Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

3. Mai 2015 – 14 Iyyar 5775
von Chajm
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Opferung des Jitzchak in Essen

Eine junge Frau liest in der Torah von der (Fast-) Opferung Jitzchaks durch seinen Vater Abraham. Sie geht dann in das Zimmer ihres Sohnes und versucht ihn ebenfalls zu töten. Das ist leider keine Geschichte aus einem schwedischen Thriller, sondern eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet und es betrifft keine Sekteanhänger, sondern eine orthodoxe jüdische Familie aus Essen. Das berichtete eine Lokalzeitung. Die (junge) Familie lebte für kurze Zeit wohl in Manchester, fand aber wohl keinen Anschluss dort und lebt nun wieder im Ruhrgebiet. Eine Psychose brachte die Frau soweit, dass sie annahm, sie höre den Befehl, ihr Kind zu töten – welches ausgerechnet Jitzchak heißt.
Das Gericht wies die Frau ein.
Eine tragische Geschichte aus dem Ruhrgebiet.

28. April 2015 – 9 Iyyar 5775
von Chajm
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Wer soll zahlen?

Die kleine Jüdische Gemeinde von Innsbruck musste jüngst umbauen und ein neues Sicherheitskonzept umsetzen.
Hintergrund ist, dass man (also das Land) sich die »Rund-um-die-Uhr-Bewachung« der Synagoge gerne sparen würde. Das Konzept sah vor, dass man Fenster nicht mehr öffnen kann. Zusätzlich wurde eine schusssichere Metallfassade angebracht. Und weil das für Räume mit Publikumsverkehr irgendwie unpraktisch ist, musste ein neues Belüftungssystem her. 175.000 Euro soll der Umbau gekostet haben (Quelle: Tiroler Tageszeitung).
Vorfinanziert wurden die Maßnahmen durch die Landesgedächtnisstiftung.
Die Gemeinde ging davon aus, dass das Land – welches ja laufende Kosten einsparen wollte und deshalb die Maßnahmen anordnete, sich auch an den Kosten beteiligen würde. Dem scheint nicht so zu sein und nun hat die Gemeinde ein massives Problem. Offenbar eines, welches sie ohne die Order zur Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen nicht gehabt hätte.
Wer zahlt also die Kosten für den Schutz der Synagoge?
Die Allgemeinheit? Die Jüdische Gemeinde? Wohl eher die Behörden, die auch sonst andere Bürger schützen sollten. Wenn es eine Bedrohungslage innerhalb einer Gesellschaft gibt, ist da nicht Aufgabe dieser Gesellschaft, die Bedrohten zu schützen?

Beschluss Voransicht

28. April 2015 – 9 Iyyar 5775
von Chajm
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Urteil in Frankfurt – trotzdem Einkaufsmöglichkeiten

Zum Fleischskandal in Frankfurt am Main gibt es ein Urteil, aber kein Ende des Prozesses: zu zwei Jahren Haft auf Bewährung für einen Angeklagten und ein Jahr und zehn Monate Haft auf Bewährung für den anderen Angeklagten. Ebenso wurde eine Geldstrafe verhängt. Die Staatsanwaltschaft allerdings wird Revision einlegen, so war jedenfalls zu hören.
Die beiden Angeklagten hatten über einen längeren Zeitraum hinweg unkoscheres Fleisch als koscheres deklariert – mit Folgen für die observanten Verbraucher und das beaufsichtigende Rabbinat. Es gab parallel zum Prozess vor Gericht die Prüfungen zweier Rabbinatsgerichte (siehe hier) – die zu zwei verschiedenen Beurteilungen der Sachlage kamen.
Die Konsumenten beobachten aber nicht in Schockstarre den Prozess und bleiben nicht ohne Alternative:
Nach der Schließung des Ladengeschäfts gab es in Frankfurt einen weiteren Versuch, ein koscheres Geschäft zu eröffnen. Allerdings ohne Erfolg. Es schloss aber recht schnell.
Mittlerweile gibt es jedoch im Ostend einen Edeka Supermarkt, der auch koschere Waren führt.

Regal mit koscheren Lebensmitteln bei Edeka

Regal mit koscheren Lebensmitteln bei Edeka


Ein Besuch im Markt zeigte, dass der Supermarkt sich nicht nur auf zwei Regale im (sehr gut besuchten) Markt beschränkt, sondern auch alle anderen Waren, die laut Orthodoxer Rabbinerkonferenz, koscher sind, extra auszeichnet. So findet man überall an den Regalen kleine gelbe »koscher« Schildchen und im Gefrierfach auch Fleisch.
Aus meiner Sicht eine gute (und bequeme) Methode, eine Grundversorgung sicherzustellen ohne dafür extra ein Ladengeschäft betreiben zu müssen. Das kostet ja ebenfalls Geld und das wirkt sich auf den Preis aus. Zudem schienen die Mitarbeiter genau zu wissen, worauf zu achten ist, denn sie konnten schnell zu bestimmten Lebensmitteln in der koscheren Variante führen. Die Auswahl ist letztendlich recht groß und man kann sich gleich auch mit anderen Waren des täglichen Bedarfs eindecken.
Hoffentlich auch für den Supermarkt einigermaßen einträglich, denn dann könnte das Frankfurter Modell Schule machen.

17. April 2015 – 28 Nisan 5775
von Chajm
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Die dritte Generation

de_derde_genDie Freundinnen blättern am Strand in Magazinen – sie selber liest ein Buch über Hitler. Die erste sexuelle Erfahrung ist ebenfalls mit dieser »Person« verbunden und deshalb die Erinnerung nicht nur super. Immerhin war es an Hitlers Geburtstag.
Das sind die Erfahrungen einer jungen Frau deren Großeltern Überlebende der Schoah sind.
Ich bin mir sicher, dass wir von diesen Erfahrungen auch in Deutschland hören werden: »De derde generatie – Kleinkinderen van de Holocaust« auf Deutsch etwa »Die dritte Generation – Enkel des Holocaust« ist ein Buch Natascha van Weezel (geboren 1986), welches kürzlich in den Niederlanden erschien.

Natascha van Weezel sucht darin nach der Antwort auf die Frage, ob es die dritte Generation überhaupt als einheitliche Gruppe gibt und ob alle Mitglieder dieser Gruppe die gleichen (oder ähnliche) Erfahrungen gemacht haben. Dazu hat sie gleichaltrige Juden in den USA besucht und stieß dort auch auf eine Studie zu dieser Generation.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Schoah tatsächlich bis in die jüngste Generation nachwirkt.
Nein, die Generation 3 geht nicht häufiger zum Therapeuten als andere Juden, aber im Durchschnitt bleibt sie länger in Behandlung. Es sei auch wahrscheinlicher, an einer Essstörung zu leiden. Einige andere gemeinsame Merkmale folgen.
Das Buch ist aber nicht nur eine Zusammenstellung dieser Fakten, sondern auch die Geschichte der Suche danach. In der Beschreibung dieser Suche liegt die Stärke des Buchs. Denn diese Geschichte ist sehr privat und unmittelbar. Über eine Essstörung etwa weiß Natascha van Weezel aus erster Hand zu berichten. Über ihre eigene hat sie bereits in einem anderen Buch berichtet. Sie beschreibt lebendig ihre Familie. Warm und herzlich aber zugleich auch, wie schonungslos sie teilweise mit der Schoah konfrontiert wurde. Sie beschreibt ihre Suche nach der eigenen Identität und die fortdauernde Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Großeltern. Die persönliche Perspektive verschmilzt mit dem, was sie über andere Kinder der dritten Generation gelernt hat.
Das Buch erzeugt mehr Nähe als ein Roman über das Thema und vermittelt zugleich das, was wir heute über die dritte Generation wissen können.

In den Niederlanden hat das Buch reichlich Aufmerksamkeit erhalten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch den Sprung nach Deutschland schaffen wird.

De derde generatie – Kleinkinderen van de Holocaust
ISBN: 9789460037467
240 Seiten
Verlag: Balans
Das Buch gibt es als Paperback und als e-book.

15. April 2015 – 26 Nisan 5775
von Chajm
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Mitgliederstatistik – noch weniger Mitglieder

Mitgliederstatistik der ZWST für 2014: Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Mitgliederstatistik der ZWST für 2014: Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Eine gewisse Dynamik ist zu erkennen – leider keine positive. Die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Jahr 2014 bestätigt den negativen Trend der vergangenen Jahre.
901 Mitglieder haben die Jüdischen Gemeinden gegenüber dem Jahr 2013 verloren. Von 2013 zu 2012 waren es 797 Mitglieder weniger. Davor 662 Mitglieder weniger. Bei einer kleineren Gesamtanzahl steigt also die Summe der Verluste. Die Tragik dieses Trends werden auch Nicht-Mathematiker erkennen.

Die wichtigsten Eckdaten direkt im Vergleich zu 2013:

2013 2014
Geburten 250 243
Sterbefälle 1244 1335
Übertritte 70 68
Austritte 418 528
Einwanderer 444 652
Auswanderer 150 169

Die Tabelle zeigt uns ein ganz interessantes Detail: Die Anzahl der Auswanderer ist nicht signifikant gestiegen. Trotz der schlechten Lage 2014 und der Massenauswanderung in Frankreich.

Hier eine Tabelle mit Zugängen und Abgängen. Bemerkenswerte Auffälligkeiten (positiv oder negativ) sind hervorgehoben. Potsdam verzeichnet ein Mitgliederwachstum von 6 Prozent und Saar eine Schrumpfung von 4%.

Mitglieder Zugang Abgang Prozent
Baden 5.282 748 627 2%
Bayern 8.923 125 328 -2%
Berlin 10.157 178 326 -1%
Brandenburg 1.082 49 32 2%
Bremen 962 16 32 -2%
Frankfurt/M 6.753 245 331 -1%
Hamburg 2.481 78 107 -1%
Hessen 4.861 94 130 -1%
Köln 4.176 79 129 -1%
Meck-Pom 1.450 14 30 -1%
München 9.434 145 108 0%
Niedersachsen 6.993 91 170 -1%
Niedersachsen/lib 1.200 20 7 1%
Nordrhein 16.649 196 334 -1%
Potsdam 376 40 16 6%
Rheinland-Pfalz 3.277 44 82 -1%
Saar 966 7 45 -4%
Sachsen 2.609 45 69 -1%
Sachsen-Anhalt 1.443 18 59 -3%
Schleswig-Holstein 1.260 10 43 -3%
Schleswig-Holstein lib. 713 37 20 2%
Thüringen 769 17 6 1%
Westfalen 6.583 92 227 -2%
Württemberg 2.939 50 81 -1%
Summe 101.338 2438 3339 -1%

Der Blick in die Zukunft ist über einen Blick auf die Altersstruktur möglich. 45% aller Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre:

Alterrstruktur der Jüdischen Gemeinden 2014

Alterrstruktur der Jüdischen Gemeinden 2014

Die Arbeit an einer Bereitstellung einer kleineren und effektiven Infrastruktur müsste also langsam beginnen.
Als man optimistisch in die Zukunft sah, schuf man Infrastrukturen für wachsende Gemeinden. Die schrumpfende Gemeinden werden vermutlich nicht die gleichen Mittel aufbringen können, um diese Strukturen langfristig zu erhalten.

Anhand der Darstellung oben kann man ganz gut erkennen, dass die Gemeinden nun so viele Mitglieder haben, wie in den Jahren 2002/2003.

Alle Daten kann man in der Statistik der ZWST nachlesen.

13. April 2015 – 24 Nisan 5775
von Chajm
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Creative Commons auf talmud.de

Creative CommonsSeitdem die Haggadah auf talmud.de (Haggadah hier|Bericht darüber hier) erschien und mit einer Creative Commons Lizenz versehen wurde, war eigentlich klar, dass weitere Texte folgen müssen.
Im Idealfall werden diese auch genutzt, weiterverbreitet und zu anderen Werken verarbeitet. Noch idealer wäre es, wenn auch andere Nutzer Dinge (Texte, Übersetzungen, Publikationen) auf der Festplatte liegen haben und diese teilen möchten – damit daraus wieder anderes entsteht. Andere Werke oder Wissen. Im deutschsprachigen jüdischen Bereich ist das ja derzeit noch eine Seltenheit.
Das Upload-Formular und einige Sätze zu diesem Projekt findet man hier auf talmud.de.

8. April 2015 – 19 Nisan 5775
von Chajm
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Ein seltsamer Minhag

Minhagim Buch: Hoschanah Rabbah

Minhagim Buch: Hoschanah Rabbah

Im Herbst schrieb ich in der Jüdischen Allgemeinen über einen seltsamen Brauch: Den Minhag haZel.
Eleasar ben Jehuda aus Mainz (1176–1238) berichtet in seiner Zusammenfassung von Halachot, bezeichnet als HaRokeach (221), dass an Rosch Haschana das Schicksal des Menschen beschlossen und an Jom Kippur besiegelt wird – und dass dies an einem Schatten an Hoschana Rabba sichtbar wird. Der Prozess gegen den Menschen wird also zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur geführt, und laut Eleasar ben Jehuda kann man seinen Ausgang an Hoschana Rabba »sehen«. Im Minhagim Buch, welches Jitzchak von Tyrnau (lebte im 14. Jahrhundert) zugeschrieben wird, findet man diesen, scheinbar aschkenasischen Brauch noch.
Den jiddischen Text zu diesem Brauch habe ich nun (endlich) übertragen:

Hoschannah Rabbah ist der siebente Tag von Sukkot
An allen anderen Tagen steht geschrieben KeMischpat und bei dem siebenten Tag steht KeMischpatam, damit man weiß, dass HaKadosch baruchHu an Rosch haSchanah gerichtet hat und geurteilt hat an Jom Kippur. Das weiß man durch den Mond. Derjenige, der seinen Schatten nicht sieht, bleibt nicht leben im selben Jahr, denn an Hoschanah Rabbah wird der Regen gerichtet: Wird es regnen oder nicht.
Darum erfährt man in dieser Nacht, wieviele Leute im kommenden Jahr zu ernähren sind.
Viele kleiden sich in ein Leinentuch und gehen dorthin, wo der Mond scheint. Dort legen sie das Leinentuch ab, so dass sie nackt bleiben und breiten ihre Glieder ganz aus. Fehlt ihnen der Kopf, dann wird es um ihren Kopf gehen, fehlt ihnen ein Finger, dann wird es um Verwandte gehen. Fehlt der Schatten der rechten Hand so ist es ein Zeichen für den Sohn, fehlt die linke Hand ist ein Zeichen für die Tochter. Wisse aber, dass der Schatten den man im Mondlicht sieht, nicht der richtige Schatten ist, sondern es ist der Schatten vom Schatten. Wenn genau hinsieht auf den Schatten von Menschen, so sieht man den Schatten den der richtigen Schatten umgibt.
Wir lernen in der Gemarah, dass einer der über Land zieht und will wissen ob er zurückkehren wird, oder nicht, der soll nach seinem Schatten sehen. Sieht er den Schatten vom Schatten so kehrt er wohlbehalten wieder Heim. Man rät davon ab, damit die Person nicht vollständig den Mut für Unternehmungen verliert.

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2. April 2015 – 13 Nisan 5775
von Chajm
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Pessach, eine Pflanze mit einem seltsamen Namen und Chol haMoed

Blick in eine Haggadah
Eine gute Gelegenheit, allen Leserinnen und Lesern ein Chag Pessach Sameach zu wünschen!

Der erste Tag Pessach und der Schabbat fallen zusammen und so wird an diesem Schabbat dementsprechend in den Synagogen der Torahabschnitt für den ersten Tag Pessach gelesen. Gleich zu Beginn dieses Abschnitts, wird davon berichtet, dass das Blut mit einer Pflanze namens Esow an die Türrahmen aufgetragen wird. Häufig wird das mit Ysop übersetzt. Das scheint jedoch nicht ganz korrekt zu sein. Warum man ausgerechnet Esow verwenden sollte, habe ich für die Jüdische Allgemeine erkundet. Der Text ist hier vollständig verfügbar.

Auf die Feiertage folgen dann die Halbfeiertage – die Tage Chol haMo’ed Pessach. Was Chol haMo’ed bedeuten könnte, danach schaue ich hier (ebenfalls für die Jüdische Allgemeine).

Aktualisiert ist übrigens auch der Beitrag mit einem Verweis auf alle Pessachbeiträge in diesem Blog, hier zu finden.

27. März 2015 – 7 Nisan 5775
von Chajm
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»Keine Synagoge muss leer sein. Wo Leute die Initiative ergreifen, sich nicht bremsen lassen, dranbleiben, auch wenn es schwierig wird, da bewegen sie auch etwas. Und das spornt dann wieder andere an«, so Jonathan Marcus. Das sei der Schlüssel für ein lebendiges Gemeindeleben: aktiv sein von unten und nicht institutionalisiert von oben.

Jonathan Marcus zur Belebung der Synagoge Fraenkelufer in der Jüdischen Allgemeinen(hier)

25. März 2015 – 5 Nisan 5775
von Chajm
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Ein unsichtbarer Rabbiner

ZEIT vom 18.03.2015

ZEIT vom 18.03.2015


Die Zeit vom 18.03.2015 brachte endlich einmal einen Beitrag aus einer kleinen Gemeinde. Das ist eine Abwechslung, denn Judentum passiert ja nicht nur in Berlin oder München.
Eine Dame aus Gelsenkirchen und ein Mädchen aus der gleichen Stadt sprechen, mutig und mit Foto, über ihre jüdische Identität und wie man damit im Alltag umgeht. Das Mädchen macht einen recht toughen Eindruck, sagt wo es in der Schule Probleme geben könnte und in welchem Ausmaß man zuhause jüdisch lebt. Beeindruckend. Die Dame die ebenfalls porträtiert wird, macht sich Sorgen um ihr Kind und denkt laut über dessen Zukunft nach. Beide Artikel sind eine gute Momentaufnahme aus einer kleinen Gemeinde. Das sind sehr persönliche Äußerungen und auch Entscheidungen. Schließlich muss jede und jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie sein jüdisches Leben ausgestaltet.

Die beiden Artikel werden begleitet von einer Textbox mit der Überschrift »Mail des Rabbiners« (welcher Gemeinde wird nicht mitgeteilt), eher in einem persönlichen Ton gehalten, in dem eine Person um Verständnis darum bittet, nicht in der ZEIT erscheinen zu müssen. Er publiziere weniger als früher und trete nicht in der Öffentlichkeit auf. Seine Tochter hätte schon die Schule gewechselt und die Familie sei nicht besonders erpicht darauf, dass jemand über ihre Identität Bescheid weiß. Mit anderen Worten: Der Rabbiner würde lieber unsichtbar bleiben.
Das ist zu einem Teil eine private Entscheidung, zum anderen Teil eine öffentliche, denn in Deutschland sind Rabbiner ja weit mehr als nur halachische Ratgeber. Sie sind Aufbauhelfer und im gewissen Sinne auch Rollenvorbilder für die Gemeindemitglieder. Es ist heute Teil ihres Berufs, auch ein wenig öffentlicher Repräsentant zu sein. Wenn schon der Rabbiner nicht mehr als Jude in die Öffentlichkeit gehen möchte, dann ist das ein schlechtes Signal an die Gemeinde – vielleicht sogar ein sehr fatales. In der Öffentlichkeit wäre er unsichtbar und könnte für seine Gemeinde nicht Stimme erheben. Er müsste ein unsichtbares Leben führen, ein unauffälliges, vielleicht assimiliertes Leben, zumindest aber in Unfreiheit.
Damit ist viel gesagt über den aktuellen Zustand.