch von Aish haTorah). Zunächst in englischer Sprache, dann vieles auf Russisch und wenig auf Deutsch. Nun aber gibt es chabad.org auch in großem Maße in deutscher Sprache: de.chabad.org. Der Umfang entspricht eigentlich schon dem der Mutterseite, so kann man sich zu den Paraschot informieren, zu Feiertagen etc. etc…. Untergehen wird dagegen wohl papdam.net, so ist es dort nachzulesen:

Der Grund warum auf papdam.net nicht mehr so viel passiert ist recht simpel. Die Herausgeber sind mit neuen Projekten beschäftigt, haben teilweise neue Ideen und weitere Lebensinhalte bekommen. Viele der Stammschreiber leben nicht mehr in Frankfurt, sodass die papdam.net Gruppe ein wenig auseinander gefallen ist. Das ist schade und deshalb wollen wir papdam.net zu machen. Bei Interesse kann man papdam.net auch in einem anderen Format weiterführen! Vielleicht im Blog-Format. [Bevor es Missverständnisse (siehe Kommentare) gibt,w warum papdam.net eingestellt werden wird: Mangel an Aktiven; ein Projekt lebt ja von den aktiven Mitarbeitern]

Das deutschsprachige jüdische Netz wird also etwas umfangreicher…

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Debatten und Nichtdebatten

Im August 2006 gab es den Ansatz einer Diskussion um die israelische Politik in Deutschland. Nun ging dieser offene Brief selbst einigen Unterstützern der israelischen Friedensbewegung etwas zu hart ins Gericht und ohnehin ging der Zentralrat sehr hart mit ihm ins Gericht ohne dass es tatsächlich eine inhaltliche Diskussion irgendwo und irgendwann gegeben hätte. Auf der Internetseite zur Berliner Erklärung kann man sich den Stand der Resolution anschauen. Das wäre unproblmatisch und ein lebendiger Diskurs wäre fein, wenn er nicht in die nichtjüdische Öffentlichkeit hinausgetragen werden würde. Denn diese Art von Öffentlichkeit ist eine andere, dort spielen nicht friedensbewegte Menschen eine Rolle, sondern auch welche, die noch eine Rechnung mit den Juden oder dem Staat Israel (als Jude unter den Nationen) offen haben. Henryk Border zitiert wiederum Doris Kalveram, die auf einer Veranstaltung mit Dr. Rolf Verleger zugegen war und die Dynamik im Publikum beobachtete:

Erst als ein DGB Vertreter freimütig bekannte, nicht das geringste Gefühl von Scham angesichts der deutschen Verbrechen zu verspüren, antwortete Rolf Verleger ungewohnt intuitiv : Bedauern sollten Sie schon! Keine Regung bei jenem unverstandenen Gewerkschaftsfunktionär, der seine Berufung darin sieht, mit allen Mitteln der Agitation Israel zu bekämpfen. In dem Moment wurde die Instrumentalisierung des jüdischen Mitstreiters zum nützlichen Idioten deutlich. Solange er Israel anklagt, ist seine Meinung brauchbar, soweit seine emotionale Anteilnahme den diskriminierten Palästinensern gilt, wird sie honoriert, alles andere interessiert nicht. von hier

Wenige Monate später gibt es in Großbritannien eine ähnliche Debatte, dort haben 130 jüdische Intellektuelle, darunter der Literaturnobelpreisträger Harold Pinter, der Historiker Eric Hobsbawm, der Regisseur Mike Leigh, der Schauspieler Stephen Fry und die Designerin Nicole Farhi Anfang Februar auf der Webseite des Guardian eine Deklaration der Independent Jewish Voices veröffentlicht:

We are a group of Jews in Britain from diverse backgrounds, occupations and affiliations who have in common a strong commitment to social justice and universal human rights. We come together in the belief that the broad spectrum of opinion among the Jewish population of this country is not reflected by those institutions which claim authority to represent the Jewish community as a whole. We further believe that individuals and groups within all communities should feel free to express their views on any issue of public concern without incurring accusations of disloyalty. von hier und weiter

Die Süddeutsche schreibt heute dazu:

Allerdings drücke der Ausschuss nur die „überwältigende“ Meinung aus, dass man Israel unterstützen solle und nicht jeden Zug seiner Politik kommentieren. Die israelische Zeitung Haaretz sieht die „Stimmen“ ohnehin als Beweis dafür, dass die Leugnung des Existenzrechtes Israels inzwischen im höflichen Diskurs angekommen ist: In Großbritannien sei „ein schockierender Anstieg antisemitischer Gewalt“ zu beobachten, der jedoch ignoriert werde, da die Übeltäter „fast alle aus der „muslimischen Gemeinschaft“ stammten.
Das Echo auf die „Stimmen“ ist jedenfalls enorm. In einer Woche liefen auf der Guardian-Blog-Seite „Comment is free“ gut 2000 Einträge ein, lobende, ablehnende, leidenschaftliche. Es dürfte noch einige Zeit vergehen, bis die Debatte in Deutschland, wo sie ebenfalls immer wieder mal aufglimmt, eine solche Dimension annimmt. von hier

Das Ausmaß ist also ein völlig anderes und die Voraussetzungen gänzlich andere. In Großbritannien gibt es 1. eine größere jüdische Gemeinschaft und 2. keine Bevölkerung die mit ihrer Vergangenheit hadert und das wiederum der jüdischen Gemeinschaft anlastet… es ist also keine Frage der Zeit, bis diese Diskussion so wie in Großbritannien in Deutschland geführt werden kann. Sie wird schlicht und einfach nie in diesem Rahmen stattfinden.

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Shulshopper online!

Shulshopper
Shulshopper ist ein interessantes Internetprojekt und irgendwie die Fortführung des Kehille-Tests mit demokratischen Mitteln: Jeder Nutzer der Seite kann seine oder eine andere jüdische Gemeinde oder Gruppe anlegen und andere Nutzer können diese bewerten. Zudem kann man sehen, welche Mitglieder der Seite zu welcher Gemeinde gehören. Welche Ausrichtung hat die Gemeinde? Welcher Dachorganisation gehört sie an? Gelistet werden Gruppen und Gemeinde jeder Ausrichtung, eigentlich ohne geographische Grenzen, obwohl der Fokus bisher natürlich auf den USA und Israel liegt. Eine deutsche Gruppe ist natürlich schon dabi 🙂 Das wäre schon interessant, wenn sich auch mehr deutsche Gruppen und Gemeinden dort fänden… -> http://shulshopper.com/

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Ritualmordlegenden sind immer en vogue

Simon von Trient
Ritualmordlegenden sind immer aktuell, ganz gleich, wie weit die Rationalisierung unserer Gesellschaft voranschreitet. So liest man heute im Blog von Clemens Wergin, in Italien habe man gerade eine alte Legende dieser Art wieder aufgewärmt. Es geht um Simon von Trient. Eine Legende, die das »Ökumenische Heiligenlexikon« so umschreibt:

Die Geschichte des Simon ist die Übelste der im blutigen Antisemitismus jener Zeit verbreiteten Horrorgeschichten über „jüdische Ritualmorde“, die die Begründung für grausame Verfolgungen von Juden bildeten. Simon wurde schon bald als Märtyrer verehrt. Von den Kanzeln in ganz Mitteleuropa wurde gegen die Juden gepredigt und der Judenhass neu geschürt, es kam zu vielen Verfolgungen. In Frankfurt am Main wurde ein Standbild von Simon angebracht, das das gemarterte Kind und die Juden mit dem Teufel darstellte, die Bildunterschrift lautete: „Solange Trient und das Kind wird genannt, / der Juden Schelmstück wird bekannt.“ von hier

und das soll etwas heißen… denn bis vor einigen Jahren wurden die Heiligenviten noch aus alten Büchern übernommen und manchmal rutschte da auch eine Ritualmordlegende durch… nach einem entsprechenden Hinweis wurden diese aber sogleich überarbeitet.
Die Geschichte:
Am Ostersonntag des Jahres 1475 wurde in einem Bach in Trient ein zwei- oder dreijähriges Kind durch den Juden Samuel tot aufgefunden. Das Kind wurde seit Gründonnerstag vermisst. Zusammen mit anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde meldete Samuel dann anschließend den Mord. In einem aufsehenerregenden Prozess kam man, auf der Basis von unter Folterungen erpressten Geständnissen der Juden, zum Schluss, dass diese einen Ritualmord verübt und das unschuldige Kind langsam zu Tode gequält hätten. Im Anschluß an den Prozeß wurden insgesamt 14 Juden hingerichtet.

Nun geht in Italien jemand her und rollt die Geschichte wieder neu auf und schreibt ein Buch darüber, aber kein Sachbuch, sondern ein Buch, das den Ritualmord bestätigt. Pasque di Sangue – Blutpessach heißt das WerkWergin schreibt

Ariel Toaff versucht anhand von Inquisitionsakten nachzuweisen, dass es den als „Fall des Simone von Trient“ berühmt gewordenen Ritualmord an dem Sohn eines christlichen Gerbers im 15. Jahrhundert tatsächlich gegeben hat und dass eine kleine Gruppe von deustchstämmigen Juden aus Rache möglicherweise Ritualmorde an Christen begangen haben könnte. von hier

und noch unerhörter ist die Tatsache, dass Ariel Toaff Jude ist:

Autor ist nicht etwa ein arabischer Antisemit wie etwa Mustafa Tlas, der langjährige syrische Verteidigungsminister, der vor Jahren in „Die Matzot Zions“ einen angeblichen jüdischen Ritualmord in Damaskus blutig ausmalte, sondern Ariel Toaff, ein angesehener italienisch-israelischer Historiker, der als Professor an der religiösen Bar-Ilan Universität in Tel Aviv lehrt. von hier

Worauf stützt sich Toaff? Ausgerechnet auf die Inquisitionsakten! Giulio Busi zepflückt dieses Argument im Tagesspiegel.
Übrigens erst 1965 (!!!) machte die Ritenkongregation unter Papst Paul VI. die Heiligenverehrung Simons rückgängig und stellte fest, dass die Trienter Juden Opfer eines Justizirrtums geworden waren. Nun ist er wieder da und wird sicherlich mit Begeisterung empfangen und dabei lassen wir die modernen Ritualmordlegenden mal unerwähnt, denn die gibt es durchaus noch. Wergin streift das Thema auch kurz…

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Wie kommt ein Jude in den Himmel?

Zeitartikel Judentumsteht über dem Artikel in der aktuellen Ausgabe der ZEIT, aber nicht Thema des Artikels gleichen Namens. Thema des Artikels ist das Judentum.
Die ZEIT hat in der vergangenen Woche eine Serie über Religionen begonnen und widmet sich in dieser Aufgabe dem Judentum. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen (man erinnert sich ja nicht gern an den SPIEGEL-Artikel zum Jahreswechsel) und vermeidet (eigentlich vollständig) Klischees.
ZEIT-Mitherausgeber Josef Joffe hat dazu einen gelungenen Text verfasst, der dabei einige zentrale Fragen des Judentums erläutert. Wenn man es so sagen kann, ist es eine Art Spaziergang durch die jüdische Religion:

Wie kommt ein Jude in den Himmel? Eine typisch jüdische Antwort wäre die Gegenfrage: Hat er keine anderen Zores? Ein Christ oder Muslim würde jetzt gequält den gebotenen Ernst anmahnen. Doch wäre die Ironie keine Ausflucht, sondern der Einstieg in eine spezifisch jüdische Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen). Himmel und Hölle spielen nur eine vage, keine zentrale Rolle. von hier

Josef Joffe besucht bei seinem Rundgang vier Stationen jüdischer Lehre bzw. betrachtet vier Aspekte des Judentums etwas eingehender Sünde und Erlösung, G-ttgefälligkeit und Gesetz, Glauben und Vernunft und Dogma und Dehnung. Natürlich werden nicht alle Aspekte jüdischen Lebens angesprochen, das wäre innerhalb eines (wenngleich umfangreichen) Zeitungsartikels wohl auch kaum möglich, aber viele Aspekte werden angerissen und in einen Kontext gestellt. So widmet sich Joffe auch der, in letzter Zeit immer wichtiger werdenden, Frage nach dem religiösen Fundamentalismus:

Die Offenbarung teilt das Judentum mit seinen beiden Nachfolgern aber wieder mit einem interessanten Unterschied. Auch ultraorthodoxe Juden glauben wie andere Fundamentalisten an die Buchstäblichkeit des Gotteswortes. Doch ist nach der Offenbarung im Sinai einiges Wasser durch den Jordan geflossen und die Gottesbotschaft in die Hände der Menschen.
Den Übergang markiert eine berühmte Geschichte aus dem Talmud (Bava Metzia, 59), die von einem Auslegungsstreit zwischen den Weisesten unter den Rabbinen handelt. Rabbi Eliezer versucht den Disput mit allerlei wundersamen Zeichen zu gewinnen: mit einem Baum, der sich selbst entwurzelt, mit einem Bach, der plötzlich rückwärts fließt. Doch die Kollegen bleiben ungerührt. Schließlich ruft Eliezer Gott an, und der sagt erwartungsgemäß: Warum streitet ihr mit Eliezer, ihr seht doch, dass das Gesetz so ist, wie er sagt. Da widerspricht Rabbi Joschua: Es ist nicht im Himmel. Was wollte er damit sagen?, fragt der Talmud. Rabbi Jeremiah antwortet: Da wir die Torah vor langer Zeit im Sinai empfangen haben, hören wir nicht mehr auf himmlische Stimmen. Und wie reagierte der Herr? Er lachte und sagte: Meine Söhne haben mich geschlagen. Die Moral? Das Gesetz gehört nicht mehr Gott, sondern den Menschen vergesst die himmlischen Stimmen und Wunder.
Daraus folgt eine praktische Einsicht, die das Leben mit den 613 Ge- und Verboten etwas erträglicher macht: Wer mit dem Gesetz leben will, muss es auslegen, muss es neuen Bedingungen menschlicher Existenz anpassen können dies aber nicht nach Lust und Laune, sondern regelhaft, vernunftbetont und im Einklang mit allen Beteiligten. von hier

Zum gleichen Thema schreibt Harald Martenstein in der ZEIT in seiner Kolumne, natürlich etwas plakativer und mit einem gewissen Grad an Ironie:

Diese Religion [das Judentum] braucht wahrscheinlich so dringend eine Reformation wie der Islam, nur sind ihre Anhänger im Durchschnitt gebildeter und kosmopolitischer, sie radikalisiert sich folglich nicht, sondern zerfällt in aller Stille in orthodoxe, halbliberale oder dreiviertelliberale Unterreligionen, viele Juden wenden sich ganz von ihr ab. Und zu den grausamen Paradoxien der Geschichte gehört die Erkenntnis, dass die jüdische Religion vom Judenhass gleichzeitig bedroht und am Leben erhalten wurde. von hier

Das Onlineangebot zu diesem Themenkomplex wird abgerundet durch einen Überblick über das Judentum. In der Printausgabe ist noch ein Porträt der israelischen Rabbinerin Einat Ramon, die ihren Abschluß am Schechter Institut gemacht hat. Sie war die erste in Israel geborene Frau, die Rabbinerin geworden ist und dementsprechend heißt der Artikel auch Die Erste.