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Friedenspreis an David Grossman

David Grossman with Nadine Gordimer

Eine Art Innehalten im Meer der antiisraelischen Reflexe in den Medien: Der (große) israelische Autor David Grossman erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in diesem Jahr. Eine gute Gelegenheit für die Öffentlichkeit, auf den Diskurs in Israel zu blicken. Vielleicht geschieht das ja in den nächsten Tagen, wenn über David Grossman berichtet werden wird.
Alle Artikel zu David Grossman in diesem Blog findet man hier.

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Flottille schlägt Wellen

Die Emotionen zum Flottillendesaster schlagen hoch, in großer Geschwindigkeit. In einer Geschwindigkeit und Intensität wie sie nur dann erleben, wenn Israel beteiligt ist – jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass die Bombardierung der Tanklastzüge bei Kunduz mit ungefähr 140 Toten zu solch heftigen Reaktionen geführt hat. Hier wurden gerade die Auswirkungen verglichen, nicht die Umstände!

Da werden heftigst Argumente ausgetauscht: Hatte die Marine das Recht auf die Erstürmung des Bootes? War die Bootsbesatzung bewaffnet, worum ging es eigentlich der Schiffsbesatzung wirklich?

Die ganze Geschichte und ihre Entwicklung hat mehrere Schichten. Versuchen wir sie einzeln zu betrachten und nicht alles in eine riesige Suppe werfen:

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Von der Welt, die enger wird

Ach, sagte die Maus, die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe. Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie. Franz Kafka – Kleine Fabel

Es ist eher zufällig, dass ich abermals über David Grossman schreibe, jedoch hat die ZEIT gestern einen großen Ausschnitt aus einer Rede Grossmans die er im April 2007 in New York beim PEN-Festival World Voices zum Thema Meinungsfreiheit gehalten hat:

Deshalb möchte ich, ehe ich auf meine Schreiberfahrung heute eingehe, ein paar Worte darüber sagen, wie sich ein Schicksalsschlag oder eine traumatische Situation auf ein ganzes Volk auswirkt.
Dabei kommt mir sofort die Maus in Kafkas Kurzgeschichte Kleine Fabel in den Sinn. Eingekeilt zwischen der Falle vor und der lauernden Katze hinter sich, sagt die Maus: Ach, die Welt wird enger mit jedem Tag. Nach den vielen Lebensjahren, die ich in Israel, also in der extremen Realität eines politischen, militärischen und religiösen Dauerkonflikts verbracht habe, muss ich Ihnen bestätigen, dass Kafkas Maus recht hatte: Die Welt wird tatsächlich mit jedem Tag enger und bedrängender.
Und ich kann Ihnen auch von dem Leerraum erzählen, der nach und nach zwischen dem einzelnen Menschen und der gewaltsamen und chaotischen Situation, in der er lebt, entsteht. Dieser Raum nämlich bleibt nie leer. Er füllt sich rasch mit Apathie, mit Zynismus und vor allem mit Verzweiflung die jahrelang, zuweilen sogar über Generationen andauern kann. Es ist die Verzweiflung über eine unabänderliche Lage. Und es ist die noch tiefer sitzende Verzweiflung über die Folgen der verfahrenen Situation für das Leben jedes Einzelnen von uns. von hier

Eindrücklich ist seine Schilderung Israels:

Und ich beschreibe das Leben meines Landes, Israel. Dieses gequälten, gehetzten Landes, berauscht von einer Überdosis Geschichte, einem Überschuss an Emotionen, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen, von einem Zuviel an extremen Ereignissen und tragischen Entwicklungen, Ängsten und lähmender Nüchternheit, von einem Übermaß an Erinnerungen, an enttäuschten Hoffnungen, von einem Schicksal, das unter den Völkern nicht seinesgleichen hat, das mythische Ausmaße hat, das es uns unmöglich zu machen scheint, jemals ein gewöhnliches, normales Leben zu führen, als ein Staat unter anderen, als ein Volk wie alle Völker. von hier

Übrigens prangerte Grossman schon im November vergangenen Jahres an, dass der Krieg im Libanon nahezu ohne Plan geführt worden ist (hier):

Der letzte Krieg hat uns schmerzlich bewusst gemacht, dass dieser Tage keiner König in Israel ist. Dass unsere Führung hohl ist, die politische wie die militärische. Die wesentlichen Inhalte, mit denen Israels Führungskräfte die Hülle ihrer Politik heute füllen, sind Ängste und Einschüchterung, Machtverliebtheit und Machenschaften, Feilschen über alles, was uns lieb und teuer ist. In dieser Hinsicht sind sie keine wahren Führer, gewiss nicht von dem Schlag, den ein Volk in einer so schwierigen und verunsicherten Lage braucht. Manchmal könnte man meinen, ihr Denken, ihre historische Erinnerung, ihre Vision, alles, was ihnen wirklich wichtig ist, fülle gerade einmal den winzigen Raum zwischen zwei Schlagzeilen. Oder die Zeit zwischen zwei Ermittlungen des Generalstaatsanwalts.
Herr Ministerpräsident, ich sage diese Worte nicht aus Wut oder Rache. Mir ist weh um dieses Land und um die Dinge, die Sie und Ihre Gefährten ihm antun. Glauben Sie mir, Ihr Erfolg ist mir wichtig, denn unser aller Zukunft hängt an Ihrer Fähigkeit und Entschlossenheit, ans Werk zu gehen. von hier

Dann erschien der Winograd-Bericht (englische Zusammenfassung hier, hebräisches Original hier) und nun geben die Ereignisse Grossman Recht. Laut Presse haben sich über 150.000 Menschen an den Demonstrationen gegen Olmert beteiligt und das über ideologische Grenzen hinweg. Man ist sich einig (ausnahmsweise), dass Olmert gehen muß, nur wer ihm nachfolgen soll oder, weiß wohl niemand so genau. Solange Olmert aber die Stimmung ignoriert, spielt dieses Thema ohnehin keine große Rolle…

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Israel hat keinen König- Grossman auf Deutsch

Die Rede von David Grossman, auf die ich hier hinwies, hat die ZEIT (ja, es war tatsächlich die ZEIT) nun ins Deutsche übersetzt auch ins Internet gestellt:

„Wir sind Opfer unserer Ängste“
Ein Krieg ohne Plan, eine Regierung ohne Moral, eine Armee ohne Führung Israel hat Grund, an sich selbst zu verzweifeln. Der israelische Schriftsteller David Grossman hält eine Klagerede am Jahrestag des Attentats auf Premier Jitzhak Rabin

Die alljährliche Gedenkfeier für Jitzhak Rabin ist der Moment, in dem wir ein wenig innehalten, uns an Rabin als Mensch und Staatsmann erinnern und den Blick auch auf uns lenken, auf die israelische Gesellschaft, ihre Führung, auf die nationale Stimmung, den Zustand des Friedensprozesses, unsere persönliche Situation innerhalb der großen, nationalen Ereignisse… weiter lesen…

Die ZEIT-Redaktion könnte lernen und endlich die Kommentarfunktion für alle Themen die Israel, oder auch das Judentum berühren, einfach ausschalten… Der erste Eintrag (mittlerweile gelöscht) zum Artikel über den Bau der Synagoge in München hatte sinngemäß folgenden Inhalt: Man sollte das Geld für solche Bauwerke lieber den Palästinensern überweisen, die ja von den Juden hingemetztelt werden. Solche Artikel wirken auf derartige Leute wie Licht auf die Motten…

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David Grossmann an seinen Sohn Uri

Der Sohn des Schriftstellers David Grossman fiel kurz vor dem vorläufigen Ende des Libanonkrieges, als sein Panzer von einer Rakete der Hisbollah getroffen wurde. Heute erschienen in der Printausgabe (online hier) der ZEIT bewegende Auszüge aus der Grabrede an seinen Sohn Uri, die möglichst viele lesen sollten. Eine englische Übersetzung findet man auf den Internetseiten des Observers (hier)

Mein lieber Uri,
schon drei Tage lang beginnen fast alle meine Gedanken mit Nein. Nein, er wird nicht kommen, wir werden nicht reden, werden nicht lachen. Nein, er wird nicht mehr da sein, dieser Junge mit dem ironischen Blick und dem irren Humor, dieser weit über seine Jahre gereifte junge Mann. Nein, es wird sie nicht mehr geben, dieses warme Lächeln und den herzhaften Appetit, diese seltene Verbindung von Entschlossenheit und Feingefühl, von gesundem Menschenverstand und Herzensweisheit. Nein, sie sind nicht mehr, Uris unendliche Zärtlichkeit und die Ruhe, mit der er jeden Sturm ausglich. Und nein, wir werden nicht mehr gemeinsam die Simpsons und Seinfeld gucken, nicht mehr Johnny Cash mit dir hören, nicht mehr deine feste, Halt gebende Umarmung spüren. Und nein, wir werden dich nicht mehr lebhaft gestikulierend mit Jonathan gehen und reden oder deine heiß geliebte Schwester Ruthi umarmen sehen.
Mein geliebter Uri, dein ganzes kurzes Leben lang haben wir alle von dir gelernt. Von deiner Kraft und Entschlossenheit, deinen eigenen Weg zu gehen. Ihn auch dann zu beschreiten, wenn er aussichtslos aussah. Wir verfolgten staunend dein Ringen um die Aufnahme in den Panzerkommandeurslehrgang. Wie du deinen Vorgesetzten nicht nachgabst, weil du wusstest, dass du ein guter Befehlshaber sein konntest, und nicht bereit warst, weniger zu geben, als in deinen Kräften stand. Und als du es geschafft hattest, dachte ich: Hier ist ein Mensch, der schlicht und nüchtern seine Fähigkeiten kennt. Der keine Anmaßung und keine Überheblichkeit in sich stecken hat. Der sich nicht darum schert, was die Leute sagen. Der in sich ruht. Weiter: hier) der ZEIT