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Gedanken für den Weg

Chajm Zwi Hirsch Brojda war das Oberhaupt einer Jeschiwah in Kelm (Litauen), die wohl ein recht ungewöhnliches Programm hatte. Denn statt sich fast ausschließlich auf den Talmud zu beziehen, spielte der wohl nur eine untergeordnete Rolle und man wandte sich statt dessen Literatur zum Thema »Mussar« zu, also einer besonderen »moralisch-ethischen« Ausbildung. Schüler anderer Jeschiwot wurden mit Empfehlungsschreiben angenommen – es war also keine Jeschiwah für den durchschnittlichen Schüler.

Eben dieser Chajm Zwi Hirsch Brojda konnte offensichtlich großartig schreiben – er hat ein Büchlein für die Reise (mit der Eisenbahn) geschrieben. Es geht es um die Analogie der Eisenbahnreise und Lebensreise und was das Rauchverbot damit zu tun haben könnte. Ein Büchlein, dem man auch heute eine große Verbreitung wünschen würde. Denn die »Hast«, die Rabbi Brojda bei der Reise mit der Eisenbahn beklagt, hat nicht gerade abgenommen. Im Flugzeug liest sich der Text ähnlich gut. Hier hat man vielleicht auch mehr Zeit dazu. Und so beginnt Rabbiner Brojda:

Mein lieber Fahrgast, wenn Du jetzt deine Reise antrittst und behaglich im Zuge sitzest, und, als ob Du zu Hause wärest, ununterbrochen durch das Fenster schaust, staunst über die zurücgelegten Strecken des Weges und erst recht, wenn Du solche Fahrt noch nicht gewohnt bist, dann denkst Du wohl bei Dir, wer hätte wohl unseren Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten gesagt, dass die Zeit auf ihren Fittigen uns solche Neuerungen bringen würde?

[…]

Wenn wir einen allgemeinen Überblick werfen über die Neuigkeiten, die unter der Sonne entstanden sind, so müssen wir fast den Erdball und was ihn füllt als eine neue Erde bezeichnen, in ihren Bahnen auf dem Festland der Länge und Breite nach, sogar unterhalb der Erde im Luftraum bis in den Himmel hinein, in ihren neuen Schiffen im Herzen des Meeres, die ihre Wege nehmen bis in die tiefsten Wasser, alle die Einrichtungen, die geschaffen wurden mit der Kraft der Elekrizität, das Telefon, und all dergleichen, die Erforschung aller Teile des Erdballes, die Wissenschaften Physik, Heilkunde, Sternkunde und dergleichen all das hat den Gipfelpunkt erklommen, so auch die kunstvollen Fertigkeiten in Gedankenarbeit und Ausführung in wunderbarer Entwicklung, also ib die Erde sich mit Erkenntnis gefüllt und ihre Weisheit unerforschlich.

Heute kann man das Buch hier online einsehen und vollständig lesen. Ich habe keine gedruckte Variante erhalten können (ich nehme gerne eine entgegen).

Gerne hätte ich den Text digitalisiert, aber das geht aus drei Gründen nicht:

  • Ich konnte nicht herausfinden, wer der Rechtsnachfolger des Verlags Itzkowski ist bzw. welcher Verlag nun die Rechte für die Bücher übernommen hat. Dementsprechend konnte ich die Einräumung dieser Rechte nicht erfragen.
  • Der Übersetzer, Dr. Abraham Michalski, starb 1961 in Tel Aviv. Er hinterließ keine Kinder und es ist aus jetziger Sicht nicht ermittelbar, wer seine Erben sind. Dementsprechend kann man die Einräumung der Rechte ebenfalls nicht erfragen. Die Rechte an diesem Werk dürften »verwaist« sein, allerdings ist es bei solchen Werken in Deutschland nicht erlaubt, sie zu nutzen.
  • Der Autor selber hat eine Warnung an denjenigen aufgenommen, der das Buch unerlaubt weiterverbreitet: »CHAZUWA (die Anfangsbuchstaben des Autoren) lähmt die Füße der Frevler (Traktat Bezah 25) – siehe Raschi – es ist ein Kraut, dessen Wurzeln senkrecht stehen und nicht in fremdes Gebiet übergreifen, darum warne ich jeden, mich zu benachteiligen und dies zu drucken ohne meine oder meiner Nachkommen Erlaubnis uns unseren oder anderen Ländern, bekanntlich ist dies auch nach Gesetzen der Regierung und ihren Vorschriften verboten. Und die darauf hören, sind gesegnet!«

Wer Abhilfe schaffen kann: Nur zu!
Auf dem Titelblatt steht Broda – die jiddische Schreibweise wäre jedoch Brojda.

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Die Propheten des Herder Verlags

1858 hat Rabbiner Ludwig Philippson (1811–1889) ein, bis heute unübertroffenes, Mammutwerk geschaffen:
Die »Israelitische Bibel«. Philippson fertigte eine vollständige Übersetzung des Tanach an, fügte einen ausführlichen Kommentar hinzu, zahlreiche Bilder und einen hebräischen Originaltext.
2015 hat der Herder-Verlag die Übersetzung Philippson neu aufgelegt – jedenfalls zunächst einen Teil davon:
Der Teil »Tora(h)« wurde als eigener Band publiziert und die »bewährte« Übersetzung Philippsons, in leicht überarbeiteter Form, wieder zugänglich gemacht.

Es blieb nicht dabei, den Text aus der Frakurschrift »abzuschreiben.« Ein Herausgeberteam um Walter Homolka, den Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, überarbeitete zurückhaltend die Übersetzung von Philippson, die sich nicht im Austausch veralteter Begriffe und einer modernisierten Orthografie erschöpfte.
Die Arbeit an einer Neuausgabe eines klassischen Texts wird gemeinhin unterschätzt. Der Text muss zunächst sorgfältig digitalisiert werden, dann hat Philippson auch schon einmal einen Satz in der Übersetzung vergessen, es gibt Druckfehler oder Zeichendreher im Original, Wörter müssen behutsam in eine moderne Sprache gebracht werden, ohne die Gesamtwirkung zu zerstören. Eine Arbeit vieler Hände. Jedes Buch der Tora dieser Neusausgabe wurde jeweils von einem kleinen Text aus liberaler Perspektive eingeleitet. Den hebräischen Originaltext fand man auf jeder Seite.
Genau mit diesem Ansatz hat das Team nun auch die »Propheten – Newi’im« umgesetzt. Das Ergebnis sind etwa 1.300 Seiten in einer handlichen Ausgabe. In dieser Überarbeitung behält der Text Philippsons seinen alten »Klang«, aber er ist auf weiten Strecken verständlicher als der Text in der Originalausgabe.

Gestalterisch orientiert sich der deutsche Text ein wenig an der verwendeten hebräischen Schrift. Weiterlesen

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Schutzumschlag Schmutzumschlag

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Als ich kürzlich wiederholt einen Band des Steinsaltz-Talmuds aus meinem Regal fischte, riss ein Teil des Schutzumschlags. Die Bände werden mit einem interessanten, fast durchsichtigen und bedruckten Schutzumschlag ausgeliefert. Den ziert eine farbige Abbildung eines »Dings«, welches im Inhalt Gegenstand irgendeiner Debatte ist. Bei Pessachim sind es Matzot, wie sie früher ausgesehen haben (bevor wir die Industriematzot mit den Löchern hatten), bei Megillah ist es ein Bild einer wertvollen Megillah (überraschende Auswahl). Der Riss war vielleicht noch mit Klebeband reparabel. Damit hätte der Umschlag seltsam ausgesehen. Was tun? Die Antwort ist simpel und folgt umgehend.

Kürzlich erzählte mir jemand, dass er Bücher (Hardcover) noch extra einem Umschlag aus Zeitungen oder Papier umgibt, damit der Umschlag nicht beschädigt wird. Eine andere Person schilderte, sie nähme den Schutzumschlag zuhause ab, lese das Buch unterwegs und würde dann den Umschlag zuhause wieder um das Buch legen und es dann ins Regal stellen. Einige andere verwenden den Schutzumschlag als Platzhalter für das Buch, solange es nicht im Regal steht. Anschließend legen sie den Schutzumschlag wieder an und stellen das Buch wieder ins Regal zurück.

Schutzumschläge - weg damit

Schutzumschläge – weg damit

Das ist ein interessantes Phänomen. Der Schutzumschlag ist nämlich nicht zur »Verwendung« gedacht. Er ist ein Marketinginstrument, er ist ein Plakat für das Buch, er ist ein Schutz im Geschäft und beim Transport, aber er ist nicht Bestandteil des Buches. Oder um es mit dem Gestalter Jan Tschichold zu sagen: »der Schutzumschlag ist der Regenmantel des Buches«. Die Einbände von vernünftigen Hardcovern sind meist großartig und mit Bedacht gestaltet. Sie machen schon etwas her im Regal. Die Schutzumschläge kann man also seelenruhig entsorgen und das sollte man auch tun. Weg damit. Entdeckt das, worüber sich Gestalter Gedanken gemacht haben.
Aus Bequemlichkeit habe ich viele Einbände um die Bände gelassen, vielleicht um sie zu »schonen«, aber bei regelmäßiger Benutzung (siehe die Talmud-Bände) sehen die Umschläge furchtbar aus. Spätestens dann müssten sie weg. Sie mit einem weiteren Schutz zu umgeben, oder sie besonders pfleglich zu behandeln, macht einfach keinen Sinn.
Deshalb hier der Aufruf: Werft das Zeug weg.
Erhaltet ihr im Geschäft das Buch ausgehändigt, schockiert die Verkäufer in den Läden und bittet sie, das Ding gleich zu entsorgen. Vielleicht kann man statt dessen ja eine Plastiktüte oder einen Stoffbeutel haben? Heute sind Bücher noch in Folie eingeschweißt. Bewahrt man die etwa auch auf?
Bücher sind oft intime Begleiter – auch sonst im Leben habt ihr doch auch kein Problem, solchen intimen Begleitern die Klamotten runter zu reißen?

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Schnellrezension – Basiswissen Theologie: Das Judentum

2016. Basisinformationen zum Judentum kann man sich zügig zusammenklicken und wenn man Glück hat, dann gerät man an seriöse Quellen. Wenn man Pech hat, sitzt man Falschinformationen aus einer unseriösen Quelle auf. Was für ein Glück, dass es da Experten gibt, die für uns im Meer des Wissens die richtigen Zusammenhänge beleuchten und uns die relevanten Informationen zur Verfügung stellen. Das passiert gerne in Buchform. Für dieses Expertenwissen zahlen die Leser dann auch gern. Das gilt nicht nur für den breiten Markt.

An ein spezielles Publikum, nämlich an Theologen scheint sich das Buch Basiswissen Theologie: Das Judentum von Klaus Dorn zu richten und auf dieses sei an dieser Stelle zwischen all den Einleitungen in Judentum speziell hingewiesen. Es ist im Mai frisch erschienen und zeichnet sich durch ein paar Punkte besonders aus.
Da dies hier eine Kurzrezension ist, kann man leider nicht alles im Detail beschreiben.

Vorweg: Es ist vollkommen in Ordnung, ein Buch aus katholischer Sicht (Paschafest) auf das Judentum zu schreiben, aber es dürfen durchaus einmal Rückgriffe auf Literatur aus erster Hand sein. Der Autor zitiert gerne Hans Küng, der ebenfalls aus zweiter Hand berichtet und arbeitet sich Themen wie Sabbat, Kaschrutvorschriften, Sabbatgebote, Schulchan Aruch, Geographie und Geologie Israels/Palästinas. Gerne wird innerhalb dieser Kapitel andere beschreibende Literatur verwendet und zitiert.

Ein paar Höhepunkte:

  • Das letzte Kapitel über die Geographie und Geologie Israels/Palästinas auf Seite 171 bringt vollkommen unkommentiert auf der ersten Seite des (achtseitigen) Kapitels die (berüchtigte) Karte »Palestinian Loss of Land 1946 to Present« die vorwiegend von BDS-Supportern und Antizionisten zirkuliert wird. Ohne Angabe einer Quelle übrigens.Blick ins Buch Anhand dieser Karte soll in der Regel gezeigt werden, dass Israel eine Politik der ethnischen Säuberung betreibe. So ist sie als Mittel der Propaganda historisch auch nicht besonders aussagekräftig. Von 1948 bis 1967 zeigt die Karte einen palästinensischen Staat der aus dem Gazastreifen und Judäa und Samaria besteht. Der Gazastreifen war aber seit 1948 von Ägypten besetzt und Ostjerusalem, Judäa und Samaria waren noch von Jordanien besetzt. (Siehe auch hier »Antizionistischer Kartentrick«). Von der Bedeutung Israels für das Judentum im Laufe der Jahrhunderte wird hingegen kaum berichtet und die Karte nur lapidar mit »Palästinensische und Israelische Gebiete zwischen 1946 und 2000« unterschrieben. Eine gleiche Karte wurde kürzlich von einem amerikanischen Schulbuchverlag versehentlich abgedruckt und anschließend zurückgezogen.
  • Das Kapitel aus der Beschneidung ist kurz gehalten. Zur Bedeutung für das moderne Judentum erfährt der angehende Theologe kaum etwas. Dabei gäbe es einiges dazu zu sagen. Dafür enthält das Buch einen Verweis auf die jüngste deutsche Diskussion darüber und endet mit dem Bild eines »türkischen Jungen am Tag seiner Beschneidung« auf dem ein, etwa 12 Jahre alter Junge in einer Moschee gezeigt wird. Der Zusammenhang zur Beschneidung am achten Tag erschließt sich dem Leser hier nicht direkt. Es wird nur eine gewisse Gemeinsamkeit angedeutet – jedenfalls könnte der Leser auf die Idee kommen, auch im Judentum beschneide man derartig spät.
  • Im Kapitel über die historische Entwicklung des Judentums begegnet dem Leser eine »Karte der Diadochen« und als Quelle wird »Captain Blood, 2015« angegeben. Was möchte der Autor uns damit sagen? Wer ist Captain Blood?
    Vermutlich wollte der Autor damit eigentlich sagen, dass er eine Karte von Wikimedia Commons verwendet (diese hier). Darauf wird jedoch nirgends verwiesen. An dieser Stelle ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht. Die Karte wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz »Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert« veröffentlicht. Das bedeutet eben nicht, dass es ausreicht, den Urheber zu nennen, sondern man muss (deutlich) auf die Weiternutzbarkeit hinweisen. Studenten wären vermutlich dazu angehalten, hier genauere Angaben zu machen. Vom Verlag könnte man verlangen, dass er sauber angibt, woher das Bildmaterial stammt.
  • Auch die Erwähnung der modernen Orthodoxie wird auf den Namen Soloveitchik heruntergebrochen. Ansonsten kaum eine Information zum Hintergrund. Dabei könnte man annehmen, dass gerade Theologen sich vielleicht für die Positionen der einzelnen Gruppen und Strömungen interessieren.

Die Höhepunkte sprechen für sich. Nicht nur das Internet hält Informationszusammenstellungen unterschiedlichster Qualität bereit.

Basiswissen Theologie: Das Judentum
von Klaus Dorn
192 Seiten
utb, 2016
19,99 Euro

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Die Tora des Herder Verlags

Der Verlag Herder hat eine neue Ausgabe der Tora(h) auf den Markt gebracht. Eine Rezension von mir dazu gibt es hier bei der Jüdischen Allgemeinen.

Vor der Schoah erschien eine ganze Reihe von gedruckten Torah-Übersetzungen mit verschiedenen Ansätzen. Die verschiedenen Ausgaben lassen erahnen, wie rege und intensiv die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten war. Die Drucke waren oft hervorragend. Schön gestaltete Bände, sehr häufig mit Kommentar und hebräischem Originaltext. Das meiste davon in Fraktur gedruckt – natürlich. Das verhindert, dass man die alten Bände einfach nachdrucken konnte.

Und so ist es noch besser, dass es Verlage gibt, ein gewisses unternehmerisches Risiko eingehen, diese Schätze bergen und uns die Übersetzungen wieder verfügbar machen. Die Übersetzung von Ludwig Philippson (1811-1889) ist so ein Schatz. Recht flüssig zu lesen und unter Vermeidung vieler Wiederholungen. Wie man hier nachlesen kann, ist die sprachliche Überarbeitung gut gelungen.
Der revidierte Text begleitet im gedruckten Buch auch den hebräischen Originaltext der Torah und das ist gewissermaßen der Schlüssel zum Layout der gesamten Torah-Ausgabe.
Dieser wurde nicht für diese spezielle Tora-Ausgabe neu gesetzt, sondern schon im vorletzten Jahrhundert. Die Ausgabe von Max Me‘ir Halevi Letteris (1800-1871), die ab 1851 veröffentlicht wurde, lieferte den hebräischen Text.
Das gute daran ist, dass der Text von Letteris gut lesbar ist (siehe auch hier). Letteris wählte eine gute Schrift für seine Torahausgabe. Im Geist der Zeit und zur Internationalisierung griff er zu lateinischen Strukturhinweisen. Diese wurden auch in die Herder Ausgabe übernommen. Hier heißt es »Caput 1« statt Kapitel 1 und wie im Letteris-Original gehen auch die Wochenabschnitte im Text etwas unter. Sie stehen zwar oben auf dem Seitenrand, aber nicht explizit im Fließtext. Während bei Letteris die Aufrufe zur Torah im Text stehen, findet man sie in der Herder Ausgabe am Textrand.
Wenn eine Letteris-Seite ihr Ende findet, ist aber auch dann die Seite mit der Übersetzung beendet. Eine Neupositionierung des hebräischen Textes (und ein Auseinanderschneiden) hätte vermutlich bedeutet, dass man dies auch auf den folgenden Seiten hätte tun müssen. Oder einfacher ausgedrückt: Das hebräische Textvolumen gibt vor, wie viel Übersetzung auf der linken Seite steht.
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Die letzte Jüdin von Würzburg

Die-letzte-Judin-von-Wurzburg- In diesen Tagen wird Roman Rauschs Roman »Die letzte Jüdin von Würzburg« erscheinen. Ich hatte das Glück und durfte, dank des Autors, einen früheren Blick in das Buch werfen.

Der Roman (also das Buch, nicht der Autor), spielt der vor dem Hintergrund realer Ereignisse:
Ein Pogrom in Straßburg im Jahre 1349. Man geht heute davon aus, dass etwa 2.000 Juden in der Stadt getötet wurden.
Sie wurden der Brunnenvergiftung und dem Bringen der Pest beschuldigt. Interessanterweise fiel dies in eine Zeit, in der die Katholische Kirche genau diese beiden Vorwürfe scharf verurteilte. Im Juli 1348 wandte sich Papst Clemens VI. in einer Bulle gegen die Verfolgung von Juden als Verursacher der Pest, im September 1348 vlegte er nach und machte die Bulle »Quamvis perfidiam« bekannt, in der er klarstellte, dass nichts an Brunnenvergiftungen dran sei. Wer der Bulle entsprechend nicht handelte, sei von Exkommunikation bedroht. Besonders viel schien das Wort des Papstes nicht zu gelten. Im Jahr 1349 war Straßburg nicht die einzige Stadt, in der Juden getötet wurden.

Doch zurück zur Fiktion:
Ein Mädchen namens Jaelle verliert ihren Vater bei den Vorgängen in Straßburg und flüchtet aus Straßburg. In der Verkleidung eines Mannes schlägt sie sich nach Würzburg durch. Unterwegs trifft sie auf einen Mann namens Michael de Leone, der für einen Bischof arbeitet. Jaelle, die jetzt Johan heißt, erhält bei de Leone eine Stelle, mit Wissen ihrer Würzburger Ansprechpartners Rabbiner Mosche. Der verspricht sich davon wichtige Einblicke in die Vorgänge hinter den Kulissen und will vorgewarnt sein in der unruhigen Zeit.

Man kann also sagen: Ein »historischer Roman«, aber nicht in der üblichen Kostüm-Rüschen-Machart, sondern eher daran orientiert, eine Zeit und ein Thema auszuleuchten, welches nicht gerade Mainstream ist. Roman Rausch erspart den Lesern nicht die Grausamkeiten der Pogrome von 1349 und konfrontiert den Leser recht hart mit einer sehr drastischen Schilderung der Ereignisse. Im späteren Verlauf dann, wenn die Handlung in Würzburg voranschreitet, fügt er immer wieder historische Fakten ein und beschäftigt sich in einem Anhang mit dem jüdischen Leben in Würzburg. Eine Geschichte, die es so oder ähnlich in vielen anderen deutschen Städten gegeben hat.
Aber Rausch will kein Pädagoge sein und mit dem erhobenen Finger arbeiten. Er bleibt in der Sprache des Romans und versteht es ganz offensichtlich, den Leser zu unterhalten. Trotz des Seitenumfangs (512), ist es deshalb kein Mammut-Unterfangen, das Buch zu bewältigen.
Ich will mal hochstapeln und behaupten, dass Roman Rausch dem Judenweg von Ruth Weiss einen weiteren historischen Roman über Juden in Deutschland hinzugefügt hat, den man auch lesen kann.

Die Covergestaltung mit einer Seite aus der Barcelona Haggadah, die im 14. Jahrhundert entstanden sein muss, ist übrigens keine besonders schlechte Idee. Die Seiten werden später auch Trenner für die einzelnen Teile des Buches eingesetzt. Leider immer die gleiche Seite der Haggadah…

Das Buch bei amazon.

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Badatz! Update!

LexiKohn (Glossar)

LexiKohn (Glossar)

Im Oktober erschien »Badatz!« und erfreulicherweise gab es ein paar Reaktionen auf das Buch. Unter anderem hieß es im Blog des Österreichischen Jüdischen Museums, dass es vielleicht nicht so schlecht wäre, Begriffe wie Al Chet auch Nichtjuden zu erklären. Für eine Neuauflage des Buchs ist dann auch ein LexiKohn hinzugekommen, also eine Badatz-Variante eines Glossars. In diesem findet der geneigte Leser alle Begriffe, die nicht selbsterklärend sind. Auch Al Chet, Chabad oder Hawdalah.

Und um den Optimierungen noch eine hinzuzufügen: Auch dem Ruf »Support your local bookseller« wurde nachgekommen! Das Buch kann man nun über jeden Buchhändler bestellen – gegen eine Bevorratung durch Buchhändler ist natürlich auch nichts einzuwenden:
ISBN-13: 9783735722621
ISBN-10: 3735722628
Seitenzahl: 164

Deshalb gibt es das Buch nicht nur über amazon, sondern auch über buecher.de. Die e-books werden demnächst mit dem Zusatzkapitel »LexiKohn« aktualisiert.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Vormerken! Eine Lesung im Jüdischen Museum Westfalen am 12. Juni 2014.

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Torah für Kinder

Cover von Erzähl es deinen Kindern

Da wurde eine Lücke geschlossen: Bruno Landthaler und Professorin Hanna Liss legen nach langer Arbeit eine Torah-Ausgabe für Kinder (zwischen 6 und 12) vor. »Endlich« muss man sagen. Jüdische Kinderliteratur ist ja, wegen des kleinen Markts, nicht sonderlich verbreitet.

Liss und Landthaler überarbeiteten die einzelnen Wochenabschnitte kindgerecht und fassten das Ergebnis nun als Buch zusammen. »Erzähl es deinen Kindern« ist der Titel der Reihe. Reihe deshalb, weil es am Ende fünf Bücher sein werden. Also eines zu jedem Buch der Torah.

Zu jedem Wochenabschnitt gibt es eine Einleitung, die sich vermutlich an Eltern oder Vorleser richtet. Dann ein Zitat aus dem hebräischen Originaltext und dann anschließend die entsprechende Erzählung. Mitunter kann es vorkommen, dass nicht jeder Text sich für kleinere Kinder eignet. Dieser Text wurde dann kursiv gesetzt und zeigt so, dass man ihn für kleinere Hörer überspringen kann.

An den Rändern haben die Autoren Hinweise untergebracht. Etwa Erklärungen zu einzelnen Begriffen, oder Hinweise dazu, dass der Abschnitt auch zu bestimmten Gelegenheiten in der Synagoge gelesen wird.
Zwölf Bilder des israelischen Illustrators Darius Gilmont sind jeweils auf Einzelseiten untergebracht.

Die (Vor-)Lesetexte dürften Kindern keine Schwierigkeiten bereiten und sie langsam an die Torah heranführen. Erzählt wird natürlich nicht immer der gesamte Wochenabschnitt, sondern Teile davon. Wie das für, sagen wir mal, vorschriftslastige, Wochenabschnitte gelingt, davon kann man sich schon jetzt ein Bild auf kleinetora.juedische-bibel.de machen.

Im Vorwort wird auf eine weitere kindgerechte Heranführung an das Thema Torah und Tanach Bezug genommen: 1964 hat Dr. Abrascha Stutschinsky seine Bibel für Kinder erzählt im Zürcher Javne Verlag veröffentlicht, später erschien sie auch bei Scriba Verlag Köln. Die Autoren der aktuellen Ausgabe verweisen auch auf das Alter. 50 Jahre sei der Text nun alt. Viel wichtiger ist jedoch, dass die Texte nicht nach Wochenabschnitten geordnet sind. Dr. Stutschinsky hangelt sich an den Erzählungen des Tanach entlang und verwendet diese als einteilende Abschnitte. Etwa Die Erschaffung der Welt, Der siebente Tag, Der Turm und so weiter. Das sollte jedoch aber nicht heißen, dass die Ausgabe von Dr. Stutschinsky überholt sei. Sie ist noch immer aktuell und folgt auch inhaltlich einer anderen Herangehensweise. Dr. Stutschinsky hat bei seiner Nacherzählung der Geschichten aus der hebräischen Bibel immer wieder Elemente aus dem Midrasch verarbeitet und öffnet kleinen Lesern und Zuhörern ganz selbstverständlich eine Tür zum Textverständnis, welches in der Tradition verankert und ihr verpflichtet ist.

Werfen wir doch einen Blick in beide Texte und stellen sie einander gegenüber. Dies veranschaulicht schon die verschiedenen Hintergründe.
Der Beginn des Wochenabschnitts Bereschit:

Die Bibel für Kinder erzählt von Dr. Abrascha Stutschinsky:

Vor vielen vielen Jahren gab es noch keinen Himmel, keine Sonne, keinen Mond und keine Sterne, keine Erde, keine Menschen und keine Tiere. Es gab nichts. Nur G-tt wohnte ganz hoch oben mit seinen vielen Engeln. Dort oben war es schön und hell von funkelnden Diamanten und Edelsteinen, und es ging sehr fröhlich zu, denn die Engel sangen wunderschön. Aber unten war es dunkel, kalt und still. Alles war mit Wasser bedeckt.
Da sagte G-tt einmal zu seinen Engeln:
»Ich will es auch unten schön machen.«
Und plötzlich hörte man eine Stimme:
»Es werde Licht!«
Das war die Stimme G-ttes.

(Die Bibel für Kinder erzählt, Seite 13)

Erzähl es deinen Kindern von Hanna Liss und Bruno Landthaler:

Ganz zu Anfang, als G’tt Himmel und Erde erschuf, war die Erde ganz leer, und überall herrschte Dunkelheit. Nur der Geist G’ttes schwebte über dem Wasser.
Da sagte G’tt: »Es soll Licht sein.« Und dann war da ein Licht.

(Erzähl es deinen Kindern, Seite 17)

Die Autoren nutzen durchgängig die Schreibung G’tt (mit Apostroph). Um denjenigen entgegen zu kommen, denen das wichtig ist, so heißt es im Vorwort. Im erklärenden Text zu dieser Schreibung wird G-tt jedoch mit ›o‹ geschrieben. Der frühere Düsseldorfer Rabbiner Michael Goldberger (seligen Angedenkens) frug übrigens einmal, warum wir G-tt immer mit einem Apostroph schreiben, und nicht mit einem Ausrufezeichen? Also: G!tt.

Im hebräischen Text wird ebenfalls auf das Tetragrammatons verzichtet. In der Regel heißt es ה‘. Auf dem Cover jedoch findet man das ausgeschriebene Tetragrammaton. Der G-ttesname ist, nach Moses Mendelssohn, mit »der Ewige« übertragen. Das ist, leider, die verbreitete Übertragung des Namens und deshalb auch hier zu finden. Zumindest bringt es den Vorleser dazu, zu versuchen, die Sache mit dem Namen G-ttes zu erklären. Redaktionell ist es schwierig, einem Text gerecht zu begegnen. Vor dem Hintergrund, dass zwei Juden drei Meinungen haben, muss man zunächst die Tatsache hervorheben, dass die Autoren Mut zu redaktionellen Entscheidungen hatten und nicht unsicher alle Entscheidungen auf die Leser abladen. Lediglich bei einer Entscheidung geht der Autor dieser Zeilen nicht ganz konform mit den Autoren (in aller Bescheidenheit). So bleibt die Arche Noach hier ein Schiff. Zwar erwähnen die Autoren im Text das hebräische Original (tewah), verschweigen aber, dass es sich dabei eher um einen Kasten handelte. Denn, was bedeutet Arche? Eine Frage, die mir während des Vorlesens des Textes gestellt wurde. Kasten, antwortete ich. Noachs Kasten ist aber auch nicht sonderlich charmant.

Das Layout des Textes ist robust (ebenso wie das Papier – bei Kinderbüchern ja auch ein Thema). Bei der Schrift scheint es sich um die Atma Serif zu handeln. Wie bereits erwähnt, ist zusätzlicher Text kursiv gedruckt. Das Vorwort ist jedoch in der gleichen Schrift dargestellt. Hier muss der Leser, der mehr als eine Paraschah am Stück vorlesen möchte, sich also inhaltlich erst einmal ein wenig orientieren und schauen, wo er wieder einsetzt.
An einigen Stellen setzt das hebräische Zitat am Seitenende an und wird dann in der deutschen Übertragung erst auf der nächsten Seite fortgeführt (siehe unten auf der rechten Seite auf dem Foto). Hier wurde eine inhaltliche Einheit voneinander getrennt.

Innenansicht

Der erste Band Bereschit hat 128 Seiten und kostet 24,80 Euro und das ist ein Punkt, den man kritisieren muss. Natürlich ist die Produktion eines Kinderbuchs nicht besonders günstig und der Zentralrat hat dankenswerterweise schon Geld zugeschossen, zumal die Auflage nicht sonderlich hoch sein dürfte. Allerdings bedeuten 24,80 Euro pro Band, dass man am Ende für die gesamte Torah 124 Euro bezahlt. Das ist ein recht hoher Preis und deutet vielleicht darauf hin, dass eher jüdische Einrichtungen und Gemeinden zur hauptsächlichen Zielgruppe gehören. Wer engagiert ist und das notwendige Geld in die Hand nehmen möchte, erhält eine Torah für Kinder, die sicher auch die Eltern animieren wird, sich Gedanken über den Text zu machen.

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Sarrazins Buchvermarktung

Thilo Sarrazin ist ein geschickter Vermarkter seines Buches (Deutschland schafft sich ab). Schon bevor die ersten Exemplare über die Verkaufstheken geschoben wurden, befeuert er die Feuilletons und die Stammtische mit Häppchen aus dem Buch, führt populistische Debatten mit Themen, die einen gewissen Marktanteil garantieren. Früher ging Sex ganz gut. Das hatte Aufregungspotential und man musste kein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet sein, um zu dem Thema etwas zu sagen. Heute scheint es der Islam, oder auch die Migration zu sein. Broder warnt beispielsweise vor dem Islam und verkauft damit sein Buch Hurra, wir kapitulieren ganz gut, ist aber kein Experte auf dem Gebiet. So kann man Ehre, Respekt und Unterwerfung zu den Leitlinien des Islam erklären und irgendwie alles bedienen, was die entsprechende Klientel verschlingt. Necla Kelek hat auch keine Ausbildung, die ihr den Islam näher gebracht hätte gilt, aber als türkischstämmige Soziologin, als Leuchte auf dem Gebiet und darf deshalb auch über den Islam erzählen. Natürlich verkaufen sich auch ihre Bücher nicht so schlecht. Nun also Thilo Sarrazin, der schon in seinem Lettre Internationale Interview im September 2009 sagte

Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren.

Nun wiederholte er einen Satz daraus (wie originell), in einem Interview mit der Welt am Sonntag:

Sarrazin: Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden. von hier

Daran ist zunächst nichts auszusetzen, denn tatsächlich sind einige Juden genetisch miteinander verwandt bzw. es gibt Hinweise auf gemeinsame Vorfahren und es gibt auch Studien darüber, ob aschkenasische Juden nun intelligenter sind, als andere Gruppen (siehe hier, oder hier Are Jews smarter?).
Interessant ist dabei die indirekte Wertung, die vorgenommen wird: Schlaue Juden blöde Einwanderer. Die einen hätten wir gerne, die anderen bitte nicht. Selektion könnte man das nennen. Nützliche Menschen gegen unnütze Menschen. Die einen sind volkswirtschaftlich nützlich, die anderen nicht. Sind am Ende beide Menschengruppen unterschiedlich wertvoll? Also können wir Juden froh sein, dass einige von uns die Statistik heben, denn wären wir nur Durchschnitt, dann wären wir nicht gut für die deutsche Volkswirtschaft und müssten nun darum bangen, dass Sarrazin eine Ausweisung anregt. Und überhaupt! Was ist mit sefardischen Juden in Deutschland?
Das ist ein Fakt, den man in der Diskussion herausarbeiten sollte. Dass Sarrazin sagte, dass es ein gemeinsames Gen aller Juden gibt, gehört als Teilwahrheit ins Reich der Phantasie. Viel schlimmer sind seine Schlussfolgerungen daraus und der Subtext!

Gerade gesehen, dass Blogkollege Ronny Jitzchak auch einen Text dazu gemacht hat und auch auf das Thema Wertigkeit eingeht.

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Finger weg von diesem Buch!

Dazu raten auch die Töchter des Autoren Samir Selmanovic, Ena und Leta.
Samir Selmanovic hat nämlich ein bemerkenswertes Buch geschrieben It’s Really All About God: Reflections of a Muslim Atheist Jewish Christian: Über den interkonfessionellen Dialog – nicht in Form von Selbstverneinung und ständiges gegenseitiges Zurücknehmen der eigenen Traditionen, sondern über das Entdecken der eigenen Religion und ihrer Werte. Im christlich-jüdischen Dialog führt das häufig nur zu einem Monolog über das Judentum und Debatten darüber, statt zu weiterführenden Diskussionen.
Was gemeint ist, stellt er in einem Video selber ganz gut vor:

Hier kann man einen Auszug lesen, der sich damit beschäftigt, wer Samir Selmanovic selber ist. Heute ist er Pfarrer bei den Siebenten-Tags-Adventisten, was auch erklärt, warum er in seinem Buch nach einem Ort für das Gebet am Schabbat sucht. Diese Freikirche feiert anscheinend den Samstag als Ruhetag, statt des Sonntags – allerdings ohne es dabei auf die Missionierung von Juden abgesehen zu haben -obwohl es auch in dieser Strömung Vertreter gibt, die das gerne tun würden. Sein Engagement ist übrigens nicht nur literarischer Art. Er gehört zu den Begründern einer interkonfessionellen Initiative in Manhattan, dem Faithouse.
Über amazon kann man das Buch hier bestellen.