Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

15. Dezember 2014 – 23 Kislev 5775
von Chajm
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Die Megille von Chanukkah

Holzschnitt: Chanukkah, aus einem Frankfurter Minhagim Buch

Holzschnitt: Chanukkah, aus einem Frankfurter Minhagim Buch

Eine Megille für oder von Chanukka?

Ja. Die gibt es!
Für die aktuelle Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen (Text hier vollständig verfügbar) habe ich kurz zusammengefasst, dass es vor langer Zeit in einigen Teilen Europas den Brauch gab, eine Megillah für Chanukkah zu lesen. Leider ist das nahezu vollständig untergegangen.

Wer hineinschauen möchte, in die Megillah, kann sie hier herunterladen (und weiterverbreiten), oder die deutsche Übersetzung online lesen. Der Text ist historisch nicht ganz sauber, aber er erzählt die Geschichte eines Wunders. Vielleicht findet sich ja eine Gemeinde, die den Text im kommenden Jahr liest? – Wenn ja, dann lasst es den Baal haBlog wissen!

Beschluss Voransicht

10. Dezember 2014 – 18 Kislev 5775
von Chajm
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Doch Vertrauen in Frankfurt?

Alles koscher. Alles in Ordnung. Mit dem Urteil eines »externen« Rabbinatsgerichtes kommt etwas Dynamik um die Sache mit dem Skandal um koscheres Fleisch in Frankfurt (am Main). Ein Rabbinatsgericht (mit eher charedischem Schwerpunkt) kam zu anderen Schlüssen als die Justiz und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands. Rabbiner Jirmijahu Kohen vom Bejt Din Paris, Rabbiner Jehuda Rabinovitz, Rabbiner Meir Sirota und Rabbiner Mosche Nidam (Gesandter des sefardischen Oberrabbinats) kamen nach Frankfurt um Zeugen zu befragen und eine Entscheidung zu fällen:
Ist das Fleisch koscher gewesen, oder nicht? Ist der beaufsichtigende Rabbiner in diesen Fragen vertrauenswürdig, oder nicht?

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In aller Kürze zusammengefasst:

  1. Der Beschluss ORD (Orthodoxen Rabbinerkonferenz) und die Veröffentlichung dessen, sei Chillul haSchem (eine G-tteslästerung)
  2. Bei den Zeugenaussagen wurde festgestellt, dass die Befragten sich darüber beschwerten, dass der Händler stets zu wenig koscheres Fleisch im Angebot hatte. Diesen Mangel hätte man ja leicht, wenn man es gewollt hätte, mit unkoscherem und umetikettierten Fleisch ausgleichen können.
  3. Die Befragung der beaufsichtigenden Personen und des zuständigen Rabbiners hätten ergeben, dass alle Beteiligten gewissenhaft waren.
  4. Die Selbstbezichtigung der Firma selber, könne man nur schwer nachvollziehen.
  5. Als der zuständige Rabbiner Klein erfahren habe, dass die Firma außerhalb ihrer Geschäftsräume mit nichtkoscherem Fleisch handelt, hätte er ihr die Lizenz entzogen.
  6. Die Entscheidungen von Rabbiner Klein hätten also durch die ORD nicht hinterfragt werden dürfen, denn sie seien korrekt gewesen.

Damit laufen die Aussagen der Prozessbeteiligten und des externen Bejt Dins auseinander. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz kam zu einem anderen Schluss als das Bejt Din unter Vorsitz von Jirmijahu Kohen.
Das nennt man wohl Dynamik.
Um die Frage aus der Überschrift ansatzweise zu beantworten: Nun doch Vertrauen?
Manchmal wollen es die Leute nicht selber entscheiden müssen. Solange der Prozess vor einem Gericht noch andauert, dürften sie verunsichert bleiben.

8. Dezember 2014 – 16 Kislev 5775
von Chajm
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Undifferenziertheit ist gefragt

Das ist schon kein Trend mehr, dass ist schon der Normalzustand geworden: Undifferenziertheit.
Immer mehr Menschen sind nicht mehr in der Lage, einer Situation oder einer Person mehr als eine Eigenschaft zuzuordnen.
Offensichtliche Folge dieses Phänomens ist das öffentliche Hypen und Feiern von Menschen, die vielleicht kurz danach mit Häme und Spott überzogen werden. Von anderen wird die gleiche Person dann aber genau umgekehrt betrachtet: Ausschließlich mit Häme und Spott. Die entsprechende Person kann nichts gutes bewirkt haben.

Drei Beispiele, zunächst zwei ältere Dauerbrenner, dann ein sehr aktuelles.

  • Edward Snowden Der Mann hat es geschafft. Er wird als Held verklärt und verehrt. Er wird mit Preisen überhäuft; Organisationen überschlagen sich mit Forderungen nach Asyl in diesem oder jenem Staat. Sogar für den Friedensnobelpreis wurde er vorgeschlagen. Wichtige Informationen hat er offengelegt und publik gemacht. Darüber, dass er mit seinen Erkenntnissen nach Russland geflohen ist und die Veröffentlichung der Abhörtaktiken einigen terroristischen Gruppen einen Vorteil verschafft hat, wird nicht so gerne gesprochen. Obwohl dies auch zu seiner Person gehört. Aber der Mann ist ausschließlich Heiliger. Beide Aspekte seines Handelns gemeinsam zu betrachten scheint nicht möglich zu sein. Das eine wahrnehmen und das andere würdigen?
  • Nadeschda Tolokonnikova – ihre Gruppe Pussy Riot wird von den Massen verehrt. Die Gruppe ist gegen den bösen russischen Staat aufgestanden und wurde von diesem bestraft. Die Gleichung ist einfach: Deshalb sind die Damen ebenfalls Heilige. Von den Eskapaden der hochschwangeren Tolokonnikova im Moskauer Museum für Biologie, wo man ein, naja, sagen wir, Video für Erwachsene aufnahm, ist nicht so viel zu lesen. Ihre Künstlergruppe Война veranstaltete mehrere solcher Veranstaltungen mit Bezügen zu diversen Körperöffnungen. Dass man Tolokonnikova ihre Tochter schon vor ihrer Inhaftierung abnahm, weil sie nicht in der Lage war, sich um sie zu kümmern, interessiert niemanden. Der Aspekt der absoluten Verehrung überdeckt alles. Es scheint unmöglich zu sein, die Vorgänge in der Christ-Erlöser-Kirche mit allen Aspekten zu betrachten. Statt dessen überreicht man ihr den Hannah-Arendt-Preis und die Einslive-Krone. Das soll man ihr nicht absprechen, aber man kann sich doch mit allen Aspekten der Helden beschäftigen?
  • Tuğçe Albayrak der jüngste Fall. Die junge Frau wird niedergeschlagen und erliegt ihren Verletzungen. Vorausgegangen war ihr Einschreiten bei einem Streit. Die Anteilnahme war riesig und die Betroffenheit landesweit. Hier verlor jemand durch Zivilcourage sein Leben. Die öffentliche Anteilnahme wurde natürlich von offizieller Seite erkannt und schnell auch für eigene Zwecke genutzt. Aber die junge Dame hatte auch eine private Seite und diese wird derzeit Ziel von Kritikern die diese Facette der Person Tuğçe gerne in den Vordergrund spielen würden. Fotos ihres Facebook-Profils machten die Runde. Antiisraelische Postings waren dort zu lesen und eine stilisierte Karte Palästinas – natürlich auf der Fläche Israels. Auch das eine Seite der Person, die verehrt wird. Leider Mainstream, wie wir im Sommer 2014 erfahren mussten. Eine antisemitische Folklore gegen die etwas getan werden muss.
    Das Hervorkehren dieser Facette aber hat schon bedenkliche Formen angenommen. So bloggt jemand: »Ihr früher Tod, noch bevor sie Lehrerin geworden ist, wird es hoffentlich erschweren, dass nicht nur unter Muslimen vorkommende xenophobe Ansichten in die sich entwickelnden Gehirne Jugendlicher eingehen.« (von hier). Das ist genau nicht die Ebene, auf der solche Betrachtungen stattfinden sollten und leider nicht das einzige Beispiel.

Es besteht offensichtlich eine Art Sehnsucht nach Heiligen, vielleicht auch, weil Hagiographien sich besser verkaufen lassen oder weil man immer mehr nach einfachen Rastern sucht?

Amos Oz wird in der Jüdischen Allgemeinen zitiert:

Aber ich möchte sagen, dass viele Menschen im Westen jeden internationalen Konflikt wie einen Hollywoodfilm verstehen, wo es um Gut gegen Böse geht. Oft haben sie das Bedürfnis, eine Petition für die Guten zu unterschreiben, eine Demonstration gegen die Bösen zu organisieren und mit einem guten Gefühl zu Bett zu gehen.
von hier

Das lässt sich offensichtlich nicht nur in Bezug auf einen bestimmten Konflikt sagen, sondern eigentlich in Bezug auf die meisten Themen der letzten Zeit.

5. Dezember 2014 – 13 Kislev 5775
von Chajm
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Intifada in Frankreich

Die Juden Frankreichs kommen nicht zur Ruhe.
Eine fortwährende Intifada gegen diese (noch) recht große Gemeinde, ist an Brutalität kaum zu überbieten.

Der furchtbare Überfall von Créteil am 4. Dezember ist nur einer von vielen Fällen.
Ein junges, orthodoxes, Paar wurde in der eigenen Wohnung in Créteil überfallen, ausgeraubt und die Frau vergewaltigt. Die beiden Haupttäter hatten schon im November einen alten Mann (ebenfalls jüdisch) auf der Straße zusammengeschlagen.
In diesem Vorort von Paris leben relativ viele Juden und so hat der antisemitische Mob ein leichtes Ziel. Im Mai 2014 wurden dort zwei Brüder brutal zusammengeschlagen.
In den Vorjahren gab es ähnliche Vorfälle. Im Juli 2014, als auch in Deutschland fleißig gegen Israel und Juden im Allgemeinen, demonstriert wurde, gab es zahlreiche Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte.

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 soll sich die Anzahl derartiger Straftaten in Frankreich (im Vergleich zum Vorjahr) verdoppelt haben (siehe hier).
2009 wurde Ilan Halimi zu Tode gequält und seinen Eltern Bilder der Taten zugesandt. Mittlerweile wurden die Ereignisse in Frankreich zu einem Film verarbeitet: 24 jours.

Es hat also auch Tote gegeben (man denke da auch an das Attentat von Toulouse 2013 und 2012. Kein Wunder, dass 2013 nahezu 3000 Menschen nach Israel ausgewandert sind. 2014 dürften es bedeutend mehr sein.

Und Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist sicher eine andere.
Nicht weil es hier zivilisierter zuginge, sondern weil es in Deutschland einfach nicht so viele Juden gibt, wie in Frankreich. Das Potential für derartige Übergriffe scheint vorhanden.
Die Ereignisse im Sommer (2014) offenbarten schon eine gewisse Grundaggression . Die Politik wird es sicher verurteilen, aber macht es das Leben leichter?

24. November 2014 – 2 Kislev 5775
von Chajm
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Folgen der Vertrauensbrüche?

avv_heller

Es gibt neue Entwicklungen bezüglich des Prozesses gegen den Besitzer der koscheren Metzgerei in Frankfurt am Main. Hier wird (es gibt dafür keine unabhängige Bestätigung) behauptet, während des Prozesses wurde zugegeben, man habe sogar Schweinefleisch verkauft.
Aber es gibt auch eine Stellungnahme der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Diese sandte jüngst eine Mail aus in der sie Stellung zu der Problematik nimmt.
Aus der Mail geht hervor, man wollte sich vor dem Rabbinatsgericht mit der Angelegenheit beschäftigen und habe Rabbiner Klein und seinen Beauftragten, den Maschgiach ein. Beide erschienen jedoch nicht zum festgelegten Termin. Allerdings seien schwerwiegende Verstöße eingeräumt worden.
Die Folgerungen daraus lauten:

Die mit dem von Aviv vertriebenen Fleisch in Berührung gekommenen Geräte müssen gekaschert werden, sofern nicht schon geschehen. […]
Gemäß dem vorliegenden Kenntnisstand kann die ORD die Koscherzertifizierungen Rabbiner Kleins nicht empfehlen.

24. November 2014 – 2 Kislev 5775
von Chajm
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Schmuel Archevolti

Und nun etwas vollkommen anderes:
Zwischendurch schiebe ich gerne (nahezu) vergessene Persönlichkeiten in den Vordergrund. Eine solche ist etwa Rabbiner Schmuel Archevolti (1530-1611). Geboren in Cesena, war er Rabbiner in Padua, Talmudgelehrter, halachischer Experte, aber auch ein großer Experte der hebräischen Sprache und Dichtung. Er dichtete natürlich auch selbst. Eines seiner Gedichte (eigentlich ein Bakascha) ist dieses hier: Lechah nivi. Vermutlich mittlerweile vollständig vergessen, aber man fragt sich, warum es nicht Einzug in das eine oder andere Siddur gefunden hat.

Schmuel Archevolti

Gedicht von Schmuel Archevolti

Dir weihe ich mein Gebet
am Abend und am Morgen!
dir, ob lebendiger G-tt!
Vor meinen Brüdern allen;
Für Dich erglüht,
das Herz in meiner Brust,
Wie das des Löwen,
ob ich liege oder stehe.

20. November 2014 – 27 Heshvan 5775
von Chajm
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Hass und Lebensgrundlagen

Die aktuellen Ereignisse und Diskussionen bestätigen einen Text, der kurz vor Har Nof geschrieben wurde. Eigentlich geht es um Jizchak und den Wochenabschnitt Toldot.
Aber am Rande geht es um Ereignisse rund um Brunnen:

Kaum haben Jizchak und seine Leute einen Brunnen fertiggestellt (19–20), kommen die Hirten Gerars. Obwohl sie oder ihre Verwandten vorhandene Brunnen zugeschüttet haben, wie der Text der Tora berichtet (26,15), und sie sich nicht für das Wasser interessiert haben, sagen sie nun: »Das ist unser Wasser!« Aber erst, nachdem Jizchak einen neuen Brunnen gegraben hat.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

Wenngleich Wasser eine wichtige Lebensgrundlage ist, so werden Brunnen dennoch zugeschüttet: Das Gegenüber wird so sehr gehasst, dass man bereit ist, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören.
Aktuell ist das, weil denjenigen, die in Israel Attentate begehen, bekannt ist, dass die israelische Regierung ihr Haus vermutlich zerstören wird. Eine umstrittene Maßnahme (aus der Zeit der britischen Mandatsregierung), die offenbar vor dem Hintergrund erdacht wurde, dass sich die Menschen wenigstens um das Wohl ihrer eigenen Familie sorgen und vielleicht auf sie Rücksicht nehmen würden.
Seit 2005 sollte diese eigentlich auch nur in extremen Fällen Anwendung finden.

Aber: weit gefehlt. Diese Empathie scheint nicht vorhanden zu sein.
Man überlässt dann die Arbeit der Propaganda der Bilder. Die entsprechenden Fernsehbilder haben dann auch die Wirkung, die man gerne hätte.
Hier trifft auch das zu, was ich über Jizchaks Brunnen schrieb:

Ihre Feinde hassen sie mehr, als dass sie an die Sicherung der eigenen Zukunft denken.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

19. November 2014 – 26 Heshvan 5775
von Chajm
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Har Nof

Während der nächsten Tage wird mir das während der Amidah des Morgengebets durch den Kopf gehen. Während die Beter in der Bnei Torah Synagoge in Har Nof gerade die leise Amidah sprechen (Bericht hier) dringen zwei Attentäter ein und wollen die Beter töten. Sie töteten fünf Menschen. Warum?
Die Antwort auf die Frage liegt doch auf der Hand: Weil sie Juden sind.

Oder wir bemühen die Erklärungsversuche die sonst kursieren: Ein palästinensischer Busfahrer wurde erhängt in seinem Bus gefunden. Die Gerichtsmediziner halten es für Selbstmord. Einige wünschen sich, es seien jüdische Extremisten gewesen. Es bleibt ein Gerücht. Ein weiteres Gerücht geht um (in aller Regelmäßigkeit): Die »Juden« wollen den Tempelberg. Auch das ein Gerücht.

Dann blicken wir ein paar Tage zurück: Autos rasen in Haltestellen, töten Menschen – unter anderem ein Baby. Es ist leicht, das in der Weltöffentlichkeit zu übergehen. Nun sehen sehen wir uns um und nehmen wahr, dass es tatsächlich Menschen gibt, die das Attentat auf die Synagoge begrüßen und sich wünschen, dieses Beispiel mache Schule. Was soll man da noch schreiben? Politische Analyse, Bashing der deutschen Medien wegen der unfairen Berichterstattung?

Mehr als die Feststellung, dass der Hass auf Juden so groß ist, dass er keinerlei Grenzen kennt, bleibt nicht. Wenn es einen Masterplan gibt, dann ist es der, das Misstrauen in die arabischen Bürger Israel möglichst schnell wachsen zu lassen. Traumhaft das Szenario, dass die Bevölkerung Israels nervös wird und die Regierung handeln muss. Das hatten wir im Jahr 2014 schon einmal. Mit dem Ergebnis, dass in ganz Europa Antisemiten auf die Straße gegangen sind.

Nur: Der Hass auf alle Juden wird die Situation nicht verbessern. Der Staat Israel wird weiterhin existieren. Menschenleben werden vollkommen sinnlos zerstört. Es geht nicht um die Erreichung politischer Ziele.

15. Oktober 2014 – 21 Tishri 5775
von Chajm
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Folgenschwere Vertrauensbrüche

avv_heller

Im Juni schrieb ich über die möglichen Vertrauensbrüche in Frankfurt: ein Händler (Aviv) soll nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Er soll das Fleisch also geradezu gestreckt haben. Würde sich das bewahrheiten, hätten seine Kunden nichtkoscheres Fleisch verzehrt, müssten ihre Küchen neu kaschern und hätten über längere Zeit nichtkoscher gegessen. Jetzt hat der Betreiber des Geschäfts es zugegeben: Er hat Fleisch umdeklariert. Die Folgen dürften verheerend sein. Viele jüdische Einrichtungen bezogen von dort Fleisch und sind somit ab sofort nicht mehr koscher. Die Jüdische Allgemeine berichtet, die Rede sei von 40.000 Kilogramm umdeklarierten Fleisch.
Die Kosten für das neue kaschern müsste theoretisch der Verursacher tragen. Die Kreise die das zieht, dürften groß sein.

kolnid

8. Oktober 2014 – 14 Tishri 5775
von Chajm
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Das war Jom Kippur

[…]denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke, Archaïscher Torso Apollos

Teschuwah also die Umkehr verlangt eine (zuweilen schmerzhafte) Konfrontation mit sich selbst. Das dürfte der schwierigste Teil sein: Gewohnheiten abzulegen und sich neue (im Idealfall bessere) Verhaltensweisen anzueignen. Es ist schwierig, sich selber kritisch zu hinterfragen. Gut beraten sind diejenigen, die Korrektive haben, also Menschen, die einem die Wahrheit sagen und es dabei nicht böse meinen.
Rabbiner Josef Soloveitchik (1903–1993) schrieb, die Teschuwa sei ein aktiver Akt der Rückkehr zu G’tt und seinen Mizwot. Der Einzelne erschafft in diesem Prozess ein vollkommen neues »Ich«. Das ist echte Arbeit und nicht nur so eine Formel, die man vor Jom Kippur bei facebook postet:
»Hallo. Falls ich jemanden verletzt haben sollte, Sorry.«
Per Mail kommt das auch nicht so gut an.
Aber es gibt auch ein großes Ärgernis. Da gibt es nämlich auch diejenigen, die sagen »ich habe alles richtig gemacht«.
Das ist kein neues Phänomen, das ist schon im Tanach beschrieben: »rein bin ich, ohne Sünde, lauter, frei von Fehl.« (Ijow 33,9) Hochmut heißt das Wort dafür, das ist ein wenig aus der Mode gekommen – das Wort, die Tatsache nicht. Wie man damit umgehen soll, habe ich noch nicht gelernt. Das ist eine der Erkenntnisse von Jom Kippur.
Eine weitere Erkenntnis ist die Neuinterpretation eines Midraschs (Ejchah Rabbah):

Schmuel ben Nachman sagt:
»Gebet ist wie eine Mikwe und Tschuwah ist wie das Meer.
So, wie die Mikwe einige Zeit geöffnet ist und einige Zeit geschlossen, ist es auch bei den Toren für die Gebete, manchmal sind sie geöffnet und manchmal geschlossen.
Auf der anderen Seite ist das Meer immer offen und so sind es auch die Tore der Teschuwah.«

Das ist natürlich (auch) metaphysisch gemeint, aber wohl auch irgendwie ganz konkret, denn so sieht es dann wohl auch in der Synagoge aus. Manchmal fällt es leicht sich zu konzentrieren und manchmal fällt es schwer, besonders wenn das Umfeld nicht sonderlich förderlich ist. Etwa, weil niemand anderes mitbetet, oder die Menschen mit anderen Dingen beschäftigt sind, oder ganz simpel nur desinteressiert.
In diesem Jahr waren die Tore in dieser Hinsicht geöffnet.
Das (oder ein) Geheimnis lag darin, dass die Beter sich verantwortlich fühlten für das, was in der Synagoge passierte. Sie waren tatsächlich aktiv und keine passiven Beobachter und deshalb vielleicht gelangweilt. Der Weg dahin begann vielleicht mit der Erkenntnis, dass man etwas unternehmen müsse. Mit kritischer Selbstbewertung… womit wir wieder am Beginn wären.