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#strangelovesongs Daniel Kahn und Sasha Lurje

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Bevor das Konzert begann, wartete eine Kiste auf der Bühne auf die Besucher. »Verhaltet euch ruhig« stand auf ihr. In Frakturschrift. Ein politisches Statement gleich zu Beginn des Konzerts? Das Thema war doch »strange love songs«? Wird da der Verfremdungseffekt verwendet? Es bleibt offen. Das hätte zu Berthold Brecht gepasst und Sänger (in diesem Fall) Daniel Kahn passt großartig zu Berthold Brecht.
Auf der Bühne wirkt er dann wie eine Figur aus einem Stück von Brecht. Er führt selbstironisch durch das Programm, kommentiert die eigene Haltung zu den Stücken und singt natürlich auch Brecht. Auf Jiddisch. Die Übersetzungen stammen von Daniel Kahn selber und wirken, als hätten die Texte nur darauf gewartet, von ihm in die Sprache der eigentlichen Bestimmung übersetzt zu werden. Das mag auch ein wenig an der überzeugenden Interpretation liegen. Ist das aber Klezmermusik? Nein. Natürlich nicht und das stellt Daniel Kahn auch am Anfang des Konzerts fest. Das Konzert stellt dem Zuhörer und Zuschauer statt dessen eine Reihe von abgedrehten Songs rund um das Thema Liebe vor. Mit der, aus Riga stammenden, Sängerin Sasha Lurje, präsentieren sie vorzugsweise böse Lieder und das in russischer, ukrainischer, deutscher, englischer und jiddischer Sprache. Dabei werfen sie die beiden großartig die Bälle zu. Kahn erzählt, unterbrochen von Sasha Lurje, dem Publikum kurz worum es geht, dann trinken beide einen Schluck Wein oder unterhalten sich miteinander. Vielleicht ist das alles einstudiert und choreographiert. Vielleicht ist das aber auch spontan?
Wenn man so will, wirkten sie zwischendurch wie ein Mädchen und der böse Wolf. Was das soll, findet man spätestens bei der Interpretation des jiddischen Lieds »Margaritkelach« heraus. Kein Liebeslied, sondern ein Song über Gewalt, Gier und Lust. Wie das funktioniert, zeigt vielleicht dieser kleine Ausschnitt:

Der Querschnitt ist groß. Nicht nur bekannte Kost, wie das genannte Margaritkelach. Auch der, bereits erwähnte Brecht. Die Songs werden meist in mehrsprachiger Variante gesungen. Sasha Lurje singt zahlreiche Lieder die ein russischsprachiges Publikum mit Sicherheit gekannt haben wird und Daniel Kahn singt dazu eine englische Übersetzung. Das gipfelt in einer Interpretation eines Liedes des sowjetischen Chansonniers Bulat Okudschawa (kennt vermutlich jeder, der in der Sowjetunion Wurzeln hat). Daniel Kahn und Sasha Lurje öffneten damit diese Musik einem breiteren Publikum.
Es wäre zu wünschen, dass die beiden zu Bulat Okudschawa vielleicht noch etwas mehr machen würden.
Zu einem Song spricht Kahn die englische Übersetzung. Auch das passt irgendwie und durch die makaberen Texte ist das auch sehr kurzweilig. Im Publikum schienen einige gewesen zu sein, die wussten, wo der Abend hinführen würde und eben wieder ein paar, die im Verlauf des Abends überzeugt wurden, dass man in jiddischer Sprache auch etwas singen kann, was nicht sofort zu Tränen rühren muss, sondern dass es auch mal ongevorfen sein kann. Brechts Zuhälterballade wäre da ein schönes Beispiel.

Kein Klezmerabend aber irgendwie ein Abend – sagen wir das mal bildungsbürgerlich – der kontemporären jüdischen Musik in der Einflüsse aus vielen Ländern zusammenkommen aus denen junge Juden heute so stammen: Russischsprachige Länder, aus den USA, Jiddisch ein wenig und ein wenig Deutsch. Alles mischt sich und erzeugt eine moderne Interpretation von jüdischer Kultur.
Das Programm wird vermutlich noch in anderen Städten gespielt. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich das auch anschauen.

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Dieses Konzert beschloss die Konzertreihe »Klezmerwelten« und zeigte ganz gut, worin die Stärken dieser Veranstaltung lagen. Jüdische und Jiddische Kultur abseits dessen zu präsentieren, was man so gemeinhin mit Klezmer assoziiert. Dass die Veranstaltungen von einem kulturell interessierten jungen jüdischen Publikum nahezu ignoriert werden, wird genau daran liegen, dass das Wort Klezmer eher eine Abwehrhaltung hervorruft. Wenn das Festival im Jahre 2017 erneut stattfindet (was hervorragend wäre), dann wird man hoffentlich auch dieses Publikum ansprechen können.

Meine persönlichen Wunschkandidaten für 2017: Avishai Cohen (das Album Aurora ist schon etwas älter, aber für mich sehr faszinierend) und vielleicht die Petersburger Truppe OPA. Benny Friedman oder vielleicht Avraham Fried? Für den müsste dann schon eine größere Halle her. Aber damit wäre wieder die ganze Bandbreite abgedeckt…

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Rammstein auf Jiddisch

Dobranotch in Gelsenkirchen
Fassen wir das Konzert der russischen Band Dobranotch in Gelsenkirchen zusammen: Meschigge.
In einem positiven Sinne vollkommen verrückt und das vor dem Hintergrund der schlechten Begleitumstände.
Das Konzert stieg am Samstagabend. Am Freitagabend geschahen die Anschläge in Paris.
Trotzdem trat die Band auf und kommentierte so die Zielsetzung der Attentäter: Eine bunte Gesellschaft unter Druck setzen. Folgerichtig trat man dann auch auf und verabreichte dem angespannten Publikum russisch-jiddische Musik.

Denn tatsächlich war die Stimmung zu Beginn des Konzerts etwas gedrückt – oder man nimmt es so wahr, weil man sehr viel sensibler ist. Aber die Musiker spielten tapfer dagegen an und steigerten so die Stimmung in der ehemaligen Maschinenhalle einer Zeche (Ruhrgebiet!) stetig. Nach der Pause gab es dann absolut kein Halten mehr. Hinter und neben den Stuhlreihen standen plötzlich tanzende Menschen und verausgabten sich. Das lag an der sehr schnellen balkanmäßigen Klezmermusik und den musikalischen Experimenten der Band.

Sie spielten sie ein Techno-Stück, ein wenig Ska, aber arrangierten auch eine jiddische Version (hier klicken um das zu erleben) von Rammsteins Du hast. Ich bin mir sicher, noch immer haben viele Zuhörer nicht verstanden, dass da überhaupt eine Cover-Version angeboten wurde. Die vertrauten darauf, dass da ein traditionelles Lied vorgetragen wurde – allerdings auf Steroiden und die Geschwindigkeit schien bis zum Finale stetig zu steigen. Die Zugaben gab man nicht auf der Bühne, sondern spielte sie inmitten des Publikums und das stand ohnehin schon. Von dieser Stelle an, hätte der Abend wohl ewig weitergehen können.

Dobranotch performing in Gelsenkirchen

Das Publikum war bunt gemischt. Einige wussten, was sie erwartet, andere erwarteten wieder reguläre Klezemerklänge – aus meiner Sicht wäre ein junges, enthemmtes, jüdisches Publikum (zusätzlich, nicht statt dessen) noch großartiger gewesen. Sprachliche Probleme hätte es keine gegeben. Viele Songs waren auf Russisch. Das ist ein Kritikpunkt den man an dieser Stelle unterbringen kann: Man erwischt diese Zielgruppe (jung, jüdisch) mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Ansprache nicht. Aus wirtschaftlicher Sicht sicher nicht notwendig, denn Konzerte dieser Art sind in der Regel ausverkauft.

#dobranotch performing in #Gelsenkirchen #klezmerwelten #klezmer #musik #music #video

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

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The Heart and the Wellspring

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen
The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Energiegeladen und dynamisch. Mit dieser Beschreibung könnte man die Rückschau auf das Konzert von »The Heart and the Wellspring« oder eigentlich »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« (am 5. November 2015) in der Synagoge Gelsenkirchen gleich wieder beenden und hätte damit alles gesagt.
Von der ersten Minute des Auftritts an, nahmen die fünf Musiker ihr Publikum mit auf einen wilden Ritt durch verschiedene Musiktraditionen und da passte es ganz gut, dass die Musiker auch aus verschiedenen Traditionen kommen. Das ist schon rein optisch gut erkennbar. Chilik Frank trägt Schläfenlocken (endlich hatte das Publikum einmal einen »echten« Juden bei den Klezmerwelten) und ist Breslover Chassid, Ariel Alaev trägt die Kopfbedeckung der bucharischen Juden und stellte sich in einem kurzen russischen Redebeitrag auch als bucharischer Jude vor. Er nahm dies zum Anlass, ein Lied aus Duschanbe zu spielen und katapultierte das Publikum mit Energie in eine vollkommen andere Musiktradition.

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Naor Carmi, beschrieb zu Beginn des Konzerts kurz die musikalische »Vision« der Gruppe: Die Musik der verschiedenen chassidischen Gruppen zu sammeln, neu zu interpretieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Aber dennoch spielte die Band nicht nur chassidische Musik (mit recht vielen Niggunim aus der Tradition von Chabad). Auch traditionelle Stücke wie »Schalom Alejchem« waren Bestandteil der Zugabe.
Naor Carmi (am Kontrabass), der stets lächelte und bescheiden von der Musik erzählte, aber auch begeistert von den Zaddikim (»Männer ohne jedes Ego«), berichtete, scheint aber das musikalische Gehirn der Gruppe zu sein – auch wenn Chilik Frank aufgrund seiner auffälligen Erscheinung zumindest optisch im Vordergrund steht. Carmi schreibt die Arrangements und hat sich in Israel übrigens auch viel mit arabischer Musik beschäftigt. Akiva Turjeman gab den Songs mit seiner Stimme – wie soll man das nennen – einen israelischen Style.
Asaf Zamir (Perkussion) ist anscheinend ein Mizrachi-Jude und auch er ließ in eine andere Musiktradition blicken, machte aber auch ein wenig Beatboxing und trommelte mit Hilfe seines Kopfes oder auf seinem Kopf und spielte in Zusammenarbeit mit dem Publikum. Das kam natürlich gut an. Fast so gut wie das Hava Nagilah, dass die Gruppe ebenfalls präsentierte und das war einer der wenigen Augenblicke in denen man den Eindruck hatte, hier wird dem Publikum doch das gegeben, was es verlangt. Auf der anderen Seite merkt man, dass die Jungs echte Bühnenprofis sind und diese Dinge offenbar gut dosiert zum Einsatz bringen. Vielleicht präsentieren sie einem israelischen Publikum einen anderen Querschnitt aus ihrem musikalischen Werk.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das Konzert zeitlich vom Klezmerworkshop abgekoppelt war. Wären die jungen Teilnehmer des Workshops im Publikum gewesen, hätten sie vermutlich bei der überbordenden guten Laune das Zentrum der Jüdischen Gemeinde vollständig zerlegt.

Für jüdische Zuschauer und Zuhörer war der Auftritt von »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« ein großes Ereignis. Für nichtjüdische Zuhörer eine weitere Erinnerung daran, dass da nicht Musik von gestern gespielt wird, sondern durchaus auch von heute – mit Pop-Qualität. Jiddisch ist übrigens auch keine Sprache von gestern. Das zeigte Chilik Frank, der als jiddischer Native-Speaker die Musik kommentierte.

Der Sound vor Ort hatte übrigens Studioqualität.

“the heart and the wellspring” in #Gelsenkirchen #hassidic #chassidic #music #eliyahu #jewish #hebrew #jüdisch

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

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Die Shepherds und einige mehr in Gelsenkirchen

Im Rahmen der Klezmerwelten standen am Donnerstag Polina und Merlin Shepherd auf dem Programm – in einem Doppelkonzert mit Dozenten eines Klezmerworkshops (Rückschau auf den letzten hier) der in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen stattfindet. Die meisten Teilnehmer des Workshops, also Jugendliche (in diesem Jahr auch ein paar Erwachsene), saßen im hinteren Bereich des Saals auf Schränken, feierten ihre Dozenten und senkten der Altersdurchschnitt des Publikums.

Das Ehepaar Shepherd (er aus Wales, sie aus Sibirien) kam direkt zur Sache:
Ohne große Einführung setzte sich Polina Shepherd an den Flügel und Merlin Shepherd schnappte sich die Klarinette. Dann spielten sie etwa 45 Minuten nahtlos und ohne jede Unterbrechung eine interessante Bandbreite an Stücken. Bekannte Klezmertöne waren zu hören, ein russisches Lied a capella, man meinte Edvard Grieg durchzuhören, dann wurde es ein wenig jazzig, dann wiederum wurde jiddisch gesungen, im nächsten Augenblick spielte Merlin Shepherd nahezu meditativ vor dem geöffneten Deckel des Flügels. Es war schnell, langsam, still und laut. Wann immer Fahrt aufgenommen wurde, klatschten und sangen die Teilnehmer des Workshops mit. Es entstand eine interessante Dynamik zwischen den beiden Polen des Saals.

Die Shepherds zwischen den Workshop-Teilnehmern.

Die Shepherds zwischen den Workshop-Teilnehmern.

Wenn man Merlin Shepherd für diejenigen beschreiben müsste, die ihn (noch) nicht live gesehen haben, könnte man vielleicht sagen, Merlin Shepherd sei der Tim Mälzer des Klezmer. Manchmal wirkt er ein wenig rotzig (in einem positiven Sinn), scherzt mit dem Publikum und nimmt sich selbst nicht so ernst – zur gleichen Zeit aber arbeitet er hochkonzentriert und meisterhaft – um das Ganze dann wieder mit einer selbstironischen Geste zu brechen. Um sich das leisten zu können, muss man natürlich sein Handwerk beherrschen. Nicht zufällig war er musikalischer Leiter Royal National Theatre in London.

Die Dozenten des Workshops gemeinsam auf der Bühne

Die Dozenten des Workshops gemeinsam auf der Bühne

Benjy Fox-Rosen (überraschte mit selbstkomponierten jiddischen Stücken), Ilya Shneyveys, Alan Bern und später auch Andreas Schmitges wechselten einander ab, präsentierten sehr unterschiedliche Stücke und verschmolzen am Ende zu einer Gruppe, die tanzbares spielte. Auch hier waren die Teilnehmer des Workshops diejenigen, die Initiative zeigten und den wenigen Platz nutzten.
Andreas Schmitges und Alan Bern moderierten ein wenig. Alan Bern merkt man dabei an, dass er das deutschsprachige Publikum schon sehr gut kennt.
Und an dieser Stelle, traditionell, ein Blick auf das Publikum. Vielleicht mit meinem Lieblingszitat des Abends (eines Zuhörers):
»Ich verstehe nicht, dass die Jugendlichen hier so herumspaßen. Das ist hier eine ernsthafte Sache. Klezmermusik ist eine ernste Angelegenheit.«
Tatsächlich aber: Die Jugendlichen haben wirklich Spaß an der Musik und daran, wie sie von den Dozenten vermittelt wird. Sie verbrachten im Workshop Stunden mit Niggunim und sehen das alles als organische Angelegenheit, die auch im Fluss ist und mitgestaltet werden kann. Dieser progressive Ansatz zerschellt natürlich an den Erwartungen eines konservativeren Publikums – welches hier aber in der Unterzahl gewesen sein dürfte und von den verschiedenen Veranstaltungen derzeit ein wenig miterzogen wird.

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Klezmerwelten Gelsenkirchen – KlezTalk

KlezTalk in der Gelsenkirchener Flora

KlezTalk in der Gelsenkirchener Flora, Merlin Shepherd am Mikrofon


An der Misere, dass die meisten Leser unter 65 bei dem Stichwort »Klezmer« mit den Augen rollen und weiterklicken, haben viele Akteure mitgearbeitet. Unter anderem die vielen evangelischen Oberstudienräte, die ihre Musik in Pseudo-Jiddisch ansagen und schwarze Hüte dabei tragen (ich habe nichts gegen Oberstudienräte im Allgemeinen). Andere Faktoren mögen auch eine Rolle dabei gespielt haben, warum diese Art der Musik für viele Leute meiner Generation (und auch für die nachfolgende) die Popularität einer Wurzelbehandlung hat und eigentlich als ein »Ding für Nichtjuden« betrachtet wurde und wird.

Dass dies (teilweise jedenfalls) zu Unrecht so ist, versuchte in den vergangenen Jahren das Festival Klezmerwelten zu beweisen. Unter anderem mit einem Workshop für Kinder und Jugendliche (der auch in dieser Woche wieder begonnen hat), aber auch mit Musikern, die immer wieder Konventionen gebrochen haben und gezeigt haben, dass Klezmer mehr ist, als der traurige Jiddel mit Fiddel.

Den Auftakt machte das London Klezmer Quartett und am Sonntag-Abend folgte ein KlezTalk, bei dem fünf Musiker von ihrem Weg zur Klezmermusik erzählten. Zwei Musiker mit sowjetischer Vergangenheit (Polina Shepherd und Ilya Shneyveys) hatten einen anderen Zugang, als etwa die zwei Amerikaner Alan Bern und Benjy Fox-Rosen, oder der Waliser Merlin Shepherd. Unter den Musikern dürfte Alan Bern derjenige sein, der in Deutschland am bekanntesten ist – jedenfalls unter denen, die sich für Klezmer-Musik interessieren. Er hat jedenfalls keinen geringen Anteil daran, dass es auch eine Klezmer-Szene neben den Feidman-Verehrern gibt.
Es war interessant zu hören, dass einige der Akteure Klezmer nach ihren ersten Begegnungen überhaupt nicht mochten und erst im Laufe der Zeit Begeisterung für die Musik entwickelten.

Der Moderator Andreas Schmitges öffnete die Runde schnell für die Fragen des Publikums und eine der ersten Fragen offenbarte, dass es noch Nachholbedarf bei der Definition des Begriffs »Klezmer« gibt (der auch relativ jung ist) und dies nicht eine spezielle Musik aus einer speziellen Quelle meint, sondern viele verschiedene Quellen hat und viele Einflüsse vereint: Es wurde nach authentischer Musik gefragt. Alan Bern merkte an, dass er heute lieber von »new jewish music« sprechen würde.
Irgendwann folgte die Frage, ob nur Juden Klezmermusik spielen können. Merlin Shepherd entgegnete rasch, dass er schon diese Separierung in jüdische und nichtjüdische Musiker überhaupt nicht mag. Alan Bern merkte dazu an, dass man die Musik natürlich spielen kann, aber es natürlich nur dann gute Klezmermusik ist, wenn man sich mit der Geschichte und dem Kontext der Musik beschäftigt hat. Zuvor wies einer der Musiker darauf hin, dass man natürlich die Musik vom Notenblatt spielen könnte, aber es natürlich mehr brächte, wenn man gelernt hat, sie zu interpretieren.
Und endlich sagte jemand von den Musikern in einem Nebensatz auch mal, dass Klezmer, nicht DIE jüdische Musik ist, sondern eine.
Dass dies noch nicht zu allen durchgedrungen ist, offenbarte sich 2012 bei einem Konzert von Yiddish Princess, dass ein paar ältere (nichtjüdische) Zuschauer verließen und anmerkten, dass das überhaupt keine Klezmer-Musik sei.

Ein interessanter Abend, der aber eine Frage nicht beantwortete:
Warum ist Klezmermusik (jetzt mal als Sammelbegriff verwendet) ausgerechnet in Deutschland so sehr populär? Die Frage hätte natürlich ich stellen können, aber ich will das mal als Hintergrundmotiv mitlaufen lassen.

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Raubkunst – ein offener Brief

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Hier berichtete ich noch vor wenigen Tagen über eine Beschlussvorlage der Stadt Gelsenkirchen zu einem Kunstwerk (»Bacchanale«), welches derzeit im Besitz des Kunstmuseums in Gelsenkirchen ist. Dabei handelt es sich aber um Raubkunst.
Es ist schon beschämend genug, dass das Bild nicht einfach zurückgegeben wurde, nachdem deutlich wurde, dass es sich tatsächlich um Raubkunst handelt – nun kommt aber noch eine seltsame Verhandlungstaktik der Stadt Gelsenkirchen hinzu.
Wenn man die Beschlussvorlage (siehe hier), die inzwischen vom Rat der Stadt angenommen worden ist, liest, dann könnte man zu der Annahme kommen, die Stadt Gelsenkirchen wollte verhandeln – die Erben der beraubten Familie jedoch nicht. Der Verfasser der Vorlage habe den Eindruck, es würde ihnen (der Familie) um eine Gewinnmaximierung gehen. Dem scheint jedoch nicht so zu sein. Der Rechtsanwalt der Familie, Professor Dr. Fritz Enderlein hat in einem öffentlichen Brief zu den Behauptungen der Stadt Gelsenkirchen Stellung bezogen. Man könnte nach der Lektüre zu der Annahme kommen, der Stadt Gelsenkirchen würde es um Gewinnmaximierung gehen. Offenbar wurde nämlich der Stadt eine Entschädigung durch die Erben der beraubten angeboten und ausgeschlagen. Man hätte offenbar mehr Geld gesehen.
Zudem scheint die Stadt die Adresse und die Daten der Familie an eine dritte Partei weitergereicht zu haben.

Der offene Brief:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Baranowski,
Sehr geehrte Stadtverordnete,

mir liegt die obige Beschlussvorlage vor und ich möchte Ihnen meine Meinung dazu nicht vorenthalten.

1. Eigentlich müsste der Beschlussvorschlag anders lauten, nämlich

a) Der Anrufung der „Beratenden Kommission…“ durch die Erben des von den Nazis ermordeten ursprünglichen Eigentümers des Corinth-Gemäldes „Bachanale“ wird zugestimmt.

Oder besser
b) Der Anrufung der „Beratenden Kommission…“ durch die Erben des von den Nazis ermordeten ursprünglichen Eigentümers des Corinth-Gemäldes „Bachanale“ wird nicht zugestimmt. Vielmehr wird die sofortige bedingungslose Rückgabe des Gemäldes beschlossen, so daß sich ein Tätigwerden der „Beratenden Kommission…“ erübrigt.

2. Die „Problembeschreibung/Begründung“ enthält Formulierungen, die einer Korrektur bedürfen.

a) Angeblich ist „es faktisch zu keiner Verhandlung gekommen“. In Wirklichkeit wurden in der Zeit vom Dezember 2010 bis März 2015 insgesamt 28 Briefe bzw. E-Mails von meiner Kanzlei an Museum und Stadt geschrieben, die im gleichen Zeitraum mit 21 Briefen bzw. E-Mails beantwortet wurden.
Bereits am 19.11.2012 wurde mitgeteilt, dass die Stadt eine Rückgabe ins Auge fassen kann, wenn „zweifelsfrei geklärt ist, dass der historisch begründete Anspruch gegeben ist“. In der Folge wurden alle Zweifel ausgeräumt.
Am 15.12.2013 machten die Erben das Angebot, auf ihren Rückgabeanspruch zu verzichten, wenn sie eine Entschädigung in Höhe von € 210.000 erhalten.

Ein Gegenvorschlag vom 15.07.2014 sah vor, „das Gemälde den Nachfahren von Frau S. sel. A ohne finanziellen Ausgleich zu überlassen“. An diesen Vorschlag waren allerdings unannehmbare Bedingungen geknüpft.

Darauf schlugen die Erben am 21.08.2014 vor, der Stadt eine Abfindung in Höhe von € 65.000 zu zahlen. Das war etwa das Zehnfache dessen, was die Stadt beim Ankauf des Gemäldes 1957 gezahlt hatte. Dieser Vorschlag wurde später noch einmal wiederholt.

Nun forderte die Stadt am 17.11.2014 eine Abfindung in Höhe von € 150.000, was später auf eine prozentuelle Beteiligung an einem evtl. Versteigerungserlös bis zu € 150.000 präzisiert wurde.

Einen diesbezüglichen Vorschlag unterbreiteten die Erben am 15.12.2014, der wiederum nicht angenommen wurde.

Bereits am 03.12.2014 hatten die Erben angekündigt, die „Beratende Kommission …“ anzurufen, wenn es zu keiner Einigung kommen sollte. Gegen diesen Vorschlag erhob die Stadt am 05.12.2014 keine Einwände.

Und das alles sollen keine Verhandlungen gewesen sein?

b) Wiederholt werden in der Vorlage kritische Bemerkungen zur „anwaltlichen Vertretung der Erben“ gemacht. Dazu ist festzustellen, dass Mandanten, die sich zur Durchsetzung ihrer Restitutionsforderungen an einen Rechtsanwalt wenden, sich darauf verlassen müssen, dass dieser ihre Interessen nach bestem Wissen und Gewissen vertritt. Nicht der Anwalt fordert die Aushändigung des Gemäldes, sondern die Erben. Nicht dem Anwalt geht es „ausschließlich um die Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils“, sondern den Erben. Man muss auch betonen, dass dieses Bestreben legitim ist. Nicht der Anwalt hat „ein Gesprächsangebot aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen …schroff abgewiesen“, sondern einer der Erben selbst, der absolut nicht verstehen konnte, was die Jüdische Gemeinde mit der Auseinandersetzung mit der Stadt zu tun hat. Übrigens hatte sich die Jüdische Gemeinde auch nicht an den Anwalt gewandt, sondern direkt an die Erben selbst. (Woher hatte diese bloß die Adressen?)

c) In der Vorlage wird bedauert, dass kein persönliches Gespräch zustande gekommen sei. Ein persönliches Gespräch mit den Erben, die sich gerade für eine anwaltliche Vertretung entschieden hatten? Sind sechs Telefonate, die alle von meiner Kanzlei ausgingen, kein persönliches Gespräch? Oder wollte ein Vertreter der Stadt nach Venezuela in die Provinz reisen, um sich dort mit dem Erben, der das „Gesprächsangebot aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen …schroff abgewiesen“ hatte, zu treffen? Oder sollte der Erbe, der nicht gerade in begüterten Verhältnissen lebt, nach Gelsenkirchen kommen, um sich dort anzuhören. daß die Stadt ebenfalls an der „Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils“ interessiert ist?

d) Schließlich wird das Interesse der Stadt hervorgehoben, das Gemälde auch weiterhin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Dieses Interesse wird durchaus von den Erben geteilt. Ihre Bemühungen, einen Käufer zu finden, der Gewähr dafür gibt, daß das Gemälde weiterhin auf immer oder von Zeit zu Zeit der Öffentlichkeit dargeboten wird, scheiterten bisher daran, daß es von der Stadt noch keine verbindliche Zusage und keinen Termin für eine Rückgabe gibt.

Sehr gut finde ich allerdings den Vorschlag aus dem am 16.06.2015 veröffentlichten Leserbrief von Frau Sabine Krämer-Kozlowski. Sie schlägt vor, das Bild zu kopieren und mit einer Hinweistafel zur Geschichte des Bildes auszustellen. Auf dieser Tafel könnten auch die Namen aller von den Nazis ermordeten Mitglieder der Familie des früheren Eigentümers vermerkt werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Prof. Dr. Fritz Enderlein
Rechtsanwalt

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Raubkunst bleibt Raubkunst

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Lovis Corinth Bacchanale 1897

Ein Bild, nämlich oben gezeigte »Bacchanale«, ist derzeit im Besitz des Kunstmuseums in Gelsenkircheneigentlich. Denn tatsächlich wurde das Bild von Lovis Corinth seinen Besitzern durch die deutsche Regierung geraubt – man sollte vielleicht nicht immer sagen »durch die Nazis«, um die Verantwortung auf einige wenige Personen weiterzureichen – die Familie musste ihren Besitz zwangsversteigern.
Übrigens: »Im Kunstmuseum gibt es dank der genauen Katalogisierung keine Raubkunst« Zitat von hier

Ein Schicksal, wie es viele andere Familien getroffen hat. Einen fairen Preis konnte man also nicht erwarten. Es ist bekannt, dass viele der Bilder später in Museen auftauchten. Wurden die Bilder entdeckt, begann in einigen Fällen ein unwürdiges Gezerre um den Besitz. Oft mit den Erben derjenigen, die bestohlen wurden. Zuweilen könnte man den Eindruck erhalten, die Erben würden unmoralisch handeln, weil sie gerne ihren Besitz wiedererlangen wollen. Auf der anderen Seite wird häufig damit argumentiert, dass man der Öffentlichkeit die Werke entziehe. Ähnlich argumentiert die Stadt Gelsenkirchen in einer Beschlussvorlage für den 17.06.2015. Aber hier wurde die Formulierung noch weiter zugespitzt: Die Erben wollen ihren Gewinn maximieren!

In dem Beschlussvorschlag der Stadt Gelsenkirchen heißt es:

»Der Schriftwechsel – ein persönliches Gespräch war nicht erwünscht – lässt vermuten, dass es den Erben und ihrem Anwalt ausschließlich um die Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils geht
Beschlussvorlage, hier online

Eine interessante Formulierung, wenn man einmal das Prinzip von Ursache und Wirkung berücksichtigt.
Wessen Kunst wurde gestohlen? Wer besitzt derzeit das Bild?
Und nun werden vermeintlich schwierige Motive unterstellt?
Die Formulierung ist auf diesem Terrain übrigens auch in anderer Hinsicht problematisch

Natürlich wäre es schön, wenn möglichst viele Bilder in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Letztendlich ist Privatbesitz aber auch etwas, mit dem die Besitzer auch Geld verdienen dürften, wenn sie dies wünschen.

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Ein unsichtbarer Rabbiner

ZEIT vom 18.03.2015

ZEIT vom 18.03.2015


Die Zeit vom 18.03.2015 brachte endlich einmal einen Beitrag aus einer kleinen Gemeinde. Das ist eine Abwechslung, denn Judentum passiert ja nicht nur in Berlin oder München.
Eine Dame aus Gelsenkirchen und ein Mädchen aus der gleichen Stadt sprechen, mutig und mit Foto, über ihre jüdische Identität und wie man damit im Alltag umgeht. Das Mädchen macht einen recht toughen Eindruck, sagt wo es in der Schule Probleme geben könnte und in welchem Ausmaß man zuhause jüdisch lebt. Beeindruckend. Die Dame die ebenfalls porträtiert wird, macht sich Sorgen um ihr Kind und denkt laut über dessen Zukunft nach. Beide Artikel sind eine gute Momentaufnahme aus einer kleinen Gemeinde. Das sind sehr persönliche Äußerungen und auch Entscheidungen. Schließlich muss jede und jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie sein jüdisches Leben ausgestaltet.

Die beiden Artikel werden begleitet von einer Textbox mit der Überschrift »Mail des Rabbiners« (welcher Gemeinde wird nicht mitgeteilt), eher in einem persönlichen Ton gehalten, in dem eine Person um Verständnis darum bittet, nicht in der ZEIT erscheinen zu müssen. Er publiziere weniger als früher und trete nicht in der Öffentlichkeit auf. Seine Tochter hätte schon die Schule gewechselt und die Familie sei nicht besonders erpicht darauf, dass jemand über ihre Identität Bescheid weiß. Mit anderen Worten: Der Rabbiner würde lieber unsichtbar bleiben.
Das ist zu einem Teil eine private Entscheidung, zum anderen Teil eine öffentliche, denn in Deutschland sind Rabbiner ja weit mehr als nur halachische Ratgeber. Sie sind Aufbauhelfer und im gewissen Sinne auch Rollenvorbilder für die Gemeindemitglieder. Es ist heute Teil ihres Berufs, auch ein wenig öffentlicher Repräsentant zu sein. Wenn schon der Rabbiner nicht mehr als Jude in die Öffentlichkeit gehen möchte, dann ist das ein schlechtes Signal an die Gemeinde – vielleicht sogar ein sehr fatales. In der Öffentlichkeit wäre er unsichtbar und könnte für seine Gemeinde nicht Stimme erheben. Er müsste ein unsichtbares Leben führen, ein unauffälliges, vielleicht assimiliertes Leben, zumindest aber in Unfreiheit.
Damit ist viel gesagt über den aktuellen Zustand.

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Daniel Kahn and The Painted Bird – Klezmer?

Irgendwann muss die Konzertreihe Klezmerwelten einfach wegbrechen und die gefällige Klezmerkost anbieten, die der Zuhörer erwartet. Fröhliches Musikantenschtetl. Bisher ist es nicht der Fall. Am Abend des 31. Oktober ging es im Saal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen jedenfalls damit weiter, Erwartungen zu durchkreuzen und zu zeigen, dass Klezmer auch mehr kann, als irgendwie so zu tun, als sei es der Soundtrack zu einem traurigen Film über die jüdische Geschichte. Wer daran Interesse hat, dem wird gerade von Ben Becker die passende Kost serviert.

Daniel Kahn

Daniel Kahn

Letztendlich war es da nur folgerichtig, dass dann auch Daniel Kahn & The Painted Bird eingeladen wurde. Der bemühte sich redlich, zwischendurch möglichst grimmig zu wirken – ganz wie seine Songs. Keiner wollte schmeicheln oder den Zuschauer mit Nostalgie streicheln. Statt dessen zeigte er uns allen, warum Mordechaj Gebirtig ein Genie war und wie aktuell seine Texte noch heute sein können – wenn man sie gekonnt in die heutige Zeit überträgt und genau das macht Daniel Kahn mit seiner Gruppe (Hampus Mehlin am Schlagzeug, Michael Tuttle am Kontrabass, Jake Jake Shulman-Ment an der Geige). Aber nicht nur klassische jiddische Texte überträgt Daniel Kahn, sondern auch Texte von Leonard Cohen (seinem Rabbi, wie Daniel Kahn sagte) und Franz Josef Degenhardt. Dessen die alten Lieder hat Kahn ins Englische und Jiddische übertragen und mit einer zeitgemäßen Note versehen. Stets ein wenig ironisch. Bei der Interaktion mit dem Publikum fragt man sich, was er wohl von ihm hält? Kennt er die verschiedenen Erwartungshaltungen an Klezmer im Allgemeinen und an ihn im Besonderen?
Ist das noch Klezmer? Bestimmt, aber nicht der Klezmer der Celan-Feidman-Fraktion. Immer wieder warf sich Kahn in Pose, riss mehrmals die Faust nach oben und gab sich kämpferisch.
Unterstützt wurde Kahn übrigens zwischendurch von Ilya Shneyveys am Flügel und Merlin Shepherd an der Klarinette. Am Ende lud er die Kinder und Jugendlichen des Klezermerworkshops Gelsenkirchen nach vorn. Nach dem Konzert bestand kein Zweifel daran, dass den Workshop-Teilnehmer gezeigt wurde, wie man zeitgemäß mit diesem Teil der jüdischen Kultur heute umgeht.
Ein rundes Bild ergab sich auch deshalb, weil alle anderen Dozenten vor Daniel Kahn auftraten und zeigten, was sie musikalisch können. Shakir Ertek, Miléna Kartowski, Diana Matut und Deborah Strauss traten miteinander und als Solisten auf und zeigten ihre individuellen Stärken.

Anhand des ארבעטלאזע מארש Arbetloze marsch (der auch in Gelsenkirchen aufgeführt wurde) von Mordechai Gebirtig kann man ganz gut sehen, was Daniel Kahn mit den alten Stücken heute anstellt:

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Simkhat hanefesh bei den Klezmerwelten

Simkhat hanefesh in Gelsenkirchen

Simkhat hanefesh in Gelsenkirchen

In Gelsenkirchen haben die »Klezmerwelten« begonnen. Man nahm den Faden vom vergangenen Jahr wieder auf und lieferte keine Klezmerbeköstigung aus der Retorte, sondern stieg in diesem Jahr mit der Geschichte jüdischer Musik und Europa ein. Das Ensemble »Simkhat hanefesh« präsentierte jiddische Lieder aus Renaissance und Barock. Mit der Bezeichnung des Ensembles verweist es bereits auf das Programm: Die Musik aus früheren Epochen wieder zu Gehör zu bringen. »Simchat haNefesch« ist die Bezeichnung eines Werks von Elchanan Henle Kirchhain (etwa 1666-1757) welches 1727 erschien und 13 jiddisch-deutsche Texte mit Noten wiedergab (nicht nur, es ist eigentlich ein Buch zur moralischen Erbauung).
Es war übrigens auch eines der ersten Werke, in denen jüdische Musiker als Klezmorim bezeichnet wurden.

Die Klezmorim des Abends jedenfalls, nämlich James Hewitt (Barockvioline), Diana Matut (Gesang, Flöten), Nora Thiele (Percussion, Glocken), Erik Warkenthin (Laute, Theorbe, Barockgitarre) und Dietrich Haböck (Viola da Gamba) führten erklärend durch den Abend; wählten unterschiedlichste Musikstücke und erläuterten das Wechselspiel zwischen nichtjüdischer Umwelt und jüdischer Lebenswelt.
So wurde etwa (Luthers) »Nun freut euch, lieben Christeng’mein« um dann in das beliebte »Ma’os Tzur« zu wechseln. Natürlich ist es die gleiche (oder nahezu gleiche) Melodie. Diana Matut hat jedoch nicht nur das »Ma’os Tzur« mit der Melodie gesungen, die wir heute kennen, sondern auch mit der Aussprache des Hebräischen, wie wir sie für das aschkenasische Judentum des 16. Jahrhunderts annehmen können.
Durch die Einführungstexte und die Ausführung wurde klar, dass die Musiker das nicht nur als Repertoire herunterspielen, sondern offensichtlich begeisterte Experten auf ihrem Gebiet und für diese spezielle Art der Musik sind. Unter anderem gab es auch ein Lied aus dem Lochamer Liederbuch, ein Madrigal oder eine jiddische Form des El Male Rachamim aus dem Jahr 1648. Der Programmzettel listete alle Stücke mit ihrer ursprünglichen Quelle auf.

Die Klezmerwelten Gelsenkirchen starteten also ungewöhnlich, aber auf einem hohen Niveau. Schlecht für die Liebhaber von Jiddel-mitn-Fidl-Klezmer (samt angeklebten Bärten und Pseudo-Jiddisch-Akzent), aber gut für diejenigen, die etwas mehr sehen, hören und erfahren wollen.

Als Zugabe gab es übrigens auch ein Stück in Interaktion mit dem Publikum. Hier 15 Sekunden davon:

[highlight]Update:[/highlight] Zu hören sein wird das Konzert auch im Radio. Am 9.11.2013 bei WDR 3.