Aufgemerkt!

In jeder Woche erhalte ich im Durchschnitt zwei Mails die nach der genauen Stelle im Talmud fragen, unter der die Fragenden folgendes Zitat finden können:

Achte auf deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten,
denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter,
denn er wird dein Schicksal.

Langsam ist es also Zeit, darauf zu reagieren! Google verzeichnet 12000 deutschsprachige Treffer zu diesem Thema, aber keine einzige gibt die genaue Stelle an. Ähnlich verhält es sich bei der englischen Version. Meine Vermutung ist: Es steht gar nicht im Talmud! Hört sich zwar irgendwie nach Pirkej Avot an, steht aber nicht drin. Irgendjemand hat irgendwann angefangen, dieses Zitat mit der Quellenangabe Talmud oder Aus dem Talmud zu verwenden und schon war es in der Welt. Hier sei erwähnt, dass diese Angabe genauso präzise ist als schriebe man: Aus der Bibel. Kaum eine kuschelige Puschelseite, auf der dieses Zitat nicht fehlt. Kaum eine Lebensberatungsseite, die dieses Zitat nicht benutzt. Kurz: Es ist überall und inflationär – nur: mit großer Wahrscheinlichkeit steht es so nicht im Talmud. Gegenbeweise können gerne angetreten werden – ich bin ja lernfähig.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass es zwei verschiedene Talmuds gibt (laut wikipedia). Zum einen den babylonischen (Talmud Bavli) und zum anderen den Talmud Jeruschalmi. Man müsste also zumindest beide zu Rate ziehen, um ausschließen oder bestätigen zu können, ob das Zitat dort seinen Ursprung hat.

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  2. ich hab beim rumsurfen noch zwei weitere quellenangaben gefunden. laotse und ‘inschrift eines englischen klosters’. beides scheint mir ähnlich schwierig nachzuvollziehen wie der talmud. ach, und dann gabs noch einen herrn talmund als autorenangabe.
    vielleicht sollte man sich vorerst drauf einigen, das ganze in die zugegebenermaßen recht schal klingende kategorie ‘sinnspruch’ zu stecken, statt wild mit unüberprüfbaren quellenangaben um sich zu werfen. bis jemand auf eine nachvollziehbaren quellenangabe stößt, die mich mittlerweile auch ziemlich interessieren würde

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  3. Komplett gelesen? Nein, das habe ich nicht. Wenn es aber ein bekanntes Zitat wäre, dann könnte man es schnell in den gängigen Kompendien und Zusammenstellungen von Sinnsprüchen finden. Eine Volltextsuche mit allen möglichen hebräischen Begriffen führte auch nicht gerade zu Erfolg…
    Ich tendiere stark zu Felikas Vorschlag, den Anfragenden zu raten, das gnze als Sinnspruch mit unklarer Herkunft zu kennzeichnen.

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  4. Chris,

    Den Babylonischen Talmud, der auch gemeintist, wenn man nur “der Talmud” sagt, gibts in einer vollständigen Übersetzung aus der Weimarer Republik, die meine Mutter im 12-bändigen (sind das 12?) Originaldruck vorliegen hat. Gibts aber auch im Nachdruck.

    Der Jeruschalmi hat nur ca. 4 Bände, ist mir aber keine deutsche Übersetzung bekannt.

    Jedenfalls scheint mir das Zitat schon vom Stil her nicht in den Talmud zu passen, denn der Talmud ist eigentlich nichts als eine endlose Diskussion religiöser Regeln und Vorschriften. Theologie z.B. kommt nur am Rande vor und dann auf niedrigem Niveau, abdriften ins Anthropomorphe und so.

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