Archiv für das Tag 'Orthodoxie'

Jan 30 2010

Entdeckungen

von Chajm unter Deutschland,Jüdisches

There was a mesusah

Man parkt den Wagen in der Innenstadt, geht um das Auto herum und wundert sich, dass es in Gelsenkirchen auch ein paar schöne alte Häuser gibt. Ich bewundere eine nette Haustür und entdecke die überspachtelte Stelle oben rechts im Rahmen der Tür. Neigungswinkel und Höhe würden passen. Es könnte die Aussparung für eine Mesusah sein. Ich bin offensichtlich ein Freak, weil ich Dinge uminterpretiere, damit sie in mein Weltbild passen. Dennoch beginne ich vorsichtshalber eine kleine Recherche und finde Bestätigung.
Das Haus Husemannstraße 75 wurde 1921-1922 von einem Architekten namens Josef Franke für den Kinderarzt Dr. med. Max Meyer erbaut und Dr. Max Meyer war orthodoxer Jude. Wenn man hinabtaucht in seine Geschichte, erfährt man, dass er in der Stadt eine Austrittsgemeinde Adass Jisroel gründen wollte:

Geboren am 10. Februar 1884 in Gelsenkirchen, (nach 1969 New York) Dr. med., Kinderarzt, Hindenburgstr. 75. Studiert in Straßburg, München, Berlin, Approbation 1909; Dissertation Berlin 1909.
Mitteilung über die Aberkennung des akademischen Grades veröffentlicht in »Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger« am 17. Januar 1941, Medizinische Fakultät Berlin.
10.5.1939 Emigration zunächst nach London, 83 Lordship Park, N16. Ehefrau folgt über Belgien im Januar 1940: gemeinsam weiter nach den USA. License 40, Ped. 645 West End Ave., New York City
aus: »Jüdische Kinderärzte 1933-1945« von Eduard Seidler, Karger, 2007.

Dort gibt es auch einen Hinweis auf Meyers Aktivitäten in der orthodoxen Vereinigung.
Mehr gab es nicht. Monographien über die jüdische Geschichte der Stadt enthalten fast ausschließlich Informationen über die liberale Gemeinde. Wenn man die Quellen betrachtet ist es klar. Fast alle beziehen sich auf Personen, die früher dort Mitglied waren und wenig über die orthodoxe Gemeinde berichten wollten.
Derzeit suche ich nach der Enkelin von Dr. Meyer, die vermutlich in Monsey lebt und auch Medizinerin sein soll. Wie ich bisher erfahren habe, war das Haus von Dr. Meyer der zentrale Ort für die lokale Orthodoxie. Es gab dort einen Raum für gemeinsame Gebete, er zahlte einen Rabbiner und er organisierte von dort aus zahlreiche Aktivitäten. Übrigens zusammen mit dem Vater von Recha Fröhlich, der Frau des nicht ganz unbekannten Shimon Schwab mit dessen Sohn ich ebenfalls Kontakt aufnahm, um mehr über die lokale Orthodoxie zu erfahren. Die Ergebnisse halte ich laufend hier fest.
So brachte mich eine Haustür zu einem verblüffenden Mann, der mit persönlichen Mitteln und viel Einsatz versuchte, etwas aufzubauen aber dessen Wirken in seiner Heimatstadt vollständig in Vergessenheit geraten ist.

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Jun 22 2009

Torahtreue Juden in Brandenburg

von Chajm unter Deutschland,Jüdisches

In einem Kommentar zum Artikel „Wann ist Religion erfolgreich“ wurde von der erfolgreichen Klage einer Gruppe aus Potsdam berichtet, die sich „Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde im Land Brandenburg“ nennt und gewissermaßen in Konkurrenz zur Jüdischen Gemeinde Potsdam steht, die ebenfalls orthodox ist und unter der Ägide von Chabad steht. Es wurde, zurecht, gefragt, wer oder was sich hinter dieser Selbstbezeichnung verbirgt (hier).
Als erster Anlaufpunkt bot sich die Internetseite an. toratreu.de ist die entsprechende Adresse unter der sich viele Informationen zum Streit mit dem Landesverband finden, aber wenige zum religiösen Selbstverständnis. Gibt es also ein tägliches Schacharit und Gebete zum Schabbat? Vorerst nicht, teil die Website der Gruppe mit, die es seit 1999 gibt und die ja die orthodoxen Juden der Stadt repräsentieren soll.
Bemüht man einerseits die Gerichte, so hat man zum Urheberrecht ein recht laxes Verhältnis. So entdecke ich in der Zeitung der Gemeinde mit dem übersetzten Namen „Wiederauferstehung“ direkt in der aktuellen Ausgabe Nummer 70/71 einen deutschsprachigen Text zu den Hohen Feiertagen und Sukkot. Seltsam vertraut in der Formulierung war der und siehe da, es handelt sich um zusammenkopierte Texte von talmud.de – freilich ohne Einverständnis:
Zeitung der Torahtreuen in Brandenburg
und der Text auf talmud.de:
Sukkot-Artikel auf talmud.de
Der Rest der Texte ist dann sogar ohne Umarbeitung übernommen worden, siehe hier und hier die Texte von talmud.de zu Jom Kippur.
Von jemandem, der sich selber torahtreu nennt, hätte man das nicht angenommen.

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte der Gemeinde. Diese ist im April 1998 entstanden, allerdings hieß die Gruppe damals noch „Arbeitsgruppe der Jüdischen Emigranten im Land Brandenburg“ (Jüdische Allgemeine Nr.20 vom 19. Mai 2005). Es waren allesamt Personen, die aus Protest gegen den damaligen Potsdamer Vorsitzenden einen eigenen Vorstand wählten und sich fortan als „Arbeitsgruppe“ organisierten.
Mitte Mai folgte dann der Etikettenwechsel durch die Gründung des „Bundes Gesetzestreuer Jüdischer Gemeinden in Deutschland“. Vorsitzender des Verbandes wurde damals ein Europaabgeordneter von Jörg Haiders FPÖ, Peter Sichrovsky, der sich selber als nicht besonders observant bezeichnete und dies auch gegenüber Rabbiner Isaak Hakohen Halberstadt äußerte, wie damals DER SPIEGEL berichtete.

Als er Halberstadt gestanden habe, erzählt Sichrovsky, gar kein frommer Jude zu sein, habe der nur geantwortet: „Der Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bundes ist auch nicht der beste Torschütze.“ (Der Spiegel, Nr. 14, 1999, Seite 60 – hier online)

Anschließend machte der Verband, der sich als Funktionsnachfolgerin des „Halberstädter Verbandes“ sieht, nur noch dann Schlagzeilen, wenn es um die Verteilung von Geldern ging und weniger um inhaltliche Arbeit.

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