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Luach für 5782 und 5783

Luach 5782 und 5783

In eigener Sache: Es gibt (wieder) einen Luach für zwei Jahre.
Der Anspruch für den Luach war: Günstig, übersichtlich und vernünftig gestaltet. Die Reihenfolge der Begriffe ist zufällig.
Für die letzte Ausgabe gab es verwertbares Feedback von Nutzerinnen und Nutzern, so dass diese aktuelle Ausgabe (hoffentlich) noch besser ist:

  • Zwei Wochen je Seite (für zwei Jahre)
  • Das weltliche Datum auf der linken Seite, das jüdische auf der rechten Seite
  • Nennung des Wochenabschnitts und besonderer Schabbatot
  • Eine Tabelle mit den Torahlesungen, auch für Feiertage
  • Tabelle der Haftarot für Aschkenasisch, Frankfurt am Main, Chabad, Sefardisch, Italienisch, Jemenitisch
  • Natürlich die Fasten- und Feiertage (und Rosch Chodesch)
  • Molad-Zeiten (soweit ich weiß, gibt es das in deutscher Sprache sonst nicht)
  • Daf Jomi in der Mitte der Seite
  • Schabbatzeiten für Basel, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Wien
  • Daten für Birkat HaChamah
  • Wie man errechnet, ob ein jüdisches Jahr ein Schaltjahr ist
  • Ein Schema zum Anzünden der Chanukkah-Kerzen
  • Eine Hilfe zur Omerzählung (wie man sie auch in Siddurim findet) mit Angabe des Datums

Im Anschluss an den Kalenderteil findet man noch eine Liste der Daten für jüdische Fest- und Fastentage bis ins Jahr 2026 und einen kurzen Text dazu, wann eigentlich Schabbat beginnt. Nicht enthalten sind Adressen jüdischer Organisationen etc.

Der Luach kostet 6 Euro (inklusive Versand) Bezugsquellen wären (oder ein Buchladen Eurer Wahl mit der ISBN 978-3754311998):
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Der kleine Gewinn, der dabei abfällt, wird genutzt, um die Kosten für den Betrieb des Blogs und talmud.de zu decken.

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Koren-Siddur auf Deutsch

Titelbild Korensiddur

Der Markt für deutschsprachige Siddurim ist nicht extrem groß, deshalb war die Nachricht, dass der Koren Verlag den (großartigen) Koren-Siddur mit dem Kommentar von Rabbiner Jonathan Sacks in deutscher Sprache veröffentlicht hat, eine sehr gute. Jedenfalls, wenn Interesse an ästhetischen Siddurim hat. Da haben die Orthodoxe Rabbinerkonferenz (ORD) und der Verlag eine großartige Arbeit geleistet. Es verwunderte allerdings, dass die ORD die Publikation nicht offensiver kommuniziert hat. Anscheinend wurden Exemplare an die Mitglieder verteilt, aber derzeit ist mir kein Bestellformular bekannt (der Siddur kann auch direkt bestellt werden) und auch kein offizieller Hinweis auf den Siddur. Bei Koren heißt es übrigens »das« Koren-Schalem-Siddur, ich schreibe stets »der« Siddur, weil es ein Neutrum im Hebräischen nicht gibt. Vielleicht bezieht sich »das« auf Gebetbuch – ich weiß nicht, was nun tatsächlich richtig ist.

Die vollständige Rezension für die Jüdische Allgemeine kann hier als Volltext gelesen werden. Zusätzlich gibt es aber hier noch etwas »Bonus-Content« und einen genauen Blick hinein.

Blick in den Koren-Siddur
Blick in den Koren Siddur

Alles stimmt. Die Haptik des Einbandes, die Papierqualität, die Bindung scheint etwas länger zu halten – jedenfalls tut sie das in den Originalausgaben. Das muss man erwähnen, denn es gibt einen deutschsprachigen Siddur, dessen Cover sich schon nach wenigen Monaten vom Buchblock löst.

Natürlich ist die typographische Qualität hervorragend – bis auf wenige Ausrutscher, die wohl daran liegen, dass die Gestalter bestimmte Eigenschaften des deutschsprachigen Satzes nicht kennen. So macht es sensible Gemüter (wie mich) wahnsinnig, dass die Gestalter hier einem Bug in der Schriftart (gibt es auch) auf den Leim gegangen sind:

Wie man sieht, sind die einführenden und endenden Anführungszeichen unterschiedlich groß. Diesen Fehler gibt es in einigen Schriftarten. Übrigens ist auch die deutsche Ausgabe von Tehillat HaSchem in diese Falle getappt.

Zur Übersetzung steht schon einiges im Artikel in der Jüdischen Allgemeinen. Tatsächlich hätte man hier vielleicht noch einmal eine zusätzliche Runde mit einigen Testlesern drehen können. Auch sind noch ein paar Seitenverweise nicht mit richtigen Seitenzahlen belegt (»Siehe Seite xyz« heißt es etwa).
In der Produktbeschreibung bei Koren heißt es, die »Paginierung« sei »auf das übliche Koren-Sacks-Siddur abgestimmt«. Nun, das stimmt nur für die ersten Seiten. Schnell weichen die englischsprachige und die deutschsprachige Ausgabe voneinander ab. Das sind kleine Kritikpunkte angesichts dieser großen Aufgabe, die hier bewältigt wurde. Deshalb ist diese Ausgabe eigentlich ein »Muss«.

Wer befürchtet, dass die Vielzahl unterschiedlicher Siddurim in den Gemeinden zu Missverständnissen führen könnten – bezüglich der Seitenzahlen, der kann sich hier (bei talmud.de) eine (wachsende) Liste herunterladen. Diese beinhaltet die Bestandteile der einzelnen Gebete und ihre Seitenzahl in den unterschiedlichen Siddurim mit deutscher Übersetzung.

Wo gibt es den Siddur?

Zu bestellen gibt es den Siddur bei amazon, auf der Website des Verlages direkt, oder der britischen Seite bookdepository.com, die anscheinend den besten Preis anbietet.

Bild

Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

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Shtisel?

Shtisel und Shulem am Tisch

Nicht, dass ich dem Urteil von Sophie Albers Ben Chamo nicht trauen würde, aber lange Zeit hatte ich den Verdacht, »Shtisel« (läuft auf Netflix) sei für die Erfüllung eines voyeuristischen Drangs erschaffen worden. Natürlich behauptet man, man möchte etwas andere Lebensweisen und Lebenswelten lernen, tatsächlich will man Selbstbestätigung für die Wahl, die man selber getroffen hat. »Schaut, wie sie leben!«

»Shtisel« ist eine israelische Serie und erzählt von vier Generationen einer charedischen Familie die in Jerusalem (im Stadtteil Ge’ula) lebt.

Natürlich bezieht die Serie ihre Energie auch über die Herausforderungen, die es mit sich bringt, Teil der charedischen Gemeinschaft zu sein und regelmäßig an Grenzen zu stoßen. Aber es wird nicht so getan, als müssten die Hauptfiguren aus dieser Welt ausbrechen, um wirklich glücklich zu sein (wie viele der Zuschauer?). Statt dessen geht es eigentlich um die Schmerzen und Freuden des Zusammenlebens – nicht darum, dass sie auf ihre Erlösung aus ihrer Gesellschaft warten.

Die Familie, um die es geht, ist die Familie »Shtisel« (mit Samech, also eigentlich »Schtissel«. Die Serie beginnt mit dem Ende der Trauerzeit um die Mutter der Familie. Ihr Sohn, Akiwa, ist etwas, oder sehr, verträumt und steht im Alter von vierundzwanzig schon etwas unter Druck, noch nicht geheiratet zu haben. Er ist Aushilfslehrer an der Schule an, an der auch sein Vater unterrichtet, zeichnet heimlich (und gut) und verliebt sich in Elischewa, eine ältere, (zweifach) verwitwete Mutter eines seiner Schüler. Schulem, der Vater, scheint der Patriarch zu sein und wirkt gleichermaßen sympathisch wie unsympathisch. Ein sehr ambivalentes Gefühl ihm gegenüber machte sich jedenfalls in mir breit. Interessant, wie man das Gefühl bezeichnet.

Gruppenbild von Staffel 2 (Alle Rechte bei Netflix)

Schulems Mutter zieht mit Einsetzen der Handlung in Pflegeheim und in ihrem Zimmer begegnet ihr das erste Mal in ihrem Leben ein Fernseher. Ihre Faszination für das, was dort gezeigt wird, nimmt in gewisser Weise die Faszination der Serie selber vorweg und zum Ende der Staffel wird das sogar in einer kurzen Sequenz thematisiert (soll kein Spoiler sein). Mit ihr spricht Schulem stets Jiddisch. Mit seinen Kindern nur in Ausnahmefällen. Dankenswerterweise hat Netflix keine Synchronisierung über die Stimmen gepackt. Man darf die Serie im hebräischen Original mit Untertiteln schauen. Baruch haSchem möchte man sagen.

Schulems Tochter Giti ist mit Lipa verheiratet, der für einen Metzger in Argentinien arbeitet. Gleich zu Beginn der Staffel verkündet er, sowohl Giti, als auch die charedische Welt verlassen zu wollen, Er lässt Gita mit fünf Kindern allein in Jerusalem. Ruchami, seine älteste Tochter, interessiert sich für Bücher, die außerhalb des charedischen Kanons liegen und verbündet sich zu diesem Zweck mit der Leiterin der Schulbibliothek.

Der Atmosphäre der Serie kann man sich schwer entziehen – die Frage ist, warum das so ist. Die Serie scheint, natürlich nicht das Drehbuch, konventionell gemacht zu sein. Innerhalb einer einzigen Episode werden Konflikte aufgelöst. Sie sind abgeschlossen und hangeln sich nicht von Cliffhanger zu Cliffhanger. Tatsächlich scheint es auch nur so: Traumsequenzen sind geschickt eingestreut und Gespräche mit Verstorbenen. Also doch nicht so konventionell erzählt. Die Figuren sind so angelegt, dass man recht schnell eine »Beziehung« zu ihnen aufbaut und vielleicht lieber nicht wissen möchte, wie profan die Schauspieler dahinter ausschauen.
In das Magnetfeld zwischen Schulem und Akiwa gerät also schließlich auch der Zuschauer. In vielen Einstellungen sitzen sie zu zweit an ihrem Küchentisch und essen. Oder sie sitzen auf ihrem Balkon und rauchen. Schon lange wurde in keiner Serie übrigens so viel geraucht. Dafür gibt es keinen Sex und keine offene Gewalt. Gar kein voyeuristisches Element – außer vielleicht, wenn Elischewa für einen Moment ihr echtes Haar zeigt. Das ist ein interessanter Gegensatz zu den Serien, bei denen alles gezeigt wird – weil dieser Moment auch vom Zuschauer als Intimität verstanden wird.

Akiwa sagt in einer dieser Szenen am Küchentisch »Die Zeiten ändern sich, Abba« und Schulem antwortet »Für die Juden bleibt alles gleich« und so Unrecht hat er nicht.

Der Staat Israel taucht in der Serie übrigens nur als Ahnung auf. Selbst am Jom ha’atzamut. Schulem möchte sich Respekt verschaffen, indem er versucht, strenger zu wirken, als er tatsächlich ist, verbietet seinen Schülern, draußen die Flugshow zu sehen und Akiwa lässt die Schüler heimlich zusehen. Der Zuschauer erhascht nur kurz einen Blick. Im Zentrum stehen hier andere.

Also zum Beginn der dritten Staffel auch definitiv ein Sehbefehl von meiner Seite.

Trailer (Englische Untertitel, bei Vimeo)

Alle Bildrechte: Netflix

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Der Esel in Torah und Talmud

Bil'am und der Esel

Es ist bemerkenswert, dass man einen erstgeborenen Esel bei einem Kohen »auszulösen« muss. Anscheinend ist er ja etwas besonderes. Schauen wir, welche besondere Rolle er in der Torah und Talmud spielt:

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier im Volltext verfügbar.

(Oben auf dem Bild – Bil’am, der Esel und ihre Begegnung mit dem Engel – Bild entstanden zwischen 1594 und 1635)

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Der Militärbundesrabbiner

Bild von Rabbiner Zsolt Balla
Rabbiner Zsolt Balla (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland)

Seit Dezember 2019 ist bekannt, dass der Zentralrat und die Bundeswehr kooperieren und 10 Rabbiner für die Bundeswehr entsenden. Diese sollen sich, unter anderem, um die jüdischen Bundeswehrsoldaten kümmern, aber auch darüber hinaus lehren und informieren. Im Zuge der Vorstellung wurde verschiedentlich die Zahl von 300 jüdischen Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr in den Raum gestellt. Diese Schätzung ist grundsätzlich zu hoch (siehe eine andere Schätzung hier) – aber das ist gar nicht entscheidend! Die Quantität ist hierbei überhaupt kein wichtiger Faktor!

Zum (neuen) Selbstverständnis und zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein gehört, dass man eine Unterstützung für jüdische Soldatinnen und Soldaten auch dann einfordert, wenn es nur eine jüdische Person bei der Bundeswehr gäbe oder gibt. Also selbst für eine einzige Person müsste es jemanden geben, der sich kümmert. Es ist also nur folgerichtig, dass man diese Position geschaffen hat. Gleiches gilt übrigens auch für muslimische Soldatinnen und Soldaten. Es könnte sein, dass ein Rabbiner die alltäglichen Probleme dieser Gruppe besser nachvollziehen kann, als ein christlicher Theologe dies könnte. Aber das nur am Rande.

Der erste Rabbiner für die Bundeswehr und eine Art »Rosch« aller Rabbiner bei der Bundeswehr, wird der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla sein, der am 21. Juni 2021 in sein Amt eingeführt wurde. Er wird fortan (für fünf Jahre jedenfalls) »Militärbundesrabbiner« sein. Rabbiner Balla gehört zu denjenigen, die an einem lebendigen Judentum in Deutschland bauen und war derjenige, der mit Aufkommen der Pandemie Zoomübertragungen aus seiner Synagoge an den Start gebracht hat. Er ist kein »Verwalter« einer Rabbinatsstelle und ihm traut man zu, diese neue Position aktiv auszugestalten. Von Fame war an diesem Tag übrigens nur kurz etwas spürbar. Während er in den abendlichen Nachrichten gezeigt wurde, streamte er – wie immer – das Ma’ariw-Gebet auf Zoom und Facebook.

Wegweisend wird sein, ob man ihn als Symbol benutzen möchte, eine jüdische Renaissance herbeiredet oder eine große Zahl jüdischer Menschen herbeirechnet. Die Erwartungen der nichtjüdischen Gesellschaft sind hoch: Ein Schritt soll es sein, der Dinge wieder normalisiert. Deutschland kann hier zeigen, wie gut es wieder um die Dinge bestellt ist.
Nicht in diese Falle der Erwatungshaltung zu tappen, dürfte nicht sehr leicht fallen. Denn das verspricht öffentliche Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Bei Rabbiner Balla sehe ich die Gefahr nicht, denn ihm geht es, soweit ich das bisher beobachten konnte, um die Sache und nicht um seine eigene Person oder öffentliche Aufmerksamkeit. Die sei ihm gegönnt, aber er machte nicht den Eindruck, er brauche das für seinen Job.

Ob dann tatsächlich zehn Rabbiner benötigt werden, wird die Zeit zeigen. Das wird ein Prozess sein, der sicherlich mit Interesse verfolgt werden wird.

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Wieder Gelsenkirchen

Weniger als einen Monat nach dem kleinen Pogromversuch von Gelsenkirchen, hat es in Gelsenkirchen wieder eine Einrichtung der Gemeinde getroffen: Das Fenster der Trauerhalle des Gemeindefriedhofs wurde beschädigt. Eine übersichtliche Pressemeldung der Polizei klärte jetzt darüber auf (hier zu finden). Dabei ist der Friedhof, ja offensichtlich aus guten Gründen, nur noch mit einem Schlüssel zugänglich und liegt nicht zentral in der Stadt. Er ist also kein Ziel, an dem zufällig vorbeischlendert und im Affekt handelt.

Einer der älteren Grabsteine auf dem Friedhof der Gemeinde.

Heute ist er übrigens etwas weniger versteckt als früher. Doch der Reihe nach: Der Friedhof war lange über einen christlichen Friedhof direkt zugänglich oder über eine kleine Zufahrt. Die Zufahrt hat ein verschließbares Tor und ist recht lang. Dafür muss man nicht über den christlichen Friedhof laufen. Der Zugang von Friedhof zu Friedhof wurde dann in den letzten Jahren geschlossen und mit einem Zaun und einer Hecke ersetzt. Natürlich wäre es toll, wenn jeder Mensch sich das anschauen könnte, aber Zugänglichkeit hat ihren Preis – wie jetzt gerade bewiesen wurde. Einige Zeit schien auch jemand im überdachten Eingangsbereich der Trauerhalle zu übernachten. Klar. Abgelegenheit bedeutet auch, dass man ungestört ist. Direkte Nachbarn sind der andere Friedhof und ein Gebiet mit kleinen Autowerkstätten und Verschrottern. Flankiert wird der Friedhof von einem Bereich, der früher die Trasse der Rheinischen Eisenbahn war. Das Gebiet war dicht bewachsen. Doch heute ist die Trasse ausgebaut zu einem Spazier- und Radweg. Dieser liegt nun etwas über dem Friedhof und gestattet nun einen perfekten Blick auf das, was sich dort abspielt. Spaziergänger können sich also heute mit einer zooartiger Faszination anschauen, was dort unten passiert. So war es jedenfalls bei meinem letzten Besuch dort. Die topographische Distanz suggeriert physische Distanz und sorgt eher für ein Gaffen, statt für ein freundliches »zur Kenntnis nehmen«. Es ist also kein geschützter Bereich mehr – zumindest in Bezug auf die Privatsphäre.

Soll ich nun tatsächlich floskelhaft fragen, was wohl die Reaktionen auf die Sachbeschädigung sein werden? Das lassen wir lieber. Alle kennen die Antwort.

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Har­ry Kemelman beschleunigt

Harry Kemelmans Bücher sind in Deutschland vor allem einem älteren und philosemitischen Publikum ein Begriff. Elf seiner Detektivromane mit Rabbi Small gibt es in deutscher Übersetzung. Tatsächlich sind sie gar nicht so schlecht und beschreiben das Leben eines konservativen (im Sinne von Masorti) Rabbiners in den USA. Dass der Verlag, der die Bücher heute in deutscher Sprache herausgibt (Unionsverlag) ein zufälliges Bild charedischer Juden auf den Umschlag von »Am Freitag schlief der Rabbi lang« (Friday the Rabbi Slept Late) packt, sagt recht viel – dabei hat das Buch in der englischen Originalausgabe (die sich sensationell verkauft hat) den Untertitel »an unorthodox mystery«. Kemelmans Bücher haben, zumindest in den USA, auch ein großes jüdisches Publikum gefunden und einen interessanten Helden erschaffen. Wichtiger als der eigentliche Fall waren die Einblicke in das Gemeindeleben und die Beziehungen der Akteure untereinander. Das hat Kemelman nicht immer ohne Kritik an den Verhältnissen gemacht.

Rachel Sharona Lewis hat direkt daran angeknüpft, sprachlich (sie ahmt den Stil Kemelmans nach), inhaltlich und natürlich auch visuell (man vergleiche die Cover der Originalausgaben). Allerdings hat die Autorin die Schraube viel weiter gedreht. Aus Rabbi Small wurde eine Rabbinerin. Rabbinerin Vivian. Eine lesbische Rabbinerin. Statt um Mord, geht es hier aber um Brandstiftung, Immobiliengeschäfte und gesellschaftliche Schieflagen. Es geht um ihre Schwierigkeiten mit Leuten, die in der Gemeinde viel zu sagen haben, weil sie viel Geld einbringen und darum, wie sie selber ihren Platz in der Gemeinde findet. Das Buch behandelt viele kleine dieser Themen, mit zahlreichen Figuren – das ist vielleicht eine Schwäche des Buches: Das ambitionierte Einführen zahlreicher Figuren.

Wie Kemelmans Buch, ist auch das Buch von Rachel Sharona Lewis eine Momentaufnahme eines Teils der US-amerikanischen Gemeinden und sollte auf keinen Fall stellvertretend für alle gelesen werden. Für jemanden, der religiös anders verdrahtet ist, ist das herausfordernd. Ziemlich weit weg von der Lebensrealität der Gemeinden in den deutschsprachigen Ländern ist es sowieso, aber immerhin ein Einblick.

The Rabbi who prayed with Fire
2021 Ladiesladies Press
ISBN13: 9781792356537
Preis: Taschenbuch 12,29 Euro (ca.); ebook: 6,73 Euro (ca.)

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Über Gelsenkirchen

Gelsenkirchen hat es am 12. Mai zu einer Meldung in der Presse gebracht: Mit einer antisemitischen Demonstration – die anscheinend Demonstration geblieben ist, weil die Polizei den Zug vor der Synagoge gestoppt hat.

Gelsenkirchen ist übrigens die Stadt, in der die Linkspartei 2019 eine, sehr harmlose, Erklärung gegen Antisemitismus nicht unterzeichnen wollte (siehe hier) – aber dann am Sonntag nach dem 12. Mai mit gegen Antisemitismus demonstriert hat. Bei der Demo waren übrigens Fahnen Israels nicht erwünscht.

In der letzten Woche haben sich dann der Journalist Eren Güvercin (mit dem wir im Januar eine Podcastfolge der »Dauernörgler« zur jüdisch-muslimischen Komplizenschaft aufgezeichnet haben, hier zu finden) und meine Wenigkeit über die lokalen Ereignissein einem »öffentlichem« Gespräch bei Instagram ausgetauscht: »Wir müssen reden! Eine jüdisch-muslimische Reflexion über die letzten Tage«. Das Gespräch kann man sich hier anhören (und anschauen):