Die Antwort aufs Kuriosum

lies nicht lange auf sich warten. Es ist allerings fraglich, ob man mit Beleidigungen reagieren sollte, wenn man sich selbst beleidigt fühlt und etwas richtig stellen möchte. Ich könnte jetzt auch hergehen und einen Leserbrief an den Verfasser dieses Leserbriefes richten:

Herr Riebsamen: Ziehen Sie die neuen, kuschelweichen Juden den richtig Frommen vor? Begeistern auch Sie sich für das Judentum – Hauptsache es findet in der Vergangenheit statt odere wird vorsorglich auf Brauchtum und Kulturgut reduziert? Das ist Ihre Sache.

Natürlich muss Ihnen so ein richtiger Jude fremd und merkwürdig erscheinen – denn was wissen Sie denn schon vom Judentum?

Danke für die Beleidigung nach dem Motto alle die nicht sind wie wir, sind keine richtigen Juden. Das spricht ja schon für sich selbst.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wahrscheinlich bekomme ich jetzt wieder Schimpfe ;-), aber ich schreib’s trotzdem: ich bin von dem Leserbrief von Gershon Pollatschek auch nicht begeistert. Ich denke, man kann Kritik anders formulieren (sachlicher und inhaltlich richtiger: Chatam Sofer WURDE in FFM geboren und ist kein “Import” gewesen – aber egal). Aber eines fand ich trotzdem nachdenkenswert: nämlich ob sich an dem sehr eigenartigen Satz, dass ein “richtiger Jude fremd und merkwürdig” erscheinen müsse, nicht eine zentraler Punkt innerjüdischer Auseinandersetzung zeigt. Die Debatte um Anpassung oder Abgrenzung ist ja auch hierzulande weder gefuehrt noch abgeschlossen. Gerade die Union greift ja gerne die Geschichte des liberalen Judentums vor der Schoah auf, ohne auf den Punkt einzugehen, wieviel Apologethik auch in der Gründungsgeschichte des liberalen Judentums steckt, und wieviel apologethische Moment jeder einzelne liberale Jude einstecken musste, ohne letztendlich wirklich ans Ziel – der absoluten Gleichberechtigung und Anerkennung als Angehoeriger einer Minderheit in einer sehr dominaten Mehrheitskultur – zu kommen.
    Nur mal so angedacht. Bin selbst noch nicht am Ende dieses Gedankens. Mag falsch sein.

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  2. Also ich denke, dass wenn es Juden in einer gewissen Zaqhl gibt, sind wir weder fremd noch merkwürdig. In Brooklyn findet auch niemand die Charedim fremd und merkwürdig.

    Ich finde es nicht nötig, sich selbst zu entfremden, indem man mit Peyes, langem Gewand und Schtreimel rumläuft. Wenn man aber die halacha befolgt, können schon Verwirrungen entstehen, z.B. bei der Schmiras Negia. Aber ich denke, das Problem löst sich von selbst dadurch, dass auch viele Moslems dem anderen Geschlecht nicht die Hand geben. Wenn das ein gewisser Teil der Bevölkerung so hält, werden sich die Leute daran gewöhnen.

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  3. Ein Jude – ich weiss nicht, ob sich diejenigen, die hierzulande Pejes tragen, “sich selbst entfremden”. Sich selbst entfremden von was? Von den anderen Juden, die ebenfalls Requisiten des Jüdischen auf sich nehmen (sei es bei den Liberalen die Frauen den Tallit, oder überhaupt Tallit und Kippa etc.) – ich vermute, es ist davon auszugehen, daß fast alle Juden hierzulande ihr Judentum neu finden, sich selbst neu erfinden, denn die wenigsten von uns dürften eine konstante Tradition von zu Hause mitbringen. Auch mit einem langen Gewand habe ich wenig Probleme, vorausgesetzt, jemand ist sich bewusst, daß er diese Tradition neu auf sich nimmt – und damit den anderen nicht vorzuwerfen hat, daß sie eventuell nicht “religiös genug” seien oder Ähnliches.
    Kommt die Vorstellung, daß jemand, der sich in einer gewissen Weise kleidet, “entfremden” würde, nicht daher, daß die Zahl orthodox praktizierender Juden hierzulande eben sehr klein ist?
    Und ist es nicht so, daß jeder, der irgendetwas neu findet, zunächst eine sehr deutliche Form seiner Fundes wählt (ganz egal ob Reform oder Orthodox), um für sich herauszufinden, wie der Fund überhaupt schmeckt? Vielleicht werden unsere Nachfahren – b’esrat haschem – in 100 Jahren das Fundament haben, Judentum udn die Halacha so zu befragen und eigene Formen zu entwickeln, wie dies in Amerika und Israel heute möglich ist.
    Ich denke auch nicht, daß die Mizwa von Schmiras Negia sich dadurch “lösen” lässt, in dem man schaut, was die Muslime tun. Wir werden unsere eigenen Verhaltensformen entwickeln müssen – und hoffentlich gelebte Pluralität innerhalb des Judentums irgendwann hinbekommen. Dazu gehört aber auch, daß diejenigen, die freizügiger sind, ein Verständnis dafür entwickeln, daß andere eben strenger sind, so wie sie es ja vice versa auch erwarten.

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  4. matronit,

    Mit dem Entfremden meinte ich, mit Bezug auf den Leserbrief, die Entfremdung von der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Und gerade da ist ja das Tragen von Pejes nicht üblich.

    Ich möchte auch sicher nicht vorschlagen, die Moslems nachzumachen. Im orthodoxen Islam gibt es aber auch die Negia, und ich meinte lediglich, dass wenn viele Moslems in Deutschland dem anderen Geschlecht nicht die Hand geben, sich die Bevölkerungsmehrheit daran gewöhnen wird, dass es Menschen gibt, die sich so verhalten. Somit wird auch die Negia eines Juden weniger befremdlich wirken.

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  5. Ein Jude – ich weiss nicht, ob das Beharren auf dem Eigenen bzw. das Unverständnis von nichtjüdischer Seite aus zwangsläufig zu einer “Entfremdung” führen muß. Sicher ist es für die deutsche Mehrheitsgesellschaft zunächst schwierig, orthodox lebende Juden und religiöse Muslime und andere Minderheiten, die etwas anders leben als der Mainstream, diese zu verstehen. Aber darin liegt ja auch eine Aufgabe, und die kann nicht sein, dass die Minderheiten sich anpassen, weil eventuell eine “Entfremdung” stattfinden könnte… sondern das es wesentlich wichtiger ist, “das” Fremde kennenzulernen. Dann wird es viel weniger entfremdet und beunruhigend wirken.

    In Bezug auf die Moslems habe ich Dich wohl mißverstanden.

    Ich denke im Übrigen, daß nicht nur die Nichtjuden hier lernen müssen, sondern auch so manche Juden, die sich über Schomrei Negia aufregen ;-).

    Schabbat schalom.

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  6. Matronit,

    Bezüglich des gegenseitigen Kennenlernens stimme ich dir völlig zu.

    Was schlägst du denn vor bezüglich der Juden, die sich darüber aufregen? Oft hör ich da Argumente wie “archaisch”, “nicht zeitgemäss” oder gar “fanatisch”.

    Gut Schabbes

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  7. Ein Jude –

    wenn ich diese Argumente hoere, dann frage ich immer zuerst, ob die Juden, die sie aeussern, denn Kontakt zu den Fanatikern und den Archaischen haben, oder ob die Abwehr rein virtuell ist. Ich empfehle immer, in direktes Gespraech zu kommen – wobei zu sagen ist, daß die Beruehrungsaengste auf beiden Seiten gleich groß sind und das Interesse oft nicht wirklich vorhanden. Ich halte diesen innerjuedischen Dialog aber fuer sehr wichtig.
    Die Argumente “archaisch”, “nicht zeitgemaess” etc. sind grundsaetzlich fraglich. Ich gehe doch auch nicht davon aus, daß ich es bei liberalen Juden immer mit absolut unkonventionellen, voellig zeitgemaessen oder gar der Zeit vorausseienden Menschen zu tun habe, bloß weil sie ohne Kopfbedeckung gehen, oder jedem ein Küßchen auf die Backe geben, egal ob Mann oder Frau, oder weil die Frauen einen Tallit tragen duerfen und aus der Tora leinen. Sie sind doch auch meist eher konservativ in ihren Beduerfnissen und in ihrem Lebensstil, wie eben die meisten Menschen.

    Eine Moeglichkeit waere Orte zu schaffen, wo man sich kennenlernen kann. Auch die virtuellen Foren koennten eine Platform bieten, ich denke Chaim’s Blog ist nicht der schlechteste Ort dafuer ;-).
    Eine andere Moeglichkeit waere Limmud Deutschland, das gerade ein Treffen fuer das naechste Jahr plant, eine wiederum andere, regional sich gegenseitig zu besuchen. Streit faende ich positiv, und es gibt sicher auch Grenzen.
    Aber wichtig waere vor allen Dingen, einfach Respekt zu haben, zu lernen, die eigene Authentizitaet nicht aus der Abwertung Anderer zu ziehen.

    Gut Schabbes.

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