Vom Antisemiten zum Juden

Die österreichische Zeitung Die Presse brachte heute eine bemerkenswerte Geschichte über einen jungen polnischen Mann:

Vom prügelnden Skinhead zum gläubigen Juden
Polen. Pawel war 23, als er entdeckte, dass er eigentlich Jude ist. Heute heißt er Pinchas und wacht in der jüdischen Gemeinde Warschaus über die Einhaltung der Speisevorschriften.

Diese Geschichte ist ein Hinweis darauf, dass in Polen mehr jüdische Menschen leben, als offiziell bekannt ist, so schreibt auch Die Presse, man könne von etwa 30000 Menschen ausgehen:

Dann aber fand seine Frau bei einem Besuch im Jüdisch-Historischen Institut, dass auch ihr neuer Familienname jüdisch sei – darauf stöberte sie im Archiv der Synagoge Dokumente über die Familiengeschichte ihres Mannes auf. “Ich sagte ihr, das müsse alles eine Verwechslung sein”, erinnert er sich an den Tag, als ihn seine Frau erstmals mit seiner mosaischen Herkunft konfrontierte. Seine Eltern hatten es ihm verschwiegen. Im Zweiten Weltkrieg wurden 90 Prozent der 3,3 Millionen polnischen Juden ermordet. Die meisten Überlebenden wanderten aus. Wie die Eltern und Großeltern von Pinchas hatten sich tausende Juden aber auch “zur Sicherheit” assimiliert. Auf 30.000 wird heute in Polen die Zahl der Menschen jüdischen Ursprungs geschätzt. Viele wissen davon aber nichts.

Ein “harter Schlag” sei die Erkenntnis über seine Abstammung gewesen. Erst nach sechs Monaten begann er, die Synagoge aufzusuchen, mit dem Rabbi und den Gemeindemitgliedern zu sprechen. Das Interesse an der Religion war erwacht. Den Ausschlag für das Bekenntnis zum Judentum gab die Geschichte seiner Familie. Viele Vorfahren starben in den Gaskammern oder im Ghetto. Würde er deren Glauben nicht kultivieren, hätten sie umsonst gelitten, sagt der zweifache Vater. von hier

Bemerkenswerte Geschichte, fand ich…

Kleines Update: In den Kommentaren zu diesem Post wurde der Film The Believer angesprochen, der eine ähnliche Thematik tangiert. Hier jedoch entschleißt sich ein junger jüdischer Mann bewußt dazu, Karriere in einer (fiktiven) US-Nazipartei zu machen:

[youtube]IX1lT87V1f0[/youtube]
Mit bestem Dank an Roman, der den Trailer aufgetrieben hat 😉

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Den Film “The Beliver” hatte ich ebenfalls sofort im Blickfeld, als ich Deinen Artikel gelesen habe. Der Film ist so erschreckend, dass man ihn eigentlich nur in einer Gruppe sehen sollte um anschließend darüber diskutieren zu können. Ob Juden Naziz sein können? Auch wenn der Film zum Glück nur eine Fiktion ist, hilft er, der Realität ins Auge zu sehen. Ja, ich glaube, auch Juden können Nazis sein. Und das Juden Juden hassen können, zeigt sich ja gerade auch an dem sogenannten Rabbiner, der auf der Holocaust-Konferenz im Iran herumspaziert.

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  2. Eine andere Frage zu dem Thema. Wie würdet Ihr Euch verhalten, wenn jemand zu Euch in die Gemeinde kommt und einen Gijur (Übertritt zum Judentum) machen möchtet, er aber eine “rechte” Karriere hinter sich hat.

    Gilt das in Euren Augen auch als Tschuwa (Umkehr)?

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  3. Das kann man vielleicht nicht so pauschal beantworten. Das hängt möglicherweise davon ab, wie die Person sich gibt und was sie zu verarbeiten hat – in einem Buch, oder einer Anthologie von Jurek Becker (aus der Erinnerung heraus muß ich das zitieren; für Quellenangaben bin ich dankbar) in der es um jüdische Identität geht, wird eine solche Geschichte erzählt. Soweit ich mich erinnere, wurde behauptet, es handelte sich um eine reale Begebenheit. Bei irgendeiner Gelegenheit landete besagter junger Mann eines Abends am Lagerfeuer einer jüdischen Studentengruppe und blieb später ganz dabei…

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  4. An Adi: Der Begriff der Umkehr lässt sich nicht auf so eine Person anwenden und zwar aus folgenden Gründen:

    1. Es ist den Kindern Noachs nicht verboten, “rechts” gesinnt zu sein
    2. Alle Verstöße, die er (in diesem oder in einem anderen Zusammenhang) sonst verübt hat, gelten nicht für die Person, die bei der Taufe und Neubenennung neu geboren wird.

    Mit anderen Worten: In diesem Fall (als solchem) benötigt man keine Tschuwa und selbst wenn, wäre es kein Hindernis.

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  5. Ich stimme Yoav zu (wobei ich statt “Taufe” das Wort Mikwe einsetzen würde ;-)).
    Auf einen Kandidaten für einen Gijur passt der Begriff “Tschuvah” nicht, denn er wird mit dem Gijur zunächst einmal “neu geboren”. Tschuvah bezieht sich auf Juden – geborene oder gewordene (aber eben erst nach dem Gijur).

    Allerdings hat ein Kandidat mit einer solchen Geschichte im Gepäck sicher eine längere Zeit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu leisten – vor dem Gijur – um sich über seine Motive wirklich klar zu werden.

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  6. hey,

    habe gerade im kölner schauspielhaus “the believer” gesehen und war mehr als geschockt! am meisten hat mich nicht nur der krasse kontrast zwischen dannys herkunft und seinem leben, sondern vor allem seine argumentation beeindruckt. hattet ihr auf alle fragen, die er sich gestellt hat eine antwort parat???

    lg

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  7. Zitat: 7. Adi – 12. Dezember 2006

    Den Film The Beliver hatte ich ebenfalls sofort im Blickfeld, als ich Deinen Artikel gelesen habe. Der Film ist so erschreckend, dass man ihn eigentlich nur in einer Gruppe sehen sollte um anschließend darüber diskutieren zu können. Ob Juden Naziz sein können? Auch wenn der Film zum Glück nur eine Fiktion ist, hilft er, der Realität ins Auge zu sehen.

    Hi, bin auf der Suche nach einem deutschem Untertitel für den Film hierauf gestossen. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten.

    http://www.filmstarts.de/produkt/37533,Wie%20ein%20einziger%20Tag.html

    Der Film beruht auf wahren Begebenheiten

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  8. Pingback: Chajms Sicht » Vom Antisemiten zum Juden – Ghn

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