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Jetzt ist Fynn dran – warum diese Generation verloren ist

Schmuliks Cousine hatte die kleine Nurit bei ihm gelassen. Nur für ein paar Tage. Deshalb war der Spielplatz neben der Synagoge sein neuer Wirkungsraum. Immerhin gab es dort wlan. Irgendeiner der Nachbarn hatte das Netz FRITZBOX-Kellerwohnung nicht abgesichert.

Und dort auf dem Spielplatz reifte auch eine Erkenntnis in Schmulik. Nicht die, dass Kinder anstrengend sind, sondern die, warum Deutschland so ist, wie es ist. Alle wissen, die Grundlagen für Muster aus der Erwachsenenwelt, werden in der Kindheit gelegt.
Warum, das war schnell zu beobachten. Auf dem Spielplatz war immer viel los.
Es gab ein Gerüst, eine Wippe – und es wunderte Schmulik, dass man in Deutschland nicht dazu gezwungen wurde, mit Helm auf die Wippe zu steigen – ein riesiges Klettergerüst mit Seilen, Hängebrücken und einem kleinen Häuschen für pubertierende Jugendliche die an den Abenden im fahlen Licht der Handydisplays hockten und ungelenkt aneinander herumschraubten. Weiterlesen

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Schmulik und die Flüchtlinge aus den USA

Schmulik starrte auf den Monitor. Diese Geschichte hatte die kleine Leah geschrieben? Die Lady, die immer so aussah, als würde sie über Eis laufen, weil die Schuhe zu hoch und ihr Gang zu unelegant war? Wenn sie mit Schmulik sprach, dann höchstens ein paar Sätze.
Er hatte ständig das Gefühl, sie würde sein geheucheltes Interesse durchschauen. Schmulik interessierte sich nicht für alle Qualitäten von Leah.
Auch wenn die beiden bei facebook nicht befreundet waren, wusste er, dass sie sich dort »Leah Gehtdichgarnichtsan« heiß und dass ihr Horizont über Shopping im Wesentlichen nicht hinausging. Keine Kunst herauszufinden, wer sie bei facebook war. Sie likte alle Einträge des Baruch-Goldstein-Gemeindezentrums.
Seitdem verfolgte er Leahs Leben bei facebook. Foto in der Umkleidekabine mit dem grünen Kleid, Foto in der Umkleidekabine mit dem roten Shirt, Foto in der Kabine mit dem blauen Shirt, Foto von Nurit (koksend auf dem Klo vom Gemeindezentrum), Foto im Fitness-Outfit mit Fitnessgeräten im Hintergrund, Foto in der Kabine mit einem rosa Shirt. Da hätte Schmulik fast auf »Like« geklickt. Foto von einem Erdbeer-Smoothie. Foto von einem Erdbeer-Smoothie mit Sekt. Foto in der Kabine mit dem roten Shirt und Tally.
Und jetzt das?! Leah wurde politisch. Eine Geschichte über ihren Gemeinderabbiner: Weiterlesen

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Als Schmulik die beste Synagoge des Landes entdeckte

tallit_stapel

Schmulik schreckte hoch.
Er war jetzt hellwach. Er hörte absolut nichts.
Gar nichts.
Jetzt hörte er irgendwo das Flattern eines Vogels.
Gespenstische Ruhe lag über seiner Suite.
Die absolute Ruhe war dafür verantwortlich, dass er am frühen Morgen hochschreckte. Am Tag zuvor hatte noch Lena mit ihrem gleichmäßigen Schnarchen dafür gesorgt, dass Schmulik sanft weiterschlummern konnte. Sie war dann aber am Nachmittag abgereist. Obwohl das ein großes Wort ist. Schmulik hatte sie in ein Taxi gesetzt, dass sie für viel Geld nach München brachte. Die Ruhe, die Schmulik suchte, war nichts für Lena.
»Wir hören in uns hinein« hatte Schmulik angekündigt und für die Suite im Landhotel ein kleines Vermögen auf den Tisch gelegt.
Im Hotel hatte Lena hatte das gemacht, was Schmulik verlangt hatte – in sich hineingehört. Aber das war einfach nichts. Es war genau so ruhig, wie vor Schmuliks Suite.
Es antwortete niemand. Das war nichts für Lena. Sie verließ das kleine Städtchen. Es war wirklich sehr klein – aber sehr beliebt bei anderen »in-sich-hinein-hörenden« Gutverdienern. Zuletzt hatte Schmulik es mit Schloss Elmau versucht. Gebaut von jemandem, der meinte, nur durch Taufe sei mit Juden überhaupt irgendetwas anzufangen, war es heute regelmäßig Convention-Center der Anhänger des feuilletonistischen Judentums.
Da musste doch etwas dran sein?
War es nicht.
Warum musste man sich mit Kultur vom Pöbel unterscheiden, wenn man das hier schon über das Geld machte?
Und so landete Schmulik in diesem Kaff. Weiterlesen

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Die geschenkten Juden

Geschenk Schmulik meinte, es sei grundsätzlich ein Fehler, irgendeinen Artikel zu irgendeinem jüdischen Thema in einer deutschen Zeitung zu lesen. Das sei schlecht für den Gemütszustand. Aber manchmal locken ihn die Redaktionen mit Schlüsselwörtern wie »Geschenk«. Also musste er den Artikel lesen: »Jüdisches Leben ist ein Geschenk« stand über dem Artikel. Schmulik wollte natürlich wissen, wer das als Geschenk empfand.
Er lernte, dass der Sprecher der Bundesregierung gesagt hatte, dass die Tatsache, dass Juden in Deutschland lebten, »ein Geschenk« seien.
Ein Geschenk? Naja, passt irgendwie, dachte Schmulik. Und das, obwohl Geschenke und Überraschungen nicht so sehr sein Fall waren. Letzte Woche erst hatte Anastasia ihn angerufen, als er gerade die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte. Anastasia betont man übrigens auf der letzten Silbe, nicht auf der ersten. Jedenfalls hatte sie zu Schmulik gesagt »Wenn ich gleich zu dir komme, dann habe ich ein ganz besonderes Geschenk für dich«.
Was das bedeuten solte, war ihm klar, also duschte er sich schnell und warf nur einen Bademantel über. Weiterlesen

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Endlich etwas in der Hand!

Antisemitismus ist ein schwieriges Thema. Wie oft war Schmulik fassungslos.
Aber das! Das war genau der Satz, den Schmulik brauchte.
Er hatte den Satz auf einer Kundgebung in Berlin gehört.
Er hatte den Satz extra auf den Internetseiten der Bundesregierung gesucht, dann auch gefunden, ausgedruckt, den entsprechenden Teil gelb markiert und laminiert. Mehrfach. Das Ergebnis sah aus wie eine Spielkarte und das war es irgendwie ja auch.
Schmuliks persönlicher Antisemitismus-Joker:

»Wer Menschen, die eine Kippah oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle.«
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Er nahm sich fest vor, die Jokerkarte mit dem Satz jetzt stets bei sich zu tragen.
Wenn er jetzt beim nächsten Mal von einem Polizisten einen Platzverweis erhielt, weil er mit einer Kippah ein Dorn im Auge der jungen Antisemiten war (»Deeskalation!!«) und die es gar nicht mochten, wenn Juden sich in der Stadt herumtrieben, dann könnte er den Satz zücken und sagen: »Sehen Sie?! Die Bundeskanzlerin will, dass ich mit einer Kippah durch die Stadt laufen kann.«
Dann wollte Schmulik mal sehen, was der Polizist dann macht, wenn Dr. Angela Merkel persönlich hinter Schmulik steht! Das würde auch die Kids beeindrucken. Ganz sicher.

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Tex Rubinowitz

Euphorisiert erhöhte Schmulik erneut die Geschwindigkeit. A3 bei Aschaffenburg. Seit Jahrzehnten Baustelle. Es spielte keine Rolle. Der 5er BMW lag ruhig auf der Fahrbahn. Er hatte extra für das neue Auto ein Zimmer in Mosbach angemietet. Der Rhein-Neckar-Kreis hatte das Kürzel MOS und der neue Flitzer nun das Kennzeichen MOS-AD. Auf dem Landratsamt des Kreises juckte das niemanden. Dabei hatte Schmulik gerade die Anzahl der jüdischen Bewohner um 100% gesteigert. Auf dem Papier lebte nun genau 1 Jude in Mosbach. Der arme Kerl. Das hatte Schmulik aber nicht aber nicht so euphorisiert. Vielmehr war es eine Nachricht im Radio.

Er rief sofort Daniel an: Weiterlesen

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Schmulik und die Chuppah

Mélanie & Emmanuel
Mélanie & Emmanuel von Agence Tophos bei Flickr Creative Commons Lizenzvertrag

Verdammt! Daniel, dieses Schlitzohr, hatte es geschafft! Nur wie!?
Vielleicht kam ihm sein beruflicher Erfolg ein wenig entgegen? Schmulik versuchte, das Geheimnis zu entschlüsseln:
Eine winzige sechsstellige Starthilfe hatte er von seinem Vater bekommen, um sein »Unternehmen« aufzubauen. Schmuliks Vater hatte ihm seinen Führerschein bezahlt, also einen Teil davon. Genauer gesagt, die Gebühren für die erste Prüfung. Aber Schmulik war nicht nachtragend.
Zurück zu Daniel. Weiterlesen

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Die Synagogenführung

Synagogenführung!
Das kam Schmulik gerade recht. Eigentlich wollte ergar nicht ins Gemeindezentrum, aber die Gruppe stand davor und der Rabbi ebenfalls. Seitdem Katja vor drei Tagen die Tür laut hinter sich zuwarf, musste Schmulik allein durchs Leben gehen.
Die Synagogenführungen für pädagogische Seminare oder irgendwelche Kurse der Uni boten sich an, Schmuliks Zeit der Einsamkeit ein Ende zu bereiten. Jedenfalls temporär. Rabbi Silberzwajg hatte sich vor etwa 40 Menschen vor dem »Baruch Goldstein Gemeindezentrum« aufgebaut. Der Rabbi liebte diese Termine. Die Zuhörer waren brav und gaben keine Widerworte. Also ganz anders als die Gemeindemitglieder von Rabbi Silberzwajg, die nicht so leicht zu beeindrucken waren. Um die Latte gleich auf die richtige Höhe zu hängen, fiel er dem ersten ins Wort, der sagte, er freue sich auf die »Synagogenführung«. »Wenn das eine Führung ist – was bin dann ich? Der >Führer< ?! Was wollen sie mir damit sagen?« Nachdem das geklärt war, hörten die meisten Gruppen ihm widerspruchslos zu. Rabbi Silberzwajg riss, wie immer, die Geschichte der Namensgebung an. Baruch Goldstein war kein Mann aus der Gemeinde, so erklärte es der Rabbi stets, sondern ein »zionistischer Aktivist«, der leider in Ausübung seiner Berufung ums Leben gebracht wurde. Vorher hieß das Gemeindezentrum wie der langjährige Vorsitzende, das hatte seinerzeit sein Sohn, der neue Vorsitzende so beschlossen. Schmulik erinnert sich noch gern an die große Einladungskarte: »Wir laden Sie ein zur Bar Mitzwah unseres Sohnes Daniel Salomonski, in der Synagoge im Salomonski-Gemeindezentrum am Salomonski-Platz. Wir laden anschließend zum Kiddusch im Salomonski-Saal. Es grüßt die freudige Familie Salomonski«. Die Salomonskis wohnten übrigens zwei Straßen weiter - am Salomonski-Platz. Aber nicht viele Gemeindemitglieder wollten die Erbmonarchie weiter unterstützen. Die Aufstände des arabischen Frühlings machte ihnen Mut. Die Salomonskis erwiesen sich leider als härtere Gegner und so wurde es still im Salomonski-Gemeindezentrum, bis der Rabbi auf den Plan trat. Eines Tages lud er die Familie zu sich nach Hause ein. Eine Woche später verließ die Familie fluchtartig die Stadt. Herr Salomonski hatte nicht einmal Gelegenheit gehabt, dem Gemeinderat zu instruieren, wer nächster Vorsitzender werden solle. Rabbi Silberzwajg erklärte statt dessen das Prinzip der Rabbinergeführten Gemeinde und so kam es dann auch. Viel Familie hatte er nicht. Er musste einen Verwandten in Israel haben, denn stets sprach er einen »MiScheberach« - einen Segen für eine Person namens Jigal Amir »Jigal ben Geulah«. Irgendwie musste die Person ihm ja etwas bedeuten. Aus der Gemeinde traute sich aber niemand so recht, weil niemand so tun wollte, als wüsste er nicht über das Privatleben des Rabbis aus. Nach seiner Einleitung fuhr Rabbi Silberzwajg gerne mit Statistik fort und das war auch eine der ersten Fragen an ihn. Wie viele Juden leben in der Stadt? Vielen Fragestellern rutscht oft ein »noch« dazwischen - »wie viele Juden leben noch in der Stadt?« Rabbi Silberzwajg meinte, es gäbe da verschiedene Zahlen. Wenn man die nichtjüdischen Bewohner fragen würde, wären es zigtausende. Fragt man genauer, würden sie wohl sagen »zu viele«. Würde man die Gemeindemitglieder fragen, würden die wohl antworten, sie seien die letzten – es gehe zu Ende. Käme man zum Gebet, dann würde man den Eindruck bekommen 10 Juden seien noch in der Stadt. Vielleicht sind es zweitausend? Wer weiß das schon? Und wozu soll man das wissen wollen? Die Qualität sei schließlich ausschlaggebend. Wozu soll das jemand wissen wollen? Um zu schauen, ob die Stadt etwa judenrein ist? Der Rest der Führung war Standard: Kurz erklärt, warum Frauen und Männer getrennt sitzen, Torahschrank gezeigt, Fragen zur Torah erklärt, am Ende wurden noch durch einen Anwesenden »kompromittierende Stellen aus dem Talmud« verlesen zu denen Rabbiner Silberzwajg schon einen Handzettel vorbereitet hat. Den kann man für einen Euro nach dem »Rundgang« erwerben. Die Gruppe war ansonsten langweilig für Schmulik. Aber am späteren Nachmittag wurde eine weitere erwartet. Eine Gruppe von Pädagogik-Studentinnen aus der kasachischen Partnerstadt. Das fand Schmulik schon interessanter. Über das Mobiltelefon wärmte er schon einmal das Wasser im Whirlpool vor.

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Superhelden-Schabbat

Schabbes! Schmulik ist bereit, denn er ist rechtzeitig aufgestanden. Und das, obwohl ihn Jacqueline die ganze Nacht auf Trab gehalten hat.

Dabei hat sich Schmulik nicht besonders viel Mühe gegeben, sie zu beeindrucken. Trotzdem war sie begeistert. Als sie erfuhr, dass ein Jude sich für sie interessierte (was man so Interesse nannte), war ihr Ehrgeiz geweckt. Davon gab es nicht mehr viele! Das war ja praktisch so, als streichelte man einen weißen Tiger. Nur ohne Allergien, Tierschützer, Siegfried oder Roy. »Judenschützer« gibt und gab es in Deutschland übrigens traditionell nicht so viele wie Tierschützer. Dafür so engagierte Damen wie Jacqueline. Sie hatte dem Wort »Walkürenritt« eine neue und tiefe Bedeutungsebene verliehen. Sie schlief nicht nur ein, sie trat regelrecht weg.

Ein kleines Problem war nur, dass die Exotenfreundin sich kein Kopfkissen gesucht hatte, sondern den Beutel, in dem Schmuliks Tallit steckte und den hielt sie mit beiden Händen fest umklammert. »Darum hätten wir zu ihr fahren sollen« dachte er noch. Aber irgendwie hatte er doch einen Restskrupel und überhaupt wollte er am Schabbes nicht fahren.

Deshalb bestimmte sie, wo es hinging. Schmulik tauschte dann, sanft immerhin, irgendwann den Tallitbeutel gegen ein kleines Kissen. Er konnte sogar weg, ohne sie wecken zu müssen. Schmulik war ganz zufrieden mit seiner Idee, die meisten Wertsachen in einem abschließbaren Raum aufzubewahren. Den Raum gab es schon lange. Er hat sich bewährt. Dort lagerte praktisch alles, was ihm irgendwie wichtig war. Stand ein Gast auf, konnte er sich frei in der Wohnung bewegen – vorzugsweise nach draußen.
Schmulik verwahrte den Wohnungsschlüssel übrigens an einem sicheren Ort. Das ersparte »ich gehe mal kurz Brötchenholen« Dilemma. Wer einmal draußen war, blieb da auch.
Aber zurück zum Tallitbeutel.
Jacqueline musste ganz schön gesabbert haben. Auf dem Tallitbeutel zeichnete sich ein fast perfekter Kreis ab. Der Speichelfleck sah so aus, als gehöre er dahin. Der Kreis umgab den goldenen Buchstaben »Schin«, der, na klar, für Schmulik, stand.
Weil Schmulik praktisch um die Ecke vom »Baruch Goldstein Gemeindezentrum« wohnte, war er zwar schnell in der Synagoge, aber trotzdem ein paar Minuten zu spät. Ungefähr dreißig. Aber sein Auftauchen blieb nicht unbemerkt, denn er war der Minjan-Mann. Er war der zehnte Mann. Eine Art Superheld also. So konnte jeder zum Superhelden werden. Eine Art Schabbes-Hulk.
Die ganze Woche über bist du ein Niemand, ein Nichts. Jemand, der ganz kleine Brötchen backt. Einer, der sich freiwillig hinten anstellt. Derjenige, der im Wartezimmer vergessen wird. Aber als Minjan-Hulk hast du Bedeutung. Du rschwingst das Ruder herum. Du bestimmst, welchen Kurs die Gemeinde einschlägt. Torahlesung oder nicht? Kaddisch oder nicht?
Alles hängt von dir ab. Wenn du willst, kannst du einfach rausgehen und die Gemeinde muss aufhören. Pure Macht über ganze neun andere Männer.

Schmulik bewegte sich also langsam auf seinen Platz zu und genoss die Aufmerksamkeit der neun Beter und der 45 nichtjüdischen Gäste. In matrixartiger Langsamkeit öffnete er den Speichel-Tallit-Beutel und entfaltete in diesem Tempo seinen Tallit. Genau auf dem Rückenteil des Tallits war auch der große Fleck zu sehen. Jacqueline machte offenbar keine halben Sachen. Nun hatte Schmuliks Tallit ein also ein Kreismuster, ein temporäres Brandzeichen seines Schabbes-Gastes.

Der Rabbiner musste irgendwann bemerkt haben, dass der Schabbes-Hulk im Haus war. Schmulik nickte huldvoll. Aufmerksamkeit aller Anwesenden war besser als eine Droge.
»Komm beim nächsten Mal gefälligst pünktlich. Eine Frechheit ist das« war die Ansage des Rabbiners, der sich also überaus dankbar zeigte, dass Schmulik den Minjan gerettet hatte. Der Hulk wurde grün, aber vor Ärger.
»Ich kann auch gehen« wollte er sagen, doch da entdeckte Schmulik unter den weiblichen Gästen eine nette Rothaarige.

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Frauenzeitschriften

Schmulik schüttelte den Kopf.
Tanja, dieses einfältige Ding! Mit Kuchen und Torten kannte sie sich aus. Keine Frage! Selber Sahnestück, die Kleine! Aber Politik war nicht ihr Feld. Sie hätte irgendwo gelesen, dass diese »Frau«, die da in München vor Gericht steht, weil sie als rechte Terroristin unterwegs war, ihren Geburtsname mit einem beliebten Rabbiner aus dem Ruhrgebiet teilte. »Lass sehen, Kleine.« Wikipedia. Tatsächlich! Schmulik musste schmunzeln. Aber es kam noch besser. Das stand jedenfalls in der Wikipedia. Ihr Vater sei ein Rumäne. Was waren das für Zeiten? Eine Frau, die so heißt wie ein Rabbiner und deren Vater aus Rumänien stammt, wollte das arische Blut vor dem Untergehen bewahren? Auf der anderen Seite: Bei facebook hatten Schmuliks Freunde gemeldet, dass bei der großen Tombola für Sitzplätze im Gerichtssaal die »Brigitte« dabei war. Frauenzeitschrift also. Tanja kannte die nicht. Tanja las nur das jüdische Frauenmagazin »Rachel« – ohne den ganzen feministischen Schnickschnack. Ja dann würden wir ja demnächst lesen, was die Angeklagte vor Gericht getragen hätte und dann? Selbst gestandene Journalisten schrieben das. Wenigstens waren sie nicht der Meinung, in einer Zeitschrift wie Brigitte könnten Frauen ernsthaften Journalismus betreiben. Nur weil Tanja in Moskau ein Fach namens »Politik« studiert hatte, bedeutete das ja auch nicht, sie hätte Ahnung von Politik. Von Kuchen aber recht viel.

Nach dem ersten Prozesstag fand Schmulik die Kleidungsinfos in der Süddeutschen und der Bild, aber nicht in der Brigitte. Übrigens hatte Schmulik vor einigen Jahren erfolglos versucht, mit einer Redakteurin der Brigitte ins Gespräch zu kommen. Er hatte sich als Lea Zitronenbaum ausgegeben und angeboten, einen Artikel darüber zu schreiben, wie großartig es sei, einen Seitensprung mit einem deutschen Juden zu wagen. Das würde so einiges wieder gut machen und so die kleine Sünde Seitensprung praktisch neutralisieren. Lea Zitronenbaum empfahl ein Gespräch und eine »Testfahrt« mit Schmulik sehr. Die Redakteurin kannte Schmulik aber schon. Die hatte er wohl mal nach einer Synagogenführung abgefischt und hatte seinen Namen nicht mehr in der besten Erinnerung. Also hier kein Artikel.

Tanja meinte, sie würde es nicht wundern, wenn in zwei Wochen niemand mehr über die Angeklagte spräche, weil Prozesse langfristig einfach nicht interessant seien. Aber was wusste die schon?

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