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Antisemitismus als Konstante

Wilhelm Buschs Schmulchen Schievelbeiner

Es wurde in den letzten Tagen viel zum Antisemitismus in Deutschland geschrieben (siehe hier Levis Bericht, oder den von Juna). Das hängt zum einen mit dem 27. Januar zusammen, zum anderen mit der Instrumentalisierung des Antisemitismus gegen Flüchtlinge. Es geht dabei um den Antisemitismus, den Flüchtlinge aus Syrien vielleicht mitbringen könnten. So genau weiß man das noch nicht. Aber die »Maintstream-Gesellschaft« war schon ganz froh, dass da jemand kommt, der etwas offener antisemitisch ist (oder sein könnte). Das lenkt davon ab, dass es in Deutschland schon Antisemiten gab, bevor die ersten Syrer vor dem Krieg flohen (siehe auch hier).
Und: Diesen Antisemitismus gibt es nicht »wieder«, sondern »immer noch«. Eine Art Konstante. Schon der alte Wilhelm Busch bediente antisemitische Stereotypen, wie man am Bild zu diesem Artikel sieht.
Schön beschreibt das eine kleine Geschichte (die vielleicht die meisten jüdischen Leser schon kennen):

Ein Mann, ein Jude, steht mit seinem Koffer am Hauptbahnhof und sieht sich suchend um. Er zieht ihn mal in die eine Ecke, dann wieder in eine andere. Schließlich spricht er einen Mann an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« und der Mann antwortet »Natürlich. Juden sind intelligente und aufrichtige Menschen.« Der Mann mit dem Koffer zuckt mit den Schultern und geht weiter. Er spicht eine Frau ein: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« Die Frau antwortet: »Natürlich. Denken Sie mal daran, was diesen armen Menschen durchleiden mussten.« Der Mann zuckt wieder mit den Schultern und zieht weiter. Er spricht den nächsten Passanten an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« – der Mann sagt »natürlich. Deutsche und Juden sind heute Freunde.« Der Mann mit dem Koffer zuckt erneut mit den Schultern und wendet sich ab. Er wendet sich an einen weiteren Mann. »Entschuldigung, mögen Sie Juden?«. Der Mann verzieht das Gesicht. »Nein. Ich mag Juden nicht besonders. Eigentlich gar nicht.« Der Mann mit dem Koffer schaut erleichtert. »Ich brauche jemanden, der kurz auf meinen Koffer aufpasst. Sie sind der erste ehrliche Mensch der mir heute begegnet ist. Könnten sie das bitte kurz machen?«

Ach. So schlimm ist das doch nicht, ist man geneigt zu sagen. In Deutschland haben immerhin etwa 39 Prozent aller Bürger antisemitische Ansichten. Da kommt es hin- und wieder auch zu Begegnungen. Was ist die Reaktion derjenigen, die das hören oder lesen?
Juden kommen sich zuweilen vor, wie die Person die zum Psychiater kommt und sagt »Ich habe das Gefühl, mich nimmt niemand ernst« und der Psychiater antwortet »Ach! Das glaube ich ihnen nicht.«

Das Ding ist: Wenn man von Vorkommnissen berichtet, bleiben dennoch nur die Berichte hängen, in denen man von »anderen« spricht. Nämlich die Berichte, in denen muslimische oder migrantische Antisemiten agieren. Berichtet man Menschen, die einen teuren Dienstleister einen »echten Juden« nennen, dann heißt es »Ach, das kann doch nicht sein.«. Oder wenn jemand über Marcel Reif sagt, er sei natürlich ein intelligenter Journalist, weil »die« das alle sind. Auch hier: »Ach! Juden sind da einfach zu empfindlich«. Oder, oder, oder. Von der Lupe, unter den Israel in der deutschen Öffentlichkeit steht, muss man gar nicht reden. Da sind die ganz harten Verschwörungstheorien noch gar nicht dabei.
Meine Lieblingstheorie aus den letzten Tagen: Die Behauptung es gäbe (aktuell) ein Antisemitismusproblem sei eine jüdische Verschwörung um von Flüchtlingen abzulenken.

Und dann gibt es auch diejenigen die sagen, man spüre jetzt den Antisemitismus. Die Journalistin Tamara Anthony merkte das öffentlich an und zeigte damit auf das Offensichtliche (etwa hier).
Sie kommt jedoch zu einer falschen Schlussfolgerung: Sie will dem Antisemitismus die »Stirn bieten«. Das ist nicht ihre Aufgabe und nicht die der anderen Juden in Deutschland. Das wäre die Aufgabe der Gesellschaft. Aber die muss das Problem erstmal als »ihr« Problem erkennen und nicht als Problem »der Flüchtlinge«.

Ach ja:

Sollte man dann nicht in den jüdischen Blogs mehr darüber berichten? Wirklich? Vielleicht sollte man nur von den absoluten Höhepunkten berichten. Denn: Ob es Nichtjuden glauben oder nicht: Man spricht zuhause und in der Gemeinde nicht ständig darüber. Da gibt es andere Themen über die man spricht und hoffentlich gibt es noch andere identitätsbildende Elemente. In diesem Blog würde ich gerne (weiterhin) vermehrt über diese anderen Themen berichten. Die Gesellschaft kommt in dieser Zeit (bitte) ihrer Verpflichtung nach.

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Unverantwortlich

»Leben und Tod sind in der Gewalt der Zunge« heißt es in den Sprüchen (18,21). Wer sich mit dem Judentum beschäftigt, wird schnell lernen, wie extrem wichtig gesprochenes und geschriebenes Wort sind.

Ein angehender Rabbiner sollte das wissen. Um so gewichtiger ist die verbale Entgleisung von Armin Langer in der taz, der offenbar Rabbiner werden möchte – (»Das Land Israel ist für mich heilig. Der Staat Israel nicht.«).
Er hat vermutlich davon gehört, dass Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster sich für eine Obergrenze für Flüchtlinge ausgesprochen haben soll (siehe auch hier) – was Dr. Schuster nicht getan hat. Er gab in der Zeitung DIE WELT ein Interview. In diesem Interview dachte er (laut) darüber nach, wie Deutschland mit der Einwanderung zurecht kommt. Er erwähnte auch das offensichtliche: Dass einige der Flüchtlinge aus Staaten kommen, in denen Antisemitismus und Antizionismus staatliche Projekte waren. Das bedeutet nicht, dass alle Flüchtlinge schlimme Antisemiten sind (wie das zu beurteilen ist, kann man hier nachlesen) und doch bleibt ein Grad der Verunsicherung. Dazu kommen die antisemitischen Demonstrationen im Jahr 2014 (auch hier erwähnt). Vergessen wird schnell, dass Dr. Schuster sich früh für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hat.

Doch zurück zum taz-Kommentar. Der gipfelt in der Aussage:

Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt.
von hier, taz

Ich fasse zusammen:
Die Sachlage falsch eingeschätzt und dann mit der großen Kelle ausgeteilt.
Das freute alle, die ohnehin schon Probleme mit dem Zentralrat haben (aus ideologischen Gründen). Der Vorwurf des Rassismus ist schwerwiegend und hier nicht nachzuweisen. Für einen angehenden Rabbiner gehört sich das nicht. Man kann erwarten, dass er sich über die Wirkung des Worts Gedanken macht.
Wenn er das getan haben sollte: Umso schlimmer!
Der Schaden ist groß. Für sich selbst und für diejenigen, die da öffentlich angeprangert wurden.

Für eine ernsthafte und sachliche Diskussion zum Thema Zuwanderung, Ängste und Flüchtlinge hat er sich jedenfalls disqualifiziert.

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Zeitgleich gewarnt

Was genau passiert ist, kann man nicht sagen. Aber am gleichen Tag warnen die offiziellen Gesichter des Judentums in Deutschland und Österreich vor einem importierten Antisemitismus durch Flüchtlinge. Oskar Deutsch und Ariel Muzicant unterrichteten heute die österreichischen Journalisten darüber. Die Presse berichtet beispielsweise darüber – siehe hier:

Um eine Gesellschaft zu schützen, muss man das schwächste Glied schützen – das sind die Juden.
von hier – Die Presse

In Österreich werden Obergrenzen diskutiert und indirekt auch gefordert. In Deutschland geht zur gleichen Stunde ähnliches durch die Presse. Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster überlegt laut, ob das Land alle Flüchtlinge auch integrieren kann (siehe etwa hieroder das originale Interview hier in der Welt) – insbesondere wenn sie aus Staaten kommen, in denen sie antisemitisch und antizionistisch erzogen worden sind.

Spulen wir mal zurück: 2014 gab es zahlreiche Ausschreitungen gegen Juden. Die meisten gingen tatsächlich wohl von Jugendlichen aus, deren Eltern aus dem Nahen Osten oder auch aus der Türkei kamen. Triebfeder war irgendeine kranke Art der Jugendkultur. Das war oder ist eine Kultur von Jugendlichen die in Deutschland sozialisiert wurden. Das offenbarte, dass der Staat eine Entwicklung verschlafen hat. Gesellschaftlichen Rückhalt konnte man nicht verlangen. Den gab es einfach nicht. Die wenigen Demonstrationen gegen Antisemitismus kamen nicht gerade aus der Mitte der Gesellschaft.

Und jetzt: Wir wissen nicht, wie antisemitisch die Flüchtlinge tatsächlich sind. Man kann davon ausgehen, dass Flüchtlinge in Deutschland zunächst einmal andere Probleme haben, als ein paar Juden zu suchen.
Und wie sollten sie auf dumme Ideen kommen?
Die Gesellschaft lebt ihnen doch vor, wie man vorbildlich mit Juden und anderen Minderheiten zusammenlebt. Wartet mal… oh…

Zum Thema Antisemitismus und Flüchtlinge siehe auch hier

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Was denn jetzt?!

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014
Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Ist es viel, wenn 38,8 Prozent der Flüchtlinge eine antisemitische Einstellung haben und meinen »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich«?
Das wäre jedenfalls die Prozentzahl derjenigen Menschen, die das in Deutschland annehmen. Wären also etwa ein Drittel der Flüchtlinge Antisemiten, entspräche das dem bundesdeutschen Durchschnitt.
Jeder Antisemit ist einer zuviel.
Egal aus welcher Gruppe.

Aber das Thema wurde medial entdeckt.
Darüber berichtete der Deutschlandfunk (irgendwiejuedisch hat darüber gebloggt, mittlerweile ist der Artikel aber aus dem Netz des Radiosenders verschwunden) aber auch die Welt »Zentralrat der Juden warnt vor arabischem Antisemitismus«.
Der Tagesspiegel analysiert unter der Überschrift »Sorge vor neuem Antisemitismus wegen Flüchtlingen«: »Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern mit juden- und israelfeindlicher Kultur, warnen jüdische Verbände« (hier).
Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung titelt ebenfalls »Juden wegen Flüchtlingen in Sorge um ihre Sicherheit«.
Die NWZ gibt einen Evangelischen Pressedienst als Quelle an und titelt etwas wissender: »Angst deutscher Juden wächst«.
Auf der Website evangelisch.de findet man einen Beitrag, der ähnliches verlauten lässt.
Die Sorge ist plötzlich groß, jetzt wo plötzlich offensichtlich ist, dass die Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen sie »den Antisemitismus mit der Muttermilch eingesogen haben« (wie es in einem Artikel heißt). Rührend.

Und dann betrachtet man, wie, teilweise die gleichen Medien, über die Situation vor Ort (im weitesten Sinne) schreiben. Dort, wo sich Menschen mit ähnlicher Erziehung (wenn man den Medienberichten vertraut) mit dem Staat Israel auseinandersetzen.
Hier müsste man nun Verständnis für den Staat erwarten, der, von Antisemiten umgeben, um seine Existenz kämpft. Weit gefehlt.
Hier ist das Schema genau umgekehrt.
Israel ist der Aggressor. Das geht sogar soweit, dass Spiegel Online titelte »Palästinenser sterben bei Messerattacken auf Israelis«, tagesschau online ist der Meinung, bei der Tötung von Juden gehe es nicht um Hass auf Juden. Die Umkehr des Schemas in der Berichterstattung wurde hier bei lizaswelt ganz passend nachvollzogen.

Da lautet meine Frage: Was denn jetzt??!
Kommen da jetzt Horden von Antisemiten aus dem Nahen Osten? Dann wäre es ja offensichtlich notwendig, wenn sich ein Staat in dem größtenteils Juden leben, dagegen wehrt und geeignete Maßnahmen trifft.
Oder: Die Bewohner der Nachbarländer sind friedliche Menschen – aber werden immer wieder von einem expansiven Land mit Krieg überzogen, dass ein Großisrael will (um mit Jürgen Todenhöfer zu sprechen) und sind deshalb manchmal ein wenig sauer auf den Staat mit den vielen jüdischen Bewohnern. Dann hätten die Juden in Deutschland doch nichts zu befürchten?

Oder: Ist es alles ganz anders? Nicht Schwarz-und-Weiß? Wohl eher das. Kommen da vielleicht einfach Menschen? Einige von ihnen sind bestimmt Antisemiten (weil es die überall auf der Welt gibt) und die gehören ebenso bestraft, wie Antisemiten aus regionaler Produktion. Andere sind es nicht.

Dann benötigen wir aber keine Berichterstattung die so tut, als mache man sich ernsthaft Sorgen um das Judentum in Deutschland. Die gab es kaum zum Beschneidungsurteil und die gab es kaum, als der Mob tatsächlich antisemitisch demonstriert hat.
Könnte es vielleicht sein, dass die Juden hier als Deckmäntelchen dienen, um Vorbehalte so zu formulieren, dass sie so klingen, als machte man sich aufrichtig Sorgen?
Und wie sollte man das nennen, wenn man Juden nur für einen Zweck benutzt?

Update 25. Januar 2016

In diesem Blog (Mandolina) wurde das noch einmal auf den Punkt gebracht:

Denn Antisemitismus ist kein mystisches Spaghettimonster, das sich wahlweise auf verschiedene Bevölkerungsgruppen setzt, dort sein Unheil anrichtet, und dann weiterfliegt, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Antisemitismus ist, in diversen Ausformungen und Facetten, ein integraler Bestandteil des christlichen Abendlandes, und wenn jetzt zur „Antisemitismus-Prävention“ Flüchtlingsunterkünfte und Moscheen brennen, dann schützt der weiße Europäer nicht die hier lebenden Juden, sondern benutzt sie zur Legitimation seines eigenen Rassismus.
von hier – Mandolina| Das Experiment

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Die Maske vom Gesicht gerissen

Der Plan schien eigentlich gut zu sein und doch gibt es im Internet immer noch Menschen, die einen Tick intelligenter und besser informiert sind und so wurde einem geheimen Plan die Maske vom Gesicht gerissen und der Plan enttarnt, bevor er richtig lief.
Egal, wie geheim es ist, es gibt immer jemanden, der extrem gut recherchiert und die Wahrheit ans Licht bringt.
So ist es nun publik und deshalb können wir hier auch ganz frei darüber reden:

Die Flüchtlinge aus Syrien und allen anderen Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens und Afrikas kommen nämlich nicht einfach so nach Europa. Sie haben einen Auftrag. Sie wurden entsendet. Kommentatoren auf facebook wissen mehr:

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In dieser, nicht so ganz richtig recherchierten Fassung, wurden die Flüchtlinge von der Arabischen Liga befreit und auf Europa losgelassen.
Die Arabische Liga? Seien wir ehrlich – seid wann ist die Arabische Liga hinter den Kulissen aktiv und spinnt ausgefeilte Verschwörungen. Wir wissen doch, wessen Metier das ist:
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Natürlich sind es »SIE«, die das alles aus den USA aus steuern und vorantreiben. Also »wir«. Im ersten Schritt sind die es die USA und dann sind es die, die Medien kontrollieren.
Beweis gefällig? Die »New York Times«. Was ergibt »TIMES« rückwärts gelesen? Genau: »SEMIT«. Wir sind also ertappt. Leider wurde mein Derailing-Versuch vom gut informierten Facebook-Nutzer unterlaufen:
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Unterm Strich formt sich in den sozialen Netzwerken und den Kommentarfeldern der großen Medien blitzschnell ein geschlossenes Weltbild, in dem wirklich alle aktuellen Themen in einer Weltformel verschmelzen: Es tobt, hinter den Kulissen, ein Kampf gegen Europa und seine Einwohner.
Da kommt alles zusammen: Eine (vermeintliche) Islamisierung, die hohe Anzahl der Flüchtlinge und die aktuelle Finanzpolitik.
Abweichungen gibt es nur dort, wo man versucht, seinen Wahn zu erklären, indem man darauf verweist, Muslime (insgesamt und pauschal) würden die jüdische Bevölkerung bedrohen. Dieser Philosemitismus zeigt sich allerdings nur dann, wenn der Hass von Muslimen ausgeht.

Was wir im Augenblick erleben, ist nicht sehr überraschend. Der Verschwörungs-Antisemitismus sucht ständig nach Anlässen, die Zusammenhänge zu erklären und zu deuten.
Über die Kommentare und Posts, die das Schicksal der Flüchtlinge direkt betreffen, muss man gar nicht reden. Einige finden, 72 tote Syrer in einem LKW seien ein guter Anfang, andere kommentieren angeschwemmter toter Kinder im Mittelmeer mit »heute ist ein guter Tag«.

Überrascht von der fehlenden Empathie? Nur, wenn man in den letzten Jahren das Internet nur genutzt hat, um wissenschaftliche Fachartikel zu lesen.

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Intifada in Frankreich

Die Juden Frankreichs kommen nicht zur Ruhe.
Eine fortwährende Intifada gegen diese (noch) recht große Gemeinde, ist an Brutalität kaum zu überbieten.

Der furchtbare Überfall von Créteil am 4. Dezember ist nur einer von vielen Fällen.
Ein junges, orthodoxes, Paar wurde in der eigenen Wohnung in Créteil überfallen, ausgeraubt und die Frau vergewaltigt. Die beiden Haupttäter hatten schon im November einen alten Mann (ebenfalls jüdisch) auf der Straße zusammengeschlagen.
In diesem Vorort von Paris leben relativ viele Juden und so hat der antisemitische Mob ein leichtes Ziel. Im Mai 2014 wurden dort zwei Brüder brutal zusammengeschlagen.
In den Vorjahren gab es ähnliche Vorfälle. Im Juli 2014, als auch in Deutschland fleißig gegen Israel und Juden im Allgemeinen, demonstriert wurde, gab es zahlreiche Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte.

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 soll sich die Anzahl derartiger Straftaten in Frankreich (im Vergleich zum Vorjahr) verdoppelt haben (siehe hier).
2009 wurde Ilan Halimi zu Tode gequält und seinen Eltern Bilder der Taten zugesandt. Mittlerweile wurden die Ereignisse in Frankreich zu einem Film verarbeitet: 24 jours.

Es hat also auch Tote gegeben (man denke da auch an das Attentat von Toulouse 2013 und 2012. Kein Wunder, dass 2013 nahezu 3000 Menschen nach Israel ausgewandert sind. 2014 dürften es bedeutend mehr sein.

Und Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist sicher eine andere.
Nicht weil es hier zivilisierter zuginge, sondern weil es in Deutschland einfach nicht so viele Juden gibt, wie in Frankreich. Das Potential für derartige Übergriffe scheint vorhanden.
Die Ereignisse im Sommer (2014) offenbarten schon eine gewisse Grundaggression . Die Politik wird es sicher verurteilen, aber macht es das Leben leichter?

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Endlich etwas in der Hand!

Antisemitismus ist ein schwieriges Thema. Wie oft war Schmulik fassungslos.
Aber das! Das war genau der Satz, den Schmulik brauchte.
Er hatte den Satz auf einer Kundgebung in Berlin gehört.
Er hatte den Satz extra auf den Internetseiten der Bundesregierung gesucht, dann auch gefunden, ausgedruckt, den entsprechenden Teil gelb markiert und laminiert. Mehrfach. Das Ergebnis sah aus wie eine Spielkarte und das war es irgendwie ja auch.
Schmuliks persönlicher Antisemitismus-Joker:

»Wer Menschen, die eine Kippah oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle.«
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Er nahm sich fest vor, die Jokerkarte mit dem Satz jetzt stets bei sich zu tragen.
Wenn er jetzt beim nächsten Mal von einem Polizisten einen Platzverweis erhielt, weil er mit einer Kippah ein Dorn im Auge der jungen Antisemiten war (»Deeskalation!!«) und die es gar nicht mochten, wenn Juden sich in der Stadt herumtrieben, dann könnte er den Satz zücken und sagen: »Sehen Sie?! Die Bundeskanzlerin will, dass ich mit einer Kippah durch die Stadt laufen kann.«
Dann wollte Schmulik mal sehen, was der Polizist dann macht, wenn Dr. Angela Merkel persönlich hinter Schmulik steht! Das würde auch die Kids beeindrucken. Ganz sicher.

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Vollständige Fehleinschätzung

Wolfgang Benz ist ein Experte für Antisemitismus. Er leitete das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und eckte böse an, als er begann, sich auch mit Islamfeindlichkeit zu beschäftigen. Wenig überraschend, dass Leute wie Broder ihm widersprachen. Aber es gab auch Zustimmung. Dadurch machte er zuletzt von sich reden.

Was die heutige Lage betrifft, kommt Benz zu einer vollständigen Fehleinschätzung. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte er:

Es haben sich zum Teil seltsame Leute zusammengerottet, einige haben blödsinnige Parolen gerufen. Das wird von Interessenten mit großem Medienhall als Wiederaufflammen des Antisemitismus dargestellt, als sei es so schlimm wie nie zu vor.
von hier: Berliner Zeitung

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Wie hier und hier bereits angerissen, sprechen wir im Juli 2014 ja nicht von ein paar Chaoten, die Israel kritisieren, sondern von Übergriffen auf Menschen und jüdische Einrichtungen (oder Einrichtungen die für jüdisch gehalten werden), oder von offenen antisemitischen Parolen (»Juden ins Gas« dürfte keine Auslegungssache sein). Der vereitelte Anschlag auf die Alte Synagoge Essen ist schon ein Zeichen einer Ausdrucksform des aggressiven Antisemitismus. Der Briefschreibende Feuilleton-Antisemitismus existiert noch, aber er hat schlagkräftige und aggressive Begleitung bekommen.
Man kann beobachten: Es ist schlimmer als zuvor, auch weil jetzt auch antisemitisch gehandelt wird und nicht nur mehr geredet.

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Die Saat geht auf

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Worum geht es bei der Solidarität mit Gaza? Um Frieden? Das wäre schön!

Die Ereignisse in Israel und Gaza sind offenbar Auslöser (aber nicht der Grund!) offenen Antisemitismus zu zeigen. Das Bild oben zeigt die Synagoge Baumweg im Juli 2014.
Das Skandieren von »Kindermörder Israel« gehört natürlich zum Standardrepertoire der Friedensdemonstranten, aber zuweilen bleibt es nicht dabei.
In Essen suchen die Demonstranten die Nähe der Alten Synagoge – siehe Bericht hier.
In Frankfurt am Main wurden Fahnen der Hamas gezeigt: Islamisten demonstrierten gemeinsam mit Linken und Neonazis (siehe Bericht hier). Im Anbetracht dieser Gemengelage wundert man sich aber doch, dass die Demonstranten die Mikrofone der Polizei nutzen durften. Bedeutet: Mit dem Gerät deutscher Polizisten wird hier gegen Israel (und irgendwie auch gegen Juden) demonstriert.

In anderen Städten wie Dortmund, München und Berlin wurde ebenfalls demonstriert. In den seltensten Fällen für Frieden.

Was sich hier offen zeigt, schlummert nicht erst seit Anfang Juli in den Menschen und es wird sich mit großer Sicherheit ausweiten, wenn dem nicht massiv entgegengetreten wird. Bisher wird wenig dagegen unternommen. Besser wird es nicht. Die Saat der antiisraelischen und antijüdischen Propaganda geht auf. Selbst die Positionen von extremen Gruppierungen wie der Hamas werden fraglos übernommen.

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Zum Stand des Antisemitismus

Die ARD sendete am 28. Oktober (2013) tatsächlich einen Beitrag zum aktuellen Antisemitismus in Deutschland (hier in der Mediathek). Tatsächlich, weil man sich ansonsten öffentlich-rechtlich ja gern mit em>historischem Antisemitismus beschäftigt.
Hier war es eine ganz aktuelle Betrachtung. Dazu kommt die Tatsache, dass man die Sendung direkt nach den Tagesthemen platziert hat – sie also nicht gerade vor den Zuschauern »versteckt« hat.
Jüdische Zuschauer werden nicht viel neues entdeckt haben.
Der interessierte nichtjüdische Zuschauer hingegen konnte sich informieren lassen über Antisemitismus von Rechts, Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen, aber auch über Antisemitismus aus der »Mitte der Gesellschaft« und genau das war auch die schwache Stelle der Dokumentation. Es liegt auf der Hand, dass knallharte Neonazis auch Antisemiten sind und diesen Antisemitismus auch zum Ausdruck bringen. Die Gesellschaft weiß, dass dies gefährlich ist. In seiner ganzen Stumpfheit wird er aber ganz klar kommuniziert und man weiß (hoffentlich), dass man sich davon fernhalten sollte. Über den Antisemitismus unter bildungsfernen muslimischen Jugendlichen weiß man auch schon so einiges. Erfreulicherweise gibt es auch Initiativen dagegen, eine wurde auch vorgestellt.
Allen drei Gruppen – es fehlte noch der Antisemitismus von Links – ist gemeinsam, dass sie Israel so »kritisieren«, dass sie damit natürlich »Juden« meinen. Stereotype oder bestimmte Eigenschaften, die Juden zugeschrieben werden, werden auch auf den Staat Israel angewendet. Das bricht immer wieder hervor und die Trennung schein sehr schwer zu fallen. Ein ganz aktuelles Beispiel für das Verschwimmen der Begriffe Judentum und Israel wäre dieser Text einer Pfarrerin im Ruhestand. Dort geht es um diejenigen, die unter der Herrschaft der »auserwählten« leiden müssen.

Die drei Gruppen bekamen, gefühlt, gleich viel Zeit in der Dokumentation.

Aber: Wirklich lästig, beklemmend und beängstigend ist der Antisemitismus aus der »Mitte der Gesellschaft«, denn der macht Juden das Leben im Alltag schwer und passiert nicht so sehr offensichtlich. Die anderen beiden Gruppen sind zumindest ehrlich und sagen: »Juden? Mögen wir nicht!«
Dieser hätte mehr Raum einnehmen dürfen und vielleicht angefüttert werden können mit (weiteren) konkreten Beispielen. So war die Beschneidungsdebatte etwa kein Thema, vollkommen zurecht aber die wohlmeinenden Zuschriften von Akademikern an den Zentralrat und die israelische Botschaft.
Da werden sicherlich einige Zuschauer vor dem Fernseher genickt haben. Haben sie doch Recht, die Schreiber, werden sie gedacht haben. «Wir sind doch keine Antisemiten, aber…» Und das ist das Problem in der Mitte der Gesellschaft. Mit den Leuten, mit denen man tagtäglich zu tun hat.