Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

sa_kuds_dreishalits

18. Juni 2014 – 20 Sivan 5774
von Chajm
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Drei Entführte – drei Finger

Drei israelische Schüler wurden entführt und wenngleich die Hamas noch immer die Verantwortung dafür von sich weißt, so verneinen ihre Offiziellen und ihre Sympathisanten nicht, dass sie Idee mögen.
Blitzschnell hat sich eine neue Geste verbreitet mit der man seine Sympathie für die Entführer (nicht für die Entführten) bekunden kann: Drei Finger. Bei facebook und twitter wird von den »Drei Schalits« gesprochen. Also in Anlehnung an den Entführten und freigelassenen Gilad Schalit. Das ist dann auch der entsprechende Hashtag für die ganze Geschichte: #ثلاث_شلاليط

Über die Twittersuche kann man sich anschauen, mit wie viel Begeisterung die Entführung aufgenommen wurde und sich lebhaft vorstellen, wie dies auf Menschen wirkt, die sich für das Schicksal der Entführten interessieren. Man sieht Kinder, junge Männer und Frauen, Gruppen von Menschen vor westeuropäischer Kulisse und Kinderzeichnungen. Unter anderem Abscheulichkeiten wie diese hier.

Zunächst erinnerte mich der Gruß ein wenig an Tri Prsta, den Serbischen Gruß, der ja auch mit drei Fingern gezeigt wird und seinen Ursprung in der Serbisch-Orthodoxen Kirche hat, aber in den 90er Jahren populär wurde.
Hier ist aber die Fingerstellung nicht so ganz, wie im neuen palästinensischen Gruß (jedenfalls nicht immer). Der ist wohl dem R4bia-Zeichen entlehnt.

Der Ausflug in die Welt des entsprechenden #drei_Schalits Hashtags offenbart, dass der Nahostkonflikt nicht mit einer abschließenden Grenzziehung beendet sein wird. Das zeigt vielmehr das tiefsitzende Problem einer Gesellschaft, die den Schaden und die Sorgen anderer zelebriert. Das sieht jedenfalls nicht danach aus, als mache man sich derzeit Sorgen um einen Frieden.
Hier wird ausschließlich der Sieg gefeiert. Über drei drei jüdische Jugendliche, die hier vielleicht stellvertretend für alle Israelis und sicherlich auch für alle Juden stehen. Und man kann das Phänomen nicht einmal auf die harten Anhänger der Hamas beschränken.
Die (geistigen) Unterstützer solchen Unsinns leben überall auf der Welt.

17. Juni 2014 – 19 Sivan 5774
von Chajm
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Drei Jungs

Drei Schüler wurden entführt, zwei davon lernten auf der Mekor Chaim Jeschiwah, gegründet von Rabbiner Adin Steinsaltz.
Rabbiner Steinsaltz schreibt:

Die Entführung unserer Schüler ist ein schockierendes, schmerzhaftes und beängstigendes Ereignis. Zu einem Zeitpunkt und einem Ort, der uns ruhig und friedlich erschien, wurden wir in ein Ereigniss hereingezogen, das wir nicht beeinflussen können.
Vielleicht ergeht es uns heute besser als in der Vergangenheit, als wir gar nicht in der Lage waren, auch nur den Versuch von Rettung oder Befreiung zu unternehmen. Wir sind der Israelischen Verteidigungsarmee (Tzahal) dankbar für ihre Bemühungen.
von hier

Entführungen sind, zumindest für die Hamas, ein politisches Instrument geworden. Spätestens seit dem Geschäft mit Gilad Schalit, der für 1027 gefangene Anhänger von Terrororganisationen ausgetauscht wurde. Das Mittel genießt aber offenbar so großes Ansehen, dass gleich drei Terrororganisationen die Verantwortung dafür übernehmen wollten. Die israelische Regierung sieht jedoch die Hamas als verantwortliche Kraft dahinter. Vor dem Hintergrund ihrer letzten Operationen mit gefangenen Israelis dürfte das auch wahrscheinlich sein. Damit setzt die Hamas natürlich auch Mahmud Abbas unter Druck. Er kann sich weder von den Entführungen vollumfänglich distanzieren – er hat ist ja mit der Hamas eine Einheitsregierung eingegangen – noch sie öffentlich unterstützen. Das würde seine Position gegenüber der internationalen Gemeinschaft vollständig unglaubhaft machen und ihn nachhaltig schwächen.

Das ist die Stunde der Armee und tatsächlich bewegt die israelische Armee viel, um die drei Teenager zu finden. Die internationale Anteilnahme, jedenfalls unter Juden, ist beispiellos. Unter dem Hashtag #BringBackOurBoys wird getwittert. Mittlerweile wurde der Hashtag jedoch von denjenigen gekapert, die offensichtlich die Sache der Entführer unterstützen und auch mit antisemitischen Abbildungen arbeiten:

Natürlich wird wieder der Begriff »Gewaltspirale« herumgeistern. Die einzige Spirale der Gewalt die sich hier erkennen lässt ist, dass wieder Menschen Terroranschläge verüben werden – ins Gefängnis kommen – und irgendwann freigepresst werden – das Mittel war effektiv – wieder verüben Menschen Terroranschläge etc. etc. und beteiligt sind Mitglieder der Einheitsregierung. Die jetzigen Inhaftierten bereiten sich vermutlich schon auf ihre baldige Freilassung vor.

Dann gibt es aber auch Reaktionen wie diese hier von Mohammed Zoabi, der als israelischer Araber davon spricht, dass der Terror arabische wie jüdische Israelis trifft.

Die deutschsprachigen Reaktionen (facebook, twitter, Blogs) auf die Geschichte sind wenig originell:
Sie betreiben die übliche Medienanalyse und kommen zu dem Ergebnis, dass die deutschsprachigen Medien nicht ausgewogen berichten, oder gar nicht. Das wird dann auch fleißig bei facebook geteilt. Der Erkenntnisgewinn liegt knapp über der Mitteilung, dass die Erde um die Sonne kreise und nicht umgekehrt. Nur, dass bei der Verkündung des heliozentrischen Weltbilds die aggressive Empörungsbereitschaft fehlt.
Irgendjemand findet dann auch immer einen Verblendeten, der in Gaza Bonbons und Süßigkeiten anbietet, wenn in Israel eine Tragödie passiert und wieder beginnt die Beschäftigung mit Nebenaspekten.
Da wird viel Aufwand betrieben um die Versäumnisse der Medien aufzudecken. Wir (der gesamte Kreis von Menschen, die sich nicht Israelkritisch nennen) wissen das mittlerweile und diejenigen, die es nicht wissen wollen, werden weiterhin die Nachrichten konsumieren, die ihnen genehm sind. Die beständige Ventilation gegen etwas füllt viele Bildschirmseiten und Kommentarspalten. Zielführender ist es mit Sicherheit, zu einem vernünftigen Nachrichtenangebot beizutragen und sachlich zu informieren.

In Deutschland sind kurzfristig Aktionen zur Solidaritätsbekundung geplant, siehe hier.
In den Siddurim von Koren gibt es einen Mischeberach für diejenigen, die in Gefangenschaft gerieten. Online gibt es hier einen: Opensiddur.org.

16. Juni 2014 – 18 Sivan 5774
von Chajm
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Koscheres Fleisch – Vertrauensbrüche

avv_heller

Wenn man über Kaschrut und deren Einhaltung spricht, dann spricht man immer auch von Vertrauen: Vertrauen das der Käufer dem Verkäufer entgegenbringt, oder Vertrauen, das der Gast demjenigen entgegenbringt, der ihn bewirtet.
Man kann dem mit einer Flut mit Zertifikaten begegnen (dem Hechscher), es bis auf die Spitze treiben und irgendwann nur noch bestimmten Zertifikaten vertrauen. Das ist keine sehr angenehme Geisteshaltung. Das dürfte nicht also der charmanteste Weg sein. Meint man (vernünftigerweise).

Und dann passieren Dinge, wie diese:
In Frankfurt soll ein Händler (Aviv) nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Die Jüdische Allgemeine spricht von einem Schaden von einer halben Million Euro. irgendwiejüdisch schrieb schon in der vergangenen Woche über den Bericht, hier.
Gab es einen ähnlichen Vorfall nicht auch in Wien?

Der betroffene Lebensmittelhändler belieferte nicht wenige jüdische Einrichtungen im jüdischen Deutschland. So wie es heute ausschaut, mutmaßlich, also mit nicht-koscherem Fleisch. Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte (noch ist ja niemand verurteilt), dann hätte er mehrere Schäden verursacht. Zum einen das Grundmisstrauen in Kaschrut weiter geschwächt und denen Recht gegeben, die eine strengere Überwachung wollen, zum anderen hätte er die Kunden in die Irre geführt und sie finanziell geschädigt.
Das bedeutet aber auch: Der Verkäufer kann kein besonders observanter Jude sein. Ansonsten würde er vermutlich fürchten, für diese Irreführung auch irgendwann metaphysisch zur Verantwortung gezogen zu werden. Innerhalb der eigenen Gemeinde würde er vermutlich kein Bein mehr auf den Boden bekommen.

Eine Frage muss man aber stellen:
Was ist, wenn es nicht stimmt? Bislang sind es nur Vorwürfe.
Die Vorwürfe ergaben sich aus einer anderen Ermittlung der Polizei, so heißt es auch in der Jüdischen Allgemeinen.
Konkret bedeutete dies: Man beobachtete den Lebensmittelhändler wohl wegen des Besitzes und Schmuggels von Drogen.
Woher der Anfangsverdacht stammt, ist derzeit nicht bekannt. Wer in Antwerpen Rosinenkuchen orderte, könnte ja schließlich auch etwas anderes meinen. Das Journal Frankfurt berichtet in diesem Zuge von ergebnislosen Hausdurchsuchungen.
Eine Art Resteverwertung dieser Ermittlungen waren offenbar die Vorwürfe des Weiterverkaufs nicht-koscheren Fleisches. Und so ging die Ermittlungsbehörde taktvoll vor und sandte den Kunden von Aviv zu diesem Thema einen Fragebogen.
Und wie wir gerade sahen, ist der Einkauf koscherer Waren eine Frage des Vertrauens. Was machen also die Kunden, die einen solchen Fragebogen erhalten, der das Ziel hat, zu ermitteln, ob der Händler nicht-koscheres Fleisch verkauft?
Richtig: Sie kaufen woanders und besorgen sich das Fleisch in München oder in Frankreich. Der Markt Aviv musste also schon schließen, bevor etwas konkretes vorlag. Und das, obwohl der Gemeinderabbiner dem Laden sein Vertrauen ausgesprochen hat. Vertrauen die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner nicht? Vertrauten sie einem anderen Händler mehr?

Der Punkt ist: Mit dem Eintreffen des Schreibens bei den Kunden dürfte sich die Geschäftsgrundlage erledigt haben.

Badatz Buch

12. Juni 2014 – 14 Sivan 5774
von Chajm
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Für Ruhrgebietler: Lesung heute

Für diejenigen, die im Ruhrgebiet (oder in Westfalen leben):
Badatz! Viel zu tiefe Einblicke in den Jüdischen Alltag! DIE Lesung im Jüdischen Museum Westfalen (Dorsten) – ich behaupte, es dürfte sich lohnen zu kommen:
Entweder weil der Autor das Publikum unterhält, oder weil man dem Autor zuschauen kann, wie er scheitert. Beides dürfte unterhaltsam sein…
Wir begegnen nichtjüdischen Besuchern in Synagogen, Super-Orthodoxen, Konvertiten, Naa-zis, Zionisten und Anti-Zionisten.
Eiskalten Frauen und freundlichen Frauen. Vielleicht wird auch das Geheimnis gelüftet, in welcher Ruhrgebietsgemeinde es den besten Kiddusch gibt!

Jüdischen Museum Westfalen am 12. Juni 2014, um 19:30 Uhr.

2. Juni 2014 – 4 Sivan 5774
von Chajm
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Ende des Experiments

Hypertexte

Mit »Der Talmud – Hypertext« kündigte ich das Experiment moreschet.de an. Eine Möglichkeit, dass viele Hände an der Übersetzung jüdischer Texte mitarbeiten. Zugleich schrieb ich aber auch:

Chance und Gefahr ist die Möglichkeit, dass jeder Nutzer die Texte bearbeiten kann:
Gefahr nicht unbedingt, weil nicht absehbar ist, was User dort eintragen, sondern vielmehr, weil es durchaus sein könnte, dass die Beteiligung an der Textarbeit sehr zurückhaltend sein wird – das Interesse am Inhalt jedoch sehr hoch.

Tatsächlich gab es rund 80 Anmeldungen für Benutzerkonten, allerdings kaum Textarbeiten. Um nicht zu viele verschiedene Seiten mit Texten pflegen zu müssen, wandern nun die Texte wieder zurück zu talmud.de – siehe etwa hier. Dafür werden sie dort sorgfältig bearbeitet und mit Kommentaren versehen. Damit wird die Anzahl der Texte zwar nur langsam wachsen, aber immerhin irgendwie wachsen.

21. Mai 2014 – 21 Iyyar 5774
von Chajm
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InDesign CS6/CC und hebräischer Text

Hebräisch und InDesign? Oder Arabisch und InDesign? Also »Rechts-nach-Links« Textrahmen im InDesign? Dafür benötigt man doch InDesgin wasauchimmer (CS6 oder CC) in der Variante ME?

Eigentlich kann InDesign seit der Version CS4 recht viel und der entsprechende World-​​Ready Composer ist auch unter der Haube verfügbar. Man kommt nur nicht einfach so an die Funktionen. Dazu sind auch ein paar Plugins verfügbar.

Einen Textrahmen öffnen und den Text so anlegen, dass er vernünftig von Rechts nach Links läuft ist nahezu unmöglich, wenn man nicht ein Dokument im Zugriff hat, bei dem diese Aufgabe bereits gelöst wurde und vielleicht mit der ME-Variante erstellt wurde.

Mit CS6 ist es ein wenig einfacher geworden! Hier kann man eine andere Funktion nutzen, um einen Textrahmen für hebräischen Text zu erhalten:

Dazu benötigen wir (natürlich) einen leeren Textrahmen: Weiterlesen →

20. Mai 2014 – 20 Iyyar 5774
von Chajm
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Das jüdische Polen von gestern

Screenshot von polishjews.yivoarchives.org

Screenshot von polishjews.yivoarchives.org

Vor der Schoah gab es in Polen blühendes jüdisches Leben, fern jeder Schtetl-Romantik allerdings. Es gab Armut, Reichtum, religiöse, nichtreligiöse, freundliche und unfreundliche Menschen. Also eine ganze jüdische Zivilisation. Bis die Nazis kamen und das jüdische Leben ausgelöscht haben.
Teil dieser Zivilisation war Jidisher visnschaftlecher Institut יידישער װיסנשאפטלעכער אינסטיטוט kurz ייווא JIVO in Wilna, heute YIVO mit Sitz in New York. Das Institut beobachtete und dokumentierte die jiddische und ostjüdische Kultur. Nach New York kam der größte Teil aus Deutschland. Dorthin brachten die Besatzer einen großen Teil des gesammelten Materials.
Nun hat das YIVO damit begonnen, die Bestände zum jüdischen Leben in Polen zu digitalisieren und online zu stellen. Unter polishjews.yivoarchives.org kann der Nutzer durch das Archiv klicken und sich Dokumente zu allen Lebensbereichen anschauen. Das sind nicht nur digitalisierte Bücher, Bilder und Briefe, sondern auch mp3-Dateien von Tonaufnahmen. Und das sind nicht nur Dokumente mit religiösem (sondern auch). Wer sich für historische Quellen interessiert, findet hier eine Anlaufstelle.

Ergänzend gibt es auch aus Polen eine umfangreiche Seite zur jüdischen Geschichte auf dem Gebiet des heutigen Polens: Sztetl.org. Dazu gehören natürlich auch Gemeinden ohne Schtetl.

8. Mai 2014 – 8 Iyyar 5774
von Chajm
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Banken und Juden

Sperrvermerk

»Wozu brauchen Sie denn einen Kredit, ich dachte Sie seien Jude?« wird wohl kaum ein Bankberater sagen. Hoffentlich. Dennoch wird er wahrscheinlich demnächst wissen, welcher seiner Kunden Juden sind. Zwar wird dies wohl nicht unmittelbar für jeden Sachbearbeiter einer Bank zu erkennen sein, aber die Information ist im Haus verfügbar. Jedenfalls dann, wenn dies in der Steuerkarte vermerkt ist und Kirchensteuer bzw. Kultussteuer abgeführt werden muss.

Das betrifft aber nicht nur Banken, sondern auch Versicherer, Kapitalgesellschaften oder Genossenschaften.
Diese werden ab dem 1. Januar 2015 einmal jährlich die Religionszugehörigkeit der Kunden beim Bundeszentralamt für Steuern abfragen und auch erhalten. Diese Information wird dann in die eigenen Systeme übernommen. Damit soll die Kirchen- bzw. Kultussteuer, die auf die Abgeltungsteuer entfällt, automatisch an das Finanzamt abgeführt werden können. Aber das könnte man auch selber über die Steuererklärung erledigen.

Ob es ein angenehmes Gefühl ist, dass jetzt auch Banken und Versicherungen ihre jüdischen Kunden als solche identifizieren können, muss oder kann jeder für sich selber entscheiden. Ob es paranoid ist, zu behaupten, dass wir nicht wissen, was mit den Daten in den Unternehmen angestellt wird, muss auch selber entschieden werden.
Wer ein seltsames Gefühl dabei hat, darf oder kann dagegen Widerspruch einlegen:

Bis zum 30. Juni (!) kann man dies tun. Aber nicht über die Bank oder die Versicherung, sondern direkt beim Bundeszentralamt für Steuern.

Einfach Dokumenten ID 010156 im Suchfenster des Formular-Management-Systems (FMS) der Bundesfinanzverwaltung eintragen und schon kann man einen Sperrvermerk beantragen.

6. Mai 2014 – 6 Iyyar 5774
von Chajm
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Schmulik und die Chuppah

Mélanie & Emmanuel
Mélanie & Emmanuel von Agence Tophos bei Flickr Creative Commons Lizenzvertrag

Verdammt! Daniel, dieses Schlitzohr, hatte es geschafft! Nur wie!?
Vielleicht kam ihm sein beruflicher Erfolg ein wenig entgegen? Schmulik versuchte, das Geheimnis zu entschlüsseln:
Eine winzige sechsstellige Starthilfe hatte er von seinem Vater bekommen, um sein »Unternehmen« aufzubauen. Schmuliks Vater hatte ihm seinen Führerschein bezahlt, also einen Teil davon. Genauer gesagt, die Gebühren für die erste Prüfung. Aber Schmulik war nicht nachtragend.
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30. April 2014 – 30 Nisan 5774
von Chajm
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Die letzte Jüdin von Würzburg

Die-letzte-Judin-von-Wurzburg- In diesen Tagen wird Roman Rauschs Roman »Die letzte Jüdin von Würzburg« erscheinen. Ich hatte das Glück und durfte, dank des Autors, einen früheren Blick in das Buch werfen.

Der Roman (also das Buch, nicht der Autor), spielt der vor dem Hintergrund realer Ereignisse:
Ein Pogrom in Straßburg im Jahre 1349. Man geht heute davon aus, dass etwa 2.000 Juden in der Stadt getötet wurden.
Sie wurden der Brunnenvergiftung und dem Bringen der Pest beschuldigt. Interessanterweise fiel dies in eine Zeit, in der die Katholische Kirche genau diese beiden Vorwürfe scharf verurteilte. Im Juli 1348 wandte sich Papst Clemens VI. in einer Bulle gegen die Verfolgung von Juden als Verursacher der Pest, im September 1348 vlegte er nach und machte die Bulle »Quamvis perfidiam« bekannt, in der er klarstellte, dass nichts an Brunnenvergiftungen dran sei. Wer der Bulle entsprechend nicht handelte, sei von Exkommunikation bedroht. Besonders viel schien das Wort des Papstes nicht zu gelten. Im Jahr 1349 war Straßburg nicht die einzige Stadt, in der Juden getötet wurden.

Doch zurück zur Fiktion:
Ein Mädchen namens Jaelle verliert ihren Vater bei den Vorgängen in Straßburg und flüchtet aus Straßburg. In der Verkleidung eines Mannes schlägt sie sich nach Würzburg durch. Unterwegs trifft sie auf einen Mann namens Michael de Leone, der für einen Bischof arbeitet. Jaelle, die jetzt Johan heißt, erhält bei de Leone eine Stelle, mit Wissen ihrer Würzburger Ansprechpartners Rabbiner Mosche. Der verspricht sich davon wichtige Einblicke in die Vorgänge hinter den Kulissen und will vorgewarnt sein in der unruhigen Zeit.

Man kann also sagen: Ein »historischer Roman«, aber nicht in der üblichen Kostüm-Rüschen-Machart, sondern eher daran orientiert, eine Zeit und ein Thema auszuleuchten, welches nicht gerade Mainstream ist. Roman Rausch erspart den Lesern nicht die Grausamkeiten der Pogrome von 1349 und konfrontiert den Leser recht hart mit einer sehr drastischen Schilderung der Ereignisse. Im späteren Verlauf dann, wenn die Handlung in Würzburg voranschreitet, fügt er immer wieder historische Fakten ein und beschäftigt sich in einem Anhang mit dem jüdischen Leben in Würzburg. Eine Geschichte, die es so oder ähnlich in vielen anderen deutschen Städten gegeben hat.
Aber Rausch will kein Pädagoge sein und mit dem erhobenen Finger arbeiten. Er bleibt in der Sprache des Romans und versteht es ganz offensichtlich, den Leser zu unterhalten. Trotz des Seitenumfangs (512), ist es deshalb kein Mammut-Unterfangen, das Buch zu bewältigen.
Ich will mal hochstapeln und behaupten, dass Roman Rausch dem Judenweg von Ruth Weiss einen weiteren historischen Roman über Juden in Deutschland hinzugefügt hat, den man auch lesen kann.

Die Covergestaltung mit einer Seite aus der Barcelona Haggadah, die im 14. Jahrhundert entstanden sein muss, ist übrigens keine besonders schlechte Idee. Die Seiten werden später auch Trenner für die einzelnen Teile des Buches eingesetzt. Leider immer die gleiche Seite der Haggadah…

Das Buch bei amazon.