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Eine Torah aus Essen

Die Bilder der Alten Synagoge Essen gingen um die Welt. Ebenso die Nachricht, dass es dort nun wieder Gebete gab. Aber auch an einem anderen Ort hat man an der Geschichte der Synagoge angeknüpft: In New York. Der letzte Rabbiner der in der Synagoge amtierte, Rabbiner Dr. Hugo Hahn, floh nach der Reichspogromnacht in die USA und gründete dort mit anderen Essenern (unter anderem) eine neue Gemeinde. Die HaBonim Gemeinde.

Rabbiner Hahn musste in Deutschland miterleben, wie die Synagoge angezündet wurde und ausbrannte. Aus den Trümmern zog Rabbiner Hahn die Überreste einer Torahrolle. Der aktuelle Rabbiner der Gemeinde, Rabbiner Joshua Katzan hat mir nun Fotos dieser Rolle gesendet. Sie ist in ein Kunstwerk eingearbeitet und hängt im Gemeindezentrum.

Torah aus Essen in New York

Torah aus Essen in New York

Neben der Torah erinnert ein Bild an die Tradition an welche die Gemeinde einst anknüpfte:

Torah und Bild der Alten Synagoge Essen

Torah und Bild der Alten Synagoge Essen

Der Kantor, Bruce Halev, berichtete in einer Mail, dass noch einige der Gemeindemitglieder in Essen geboren wurden. Wenngleich er Rabbiner Hahn nicht mehr kennengelernt hat, so wird die Erinnerung an die Synagoge Essen doch weitergetragen – wie man an dem Bild im Gemeindezentrum sehen kann.

Vielleicht kriegen wir noch heraus, ob die Mikweh, die der Architekt in seinem Grundriss eingezeichnet hatte, nicht vielleicht doch gebaut wurde, aber heute vielleicht noch auf ihre Entdeckung wartet. Bei twitter war das ein kleines Thema:

Die Geschichte der Alten Synagoge Essen ist also nicht an ihrem Ende angelangt. Wie immer in der jüdischen Geschichte hat man die Erinnerung an diesen Ort an einen anderen getragen und sie aufbewahrt. Nach nun 71 Jahren gibt es über das Internet eine Brücke. Heute sehen nun auch Menschen außerhalb der HaBonim Gemeinde die Torahrolle aus den Trümmern der Synagoge.
Übrigens bedeutet HaBonim – die Erbauer.

Dank an dieser Stelle erneut an Rabbiner Katzan für die Übersendung der Fotos.

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Als die Alte Synagoge Essen noch nicht alt war

Als die Synagoge, die wir heute als »Alte Synagoge« Essen kennen, im Jahr 1913 eröffnet wurde, war sie natürlich die »neue« Synagoge und architektonisch sehr interessant. Heute noch beeindruckt die Größe der Synagoge. Ihre dicken Mauern haben sie davor bewahrt, vollständig abgetragen zu werden – obwohl sie wohl vorwiegend den Lärm der umgebenden Straßen abhalten sollten.
Der Architekt Edmund Körner dokumentierte sein Werk ausführlich.

Seine Fotografien geben uns heute einen guten Eindruck davon, wie das Gebäude gewirkt haben muss, als es als Synagoge verwendet wurde.
Diese Nutzung dauerte nur etwa 25 Jahre.

Die Fotos sind nun hier das erste Mal digitalisiert und öffentlich verfügbar.

Machen wir also einen kleinen Rundgang und beginnen mit der Fassade. Ähnlich präsentiert sie sich heute auch:

Alte Synagoge Essen - Ansicht von der Alfredistraße aus.

Alte Synagoge Essen – Ansicht von der Alfredistraße aus.

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Morgengebet in der Alten Synagoge Essen

Rabbiner Friberg betet vor. Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan (alle Rechte verbleiben bei Ilja Kagan)  Ilja Kagan

Rabbiner Friberg betet vor.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan – hier sein facebook-Profil (alle Rechte verbleiben bei Ilja Kagan)

Im Dezember, zu Chanukkah, beherbergte die Alte Synagoge Essen schon das Limmud-Festival und erlaubte es einen Tag lang, dass Jüdinnen und Juden sich zu Geschichte, Musik, Tradition, Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und auch Religion austauschen, diskutieren und vielleicht auch ein wenig lernen. Am Abend zündete man gemeinsam die Chanukkah-Kerzen und nach langer Zeit schien wieder der Schein einer Chanukkiah aus diesem Gebäude heraus auf die Straße.

Jetzt, im März 2016, kam hier ein weiteres Lebenszeichen hinzu. Der Anlass war eine Tagung mit Leuten aus dem gesamten Bundesgebiet: Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk wählte Essen als Ort für ein Seminar am 2. und 3. März 2016 in Essen. Im Rahmen der Veranstaltung bot man dann auch ein Schacharit (Morgengebet) an. Im Hauptraum der Synagoge fand also am 2. März 2016 das erste Schacharit seit den Novemberpogromen 1938 statt. Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Natürlich historisch, aber auch wenn man sich speziell die Geschichte der »Alten Synagoge« nach 1945 anschaut. Zunächst zweckentfremdet und furchtbar verunstaltet, dann schließlich »Dokumentationszentrum« mit Gedenkstättencharakter und seit einigen Jahren auch »Haus jüdischer Kultur« mit einer starken Öffnung auch in das Jüdische Ruhrgebiet hinein. Und dann noch die Tatsache, dass es da für zwei Tage das Angebot gab, zu einem Werktags-Schacharit zu gehen. Auch wenn nicht wenig Juden im Ruhrgebiet leben, ein Schachachrit an einem Werktag ist immer noch eine absolute Ausnahme (leider – in Dortmund gibt es das noch).

Der Tagungsort war also eine gute Wahl für diejenigen, die davon vor Ort hätten profitieren können – denn prinzipiell hätte jeder (Jude) am Schacharit teilnehmen können und speziell Studenten waren, insbesondere bei facebook, dazu eingeladen worden. Leider verpassten einige Ruhrgebietler diesen Meilenstein des jüdischen Ruhrgebiets, der, im Widerspruch zu seiner historischen Bedeutung (großes Wort) ganz leise daherkam. Rabbiner Shaul Friberg betete vor und unterbrach immer wieder ganz kurz für kleine Anmerkungen und Anweisungen. Die präsentierte er mit einem feinen Gespür für Humor und ohne gezwungene Lockerheit. Gerade für Einsteiger dürfte diese Herangehensweise einen guten Zugang zum Schacharit eröffnet haben.

Gerne wieder und häufiger! Es war großartig, dabei gewesen zu sein.
Möglicherweise belebt die Gründung des Hillel-Hubs Ruhrgebiet die Region noch etwas mehr.
Dazu muss man noch sagen: Der Zuzug von Chabad nach Essen war bisher kaum im Umfeld spürbar. Vielleicht, weil Chabad direkt in der Jüdischen Gemeinde Essen wirkt und deshalb nur eine eingeschränkte Ausstrahlung hat?

Schacharit im Hauptraum der Synagoge.  Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan - hier sein facebook-Profil

Schacharit im Hauptraum der Synagoge. Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan – hier sein facebook-Profil

Wer facebook hat, kann sich dort (hier klicken) ein ganzes Album von Ilja Kagan mit den Bildern anschauen.

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Limmud im Ruhrgebiet – Alte Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Die Alte Synagoge Essen ist heute ein Haus jüdischer Kultur. Lange Jahre war die Synagoge ein Gedenkort und ein Ort an dem Pfarrer (ein wenig Polemik darf an dieser Stelle erlaubt sein) über das Judentum referiert haben.
Doch heute ist die Situation eine andere. Das Haus hat seit dem Weggang der langjährigen Leiterin einen Sprung nach vorne gemacht. Die Dauerausstellung informiert über das Judentum und das jüdische Leben, aber nicht nur aus einer religiösen Perspektive und ist nicht nur Ablageort für alte Kultgegenstände. Es geht auch um jüdische Identität und alles, was damit zu tun hat. Viele Dinge kann man anfassen, einige Sachen ausprobieren und die Architektur auf sich wirken lassen. Das Haus wird gerne besucht, auch wenn es heute nicht als Synagoge dient. Heute ist das Gebäude also nicht nur von außen eine Sehenswürdigkeit.

Flur in der Alten Synagoge

Flur in der Alten Synagoge

Und jetzt geht man noch einen Schritt weiter: Das Haus hat sich Limmud geöffnet und steht damit an einem Tag Jüdinnen und Juden zur Verfügung um sich zu Geschichte, Musik, Tradition, Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und natürlich auch Religion auszutauschen. Übrigens unabhängig vom Alter.
Und das alles am Vorabend des letzten Chanukkah-Tages – am 13. Dezember 2015. Alle Informationen dazu gibt es übrigens hier. Es steckt vermutlich keine tiefere Symbolik dahinter (immerhin ist Chanukkah das Fest der »Tempelwiedereinweihung«), aber es ist eine gute Gelegenheit für diejenigen, die im Ruhrgebiet und drumherum leben, sich auszutauschen und ein paar neue Gesichter zu sehen. Ganz nebenbei ist, wie gesagt, das Haus schon eine Attraktion. Wenngleich an diesem Tag recht viele Chanukkahfeiern in den lokalen Ruhrgebietsgemeinden sind, so kann man doch erwarten, dass dieser Tag etwas besonderes werden dürfte. Hoffentlich, vielleicht, eventuell … etwas vergleichbares gab es im Ruhrgebiet noch nicht.

Wer sich überlegt zu kommen, sollte einfach kurzentschlossen hier klicken und sich anmelden.

Der Vollständigkeit halber: In Dortmund gab es schon einmal (2012) eine lokale Ausgabe eines Limmud-Tages. Die wurde aber recht zurückhaltend an die Nachbargemeinden kommuniziert.

Inside the Old Synagogue Essen

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Opferung des Jitzchak in Essen

Eine junge Frau liest in der Torah von der (Fast-) Opferung Jitzchaks durch seinen Vater Abraham. Sie geht dann in das Zimmer ihres Sohnes und versucht ihn ebenfalls zu töten. Das ist leider keine Geschichte aus einem schwedischen Thriller, sondern eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet und es betrifft keine Sekteanhänger, sondern eine orthodoxe jüdische Familie aus Essen. Das berichtete eine Lokalzeitung. Die (junge) Familie lebte für kurze Zeit wohl in Manchester, fand aber wohl keinen Anschluss dort und lebt nun wieder im Ruhrgebiet. Eine Psychose brachte die Frau soweit, dass sie annahm, sie höre den Befehl, ihr Kind zu töten – welches ausgerechnet Jitzchak heißt.
Das Gericht wies die Frau ein.
Eine tragische Geschichte aus dem Ruhrgebiet.

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Noch mehr Raketen

Bis zum 7. Juli (siehe hier) wurden seit dem 1. Juli 2014 165 Raketen aus Gaza abgefeuert. Nur wenige Tage später, am 10. Juli 2014 sind es bereits 584. Umgerechnet 292.000 Euro – Geld das man prima für humanitäre Hilfe hätte ausgeben können, oder auch (verrückte Idee) für die Gehälter der Angestellten der eigenen Verwaltung. Diese Details unterstreichen: Der Hamas geht es nicht um ein eigenes Land mit funktionierender Infrastruktur, sondern primär um den Erhalt der eigenen Macht.

Raketen bis zum 10. Juli 2014

Oder man formuliert es um und schreibt, dass die Hamas nach einer breit angelegten militärischen Kampagne ruft, weil sie dringend aus ihrer innenpolitischen Lage muss. Aus irgendeinem Grund hat es ein Artikel, der das ähnlich sieht, auf die Seite von Spiegel Online geschafft.

Es ist wenig überraschend, dass die 584 Raketen von der Propaganda heruntergespielt oder ausgeblendet werden. Und das fruchtet und das ist wirklich überraschend, denn eigentlich sollte es jeden Menschen nachdenklich machen, dass die Hamas von einer humanitären Katastrophe spricht, aber andererseits viel Geld dafür ausgibt, den Staat Israel herauszufordern.
Ist die Propaganda also so gut, dass einfacherer Gemüter in die Falle tappen? Oder ist die Wahrnehmung nur noch ideologisch gefärbt? (Rhetorische Frage)

Denn bereits jetzt gab es erste Demonstrationen gegen Israel. Etwa in Dortmund. Dort durfte »Tod, Tod, Israel!« gerufen werden. Für die Stadt Essen hat der Linkspartei Jugendverband Solid für den 18. Juli zu einer Demo eingeladen (ruhrbarone berichten). Im Aufruf zu der Veranstaltung wird gesagt, was gefordert werden soll: »Sofortiger Stopp der Bombardierungen Gazas durch die israelischen Armee und die Freilassung der politischen Gefangenen.« Ein Text der übrigens zuvor lautete: »Sofortiger Stopp der militärischen Aggressionen der israelischen Armee und die Freilassung der politischen Gefangenen.«

Derweil in Israel :

Etwas, was der Staat hinnehmen soll, nach Ansicht der Demonstrationsorganisatoren.

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Chabad jetzt auch im Ruhrgebiet

Chabad macht nun den Sprung von Düsseldorf ins Ruhrgebiet. Lange Zeit hatte es den Status eines Gerüchts, nun aber ist es sicher, dass Rabbi Vilenkin und seine Frau in Dortmund schon im November/Dezember aktiv werden und Rabbi Schmuel Aranoff wohl im Dezember das Chabad-Zentrum in Essen eröffnet.

Das bedeutet noch mehr Dynamik im Ruhrgebiet und macht es dem Beobachter noch schwerer, die Zusammenhänge zu verstehen:
In Dortmund ist eine weitere Gruppe ein Novum, in Essen gibt es neben der Gemeinde bereits heute eine orthodoxe Gruppe außerhalb der Jüdischen Kultusgemeinde vor Ort und hat mit dieser nicht viel zu tun. Diese Gruppe wird wiederum vom neuen Netzwerk Bund Traditioneller Juden unterstützt. In diesem wiederum ist der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen aktiv. In Gelsenkirchen wiederum trifft sich der Minchah-Schiur, der aber die Infrastruktur der Jüdischen Gemeinde nicht nutzen kann/darf.
Wenn Konkurrenz wirklich das Geschäft belebt, dann wird das Ruhrgebiet, trotz sinkender Mitgliederzahlen, eine lebendige Region.

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Noll ist gedanklich noch in Essen

Während die meisten observanten Juden den Monat Elul und die Hohen Feiertage dazu verwendet haben, introspektiv tätig zu werden und noch einmal das eigene Tun kritisch zu hinterfragen und zu schauen, wo man den Nebenmenschen verletzt haben könnte, geht der Schriftsteller Chaim Noll lieber mit anderen ins Gericht. Über die Achse des Guten wiederholt er seine Polemik gegen den Islam, die er auch schon in der Alten Synagoge Essen an den Mann bzw. die Frau bringen durfte und einen wichtigen Beitrag zur Diskussion Wie man nicht über Antisemitismus im Islam spricht leistete. Gar mitten in Brennpunkt wie dem Ruhrgebiet. Hier ist die Frage, ob und wie man gegen Antisemitismus vorgeht, der sich ein religiöses Mäntelchen überstreift, keine theoretische, die man in feuilletonistischen Texten abhandeln kann, sondern eine ganz reale. Hier vor Ort haben wir es mit Jugendlichen zu tun, die durch arabischsprachige Fernsehsender mit Antisemitismus geimpft werden und für die Jude schon Schimpfwort an sich ist. Im Mai kritisierte ich die Veranstaltung, vor allem aber ihre Platzierung. Wenig glücklich damals auch die (Über-)Reaktion des muslimischen Vertreters in der ganzen Geschichte.

Nach diesem Durcheinander übergab man praktischerweise den Schlüssel an Uri Kaufmann, der neue Leiter der Alten Synagoge. Der fasste die Aktionen, die zwar nach seiner Einstellung, aber vor Amtsantritt stattfanden, ganz unaufgeregt aber pointiert in einem Interview zusammen und zeigte, dass man einen Satz wie einen Torpedo einsetzen kann. Wenig Lärm und dann Treffer:

Wenn jemand über den Koran spricht, sollte er schon eine gewisse fachliche Kompetenz mitbringen, zum Beispiel Arabisch, und den Koran lesen können. Dazu reicht eine Sozialisation in Ostdeutschland nicht aus. von hier

Chaim Noll hingegen meint,

Inzwischen hat die Stadt Essen das Problem auf ihre Weise gelöst, durch Appeasement der militanten muslimischen Funktionäre. Da die Leiterin der Alten Synagoge Edna Brocke nach 23 Jahren in den Ruhestand ging, lag es in der Logik des Oberbürgermeisters, einen anschmiegsameren neuen Leiter zu suchen. Er fand ihn in dem Schweizer Historiker und Ausstellungsmacher Uri Kaufmann
von hier

Etwas weiter vorher schreibt er im seinem Text:

In diesem Sinne war offenbar auch sein Brief gemeint. Über meinen Vortrag hinaus zu dem Herr Balaban eingeladen war, aber nicht erschien versuchte er Einfluss auf die künftige Arbeit der Alten Synagoge zu nehmen.
auch von hier

Das ist schön polemisiert. Geht aber an den Fakten vollständig vorbei. Die Stadt Essen schrieb die Stelle von Kaufmanns Amtsvorgängerin bereits Ende 2010 aus und stellte Kaufmann schon zu Beginn des Jahres 2011 ein und keinesfalls nach der Noll-Lesung im Mai. So extrem wichtig war der Auftritt Nolls wohl doch nicht. Eine Podiumsdiskussion mit Noll und richtigen Experten in diesem Themenfeld wäre vielleicht ein interessanter Ansatz gewesen.
Nicht, dass etwa der Eindruck entsteht, man müsste den selbsternannten Kritikern per se den Mund verbieten.
Chaim Noll sollte vielleicht auch mal loslassen können. Andere Themen gibt es genug.

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Der Islam mit antisemitischem Fundament

Böse Zungen behaupten, ich hätte mit einem Glas Wein auf die Nachricht reagiert, dass Frau Brocke die Einrichtung Alte Synagoge Essen verlassen würde. So ist es natürlich nicht. Ich habe den Korken einer Sektflasche knallen lassen. Jetzt konnte eine andere Richtung eingeschlagen werden. Die Stadt Essen wollte ein Haus jüdischer Kultur aus dem Haus machen. Wenn man im Ruhrgebiet lebt, hat man große Erwartungen an einen solchen Titel.
Natürlich kommt es immer anders als man denkt und der Kurs, den Frau Brocke eingeschlagen hat, geht irgendwie nun doch weiter. Unter dem kommissarischen Leiter Dr. Schwiderwoski (der die Amtsgeschäfte führt, bis der neue Leiter Dr. Uri Kaufmann im September seine Arbeit aufnimmt) macht das Haus nach dem Personalwechsel nicht mit einem inhaltlich jüdischen Thema Furore, sondern indem man gegen etwas ist. Die Beschäftigung mit Antisemitismus ist übrigens kein jüdisches Thema, es sollte eigentlich Thema der Gesamtgesellschaft sein.

So kündigte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Essen einen Vortrag von Chaim Noll im Haus Jüdischer Kultur an, der zunächst unter der Überschrift Antisemitismus heute daherkommt. Das klingt zunächst nach einem Standardthema einer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und für die Alte Synagoge mit altem Profil ohnehin. Der kurze Text der Ankündigung kommt jedoch weniger verschlafen daher:

Judenfeindliche Ressentiments spielen seit der Niederschrift des Korans im 7. Jahrhundert und dem Massaker gegen die Juden von Medina im Jahre 628 durch Mohamed im Islam eine fundamentale Rolle. Bis heute kann dieser traditionelle Judenhass reaktiviert und politisch instrumentalisiert werden. Ein Beispiel dafür liefert die im Gaza-Streifen herrschende Organisation Hamas in ihrer Charta. Judenhass wird auf den Staat Israel übertragen, dessen Zerstörung das erklärte Ziel dieser Bewegung ist. Von hier

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Zores um den 9.November

PogromnachtIn der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden 30000 jüdische Menschen inhaftiert, zwischen dem 7. und 13. November auch etwa 400 Menschen ermordet. In besagter Nacht wurden 1.406 Synagogen und Bethäuser vollständig zerstört, die Ritualgegenstände teilweise geraubt und von einigen Orten wissen wir, dass dort Torahrollen auf der Straße ausgerollt worden sind und geschändet wurden. Die Erinnerung an diese Reichspogromnacht ist heute wichtiger Teil des demokratischen Diskurses und in den Orten, in denen es heute noch oder wieder jüdische Gemeinden gibt, wird auch gemeinsam daran erinnert. Dieses Jahr allerdings vielerorten am Abend des 10. November weil am Abend des 9. November der Schabbat beginnt um man bekannterweise am Schabbat nicht trauern darf und auch nicht auf den Friedhof geht (wie es hier beispielsweise gemacht wird). In Essen allerdings stellt sich das Bild etwas anders dar, nachdem eine Angestellte der Stadt Essen eine antisemitische Hetzschrift in einer Auflage von 600 Exemplaren zusammen mit einer Integrationszeitschrift über den Verteiler der Stadt verbreitete und die Stadt Essen keine exemplarischen Maßnahmen einleitete (wie sie doch häufig von den Rednern gerade am 9. November gefordert werden). Anlass des Flugblatts war der Libanonkrieg im vergangenen Jahr zu dem die (aus dem Libanon stammende) Mitarbeiterin der Integrationsstelle Stellung beziehen wollte und unter anderem dies hier schrieb:

Cana ist der heilige Ort, wo Jesus Christus eine Seiner ersten Wunder geschaffen hat als Er das Wasser in Wein verwandelte. Genau da, in Cana, begeht Israel ihre Massaker. Ist das von den Israelis Überhaupt unerwartet? Sind sie nicht diejenigen, die Jesus Christus gekreuzigt haben??

Also kein reines antiisraelisches Pamphlet sondern tatsächlicher Antisemitismus von der mittelalterlichen Sorte. Nach einigem Hin- und Her – die Verfasserin wurde einige Male versetzt und arbeitet nun scheinbar wieder für die Integrationsstelle – passierte also nichts substantielles und das veranlasste die jüdische Gemeinde der Stadt nun, den Gedenkveranstaltungen fern zu bleiben (siehe hier). Kurz vor dem 9. November wurde dann Stephan Kramer zur Streitschlichtung eingeladen und ein Kompromiss wurde erzielt:

Der zwischen Kramer und dem OB unter vier Augen ausgehandelte Kompromiss sieht vor: Es bleibt bei den getrennten Veranstaltungen am 10. November. Doch der Oberbürgermeister wird als Gast an der Gedenkfeier der Jüdischen Kultusgemeinde in der neuen Synagoge teilnehmen, im Gegenzug besucht der Gemeindevorsitzende Jewgenij Budnizkij die städtische Veranstaltung in der Alten Synagoge. Es ist Symbolik unter Zeitdruck: Wenn um 19.30 Uhr die eine Feier endet, soll die andere eigentlich schon beginnen. Aber besser Stress als Streit. Menschen guten Willens sollten sich nicht auseinanderdividieren lassen, sagt Reiniger, und Stephan Kramer wertet das Ergebnis als ersten Schritt, die Vertrauenskrise zu beenden und den Konflikt endgültig beizulegen. von hier

Das bedeutet zunächst, man geht dem Konflikt aus dem Wege, bzw. vertagt die Lösung des echten Problems. Die Welt berichtete bereits im September letzten Jahres von der unzureichenden Lösung der Stadt:

Keiner kann die Tat verstehen. Auch RAA-Leiter Helmuth Schweitzer gerät in Erklärungsnot und betont, Khalil leiste hervorragende Integrationsarbeit. Die Fraktionen verurteilen die Schrift, halten Khalil persönlich aber für nicht gefährlich. Auch Oberbürgermeister Reiniger würdigt intern ihre Arbeit. Sie erhält eine Abmahnung, distanziert sich von ihrem Schreiben und bittet um eine neue Aufgabe. von hier

Das man prinzipiell gegen den Antisemitismus vorgehen müsse, scheint auch klar zu sein, es wird dann gleich ein aber nachgeschoben. So sagte der Oberbürgermeister der Stadt Essen im letzten Jahr auf der Gedenkveranstaltung einen solchen Ja-Aber-Satz:

In unserer Gesellschaft darf es keinen Raum für jegliche Form von Antisemitismus geben.
Das gilt für alle. Wir müssen das deshalb auch den Menschen, die als Migrantinnen oder
Migranten, zumal aus dem muslimischen Kulturkreis, zu uns gekommen sind, sehr deutlich sagen und klar machen. Aus gegebenem Anlass habe ich in diesem Jahr auch beim Fastenbrechen im Ramadan wiederholt unsere Entschlossenheit unterstrichen, jeglicher Form von Antisemitismus entschieden entgegenzutreten.
Entschieden entgegenzutreten heißt zugleich: Individuelles Fehlverhalten zu ahnden. Aber, auch das ist hinzuzufügen: Die Ahndung kann nur nach sorgfältiger Abwägung der Gesamtumstände und unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit erfolgen. Zitiert von hier

Das ist gar nicht ungeschickt, weil der Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft in den Bereich der Migranten verlegt wird und sich das Muster Wir und die Anderen verfestigen kann. Am Thema selbst geht das vorbei, denn das ganze spielte sich ja nicht in einer Wohnung von Familie XY ab, sondern in einem städtischen Büro und verteilt wurden die Pamphlete über den Postverteiler der Stadt. Nach einem Zeichen zum 9. November sieht das also nicht aus…