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Haggadah online

Ausschnitt aus der Tegernsee Haggadah

Ausschnitt aus der Tegernsee Haggadah

Eine kleines Projekt, in dem schon ein paar Stunden Aufwand stecken: Eine Haggadah online. Diese gibt es nun eine vollständig (hoffentlich) online und in deutscher Sprache. Was eigentlich ein Novum sein sollte; wenn man über eine Haggadah mit hebräischem Text und einigen Illustrationen spricht.
Der eigentliche Beginn der Seite lag in ein paar Basisinformationen zur Haggadah und der Präsentation der Bilder aus einer Haggadah, die im 15. Jahrhundert entstanden ist. Aber dann kamen aber immer mehr Textabschnitte hinzu und schließlich machte es keinen Sinn mehr, den einen Text mit einer Übertragung vorzustellen, aber einen anderen nicht. Das Ergebnis ist also hier zu betrachten.
Schließlich wurde der Text auch unter eine Creative Commons Lizenz (Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz) gestellt. Vielleicht verwenden ja deutschsprachige Nutzer den Text als Startpunkt für eine eigene Haggadah und teilen diese ebenfalls (was sie tun müssten, laut Lizenz). Mal schauen, ob das jemand tut.

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Eine äthiopische Haggadah

Eine äthiopische Haggadah ist sie eigentlich nicht, die The Koren Ethiopian Haggada, vielmehr ist es eine Haggadah über äthiopische Juden. Sie bringt also keinen Seder nach Ritus nach Art der Juden aus Äthiopien mit, sondern vielmehr einen orthodoxen Standardseder angereichert mit Auszügen, Geschichten, Bildern und gestalterischen Elementen, die aus der Welt dieser Juden mit, die lange vom rabbinischen Judentum getrennt waren und dennoch eigene Bräuche und Riten erhalten haben und zum größten Teil Äthiopien verlassen haben (nach zwei großen Auswanderungsoperationen 1984 und 1991).

Ordnung des Seders Amharisch-Hebräisch

Ordnung des Seders Amharisch-Hebräisch

Mein Wissen über den verlorenen Stamm hielt sich in Grenzen. Beschränkte sich eben auf die geschichtlichen Fakten. Über die verbliebenen Bräuche, über die religiöse Welt der äthiopischen Juden wusste ich nicht so sehr viel. Weil es offenbar vielen Menschen so geht, hat Koren wohl diese Haggadah vorgelegt. Es wird die Geschichte des Exodus (und da sind wir beim Seder) aus Äthiopien erzählt, aber auch ein Reihe von Geschichten und Quelltexten in englischer Übersetzung angeboten. Dazu recht viele Fotografien und Dokumente, die das Leben in Äthiopien und später in Israel dokumentieren. Einige dieser Quellentexte stammen von den Falascha selber, andere stammen von Juden, die sich für die äthiopischen Juden interessiert haben, bevor der Staat Israel existiert hat. Etwa von Joseph Halvy.
Einige gestalterische Elemente, die sich aus der äthiopischen Kunst bedienen, wurden ebenfalls verwendet.
The Koren Ethiopian Haggada - Blick ins Innere

The Koren Ethiopian Haggada - Blick ins Innere


Die Fülle des Materials ist riesig, gestaltet ist das Buch hervorragend (Koren halt). Es ist spannend, darin zu blättern und etwa die äthiopischen Sagen über Mosche zu lesen. Am Sederabend wird man kaum dazu kommen, wirklich alles vollständig wahrnehmen zu können (es sei denn, der Leiter des Seder ist wirklich sehr sehr langsam). Die Texte sind jedoch kein Kommentar zur Haggadah, sondern erzählen die Geschichte eher begleitend. Für diejenigen, die schauen wollen, dass jüdisch nicht nur aschkenasisch bedeutet, ein guter Schritt. Immerhin müssen sie nicht einmal ihren eigenen Nussach verlassen und lernen dennoch etwas dazu.

Die Haggadah ist derzeit auch über amazon erhältlich.

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New American Haggadah

New American Haggadah
Jonathan Safran Foer, Nathan Englander, Jeffrey Goldberg, Lemony Snicket, Rebecca Newberger Goldstein und Nathaniel Deutsch. Das könnte das Who is Who der modernen jüdischen US-amerikanischen Intellektuellen sein und das ist es vermutlich auch. Gemeinsam haben sie aber eine neue Haggadah herausgebracht, die New American Haggadah (hier kann man hineinschauen) nicht zu verwechseln mit The New American Haggadah die aus der rekonstruktionistischen Bewegung kommt.
Mit Oded Ezer kommt noch ein innovativer israelischer Typograph hinzu. Zugleich ist es eine Haggadah, die den traditionellen Text mitbringt, ihn jedoch mit modernen Elementen verschmilzt und über die Typographie eine starke gestalterische Gewichtung erhält. In seinem flickr-Stream präsentiert er einige Einblicke (anschauen!).
Es hat den Anschein, als sei für alle etwas dabei: Für die jüdischen Hipster, für die Literaturbegeisterten, die Design-Interessierten, für die Orthodoxen, für die Liberalen oder einfach nur für alle, die sich intellektuell mit der Geschichte auseinandersetzen wollen, die zum Seder erzählt wird. Jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, was alles machbar ist und über welche Wege man sich dem Thema annähern kann.
Die Haggadah hat 160 Seiten und ist bei Little, Brown and Company erschienen. In Deutschland wäre sie über amazon erhältlich.

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Was passiert mit der Haggadah von Sarajevo?

Sarajevo Haggadah - Sedertisch

Aus der Sarajevo Haggadah: Sedertisch. Man beachte die Frau unten links. Ist es die Frau von Mosche, von der in der Torah gesagt wird, sie sei schwarz gewesen?

In meinem aktuellen Artikel für die Jüdische Allgemeine beschäftige ich mich mit der Schließung des Nationalmuseums von Bosnien und Herzegowina. Im Nationalmuseum wird die Sarajevo-Haggadah ausgestellt. Für mich ist die Schließung dieses Museums ein Hinweis darauf, dass der Nation-Building Prozess nicht so funktioniert, wie man sich das zunächst vorstellte. Zudem ist die Schließung des Museums, die noch recht unbeachtet hierzulande blieb, auch kein gutes Zeugnis für die europäische Gemeinschaft. Sie hat weder den Krieg verhindert, noch es vermocht, die Bevölkerung zu schützen. Dabei war Sarajevo ein besseres Beispiel für das Zusammenleben von Judentum, Islam und Christentum, als es das vielbeschworene Al Andalus war. Schon nach der Gründung der Stadt lebten Juden in Sarajevo. Ohne Ghettomauern zunächst sefardische, später auch ein paar aschkenasische Juden. 1921 sprachen 10 000 von 70 000 Einwohnern Sarajevos Ladino (siehe hier). Stets waren es Konflikte, die anderswo ausbrachen, die das Zusammenlebten verkomplizierten oder unmöglich machten.
Heute dürfte es noch etwa 1000 Juden in Sarajevo geben. Der Hauptaugenmerk des Artikels liegt jedoch auf der Haggadah und die unausgesprochene Angst, dass man im Ausland meint, man könne besser auf die Haggadah aufpassen, als die Bosnier und vielleicht bei der Gelegenheit auch an das Dokument gelangen.
Den gesamten Artikel gibt es hier online.

Szene aus der Sarajevo Haggadah

Szene aus der Sarajevo Haggadah

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Liberale Pessach Haggadah


Zwar steht Purim vor der Tür, aber Pessach wird kurz darauf folgen. Haggadot in deutscher Sprache gibt es ein paar, allerdings sind die wenigsten aktuelle Ausgaben. Eine liberale Haggadah gab es vor einiger Zeit im Knesebeck Verlag, doch diese war eher liberale darin, dass man den traditionellen Text etwas besser übersetzte und im Tischgebet die Imahot mit einbezog. Das führte bei einigen Familien, die nicht alles sprechen wollten, zu herumgeblättere.
Doch eine liberale Haggadah, wie es sie vor der Schoah in Deutschland gegeben hat, gab es in vielen Gruppen nur noch als Kopiervorlage. Rabbiner Caesar Seligmann beispielsweise schuf eine recht intensiv bearbeitete Haggadah und diese war ein Stück weit Vorbild für die aktuelle Ausgabe einer deutschsprachigen (und hebräischsprachigen natürlich) Haggadah. An dieser habe ich die letzten Nächte verbracht und mache sie nun als Buch der Welt verfügbar.
Erhältlich ist sie ab sofort hier für 5,50 Euro. Großbesteller erhalten Rabatt 😉 Hinweis für Besteller: Die Lieferung dauert etwa 8 Tage.
Oben ist ein kleiner Querschnitt zu blätterzwecken eingebunden.

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Die Geschichte der Sarajevo Haggadah

Sarajevo Haggadah
Die Geschichte der Haggadah von Sarajevo an sich ist schon höchst faszinierend und für mich schon seit langer Zeit der Inbegriff dessen, was vielleicht nur in Bosnien möglich war. Ein jüdisches Buch, eine herrlich bebilderte Haggadah, wird von Muslimen vor den Nazis, dann vor serbischem Artilleriefeuer gerettet und taucht dann kurz nach dem Krieg zu Pessach wieder in der jüdischen Gemeinde Sarajevo auf. Sie trägt sichtbare Spuren ihrer Benutzung am Sederabend und zahlreiche Hinweise darauf, was mit ihr passiert sein könnte. Sie wurde um 1350 in Spanien geschrieben (entweder in Saragossa oder Barcelona) und gelangte mit sefardische Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien 1492 über Umwege auf den Balkan.
2007 machte Geraldine Brooks aus der faszinierenden Geschichte (hier detailliert nachzulesen) einen Roman namens People of the book, der nun unter dem Titel Die Hochzeitsgabe erschienen ist und die fehlenden Puzzlestücke in der Geschichte der Haggadah in einer fiktiven Rahmenhandlung erzählt. Immer jedoch in Anlehnung an die wahre Geschichte des Buches. Ich hatte das Vergnügen, die deutsche Ausgabe vor Erscheinen lesen zu dürfen. Zum einen wird die Geschichte der Buchrestauratorin und Wissenschaftlerin Hanna erzählt, die sich der Geschichte des Buches über Hinweise nähert, zum anderen in Episoden die Geschichte der Haggadah. In diesen Episoden begleitet der Leser Personen die mit der Haggadah zu tun hatten bzw. Teil ihrer Geschichte gewesen sein könnten. Das erzählt, völlig nebenher auch kleine Fetzen europäisch-jüdischer Geschichte (und auch über diesen geographischen Raum hinaus). In diesem Zusammenhang betrachtet, erscheint es dem Leser als viel größeres Wunder, dass die Haggadah die letzten 600 Jahre unbeschadet überstand. Die Ausweisung der Juden aus Spanien, die Inquisition, die Weltkriege und den Balkankrieg. Der Titel der deutschen Übersetzung führt etwas auf den Holzweg, den es geht eigentlich weniger um eine Hochzeit (wohingegen eine im Verlauf der Handlung vorkommt), sondern eigentlich ausschließlich um die Haggadah und diejenigen, die mit ihr zu tun hatten. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht eine Kette von Happy Ends ist und teilweise geht Brooks bis an die Schmerzgrenze. Vielleicht ist das der Lesestoff für den herannahenden Winterabend.
Die Hochzeitsgabe bei amazon. In der aktuellen Ausgabe derZeitschrift der Jüdischen Gemeinden Kroatiens findet sich die Geschichte übrigens ausführlich in kroatischer Sprache KNJIGA O EGZODUSU.