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Religion und Einsamkeit in der kleinen Stadt

In dieser Woche blieb ich an einem Zeitungsartikel aus einer Lokalzeitung hängen (über google-News). Ein Mann möchte in einer Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern eine jüdische Gemeinde gründen oder aufbauen.
Das klang zunächst einmal interessant.
Das Bild zum Artikel zeigt einen bärtigen Mann mit Kippah und Tallit-Katan. Er sei – gefühlt -der einzige Jude in der Stadt und wünsche sich mehr Kontakt zu anderen Juden. Er möchte Brüder und Schwestern einladen, sich bei ihm zu melden.
Eine Frage drängt sich auf: Könnte er die nächstgelegene Gemeinde fragen, die auch für seine Stadt verantwortlich ist?
Diese weiß, wer und wie viele Menschen dort jüdisch sind.

Aber na gut, er sucht den Weg über die Medien.
Seit einem Jahr »bekenne« er sich zum Judentum, informiert der Artikel. Seitdem gälte er als Exot. Sei sogar schon antisemitisch angepöbelt worden – wegen der Kippah.

Google hilft dann bei einer Zeitreise. Die gleiche Person. Der Name ist, verbunden mit der geographischen Angabe, nicht sehr häufig.
Hier werde ich schnell fündig. In einem Unterstützerforum für den Salafisten Pierre Vogel.
Er sei so alleine in seiner Stadt. Es gäbe zwar eine Moschee, aber dort möchte niemand mit ihm etwas zu tun haben. Schließlich habe man Vorbehalte gegen die Salafisten. Traurig sei das. Er lade Mitbrüder ein, sich bei ihm zu melden.

Bei Youtube schreibt er zu einem anderen Zeitpunkt, er trage Krischna im Herzen. Leider sei er allein in seiner Stadt und suche Kontakt zu anderen Mitbrüdern und Schwestern. Er würde gerne in den Mönchsstand eintreten.

Erschreckend ist, dass ich mir das nicht ausgedacht habe und dass das Judentum nun ein weiteres Spielfeld des Herren ist.

Die Redaktionen der Lokalzeitungen greifen das begeistert auf und geben das relativ kritiklos weiter. Ohne Hintergrundcheck. Es bleibt zu hoffen, dass sich keine Jüdinnen und Juden bei ihm melden und sich an die lokale jüdische Gemeinde halten.

Aber: Ich bin mir sicher, es wird weitere Religionen geben, die wenig Anhänger in der Stadt haben.

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Mitgliederstatistik überrascht nicht

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden 1955 – 2016

Nach Pessach veröffentlicht die ZWST traditionell die Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Vorjahr. Wie viele Mitglieder haben die Gemeinden insgesamt? Wie viele hatten sie im Vorjahr? In der Gesamtbetrachtung kann man daraus eine Entwicklung ablesen. Und diese ist seit 2007 rückläufig. Seit diesem Jahr verlieren die Jüdischen Gemeinden Mitglieder. 2006 also hatten die Gemeinden mit 107.794 Personen die höchste Anzahl von Mitgliedern seit 1949. 2015 sank die Zahl erstmals unter die Grenze von 100.000. 2016 nun liegt die Zahl der Gemeindemitglieder bei 98.594.

Woran das liegt, ist offensichtlich. Die Anzahl der »Abgänge« übersteigt die Anzahl der »Zugänge«. Oder weniger euphemistisch formuliert: Es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Es fehlen mindestens 1244 Babys um das aufzufangen.
Zunächst die wichtigsten Eckdaten in der Übersicht:

2013 2014 2015 2016
Geburten 250 243 277 265
Sterbefälle 1244 1335 1476 1498
Übertritte 70 68 59 98
Austritte 418 528 422 412
Einwanderer 444 652 674 409
Auswanderer 150 169 142 187

Wo wir schon bei Babys sind: 1989 gab es in Deutschland 807 Kinder im Alter zwischen 0 und 3.

2016 waren es 1.051. Kling unspektakulär?
Dann formulieren wir das anders. 2016 hatten die Gemeinden mehr als als dreieinhalb mal soviel Mitglieder als 1989 (98.594 gegen 27.711). Wir könnten also 2.800 Kinder in diesem Alter erwarten…

Betrachten wir die Zu- und Abgänge im Detail für das Jahr 2016:

Zugänge versus Abgänge 2016

Und nun noch die Entwicklung der Zu- und Abänge: Hier wird leider eine Tendenz deutlich – bei einer kleiner werdenden Gesamtzahl – steigt die Zahl der Todesfälle.

Entwicklung der Zugänge und Abgänge

Für 2016 kann man festhalten, dass diese Entwicklung nahezu jede Gemeinde erfasst hat. Warum nahezu? Bevor diese Frage beantwortet wird, zunächst ein Blick auf »Gewinne und Verluste« auf Ebene der Landesverbände:

Landesverband 2015 2016 Differenz zum Vorjahr
Baden 5457 5383 -74
Bayern 8753 8709 -44
Berlin 9865 9735 -130
Brandenburg 1091 1224 133
Bremen 940 907 -33
Frankfurt/M. 6604 6503 -101
Hamburg 2445 2447 2
Hessen 4758 4676 -82
Köln 4077 4026 -51
Mecklenburg-Vorpommern 1412 1342 -70
München 9507 9485 -22
Niedersachsen 6843 6724 -119
Niedersachsen (liberale) 1233 1222 -11
Nordrhein 16311 16200 -111
Potsdam 416 414 -2
Rheinland-Pfalz 3181 3145 -36
Saar 918 894 -24
Sachsen 2560 2533 -27
Sachsen-Anhalt 1355 1340 -15
Schleswig-Holstein 1210 1161 -49
Schleswig-Holstein 748 698 -50
Thüringen 739 710 -29
Westfalen 6356 6251 -105
Württemberg 2916 2865 -51

Warum also nahezu? Weil es zwei Ausnahmen gibt: Eine davon ist Hamburg. Hamburg konnte seine Anzahl der Mitglieder von 2.445 in 2015 auf 2.447 im Jahr 2016 steigern. Zwei Personen kamen hinzu. Wenn man sieht, dass die Gemeinde Frankfurt am Main genau 100 Mitglieder verloren hat, dann mag man nicht mehr über einen Zuwachs von 2 schmunzeln. Eine weitere Ausnahme ist Brandenburg. Hier kamen 133 Mitglieder hinzu. Besonders Oranienburg hat Mitglieder hinzugewonnen. Potsdam hingegen massiv verloren. Hatte die Gemeinde 2010 noch 393 Mitglieder, so waren es 2016 nur noch 210. Es scheint, als müsste man bei der Planung der neuen Synagoge berücksichtigen, dass man die Infrastruktur für eine kleine Gemeinde anlegt.
Im Landesverband Nordrhein dürfte die Gemeinde Düsseldorf den größten Verlust von Mitgliedern erleiden. Waren es 2010 noch 7.080, so waren es 2016 noch 6.713. Und das obwohl Düsseldorf als Stadt eigentlich immer mehr Menschen anzieht.

Israelis und Berlin

Berlin liegt im Fokus wenn es um Israelis geht. Wie viele mag es dort geben? Die Jüdische Gemeinde Berlins (135 Mitglieder weniger als im Vorjahr) scheint nicht von dem Boom, sofern es einen gibt, zu profitieren. Da sie dementsprechend nicht bei der Gemeinde angemeldet sind, gehen sie auch nicht in die Statistik ein.

In Berlin waren am 31.12.2016 4.680 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit gemeldet. Israelis, die mit deutscher Staatsbürgerschaft in Berlin leben, dürften damit nicht erfasst sein (rein technisch sind sie ja auch keine Israelis mehr). Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat eine smarte Schnittstelle für Datensammler. Die folgenden Daten entstammen dem Einwohnerregister Berlins:

Bezirk Personen
01 Mitte 685
02 Friedrichshain-Kreuzberg 678
03 Pankow 566
04 Charlottenburg-Wilmersdorf 1319
05 Spandau 79
06 Steglitz-Zehlendorf 314
07 Tempelhof-Schöneberg 434
08 Neukölln 375
09 Treptow-Köpenick 54
10 Marzahn-Hellersdorf 32
11 Lichtenberg 70
12 Reinickendorf 74
Berlin insgesamt 4680

Sind sie alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Berlin? Natürlich nicht.
Wir machen die Gegenprobe. Für den 31.12.2014 hielt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg fest, dass 3.991 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit lebten. Die Zahl hat sich also in zwei Jahren um 689 erhöht. Das müsste dann bedeuten, die Gemeinde hätte in zwei Jahren etwa 680 neue Mitglieder haben können. 2016 meldeten sich 215 Einwanderer (aus welchem Land sie kamen ist unbekannt) bei der Gemeinde an, 2015 waren es überhaupt keine. Also tatsächlich: Diese Gruppe kommt in der Gemeinde nicht an. Aber man stelle sich das vor?! Berlin hat 9.735 Mitglieder. Die Israelis könnten eine große Gruppe innerhalb der Gemeinde bilden und den Kurs erheblich beeinflussen.

Daten

Alle Daten kann man bei der ZWST nachlesen.

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Wieder fünfstellig

Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden 2015

Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden 2015

100.437 Mitglieder hatten die Jüdischen Gemeinden im Jahr 2014 – sechsstellig. Im Jahr 2015 wurde die Mitgliederzahl wieder fünfstellig mit 99.695 Mitgliedern.
2003 erreichte überschritt die Anzahl der Gemeindemitglieder die Marke 100.000 – 2007 dann der Höhepunkt mit 107.330. In nur 8 Jahren 7.635 Mitglieder weniger. Das entspricht schon einer sehr großen Gemeinde. Wir sind heute ungefähr auf dem Stand von 2002. Wie in den letzten Jahren muss man fragen, ob man nicht ernsthaft die Infrastruktur downsizen sollte. Vielleicht die Synagogen kleiner planen als heute notwendig, nämlich so, dass sie auch in 10 Jahren unterhalten werden können.

Heute sind 53% aller Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre alt:

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Schlechte Zeiten übrigens für Junge Männer und gute Zeiten für junge Damen: Bei den unter 30jährigen gibt es einen klaren Männerüberschuss. Werden diese jungen Männer ins Ausland gehen? Alle Männer über 30 müssten eigentlich auf ein Überangebot treffen.

Die wichtigsten Eckdaten seit 2013 im Vergleich:

2013 2014 2015
Geburten 250 243 277
Sterbefälle 1244 1335 1476
Übertritte 70 68 59
Austritte 418 528 422
Einwanderer 444 652 674
Auswanderer 150 169 142

Von den 422 Austritten entfallen 109 nur auf die Gemeinde Berlin.

Interessant wäre es nun, wenn man eine Übersicht über die Mitgliedszahlen der beiden Adass Jisroel Gemeinden in Berlin hätte und die Anzahl der Israelis in der Stadt irgendwo verlässlich ablesen könnte. Von ihnen dürften die wenigsten Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin sein. Dort hat man aber zumindest in zwei Synagogen Erfolge verzeichnen können. In den Synagogen Rykestraße und Fraenkelufer scheint man die jüngeren Generationen ins Boot geholt zu haben. Die Synagogen scheinen also besser besucht zu sein, wohingegen die Mitgliederzahl der Gemeinde kontinuierlich sinkt. 2014 waren es noch 10.009 Mitglieder 2015 waren es nur noch 9.865. Zugänge aus dem Ausland sind für das Jahr 2015 mit 0 beziffert.

Alle Daten kann man in der Statistik der ZWST nachlesen.

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Große Synagogen und so

Westend-Synagoge (Frankfurt am Main) von Dontworry (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Westend-Synagoge (Frankfurt am Main) von Dontworry (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

In zahlreichen Synagogen (vor allem im Ausland, vereinzelt auch in den Groß-Groß-Gemeinden in Deutschland) muss man sich Platzkarten für die Gebete an Rosch haSchanah und Jom Kippur besorgen. Das sind ja DIE Tage, zu denen man sich in der Synagoge sehen lässt.

Gebete in großen Gemeinden sind beeindruckend, oft gut durchorganisiert und etwas für diejenigen, die eine konzertartige Atmosphäre schätzen. In der Vergangenheit habe ich mich bei einem Jom-Kippur Gebet in einer großen Synagoge gefragt, wie das Gebet gewesen sein muss, bei dem Franz Rosenzweig beschloss, zum Judentum zurückzukehren. Vielleicht war das eben keine große Synagoge.
Vielleicht auch eine mit wenig Zuschauern, als vielmehr mit zahlreichen Mitbetern und das allein macht für mich die Stimmung der Hohen Feiertage aus:
Wenn alle Anwesenden sich auf eine ähnliche Sache konzentrieren und vom Tag beseelt sind (darf man dieses Wort noch verwenden?) – da spielt es keine Rolle, ob es eine große oder kleine Synagoge ist – ob 700 Beter anwesend sind oder 10.
Rosch haSchanah und Jom Kippur war ich in einer mittelgroßen Synagoge einer kleinen Gemeinde und leider waren kaum Beter da. Selbst an Jom Kippur kam erst am späten Vormittag ein zehnter Mann.
Und dennoch war die Stimmung nicht so sehr schlecht. Es wäre sicherlich etwas gemütlicher gewesen, wenn wir eine kleinere Synagoge hätten nutzen können. Es bleiben während der normalen Gebete viele Plätze leer und das drückt auf die Atmosphäre, man kann auch sagen, es lässt nicht so sehr viel Kawanah zu.

Dann gibt es aber auch (große) Synagogen, in denen die Atmosphäre weniger konzertartig ist; aber nicht, weil alle mit voller Konzentration dabei sind, sondern eher, weil viele eher mit anderen Dingen beschäftigt sind.
Dass man sich zwischendurch unterhält ist verständlich oder mindestens nachvollziehbar. Aber wenn man das auf richtig viele Anwesende hochrechnet, dann wird es doch relativ unruhig und das lenkt wiederum von der Hauptsache ab.

Vielleicht sogar so unruhig, dass auch erfahrene Organisatoren das Handtuch werfen. Der (neue?) Blogger Daniel war wohl Organisator (Experten sprechen von einem Gabbaj) in der Westend-Synagoge (Frankfurt am Main) – nicht die kleinste Gemeinde und nicht die kleinste Synagoge. Jedenfalls hat er nun das »Handtuch geworfen«, wie er schreibt.

Immer und immer wieder haben wir uns in den letzten zehn Jahren im Synagogenvorstand gemeinsam mit den verschiedenen Gemeinderabbinern, der Gemeindedirektion oder auch diversen Vorstands- und Gemeinderatsmitgliedern den Kopf darüber zerbrochen, was man wohl alles noch tun könne, um insbesondere zu den hohen Feiertagen für mehr Ruhe und Würde in der Synagoge zu sorgen.
von hier (danielsblog.kornfamily.de)

Dem könnte man entgegnen: »Luxusprobleme! Seid doch froh, wenn die Leute kommen!«
Aber das greift vielleicht doch zu kurz, weil es das Problem nicht treffend beschreibt, welches wir heute haben. Es mag sein, dass zu gesellschaftlichen Aktivitäten recht viele Leute erscheinen, aber wenn es um Inhalte geht, wird es schon etwas dünner. Wenn es dann um religiöse Inhalte und eine Auseinandersetzung geht, wird es noch weniger.
Die Aufgabe sollte also nicht lauten:
Wie bewege ich mehr Leute in die Synagoge
– sondern:
Wie bewege ich mehr Leute dazu, in die Synagoge kommen zu wollen.

Das dürfte dann auch die negativen Begleiterscheinungen mildern.

Vielleicht wäre das Motto des Shtiebels Budapest ein guter Start: »We just need a minyan plus one«. Ein Projekt, das winzig(st) begann und dann von innen heraus gewachsen ist (2011 erwähnte ich das Projekt hier).

Update nach einem Kommentar von Yankel Moishe:

Tiergarten Synagoge

Tiergarten Synagoge

Die Synagoge in der Franz Rosenzweig an Jom Kippur des Jahres 1913 zum Judentum »zurückkehrte«, war die die Synagoge »Potsdamer Brücke« in der Rabbiner Dr. Marcus Petuchowski tätig war. Dr. Marcus Petuchowski war Absolvent des Berliner Rabbinerseminars, welches von R. Hildesheimer gegründet wurde. Die Synagoge soll etwa 100 Plätze gehabt haben – war also mittelgroß. Betrieben wurde die Synagoge durch den Verein »Tiergarten-Synagoge e.V.«. Sie wurde 1875 erbaut und 1928 abgerissen, weil die Mitglieder sich innerhalb Berlins andere Wohnorte gesucht haben (sollen).

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Als Schmulik die beste Synagoge des Landes entdeckte

tallit_stapel

Schmulik schreckte hoch.
Er war jetzt hellwach. Er hörte absolut nichts.
Gar nichts.
Jetzt hörte er irgendwo das Flattern eines Vogels.
Gespenstische Ruhe lag über seiner Suite.
Die absolute Ruhe war dafür verantwortlich, dass er am frühen Morgen hochschreckte. Am Tag zuvor hatte noch Lena mit ihrem gleichmäßigen Schnarchen dafür gesorgt, dass Schmulik sanft weiterschlummern konnte. Sie war dann aber am Nachmittag abgereist. Obwohl das ein großes Wort ist. Schmulik hatte sie in ein Taxi gesetzt, dass sie für viel Geld nach München brachte. Die Ruhe, die Schmulik suchte, war nichts für Lena.
»Wir hören in uns hinein« hatte Schmulik angekündigt und für die Suite im Landhotel ein kleines Vermögen auf den Tisch gelegt.
Im Hotel hatte Lena hatte das gemacht, was Schmulik verlangt hatte – in sich hineingehört. Aber das war einfach nichts. Es war genau so ruhig, wie vor Schmuliks Suite.
Es antwortete niemand. Das war nichts für Lena. Sie verließ das kleine Städtchen. Es war wirklich sehr klein – aber sehr beliebt bei anderen »in-sich-hinein-hörenden« Gutverdienern. Zuletzt hatte Schmulik es mit Schloss Elmau versucht. Gebaut von jemandem, der meinte, nur durch Taufe sei mit Juden überhaupt irgendetwas anzufangen, war es heute regelmäßig Convention-Center der Anhänger des feuilletonistischen Judentums.
Da musste doch etwas dran sein?
War es nicht.
Warum musste man sich mit Kultur vom Pöbel unterscheiden, wenn man das hier schon über das Geld machte?
Und so landete Schmulik in diesem Kaff. Weiterlesen

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Mitgliederstatistik – noch weniger Mitglieder

Mitgliederstatistik der ZWST für 2014: Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Mitgliederstatistik der ZWST für 2014: Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Eine gewisse Dynamik ist zu erkennen – leider keine positive. Die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Jahr 2014 bestätigt den negativen Trend der vergangenen Jahre.
901 Mitglieder haben die Jüdischen Gemeinden gegenüber dem Jahr 2013 verloren. Von 2013 zu 2012 waren es 797 Mitglieder weniger. Davor 662 Mitglieder weniger. Bei einer kleineren Gesamtanzahl steigt also die Summe der Verluste. Die Tragik dieses Trends werden auch Nicht-Mathematiker erkennen.

Die wichtigsten Eckdaten direkt im Vergleich zu 2013:

2013 2014
Geburten 250 243
Sterbefälle 1244 1335
Übertritte 70 68
Austritte 418 528
Einwanderer 444 652
Auswanderer 150 169

Die Tabelle zeigt uns ein ganz interessantes Detail: Die Anzahl der Auswanderer ist nicht signifikant gestiegen. Trotz der schlechten Lage 2014 und der Massenauswanderung in Frankreich.

Hier eine Tabelle mit Zugängen und Abgängen. Bemerkenswerte Auffälligkeiten (positiv oder negativ) sind hervorgehoben. Potsdam verzeichnet ein Mitgliederwachstum von 6 Prozent und Saar eine Schrumpfung von 4%.

Mitglieder Zugang Abgang Prozent
Baden 5.282 748 627 2%
Bayern 8.923 125 328 -2%
Berlin 10.157 178 326 -1%
Brandenburg 1.082 49 32 [highlight]2%[/highlight]
Bremen 962 16 32 -2%
Frankfurt/M 6.753 245 331 -1%
Hamburg 2.481 78 107 -1%
Hessen 4.861 94 130 -1%
Köln 4.176 79 129 -1%
Meck-Pom 1.450 14 30 -1%
München 9.434 145 108 0%
Niedersachsen 6.993 91 170 -1%
Niedersachsen/lib 1.200 20 7 1%
Nordrhein 16.649 196 334 -1%
Potsdam 376 40 16 [highlight]6%[/highlight]
Rheinland-Pfalz 3.277 44 82 -1%
Saar 966 7 45 -4%
Sachsen 2.609 45 69 -1%
Sachsen-Anhalt 1.443 18 59 [highlight]-3%[/highlight]
Schleswig-Holstein 1.260 10 43 [highlight]-3%[/highlight]
Schleswig-Holstein lib. 713 37 20 2%
Thüringen 769 17 6 1%
Westfalen 6.583 92 227 -2%
Württemberg 2.939 50 81 -1%
Summe 101.338 2438 3339 -1%

Der Blick in die Zukunft ist über einen Blick auf die Altersstruktur möglich. 45% aller Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre:

Alterrstruktur der Jüdischen Gemeinden 2014

Alterrstruktur der Jüdischen Gemeinden 2014

Die Arbeit an einer Bereitstellung einer kleineren und effektiven Infrastruktur müsste also langsam beginnen.
Als man optimistisch in die Zukunft sah, schuf man Infrastrukturen für wachsende Gemeinden. Die schrumpfende Gemeinden werden vermutlich nicht die gleichen Mittel aufbringen können, um diese Strukturen langfristig zu erhalten.

Anhand der Darstellung oben kann man ganz gut erkennen, dass die Gemeinden nun so viele Mitglieder haben, wie in den Jahren 2002/2003.

Alle Daten kann man in der Statistik der ZWST nachlesen.

Zitat

Fraenkelufer

»Keine Synagoge muss leer sein. Wo Leute die Initiative ergreifen, sich nicht bremsen lassen, dranbleiben, auch wenn es schwierig wird, da bewegen sie auch etwas. Und das spornt dann wieder andere an«, so Jonathan Marcus. Das sei der Schlüssel für ein lebendiges Gemeindeleben: aktiv sein von unten und nicht institutionalisiert von oben.

Jonathan Marcus zur Belebung der Synagoge Fraenkelufer in der Jüdischen Allgemeinen(hier)

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Wieder Neues aus Berlin

Am 27. Januar 2014 konnte über die neue Gemeinde Kahal Adass Jisroel berichtet werden. Diese ist unabhängig von der Einheitsgemeinde. Nur zwei Monate später gibt es eine weitere unabhängige Gemeinde. Die »Unabhängige Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala«, die sich ganz klar im Reformjudentum positioniert. Damit wären zwei große Pole des Judentums abgedeckt. Die Orthodoxie und das Reformjudentum.
Wenngleich es Reformangebote unter dem Dach der Einheitsgemeinde gibt, ist wohl der Kurs der Einheitsgemeinde ursächlich für die zweite Neugründung in diesem Jahr. Nun ist sogar der ehemalige Vorsitzende der Einheitsgemeinde Albert Meyer ausgetreten. Der Vorsitzende der neuen Gemeinde ist Benno Simoni.

Auf der Facebookseite der Initiative wird dies auch deutlich formuliert:

Facebook-Seite der Unabhängigen Synagogengemeinde

Facebook-Seite der Unabhängigen Synagogengemeinde

»Unabhängig von der Willkür übergeordneter Organe, Synagogengemeinde auch über den Schabbat hinaus, Berlin als Ursprung des Reformjudentums- unser Auftrag!« (siehe hier)

Die Frage ist offen, ob die neue Gemeinde dynamisch gewachsen ist, oder ob sie eine Struktur schaffen will für einen Inhalt, der erst noch hineingefüllt werden soll. Aber es ist ein starkes Symptom dafür, dass sich diejenigen, die aktiv sein wollen, nicht mit den Strukturen auseinandersetzen wollen, sondern sich andere Wege suchen. Für eine Gemeinde natürlich keine günstige Entwicklung.

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Weiter weniger Mitglieder

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden; Zahlen von der ZWST

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden; Zahlen von der ZWST

Die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden ist da! Leider ist diese nicht besonders vielversprechend. Der Trend ist weiter negativ. Die Anzahl der Gemeindemitglieder geht weiter zurück.

Kurz gesagt: Von 102.135 auf 101.338 sank die Anzahl der Mitglieder. Das sind 797 Mitglieder weniger. Im Vorjahr waren 662 Mitglieder weniger. Es sind also wieder mehr weniger Mitglieder – um das einmal kompliziert zu formulieren. Weiter kratzen die Mitgliederzahlen also von oben an der Grenze von 100.000 Mitgliedern.

Die harten Fakten für 2013:

  • 250 Geburten und 1244 Todesfälle
  • 70 Übertritte und 418 Austritte
  • 444 Zuwanderer und 150 Auswanderer

Einer Geburt stehen also (leider) etwa fünf Todesfälle gegenüber. Übertritte sind natürlich kein Werkzeug, um die weitere Schrumpfung aufzuhalten. Eine Maßnahme wäre vielleicht eine Verminderung der Austritte.
Helfen, ohne etwas auf die Entwicklung auszuwirken, dürfte eine Anpassung der Infrastrukturen an kleinere Gemeinden sein. Viele wurden eingerichtet mit dem Blick auf die steigenden Mitgliederzahlen zwischen 1999 und 2004. Kleine Infrastrukturen dürften einfacher in ihrem Erhalt sein.
Kleine bis mittlere Gemeinden werden das vermutlich nicht durchhalten und jüdisches Leben wird sich auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren. Weniger auf viele kleine Gemeinden.

Die Altersstruktur spricht nicht für den Umkehr des gegenwärtigen Trends:
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