Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

Schuh in der Gewalt des Mossad

17. Juni 2015 – 30 Sivan 5775
von Chajm
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Der Mossad stiehlt Schuhe! #MossadStoleMyShoes

Schuh in der Gewalt des Mossad Wann immer man meint, man hätte schon alle Anti-Israel-Absurditäten gesehen, dann kommt jemand und zieht noch ein weiteres, viel absurderes, Ass aus dem Ärmel.
Der britische (Anti-Israel) Aktivist Asghar Bukhari hat ernsthaft behauptet, der Mossad sei in sein Haus eingebrochen und hätte einen (!) Schuh gestohlen.
Der Aktivist postete das auf facebook und auf YouTube. Das sind 15 Minuten Spaß bis man merkt, dass es sich bei dem Video nicht um einen satirischen Beitrag handelt. Es ist dem Mann sehr ernst. Auch anderen muslimischen Persönlichkeiten sei dies passiert. Man sei in ihre Wohnungen gekommen und hätte ähnliche Dinge getan, also Möbelstücke umgestellt oder Einrichtungsgegenstände an einen anderen Ort gestellt. Der Mann macht, wenn man ihn nicht kennt und nicht weiß, was für hässlichen Dinge er in der Vergangenheit erzählt hat, zunächst einen ganz smarten Eindruck.

Was er leider nicht zur Debatte stellt: Gibt es Augenzeugen, die das geheime Schuhlager des Mossad tief unter den Alpen jemals mit eigenen Augen gesehen haben? Kaum jemand kehrte lebend von dort zurück.
Die Antwort ist klar: Aus diesem Grund gibt es auch so wenig Zeugen.

Bei twitter ist die Sache unter dem Hashtag #MossadStoleMyShoes dankbar angenommen worden. Die Reaktionen sind großartig: Weiterlesen →

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15. Juni 2015 – 28 Sivan 5775
von Chajm
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Raubkunst bleibt Raubkunst

Lovis Corinth Bacchanale 1897

Ein Bild, nämlich oben gezeigte »Bacchanale«, ist derzeit im Besitz des Kunstmuseums in Gelsenkircheneigentlich. Denn tatsächlich wurde das Bild von Lovis Corinth seinen Besitzern durch die deutsche Regierung geraubt – man sollte vielleicht nicht immer sagen »durch die Nazis«, um die Verantwortung auf einige wenige Personen weiterzureichen – die Familie musste ihren Besitz zwangsversteigern.
Übrigens: »Im Kunstmuseum gibt es dank der genauen Katalogisierung keine Raubkunst« Zitat von hier

Ein Schicksal, wie es viele andere Familien getroffen hat. Einen fairen Preis konnte man also nicht erwarten. Es ist bekannt, dass viele der Bilder später in Museen auftauchten. Wurden die Bilder entdeckt, begann in einigen Fällen ein unwürdiges Gezerre um den Besitz. Oft mit den Erben derjenigen, die bestohlen wurden. Zuweilen könnte man den Eindruck erhalten, die Erben würden unmoralisch handeln, weil sie gerne ihren Besitz wiedererlangen wollen. Auf der anderen Seite wird häufig damit argumentiert, dass man der Öffentlichkeit die Werke entziehe. Ähnlich argumentiert die Stadt Gelsenkirchen in einer Beschlussvorlage für den 17.06.2015. Aber hier wurde die Formulierung noch weiter zugespitzt: Die Erben wollen ihren Gewinn maximieren!

In dem Beschlussvorschlag der Stadt Gelsenkirchen heißt es:

»Der Schriftwechsel – ein persönliches Gespräch war nicht erwünscht – lässt vermuten, dass es den Erben und ihrem Anwalt ausschließlich um die Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils geht
Beschlussvorlage, hier online

Eine interessante Formulierung, wenn man einmal das Prinzip von Ursache und Wirkung berücksichtigt.
Wessen Kunst wurde gestohlen? Wer besitzt derzeit das Bild?
Und nun werden vermeintlich schwierige Motive unterstellt?
Die Formulierung ist auf diesem Terrain übrigens auch in anderer Hinsicht problematisch

Natürlich wäre es schön, wenn möglichst viele Bilder in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Letztendlich ist Privatbesitz aber auch etwas, mit dem die Besitzer auch Geld verdienen dürften, wenn sie dies wünschen.

13. Juni 2015 – 26 Sivan 5775
von Chajm
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Dreht mal den Wind in Bosnien!

In Zenica wurde die Sarajevo Haggadah vor der Zerstörung bewahrt. Eine muslimische Familie versteckte sie und sorgte so dafür, dass man dieses großartige Dokument heute noch anschauen kann oder könnte. Trotz aller Unkenrufe kann man nicht behaupten, dass es in Bosnien eine tradierten Antisemitismus gibt. Während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 versorgte die jüdische Gemeinde von Sarajevo auch Nichtjuden mit, auch mit der Hilfe von Nichtjuden. Religionsübergreifend gegen diejenigen, die plötzlich ethnische Kriterien ins Zentrum des Zusammenlebens stellen wollten.

Seit 1995 waren die Zeiten natürlich nicht besonders rosig, aber man folgte dem europäischen Mainstream-Antisemitismus nicht. Bis jetzt und da muss man fragen: »Was ist da passiert?«
Am 12. Juni 2015 spielte die Nationalmannschaft Israels in Zenica und offenbar hat man beschlossen, dies zum Anlass für eine Demonstration zu nehmen. Wie im übrigen Europa auch, war Palästina der Anlass:

Wie man in Wien beobachten konnte, geht es darum natürlich nicht. Dort wird gerufen:
»Ubij, ubij Židove!« (Töte, töte die Juden!)

Was ist da also passiert, dass nun auch bosnische Fußballfans den primitivsten Antisemitismus für sich entdeckt haben?

28. Mai 2015 – 10 Sivan 5775
von Chajm
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Das Land Israel

Die Grenzen Palästinas nach Rabbiner Joseph Schwarz

Die Grenzen Palästinas nach Rabbiner Joseph Schwarz

In hitzigen Medien-Diskussionen rund um den »Nahostkonflikt« (solche Diskussionen sind eigentlich immer hitzig), wird in der Regel irgendein Teilnehmer entweder einen Nazi-Vergleich bringen oder jemand nennt Mahatma Gandhi – soll jedenfalls vorkommen.

In Diskussionen ist mindestens ein Nazi-Vergleich unabdingbar. Einige Blogbeiträge zum Thema kommen meist auch nicht ohne aus.
Dieses Phänomen ist längst dokumentiert und betrifft nicht nur Diskussionen rund um den Staat Israel und wird als Godwins Gesetz bezeichnet. Autor Mike Godwin formulierte, dass im Verlauf längerer Diskussionen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich ins Spiel bringt, sich dem Wert Eins annähert.
Oder anders formuliert: Es ist sehr wahrscheinlich, wenn die Diskussion nur lange genug dauert. Das ist eine Tatsache mit der wir uns abfinden müssen.

Weil das kein Argument ist, schauen wir ganz kurz auf Gandhi und dieser führt uns überraschenderweise direkt zum Land Israel.
Gandhi publizierte und äußerte tatsächlich auch etwas zum Staat Palästina.
Er hatte die Idee, dass Juden sich in Israel niederlassen dürften, wenn sie dies friedlich täten. Im Allgemeinen fand er jedoch die Idee des jüdischen Staats anscheinend nicht so sehr reizvoll und riet, insbesondere auch den Juden Deutschlands im Jahr 1939, man solle in den jeweiligen Heimatländern bleiben. Es sei gut, dort zu leben, wo man geboren worden sei.
Den arabischen Bewohnern der Region stehe Palästina ebenso zu, wie England den Engländern und Frankreich den Franzosen. Den Juden unter deutscher Herrschaft riet er zum passiven Widerstand.
Diese Haltung provozierte natürlich auch Reaktionen von jüdischen Intellektuellen seiner Zeit und klingt nicht nur für heutige Leser sehr naiv.

Einer, der sich öffentlich gegen Gandhi wandte, war der Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965). Es sandte ihm 1939 eine Antwort.
Buber war empört über den Aufruf zum passiven Widerstand und sah schon 1939 wohin die Pläne der Nazis führen würden. In Bezug auf Israel, damals ja noch »Palästina«, wies er die Behauptung zurück, das Land gehöre ausschließlich den Arabern. Dies sei aus historischen, rechtlichen und moralischen Gründen nicht richtig.
Palästina stehe beiden Völkern zu, die über ihre Geschichte mit diesem Land verbunden seien. Eines von Bubers Argumenten zeigt direkt ins Herz der jüdischen Überlieferung zum Land Israel:

»Mir erscheint es, als gebe G-tt keinen Teil Erde weg … das eroberte Land ist, meiner Meinung nach, auch dem Eroberer, der sich darin niedergelassen hat, nur geliehen und G-tt wartet ab, um zu sehen, was er daraus machen wird.«

Mit diesem Argument zitiert Buber einen Rabbiner, der 900 Jahre vor Buber gelebt hat, nämlich den mittelalterlichen Kommentatoren Raschi (1040–1105), der genau so die ersten Zeilen der Schöpfungsgeschichte in der Torah kommentiert.
»Warum fängt die Torah mit der Schöpfungsgeschichte an?« fragt Raschi und antwortet dann unter anderem mit einem Satz, den viele Juden schon einmal als Argument gehört haben:

»Wenn die Völker der Welt zu Jisrael (also zum jüdischen Volk) sprechen sollten >Ihr seid Räuber, denn ihr habt die Länder der sieben Nationen Kanaans gewaltsam genommen< , so könnten sie ihnen zur Antwort geben: >Die ganze Erde gehört dem Heiligen, gepriesen sei er. Er hat sie geschaffen und demjenigen gegeben, der in seinen Augen gerecht war. Nach seinem Willen hat er es denen gegeben und nach seinem Willen ihnen wieder genommen und uns gegeben.«

Heute lesen wir das und reiben uns die Augen angesichts der Tatsache, wie wenig neu die Argumente der Israel-Gegner sind und wie wenig neu das Nachdenken über den Stellenwert jüdischer Präsenz an diesem Ort ist. Weiterlesen →

19. Mai 2015 – 1 Sivan 5775
von Chajm
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Initialwörter in hebräischen Texten

Eine Initiale kennt man im Deutschen ja ganz gut (und wenn alles geklappt hat, sieht man auch eine am Beginn dieses Textes). Das ist ein schönes Gestaltungselement. Wenn es smart ausschauen soll, dann kann man auch schmuckvolle Initale verwenden.
In hebräischen Drucken – in erster Linie in religiöser Literatur – findet man weniger Initiale als vielmehr ganze Initialwörter. Das ist ein Element welches man sehr selten in anderen Sprachen sieht. Noch nie gesehen? Doch! Wer schon einmal ein Werk von Artscroll (Mesorah) gesehen hat, der hat auch das Initialwort gesehen.

Der Platz unter dem ersten Worten des Textes ist frei und man erkennt, welcher Text folgt und wie er zusammengehört:

Artscroll Siddur - Initialwort

Artscroll Siddur – Initialwort

Das Initialwort wäre also hier:

Initialwort im Artscroll Siddur - hervorgehoben

Initialwort im Artscroll Siddur – hervorgehoben

Man sieht recht gut (hier durch den gelben Kasten hervorgehoben), dass unter dem ersten Wort Raum gelassen wurde. Dieser strukturiert den Text insgesamt ein wenig. Der gesamte Block benötigt keine Überschrift, sondern nutzt das erste Wort als solche. Ein Element zur Textstrukturierung. Nicht erst seit Artscroll.

Auch andere Siddurim (und auch halachische Texte) machen davon Gebrauch.
Ein paar Beispiele:

Siddur Tehillat HaSchem – der Siddur von Chabad:

Siddur Tehillat HaSchem

Siddur Tehillat HaSchem

Kol Peh Chadasch das (zu Unrecht, vielleicht weil es günstig ist ) beliebte Siddur aus Israel:

Initialwort in Siddur kol Peh Chadasch

Initialwort in Siddur kol Peh Chadasch

Und ein Machzor Kol Bo von der Hebrew Publishing Company:

Machzor nach Nussach Sfard mit jiddischer Übersetzung

Machzor nach Nussach Sfard mit jiddischer Übersetzung

Was man schnell an dieser zufälligen Auswahl bemerkt ist, dass sich die Zweizeiligkeit eine Art Standard zu sein scheint.

Es ist durchaus möglich, dass diese Art der Strukturierung alte hebräische Handschriften nachahmt, aber aus praktischen Gründen auf die Vergrößerung der ersten Worte verzichtet. Vielleicht weil man einfach mehr Buchstaben einer Größe zur Verfügung hatte und auf viele Größenänderungen verzichten musste. In vielen Handschriften findet man jedenfalls Initialwörter – oft noch zusätzlich verziert oder vergrößert:

Dies ist eine spezielle Art von hebräischem Textsatz. Wer einmal damit begonnen hat auf diese Feinheit zu achten, der wird das schnell in vielen hebräischen Büchern finden und sich vielleicht wundern, wie einfach sich Absätze (technisch gesehen aber nicht) strukturieren lassen. Ob das auch für deutschsprachige Texte funktioniert, müssen Leser entscheiden.

Der praktische Teil

Für InDesign Nutzer könnte sich nun die Frage stellen – schön, aber wie mache ich das? Diese Frage versuchen wir nun zu lösen. Weiterlesen →

17. Mai 2015 – 28 Iyyar 5775
von Chajm
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Mal etwas über das Judentum lesen

Bücher in der Mayerschen Buchhandlung Dortmund

Bücher in der Mayerschen Buchhandlung Dortmund

Bemerkenswert: Eine große Buchhändelskette (die Mayersche) mit etwa 40 Filialen, mit einer ausgefeilten Logistik und, so kann man vermuten, mit keinem zufälligen System der Warenanordnung, hat es nicht geschafft, zumindest ein paar Büchlein zum Thema Judentum zusammenzukratzen. So wird in Dortmund ein Bändchen mit dem Titel Talmud flankiert von Koranausgaben. Wobei nicht ganz klar ist, ob die Mayersche annimmt, die Auswahl habe etwas mit Judentum zu tun. Übrigens ist der Talmud, der da angepriesen wird, eigentlich keiner. Unter dem Buchdeckel erwarten den Leser jedoch die Sprüche der Väter – die eigentlich gar keine Gemarah haben und deshalb nicht so häufig in Talmud-Ausgaben zu finden sind. Dafür lockt der Titel vermutlich.

Ganz klar ist der Mix ein totaler Fehlgriff, aber vielleicht ist das ein indirekter Hinweis darauf, dass es in Deutschland nicht DEN Bestseller zum Thema Judentum gibt. Kein Buch, welches viele Aspekte aufgreift, sie schlau und unterhaltend erklärt und dabei nahezu alle Themen streift. Also eines, welches sich die Buchhandlungen guten Gewissens in die Regale stellen könnten.
Nun, so ein Buch gab es einmal in Deutschland. Herman Wouks »Das ist mein G-tt« (hier eine Rezension des SPIEGELs von 1961). Rätselhaft, warum ein solch tiefgründiges und großartig geschriebenes Buch nicht noch immer aufgelegt wird.
Wouk mischt eigenes Erleben mit einer Einführung in die Grundbegriffe des Judentums, seine Geschichte und die großen Texte. Was ist die Torah, was ist der Talmud, wie lernt man ihn? Was ist Chassidismus? Was hat es mit dem auserwählten Volk auf sich?
Wouk ist ein Geschichtenerzähler und als solcher bringt er dem Leser das Judentum nahe. Wer das Buch noch antiquarisch kaufen kann, sollte es sich nicht entgehen lassen.

Da sollte ich der Mayerschen eigentlich dankbar sein, dass sie mich an Wouk indirekt erinnert hat.

Übrigens: der Koran im schwarzen Einband ist eine Übersetzung die auch einen arabischen Originaltext mitbringt. An der ersten Ausgabe wirkte der, als Jude geborene, Dr. Hugo Hamid Markus mit. Hier schließt sich irgendwie dann ein Kreis…

6. Mai 2015 – 17 Iyyar 5775
von Chajm
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In der Portugiesischen Synagoge

Portugese synagogue in Amsterdam

Portugese synagogue in Amsterdam

Der erste Eindruck von der Portgiesischen Synagoge in Amsterdam ist »groß«.
Es riecht nach altem Holz, Sand liegt auf dem Boden.
Man blickt über viele Bankreihen zum Aaron haKodesch, dem Schrein, in dem die Torahrollen aufbewahrt werden.
Ein großartiges Gefühl, wenn man in der alten (aus dem 17. Jahrhundert) Synagoge steht, die heute tatsächlich auch noch als Synagoge genutzt wird. An vielen Orten Europas kann man das heute nicht mehr so einfach nachvollziehen, weil viele Fäden mit der Schoah abgeschnitten wurden.
Heute hat die Gemeinde (der Portugiesischen Synagoge) etwa 600 Mitglieder. Eine fantastische Bibliothek gehört ebenfalls zum Synagogenkomplex dazu. Die Ets Haim Bibliothek hat damit begonnen, ihre Bestände zu digitalisieren und auch diese Einblicke sind faszinierend (hier klicken).

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

Fast (noch) interessanter (für mich persönlich) war aber der Besuch in der kleinen »Wintersynagoge«, die für einen kleinen Minjan und tatsächlich im Winter genutzt wird, weil die große Synagoge nicht beheizt werden kann. Die Synagoge hat nämlich keine Heizungsanlage, aber auch kein elektrisches Licht.
Das ist übrigens nicht nur ein Problem alter Synagogen, die gar keine Heizungsanlage haben. In einigen Gemeinden mit einer großen und neuen Synagoge hat man bemerkt, dass es sehr teuer ist für ein paar wenige Beter zu heizen und den großen Raum vorzubereiten. Im letzten Winter war ich in einer Gemeinde, die ihre Synagoge deshalb im Winter nicht nutzt und statt dessen die Torahrollen und den Minjan in einen anderen Raum im Gemeindezentrum umzieht. Auch der wäre vollkommen ausreichend. Vielleicht nicht zu den Hohen Feiertagen, aber dennoch…

Kleine Synagogen würde ich jederzeit den großen vorziehen. Jedenfalls dann, wenn der Besuch eher mäßig ist und viele Beter weit entfernt voneinander sitzen und dadurch auch ein wenig Atmosphäre verloren geht.

Winter synagogue of the Portugese synagogue.

Mienchat dotar – a siddur especially for Minchah according to the Minhag of the Netherland–Portugese Jews

Hier habe ich versucht, etwas Atmosphäre aufzufangen. Jemand übte Singen in der großen Synagoge:

Für jüdische (und interessierte) Besucher ist der Komplex rund um die Portugiesische Synagoge keine Touristenfalle, sondern ein interessantes Ziel. Anschauen kann man sich die meisten Einrichtungen, wie die Mikweh, den Aufbewahrungsraum für die vielen Kerzen und den Kidduschwein, die Torahmäntel etc. Vielleicht sollte man nicht gerade zu einer touristischen Hauptzeit erscheinen.

3. Mai 2015 – 14 Iyyar 5775
von Chajm
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Opferung des Jitzchak in Essen

Eine junge Frau liest in der Torah von der (Fast-) Opferung Jitzchaks durch seinen Vater Abraham. Sie geht dann in das Zimmer ihres Sohnes und versucht ihn ebenfalls zu töten. Das ist leider keine Geschichte aus einem schwedischen Thriller, sondern eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet und es betrifft keine Sekteanhänger, sondern eine orthodoxe jüdische Familie aus Essen. Das berichtete eine Lokalzeitung. Die (junge) Familie lebte für kurze Zeit wohl in Manchester, fand aber wohl keinen Anschluss dort und lebt nun wieder im Ruhrgebiet. Eine Psychose brachte die Frau soweit, dass sie annahm, sie höre den Befehl, ihr Kind zu töten – welches ausgerechnet Jitzchak heißt.
Das Gericht wies die Frau ein.
Eine tragische Geschichte aus dem Ruhrgebiet.

28. April 2015 – 9 Iyyar 5775
von Chajm
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Wer soll zahlen?

Die kleine Jüdische Gemeinde von Innsbruck musste jüngst umbauen und ein neues Sicherheitskonzept umsetzen.
Hintergrund ist, dass man (also das Land) sich die »Rund-um-die-Uhr-Bewachung« der Synagoge gerne sparen würde. Das Konzept sah vor, dass man Fenster nicht mehr öffnen kann. Zusätzlich wurde eine schusssichere Metallfassade angebracht. Und weil das für Räume mit Publikumsverkehr irgendwie unpraktisch ist, musste ein neues Belüftungssystem her. 175.000 Euro soll der Umbau gekostet haben (Quelle: Tiroler Tageszeitung).
Vorfinanziert wurden die Maßnahmen durch die Landesgedächtnisstiftung.
Die Gemeinde ging davon aus, dass das Land – welches ja laufende Kosten einsparen wollte und deshalb die Maßnahmen anordnete, sich auch an den Kosten beteiligen würde. Dem scheint nicht so zu sein und nun hat die Gemeinde ein massives Problem. Offenbar eines, welches sie ohne die Order zur Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen nicht gehabt hätte.
Wer zahlt also die Kosten für den Schutz der Synagoge?
Die Allgemeinheit? Die Jüdische Gemeinde? Wohl eher die Behörden, die auch sonst andere Bürger schützen sollten. Wenn es eine Bedrohungslage innerhalb einer Gesellschaft gibt, ist da nicht Aufgabe dieser Gesellschaft, die Bedrohten zu schützen?

Beschluss Voransicht

28. April 2015 – 9 Iyyar 5775
von Chajm
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Urteil in Frankfurt – trotzdem Einkaufsmöglichkeiten

Zum Fleischskandal in Frankfurt am Main gibt es ein Urteil, aber kein Ende des Prozesses: zu zwei Jahren Haft auf Bewährung für einen Angeklagten und ein Jahr und zehn Monate Haft auf Bewährung für den anderen Angeklagten. Ebenso wurde eine Geldstrafe verhängt. Die Staatsanwaltschaft allerdings wird Revision einlegen, so war jedenfalls zu hören.
Die beiden Angeklagten hatten über einen längeren Zeitraum hinweg unkoscheres Fleisch als koscheres deklariert – mit Folgen für die observanten Verbraucher und das beaufsichtigende Rabbinat. Es gab parallel zum Prozess vor Gericht die Prüfungen zweier Rabbinatsgerichte (siehe hier) – die zu zwei verschiedenen Beurteilungen der Sachlage kamen.
Die Konsumenten beobachten aber nicht in Schockstarre den Prozess und bleiben nicht ohne Alternative:
Nach der Schließung des Ladengeschäfts gab es in Frankfurt einen weiteren Versuch, ein koscheres Geschäft zu eröffnen. Allerdings ohne Erfolg. Es schloss aber recht schnell.
Mittlerweile gibt es jedoch im Ostend einen Edeka Supermarkt, der auch koschere Waren führt.

Regal mit koscheren Lebensmitteln bei Edeka

Regal mit koscheren Lebensmitteln bei Edeka


Ein Besuch im Markt zeigte, dass der Supermarkt sich nicht nur auf zwei Regale im (sehr gut besuchten) Markt beschränkt, sondern auch alle anderen Waren, die laut Orthodoxer Rabbinerkonferenz, koscher sind, extra auszeichnet. So findet man überall an den Regalen kleine gelbe »koscher« Schildchen und im Gefrierfach auch Fleisch.
Aus meiner Sicht eine gute (und bequeme) Methode, eine Grundversorgung sicherzustellen ohne dafür extra ein Ladengeschäft betreiben zu müssen. Das kostet ja ebenfalls Geld und das wirkt sich auf den Preis aus. Zudem schienen die Mitarbeiter genau zu wissen, worauf zu achten ist, denn sie konnten schnell zu bestimmten Lebensmitteln in der koscheren Variante führen. Die Auswahl ist letztendlich recht groß und man kann sich gleich auch mit anderen Waren des täglichen Bedarfs eindecken.
Hoffentlich auch für den Supermarkt einigermaßen einträglich, denn dann könnte das Frankfurter Modell Schule machen.