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Gedanken für den Weg

Chajm Zwi Hirsch Brojda war das Oberhaupt einer Jeschiwah in Kelm (Litauen), die wohl ein recht ungewöhnliches Programm hatte. Denn statt sich fast ausschließlich auf den Talmud zu beziehen, spielte der wohl nur eine untergeordnete Rolle und man wandte sich statt dessen Literatur zum Thema »Mussar« zu, also einer besonderen »moralisch-ethischen« Ausbildung. Schüler anderer Jeschiwot wurden mit Empfehlungsschreiben angenommen – es war also keine Jeschiwah für den durchschnittlichen Schüler.

Eben dieser Chajm Zwi Hirsch Brojda konnte offensichtlich großartig schreiben – er hat ein Büchlein für die Reise (mit der Eisenbahn) geschrieben. Es geht es um die Analogie der Eisenbahnreise und Lebensreise und was das Rauchverbot damit zu tun haben könnte. Ein Büchlein, dem man auch heute eine große Verbreitung wünschen würde. Denn die »Hast«, die Rabbi Brojda bei der Reise mit der Eisenbahn beklagt, hat nicht gerade abgenommen. Im Flugzeug liest sich der Text ähnlich gut. Hier hat man vielleicht auch mehr Zeit dazu. Und so beginnt Rabbiner Brojda:

Mein lieber Fahrgast, wenn Du jetzt deine Reise antrittst und behaglich im Zuge sitzest, und, als ob Du zu Hause wärest, ununterbrochen durch das Fenster schaust, staunst über die zurücgelegten Strecken des Weges und erst recht, wenn Du solche Fahrt noch nicht gewohnt bist, dann denkst Du wohl bei Dir, wer hätte wohl unseren Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten gesagt, dass die Zeit auf ihren Fittigen uns solche Neuerungen bringen würde?

[…]

Wenn wir einen allgemeinen Überblick werfen über die Neuigkeiten, die unter der Sonne entstanden sind, so müssen wir fast den Erdball und was ihn füllt als eine neue Erde bezeichnen, in ihren Bahnen auf dem Festland der Länge und Breite nach, sogar unterhalb der Erde im Luftraum bis in den Himmel hinein, in ihren neuen Schiffen im Herzen des Meeres, die ihre Wege nehmen bis in die tiefsten Wasser, alle die Einrichtungen, die geschaffen wurden mit der Kraft der Elekrizität, das Telefon, und all dergleichen, die Erforschung aller Teile des Erdballes, die Wissenschaften Physik, Heilkunde, Sternkunde und dergleichen all das hat den Gipfelpunkt erklommen, so auch die kunstvollen Fertigkeiten in Gedankenarbeit und Ausführung in wunderbarer Entwicklung, also ib die Erde sich mit Erkenntnis gefüllt und ihre Weisheit unerforschlich.

Heute kann man das Buch hier online einsehen und vollständig lesen. Ich habe keine gedruckte Variante erhalten können (ich nehme gerne eine entgegen).

Gerne hätte ich den Text digitalisiert, aber das geht aus drei Gründen nicht:

  • Ich konnte nicht herausfinden, wer der Rechtsnachfolger des Verlags Itzkowski ist bzw. welcher Verlag nun die Rechte für die Bücher übernommen hat. Dementsprechend konnte ich die Einräumung dieser Rechte nicht erfragen.
  • Der Übersetzer, Dr. Abraham Michalski, starb 1961 in Tel Aviv. Er hinterließ keine Kinder und es ist aus jetziger Sicht nicht ermittelbar, wer seine Erben sind. Dementsprechend kann man die Einräumung der Rechte ebenfalls nicht erfragen. Die Rechte an diesem Werk dürften »verwaist« sein, allerdings ist es bei solchen Werken in Deutschland nicht erlaubt, sie zu nutzen.
  • Der Autor selber hat eine Warnung an denjenigen aufgenommen, der das Buch unerlaubt weiterverbreitet: »CHAZUWA (die Anfangsbuchstaben des Autoren) lähmt die Füße der Frevler (Traktat Bezah 25) – siehe Raschi – es ist ein Kraut, dessen Wurzeln senkrecht stehen und nicht in fremdes Gebiet übergreifen, darum warne ich jeden, mich zu benachteiligen und dies zu drucken ohne meine oder meiner Nachkommen Erlaubnis uns unseren oder anderen Ländern, bekanntlich ist dies auch nach Gesetzen der Regierung und ihren Vorschriften verboten. Und die darauf hören, sind gesegnet!«

Wer Abhilfe schaffen kann: Nur zu!
Auf dem Titelblatt steht Broda – die jiddische Schreibweise wäre jedoch Brojda.