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Facebooks Beitrag zum jüdischen Leben?

Im März 2020 (siehe auch hier) zeigte sich, dass die »sozialen Netzwerke« etwas mehr als nur Polarisisierung zu bieten hatten (obwohl sie das zeitgleich natürlich auch im Angebot hatten). Tatsächlich konnten sie zwischendurch ihr Versprechen einhalten, die Menschen zu verbinden. Jüdinnen und Juden konnten sich schnell über Online-Veranstaltungen informieren und in Kontakt bleiben. Nun ist fast ein Jahr vergangen. Einige Zugänge für Zoom-Konferenzen werden nur noch auf Anfrage herausgegeben – einen Stundenplan mit den Angeboten musste ich schnell wieder aus dem Netz nehmen (siehe hier). Die Anzahl der Störungen war einfach zu groß geworden und die Auswirkungen zu belastend.

Seit März 2020 ist Rabbiner Zsolt Balla aus Leipzig dabei. Er streamt, mit Ausnahme der Chagim und der Schabbatot täglich die Gebete. Phasenweise ganz ohne Gemeinde, dann wieder mit kleinerer Gemeinde, zur Hawdalah aus seiner Wohnung. Damit war und ist Rabbiner Balla jemand, der auch diejenigen erreichen konnte, die im Social Distancing waren oder sonst Berührungsängste hatten. Vielleicht in Europa einmalig. Die Gebete waren, niederschwellig, über Zoom und Facebook erreichbar.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Facebooks Beitrag?

Rabbiner Ballas Initiative war nicht nur verdienstvoll, sie war auch ein großer Beitrag zur Gestaltung jüdischen Lebens unter erschwerten Bedingungen. 2021 wird viel über »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gesprochen und versucht, den Blick auf die Gegenwart zu lenken. »Jüdisches Leben kennenlernen«.

Die Aktion fand in Deutschland, aus den unterschiedlichsten Gründen, viel Unterstützung. Viel war von der »Sichtbarmachung» jüdischen Lebens die Rede. Zu Purim am 26. Februar 2021 meldete Rabbiner Balla etwas, von dem fragen kann, ob es der Beitrag von Facebook Deutschland zur Feier jüdischen Lebens war: Facebook sperrte die Livestreams des Rabbiners (sein Beitrag dazu hier) aus der Synagoge. Anscheinend hatte jemand beharrlich die Streams gemeldet und Facebook stufte sie als »abusive« ein.
Es reichte also entweder aus, dass ein Algorithmus so entschied, oder ein Mitarbeiter des Netzwerks so entschieden hat. Die Streams sind nun also nur noch über Zoom verfügbar. Sollte ein Mitarbeiter so entschieden haben, müsste erklärt werden, was an Live-Übertragungen aus Synagogen »abusive« sein sollte – oder der Mitarbeiter mag Synagogen nicht sonderlich. Sollte ein Algorithmus auf zahlreiche Beschwerden reagiert haben, dann ist allen klar, was das bedeutet: Jede kleine Gruppe kann jederzeit ausgeknipst werden. Das mag keine neue Erkenntnis sein, aber sie wird immer wieder bestätigt.

Da die Beschwerdewege nicht deutlich sind und vermutlich auch wieder maschinell betreut werden, dürften auch Einwände zunächst ins Leere laufen.
Jüdische Organisationen und Gruppen sollten sich besser darauf einstellen, Content nicht ausschließlich über Facebook (oder andere soziale Netzwerke) anzubieten, sondern auch über andere Kanäle. Die Gruppe derjenigen, die aktiv Meldungen von Inhalten betreibt, scheint gut organisiert zu sein und die Netzwerke haben keinen öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrag. Antisemiten sitzen also am längeren Hebel – solange bis vielleicht doch jemand einschreitet.

Einstweilen bietet Rabbiner Balla die Teilnahme über Zoom an. So sollte es aber eigentlich nicht sein…

Nachtrag 1. März 2021: Facebook hat die Möglichkeit für Livestreams aus der Synagoge wieder aktiviert. Ein seltsamer Nachgeschmack bleibt. Jederzeit kann jeder bewirken, dass jemandem der Stecker gezogen wird.

Die Pressestelle von Facebook Deutschland habe ich direkt nach Bekanntwerden der Angelegenheit kontaktiert, aber das war nicht anders zu erwarten – reagierte nicht.

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Purim: Antisemitismus und Antisemiten auslachen

Purim bzw. die Purim-Geschichte ist ein großartiges Ventil, um sich über Antisemitismus lustig zu machen. Behaupte ich jedenfalls im WDR:
Die Esther-Rolle enthält Beschreibungen von Antisemitismus, die später immer wieder aufgewärmt wurden und werden… wie etwa: »ein Volk, das sich absondert von anderen«. Das Gespräch mit Gerald Beyrodt vom WDR…

…kann man hier nachhören.

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Rückschau auf die Eröffnungsveranstaltung von »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

Eine kleine Rückschau auf die Eröffnungsveranstaltung von »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gab es heute meinerseits im Deutschlandfunk. Insbesondere der letzte Satz aus der Rede des Bundespräsidenten »Diese Bundesrepublik Deutschland ist nur vollkommen bei sich, wenn Juden sich hier vollkommen zu Hause fühlen « hat mich beschäftigt. Hört sich smart an, aber wenn man etwas nachdenkt, stellen sich ein paar Fragen.

Die Sendung kann man hier nachhören.

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Vorinstallierter jüdischer Kalender auf dem Mac

Wie bei iOS, gibt es auch im Kalender von Mac OS die Möglichkeit, einen jüdischen (oder einen islamischen) Kalender einzublenden. Das erfordert gar keine spezielle App. Man muss nur eine Einstellung ändern und kann dann das jüdische Datum im Kalender sehen.

Dazu muss man zunächst den Kalender öffnen:

Anschließend muss man unter »Kalender« auf »Einstellungen« gehen und dort auf »Allgemein«.

Ganz unten versteckt sich die Option »Alternativen Kalender anzeigen« – üblicherweise ist »chinesisch« voreingestellt.
Diesen Punkt muss man natürlich aktivieren und »Hebräisch« auswählen und Fertig.

Das war es. Im Kalender werden nun jüdische Kalenderdaten angezeigt:

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Willkommen beim Bento-Rabbinat

Rabbiner William Wolff. Wilhelm (später William) Wolff emigrierte mit seiner Familie zunächst in die Niederlande und dann nach England. Dort studierte er »Nationalökonomie« und wurde Journalist. Kein schlechter, wie man hört. 1979 dann, im Alter von 52 Jahren, entschied er sich für ein Studium am Leo-Baeck-College — er wollte Rabbiner werden. Nachvollziehen kann man das gut im Film »Rabbi Wolff«.

Rabbiner Henry Brandt. Henry Brandt wurde in München geboren. 1939 emigrierte die Familie des elfjährigen Heinz Georg (später Henry) nach Tel Aviv. 1947 meldete sich Hanan (vorher also Heinz) zur Marine-Einheit des Palmach und wurde Leutnant. Er kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg. 1951 dann ging er nach Belfast und studierte Wirtschaftswissenschaften. Nach seinem Abschluss ging er in die Industrie. 1957, im Alter von 30 Jahren, entschied auch er sich für ein Studium am Leo-Beck-College. Auch er wollte Rabbiner werden.

Rabbiner Bea Wyler. Frau Rabbiner möchte sie genannt werden, deshalb steht das hier so. Sie wurde 1951 in der Schweiz geboren. Sie studierte Agronomie und wurde nicht nur Wissenschaftsredakteurin, sondern leitete schließlich das Wissenschaftsressort der Basler Zeitung. Nach einem Studium am Leo-Baeck-College und am konservativen Jewish Theological Seminary wurde sie 44-jährig Rabbiner(in). Wie erwähnt, damals legte sie Wert darauf, Rabbiner genannt zu werden. 1995 nahm sie das Rabbinat der jüdischen Gemeinde in Oldenburg an. Die Emotionen schlugen damals hoch. Kein Vergleich zur Strömungsdiskussionen heute. Es wurde »emotional« und ein maximaler Störfaktor in der Beschaulichkeit (der SPIEGEL berichtete). Sie war die erste Frau in diesem Amt in der Bundesrepublik Deutschland und sorgte dafür, dass einige Steine heute nicht mehr beseitigt werden müssen.

Elisa Klapheck, geboren 1962 in Düsseldorf (Kunstfreunde kennen den Namen Klapheck) studierte Politikwissenschaft, Jura und Judaistik in Nijmegen, Hamburg und Berlin. Sie wurde später Pressesprecherin der Jüdischen Gemeinde Berlin, wirkte aber auch journalistisch für Zeitungen und andere Medien. Später kümmerte sie sich um das Gemeindemagazin »jüdisches Berlin«. Sie initiierte 1999 mit anderen Frauen »Bet Debora«. Ein Netzwerk und eine Tagung für Rabbinerinnen, Kantorinnen und rabbinisch gelehrter Jüdinnen und Juden in Berlin. Mit etwa 37 Jahren begann sie ein Studium beim »Aleph Rabbinic Program« der Jewish Renewal Bewegung. 2005 wurde sie Rabbinerin in Amsterdam und wirkt(e) auch in Deutschland.

Warum stehen sie hier?

Diese vier Personen sind hier Stellvertreterïnnen für das »klassische« Rabbinat des traditionsorientierten liberalen und konservativen Judentums in Deutschland. Man muss ihre religiöse(n) Ausrichtung(en) nicht teilen — man kann Rabbiner orthodoxer Rabbinerseminare bevorzugen.
Aber: was die genannten Menschen jedoch auszeichnet — und das teilen sie mit einigen anderen — ist der Weg ins Rabbinat. Sie standen schon mitten im Leben und haben sich dann für diese Berufung entschieden. Der Gesprächspartner, das Gegenüber, wird die Lebenserfahrung zu schätzen wissen. Natürlich gibt es auch die Rabbiner aus einer »akademischen« Laufbahn, aber die sind hier nicht das Thema. Sich aus Lebenserfahrung heraus zu diesem Schritt entschlossen zu haben, ist mit Sicherheit der beste Weg für die Persönlichkeit selber und die Menschen, mit denen sie später zu tun haben wird.

Der SPIEGEL hat uns in dieser Woche einen anderen Weg präsentiert. Anscheinend weiß es die Autorin des Artikels »Wenn ich als angehende Rabbinerin nicht über Queerness im Judentum spreche, macht es niemand« besser.
Neben viel Marketingsprech und Superlativen wie »historisch«, »eine der ersten Frauen« (stimmt nicht, wie wir schon an diesem Artikel hier sehen) und »Ikone für eine neue jüdische Generation« (Feuerwerk der Superlative, aber auf welcher Grundlage?), wird hier vor allem die Jugend der angehenden Rabbinerin hervorgehoben. Dieser Schritt, das Lernpensum und die Festlegung auf das Amt kann bewundert, oder hinterfragt werden. Oder beides. Diese Mühe macht sich die Autorin des Artikels nicht.
Es wird in erster Linie ein Ego ausgebreitet und hier lauert eine Gefahr. Die Vertreterïnnen der Selfie-Generation sind heute mit viel Selbstbewusst- und Sendungsbewusstsein ausgestattet und erhalten meist schon einen großen Vorschuss an Lob und Vertrauen. Wer mit Selfies Follower sammeln konnte, wird mit seiner Personality das sicher auch mit seinem neuen Amt schaffen, ist vielleicht die Haltung. Sowohl die eigene, als auch die der wohlmeinenden Berichtenden.
Eine interessante Dynamik, die behauptete Relevanz in den Social Media Kanälen durch Berichterstattung weiter boostet und es immer schwieriger macht, die tatsächliche Relevanz zu erkennen oder zu hinterfragen. Lasst uns doch mal auf den Inhalt schauen und auf das, was dieser bewirkt und nicht auf den Eindruck, der entsteht.
Es gilt zu schauen, wieviel Substanz hinter etwas steckt. Ist mehr hinter einem Instagram-Account als ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, andere mit mir, ich, ich, ich, andere mit mir, ich, ich und ich? Wie reflektiert kann jemand, der viel Zustimmung und Likes erfährt, mit Grenzerfahrungen umgehen? Es werden die Tage kommen, an denen man auf jemanden zugehen muss, der gerade in den Abgrund geblickt hat.
Hat man sich darüber Gedanken gemacht?
Nicht alle Gespräche mit Gemeindegremien und Gemeindemitgliedern werden freundliche Nettigkeiten sein. Die Erwartungen allerseits sind hoch. Die Porträtierte wird hoffentlich nicht wegen der Tatsache, dass sie die »wahrscheinlich jüngste Frau in Deutschland, die Rabbinerin wurde« war, in die Geschichte eingehen, sondern hoffentlich, weil sie beispiellos gute Arbeit geleistet hat. Ansonsten wäre das etwas wenig.

Der SPIEGEL-Artikel zeigt schön, was passiert, wenn man versucht, das Rabbinat in popkultureller Coolness darzustellen. Es wird eine Personality-Show. Willkommen beim Bento-Rabbinat.

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Talmud Übersetzung online

Ein kleiner Meilenstein ist erreicht worden! Die Übersetzung des Talmud von Lazarus Goldschmidt ist nun online verfügbar. Sie begann am 1. Januar mit Pessachim und Megilla – die übrigen Traktate liegen bereits als »Texte« vor, müssen aber noch fit für die Publikation gemacht werden. Alles über das Projekt findet man auf einer kleinen Übersichtsseite auf talmud.de:
Übersetzung des Talmud ist online

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Sechs Jahreszeiten

Sechs Jahreszeiten? Wenn man sich bewusst macht, dass die vier Jahreszeiten eine menschliche Einteilung dessen sind, was in der Natur beobachtet wurde, wundert es nicht, dass es tatsächlich noch andere Systeme der Einteilung gibt. Um es kurz zu machen: Der Talmud kennt (zumindest in einer Diskussion) sechs Jahreszeiten. Abgeleitet werden diese aus der Geschichte von Noach. Nach der Geschichte der großen Flut beschloss nämlich G-tt, dass »Fortan, alle Tage der Erde, sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter und Tag und Nacht nicht gestört sein« (1. Buch Mosche 8,22). Diese Diskussion habe ich etwas genauer beleuchtet. Den gesamten Text findet man hier:

Jüdische Allgemeine – Die sechs Jahreszeiten: Saat, Winter, Frost, Ernte, Sommer und Hitze

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Lockerungen zu Chanukka?

Zwar hat sich die Corona-Thematik in diesen Tagen noch etwas verschärft (weil die aktuellen Maßnahmen offenbar nur sehr begrenzt greifen), aber dennoch wurden Ausnahmeregeln für Weihnachten diskutiert. Die Jüdische Allgemeine hat Prof. Micha Brumlik und meine Wenigkeit gebeten, dafür oder dagegen zu sprechen. Prof. Brumlik argumentiert für gleiches Recht, ich dagegen.

Beide Meinungen sind hier zu finden (Juedische-Allgemeine.de)

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Reclams Sprüche der Väter

Reclam. Die meisten Schülerinnen und Schüler, die in Deutschland zur Schule gegangen sind, kennen die kleinen gelben Heftchen von Reclam. Dort gab und gibt es die große Literatur. Den »Woyzeck«, die »Die Leiden des jungen Werthers«, aber auch den »Jerusalemer Talmud« (in sieben ausgewählten Kapiteln) und nun »Die Sprüche der Väter«, auf Hebräisch »Pirkej Awot«. Sie sind Bestandteil der Mischnah und sind ein beliebter Steinbruch für Zitate »Wenn nicht ich, wer dann?«, »Sprich wenig und tue viel!«, »Sage nicht, wenn ich frei sein werde, werde ich lernen; vielleicht wirst du nicht frei werden.« Die Liste kann lange fortgesetzt werden.

Die erste Frage nach dem Reclam-Text lautete also: Welche Übersetzung haben sie verwendet? Marcus Lehmann, Lazarus Goldschmidt oder Bamberger? Das deutschsprachige Judentum hat zahlreiche gute Übersetzungen (und Kommentare) hervorgebracht.
Keine von den vielen, die verfügbar sind, wurde verwendet. Der katholische Theologe Professor Bernhard Lang hat die Übersetzung und den Kommentar verfasst. Leider merkt man eine große Distanz zur jüdischen Sicht auf den Text recht schnell bei der Lektüre.

Eine neue Übersetzung Warum?

Wo Mosche die Torah vom Sinai [miSinaj] empfing, so die meisten anderen Übersetzungen, erhält Mose hier das »Tora(-Amt)« am Sinaj. Wo das Judentum von der Weitergabe der Mesorah spricht, wird hier von der Weitergabe eines »Amts« gesprochen. Der »Zaun um die Lehre«, der ja nahezu sprichwörtlich geworden ist, wurde zur »Hecke um die Tora«.

Die Sprache ist offenbar absichtlich etwas altertümlich gehalten und die Syntax etwas verkomplizierend umgestellt. Anscheinend soll die Satzstellung des hebräischen Satzes nachgestellt werden. Interessant sind Reime in der Übersetzung, während im hebräischen Original keine vorhanden sind: »Einen Lehrer dir nimm, einen Kameraden gewinn« macht Lang aus dem Satz »aseh lecha raw, ukene lecha chawer« – kein Reim. Der Satz bedeutet, wörtlich übersetzt, etwa »Mache dir einen Lehrer, erwirb dir einen Freund«. Der »Kamerad« führt recht weit weg von der ursprünglichen Bedeutung. In seiner Anmerkung zu dieser Textstelle weist Lang darauf hin, dass das »Studium zu zweit bis heute in orthodoxen Talmudschulen üblich sei«. Als Beispiel nennt er dann Anschel und Avigdor aus Singers »Jentl, der Talmudstudent«…

Übersetzerische Missverständnisse lassen sich einige zusammentragen. Die meisten scheinen darin begründet zu sein, dass bei der Übertragung der Kontext ausgeblendet wurde. Es fehlen an dieser Stelle Platz und Ausdauer für eine detaillierte Aufzählung. Aber eine Stelle schauen wir uns noch an. Sie ist recht bekannt: »Im ejn Torah – ejn derech erets«. Jüdische Übersetzer und Kenner der Mischnah übertragen in diese Richtung: »Wer keine Torakenntnis besitzt, der hat keine Humanität« (Bamberger), man könnte es vielleicht auch mit »angemessenem Verhalten« übertragen. Lang übersetzt »keine Tora, kein Alltagstun.«. Hier gehe es, laut Kommentar darum, sich an »Sponsoren zu wenden« – in dem Satz gehe es um Lebensmittel.

Missverständnisse? Talmud und Weise

Der Untertitel des Buches ist übrigens »Das Weisheitsbuch im Talmud«. Das ist deshalb interessant, weil es von Pirkej Awot »nur« eine Mischna gibt. Diese Mischna hat keine Gemarah, ist also in den meisten Ausgaben des Talmud überhaupt nicht enthalten und gehört auch eigentlich nicht dazu. Die Begründung ist nicht sehr überzeugend, zumal der uninformierte Leser nichts über den Talmud erfährt:

»Der Talmud umfasst in seiner deutschen Übersetzung zwölf Bände (Der babylonische Talmud, übersetzt von Lazarus Goldschmidt, Berlin 1929-36). Als Teil des Talmuds – zu finden in Band 9 (1934) – sind die Vätersprüche in der jüdischen Literatur etabliert, so dass sie ununterbrochen studiert und kommentiert werden.«

Sprüche der Väter, Seite 129

Die Talmud-Ausgabe von Lazarus Goldschmidt hatte den Anspruch alle Mischnajot und alle Traktate des Talmuds zu präsentieren. Ein Blick in »Primärliteratur« wäre vielleicht erhellender gewesen. In einem Talmud-Band von Goldschmidt sind mehrere Traktate des Talmuds und die Mischnajot zusammengefasst.

Neben Anschel und Avigdor aus Jentl treffen wir auch Shakespeare. Er habe in »Coriolanus« (entstanden um 1608) ein Zitat aus den Pirkej Awot verwendet (hier mal in der Übersetzung von Schlegel zitiert):

Schreit gegen den Senat, der doch allein,
Zunächst den Göttern, euch in Furcht erhält;
Ihr fräß’t einander sonst. Was wollen sie?

Shakespeare, Coriolanus, 1. Akt, 1. Szene

In den Pirkej Awot heißt es (Bamberger):

»Rabbi Chanina, der Vorsteher der Priester, sagte: 
Bete stets für das Wohl der Regierung, denn wäre nicht die Furcht vor ihr, so würde einer den andern lebendig verschlingen.«

Mischna Awot 3,2

Dazu schreibt Lang: »Hat der Autor das Wort aus dem Mund eines jüdischen Zeitgenossen gehört?« Das wird schwierig gewesen sein, wurde doch die jüdische Bevölkerung 1280 aus England vertrieben und erst 1655 wurde gestattet, sich wieder auf englischem Boden niederzulassen. Mehr Projektion als Fakt.
Das bezieht sich auch auf die Exkurse über die Mischna Awot und die »Rabbinen«, die anhand der Lektüre des Traktats Awot als »Asketen« dargestellt werden sollen – was große Teile des Talmuds einfach komplett ignoriert, in dem die Weisen teilweise einfach auch mal Männer sind. Bei der Charakterisierung kommt übrigens Hermman Hesse zu Wort, der nicht nur freundliche Dinge über Juden gesagt hat (etwa »Juden wie Deutsche haben neben ihrer rohen dummen und feigen Mehrheit auch eine feine, weise und tapfere Minderheit, mag sie noch so klein sein.«). Als Untermauerung soll auch eine Gegenüberstellung von Sätzen aus den Sprüchen der Väter mit der »Benediktsregel« (der Bendediktiner-Mönche) dienen.

Alles in allem: Wer sich mit den »Sprüchen der Väter aus katholischer Sicht« befassen möchte, kann zu diesem Band greifen. Wer sich dem Judentum über einen jüdischen Text annähern will, der greift bitte nicht zu dieser Übersetzung und nicht zu diesem Kommentar.

Die Sprüche der Väter
Das Weisheitsbuch im Talmud
Neuübersetzung
Reclam 2020
Übers. und Hrsg.: Lang, Bernhard
138 S.
ISBN: 978-3-15-014042-0
(Link zu Reclam mit Leseprobe)