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Sag zum Abschied leise Tschüß

»Sag zum Abschied leise Tschüß« war der Titel eines kurzen Talks in der Alten Synagoge Essen, im Rahmen von Limmud Essen (besser: Limmud Ruhrgebiet). Dort stellte ich die aktuelle Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden vor. Einen besonderen Blick richtete ich natürlich auf die lokale Situation im Ruhrgebiet und diskutierte mit den anwesenden Leuten aus den verschiedensten Gemeinden die, eher ungute, Entwicklung der Mitgliederzahlen der Gemeinden.
Alle kannten oder kennen die Situation bereits, aber dass der Mitgliederrückgang so schnell voranschreitet, ist erst dann offensichtlich, wenn man ihn visualisiert und sich die Konsequenzen bewusst macht.

Allem voran stand die Behauptung meinerseits, dass es die, oft beschworene, Renaissance des Judentums in Deutschland nie gegeben habe. Es entstand nicht an jedem Ort lebendiges jüdisches Leben, schon gar kein Anknüpfen an eine Tradition. Es war vielerorts neues jüdisches Leben, mancherorts ein kurzes Aufblitzen. Ob es Bestand hat, zeigt sich gerade jetzt.
Jahrelang stiegen die Mitgliederzahlen, nun fallen sie wieder.
Dieses Aufblitzen belebte auch Gemeinden, die irgendwie noch existierten, aber in einer Art Winterschlaf. Eine Teilnehmerin meldete sich zu Wort und berichtete von Gemeinden in Ostdeutschland, die während der DDR formal noch bestanden, aber praktisch keine Mitglieder hatten und erst mit dem Zuzug von Kontingentflüchtlingen wieder Mitglieder hatten. Formal gab es diese Gemeinden natürlich, aber praktisch nicht.

Chajm bei Limmud Essen/Ruhr

Wir haben gemeinsam betrachtet, dass die Mitgliedszahlen sowohl in den kleinen, als auch in den großen Gemeinden zurückgehen. Die Zahlen der großen Gemeinden dienen hier als Beispiel.

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Berlin

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Frankfurt am Main

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Düsseldorf

Hier lautete eine Frage aus dem Plenum, ob Juden einfach zu wenig Kinder bekämen. Offenbar haben Juden in Deutschland durchschnittlich viele Kinder (also nicht sehr viel), aber selbst wenn sie viele hätten, stünde dem die Altersstruktur gegenüber.

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Wir haben uns gemeinsam gefragt, ob jüdische Infrastruktur wie Kindergarten, Grundschule und Gymnasium die Mitgliedersituation verändert. Messbar wäre das erst dann, wenn die Zahlen vor einer entsprechenden Einrichtung hätte und dann schauen könnte, wie die Zahl der Zuzüge sich dann verändert. Überhaupt wäre es interessant zu erfahren, ob das ein Argument für einen Umzug wäre. Dazu fehlen derzeit die Zahlen und Daten.

Eine weitere Frage war, was mit Übertritten sei. Wie fallen die ins Gewicht?
Gar nicht.

Sind Übertritte die Rettung?

Schon gar nicht, wenn man ihnen die Zahl von 400 Austritten aus den Gemeinden gegenüberstellt:

Austritte und Übertritte in Relation

Die Anzahl der Gemeindemitglieder insgesamt sinkt, aber die Anzahl der Austritte bleibt nahezu konstant. Theoretisch müsste auch diese Zahl etwas sinken. Auch hier das Problem: Wir wissen nicht, warum die einzelnen Personen ausgetreten sind. Vielleicht um Geld zu sparen? Vielleicht kein Interesse an der konkreten Gemeinde? Vielleicht die Hinwendung zu einer anderen Religion?

Wie groß sind die anderen Gemeinden? Das wissen wir nur dann, wenn sie auch im Zentralrat organisiert sind. Die meisten liberalen Gemeinden machen keine genauen Angaben zu ihren Mitgliedern, aber die Statistik dürfte es nicht retten.
Die neue Kahal Adass Jisroel gibt ihre Mitgliederanzahl mit »über 300« (hier) an.

Was wir wissen ist, dass kleine Gemeinden – die ja auch gebraucht werden – eigentlich nur kleine Chancen, auch in zwanzig Jahren noch zu existieren.

Was nun?

Diese Frage stand ebenfalls im Raum: Was wäre jetzt zu tun?
An der Situation kann man nicht viel ändern. Neue Gemeindemitglieder zu gewinnen, ist schwierig (siehe hier den Ansatz der Israelitischen Gemeinde Basel), vielleicht kann man ausgetretene bewegen, zurückzukommen. Frankfurt am Main hat den Vorteil, dass immer wieder neue Einrichtungen und Firmen dorthin ziehen. Mit ihnen auch vielleicht jüdische Mitarbeiter.

Einige Punkte wurden kurz andiskutiert, für viele war einfach keine Zeit mehr. Deshalb hier eine Liste, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Anspruch auf Polemik. Gerne darf widersprochen werden. Es geht in erster Linie darum, ein neues Denken zu ermöglichen und die Perspektive zu wechseln.

  • Daten sammeln. Klingt langweilig. Ist es aber nicht. Je mehr man über die Mitglieder weiß, desto besser kann man verstehen, welche Entwicklungen gerade vor sich gehen. Natürlich wäre es interessant zu erfahren, warum jemand ausgetreten ist. Ein Fragebogen wäre hervorragend. Zudem fehlt es an Daten darüber, warum jemand nicht an Gemeindeangeboten teilnimmt, oder auch, warum er eigentlich teilnimmt. Maßnahmen sind ansonsten nur schwer zu messen. Wer kennt die Gemeinde? Wer ist über Angebote informiert?
    Wer erwägt eine Mitarbeit? Was hat ihn oder sie bisher davon abgehalten? Alle anderen Einschätzungen sind lediglich Bauchgefühle: »Ich habe das Gefühl, das Gebet ist zu langweilig.« Kann sein, aber es ist nur eine Einzelwahrnehmung. Die kann man nicht generalisieren.
    Das müsste in regelmäßigen Abständen erfolgen.
  • Ein Ende der Politik in den Gemeinden Ein beliebte Beschäftigung ist der Streit über Gemeindeangelegenheiten. Dafür ist keine Zeit mehr. Mitglieder können nicht nur verwaltet werden und um Eitelkeiten kann es nicht mehr gehen. Es geht um Kompetenzen. Wer kompetente Gemeindemitglieder hat, sollte diese als Ressource auch nutzen. Viele Projekte werden scheitern, aber unter 15 könnte eines funktionieren.
    Um dieses geht es.
    Übrigens bringen sich zahlreiche Menschen gerne auch ehrenamtlich ein. Sie müssen es nur wissen, dass ihre Hilfe gebraucht wird.
  • Gemeinden öffnen und Freiräume schaffen Die Infrastrukturen könnten für Gruppen zur Verfügung stehen, die sich ad hoc und nach Interessenlage bilden. Häufig werden Gruppen geplant organisiert. Wo es möglich ist, sollten auch Freiräume für ein einfach so entstehen.
  • Große Infrastrukturen skalieren Meint: Große Synagogen durch Gebäude oder Räume ersetzen, die auch bespielbar sind. Synagogen sind und waren immer auch Symbole an die Außenwelt: Hier gibt es jüdisches Leben. Große Infrastrukturen erzeugen aber auch hohe Kosten. Zudem liegen Synagogen heute häufig in Zentrumsnähe und nicht immer sind dies die Orte, an denen die meisten Gemeindemitglieder wohnen. Die Jüdische Gemeinde München liegt im Herzen der Stadt. Ein schönes Zeichen. Wer aber in Gehweite wohnen möchte, muss ein paar Scheinchen auf den Tisch legen. In der Vergangenheit sind Synagogen dort entstanden,
    wo ihre Mitglieder und Beter lebten.
  • Zum jetzigen Zeitpunkt keine großen Bauprojekte mehr durchführen. In der Diskussion wurde berichtet, dass es vergleichsweise einfach sei, Gelder für Neubauten zu beschaffen, einfacher als Gelder für konkrete Projekte wie Religionsunterricht oder Jugendarbeit. Oft kommen die Kommunen und Städte den Gemeinden entgegen. Natürlich freut man sich, dass jüdische Gemeinden sichtbar existieren (siehe den Punkt über diesem), aber die Belastung beginnt erst richtig mit dem Unterhalt des Gebäudes.
    In Baden-Baden (2016 720 Gemeindemitglieder, im Jahr 2012 waren es 736); soll demnächst eine Synagoge gebaut werden. Sie soll 140 Plätze haben. Das wären etwa 20% der gesamten Gemeindemitglieder. Es ist unwahrscheinlich, dass die jemals alle besetzt werden. Es gibt größere Gemeinden mit Minjanproblemen. Die Statistik zeigt, dass viele Gemeindemitglieder eher Senioren sind. Hier müsste etwas entstehen, um diese zu versorgen. Ein kleiner Betsaal dürfte hier vermutlich ausreichen – wie auch in vielen anderen Gemeinden. Regensburg (2016 999 Mitglieder) ist ebenfalls im Bau.
    Eine Infrastruktur vorzuhalten und zu hoffen, dass sie gefüllt wird, dürfte nicht der Königsweg sein.
  • Es wird zahlreiche ältere Gemeindemitglieder geben. Man könnte einen günstigen Mittagstisch anbieten. So bleiben die Senioren nicht alleine und haben eine Anlaufstelle. Andere Einrichtungen werden vermutlich auch benötigt.
  • Synagogenführungen? Gibt es Synagogenführungen mit kompetenten Gemeindemitgliedern? Sofort damit aufhören und diejenigen, die Ahnung haben, für die Mitglieder der Gemeinde nutzen. Es kann passieren, dass das Angebot zunächst nur von sehr sehr wenigen Menschen in Anspruch genommen wird, aber wenn man nur eine Person erreichen kann, ist das schon viel. In zahlreichen Städten gibt es andere Organisationen die ebenfalls Führungen zum Judentum anbieten können. Im Ruhrgebiet gibt es die Alte Synagoge Essen und das Jüdische Museum Dorsten. In der Regel finden Synagogenführungen nicht während des laufenden Betriebes statt, so dass die Geführten ohnehin nicht viel vom echten jüdischen Leben mitbekommen. Das kann man also ruhig an Profis delegieren.
    In meiner Gemeinde gibt es im Rahmen einer anderen Veranstaltung die Möglichkeit, an einem Kabbalat Schabbat teilzunehmen. Das wird gut angenommen, wird groß aufgezogen und ist immer sehr nett. Dieses Vorgehen kann man durchaus empfehlen.
    Schwierig wird es, wenn Besucher immer bei Gemeindeaktivitäten anwesend sind. Für weitere Schritte sollte gelten: Innerreligiöses Gespräch hat Vorrang vor dem interreligösen. Nur wenn die Basis stimmt, kann man auch nach außen kommunizieren.
  • Gleichgesinnte sammeln. Massives Netzwerken auch außerhalb und zwischen den Gemeinden und Gemeindemitgliedern um Gemeinsamkeiten besser abgleichen zu können und sich zu spontanen Gruppen zusammentun zu können.

Die Diskussion hat gezeigt, dass es weiteren Gesprächsbedarf gibt. Es gibt Bedarf über jüdische Inhalte zu reden, über kulturelle Anlegen, über Kinder und Erziehung, über Schule etc. Auch dafür könnten übrigens Gemeinden Räume schaffen.

Vielleicht, oder hoffentlich, wird die Dringlichkeit dieses Themas immer mehr Menschen bewusst.

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Limmud Ruhrgebiet 2018

Für alle (jüdischen) Bewohnerinnen und Bewohner des Judentums, egal ob religiös oder nicht religiös dürfte »Limmud Essen« ein interessanter Termin werden. Wie 2015 (siehe hier die Rückschau) und 2017 steht die Alte Synagoge Essen einen Tag lang im Zeichen des Austauschs von Jüdinnen und Juden untereinander. Es wird zusammen gelernt, diskutiert, vielleicht auch gemeinsam Musik gemacht. Abhängig davon, für welche Workshops man sich entscheidet. 2015 gab es politische Themen, psychologische, religiöse oder einfach nur kulturelle.

Alle Informationen zur Veranstaltung am 11. Februar 2018 gibt es hier.

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Im Ruhrgebiet wird weitergelernt

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Der vorletzte Tag von Chanukkah war der Tag, an dem es in der Alten Synagoge Essen eine Art Regional-Limmud gab und die Synagoge wieder zu einem aktiven Zentrum jüdischer Kultur machte. Viele Räume wurden wieder genutzt, man stritt etwa darüber, ob man Israel kritisieren dürfe, hatte die Möglichkeit sich musikalisch weiterzubilden und zündete am Abend dann gemeinsam im Vorraum der Synagoge die Chanukkah-Kerzen. Das Spektrum der Workshops war groß und es tat gut, sich auch einmal inhaltlich austauschen zu können. Nicht nur Chanukkah-Feier – auch eine Umgebung die dem Thema des Festes gerecht wird: Eine Re-Aktivierung des Judentums. Klingt pathetisch – ist auch so gemeint.

Programm-LimmudAm späten Nachmittag fand ich mich inmitten einer Gruppe von Leuten, in einem Seitenbereich des riesigen Synagogensaals und diskutierte mit ihnen über die zwei Schöpfungen des Menschen gleich zu Beginn der Torah. Ich erzählte, warum mich die Interpretation von Rabbiner Soloveitchik so extrem fasziniert und schilderte ein wenig die Punkte, die ich für wesentliche Beobachtungen im Schöpfungsbericht der Torah hielt. Andere Anwesende ergriffen die Möglichkeit, sich über den Text auszutauschen und es wurde schnell auch sprachlich (und sehr präzise) argumentiert. Warum wird im Hebräischen jene Formulierung verwendet und nicht eine andere? Woher nehmen die früheren Kommentatoren die Gewissheit, dass der erste Mensch beidgeschlechtlich geschaffen wurde? Was spricht dafür? Was dagegen?
Aber mit dem Ende des Limmud-Tages muss das aber nicht enden: Der Minchah-Schiur, der nun schon seit Ende 2011 existiert, knüpft (also ein paar Enthusiasten und meine Wenigkeit) genau da an: Austausch über jüdische Inhalte in einer entspannten Atmosphäre.
Es geht weiter am 10. Januar 2016 in Gelsenkirchen. Jüdische Bewohner des Ruhrgebiets sind herzlich eingeladen, sich auszutauschen. Details und einen Link zu einer Mailingliste gibt es hier.

Interessant dürfte sein, ob die Person, welche die Idee hatte, die Synagoge an den Hohen Feiertagen mit Leben zu füllen, die Idee weiterverfolgt. Das wäre ein sehr interessantes Projekt.

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Limmud im Ruhrgebiet – Alte Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Die Alte Synagoge Essen ist heute ein Haus jüdischer Kultur. Lange Jahre war die Synagoge ein Gedenkort und ein Ort an dem Pfarrer (ein wenig Polemik darf an dieser Stelle erlaubt sein) über das Judentum referiert haben.
Doch heute ist die Situation eine andere. Das Haus hat seit dem Weggang der langjährigen Leiterin einen Sprung nach vorne gemacht. Die Dauerausstellung informiert über das Judentum und das jüdische Leben, aber nicht nur aus einer religiösen Perspektive und ist nicht nur Ablageort für alte Kultgegenstände. Es geht auch um jüdische Identität und alles, was damit zu tun hat. Viele Dinge kann man anfassen, einige Sachen ausprobieren und die Architektur auf sich wirken lassen. Das Haus wird gerne besucht, auch wenn es heute nicht als Synagoge dient. Heute ist das Gebäude also nicht nur von außen eine Sehenswürdigkeit.

Flur in der Alten Synagoge

Flur in der Alten Synagoge

Und jetzt geht man noch einen Schritt weiter: Das Haus hat sich Limmud geöffnet und steht damit an einem Tag Jüdinnen und Juden zur Verfügung um sich zu Geschichte, Musik, Tradition, Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und natürlich auch Religion auszutauschen. Übrigens unabhängig vom Alter.
Und das alles am Vorabend des letzten Chanukkah-Tages – am 13. Dezember 2015. Alle Informationen dazu gibt es übrigens hier. Es steckt vermutlich keine tiefere Symbolik dahinter (immerhin ist Chanukkah das Fest der »Tempelwiedereinweihung«), aber es ist eine gute Gelegenheit für diejenigen, die im Ruhrgebiet und drumherum leben, sich auszutauschen und ein paar neue Gesichter zu sehen. Ganz nebenbei ist, wie gesagt, das Haus schon eine Attraktion. Wenngleich an diesem Tag recht viele Chanukkahfeiern in den lokalen Ruhrgebietsgemeinden sind, so kann man doch erwarten, dass dieser Tag etwas besonderes werden dürfte. Hoffentlich, vielleicht, eventuell … etwas vergleichbares gab es im Ruhrgebiet noch nicht.

Wer sich überlegt zu kommen, sollte einfach kurzentschlossen hier klicken und sich anmelden.

Der Vollständigkeit halber: In Dortmund gab es schon einmal (2012) eine lokale Ausgabe eines Limmud-Tages. Die wurde aber recht zurückhaltend an die Nachbargemeinden kommuniziert.

Inside the Old Synagogue Essen

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Es ist wieder soweit!

early-bird-2014

Auch dieses Jahr findet wieder das einzigartige, lebendige, intensive, fröhliche Limmud Festival statt: 29.5.-1.6.2014 am Werbellinsee bei Berlin.

Seit Monaten organisiert, diskutiert und trifft sich das Team, plant, textet, verwaltet, rauft sich die Haare, verhandelt, emailt, und freut sich darauf, dass ihr euch anmeldet!
Denn Limmud lebt vom Mitmachen, alle Teilnehmer sind herzlich eingeladen, selbst Sessions anzubieten. Auch aus eigener Erfahrung als Teilnehmerin und Referentin weiß ich, daß man Limmud so seine eigenen Note verleihen und zum ‚eigenen‘ Festival machen kann.

Zu wenig orthodox? Kein Problem! Bietet orthodoxe Inhalte an. Zu wenig liberal? Kein Problem, bietet liberale Inhalte an! Nichts ist unmöglich. Einen ersten Eindruck zum Programm kann man schon mal hier auf dem Limmud-Blog bekommen.

Zwischen dem, und rund um das Programm ist immer genug Zeit und Gelegenheit, sich mit anderen Teilnehmern auszutauschen, einen Spaziergang zum See zu machen, oder einfach mit einem Kaffee draußen in der (hoffentlich!) Sonne zu sitzen und die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.

Ganz nebenbei kann man erleben, wie sich „jüdisches“ Leben anfühlt. Was ist eigentlich koscheres Essen? Na, das, was jeden Tag serviert wird! Was ist eigentlich ein Eruv? Na, das was am Freitag aufgebaut wird, fragt das Team und helft beim Aufbau!
Was ihr mit den Kindern machen sollt? Mitbringen! Es gibt ein tolles Kinderprogramm für Alle von ganz klein bis ganz groß (und Kinderermäßigung bis 17 Jahre).
Auch der Schabbat lebt vom Mitmachen, was zu einem großen Spektrum an Möglichkeiten führt. Die Gottesdienste werden von den Teilnehmern organisiert, also bringt mit, was man braucht, genug Räumlichkeiten gibt es.

Die Early-Bird-Anmeldung geht nur noch bis zum 15.2.!

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Limmud nicht koscher

»Limmud ist nicht koscher« sagt jedenfalls indirekt eine Gruppe von Rabbinern aus Großbritannien. Unter ihnen der recht einflussreiche Rabbiner und Dajan Chanoch Ehrentreu (wer die anderen Rabbiner sind, erklärt Kommentator Yankel Moshe unten). Damit positionieren sie sich eindeutig gegen den neuen britischen Oberrabbiner Ephraim Mirvis. Dieser hatte angekündigt, am britischen Limmud-Festival teilnehmen zu wollen.

Dann erschien das:
Limmud-Schreiben

[…]participation in their conferences, events and educational endeavours blurs the distinction between authentic Judaism and pseudo-Judaism and would bring about tragic consequences for Anglo-Jewry[…]

So wie es ausschaut, wird Rabbiner Mirvis dennoch teilnehmen und die Chance nutzen, zu Juden sprechen zu können, die sonst eben nicht in seiner Reichweite liegen. Weitere Mitglieder der orthodoxen United Synagogue dürften seinem Beispiel dann auch folgen. Die Rabbiner des unterzeichneten Schreibens hatten die Entscheidung zu akzeptieren.

Das dürfte wiederum bedeuten, dass sich auch in Deutschland nichts an der Teilnahme orthodoxer Rabbiner ändern wird – wenngleich Dajan Ehrentreu auch hierzulande respektiert und eingebunden wird. Immerhin ist er Rektor des Rabbinerseminars in Berlin. Die Dynamiken sind schlecht zu durchschauen. Offenbar geht es darum, dass versucht wird, klare Grenzen zu ziehen, während auf der anderen Seite versucht wird, durch Outreach auch Juden zu erreichen, die eine andere Auffassung von dem haben, was Judentum ist. Ein Streit den man bis zum Disput zwischen Rabbiner Samson Raphael Hirsch und Rabbiner Seligmann Bär Bamberger zurückverfolgen kann – jedenfalls in Grundzügen. Der Minikonflikt um das britische Limmud ist also Symptom für eine folgende Richtungsdebatte innerhalb der jüdischen Welt. Abkapselung oder Interaktion?

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Limmud.de 2012

In der Kommandozentrale rauchen die Köpfe, es gibt Aufregung über Druckfehler, Änderungen in letzter Sekunde, Aufstellungen von Ausweich- und Notfallplänen, fröhliche Wiedersehen von alten Freunden, und das Madrichim-Team packt Bergeweise Bastelmaterial aus. Was ist los? Limmud in the City! Erstmals findet dieses nun schon traditionelle Lern-Festival in der Jüdischen Oberschule in Berlin statt, und nicht, wie bisher, auf dem Gelände der EJB Werbellinsee.
Das ist Berlin

Alles Neu bedeutet auch Alles Anders. Es müssen technische Materialien überprüft, Steckdosen gefunden, und Raumplanungen über den Haufen geworfen werden. Auf dem Hof der Schule steht ein riesiges Zelt als Küche und Speisesaal, Bierzelt-Flair mit koscherem Catering. Vor der Schule hat sich eine Bar/Lounge materialisiert, ein Blick hinein übertrifft die kühnsten Erwartungen. Und der Kaffee wird professionell mit aufgeschäumter Milch und Herz-Verzierung vom Barista serviert. Sogar die Pappbecher für den regulären Kaffee zu den Mahlzeiten sind mit Limmud.de – Design. Das Team hat sich, wieder mal, selbst übertroffen! Es ist unglaublich, was diese Leute jedes Jahr auf die Beine stellen, und wie viel Herzblut in die Vorbereitung und Durchführung fliesst. Spätestens nach dem offiziellen Grand Opening lässt der Eröffnungsstreß langsam nach, und auch in der Kommandozentrale (Limmud-Büro in einem Klassenzimmer) wird die Betriebstemperatur etwas heruntergefahren.
Der Programm kommt im neuen Design (und in einer schicken Stofftasche, inclusive Notitzblock) daher, die über 500 Teilnehmer aus Berlin, Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Eine kurze Umfrage zeigt, daß viele neue Teilnehmer dabei sind, für die es das erste Limmud ist, aber eine recht große Anzahl ist bereits zum wiederholten Mal angereist ist. Limmudniks, sind, offenbar, Wiederholungstäter.
Dieses Jahr sind mehr und längere Pausen eingeplant als bisher, um die Diskussion unter den Teilnehmern zu fördern, sowie eine lange Mittagspause, was gleichzeitig auch die Entdeckung der städtischen Umgebung ermöglicht.
Inhaltlich gibt es wieder eine gute Durchmischung an Themen: Politik, Religion, Kultur, gesellschaftliche Themen, ebenso eine ekletische Auswahl an Filmen, unter Anderem ein inoffizielles Vor-Screening von Arnon Goldfingers Dokumentations-Film „Die Wohnung“ am Donnerstag.
Am Freitag stand eine Diskussion mit dem Präsident des Zentralrats der Juden Dr. Dieter Graumann auf dem Programm, der sehr offen auf alle Fragen des großen Publikums einging, die eine Vielzahl von Themen umfassten. Zentrales Thema war die Pluralität der Jüdischen Gemeinden Deutschlands, eine Pluralität, die bei Limmud.de bereits lange Tradition hat.
Das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindende Speed-Dating (ab dem zweiten Mal ist es schon Tradition!) war wieder sehr gefragt; mit Spannung wird erwartet, ob es, wie im letzten Jahr, zu weiteren Hochzeiten kommen wird. Ein Bericht über den Ablauf des Datings wird bald in der Jüdischen Allgemeinen erwartet, ein Reporter schlich sich ein, obgleich er schon lange nicht mehr zu haben ist, und wird brandheiß berichten.
An Schabbat wurden dieses Jahr die Synagogen Berlins mit einbezogen, zusätzlich zu vier verschiedenen Minjanim am Veranstaltungsort.
Es gab viel positives Feedback der Teilnehmer zum neuen Veranstaltungsort, es kamen einige Berliner spontan, auch tageweise, und das Angebot der Stadtführungen wurde gut angenommen. Das Flair war natürlich ganz anders, das dörfliche Insel-Gefühl wollte sich nicht so recht einstellen. Dieses Jahr war es eben urban. Mit Coffee-Bar und Lounge.

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Limmud.de 2011

Dieses Jahr größer denn je! Rund 500 Teilnehmer, mit vielen bekannten Gesichtern und vielen Neuen, und einem, objektiv gesehen, im Vergleich doch etwas gesenkten Altersdurchschnitt, tummeln sich bei strahlendem Sommerferienwetter in der EJB-Idylle am Werbellinsee. Intensiver Kiefernduft auf der großen Wiese, vom See weht ein laues Lüftchen. Aus den offenen Fenstern des Seminarhauses klingt es angeregt vielsprachig heraus, während mich die Verdauung des exzellenten Mittagessens zu einem Nickerchen in der Sonne verführt. Aus der Disko klingen smirot Schabbat, die für heute Abend schon mal geübt werden.
Die einmalige und so besondere Atmosphäre ist wieder da, die aus anfangs noch vorsichtig-erwartungsvollen Erstteilnehmern überzeugte Limmudniks und Wiederholungstäter macht.
Schon am Donnerstag, gleich nach der Anmeldung bei den fleißigen Freiwilligen und Organisatoren in den Limmud-T-Shirts, geht es direkt rein ins Vergnügen. Während eine musikalisch umrahmte Einführungsveranstaltung die Neulinge einstimmt, wird schon lebhaft gelauscht, gelernt und diskutiert.
Die Organisatoren haben sich wieder mal selbst übertroffen! Das Programm ist so vielfältig, dass es wirklich schwer fällt, sich für jeweils eine Veranstaltung pro Zeit zu entscheiden, und viele der Dozenten sind schon von vorigen Jahren bekannt und beliebt, so dass man allein schon auf Grund des Dozenten eine Entscheidung trifft. Die Kurse und Veranstaltungen in den Kategorien „Religion“, „Geschichte“, „Literatur/Kunst/Musik“, „Gesellschaft“, „Politik/Israel“ und „Ethik/Philosophie“ sind jeweils gut besucht. Interessenten, die des Deutschen nicht mächtig sind, finden eine große Auswahl an Shiurim in Englisch und Russisch, und die Dolmetscher der letzten Jahre sind auch wieder im vollen Einsatz.

Und was für Leute trifft man hier so? Alle Sorten!
Die bunte Mischung aus dem ganzen Spektrum jüdischen Lebens ist ein ganz besonders prägendes Merkmal von Limmud. Von orthodoxer Seite hörte ich schon wiederholt, dass Limmud ja eine liberale Veranstaltung sei, und dass man da lieber nicht hingehen sollte, weil man da sowieso nichts lerne, oder jedenfalls wenn dann nicht das „Richtige“. Das scheint diejenigen Orhodoxen, die hier her gefunden haben, nicht abgeschreckt zu haben, und entspricht auch keineswegs der Realität. Ohne hier eine Diskussion des ewigen Konflikts auslösen zu wollen: Limmud ist wirklich für alle da, und in der Durchführung (Kashrut, Schabbat) möglicherweise sogar deutlich orthodoxer, als manche das aus ihrem täglichen Leben kennen. Und so sind hier eben alle richtig, sowohl die Damen mit Hüten, Scheitels und langen Röcken, als auch die Mädels in hot pants und die Frauen mit Kippa. Und natürlich entsprechende männliche Äquivalente. Nur so kann ein lebendiger Dialog zwischen den Welten entstehen!

Jetzt noch schnell auf dem Weg zum Caf am Shuk vorbei (Bücher, Gummibärchen, Krimskrams), und dann ist auch schon Zeit für den nächsten Workshop!

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Limmud.de 2010 Berlin, Freitag, 2. Teil

In einem atemberaubenden Tempo nimmt uns David Solomon auf eine Zeitreise durch Jahrtausende jüdischer Philosophie mit. Die Simultanübersetzer hatten große Mühe, dem rasanten Tempo zu folgen, meisterten die Herausforderung jedoch bravourös.

Vom großen (jüdischen) Philosophen Philo, der das Konzept des „Logos“ erstmals beschrieb, welches weiterhin im Judentum keine herausragende Rolle spielen sollte, jedoch im Christentum zu einer zentralen Bedeutung wurde, über Saadia Gaon, der erstmals die religiösen Schriften auf rationale Inhalte untersuchte und feststellte, daß Offenbarung und Verstand in Einklang gebracht werden müssen und nicht getrennte Disziplinen sind, und daß die wörtliche Interpretation abgelehnt werden kann, wenn sie dem Sinn und Verstand widerspricht, zu Abraham ibn Daud, und weiter zu Moses ben Maimon (Moses Maimonides, Rambam), der die Philosophie des Aristoteles mit der Torah in Einklang brachte und dies in seinem Hauptwerk „Führer der Unschlüssigen“ (auch hier, Guide for the perplexed) niederlegte.

Hier kommt David Solomon zur zentralen Frage: Wenn Gott ALLES weiß, wo ist dann der freie Wille? Dieser Frage wurde später unter Anderem von Martin Buber in seinem Werk „Ich und Du“ auf den Grund gegangen.

Zurück im Mittelalter kommen wir nun zu Crescas, dem fast vergessenen Autor des Werkes „Or Adonai“ der wiederum die aristotelische Lehre und hiermit das Werk Maimonides‘ ablehnte, da es die Torah mit philosophischen Ideen verwässere (für Interessierte gibt es hier weitere Informationen, allerdings auf englisch), sowie einem seiner Schüler, Albo, der dieses Thema weiter verfolgte und noch grundlegendere, weiter gefaßte Thesen formulierte.

Nun kommt schließlich Moses Mendelssohn zu Wort, der als einer der großen Aufklärer im Judentum gilt und in seinem Spätwerk „Jerusalem oder über religiöse Macht im Judentum“ über das Verhältnis von Religion und Staat sowie die Folgen des eigenen Verhaltens und die Freiheit in der Religion schreibt.
Das Schlußwort des gegen Ende aus Zeitgründen etwas gerafften Vortrages erhält Franz Rosenzweig, womit der Bogen zurück geschlagen wird zu Maimonides und der Philosophie als Kontrast und Ergänzung von Religion.

Auch wenn in diesem Vortrag mehr Fragen als Antworten gegeben wurden, so war er doch sicherlich ein guter Impuls und Leitfaden, sich näher mit jüdischer Philosophie zu beschäftigen.