Kabbale und Demos

Eines ist völlig klar und offensichtlich: Dieser Hammandinedschad muß gestoppt werden, seine Rhetorik ist nicht bloß eine verbale Kraftmeierei, sondern offenbart einen tief gehegten Wunsch: Die zionistische Entität vom Erdboden verschwinden zu lassen. Was das heißt ist völlig klar: Völkermord -und das nicht im rhetorischen Sinne. Oft wird dieser Begriff ja im Zusammenhang mit der Nahostpolitik Israels verwendet, nur dass die Gruppe, die diesen Begriff auf sich bezieht, nicht dezimiert wird, sondern anwächst.
Dagegen muß weltweit etwas getan werden und häufig weiß man scheinbar nicht immer wie. So erzählte ich am 3. Januar hier über eine geplante Demo in Berlin, deren (wenig schönes) Ankündigungsplakat durchs deutschsprachige jüdische (und leider auch philosemitische) Netz wandert. Das Plakat zeigt die Tore von Auschwitz und diese Art von Bildersprache ist mir grundsätzlich zuwider. Den Organisator teilte ich das auch mit, der schrieb mir, dass die meisten das gut fänden und ich solls einfach publizieren. Nun ja, einen wahrhaften Konsens konnte man das nicht nennen. Die Veranstaltung wird organisiert von ILI (I Like Israel).
Nun entdeckte ich einen Text von Uriel Kashi, der hart mit den Organisatoren ins Gericht geht:

In einem Interview mit der “Jüdischen Allgemeinen” betont Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch zwar die Notwendigkeit, die aktuellen Entwicklungen im Iran Ernst zu nehmen, kritisiert jedoch die Methoden von ILI und spricht den Organisatoren die Fähigkeit ab, nachhaltig zu arbeiten.
Tatsächlich hat Charlotte Knobloch recht. Die Methoden und Wege der politischen Arbeit, die Leo Sucharewicz, der Gründer und Koordinator von “I like Israel” (ILI) beschreitet, wirken spätestens auf den zweiten Blick kontraproduktiv und drohen dem Image Israels sowie der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland längerfristig mehr zu schaden als zu nützen.
Diese Einsicht ist nicht neu: Bereits 2005 weigerte sich der Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), den ersten bundesweiten ILI-Aktionstag zu unterstützen. Unter anderem kritisierte der Verband damals, dass ILI mit rechtsradikalen jüdischen und christlich-fundamentalistischen Gruppen kooperierte, deren israelsolidarisches Engagement mit antidemokratischen und rassistischen Positionen einhergingen. Als Beispiel diente damals die Organisation “Standingwithisrael”, die auch als offizieller Unterstützer der ILI-Initiative agierte. Unverblümt veröffentlichte diese auf ihrer Homepage antiarabische Hassartikel, die in der Forderung gipfelten, alle Bewohner des Gazastreifens zu ermorden, um dort eine einzige riesige jüdische Siedlung entstehen zu lassen. von hier

Aber Kritik wird gerecht verteilt und erklärt zugleich den Erfolg des Phänomens ILI:

Trotz all dieser Bedenken erfreut sich ILI insbesondere innerhalb der Jüdischen Gemeinden vor allem an der Basis einer zunehmenden Popularität. Vielleicht sind nicht allen Unterstützern die Hintergründe der ILI-Bewegung bekannt. Ein kürzlich erschienener zutiefst polemischer wenn nicht demagogischer – offener Brief von Leo Sucharewitz an den Generalsekretär des Zentralrats Stephan J. Kramer, der eine finanzielle Unterstützung der Demonstration ablehnte, löste allerdings bei nicht wenigen Schadenfreude und Zustimmung aus.
Der Hauptgrund dafür liegt jedoch weniger an den inhaltlichen Differenzen als vielmehr an der zunehmenden Uninteressiertheit, Distanz oder Ablehnung vieler Jüdinnen und Juden gegenüber der Arbeit des Zentralrats. Dieser hat es in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten) versäumt, ein vertrauliches und freundliches Verhältnis zur jüdischen Basis zu entwickeln. Viele ehrenamtliche Vertreter aus den Gemeinden oder den Studentenverbänden beklagen sich seit langem über das als arrogant empfundene Auftreten der Repräsentanz. von hier

Interessant ist auch die abschließende Betrachtung, die durchaus auch andere Phänomene innerhalb der jüdischen Gemeinden beschreibt:

Gruppen wie ILI sind somit wohl auch eine Reaktion auf die angestammten und von vielen als veraltet empfundenen Institutionen. Sollte es dem Zentralrat zukünftig nicht gelingen, sich strukturell nach innen und außen zu öffnen, werden sich immer mehr Jüdinnen und Juden nach Alternativen umsehen. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, birgt aber den Nachteil für die Interessenvertretung gegenüber der deutschen Politik keine, oder nur mehr eine geschwächte repräsentative Instanz zu haben.
So oder so für die Zukunft scheint nichts sinnvoller, als eine offene und aktive Bündnispolitik. Neben parteiübergreifend guten Beziehungen zur politischen Elite, sollte auch die Zusammenarbeit mit migrantischen Gruppen vorangetrieben werden, um mit diesen eine starke Basis für eine demokratische Interessenspolitik zu bilden. So wären gerade jetzt gute Beziehungen zu demokratischen Iranern in Deutschland von Nöten, um gemeinsam mit diesen und den deutschen Parteien gegen die iranische Regierung zu protestieren. von hier

Also ist das Problem im Kleinen (in vielen Gemeinden) und im Großen (im Zentralrat) das gleiche: Der Umgang mit der Basis. Schauen die Mitglieder sich nach Alternativen um, sind sie die Spalter, oder werden ganz schnell von den falschen Freunden umarmt.
ILI reagiert wiederum polemisch auf diejenigen, die die Vorgehensweise kritisieren:

manche unter Euch haben sich wirklich Mühe gegeben und unsere Arbeit erschwert. Die Demo findet statt. Überlegt Euch, von welcher Seite Ihr Applaus erhaltet.
Wir arbeiten ehrenamtlich, problemlos auch 14 Stunden täglich, behandeln gerne Drohungen von Neonazis und radikalen palästinensischen Gruppen, verzichten freiwillig seit Wochen auf unsere Freizeit, reparieren (unfreiwillig) die Schäden, die Ihr anrichtet und initiieren einen europaweiten Protest gegen Ahmadinedschads apokalyptische Drohungen. Unser Gegner sitzt in Teheran.
Und gegen wen kämpft Ihr?

:update:
Kritik deluxe könnte man sagen, denn nun prügelt Die Jüdische wiederum auf Kashi ein, der plötzlich Betreiber eines eines indirekten Israelboykotts sein soll, wie Samuel Laster schreibt (hier) und Kashi einen blassgrünen Hofjuden nennt.

Nun ist Kashi bei Cilly Kugelmanns Wanderzirkus gelandet, das ab und an auch als jüdisches Museum Berlin bezeichnet wird. Die Jobs wechseln, die Argumentation bleibt. Kashi hatte es auf einige Christliche Organisationen abgesehen, die mit Israel Solidarität bekundeten und “rechtsradikalen jüdischen Organisationen”.
Die Argumente Kashis ähneln denen des Generalskretärs des Zentralrates auf frappante Art[…] von hier

… nur, möchte man selber fortfahren, wird dem Zentralratssekretär nicht gefallen, dass Kashi auch die Versäumnisse der Zentralratsgemeinden aufzeigt und benennt, woran es hapert. Ein erster Schritt zu einer wirklich entwaffnenden Argumentation könnte sein, dass man bei ILI benennt, wer da genau mitmacht und welche Organisationen mitwirken. Dann kann man ja ausschließen, dass sich irgendwelche Gruppen, die auch Judenmission betreiben, eingehängt haben und ihr eigenes Süppchen kochen. Transparenz könnte also das Zauberwort heißen um Kritiker zu entwaffnen, denn dann könnte jeder sehen, ob sich tatsächlich rechte Gruppen und Evangelikale hinzugesellt haben.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Sein Buch »Tzipporim: Judentum und Social Media« behandelt den jüdischen Umgang mit den sozialen Medien. || Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

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