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Die Propheten des Herder Verlags

1858 hat Rabbiner Ludwig Philippson (1811–1889) ein, bis heute unübertroffenes, Mammutwerk geschaffen:
Die »Israelitische Bibel«. Philippson fertigte eine vollständige Übersetzung des Tanach an, fügte einen ausführlichen Kommentar hinzu, zahlreiche Bilder und einen hebräischen Originaltext.
2015 hat der Herder-Verlag die Übersetzung Philippson neu aufgelegt – jedenfalls zunächst einen Teil davon:
Der Teil »Tora(h)« wurde als eigener Band publiziert und die »bewährte« Übersetzung Philippsons, in leicht überarbeiteter Form, wieder zugänglich gemacht.

Es blieb nicht dabei, den Text aus der Frakurschrift »abzuschreiben.« Ein Herausgeberteam um Walter Homolka, den Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, überarbeitete zurückhaltend die Übersetzung von Philippson, die sich nicht im Austausch veralteter Begriffe und einer modernisierten Orthografie erschöpfte.
Die Arbeit an einer Neuausgabe eines klassischen Texts wird gemeinhin unterschätzt. Der Text muss zunächst sorgfältig digitalisiert werden, dann hat Philippson auch schon einmal einen Satz in der Übersetzung vergessen, es gibt Druckfehler oder Zeichendreher im Original, Wörter müssen behutsam in eine moderne Sprache gebracht werden, ohne die Gesamtwirkung zu zerstören. Eine Arbeit vieler Hände. Jedes Buch der Tora dieser Neusausgabe wurde jeweils von einem kleinen Text aus liberaler Perspektive eingeleitet. Den hebräischen Originaltext fand man auf jeder Seite.
Genau mit diesem Ansatz hat das Team nun auch die »Propheten – Newi’im« umgesetzt. Das Ergebnis sind etwa 1.300 Seiten in einer handlichen Ausgabe. In dieser Überarbeitung behält der Text Philippsons seinen alten »Klang«, aber er ist auf weiten Strecken verständlicher als der Text in der Originalausgabe.

Gestalterisch orientiert sich der deutsche Text ein wenig an der verwendeten hebräischen Schrift. Weiterlesen

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Kaschrutlisten

Jüdische Verbände und Gemeinden im deutschsprachigen Raum veröffentlichen detaillierte Listen zu koscheren Lebensmitteln – einen groben Überblick habe ich für die Jüdische Allgemeine aufgeschrieben. Verbunden mit der Hoffnung, dass es irgendwann eine smarte App mit Zugriff auf alle relevanten Daten geben wird. Den Artikel kann man hier finden:
Verbraucher – Was ist koscher?

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Steinsaltz Talmud jetzt online

2012 erschien der erste Band der neuen englischen Ausgabe des Steinsaltz Talmuds (siehe auch hier). Die Übersetzung nenne ich deshalb Steinsaltz Talmud, weil sie (naheliegenderweise) von Rabbiner Steinsaltz stammt. Aber er verfasste auch zahlreiche Hinweise und Klarstellungen. Die reine Übersetzung ist jeweils fett gesetzt. Die Übersetzung ist nicht unanspruchsvoll, dementsprechend aber auch nicht zu vereinfachend. Schnell ist man beeindruckt, wie viel Text zusammenkommt, wenn eigentlich nur fünf Wörter Originaltext übersetzt worden sind. Es ist, als würde man den Talmud mit jemandem lesen, der den Text fortwährend erklärt: Den Kontext, die Zitate aus dem Tanach und den Fluss der Argumentation. Erst diese Informationen bringen Licht in den reinen Text des Talmuds.
Am 7. Februar 2017 kündigte das Sefaria-Projekt an, der Talmud von Steinsaltz sei nun frei im Netz lesbar!

22 Traktate sind verfügbar, bis zum Ende des Jahres 2017 sollen die letzten 15 folgen. Aber damit nicht genug. Der Text steht auch unter einer »Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International (CC BY-NC 4.0)« Lizenz zur Verfügung. Bedeutet im Klartext, man darf das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten, es bearbeiten, verändern und darauf aufbauen, man darf dies jedoch nicht für kommerzielle Zwecke tun. Der Urheber muss ebenfalls vernünftig genannt werden und das so entstandene Material wieder unter dieser Lizenz verfügbar sein. Kurzum: Großartig. Man darf die Texte also vervielfältigen und in Lerngruppen verwenden.
Moment: Das würde erlauben, dass fleißige Menschen auch einen Teil ins Deutsche übersetzen und veröffentlichen dürften…

Im Traktat Berachot (2a) kann man sich einen guten Eindruck verschaffen. Dort liest man den kommentierten Text und kann auch auf die verlinkten zusätzlichen Quellen zugreifen: Raschi, Tosafot, Chiduschej Halachot, Abraham Cohens Fußnoten zum Talmud, Raschba und Ritva. Möglichkeiten gibt es also zahllose.

Diese Online-Ausgabe wird nun übrigens nicht als Steinsaltz-Ausgabe bezeichnet, sondern als William Davidson Talmud. Im Andenken an ihn, war eine, nach ihm benannte, Stiftung an der Durchführung des Projekts beteiligt. In Zusammenarbeit mit dem Korenverlag.

Ende 2017 wird es also eine vollständige, vernünftig kommentierte und übersetzte Ausgabe des Talmuds online geben. Vielleicht kann man damit ein wenig den gängigsten Mythen über den Talmud entgegentreten.

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Böhmermann ist neutral – wie bitte?

Es war wie im richtigen Leben. Man findet jemanden sympathisch, entdeckt relativ viele Schnittmengen und dann *zack* sagt die Person etwas wie: »Das ist wieder typisch. Wie lange wollen die Juden uns das noch vorhalten?«. Weg sind die Schnittstellen. So ähnlich war es, als ich Jan Böhmermann in seiner Sendung vom 2.2.2017 dabei zusah, wie er scheiterte.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich Jan Böhmermann über den mangelnden Rückhalt durch die Bundesregierung beklagt hat.
In seiner Sendung »Neo Magazin Royale« kam es jetzt zu einem Rollentausch im kleineren Format.
Es ging nicht um große Weltpolitik, aber in seiner Sendung, war es an ihm, eine klare Haltung gegen Loyalität zu stellen. Er entschied sich für Loyalität und gegen Haltung.
Die Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt:
Rapper »Kollegah« wird vom Zentralrat für Antisemitismus kritisiert, übrigens nicht im Zusammenhang mit einer Reise in das Westjordanland. Wenige Tage später ist er zu Gast in Böhmermanns Sendung.
Schon das kein besonders cleverer Schachzug.
Noch uncleverer war es dann aber, das Thema »Antisemitismus« überhaupt anzuschneiden.

Böhmermann, der sich sonst eindeutig politisch positioniert, jedenfalls dann, wenn ihm der politische Gegner nicht gegenübersitzt, geriet ins Trudeln.

Zunächst lässt er »Kollegah« kurz über seinen Beef mit dem Zentralrat berichten, wirft dann aber ein, er sei als Moderator und Person »neutral«.
Ganz so, als könnte es bei Antisemitismus so etwas wie Neutralität geben. Das ist eine erfrischend neue Haltung dem Phänomen gegenüber.
Statt: »Ich habe von nichts gewusst«, »ich habe nichts gesehen« oder »wie konnte das nur passieren« kann man jetzt wohl sagen:
»Da bin ich neutral!«

Aber damit nicht genug. Böhmermann geht noch einen Schritt weiter und droppt zwei jüdische Namen:
Kat Kaufman und das neue jüdische Lieblingskind des nichtjüdischen Feuilletons Shahak Shapira. Mit denen solle Kollegah mal telefonieren. Das war Totalausfall Nummer zwei.
Mit anderen Worten: Sollen doch die Juden sich selber um den Antisemitismus kümmern und sich darüber unterhalten.
Gestern sah es noch so aus, als sei Antisemitismus ein Problem der gesamten Gesellschaft. Shapira griff übrigens auf facebook nach den tiefhängen Fame-Früchten, lobte Kollegah für seine Reise und sein Engagement und bot ihm ein Gespräch an.

Totalausfall Nummer drei folgte wenige Minuten später. Es ging um eine Entscheidungsfrage:
Israel oder Palästina?
Eine Frage aus der Böhmermann-Redaktion. Während Böhmermann so tat, als sei das besonders heikel, sagte Kollegah: »Kommt drauf an, was du beruflich machen willst.« Der Verweis auf den großen »Einfluss« der jüdischen Lobby, die Karrieren verhindern kann, ist offensichtlich. Vor allem, weil Kollegah schon mehrfach über die »Rothschilds« gerappt und geschrieben hat. Böhmermann sagt nichts.

Aber hier irrte die Redaktion. Hier ging es nicht um »Israelkritik«. Es ging darum, ob Kollegah nun Antisemit ist oder nicht. Darüber könnte man mit Kollegah diskutieren.
Oder man ist einem Kollegen gegenüber loyal und tut das falsche. Eine Redaktion, die sonst komplexere Sachverhalte recherchiert, wäre jedenfalls dazu in der Lage gewesen, das Thema angemessen vorzubereiten. Wenn sie gewollt hätte.
Aber was das betrifft: Die neue Haltung heißt »wir sind neutral«.

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Schmulik und die Flüchtlinge aus den USA

Schmulik starrte auf den Monitor. Diese Geschichte hatte die kleine Leah geschrieben? Die Lady, die immer so aussah, als würde sie über Eis laufen, weil die Schuhe zu hoch und ihr Gang zu unelegant war? Wenn sie mit Schmulik sprach, dann höchstens ein paar Sätze.
Er hatte ständig das Gefühl, sie würde sein geheucheltes Interesse durchschauen. Schmulik interessierte sich nicht für alle Qualitäten von Leah.
Auch wenn die beiden bei facebook nicht befreundet waren, wusste er, dass sie sich dort »Leah Gehtdichgarnichtsan« heiß und dass ihr Horizont über Shopping im Wesentlichen nicht hinausging. Keine Kunst herauszufinden, wer sie bei facebook war. Sie likte alle Einträge des Baruch-Goldstein-Gemeindezentrums.
Seitdem verfolgte er Leahs Leben bei facebook. Foto in der Umkleidekabine mit dem grünen Kleid, Foto in der Umkleidekabine mit dem roten Shirt, Foto in der Kabine mit dem blauen Shirt, Foto von Nurit (koksend auf dem Klo vom Gemeindezentrum), Foto im Fitness-Outfit mit Fitnessgeräten im Hintergrund, Foto in der Kabine mit einem rosa Shirt. Da hätte Schmulik fast auf »Like« geklickt. Foto von einem Erdbeer-Smoothie. Foto von einem Erdbeer-Smoothie mit Sekt. Foto in der Kabine mit dem roten Shirt und Tally.
Und jetzt das?! Leah wurde politisch. Eine Geschichte über ihren Gemeinderabbiner: Weiterlesen

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Yolocaust

Wenn man morgen die Steine umwerfen möchte, mal ehrlich, dann ist es in Ordnung. Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.
Peter Eisenman, Architekt des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Spiegel Online vom 10.05.2005

Mit Mahnmal ist natürlich die Zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas in Berlin gemeint. Berlin erinnert im Herzen der Stadt an die ermordeten Juden Europas. Mit einem eindrucksvollen Mahnmal. Dieses Mahnmal, die Gedenkstätte, ist jedoch kein Friedhof und kein »heiliger« Ort.
Mit-Initiatorin Lea Rosh wollte dort zwar den Zahn eines Schoah-Opfers beisetzen (den sie mit sich herumtrug), das hat sie jedoch dann nicht getan. Es ist ein Ort an dem die Leute herausfinden müssen, wie sie mit dem Thema und dem »Gedenken« umgehen. In dieser Funktion ist das Mahnmal ein Touristenmagnet geworden. Nicht alle Besucher erfassen dementsprechend, worum es dort geht und benehmen sich dort genau so, wie an allen anderen Orten eines Ausflugs: Die Orte werden zur Kulisse für Selfies. Mal in nachdenklicher Pose, mal »cool« posierend, mal leicht angezogen. Im Sommer legen sich Menschen auch schon mal auf die niedrigeren Steine. Selfies landen oft auf instagram oder bei facebook. Kein smartes Benehmen. Darüber herrscht Einigkeit – vermutlich.
Shahak Shapira scheint die Respektlosigkeit auch nicht besonders zu passen. Verständlich. In seinem Projekt Yolocaust greift er den unsmarten Umgang auf und hinterlegt die Selfies mit Bildern von Opfern der Schoah. Plötzlich stehen die Poser auf einem Leichenberg. Man sieht Bilder der Opfer.
Das Mahnmal steht aber nicht auf dem Geländer eines Konzentrationslagers. Es ist kein »historischer« Ort.
Warum muss man die Bildern von Opfern für einen solchen Zweck verwenden? Das Projekt ist, laut Shapira, als »drastische« Satire angelegt. Man verwendet also die Bilder von Opfern der Schoah für Satire?

Aber was genau ist daran so treffend und so wachrüttelnd, dass das Projekt #yolocaust gerade viral geht?

Es ist günstig für diejenigen, die es teilen. Man kann irgendwie zeigen, dass man die Schoah doof findet, muss sich dafür aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Man muss sich nicht umständlich darum kümmern, dass sich jemand für diejenigen einsetzt, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten (»Ghettorenten«). Das sind die Renten, bei denen solange mit der Auszahlung gewartet wurde, bis die meisten Empfänger verstorben sind.
Man muss sich nicht darum kümmern, dass in Freiburg die letzten Reste einer Synagoge abgerissen werden.
Man kann die Demonstration gegen Antisemitismus der jüdischen Community überlassen. Das stört sonst niemanden. Beispiele gibt es genug.

Notiz

In eigener Sache: Neue Beiträge aufs Mobiltelefon

Nicht wenige Nutzer lesen diese Seiten mittlerweile auf dem Mobiltelefon. Deshalb kann man diesen Blog mittlerweile auch auf nahezu jedem Gerät lesen.
Für die Nutzer von Mobiltelefonen gibt es nun (zunächst als Test) Hinweise auf neue Beiträge über den Telegram Messenger. Man müsste diesen Link hier anklicken
https://t.me/sprachkasse
und gelangt zum entsprechenden Kanal bei telegram. Den könnte man dann auch beziehen und wird dann über neue Beiträge benachrichtigt. Es gibt (noch?) nicht so extrem viele Nutzer von telegram, aber probieren wir es einmal…

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Den Himmel auf die Erde bringen

Der Rebbe von Lubawitsch ist ein interessantes Phänomen. Ich habe einige Schiurim von Rabbinern gehört, die Chabad eher nicht nahestehen, oder nahestanden und dennoch darüber berichteten, wie sehr die Begegnung mit dem Rebben ihr Leben beeinflusst hat. Der ehemalige Oberrabbiner Großbritanniens, Sir Jonathan Sacks hat auf einer Veranstaltung darüber berichtet (Video hier), wie der Rebbe ihn dazu brachte, Rabbiner zu werden. Aber auch andere Personen berichten spürbar begeistert von den Begegnungen. Ganz egal, wie man zu Chabad stehen mag, das muss man anerkennen. Aber es scheint über die Begegnungen hinaus zu gehen. Auch das, was er gesagt oder gelehrt hat, scheint die Leute erreicht zu haben.
Da Problem: Nicht alles, was er gelehrt hat, kann man sich einfach erschließen. Man müsste sich das Gesamtwerk anschauen und sich die Dinge betrachten, die faszinierend zu sein scheinen.
Tzvi Freeman hat sich die Arbeit gemacht und für 365 Tage das zusammengestellt, was er für die bemerkenswertesten Texte des Rebben hält. Keine, speziell, für seine Anhänger gesammelten, sondern allgemeine Aussagen zur Aufgabe des Menschen auf der Welt und zur sozialen Verantwortung etwa. Freeman nennt diese kurzen Texte »Meditationen«. Ein Begriff, mit dem ich nicht so viel anfangen kann.
Dieses Buch gibt es seit einiger Zeit in deutscher Sprache unter dem Titel »Den Himmel auf die Erde bringen«.

Der Herausgeber, genannter Tzvi Freeman, scheint nicht mit den Lehren von Chabad aufgewachsen zu sein, sondern sie sich erst später angeeignet zu haben. In seinem Vorwort schreibt er darüber, wie er sich mit Lao Tse, Alan Watts oder dem Dalai Lama beschäftigt habe und sich nach der Begegnung mit dem Rebben dem Judentum zugewandt habe. Freeman hat vielleicht gerade deshalb kein halachisches Werk erstellt, sondern eines, dass auf diejenigen zugeschnitten ist, die Spiritualität entdecken wollen. Das Wort hat in den westlichen Gesellschaften einen schalen Beigeschmack, weil Spiritualität häufig eine Weltflucht beinhaltet. Man kümmert sich um das eigene Sein – mehr Ich, weniger Gesellschaft. Heute wäre eines der Stichworte auch »Glück«. »Glück« steht den Menschen zu. Sie dürfen das einfordern und scheitern, wenn es ihnen nicht zugeteilt wird.
Aber zurück zum Buch von Freeman. Durch seine Auswahl zeigt er, dass die Auseinandersetzung mit dem »Ich« nicht bedeuten muss, dass man die Gesellschaft und Familie ausblenden muss, sondern dass das Ich sich einbringt, um für alle etwas zu erreichen. Dementsprechend heißen die Kapitel etwa »Innerer und äußerer Reichtum«, »Die Grenzen des Lichts überwinden«, »Wir sind alle eins« oder »Mikrokosmos Ehe«. Auf die Themen und ihre Auswahl muss man sich also einlassen wollen. Die Sprache bleibt dabei jedoch verständlich und selten abgehoben (doch es gibt ein oder zwei abgehobene Stellen).
Vor den Abschnitten steht jeweils eine Zahl (eins bis 365) – wir ahnen: Man könnte das Buch dazu verwenden, jeden Tag einen Satz oder Abschnitt zu lesen und ihn auf sich wirken lassen.

Blick in »Den Himmel auf die Erde bringen«

Typographisch ist das Buch meisterhaft umgesetzt. Die Schrift, gut ausgewählt, die Seiten und dem Anspruch entsprechend gestaltet. Das Buch hat eine richtigen Leineneinband und einen blauen Farbschnitt auf den Seiten. Es ist also stabil und es überlebt es durchaus, wenn man es länger mit sich herumträgt. Die letzten 365 Tage hat es jedenfalls überlebt und ist noch immer in gutem Zustand. Das war also eine Art literarischer Langzeit-Test.

Ein weiterer Blick ins Buch

Es gibt einen kleinen Kritikpunkt. Er betrifft die zitierten Quellen. Es werden recht viele Verweise auf die Torah, den Talmud, den Midrasch, die Kabbalah zitiert, leider fehlt jedoch eine Liste auf der man diese Stellen nachschlagen könnte. Für den Leser, der neugierig geworden ist, wäre das sicherlich ein hilfreiches Werkzeug.

Zum Abschluss ein Zitat von Rabbiner Schneerson:

Ich war vor dem Krieg in Deutschland, und ich sage euch:
Dasselbe, was damals dort geschah, kann jederzeit überall wieder passieren, wenn Fragen der Moral nicht an den öffentlichen Schulen behandelt werden.

Details zum Buch:
Tzvi Freeman
Den Himmel auf die Erde bringen
ISBN 978-3-9524212-1-5
172 Seiten
20,80 Euro

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Orthodoxer Stand-up-Comedian

Jüdische Stand-up-Comedy? Sprechen wir jetzt über Oliver Polak? Den einzigartigsten jüdischen Stand-up-Comedian Deutschlands?
Einzigartig deshalb, weil er der einzige ist. Er kann großartige Texte verfassen, sagt und tut schlaue Dinge, aber seine Stand-Ups kennzeichnen sich eher dadurch, dass sie versuchen, durch Tabubruch zu punkten. Einige seiner Pointen sind nicht neu, vor allem, wenn es tatsächlich ums Jüdischsein geht.
In der Sendung »Das Lachen der anderen« zeigt er (mit Micky Beisenherz), wie man mit Humor auf Menschen zugehen kann. Orthodox ist Polak auch nicht, also fällt der als »Orthodoxer Stand-up-Comedian« weg.
Es liegt also nahe, dass ein solcher Comedian aus den USA kommt.
Nicht ganz.
Einer der großartigsten Künstler scheint derzeit Ashley Blaker aus England zu sein. Geboren in London, in einem nicht-praktizierenden Elternhaus, arbeitet Blaker für die BBC und steckt unter anderem hinter »Little Britain« und anderen BBC-Formaten. Ein Fernsehmann. Kein einfaches Feld für einen orthodoxen Mann. Ständig hat er mit Frauen zu tun, muss ständig Hände schütteln, also eigentlich auch ihre. Wie er damit umgeht, erzählt er im folgenden Clip – und zeigt damit, wie großartig er ist:

Weitere Videos gibt es auf seiner Website (hier klicken) ashleyblaker.com

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Gericht entscheidet über Belegung eines jüdischen Friedhofs

Trauerhalle des Jüdischen Friedhofs Essen von Es-Punkt-Ge-Punkt (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

»Soweit ist es nun schon gekommen, dass deutsche Gerichte bestimmen, wer auf einem jüdischen Friedhof beerdigt wird und wer nicht« möchte man laut ausrufen und tatsächlich ist es so.
Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen hat entschieden (siehe hier), dass eine Nichtjüdin auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde Essen beigesetzt werden dürfte. Damit bestätigte das Gericht eine Vereinbarung, die der Ehemann der Frau 1971 schon mit der Jü­dischen Kultusgemeinde Essen getroffen hat. Gegen Zahlung einer Gebühr wurde ein Doppelgrab auf Friedhof der Gemeinde »reservieren« lassen – es wurde sogar der Vermerk aufgenommen »trotzdem Ihre Gattin Nicht­jüdin ist«.
Der Mann verstarb 1996 und wurde dort beigesetzt. Als dann 2011 die Frau verstarb, lehnte die Gemeinde eine Beisetzung ab. Es habe 1998 eine Satzungsänderung gegeben. Der Friedhof sei seitdem ausschließlich Mitgliedern vorbehalten.
Die hinterbliebenen Kinder waren deshalb gezwungen, ihre Stiefmutter auf einem anderen Friedhof beisetzen zu lassen.
Diese Kinder, aus erster Ehe und daher übrigens Juden, klagten anschließend gegen die Jüdische Gemeinde Essen.

Der Fall landete dann vor dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen und das sprach den Kindern den Anspruch zu (Aktenzeichen: 19 A 1970/14), ihre Stiefmutter neben ih­rem Vater bestatten zu lassen. Die Kultusgemeinde verstoße mit der Ablehnung »of­fen­sichtlich« gegen die Totenwürde beider Eheleute, in der sich ihre Menschenwür­de als oberstes Verfassungsprinzip nach dem Tod fortsetze. Beide hätten mit dem Er­werb des Grabnutzungsrechts den Wunsch artikuliert, in dem erworbenen Dop­pel­grab als Eheleute gemeinsam die letzte Ruhe zu fin­den. Dieser Belang habe un­ter den Um­ständen des vor­lie­gen­den Einzelfalles Vorrang vor dem ebenfalls be­son­ders hoch zu gewich­ten­den Schutz des Selbstverwaltungsrechts der Kultusgemeinde.

Die Praxis, auch nichtjüdische Ehepartner auf einem »jüdischen« Friedhof zu begraben, ist in Deutschland nicht selten. Die Nachbargemeinde Gelsenkirchen hat das erst neuerdings (2009) erlaubt und hält dafür einen Extrateil des Friedhofs bereits. Auch auf dem Friedhof der Gemeinde Essen gibt es bereits beigesetzte Nichtjuden, unter ihnen die Frau des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Georg Jolles, der den Vertrag 1971 abschloss. Der Friedhof scheint aber für eine gemischte Belegung nicht vorbereitet zu sein. Wenn mich nicht alles täuscht, wären Gräber nebeneinander möglich, wenn der Friedhof insgesamt aus einer Anzahl von einander abgegrenzten (durch kleine Ketten zum Beispiel) Gräbern bestünde. Das ist in Essen derzeit nicht der Fall.
Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, sagte der Vorsitzende Jewgenij Budnizkij, man überlege noch, ob man gegen die Entscheidung des Gerichts vor dem Bundesverfassungsgericht vorgehe.

Die Tatsache, dass bereits Nichtjuden auf dem Friedhof begraben seien, begründete er in der Jüdischen Allgemeinen damit, es handele sich um Frauen, die ihre jüdischen Männer während der NS-Zeit versteckt hätten. Aus halachischer Sicht dürfte das kein Argument sein.

Letztendlich dachte man 1971 in Essen wohl nicht darüber nach, dass die Zeiten sich ändern könnten und bereitete sich später mit der Änderung der Satzung nicht darauf vor, was passieren würde, wenn jemand tatsächlich einen »alten« Vertrag würde einlösen wollen. Dass die Sache nun vor Gericht gelandet ist und anscheinend kein Bejt Din zuvor eine Mediation vornahm, macht die Sache nicht unbedingt besser. Ein Grundsatzurteil vor dem Bundesverfassungsgericht könnte geschlossene Verträge mit Gemeinden thematisieren oder ganz allgemein den Wunsch, gemeinsam begraben zu werden. Wenn dies geschieht, könnte das schwere Auswirkungen auf die Gemeinden haben.