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#strangelovesongs Daniel Kahn und Sasha Lurje

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Bevor das Konzert begann, wartete eine Kiste auf der Bühne auf die Besucher. »Verhaltet euch ruhig« stand auf ihr. In Frakturschrift. Ein politisches Statement gleich zu Beginn des Konzerts? Das Thema war doch »strange love songs«? Wird da der Verfremdungseffekt verwendet? Es bleibt offen. Das hätte zu Berthold Brecht gepasst und Sänger (in diesem Fall) Daniel Kahn passt großartig zu Berthold Brecht.
Auf der Bühne wirkt er dann wie eine Figur aus einem Stück von Brecht. Er führt selbstironisch durch das Programm, kommentiert die eigene Haltung zu den Stücken und singt natürlich auch Brecht. Auf Jiddisch. Die Übersetzungen stammen von Daniel Kahn selber und wirken, als hätten die Texte nur darauf gewartet, von ihm in die Sprache der eigentlichen Bestimmung übersetzt zu werden. Das mag auch ein wenig an der überzeugenden Interpretation liegen. Ist das aber Klezmermusik? Nein. Natürlich nicht und das stellt Daniel Kahn auch am Anfang des Konzerts fest. Das Konzert stellt dem Zuhörer und Zuschauer statt dessen eine Reihe von abgedrehten Songs rund um das Thema Liebe vor. Mit der, aus Riga stammenden, Sängerin Sasha Lurje, präsentieren sie vorzugsweise böse Lieder und das in russischer, ukrainischer, deutscher, englischer und jiddischer Sprache. Dabei werfen sie die beiden großartig die Bälle zu. Kahn erzählt, unterbrochen von Sasha Lurje, dem Publikum kurz worum es geht, dann trinken beide einen Schluck Wein oder unterhalten sich miteinander. Vielleicht ist das alles einstudiert und choreographiert. Vielleicht ist das aber auch spontan?
Wenn man so will, wirkten sie zwischendurch wie ein Mädchen und der böse Wolf. Was das soll, findet man spätestens bei der Interpretation des jiddischen Lieds »Margaritkelach« heraus. Kein Liebeslied, sondern ein Song über Gewalt, Gier und Lust. Wie das funktioniert, zeigt vielleicht dieser kleine Ausschnitt:

Der Querschnitt ist groß. Nicht nur bekannte Kost, wie das genannte Margaritkelach. Auch der, bereits erwähnte Brecht. Die Songs werden meist in mehrsprachiger Variante gesungen. Sasha Lurje singt zahlreiche Lieder die ein russischsprachiges Publikum mit Sicherheit gekannt haben wird und Daniel Kahn singt dazu eine englische Übersetzung. Das gipfelt in einer Interpretation eines Liedes des sowjetischen Chansonniers Bulat Okudschawa (kennt vermutlich jeder, der in der Sowjetunion Wurzeln hat). Daniel Kahn und Sasha Lurje öffneten damit diese Musik einem breiteren Publikum.
Es wäre zu wünschen, dass die beiden zu Bulat Okudschawa vielleicht noch etwas mehr machen würden.
Zu einem Song spricht Kahn die englische Übersetzung. Auch das passt irgendwie und durch die makaberen Texte ist das auch sehr kurzweilig. Im Publikum schienen einige gewesen zu sein, die wussten, wo der Abend hinführen würde und eben wieder ein paar, die im Verlauf des Abends überzeugt wurden, dass man in jiddischer Sprache auch etwas singen kann, was nicht sofort zu Tränen rühren muss, sondern dass es auch mal ongevorfen sein kann. Brechts Zuhälterballade wäre da ein schönes Beispiel.

Kein Klezmerabend aber irgendwie ein Abend – sagen wir das mal bildungsbürgerlich – der kontemporären jüdischen Musik in der Einflüsse aus vielen Ländern zusammenkommen aus denen junge Juden heute so stammen: Russischsprachige Länder, aus den USA, Jiddisch ein wenig und ein wenig Deutsch. Alles mischt sich und erzeugt eine moderne Interpretation von jüdischer Kultur.
Das Programm wird vermutlich noch in anderen Städten gespielt. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich das auch anschauen.

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Dieses Konzert beschloss die Konzertreihe »Klezmerwelten« und zeigte ganz gut, worin die Stärken dieser Veranstaltung lagen. Jüdische und Jiddische Kultur abseits dessen zu präsentieren, was man so gemeinhin mit Klezmer assoziiert. Dass die Veranstaltungen von einem kulturell interessierten jungen jüdischen Publikum nahezu ignoriert werden, wird genau daran liegen, dass das Wort Klezmer eher eine Abwehrhaltung hervorruft. Wenn das Festival im Jahre 2017 erneut stattfindet (was hervorragend wäre), dann wird man hoffentlich auch dieses Publikum ansprechen können.

Meine persönlichen Wunschkandidaten für 2017: Avishai Cohen (das Album Aurora ist schon etwas älter, aber für mich sehr faszinierend) und vielleicht die Petersburger Truppe OPA. Benny Friedman oder vielleicht Avraham Fried? Für den müsste dann schon eine größere Halle her. Aber damit wäre wieder die ganze Bandbreite abgedeckt…

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Limmud im Ruhrgebiet – Alte Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Die Alte Synagoge Essen ist heute ein Haus jüdischer Kultur. Lange Jahre war die Synagoge ein Gedenkort und ein Ort an dem Pfarrer (ein wenig Polemik darf an dieser Stelle erlaubt sein) über das Judentum referiert haben.
Doch heute ist die Situation eine andere. Das Haus hat seit dem Weggang der langjährigen Leiterin einen Sprung nach vorne gemacht. Die Dauerausstellung informiert über das Judentum und das jüdische Leben, aber nicht nur aus einer religiösen Perspektive und ist nicht nur Ablageort für alte Kultgegenstände. Es geht auch um jüdische Identität und alles, was damit zu tun hat. Viele Dinge kann man anfassen, einige Sachen ausprobieren und die Architektur auf sich wirken lassen. Das Haus wird gerne besucht, auch wenn es heute nicht als Synagoge dient. Heute ist das Gebäude also nicht nur von außen eine Sehenswürdigkeit.

Flur in der Alten Synagoge

Flur in der Alten Synagoge

Und jetzt geht man noch einen Schritt weiter: Das Haus hat sich Limmud geöffnet und steht damit an einem Tag Jüdinnen und Juden zur Verfügung um sich zu Geschichte, Musik, Tradition, Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und natürlich auch Religion auszutauschen. Übrigens unabhängig vom Alter.
Und das alles am Vorabend des letzten Chanukkah-Tages – am 13. Dezember 2015. Alle Informationen dazu gibt es übrigens hier. Es steckt vermutlich keine tiefere Symbolik dahinter (immerhin ist Chanukkah das Fest der »Tempelwiedereinweihung«), aber es ist eine gute Gelegenheit für diejenigen, die im Ruhrgebiet und drumherum leben, sich auszutauschen und ein paar neue Gesichter zu sehen. Ganz nebenbei ist, wie gesagt, das Haus schon eine Attraktion. Wenngleich an diesem Tag recht viele Chanukkahfeiern in den lokalen Ruhrgebietsgemeinden sind, so kann man doch erwarten, dass dieser Tag etwas besonderes werden dürfte. Hoffentlich, vielleicht, eventuell … etwas vergleichbares gab es im Ruhrgebiet noch nicht.

Wer sich überlegt zu kommen, sollte einfach kurzentschlossen hier klicken und sich anmelden.

Der Vollständigkeit halber: In Dortmund gab es schon einmal (2012) eine lokale Ausgabe eines Limmud-Tages. Die wurde aber recht zurückhaltend an die Nachbargemeinden kommuniziert.

Inside the Old Synagogue Essen

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Unverantwortlich

»Leben und Tod sind in der Gewalt der Zunge« heißt es in den Sprüchen (18,21). Wer sich mit dem Judentum beschäftigt, wird schnell lernen, wie extrem wichtig gesprochenes und geschriebenes Wort sind.

Ein angehender Rabbiner sollte das wissen. Um so gewichtiger ist die verbale Entgleisung von Armin Langer in der taz, der offenbar Rabbiner werden möchte – (»Das Land Israel ist für mich heilig. Der Staat Israel nicht.«).
Er hat vermutlich davon gehört, dass Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster sich für eine Obergrenze für Flüchtlinge ausgesprochen haben soll (siehe auch hier) – was Dr. Schuster nicht getan hat. Er gab in der Zeitung DIE WELT ein Interview. In diesem Interview dachte er (laut) darüber nach, wie Deutschland mit der Einwanderung zurecht kommt. Er erwähnte auch das offensichtliche: Dass einige der Flüchtlinge aus Staaten kommen, in denen Antisemitismus und Antizionismus staatliche Projekte waren. Das bedeutet nicht, dass alle Flüchtlinge schlimme Antisemiten sind (wie das zu beurteilen ist, kann man hier nachlesen) und doch bleibt ein Grad der Verunsicherung. Dazu kommen die antisemitischen Demonstrationen im Jahr 2014 (auch hier erwähnt). Vergessen wird schnell, dass Dr. Schuster sich früh für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hat.

Doch zurück zum taz-Kommentar. Der gipfelt in der Aussage:

Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt.
von hier, taz

Ich fasse zusammen:
Die Sachlage falsch eingeschätzt und dann mit der großen Kelle ausgeteilt.
Das freute alle, die ohnehin schon Probleme mit dem Zentralrat haben (aus ideologischen Gründen). Der Vorwurf des Rassismus ist schwerwiegend und hier nicht nachzuweisen. Für einen angehenden Rabbiner gehört sich das nicht. Man kann erwarten, dass er sich über die Wirkung des Worts Gedanken macht.
Wenn er das getan haben sollte: Umso schlimmer!
Der Schaden ist groß. Für sich selbst und für diejenigen, die da öffentlich angeprangert wurden.

Für eine ernsthafte und sachliche Diskussion zum Thema Zuwanderung, Ängste und Flüchtlinge hat er sich jedenfalls disqualifiziert.

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Zeitgleich gewarnt

Was genau passiert ist, kann man nicht sagen. Aber am gleichen Tag warnen die offiziellen Gesichter des Judentums in Deutschland und Österreich vor einem importierten Antisemitismus durch Flüchtlinge. Oskar Deutsch und Ariel Muzicant unterrichteten heute die österreichischen Journalisten darüber. Die Presse berichtet beispielsweise darüber – siehe hier:

Um eine Gesellschaft zu schützen, muss man das schwächste Glied schützen – das sind die Juden.
von hier – Die Presse

In Österreich werden Obergrenzen diskutiert und indirekt auch gefordert. In Deutschland geht zur gleichen Stunde ähnliches durch die Presse. Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster überlegt laut, ob das Land alle Flüchtlinge auch integrieren kann (siehe etwa hieroder das originale Interview hier in der Welt) – insbesondere wenn sie aus Staaten kommen, in denen sie antisemitisch und antizionistisch erzogen worden sind.

Spulen wir mal zurück: 2014 gab es zahlreiche Ausschreitungen gegen Juden. Die meisten gingen tatsächlich wohl von Jugendlichen aus, deren Eltern aus dem Nahen Osten oder auch aus der Türkei kamen. Triebfeder war irgendeine kranke Art der Jugendkultur. Das war oder ist eine Kultur von Jugendlichen die in Deutschland sozialisiert wurden. Das offenbarte, dass der Staat eine Entwicklung verschlafen hat. Gesellschaftlichen Rückhalt konnte man nicht verlangen. Den gab es einfach nicht. Die wenigen Demonstrationen gegen Antisemitismus kamen nicht gerade aus der Mitte der Gesellschaft.

Und jetzt: Wir wissen nicht, wie antisemitisch die Flüchtlinge tatsächlich sind. Man kann davon ausgehen, dass Flüchtlinge in Deutschland zunächst einmal andere Probleme haben, als ein paar Juden zu suchen.
Und wie sollten sie auf dumme Ideen kommen?
Die Gesellschaft lebt ihnen doch vor, wie man vorbildlich mit Juden und anderen Minderheiten zusammenlebt. Wartet mal… oh…

Zum Thema Antisemitismus und Flüchtlinge siehe auch hier

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Rammstein auf Jiddisch

Dobranotch in Gelsenkirchen
Fassen wir das Konzert der russischen Band Dobranotch in Gelsenkirchen zusammen: Meschigge.
In einem positiven Sinne vollkommen verrückt und das vor dem Hintergrund der schlechten Begleitumstände.
Das Konzert stieg am Samstagabend. Am Freitagabend geschahen die Anschläge in Paris.
Trotzdem trat die Band auf und kommentierte so die Zielsetzung der Attentäter: Eine bunte Gesellschaft unter Druck setzen. Folgerichtig trat man dann auch auf und verabreichte dem angespannten Publikum russisch-jiddische Musik.

Denn tatsächlich war die Stimmung zu Beginn des Konzerts etwas gedrückt – oder man nimmt es so wahr, weil man sehr viel sensibler ist. Aber die Musiker spielten tapfer dagegen an und steigerten so die Stimmung in der ehemaligen Maschinenhalle einer Zeche (Ruhrgebiet!) stetig. Nach der Pause gab es dann absolut kein Halten mehr. Hinter und neben den Stuhlreihen standen plötzlich tanzende Menschen und verausgabten sich. Das lag an der sehr schnellen balkanmäßigen Klezmermusik und den musikalischen Experimenten der Band.

Sie spielten sie ein Techno-Stück, ein wenig Ska, aber arrangierten auch eine jiddische Version (hier klicken um das zu erleben) von Rammsteins Du hast. Ich bin mir sicher, noch immer haben viele Zuhörer nicht verstanden, dass da überhaupt eine Cover-Version angeboten wurde. Die vertrauten darauf, dass da ein traditionelles Lied vorgetragen wurde – allerdings auf Steroiden und die Geschwindigkeit schien bis zum Finale stetig zu steigen. Die Zugaben gab man nicht auf der Bühne, sondern spielte sie inmitten des Publikums und das stand ohnehin schon. Von dieser Stelle an, hätte der Abend wohl ewig weitergehen können.

Dobranotch performing in Gelsenkirchen

Das Publikum war bunt gemischt. Einige wussten, was sie erwartet, andere erwarteten wieder reguläre Klezemerklänge – aus meiner Sicht wäre ein junges, enthemmtes, jüdisches Publikum (zusätzlich, nicht statt dessen) noch großartiger gewesen. Sprachliche Probleme hätte es keine gegeben. Viele Songs waren auf Russisch. Das ist ein Kritikpunkt den man an dieser Stelle unterbringen kann: Man erwischt diese Zielgruppe (jung, jüdisch) mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Ansprache nicht. Aus wirtschaftlicher Sicht sicher nicht notwendig, denn Konzerte dieser Art sind in der Regel ausverkauft.

#dobranotch performing in #Gelsenkirchen #klezmerwelten #klezmer #musik #music #video

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

Zitat

Zitat von Rabbiner Jehoschua Ahrens

Wenn wir aber jetzt einzelne Koranstellen anführen, um zu beweisen, dass »der« Islam gewalttätig sei, dann ist das nicht nur analog zu dem, wie Antisemiten die Tora zitieren. Sondern wir gehen dann genauso vor wie Islamisten, die diese Koranverse missbrauchen.

Rabbiner Jehoschua Ahrens in der Jüdischen Allgemeinen (hier)
im März 2015 – nun wieder aktuell

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Mit einem Boykott zwei Gruppen schädigen

Made in Israel

So wie es aussieht, wird der Boykott Israels so langsam konkret. Die Grundsteine sind gelegt – es wird eine Kennzeichnung israelischer Produkte mit konkreter Herkunft geben. Das macht es den Hassern einfacher, die Produkte zu meiden.
Aber vermeiden die nicht ohnehin alle jüdischen oder israelischen Produkte?
Richtig gelesen. Jüdisch. Die Zeit hat die politische Korrektheit mal Korrektheit sein lassen und hat getitelt: »Obst aus jüdischen Siedlungen wird markiert.«

Die Vorgehensweise der EU-Handelskommission ist mir jedoch noch nicht ganz klar:

  • Entweder hat die Kommission bereits alle gravierenden Probleme der Europäischen Union und der dort lebenden Verbraucher gelöst, wonach es aber derzeit nicht ausschaut, oder
  • die Kommission hat priorisiert und das allerwichtigste Problem identifiziert: Israel.
    Der europäische Verbraucher muss die Möglichkeit haben zu erkennen, ob ein Produkt innerhalb der Vor-1967-Grenzen hergestellt wurde, oder nicht. Ich weiß nicht, welchen Nachteil der Verbraucher hat, wenn die Möhren und Kartoffeln aus israelischer Erde 100 Meter weiter links oder 100 Meter weiter rechts kommen.

Bei landwirtschaftlichen Produkten aus dem Westjordanland kann es natürlich sein, dass sie durch die Hand arabischer Arbeitern gepflückt wurden.
Kann es etwa sein, dass die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström die Verbraucher davor schützen will, nichts mehr aus arabischer Hand essen zu müssen?
Das wäre doch unvorstellbar. Man stelle sich einmal vor, man riefe dazu auf, nichts mehr aus jüdischer Hand zu essen.
Obwohl, wartet mal, hat die EU-Kommission jetzt nicht beide Fliegen mit einer Klappe geschlagen?

Wenn die Verbraucher in Zukunft nämlich tatsächlich Produkte aus den Gebieten meiden, die gemeinhin als besetzt gelten, dann wird es in diesen natürlich wirtschaftliche Probleme geben. Die Firmen werden ihre Produktion entweder woanders aufbauen müssen, oder aufgeben. Es gibt Schätzungen, nach denen etwa 77.000 Palästinenser für israelische Unternehmen arbeiten. In Kernisrael und im Westjordanland. Das ist eine sichere Einkommensquelle und auch ein Ort, an dem sich jüdische Israelis und arabischer Palästinenser zusammenarbeiten und das nicht für einen Hungerlohn.
In der Konsequenz werden diese Menschen ihre Arbeit verlieren und die sicheren Einkommen werden den Familien fehlen. Neue Arbeit wird sich schwer finden lassen. Die Lage wird somit eher schwieriger als besser.
Aber ist das nicht toll für den europäischen Verbraucher? Er kann mit einem Einkaufswagen zwei Gruppen nachhaltig schädigen.

Das ist nicht deren Absicht? Warum dann wird die Kennzeichnung nicht auch für andere Länder eingeführt?
Zypern? Tibet? Transnistrien? Krim? Abchasien? Westliche Sahara? Süd-Ossetien?

Wer die Sache eines palästinensischen Staates aufrichtig unterstützt, dürfte sich also nicht über die jüngsten Aktivitäten freuen. Denn es geht nicht um die Unterstützung eines solchen Staates neben dem israelischen. Es geht gegen den Staat Israel.
Das ist ein großer Unterschied.

2013 war das hier übrigens auch schon einmal Thema

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The Heart and the Wellspring

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen
The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Energiegeladen und dynamisch. Mit dieser Beschreibung könnte man die Rückschau auf das Konzert von »The Heart and the Wellspring« oder eigentlich »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« (am 5. November 2015) in der Synagoge Gelsenkirchen gleich wieder beenden und hätte damit alles gesagt.
Von der ersten Minute des Auftritts an, nahmen die fünf Musiker ihr Publikum mit auf einen wilden Ritt durch verschiedene Musiktraditionen und da passte es ganz gut, dass die Musiker auch aus verschiedenen Traditionen kommen. Das ist schon rein optisch gut erkennbar. Chilik Frank trägt Schläfenlocken (endlich hatte das Publikum einmal einen »echten« Juden bei den Klezmerwelten) und ist Breslover Chassid, Ariel Alaev trägt die Kopfbedeckung der bucharischen Juden und stellte sich in einem kurzen russischen Redebeitrag auch als bucharischer Jude vor. Er nahm dies zum Anlass, ein Lied aus Duschanbe zu spielen und katapultierte das Publikum mit Energie in eine vollkommen andere Musiktradition.

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Naor Carmi, beschrieb zu Beginn des Konzerts kurz die musikalische »Vision« der Gruppe: Die Musik der verschiedenen chassidischen Gruppen zu sammeln, neu zu interpretieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Aber dennoch spielte die Band nicht nur chassidische Musik (mit recht vielen Niggunim aus der Tradition von Chabad). Auch traditionelle Stücke wie »Schalom Alejchem« waren Bestandteil der Zugabe.
Naor Carmi (am Kontrabass), der stets lächelte und bescheiden von der Musik erzählte, aber auch begeistert von den Zaddikim (»Männer ohne jedes Ego«), berichtete, scheint aber das musikalische Gehirn der Gruppe zu sein – auch wenn Chilik Frank aufgrund seiner auffälligen Erscheinung zumindest optisch im Vordergrund steht. Carmi schreibt die Arrangements und hat sich in Israel übrigens auch viel mit arabischer Musik beschäftigt. Akiva Turjeman gab den Songs mit seiner Stimme – wie soll man das nennen – einen israelischen Style.
Asaf Zamir (Perkussion) ist anscheinend ein Mizrachi-Jude und auch er ließ in eine andere Musiktradition blicken, machte aber auch ein wenig Beatboxing und trommelte mit Hilfe seines Kopfes oder auf seinem Kopf und spielte in Zusammenarbeit mit dem Publikum. Das kam natürlich gut an. Fast so gut wie das Hava Nagilah, dass die Gruppe ebenfalls präsentierte und das war einer der wenigen Augenblicke in denen man den Eindruck hatte, hier wird dem Publikum doch das gegeben, was es verlangt. Auf der anderen Seite merkt man, dass die Jungs echte Bühnenprofis sind und diese Dinge offenbar gut dosiert zum Einsatz bringen. Vielleicht präsentieren sie einem israelischen Publikum einen anderen Querschnitt aus ihrem musikalischen Werk.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das Konzert zeitlich vom Klezmerworkshop abgekoppelt war. Wären die jungen Teilnehmer des Workshops im Publikum gewesen, hätten sie vermutlich bei der überbordenden guten Laune das Zentrum der Jüdischen Gemeinde vollständig zerlegt.

Für jüdische Zuschauer und Zuhörer war der Auftritt von »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« ein großes Ereignis. Für nichtjüdische Zuhörer eine weitere Erinnerung daran, dass da nicht Musik von gestern gespielt wird, sondern durchaus auch von heute – mit Pop-Qualität. Jiddisch ist übrigens auch keine Sprache von gestern. Das zeigte Chilik Frank, der als jiddischer Native-Speaker die Musik kommentierte.

Der Sound vor Ort hatte übrigens Studioqualität.

“the heart and the wellspring” in #Gelsenkirchen #hassidic #chassidic #music #eliyahu #jewish #hebrew #jüdisch

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

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Der Baal haBlog in Köln und bei einem Seminar in Dorsten

Chajm liest

Der Baal haBlog (also ich, der Chajm) wird am 8. November 2015 in Köln sein und am 15. November 2015 im Jüdischen Museum Dorsten.

Bevor man jetzt fragt: Häh? Dorsten? Warum sollte ich dorthin fahren, der könnte weiterlesen und dann entscheiden…

Am 8. November wird es im Rahmen der Kölner Literaturtage eine Veranstaltung mit dem Titel »Ich bin der Andere – Über die Wertvorstellungen der monotheistischen Religionen« geben. Dort wird ein Vertreter einen christlichen Teil übernehmen, einer den muslimischen und einer den jüdischen (ja, man spricht hier mal mit Juden). Es diskutieren Prof.Dr. Dr. Josef Freise, Frau Dr. Jussra Schröer und meine Wenigkeit. Das mag zunächst abstrakt klingen, aber es gibt einige aktuelle Debatten bei denen man sich fragt: Wo sind die Beiträge der drei monotheistischen Religionen? Wo zeigen sie klare Kante? Themen gäbe es genug, über die man sprechen könnte.
Veranstaltungsort: Forum VHS im Kulturquartier
08.11.2015 15:00; Cäcilienstraße 29, 50667 Köln, weitere Details hier. Es wäre nett, dort auf ein paar Gesichter hinter den Klicks auf die Inhalte dieser Seite zu treffen.

Im Namen eines G-ttes, den wir den »G-tt des Lebens« nennen, wird getötet, im Namen eines G-ttes, den wir den »G-tt des Friedens« nennen, wird Krieg geführt, im Namen eines G-ttes, den wir den »G-tt der Liebe« nennen, wird gehasst und Gewalt ausgeübt. Vor diesem Hintergrund wird ein Seminar im Jüdischen Museum Dorsten stehen.
»Frieden – Salam – Schalom«
Tatsächlich wird es aber nicht nur darum gehen, dass wir uns gegenseitig erzählen, wie friedlich die eigene Religion jeweils ist. Das Seminar wird Frieden und Gewalt in den abrahamitischen Religionen thematisieren. Sehr lange wird ja darüber spekuliert, etwa von Prof. Jan Assmann, ob Monotheismus und Gewalt einander bedingen und praktisch untrennbar zueinander gehören. Da werden die Teilnehmer ins Gespräch kommen und ich hoffe auf eine bunte Gruppe.

Das Seminar wird sein am Sonntag, den 15. November 2015, von 11.00 bis 16.00 Uhr. Einen Programmflyer gibt es hier. Anmeldeschluss ist der 9. November 2015.