Archiv für das Tag 'Gelsenkirchen'

Mai 10 2010

Stolpersteine in Gelsenkirchen?

von Chajm unter Deutschland,Jüdisches

Verlegung des Stolpersteins für Max Kronheim in der Bölschestraße 46

In Gelsenkirchen sind Stolpersteine verlegt worden – weitere sollen folgen. Anfänglich gehörte ich zu den Unterstützern. Manchmal kommt es jedoch anders. Eine Art offener Brief:

In Gelsenkirchen habe ich die Verlegung der Stolpersteine unterstützt. Als demokratische, dezentrale Form der Erinnerung an die Menschen, die eine Stadt nicht in ihrer Mitte haben wollte. Diese Erinnerung im öffentlichen Raum war nie unumstritten. Stimmen wandten sich gegen diese Form des Erinnerns, weil über die verlegten Steine Menschen herüberlaufen und man den Eindruck haben könnte, sie würden die Namen der Opfer „mit Füßen treten“. Es gab jedoch, aus meiner Sicht, auch viele gute Gründe, dass Privatpersonen als „Paten“ einen solchen Stein finanzieren und die Erinnerung in die Öffentlichkeit bringen. Wer erlebt hat, wie Passanten stehen bleiben und kurz mit dem Schicksal eines Namens auseinandersetzen, der weiß, dass diese Form des „Stolperns“ tatsächlich funktionieren kann. Mittlerweile wurden über 20.000 Stolpersteine in mehr als 500 Städten und Gemeinden verlegt – nicht nur in Deutschland – sondern auch im übrigen Europa. Wichtig war mir jedoch, dass nicht die Angehörigen der Opfer die Patenschaft für den Stein übernehmen, sondern eine Person aus der Stadt, aus dem Umfeld, in dem die entsprechende Person lebte.
In Gelsenkirchen war das Projekt auch deshalb umstritten, weil der Initiator der Aktion, Andreas Jordan, als Person nicht unumstritten war. Im lokalpolitischen Kreuzfeuer (ein Beispiel) wurde seine Person heftigst angegriffen und damit auch die Verlegung der Steine in Frage gestellt. Für einige Personen war das nicht akzeptabel und so gründete sich ein Unterstützerkreis einiger Gelsenkirchener. Diese Menschen standen mit ihrem Namen dafür ein, dass die Steine verlegt werden konnten und begründeten die Wichtigkeit der Aktion für die Stadt Gelsenkirchen. Dies ermöglichte dann auch eine erste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen. Tatsächlich war die erste Verlegung die letzte mit Unterstützung des Unterstützerkreises. Es wäre schön gewesen, wenn das Projekt diese Unterstützung nicht mehr benötigt hätte, jedoch zeichnete sich schon kurz vor der ersten Verlegung ab, dass der Unterstützerkreis nicht in vollem Umfange erwünscht war.
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Jan 30 2010

Entdeckungen

von Chajm unter Deutschland,Jüdisches

There was a mesusah

Man parkt den Wagen in der Innenstadt, geht um das Auto herum und wundert sich, dass es in Gelsenkirchen auch ein paar schöne alte Häuser gibt. Ich bewundere eine nette Haustür und entdecke die überspachtelte Stelle oben rechts im Rahmen der Tür. Neigungswinkel und Höhe würden passen. Es könnte die Aussparung für eine Mesusah sein. Ich bin offensichtlich ein Freak, weil ich Dinge uminterpretiere, damit sie in mein Weltbild passen. Dennoch beginne ich vorsichtshalber eine kleine Recherche und finde Bestätigung.
Das Haus Husemannstraße 75 wurde 1921-1922 von einem Architekten namens Josef Franke für den Kinderarzt Dr. med. Max Meyer erbaut und Dr. Max Meyer war orthodoxer Jude. Wenn man hinabtaucht in seine Geschichte, erfährt man, dass er in der Stadt eine Austrittsgemeinde Adass Jisroel gründen wollte:

Geboren am 10. Februar 1884 in Gelsenkirchen, (nach 1969 New York) Dr. med., Kinderarzt, Hindenburgstr. 75. Studiert in Straßburg, München, Berlin, Approbation 1909; Dissertation Berlin 1909.
Mitteilung über die Aberkennung des akademischen Grades veröffentlicht in »Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger« am 17. Januar 1941, Medizinische Fakultät Berlin.
10.5.1939 Emigration zunächst nach London, 83 Lordship Park, N16. Ehefrau folgt über Belgien im Januar 1940: gemeinsam weiter nach den USA. License 40, Ped. 645 West End Ave., New York City
aus: »Jüdische Kinderärzte 1933-1945« von Eduard Seidler, Karger, 2007.

Dort gibt es auch einen Hinweis auf Meyers Aktivitäten in der orthodoxen Vereinigung.
Mehr gab es nicht. Monographien über die jüdische Geschichte der Stadt enthalten fast ausschließlich Informationen über die liberale Gemeinde. Wenn man die Quellen betrachtet ist es klar. Fast alle beziehen sich auf Personen, die früher dort Mitglied waren und wenig über die orthodoxe Gemeinde berichten wollten.
Derzeit suche ich nach der Enkelin von Dr. Meyer, die vermutlich in Monsey lebt und auch Medizinerin sein soll. Wie ich bisher erfahren habe, war das Haus von Dr. Meyer der zentrale Ort für die lokale Orthodoxie. Es gab dort einen Raum für gemeinsame Gebete, er zahlte einen Rabbiner und er organisierte von dort aus zahlreiche Aktivitäten. Übrigens zusammen mit dem Vater von Recha Fröhlich, der Frau des nicht ganz unbekannten Shimon Schwab mit dessen Sohn ich ebenfalls Kontakt aufnahm, um mehr über die lokale Orthodoxie zu erfahren. Die Ergebnisse halte ich laufend hier fest.
So brachte mich eine Haustür zu einem verblüffenden Mann, der mit persönlichen Mitteln und viel Einsatz versuchte, etwas aufzubauen aber dessen Wirken in seiner Heimatstadt vollständig in Vergessenheit geraten ist.

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Feb 04 2007

Erster Schabbes & Tag der Offenen Tür

von Chajm unter Jüdisches

Das erste richtige Gemeindegebet in der neuen Synagoge und im neuen Gemeindezentrum Gelsenkirchens zeigte ganz deutlich einige Vorteile eines neuen Zentrums:
Der Raum ist hell, das ist wichtig für die Konzentration – der alte Betraum war eher dunkel gehalten, dunkle Bänke und Bücherpulte und nur wenige Lichtquellen. Die (sehr schönen) bunten Fenster schluckten auch viel Licht und so war das Licht meist etwas schwach und ich schon 30 Minuten nach Beginn der Tfilah schon wieder müde, dieses Mal war das nicht der Fall… überhaupt sorgte der neue und große Bau in der Mitte der Innenstadt dafür, dass die Besucher etwas selbstbewußter nach draußen treten. Das alte Gemeindezentrum war von außen eigentlich nicht als Synagoge zu erkennen und irgendwie übertrug sich dieses Verstecktsein auch auf das jüdische Selbstbewußtsein der Besucher. Heute treten sie selbstbewußter auf, auch den nichtjüdischen Besuchern gegenüber am Tag der offenen Tür. Das ist ein interessanter, nicht zu unterschätzender, Effekt. Am Tag der Offenen Tür heute sind unfassbar viele Besucher aus dem ganzen Ruhrgebiet gekommen, um sich diese neue Synagoge anzuschauen, lange Schlangen bildeten sich vor dem Eingang und zeigten, dass es ein generell großes Interesse am Judentum gibt (die großen Zugriffszahlen und Anfragen an talmud.de dokumentieren das auch) und die Menschen auch bereit sind, sich erklären zu lassen, dass die Synagoge kein Ort eines dunklen Mysteriums ist. Einige Gemeindemitglieder, deren Gesicht man eher selten sieht, waren richtiggehend euphorisch und diesen Efffekt, diesen Drive sollte man nun auch ausnutzen und für eine Weiterentwicklung verwenden. Wenn man sieht, dass sich auch außerhalb der Gemeinde so viele Personen für das Judentum interessieren, beginnt man vielleicht auch selber, sich damit auseinander zu setzen. Ich hoffe sehr, das Café im Gemeindezentrum wird des öfteren geöffnet sein und einen Anlaufpunkt bieten auch außerhalb der Gemeindesprechzeiten. Kurzum: Viel Licht überall im Gebäude, nun sollte es auch von innen nach außen strahlen…

:update: Wie der Zeitung zu entnehmen war, kamen etwa 15 000 Interessierte zum Tag der Offenen Tür. Eine beeindruckende Zahl.

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Feb 02 2007

Synagogeneinweihung in Gelsenkirchen

von Chajm unter Jüdisches

Den regelmässigen Lesern des Blogs sei mitgeteilt: Doch! Am vergangenen Schabbat erreichte mich eine Karte für die Einweihung der Synagoge in Gelsenkirchen. Aus diesem Grund kann ich also auch aus erster Hand berichten:

Synagogeneinweihung Gelsenkirchen

Am Morgen, in der alten Synagoge, stellte sich heraus, dass der geladene Musiker Giora Feidman nicht kommen würde und dass die angekündigtem Klezmorim keine nichtjüdische Gruppe von engagierten Musikern war, sondern eine Gruppe namens Klezmer Chidesch aus Berlin. Gute, echte Musiker, die mit Spaß spielten und ein angenehmes Maß Selbstironie mitbrachten.
Die eingeladenen Rabbiner zeigten an, welche Ausrichtung die Synagoge wohl in Zukunft haben soll, sie waren (mit einer einzigen Ausnahme) Mitglieder der Orthodoxen Rabbinerkonferenz: Rabbiner Avichai Apel, der Düsseldorfer Rabbiner Julian Chaim Soussan und der Kölner Rabbiner Netanel Teitelbaum. Aus Antwerpern kam zusätzlicher Rabbiner Malinsky, der schon die Grundsteinlegung begleitete. Die Rabbiner gestalteten den, wirklich eindrucksvollen, religiösen Teil, mit kurzem Schacharit und Torahlesung in der alten Synagoge und Einheben der Torah in der neuen Synagoge.
Unvermeidbar danach waren zahlreiche Grußworte und Reden, die die meiste Zeit (gefühlt) in Anspruch nahmen und die aber neugierig machten, wie man wohl Neues sagen könnte, nachdem vieles schon bei den Eröffnungen und Grundsteinlegungen der jüngsten Zeit gesagt worden ist. So heiß die Aufgabe „Variationen über den Satz Wer ein Haus baut, will bleiben” und so versuchte es Charlotte Knobloch und ergänzte diesen bekannten Synagogeneröffnungssatz mit dem Hinweis, sowohl Bau einer Synagoge, als auch der Zuzug osteuropäischer Juden nach Deutschland seien Zeichen von Vertrauen in die Bundesrepublik. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers kam ihr zuvor und formulierte es so:

„Der Bau der Synagoge ist ein großer Vertrauensbeweis in die Stabilität unserer Demokratie und ist ein klares Bekenntnis zu unseren kulturellen Grundlagen. Wer eine Synagoge baut, will auch, dass seine Kinder und Enkelkinder bleiben.“

Nun landet der Spielball bei der jüdischen Gemeinde, die nämlich nun die Aufgabe hat, Leben in die Synagoge zu bringen und dafür sorgt, dass sich überhaupt Kinder und Enkel als Juden fühlen und auch jüdisch leben wollen. Nach dem materiellen Aufbau müsste nun nämlich der geistige Aufbau beginnen und zwar nach innen wirkend, in die Gemeinde hinein.
Blick in die neue Synagoge
Der Synagogenraum an sich. Man könnte man es so formulieren, wie die Rheinische Post:

Die Architektur tritt sanft zurück, präsentiert die Symbole. Und davon gibt es viele. Wie den historischen Thoravorhang aus blauer Seide mit Abbildungen der Gesetzestafeln, der Krone. von hier

Mit anderen Worten handelt es sich bei der Synagoge selbst um einen kubischen Raum der auf den Aaron haKodesch hin konzentriert ist. Der einzigen Schmuck ist der Vorhang desselben. Die Bimah befindet sich direkt vor dem Aaron ha Kodesch, die Frauen sitzen in den hinteren Bänken, etwas erhöht.
zuvor heißt es in der Rheischen Post:

Für das Gebäude selbst gibt es keine Bauvorschriften nach jüdischem Glauben. auch von hier

Das erklärt vermutlich auch, warum ich im gesamten Gebäude keine einzige Mesusah fand…

:update:
Beeindruckend war der massive Andrang am Tag der offenen Tür. Einen Bericht darüber findet man hier.

Was Dr. Jürgen Rüttgers noch gesagt hat, im Volltext:
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Jan 26 2007

Schalter ist kein Schalter

von Chajm unter Jüdisches

So kurz vor Schabbat macht ein Artikel in der aktuellen Jüdischen Allgemeinen meinen Schabbat viel leichter. In einem Artikel über die letzten Arbeiten vor Einweihung der Gelsenkirchener Synagoge, heißt es nämlich, der Aufzug/Lift im Gemeindehaus sei am Schabbat benutzbar, weil er nicht durch Schalter, sondern über Lichtschranken gesteuert werde… dann werde ich mal langsam beginnen, meine Tastatur mit Lichtschranken zu versehen, dann kann ich den Rechner auch am Schabbes benutzen… Prima!

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