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#strangelovesongs Daniel Kahn und Sasha Lurje

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Bevor das Konzert begann, wartete eine Kiste auf der Bühne auf die Besucher. »Verhaltet euch ruhig« stand auf ihr. In Frakturschrift. Ein politisches Statement gleich zu Beginn des Konzerts? Das Thema war doch »strange love songs«? Wird da der Verfremdungseffekt verwendet? Es bleibt offen. Das hätte zu Berthold Brecht gepasst und Sänger (in diesem Fall) Daniel Kahn passt großartig zu Berthold Brecht.
Auf der Bühne wirkt er dann wie eine Figur aus einem Stück von Brecht. Er führt selbstironisch durch das Programm, kommentiert die eigene Haltung zu den Stücken und singt natürlich auch Brecht. Auf Jiddisch. Die Übersetzungen stammen von Daniel Kahn selber und wirken, als hätten die Texte nur darauf gewartet, von ihm in die Sprache der eigentlichen Bestimmung übersetzt zu werden. Das mag auch ein wenig an der überzeugenden Interpretation liegen. Ist das aber Klezmermusik? Nein. Natürlich nicht und das stellt Daniel Kahn auch am Anfang des Konzerts fest. Das Konzert stellt dem Zuhörer und Zuschauer statt dessen eine Reihe von abgedrehten Songs rund um das Thema Liebe vor. Mit der, aus Riga stammenden, Sängerin Sasha Lurje, präsentieren sie vorzugsweise böse Lieder und das in russischer, ukrainischer, deutscher, englischer und jiddischer Sprache. Dabei werfen sie die beiden großartig die Bälle zu. Kahn erzählt, unterbrochen von Sasha Lurje, dem Publikum kurz worum es geht, dann trinken beide einen Schluck Wein oder unterhalten sich miteinander. Vielleicht ist das alles einstudiert und choreographiert. Vielleicht ist das aber auch spontan?
Wenn man so will, wirkten sie zwischendurch wie ein Mädchen und der böse Wolf. Was das soll, findet man spätestens bei der Interpretation des jiddischen Lieds »Margaritkelach« heraus. Kein Liebeslied, sondern ein Song über Gewalt, Gier und Lust. Wie das funktioniert, zeigt vielleicht dieser kleine Ausschnitt:

Der Querschnitt ist groß. Nicht nur bekannte Kost, wie das genannte Margaritkelach. Auch der, bereits erwähnte Brecht. Die Songs werden meist in mehrsprachiger Variante gesungen. Sasha Lurje singt zahlreiche Lieder die ein russischsprachiges Publikum mit Sicherheit gekannt haben wird und Daniel Kahn singt dazu eine englische Übersetzung. Das gipfelt in einer Interpretation eines Liedes des sowjetischen Chansonniers Bulat Okudschawa (kennt vermutlich jeder, der in der Sowjetunion Wurzeln hat). Daniel Kahn und Sasha Lurje öffneten damit diese Musik einem breiteren Publikum.
Es wäre zu wünschen, dass die beiden zu Bulat Okudschawa vielleicht noch etwas mehr machen würden.
Zu einem Song spricht Kahn die englische Übersetzung. Auch das passt irgendwie und durch die makaberen Texte ist das auch sehr kurzweilig. Im Publikum schienen einige gewesen zu sein, die wussten, wo der Abend hinführen würde und eben wieder ein paar, die im Verlauf des Abends überzeugt wurden, dass man in jiddischer Sprache auch etwas singen kann, was nicht sofort zu Tränen rühren muss, sondern dass es auch mal ongevorfen sein kann. Brechts Zuhälterballade wäre da ein schönes Beispiel.

Kein Klezmerabend aber irgendwie ein Abend – sagen wir das mal bildungsbürgerlich – der kontemporären jüdischen Musik in der Einflüsse aus vielen Ländern zusammenkommen aus denen junge Juden heute so stammen: Russischsprachige Länder, aus den USA, Jiddisch ein wenig und ein wenig Deutsch. Alles mischt sich und erzeugt eine moderne Interpretation von jüdischer Kultur.
Das Programm wird vermutlich noch in anderen Städten gespielt. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich das auch anschauen.

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Dieses Konzert beschloss die Konzertreihe »Klezmerwelten« und zeigte ganz gut, worin die Stärken dieser Veranstaltung lagen. Jüdische und Jiddische Kultur abseits dessen zu präsentieren, was man so gemeinhin mit Klezmer assoziiert. Dass die Veranstaltungen von einem kulturell interessierten jungen jüdischen Publikum nahezu ignoriert werden, wird genau daran liegen, dass das Wort Klezmer eher eine Abwehrhaltung hervorruft. Wenn das Festival im Jahre 2017 erneut stattfindet (was hervorragend wäre), dann wird man hoffentlich auch dieses Publikum ansprechen können.

Meine persönlichen Wunschkandidaten für 2017: Avishai Cohen (das Album Aurora ist schon etwas älter, aber für mich sehr faszinierend) und vielleicht die Petersburger Truppe OPA. Benny Friedman oder vielleicht Avraham Fried? Für den müsste dann schon eine größere Halle her. Aber damit wäre wieder die ganze Bandbreite abgedeckt…

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Rammstein auf Jiddisch

Dobranotch in Gelsenkirchen
Fassen wir das Konzert der russischen Band Dobranotch in Gelsenkirchen zusammen: Meschigge.
In einem positiven Sinne vollkommen verrückt und das vor dem Hintergrund der schlechten Begleitumstände.
Das Konzert stieg am Samstagabend. Am Freitagabend geschahen die Anschläge in Paris.
Trotzdem trat die Band auf und kommentierte so die Zielsetzung der Attentäter: Eine bunte Gesellschaft unter Druck setzen. Folgerichtig trat man dann auch auf und verabreichte dem angespannten Publikum russisch-jiddische Musik.

Denn tatsächlich war die Stimmung zu Beginn des Konzerts etwas gedrückt – oder man nimmt es so wahr, weil man sehr viel sensibler ist. Aber die Musiker spielten tapfer dagegen an und steigerten so die Stimmung in der ehemaligen Maschinenhalle einer Zeche (Ruhrgebiet!) stetig. Nach der Pause gab es dann absolut kein Halten mehr. Hinter und neben den Stuhlreihen standen plötzlich tanzende Menschen und verausgabten sich. Das lag an der sehr schnellen balkanmäßigen Klezmermusik und den musikalischen Experimenten der Band.

Sie spielten sie ein Techno-Stück, ein wenig Ska, aber arrangierten auch eine jiddische Version (hier klicken um das zu erleben) von Rammsteins Du hast. Ich bin mir sicher, noch immer haben viele Zuhörer nicht verstanden, dass da überhaupt eine Cover-Version angeboten wurde. Die vertrauten darauf, dass da ein traditionelles Lied vorgetragen wurde – allerdings auf Steroiden und die Geschwindigkeit schien bis zum Finale stetig zu steigen. Die Zugaben gab man nicht auf der Bühne, sondern spielte sie inmitten des Publikums und das stand ohnehin schon. Von dieser Stelle an, hätte der Abend wohl ewig weitergehen können.

Dobranotch performing in Gelsenkirchen

Das Publikum war bunt gemischt. Einige wussten, was sie erwartet, andere erwarteten wieder reguläre Klezemerklänge – aus meiner Sicht wäre ein junges, enthemmtes, jüdisches Publikum (zusätzlich, nicht statt dessen) noch großartiger gewesen. Sprachliche Probleme hätte es keine gegeben. Viele Songs waren auf Russisch. Das ist ein Kritikpunkt den man an dieser Stelle unterbringen kann: Man erwischt diese Zielgruppe (jung, jüdisch) mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Ansprache nicht. Aus wirtschaftlicher Sicht sicher nicht notwendig, denn Konzerte dieser Art sind in der Regel ausverkauft.

#dobranotch performing in #Gelsenkirchen #klezmerwelten #klezmer #musik #music #video

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

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The Heart and the Wellspring

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen
The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Energiegeladen und dynamisch. Mit dieser Beschreibung könnte man die Rückschau auf das Konzert von »The Heart and the Wellspring« oder eigentlich »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« (am 5. November 2015) in der Synagoge Gelsenkirchen gleich wieder beenden und hätte damit alles gesagt.
Von der ersten Minute des Auftritts an, nahmen die fünf Musiker ihr Publikum mit auf einen wilden Ritt durch verschiedene Musiktraditionen und da passte es ganz gut, dass die Musiker auch aus verschiedenen Traditionen kommen. Das ist schon rein optisch gut erkennbar. Chilik Frank trägt Schläfenlocken (endlich hatte das Publikum einmal einen »echten« Juden bei den Klezmerwelten) und ist Breslover Chassid, Ariel Alaev trägt die Kopfbedeckung der bucharischen Juden und stellte sich in einem kurzen russischen Redebeitrag auch als bucharischer Jude vor. Er nahm dies zum Anlass, ein Lied aus Duschanbe zu spielen und katapultierte das Publikum mit Energie in eine vollkommen andere Musiktradition.

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Naor Carmi, beschrieb zu Beginn des Konzerts kurz die musikalische »Vision« der Gruppe: Die Musik der verschiedenen chassidischen Gruppen zu sammeln, neu zu interpretieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Aber dennoch spielte die Band nicht nur chassidische Musik (mit recht vielen Niggunim aus der Tradition von Chabad). Auch traditionelle Stücke wie »Schalom Alejchem« waren Bestandteil der Zugabe.
Naor Carmi (am Kontrabass), der stets lächelte und bescheiden von der Musik erzählte, aber auch begeistert von den Zaddikim (»Männer ohne jedes Ego«), berichtete, scheint aber das musikalische Gehirn der Gruppe zu sein – auch wenn Chilik Frank aufgrund seiner auffälligen Erscheinung zumindest optisch im Vordergrund steht. Carmi schreibt die Arrangements und hat sich in Israel übrigens auch viel mit arabischer Musik beschäftigt. Akiva Turjeman gab den Songs mit seiner Stimme – wie soll man das nennen – einen israelischen Style.
Asaf Zamir (Perkussion) ist anscheinend ein Mizrachi-Jude und auch er ließ in eine andere Musiktradition blicken, machte aber auch ein wenig Beatboxing und trommelte mit Hilfe seines Kopfes oder auf seinem Kopf und spielte in Zusammenarbeit mit dem Publikum. Das kam natürlich gut an. Fast so gut wie das Hava Nagilah, dass die Gruppe ebenfalls präsentierte und das war einer der wenigen Augenblicke in denen man den Eindruck hatte, hier wird dem Publikum doch das gegeben, was es verlangt. Auf der anderen Seite merkt man, dass die Jungs echte Bühnenprofis sind und diese Dinge offenbar gut dosiert zum Einsatz bringen. Vielleicht präsentieren sie einem israelischen Publikum einen anderen Querschnitt aus ihrem musikalischen Werk.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das Konzert zeitlich vom Klezmerworkshop abgekoppelt war. Wären die jungen Teilnehmer des Workshops im Publikum gewesen, hätten sie vermutlich bei der überbordenden guten Laune das Zentrum der Jüdischen Gemeinde vollständig zerlegt.

Für jüdische Zuschauer und Zuhörer war der Auftritt von »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« ein großes Ereignis. Für nichtjüdische Zuhörer eine weitere Erinnerung daran, dass da nicht Musik von gestern gespielt wird, sondern durchaus auch von heute – mit Pop-Qualität. Jiddisch ist übrigens auch keine Sprache von gestern. Das zeigte Chilik Frank, der als jiddischer Native-Speaker die Musik kommentierte.

Der Sound vor Ort hatte übrigens Studioqualität.

“the heart and the wellspring” in #Gelsenkirchen #hassidic #chassidic #music #eliyahu #jewish #hebrew #jüdisch

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

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Klezmerwelten – Hulyanke Session

Dozenten des Klezmer-Workshops 2015

Dozenten des Klezmer-Workshops 2015: Merlin Shepherd, Ilya Shneyveys, Andreas Schmitges, Benjy Fox-Rosen, Deborah Strauss, Alan Bern und (leider) abgeschnitten Polina Shepherd

שפאס Spaß hat es wohl gemacht – denn mit Spaß trat am Sonntag eine Art von Riesenklezmergruppe auf. Die war bunt gemischt.
An diesem Abend präsentierten sich nämlich die Teilnehmer des Klezmerworkshops Gelsenkirchen 2015.
Da dieser in diesem Jahr nicht nur für Kinder und Jugendliche offen war, sondern auch für alle anderen Interessenten, waren die auch die Generationen ein wenig gemischter als in der Vergangenheit. Die Jugendlichen waren jedoch klar in der Mehrzahl, integrierten die Erwachsenen musikalisch dann aber ganz gut.
Und so lernten Nichtjuden und Juden gemeinsam etwas über jiddische Musik und Kultur in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und darüber, dass diese Musik durchaus auch für jüngere Leute relevant sein kann. Wer zur Zeit des Workshops in die Gemeinderäume kam, hörte, wie sich die Teilnehmer in einem Gemisch aus Deutsch, Jiddisch, Russisch und Englisch unterhielten und austauschten.
Das lag natürlich auch daran, dass einige der Dozenten aus den USA und Großbritannien kamen und international auf der Bühne stehen. So brachten sie Eindrücke und Erfahrungen mit, welche die Teilnehmer sonst in einer Gegend wie dem Ruhrgebiet eher selten abgreifen können.

Aber es wurde nicht nur gespaßt, geplaudert und genetzwerkt – es wurde auch ernsthaft Musik gemacht. Aus den unterschiedlichen Instrumenten und Fertigkeiten wurden kleine Gruppen gebildet, die nach sieben (eigentlich 6) Tagen Arbeit an diesem Sonntag ihre Ergebnisse präsentierten und das konnte sich hören und sehen lassen.
Das hatte sich vom letzten Workshop 2013 wohl herumgesprochen – dieses Mal waren nämlich auch Zuschauer da, die nicht mit den Teilnehmern verwandt waren, wie das häufig bei solchen Veranstaltungen ist.
Die meisten Jugendlichen wollen sich in einem weiteren Workshop wiedersehen – was wohl an die Stadt Gelsenkirchen ein Signal ist, dass diese Veranstaltung erneut stattfinden sollte. Die ganze Veranstaltungsreihe ist ein guter Beitrag dazu, dass vielleicht der Klezmer hier auch mal ohne Feidman stattfinden kann und viel mehr transportiert als traurige Stimmung und seltsame getragene Musikanten (siehe dazu alle anderen Beiträge zu den Klezmerwelten). Jugendliche (größtenteils) haben jedenfalls gezeigt, dass man sich diesen Hut nicht anziehen muss. Sie haben hier nach einem zeitgemäßen Zugang gesucht und diesen begeistert gefunden. Mit Spaß eben – aber dem nötigen Ernst, wenn es um die musikalische Umsetzung geht.

Hulyanke Session im Gelsenkirchener Schloss Horst

Hulyanke Session im Gelsenkirchener Schloss Horst – Dozentin Polina Shepherd im Vordergrund

Hulyanke Session 2015 - Ilya Shneyveys  dirigiert

Hulyanke Session 2015 – Ilya Shneyveys dirigiert

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Die Shepherds und einige mehr in Gelsenkirchen

Im Rahmen der Klezmerwelten standen am Donnerstag Polina und Merlin Shepherd auf dem Programm – in einem Doppelkonzert mit Dozenten eines Klezmerworkshops (Rückschau auf den letzten hier) der in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen stattfindet. Die meisten Teilnehmer des Workshops, also Jugendliche (in diesem Jahr auch ein paar Erwachsene), saßen im hinteren Bereich des Saals auf Schränken, feierten ihre Dozenten und senkten der Altersdurchschnitt des Publikums.

Das Ehepaar Shepherd (er aus Wales, sie aus Sibirien) kam direkt zur Sache:
Ohne große Einführung setzte sich Polina Shepherd an den Flügel und Merlin Shepherd schnappte sich die Klarinette. Dann spielten sie etwa 45 Minuten nahtlos und ohne jede Unterbrechung eine interessante Bandbreite an Stücken. Bekannte Klezmertöne waren zu hören, ein russisches Lied a capella, man meinte Edvard Grieg durchzuhören, dann wurde es ein wenig jazzig, dann wiederum wurde jiddisch gesungen, im nächsten Augenblick spielte Merlin Shepherd nahezu meditativ vor dem geöffneten Deckel des Flügels. Es war schnell, langsam, still und laut. Wann immer Fahrt aufgenommen wurde, klatschten und sangen die Teilnehmer des Workshops mit. Es entstand eine interessante Dynamik zwischen den beiden Polen des Saals.

Die Shepherds zwischen den Workshop-Teilnehmern.

Die Shepherds zwischen den Workshop-Teilnehmern.

Wenn man Merlin Shepherd für diejenigen beschreiben müsste, die ihn (noch) nicht live gesehen haben, könnte man vielleicht sagen, Merlin Shepherd sei der Tim Mälzer des Klezmer. Manchmal wirkt er ein wenig rotzig (in einem positiven Sinn), scherzt mit dem Publikum und nimmt sich selbst nicht so ernst – zur gleichen Zeit aber arbeitet er hochkonzentriert und meisterhaft – um das Ganze dann wieder mit einer selbstironischen Geste zu brechen. Um sich das leisten zu können, muss man natürlich sein Handwerk beherrschen. Nicht zufällig war er musikalischer Leiter Royal National Theatre in London.

Die Dozenten des Workshops gemeinsam auf der Bühne

Die Dozenten des Workshops gemeinsam auf der Bühne

Benjy Fox-Rosen (überraschte mit selbstkomponierten jiddischen Stücken), Ilya Shneyveys, Alan Bern und später auch Andreas Schmitges wechselten einander ab, präsentierten sehr unterschiedliche Stücke und verschmolzen am Ende zu einer Gruppe, die tanzbares spielte. Auch hier waren die Teilnehmer des Workshops diejenigen, die Initiative zeigten und den wenigen Platz nutzten.
Andreas Schmitges und Alan Bern moderierten ein wenig. Alan Bern merkt man dabei an, dass er das deutschsprachige Publikum schon sehr gut kennt.
Und an dieser Stelle, traditionell, ein Blick auf das Publikum. Vielleicht mit meinem Lieblingszitat des Abends (eines Zuhörers):
»Ich verstehe nicht, dass die Jugendlichen hier so herumspaßen. Das ist hier eine ernsthafte Sache. Klezmermusik ist eine ernste Angelegenheit.«
Tatsächlich aber: Die Jugendlichen haben wirklich Spaß an der Musik und daran, wie sie von den Dozenten vermittelt wird. Sie verbrachten im Workshop Stunden mit Niggunim und sehen das alles als organische Angelegenheit, die auch im Fluss ist und mitgestaltet werden kann. Dieser progressive Ansatz zerschellt natürlich an den Erwartungen eines konservativeren Publikums – welches hier aber in der Unterzahl gewesen sein dürfte und von den verschiedenen Veranstaltungen derzeit ein wenig miterzogen wird.

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Klezmerwelten Gelsenkirchen – KlezTalk

KlezTalk in der Gelsenkirchener Flora

KlezTalk in der Gelsenkirchener Flora, Merlin Shepherd am Mikrofon


An der Misere, dass die meisten Leser unter 65 bei dem Stichwort »Klezmer« mit den Augen rollen und weiterklicken, haben viele Akteure mitgearbeitet. Unter anderem die vielen evangelischen Oberstudienräte, die ihre Musik in Pseudo-Jiddisch ansagen und schwarze Hüte dabei tragen (ich habe nichts gegen Oberstudienräte im Allgemeinen). Andere Faktoren mögen auch eine Rolle dabei gespielt haben, warum diese Art der Musik für viele Leute meiner Generation (und auch für die nachfolgende) die Popularität einer Wurzelbehandlung hat und eigentlich als ein »Ding für Nichtjuden« betrachtet wurde und wird.

Dass dies (teilweise jedenfalls) zu Unrecht so ist, versuchte in den vergangenen Jahren das Festival Klezmerwelten zu beweisen. Unter anderem mit einem Workshop für Kinder und Jugendliche (der auch in dieser Woche wieder begonnen hat), aber auch mit Musikern, die immer wieder Konventionen gebrochen haben und gezeigt haben, dass Klezmer mehr ist, als der traurige Jiddel mit Fiddel.

Den Auftakt machte das London Klezmer Quartett und am Sonntag-Abend folgte ein KlezTalk, bei dem fünf Musiker von ihrem Weg zur Klezmermusik erzählten. Zwei Musiker mit sowjetischer Vergangenheit (Polina Shepherd und Ilya Shneyveys) hatten einen anderen Zugang, als etwa die zwei Amerikaner Alan Bern und Benjy Fox-Rosen, oder der Waliser Merlin Shepherd. Unter den Musikern dürfte Alan Bern derjenige sein, der in Deutschland am bekanntesten ist – jedenfalls unter denen, die sich für Klezmer-Musik interessieren. Er hat jedenfalls keinen geringen Anteil daran, dass es auch eine Klezmer-Szene neben den Feidman-Verehrern gibt.
Es war interessant zu hören, dass einige der Akteure Klezmer nach ihren ersten Begegnungen überhaupt nicht mochten und erst im Laufe der Zeit Begeisterung für die Musik entwickelten.

Der Moderator Andreas Schmitges öffnete die Runde schnell für die Fragen des Publikums und eine der ersten Fragen offenbarte, dass es noch Nachholbedarf bei der Definition des Begriffs »Klezmer« gibt (der auch relativ jung ist) und dies nicht eine spezielle Musik aus einer speziellen Quelle meint, sondern viele verschiedene Quellen hat und viele Einflüsse vereint: Es wurde nach authentischer Musik gefragt. Alan Bern merkte an, dass er heute lieber von »new jewish music« sprechen würde.
Irgendwann folgte die Frage, ob nur Juden Klezmermusik spielen können. Merlin Shepherd entgegnete rasch, dass er schon diese Separierung in jüdische und nichtjüdische Musiker überhaupt nicht mag. Alan Bern merkte dazu an, dass man die Musik natürlich spielen kann, aber es natürlich nur dann gute Klezmermusik ist, wenn man sich mit der Geschichte und dem Kontext der Musik beschäftigt hat. Zuvor wies einer der Musiker darauf hin, dass man natürlich die Musik vom Notenblatt spielen könnte, aber es natürlich mehr brächte, wenn man gelernt hat, sie zu interpretieren.
Und endlich sagte jemand von den Musikern in einem Nebensatz auch mal, dass Klezmer, nicht DIE jüdische Musik ist, sondern eine.
Dass dies noch nicht zu allen durchgedrungen ist, offenbarte sich 2012 bei einem Konzert von Yiddish Princess, dass ein paar ältere (nichtjüdische) Zuschauer verließen und anmerkten, dass das überhaupt keine Klezmer-Musik sei.

Ein interessanter Abend, der aber eine Frage nicht beantwortete:
Warum ist Klezmermusik (jetzt mal als Sammelbegriff verwendet) ausgerechnet in Deutschland so sehr populär? Die Frage hätte natürlich ich stellen können, aber ich will das mal als Hintergrundmotiv mitlaufen lassen.

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Klezmerworkshop – Rückblick

Konzert Klezmerworkshop

Der Klezmerworkshop in Gelsenkirchen in der Rückschau?
In einem Wort:
»Unverzeihlich«

Jugendliche und Kinder beschäftigten sich sechs ganze Tage gemeinsam mit jiddischer Musik, jiddischer Kultur, jüdischer Kultur, sprachen miteinander und untereinander Jiddisch, Deutsch, Englisch oder Russisch, besuchten gemeinsam Kabbalat Schabbat und ein paar Veranstaltungen. Die Jugendlichen vernetzten sich unter sich und mit Musikern wie Merlin Shepherd aus Brighton, Daniel Kahn aus Berlin (auch Detroit), Ilya Shneyveys aus Riga, Miléna Kartowski aus Paris, Jake Shulman-Ment aus New York, Diana Matut aus Halle, Deborah Strauss aus New York, Shakir Ertek aus Freiburg und Workshopleiter Andreas Schmitges. Die Jugendlichen konzentrierten sich auf ihre Instrumente, aber nutzten Tagesabschnitte auch, um in andere Bereiche hineinzuschauen. So ging es auch um Rhythmus, Tanz und Bewegung und war nicht nur ein reines Hinarbeiten auf ein Abschlusskonzert – welches natürlich auch stattfand. Es war also eine Art Musik-Machane für das einige Teilnehmer auch weitere Anfahrten hinnahmen.
Auch die Neuauflage des Workshops war eine Möglichkeit, in das bunte Spektrum der jüdischen Kultur zu schauen, welches normalerweise außerhalb des Ruhrgebiets stattfindet. Man müsste sich von hier aus dorthin bewegen, um daran teilhaben zu können.

»Unverzeihlich« also, dass es tatsächlich junge jüdische Musiker gab, die nicht den Weg in die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen fanden.
Wenn sich die Teilnehmer selber eine Neuauflage wünschen, ist das Zeichen genug, dass vieles richtig gemacht wurde.

Ein paar Szenen aus dem Abschluss-Konzert:

Das gleiche Stück gibt es auch aus einer anderen Perspektive (und weniger professionell) von mir gefilmt (hier).

Als Reverenz an die russische Musikkultur wurde auch eine russische Romanze gemeinsam gesungen:

Vermutlich einmalig war ein jiddischer Rap über Döner im Ruhrgebiet. Hierzu gibt es keine Aufnahmen – man hätte also selber kommen müssen…

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Daniel Kahn and The Painted Bird – Klezmer?

Irgendwann muss die Konzertreihe Klezmerwelten einfach wegbrechen und die gefällige Klezmerkost anbieten, die der Zuhörer erwartet. Fröhliches Musikantenschtetl. Bisher ist es nicht der Fall. Am Abend des 31. Oktober ging es im Saal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen jedenfalls damit weiter, Erwartungen zu durchkreuzen und zu zeigen, dass Klezmer auch mehr kann, als irgendwie so zu tun, als sei es der Soundtrack zu einem traurigen Film über die jüdische Geschichte. Wer daran Interesse hat, dem wird gerade von Ben Becker die passende Kost serviert.

Daniel Kahn

Daniel Kahn

Letztendlich war es da nur folgerichtig, dass dann auch Daniel Kahn & The Painted Bird eingeladen wurde. Der bemühte sich redlich, zwischendurch möglichst grimmig zu wirken – ganz wie seine Songs. Keiner wollte schmeicheln oder den Zuschauer mit Nostalgie streicheln. Statt dessen zeigte er uns allen, warum Mordechaj Gebirtig ein Genie war und wie aktuell seine Texte noch heute sein können – wenn man sie gekonnt in die heutige Zeit überträgt und genau das macht Daniel Kahn mit seiner Gruppe (Hampus Mehlin am Schlagzeug, Michael Tuttle am Kontrabass, Jake Jake Shulman-Ment an der Geige). Aber nicht nur klassische jiddische Texte überträgt Daniel Kahn, sondern auch Texte von Leonard Cohen (seinem Rabbi, wie Daniel Kahn sagte) und Franz Josef Degenhardt. Dessen die alten Lieder hat Kahn ins Englische und Jiddische übertragen und mit einer zeitgemäßen Note versehen. Stets ein wenig ironisch. Bei der Interaktion mit dem Publikum fragt man sich, was er wohl von ihm hält? Kennt er die verschiedenen Erwartungshaltungen an Klezmer im Allgemeinen und an ihn im Besonderen?
Ist das noch Klezmer? Bestimmt, aber nicht der Klezmer der Celan-Feidman-Fraktion. Immer wieder warf sich Kahn in Pose, riss mehrmals die Faust nach oben und gab sich kämpferisch.
Unterstützt wurde Kahn übrigens zwischendurch von Ilya Shneyveys am Flügel und Merlin Shepherd an der Klarinette. Am Ende lud er die Kinder und Jugendlichen des Klezermerworkshops Gelsenkirchen nach vorn. Nach dem Konzert bestand kein Zweifel daran, dass den Workshop-Teilnehmer gezeigt wurde, wie man zeitgemäß mit diesem Teil der jüdischen Kultur heute umgeht.
Ein rundes Bild ergab sich auch deshalb, weil alle anderen Dozenten vor Daniel Kahn auftraten und zeigten, was sie musikalisch können. Shakir Ertek, Miléna Kartowski, Diana Matut und Deborah Strauss traten miteinander und als Solisten auf und zeigten ihre individuellen Stärken.

Anhand des ארבעטלאזע מארש Arbetloze marsch (der auch in Gelsenkirchen aufgeführt wurde) von Mordechai Gebirtig kann man ganz gut sehen, was Daniel Kahn mit den alten Stücken heute anstellt:

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Klezmer aufgebelft

Freylikhs Brider in Gelsenkirchen

Freylikhs Brider in Gelsenkirchen

Das Ruminski Orkestr Belfa – das Rumänische Orchester von Belf muss sehr populär gewesen sein in Osteuropa und dem Balkan um das Jahr 1912 herum. Schellack-Platten von ihnen fand man überall dort. So eröffnete Alan Bern, selber eine Größe im Klezmer Business, den Abend mit der Gruppe Freylekhs Brider. Aber er fügte auch hinzu, dass der Sound der Belfs recht ungewohnt war. So als würde jemand Klezmer parodieren. Eben ein wenig übertrieben, auch orientiert an dem, was in der nichtjüdischen Musikwelt passierte. Und das ist der Punkt, an dem die Klezmerwelten Gelsenkirchen ihre Stärke haben: Unkonventionelles zu präsentieren. Das haben die Franzosen um Amit Weisberger (Violine), die Musiker Lauren Clouet (Klarinette), David Brossier (Sekund-Violine), Marine Goldwasser (Flöten), dann auch durchgezogen. Mal gab es eindeutig Balkanklänge auf die Ohren, dann einen Walzertakt und beeindruckende Solo-Einsätze und Zeugnisse anderen Einflüsse. Alles auf Instrumenten, die wohl auch bei den historischen Vorbildern zum Einsatz kamen. Plus: Das alles ein wenig aufgedreht, man könnte nun auch sagen aufgebelft.
Das war für sich schon so gut, dass der Einspieler eines Schellack-Platten-Kratzens zu Beginn der Veranstaltung gar nicht notwendig gewesen wäre. Durch den Abend führte dann auch Amit Weisberger, der recht facettenreich daherkam. So spielte er zunächst zurückhalten und kontrolliert, tanzte aber in der nächsten Sekunde über die Bühne, um dann wieder ruhig etwas zur Musik zu erzählen. Er sang in französischer Sprache, auf Jiddisch und Hebräisch. In jeder Sprache präsentierte sich Weisberger anders. Ein dynamischer Abend also, wieder abseits der Standardkost.

Übrigens: Noten der Belfs kann man hier finden.
Übrigens 2: Zu hören sein wird das Konzert auch im Radio. Am 9.11.2013 bei WDR 3.

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Klezmerworkshop in Gelsenkirchen

2012 kündigten die Klezmerwelten (in Gelsenkirchen) einen »Klezmerworkshop für junge Menschen« an. Das klang nicht so sehr vielversprechend, weil Klezmer in Deutschland häufig in einem negativen folkloristischen Sinne verstanden wird, dennoch haben wir unsere Skepsis überwunden und der Sache eine Chance gegeben. Insbesondere, weil die beteiligten Musiker aus vielen Ländern kamen und so ein wenig Internationalität mitbrachten.

Es kam natürlich ganz anders: Die Sorgen nach folkoristischer Kost wurden zerstreut und die Zusammensetzung der Akteure haben bewirkt, dass bestimmte Klezmerinterpretationen ihr Gojim naches Image verlieren und den Zuhörern Musik um die Ohren spülten, auf die sie nicht vorbereitet waren, aber insbesondere bei den Nichtsenioren Begeisterung auslöste (siehe etwa hier).
Die teilnehmenden Jugendlichen (mit allen möglichen Hintergründen) beschäftigten sich in kleinen Gruppen mit Instrumentalmusik, Tanz und Gesang – auch mit neuen Formen der Musik und den unterschiedlichsten Instrumenten. So kam eine Saz zum Einsatz oder die Rap-Version eines jiddischen Klassikers. Die Dozenten des Workshops formten daraus innerhalb von einer Woche eine funktionierende Gruppe. Ausdrücklich bedauerlich war die Tatsache, dass aus den Ruhrgebietsgemeinden niemand teilnahm.

Dozenten des Klezmerworkshops 2012

2013 sollten mehr jüdische Jugendliche die Gelegenheit nutzen, Kontakte mit Künstlern aus den USA und UK knüpfen zu können und vielleicht ausloten, was jüdische Kultur ausmacht. Ist Klezmer überhaupt jüdische Kultur? Wie geht man zeitgemäß damit um? Hat Jiddisch komplett ausgedient? (Warum es das nicht tut, kann man hier nachlesen)

Nun haben Jugendliche aus dem Ruhrgebiet eine zweite Chance! Vom 27.10.2013 bis zum 3.11.2013 (zweite Hälfte der Herbstferien in NRW) wird der Workshop wieder stattfinden.

Details zum Workshop kann man sich hier anschauen. Einen Flyer kann man sich hier herunterladen. Im Flyer ist auch zu finden, welche Dozenten in diesem Jahr mitarbeiten werden.

Ein (nicht professionell aufgenommenes) Video von einem Song des Abschlusskonzerts ist hier versteckt.