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The Heart and the Wellspring

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen
The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Energiegeladen und dynamisch. Mit dieser Beschreibung könnte man die Rückschau auf das Konzert von »The Heart and the Wellspring« oder eigentlich »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« (am 5. November 2015) in der Synagoge Gelsenkirchen gleich wieder beenden und hätte damit alles gesagt.
Von der ersten Minute des Auftritts an, nahmen die fünf Musiker ihr Publikum mit auf einen wilden Ritt durch verschiedene Musiktraditionen und da passte es ganz gut, dass die Musiker auch aus verschiedenen Traditionen kommen. Das ist schon rein optisch gut erkennbar. Chilik Frank trägt Schläfenlocken (endlich hatte das Publikum einmal einen »echten« Juden bei den Klezmerwelten) und ist Breslover Chassid, Ariel Alaev trägt die Kopfbedeckung der bucharischen Juden und stellte sich in einem kurzen russischen Redebeitrag auch als bucharischer Jude vor. Er nahm dies zum Anlass, ein Lied aus Duschanbe zu spielen und katapultierte das Publikum mit Energie in eine vollkommen andere Musiktradition.

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Naor Carmi, beschrieb zu Beginn des Konzerts kurz die musikalische »Vision« der Gruppe: Die Musik der verschiedenen chassidischen Gruppen zu sammeln, neu zu interpretieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Aber dennoch spielte die Band nicht nur chassidische Musik (mit recht vielen Niggunim aus der Tradition von Chabad). Auch traditionelle Stücke wie »Schalom Alejchem« waren Bestandteil der Zugabe.
Naor Carmi (am Kontrabass), der stets lächelte und bescheiden von der Musik erzählte, aber auch begeistert von den Zaddikim (»Männer ohne jedes Ego«), berichtete, scheint aber das musikalische Gehirn der Gruppe zu sein – auch wenn Chilik Frank aufgrund seiner auffälligen Erscheinung zumindest optisch im Vordergrund steht. Carmi schreibt die Arrangements und hat sich in Israel übrigens auch viel mit arabischer Musik beschäftigt. Akiva Turjeman gab den Songs mit seiner Stimme – wie soll man das nennen – einen israelischen Style.
Asaf Zamir (Perkussion) ist anscheinend ein Mizrachi-Jude und auch er ließ in eine andere Musiktradition blicken, machte aber auch ein wenig Beatboxing und trommelte mit Hilfe seines Kopfes oder auf seinem Kopf und spielte in Zusammenarbeit mit dem Publikum. Das kam natürlich gut an. Fast so gut wie das Hava Nagilah, dass die Gruppe ebenfalls präsentierte und das war einer der wenigen Augenblicke in denen man den Eindruck hatte, hier wird dem Publikum doch das gegeben, was es verlangt. Auf der anderen Seite merkt man, dass die Jungs echte Bühnenprofis sind und diese Dinge offenbar gut dosiert zum Einsatz bringen. Vielleicht präsentieren sie einem israelischen Publikum einen anderen Querschnitt aus ihrem musikalischen Werk.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das Konzert zeitlich vom Klezmerworkshop abgekoppelt war. Wären die jungen Teilnehmer des Workshops im Publikum gewesen, hätten sie vermutlich bei der überbordenden guten Laune das Zentrum der Jüdischen Gemeinde vollständig zerlegt.

Für jüdische Zuschauer und Zuhörer war der Auftritt von »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« ein großes Ereignis. Für nichtjüdische Zuhörer eine weitere Erinnerung daran, dass da nicht Musik von gestern gespielt wird, sondern durchaus auch von heute – mit Pop-Qualität. Jiddisch ist übrigens auch keine Sprache von gestern. Das zeigte Chilik Frank, der als jiddischer Native-Speaker die Musik kommentierte.

Der Sound vor Ort hatte übrigens Studioqualität.

“the heart and the wellspring” in #Gelsenkirchen #hassidic #chassidic #music #eliyahu #jewish #hebrew #jüdisch

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

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Kurzer Einblick in eine jüdische Hochzeit

In Montreal wurde jüdisch geheiratet (ja, soll häufiger vorkommen) – Levi Chayo und Mushky Krasnianski, beide aus Chabad-Familien – und das Lokalfernsehen war dabei.

Es gibt Fotos und zwei Videos – es ist nicht sehr lang. Wer also einen Blick auf/in eine jüdische Hochzeit werfen möchte, hat hier die Gelegenheit:

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Rosch haSchanah – Rückschau

Shofar on Rosh haShanah - #roedelheim #machzor

An Rosch haSchanah ist auch Rückschau angesagt. Hier im doppelten Sinne. Auf das persönliche Rosch haSchanah und insgesamt auf das gesamte Jahr im Allgemeinen. Dass man am Ende des Jahres zurücksieht, ist ansonsten keine besondere Neuigkeit.
Man schaut, was das vergangene Jahr gebracht hat, aber man sollte nicht vergessen zu schauen, wo man vielleicht selber vollkommen daneben gelegen hat. Im Idealfall kommt man über diesen Weg darauf, was man im Folgejahr verbessern müsste. So baut man an sich selber weiter. Im Sinne von Rabbiner Josef Soloveitchik, der schreibt, dass Teschuwah ein aktiver Akt des Menschen sei. Der Einzelne erschaffe in diesem Prozess der »Teschuwah« ein vollkommen neues »Ich« und deshalb ist sie individuell.

Im schlechten Fall schreibt säuert man formelhafte Entschuldigungen zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur ab – über facebook, twitter oder per Mail »Ich entschuldige mich bei allen, denen ich bla bla bla«. Möglichst unpersönlich und wenig anlassbezogen.

Aber auch im größeren, organisatorischen, Rahmen: Was kann man verbessern und ändern? Wie kommen wir alle besser weg? Strukturelle Veränderungen?

Und wenn wir über strukturelle Veränderungen, mit Bezug auf das Judentum in Deutschland, sprechen, kommen wir um einen großen Spieler nicht herum: Chabad.
Deshalb habe ich die Aussicht darauf, einer von 10 Betern zu Schacharit in einer nicht so sehr kleinen Synagoge zu sein, kurzerhand gegen eine kleine Chabad-Synagoge eingetauscht.
Die kleine Synagoge war bis auf den letzten Platz besetzt und nahezu alle Beter machten aktiv mit und vermissten keinen Einsatz in den Pijutim oder sonst überall, wo Interaktion mit dem Vorbeter/Schaliach Tzibur gefragt ist. Es gab sogar Birkat Kohanim und bei Mussaf war ich der einzige, der nicht vollständig auf dem Boden kniete – obwohl dieser mit Teppich ausgelegt war. In den letzten Jahren wäre ich der einzige gewesen, der das gemacht hat und irgendwie kommt man sich dann doch freaky vor, wenn einen die anderen Beter fragend beobachten. Der Nussach Ari (Machzor zum anschauen) weicht in Bezug auf die Schmoneh Essre und Mussaf nicht gravierend vom aschkenasischen Ritus ab. Die Psukej de’Zimrah sind jedoch ein wenig verwirrend, wenn man mit einem aschkenasischen Machzor mitbetet.
Die Atmosphäre war dicht, dem Tag angemessen und offen. Deshalb war es kein Problem, sich unter die Stammbeter zu mischen. Durch die kleine Synagoge hatte alles auch irgendwie einen informellen Charakter – möglicherweise würde dieser in einem größeren Gebäude auch verloren gehen.
Kurzum: Als Beter fühlte man sich wohl. Sicher ist dies ein(!) Mosaiksteinchen des Erfolges von Chabad, aber natürlich ist eine solche Atmosphäre nicht nur durch Chabad oder den lokalen Abgesandten von Chabad, herstellbar.
Ich hatte jedenfalls nicht den Eindruck, die Anwesenden würden dort ihre Zeit absitzen.
Ein angenehmer Beginn von 5774 – auch in der Rückschau.

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Die Rabbinerkonferenzen – Freunde?

Briefwechsel Rabbinerkonferenzen

Eine ganze Zeit lang gab es in Deutschland zwei Rabbinerkonferenzen. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz der orthodoxen Rabbiner und die Allgemeine Rabbinerkonferenz für die meisten Rabbiner, die nicht Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz sind oder waren und zu verschiedenen Strömungen des Judentums gehören.

Wenn man gewisse Spannungen erwartet hätte, hätte man sie natürlich hier erwartet. Doch mit der wachsenden Anzahl von Chabad-Rabbinern, wurde eine weitere Rabbinerkonferenz begründet, die allerdings Deutscher Rabbinerrat heißt. Weil von der wachsenden Anzahl von Chabad-Rabbinern die Rede war, ist klar, zu welcher Strömung die Mitglieder dieser Konferenz größtenteils gehören: Zu Chabad.
Es hat den Anschein, als sei das notwendig geworden, weil die Orthodoxe Rabbinerkonferenz keine Chabad-Rabbiner aufnehmen wollte.

Die beiden Organisationen existierten ersteinmal unabhängig voneinander und dann muss es Widerstand gegen die Formierung des Rabbinerrates gegeben haben, denn, so berichtet jedenfalls Chabad, wandte sich jemand offenbar an das Oberrabbinat des Staates Israel, genauer gesagt, an den sefardischen Oberrabbiner Schlomoh Amar und der wiederum wandte sich mit einem Brief an Chabad.

I turn to you, dear Rabbis of Germany, and call upon you to try and find what unites the Jews for the sake of G-d, and not what causes Machlokes (Chas V’Shalom). It is befitting for the honor of Torah that all Orthodox forces in Germany united together and work hand in hand in the face of the challenges and important missions which are facing you, and I do not see any obstacle in your path.
Auszug aus der englischen Übersetzung von hier

Chabad wiederum antwortet darauf und lässt wenige Fragen bezüglich der Einschätzung der Orthodoxen Rabbinerkonferenz offen:

It is true that Germany has an organization of modern-Orthodox Rabbis known as the ORD, which unites the Rabbis of the official communities, but for some odd reason this organization is only willing to accept Rabbis of official communities, and is steadfastly refusing to accept religious Rabbis, leaving the vast majority of religious Rabbis without any central body supporting them.

This is not the place to present all the shameful episodes and harrassment which the ORD has given to Rabbis who tried to join their ranks, we will just present a few short points, and hopefully at some point the Rabbi will grant us the opportunity to present the complete picture.

The Rabbi is surely aware of the sad situation in Germany, which has official communites which are affiliated with the Reform movement, and some communities which are „united“ (that have both an orthodox and reform departments), but even the latter do not follow the Torah way.
Auszug aus der englischen Übersetzung von hier

Der Autor des Artikels, Shalom Abramowitz, zeigt ebenfalls eine klare Haltung zur religiösen Ausrichtung der ORD:

The genuinely Orthodox Rabbis (including Chabad Rabbis) have been trying as much as possible to influence their local communities to adhere to Halachic standards and to to fall for any Reform-Style ideas presented by the ORD.
von hier

Eines steht fest: Langweiliger ist es durch den Zuwachs nicht geworden.
Doch die Differenzen werden vermutlich nicht durch das israelische Oberrabbinat gelöst werden, sondern irgendwann die Tatsache, welche der beiden Konferenzen tatsächlich mehr Einfluss auf ihre Anhänger haben.

Warum man sich übrigens an das Rabbinat des Staates Israel wendet, ist mir noch nicht so ganz klar. Es ist ja für den Staat Israel zuständig und nicht für Deutschland.

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Chabad jetzt auch im Ruhrgebiet

Chabad macht nun den Sprung von Düsseldorf ins Ruhrgebiet. Lange Zeit hatte es den Status eines Gerüchts, nun aber ist es sicher, dass Rabbi Vilenkin und seine Frau in Dortmund schon im November/Dezember aktiv werden und Rabbi Schmuel Aranoff wohl im Dezember das Chabad-Zentrum in Essen eröffnet.

Das bedeutet noch mehr Dynamik im Ruhrgebiet und macht es dem Beobachter noch schwerer, die Zusammenhänge zu verstehen:
In Dortmund ist eine weitere Gruppe ein Novum, in Essen gibt es neben der Gemeinde bereits heute eine orthodoxe Gruppe außerhalb der Jüdischen Kultusgemeinde vor Ort und hat mit dieser nicht viel zu tun. Diese Gruppe wird wiederum vom neuen Netzwerk Bund Traditioneller Juden unterstützt. In diesem wiederum ist der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen aktiv. In Gelsenkirchen wiederum trifft sich der Minchah-Schiur, der aber die Infrastruktur der Jüdischen Gemeinde nicht nutzen kann/darf.
Wenn Konkurrenz wirklich das Geschäft belebt, dann wird das Ruhrgebiet, trotz sinkender Mitgliederzahlen, eine lebendige Region.

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Über Chabad sprechen

Sprechen über Chabad kann spannend sein und dazu führen, dass man über die eigenen Strukturen spricht und sie hinterfragt.
Wenn man in einem jüdischen Umfeld über Chabad spricht jedenfalls.

Am 2. Mai lud die Alte Synagoge Essen in der Reihe Donnerstagsgespräche zu einem Vortrag über Chabad. Die Veranstaltung wurde auf Facebook so angekündigt:

Vortrag: Die Lubawitscher Chassidim
eine jüdische fundamentalistische Strömung

Tatsächlich aber wollte der Referent, Professor Micha Brumlik diesen Standpunkt so nicht teilen und sieht in den Anhängern von Chabad keine Fundamentalisten.
Tatsächlich war dies eine Frage aus dem Publikum, das nahezu ausschließlich aus interessierten Nichtjuden bestand. Vielleicht waren drei Juden im Publikum und tatsächlich richtete sich der Vortrag eher an Einsteiger in die Materie.
So schilderte Professor Brumlik in nucem die Geschichte der drei Rebben, streifte die spezielle Sicht von Chabad aufs Judentum und verweilte etwas länger bei den Punkten, denen man häufiger begegnet, die aber für Chabad offenbar nicht im Zentrum des Interesses stehen. Zum einen, dass die Seelen der Juden sich von denen der Nichtjuden unterscheiden (Übersetzung des Textes aus dem Buch Tanja und Kommentar dazu hier). Zum anderen, dass es Chabadniks gibt, die im letzten Rebben den Maschiach sähen.
Beide Details sind ein wenig überholt. Dass Rabbiner Menachem Mendel Schneerson der Maschiach sei, ist keine Mainstream-Annahme innerherhalb von Chabad. Das schob Professor Brumlik später jedoch auch nach. Kurz erwähnt wurde, was heute im Vordergrund der (erfolgreichen) Arbeit von Chabad im Vordergrund steht, nämlich das Engagement der Familien des jeweiligen Rabbiners.

Vor einem jüdischen Publikum hätte man vielleicht die Frage diskutieren können, wie Chabad es schafft, Infrastrukturen zu schaffen, wo etablierte Gemeinden zuvor scheiterten. Lokale Fragen nach dem Wirken wurden aus dem Publikum gestellt, konnten aber nicht hinreichend beantwortet werden, weil Professor Brumlik aus Frankfurter und Berliner Perspektive berichten konnte, die lokalen Konstellationen nicht kennt.
Die Fakten waren weder neu (für engagierte Juden jedenfalls nicht), noch spannend.
Vielleicht, weil der Vortrag auf ein nichtjüdisches Publikum zugeschnitten war, fehlten Verweise auf die, für Deutschland ja recht neue, Konkurrenz zwischen verschiedenen Strömungen und Auffassungen darüber, wie Gemeinden organisiert sein sollten. Der Zielgruppe dürften die Informationen ausgereicht haben, um selber tiefer in die Materie einzusteigen.

In weiten Zügen wurden die bisherige Ausführungen von Professor Brumlik zum Thema Chabad etwas unspektakulärer präsentiert und weniger zugespitzt. Das emotionalisierte und elektrisierte natürlich nicht besonders und lies den Abend etwas brav geraten. Jedenfalls braver, als ich es erwartet hätte.
Übrigens ist es begrüßenswert, dass man überregional bekannte Referenten einlädt und den Meinungsaustausch nun zumindest ermöglicht hat. Eine stärkeres jüdisches Interesse wäre auch begrüßenswert.

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Das Buch Tanja – Sehr feine Ausgabe

Das Buch Tanja - Umschlag

Das Buch Tanja - Ansicht

Das ist etwas für die bibliophilen Seelen unter uns.
Das kann man getrost behaupten, auch wenn man von dem Buch zuvor niemals etwas gehört hat.

Obwohl in letzter Zeit wieder einige jüdische Bücher (also jüdische jüdische Bücher, nicht Bücher über das Judentum) neu gedruckt werden, so sticht die Ausstattung des Buches Tanja doch deutlich heraus. 930 Seiten, Goldschnitt, Leineneinband, Lesebändchen und Schutzumschlag. Im Innenteil wurde ähnlich sorgfältig gearbeitet. Die deutsche Typographie stammt von Professor Ralf de Jong, die hebräische wurde von Dr. Ittai Tamari verantwortet. Bisher habe ich keine derart aufwändige Neuerscheinung eines jüdischen Buches in deutscher Sprache gesehen. Man lernt dadurch etwas wichtiges.
Nämlich: Es wäre theoretisch doch möglich, so etwas (für den Leser) bezahlbar zu machen und überhaupt zu realisieren. Aber möglich ist es natürlich nur dann, wenn Sponsoren oder Spender die Herausgabe unterstützen. Im Ausland wird das bei jüdischen Büchern häufiger gemacht.
Im vorderen oder hinteren Bereich findet man häufig Widmungen dieser Unterstützer. Das setzt natürlich voraus, dass das Werk von einer gewissen Anzahl von Menschen für unterstützenswert gehalten wird.
Vielleicht könnte man das auch als Zeichen für die Zukunft deuten? Man wandelt den vielzitierten Spruch vom Haus, das man baut, weil man bleiben will ein wenig ab und behauptet wer ein Buch druckt will bleiben. Meint: Man vertraut darauf, dass das Buch aktuell in Zukunft eine interessierte Schar von Lesern und Lernern hat und haben wird und dass es sich lohnt (in wirtschaftlicher und ideeller Hinsicht) ein solches Projekt durchzuführen.

Bei dem Buch Tanja (oder auch Likkutej Amarim) handelt es sich um eine Schlüsselschrift (ich denke, das kann man so formulieren) von Chabad und so erklärt sich die Motivation der Unterstützer und die große Wertschätzung dem Inhalt gegenüber (den Inhalt habe ich in aller Kürze in der Rezension für die Jüdische Allgemeine angerissen, siehe hier – in aller Kürze darstellen lässt sich der nicht). So wird dann Goldschnitt wie dieser möglich:

Das Buch Tanja - der Goldschnitt

Goldschnitt

Im Inneren des Buches finden wir den hebräischen Originaltext, sowie die Übersetzung von Rabbiner Levi Sternglanz (die man hier online lesen kann). Ihr Stil ist sehr interessant. Die Übersetzung erinnert stark an klassische Texte. Das hat einen zeitlosen Charakter, schafft aber auch eine gewisse Distanz zum Text:

Die zweite Seele des Juden ist buchstäblich ein Teil G?ttes von droben, wie es steht: Und Er blies den Hauch des Lebens in seine Nase, und Du hast [die Seele] in mich geblasen
zitiert nach dem Text auf der Internetseite, hier

Damit folgt der Inhalt der Form. Sie liegt auch irgendwo zwischen klassisch und modern. Klassisch wäre die Verarbeitung und der hebräische Schriftsatz (Drugulin), modern mit Anleihen an hebräische Werke, die einen Kommentar beinhalten, wäre die Aufteilung der Seite und die farbliche Unterscheidung von Inhalt und Kommentar.

Blick in das Buch Tanja

Blick in das Buch Tanja

Auf den äußeren Rändern (die farblich abgesetzt sind) sind viele erklärende Kommentare untergebracht. Sie schaffen eine gewisse Lernatmosphäre. Sicher ist es auch kein Buch, welches man einfach mal herunterlesen kann. Viele Begriffe aus der Welt der Kabbalah begegnen einem. Dafür gibt es natürlich ein leicht aufzufindendes Glossar. Dieser Teil des Buches ist nämlich hinten auf anderem Papier gedruckt.

Buch Tanja - Deutscher Text mit Rand

Buch Tanja - Deutscher Text mit Rand

Lohnt sich das Buch für Nicht-Chabadniks? Wenn man sich auch inhaltlich mit Chabad auseinandersetzen will (im Sinne einer inhaltlichen Beschäftigung), dann sollte man zumindest ungefähr wissen, worum es dort geht und sich auf ein paar Seiten einlassen. Schaden tut es nicht. Der Umfang der zitierten Quellen ist riesig. Viele Themen tun sich auf, die man vielleicht vertiefen oder hinterfragen möchte und schon ist man drin im Buch. Die Quellen liegen nun in Buchform auf dem Tisch. Ein erstaunliches Projekt.

Eine weitere Rezension von mir gibt es in der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen, hier online zu finden. Es handelt sich übrigens um eine einbändige Ausgabe.

Das Buch ist über books&bagels erhältlich.

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Der britische Oberrabbiner Sacks in New York

Der britische Oberrabbiner Sir Jonathan Sacks (der mit eigener App) ist ganz unverkennbar ein Bewunderer des Lubawitscher Rebben.
Nicht nur, dass er früher bereits erzählte, erst der Rebbe habe ihn dazu gebracht, selber Rabbiner zu werden (erzählt er auch im Video unten), er bewundere ihn auch, sagte er kurz nach dem Tod des Rebben (1994) dafür, dass dieser keine Anhänger (Followers) sammle, sondern Anführer (leader) hervorbringen will (siehe auch hier).

Als sich jetzt in New York die weltweiten Gesandten von Chabad versammelten, hielt Rabbiner Sacks vor diesen Abgesandten eine Rede, in der er das wiederholte und unterstrich, warum das Engagement für das Judentum nicht nur der eigenen Strömung gelten sollte.

Jedenfalls fasst Rabbiner Sacks seine Bewunderung noch einmal in seiner hervorragend vorgebrachten Rede zusammen und erzählt auch indirekt einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte.

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Hamburg mit neuem- altem Rabbiner?

Wird das ein Modell auch für die Gemeinde der Stadt Düsseldorf? Das könnte man sich nach dem Weggang des beliebten Rabbiners Soussan fragen: In Hamburg besetzt die jüdische Gemeinde den vakanten Rabbinerposten mit einem Rabbiner der sowieso schon in der Stadt aktiv ist. Nämlich mit Rabbiner Schlomo Bistritzky von Chabad Hamburg, das vermeldet eine Nachrichtenseite von Chabad. In Düsseldorf hat sich Chabad ebenfalls gut etabliert und ist nicht einmal ein paar Schritte vom Gemeindezentrum entfernt. Interessant dürfte sein, wie es später in der Praxis ausschauen wird. Wird das Chabad-Zentrum schließen und die Gemeinde nun die Aufgaben übernehmen? Wird Rabbiner Bistritzkys Stelle durch einen anderen Abgesandten von Chabad ersetzt? Wie groß wird die Teilmenge sein?

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Buch Tanja in Deutschland gedruckt

Gruppenbild in der Druckerei

Gruppenbild in der Druckerei

Im Sommer war das Buch Das Heer des Rebben über Chabad hier im Blog Thema und in große Zügen wird die Arbeit von Chabad geschätzt und beobachtet. Nun werden auch Chabadspezifische Inhalte vermittelt. Zwar gibt es seit einiger Zeit eine deutsche Übersetzung des Buches Tanja von Rabbi Schneor Salman aus Ljadi, welches DAS Werk der Chabad-Bewegung sein dürfte, online in der Übersetzung von Rabbiner Levi Sternglanz, aber nun geht man einen Schritt weiter und druckt direkt in Deutschland für den deutschsprachigen Markt (hebräisch/deutsch also). Der Vertrieb läuft jedoch über die Schweiz.
In Darmstadt wurden nicht einfach nur die Druckmaschinen angeworfen, es wurde ein Event. Während der Halbfeiertage von Sukkot kamen Schluchim (also Chabad-Abgesandte), Rabbiner und
Interessierte aus Deutschland und dem angrenzenden Ausland um den Druck direkt vor Ort zu beobachten. Weil Chol haMoed Sukkot war, hatte man eine Sukka gleich mitgebracht um dort LeChajim zu machen und die warmem Druckfahnen aus der Maschine direkt zum Lernen zu verwenden.

Druckbogen des Buches Tanja

Druckbogen des Buches Tanja


Bemerkenswert ist, dass da Leute am Werk waren, die ihr Handwerk verstehen. So war Professor Ralf de Jong involviert und das sollte garantieren, dass typographisch alles mit rechten Dingen zugeht. Das gilt übrigens auch für den hebräischen Teil, hier hat man Dr. Ittai Tamari an Bord geholt, der im Bereich der hebräischen Typographie wirkt.

Ein Video dokumentiert das Event in Darmstadt:

(im Film sehen wir kurz einen Heidelberg Speedmaster, man weiß also: hier wird vermutlich mehrfarbig gedruckt)

Tatsächlich sehen die Testseiten, die ich gesehen habe, vielversprechend aus:

Das Buch Tanja - Innenansicht

Das Buch Tanja - Innenansicht

Ein umfassendes Urteil kann man sich natürlich erst dann erlauben, wenn man das Zusammenspiel von Inhalt, Form, Einband und allgemeiner Haptik erlebt hat. Bisher empfand ich das Buch als sehr spezielles Chabad-Thema, man wird sehen, ob eine größere Verfügbarkeit auch eine größere Verbreitung mit sich bringt.