Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

9. Februar 2014 – 9 Adar A 5774
von Chajm
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Raketen aus Gaza

Eine Art Reminder ist dieser Beitrag:

Auch wenn sie in den Medien nur dann Erwähnung finden, wenn die israelische Seite reagiert –
es gibt sie noch, die Raketen und Granaten aus Gaza. 2013 waren es 53 Raketen und 12 Granaten. Im Januar 2014 waren 28.
Für Aufmerksamkeit sorgten zuletzt Raketen während der Beisetzung von Ariel Scharon.

Raketen 2001-2014 (Januar)

Raketen 2001-2014 (Januar)

6. Februar 2014 – 6 Adar A 5774
von Chajm
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Begehung der karolingischen Synagoge von Köln

In Köln soll ein Museum entstehen, welches die jüngsten archäologischen Entdeckungen zur jüdischen Präsenz in Köln dokumentiert. Dort wurde eine Synagoge gefunden, von der man sagt, sie sei die älteste bekannte Synagoge nördlich der Alpen. Datiert wird sie in die karolingische Epoche, also noch vor dem Jahr 800 und diese Synagoge habe wiederum auf einer gestanden, die aus dem 4. Jahrhundert stammt. Also aus einer Zeit, in der das Christentum in Köln noch nicht fest etabliert war.
Die Mikweh sei in allen Phasen der Bebauung genutzt worden.
Das Gebäudeensemble wird von der Archäologischen Zone Köln in einer virtuellen Begehung vorgestellt:

27. Januar 2014 – 26 Shevat 5774
von Chajm
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Neues aus Berlin

Das jüdische Berlin ist so groß, dass eigentlich jeden Tag etwas passieren müsste. Dynamisch ist die Stadt auf jeden Fall.
Kürzlich habe ich gelernt, dass es eine weitere Kahal Adass Jisroel in Berlin gibt, die am 28. Januar 2014 offiziell gegründet werden wird. Nicht zu verwechseln mit der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel. Die Kahal Adass Jisroel ist offensichtlich modern-orthodox orientiert und ist im Verbund mit dem Rabbinerseminar zu Berlin zu betrachten. Also alles Einrichtungen, die Lauder nahestehen.

Dann kümmert sich Chabad um die zahlreichen Israelis in Berlin, oder zumindest bemüht sich Chabad um die Israelis in der Stadt. Eine Einrichtung am Alexanderplatz scheint auch recht gut zu funktionieren.

Mit den Mitteln des Films könnte man die Dynamik darstellen, die wir gerade betrachtet haben und dann ein »Inzwischen« einblenden und zur Berliner Gemeinde übergehen.
In der Gemeinde hat die Opposition Neuwahlen gefordert, eine entsprechende Unterschriftensammlung unter den wahlberechtigten durchgeführt und sie der Gemeinde übergeben.
Offenbar sogar mit dem notwendigen Stimmenanteil, der für die Einleitung einer Neuwahl ausreichen würde. Aber der Gemeindevorstand war nicht untätig und griff zu einem Schachzug. Man sandte den Unterzeichnern des Neuwahl-Gesuchs ein Schreiben zu. Dieses solle man an die Gemeinde zurücksenden und bestätigen, dass man die Liste unterzeichnet habe.
Jetzt formulierten die Initiatoren einen offenen Brief an den Zentralratsvorsitzenden Dr. Graumann. Den Brief kann man hier nachlesen.
Langweilig ist es also auf gar keinen Fall. Für Beobachter mag das unterhaltsam sein, aber für die Beteiligten ist das möglicherweise kräftezehrend. Die Beispiele vom Eingang dieses Postings erinnern daran, dass man einiges erreichen könnte…

21. Januar 2014 – 20 Shevat 5774
von Chajm
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Freiburg ausgekühlt

Vor so gar nicht langer Zeit porträtierte eine Freiburger Lokalzeitung den neuen »coolen« Rabbiner der Gemeinde Freiburg. »Außergewöhnlich« sei Avraham Radbil (Artikel von damals hier) und die Titelüberschrift lautete Der neue Rabbiner ist cool.

Zuvor waren im gleichen Blatt viele unschöne Dinge über den alten Rabbiner zu lesen (siehe hier), teilweise so detailliert, dass man sich fragen musste, warum die Zeitung so berichtete, wie sie berichtete und wen das außerhalb der Gemeinde eigentlich interessieren sollte.

Dann folgte der neue Rabbiner. Ein Vertreter der modernen und jungen Orthodoxie. Der coole. Das ist vermutlich keine Übertreibung. Der Arbeitsvertrag von Avraham Radbil wird nun aber nicht verlängert.

Für die Zeitung sieht das Bild heute dementsprechend anders aus und die Berichterstattung beinhaltet nun nicht mehr nur einen kleinen Rückblick, sondern auch Andeutungen und Vermutungen: Gemeindemitglieder sprächen von »sehr unschönen Szenen«, »Spannungen zwischen Vorstand und Rabbiner« oder »von Abmahnung und angedrohter Kündigung ist die Rede« (von hier). Jemand habe gesagt, er habe gehört, wie jemand das irgendwo gehört hätte. Das sind vielleicht Dinge, die man nicht in die Öffentlichkeit bringen muss, wenn es nichts konkretes gibt.
Fragt sich, warum das Blatt so euphorisiert den neuen Rabbiner der Stadt feierte. Das Blatt selbst gibt die Antwort:

Damals wurde sein Dienstantritt unter anderem von der Vorsitzenden Katz publiziert und Radbils vielfältige Kompetenz auch presseöffentlich sehr gelobt, etwa, dass er dank mehrerer Studienabschlüsse und etlicher Sprachen, die er fließend beherrscht, viel zum gelingenden Gemeindeleben werde beitragen können.
von hier

Berichtet hatte damals das gleiche Blatt; nun wird aber nachgeschoben, wer die Euphorie in das Blatt brachte. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn sich diese noch ein wenig gehalten hätte. Junge Rabbiner mit Programm gibt es nicht so sehr häufig.

Update Die Jüdische Allgemeine vermeldete nun auch den Weggang aus Freiburg, aber auch den Wechsel nach Osnabrück (wie schon ein Kommentator wusste/vermutete).

15. Januar 2014 – 14 Shevat 5774
von Chajm
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German, Jewish and Adored

Yasha Mounk’s text “German, Jewish and Neither” (NY Times) about his life as a Jew in Germany and personal and communal identity, went viral on facebook.
Some Jews living in Germany experienced nearly the same or were astonished about Mounk’s conclusions.

Mounk experienced the rise of philo-Semitism in the 1980s and early 1990s, a time, when the Jewish population was on the decline.
In the 1990s the first immigrants from all countries of the former Soviet Union entered the communities – life-extending measures for Judaism in Germany, but not a proper countermeasure to establish a vibrant Jewish community for decades to come. Actually, the Jewish Community shrinks again.

Members of Jewish Communities in Germany up to 2012

Members of Jewish Communities in Germany up to 2012

The philo-Semitism of these years created a peculiar image of Germany’s Jews. All the Klezmer bands and Jewish Culture festivals without Jews created a Pseudo-Jewish-presence in Germany. The ordinary German must have thought, there are Millions of Jews in Germany, just because of the high frequency of cultural events.
Judith Kessler (Berlin) coined the term “Jewish Disneyland” to describe this phenomenon. But there were some inhabitants of “Jewish Disneyland” who were actually Jewish. Strange enough, they had to find their place behind the scenes of the funfair. Along the way, the mainstream created an “ideal Jew”, with special attributes.
Imagine what happened, when the actual “Jew” did not meet the expectations of his non-Jewish Co-Germans!? The strong disappointment of the people can be annoying for both sides.

The non-Jewish German expected another Jew:
He had to be intelligent, better an intellectual, religious (or at least, an expert for all kinds of abstruse questions), a Violin-player or musician in general. Always with “this special kind of humor”. In some cases people expected a slight Yiddish accent. Or people expected a good pat on the back when people spoke about how their grandparents hid Jews on their attic. If you sum up all the figures, you’ll have the impression millions of Jews survived the Shoah (on attics).

An interesting side effect was that some non-Jews are considered Jewish in the eyes of the average German simply because he is an outspoken intellectual or matches one of the “typical” prejudices. One example is the the polarizing columnist Harald Martenstein, who writes for the weekly “Die Zeit”, sometimes his articles show a sense of humor. He is considered to be Jewish.

If you are a Jew, People will tell you a zillion times that you are a German Jew and not a Jew in Germany, that Judaism is a part of Germany’s cultural heritage, but they still maintain your feeling of “not being in the inner-circle” of society. Paradoxically you are socially engaged, but still “the Jew” not simply “a Jew”. Open anti-Semitism is easier to deal with, because you are part of direct communication. A clear “I don’t like you” is easier to live with.
But there is one “undocumented” facet of this special relationship:
Jews who actually liked their place in the Jewish Disneyland or still like it.
Why?
Because it creates public attention.
The public demands an easy to handle public (Jewish) figure and some are willing to offer such a personality. You can do a tour telling “Jewish fairytales” or be an expert of Judaism to a non-jewish public, even if you are a low performer. The same for novels. Write an awful piece: You are Jewish, that’s sufficient. You’ll find your audience and they will adore you. And some people like it to be adored. At the same, these persons are fueling the image of the “ideal Jew”. I guess, this is a character Mounk did not mention.

But every time a Jew does not fit the expectations, he is target to old-school anti-Semitism. Michel Friedman for example was vice president of the Central Council of Jews in Germany and not one of those, who wanted to be loved by the public. When Friedman had been accused of offering cocaine to Ukrainian prostitutes, he was target of massive anti-semitic scoff. As long as everybody is inconspicuous there is no problem, but if Jews demand to keep the circumcision, things are getting rough.

To draw a comparison: Germany for Jews is like Hawaii. On the surface, everything is excellent and sunny. You can spend a marvelous time. The place is almost a paradise. But beneath the surface is a constant flow of lava and the crust of the earth is thin .The likelihood to experience an eruption is high.
We experienced some small eruptions in the past: Shechita, circumcision, a debate about drawing a line under the “shoah issue”.

Yasha Mounk wrote a whole book about his situation. It will be translated, for sure. And he will be invited to present his book to a German audience. Public attraction is guaranteed.

9. Januar 2014 – 8 Shevat 5774
von Chajm
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Die große Kaschrutliste

Die Lebensmittel der großen Marken in Europa stammen häufig aus der gleiche Produktion und sind nahezu überall verfügbar. Nicht selten kann es vorkommen, dass man auch mal im Nachbarland einkauft (das hängt natürlich von der geographischen Situation ab). Deshalb ist es folgerichtig, dass es nicht mehr nur nationale Kaschrutlisten gibt, sondern eine große europäische. Die Europäische Rabbinerkonferenz hat das Projekt an den Start gebracht und eine solche Liste ins Netz gestellt (hier).
Europäische Kaschrutliste

Mann kann, nicht ganz intuitiv, die Liste sortieren oder sich Einträge für bestimmte Länder anzeigen lassen. Um das zu tun, muss man allerdings ein gewisses Verständnis für solche Anwendungen mitbringen. Wer etwa Produkte anzeigen lassen möchte, die für Deutschland relevant sind, muss dies eingrenzen: Zeige mir Einträge für Germany.
Kaschrut-Liste

Man erhält dann alle Einträge für Lebensmittel, die auch in Deutschland verfügbar sind. Das Problem an den Daten ist, dass sie offenbar aus den nationalen Listen stammen. So schleichen sich deutsche Negativeinträge in die Liste. Das Lebensmittel taucht in der Liste auf, ist aber nicht koscher. Einfach, weil der Ersteller der deutschen Liste dies eingetragen hat:

Nicht koscher

Man kann sich fragen, welchen Wert diese Information für jemanden ist, der mit dem Wort Nicht nichts anzufangen weiß. Glücklich derjenige nichtdeutsche Nutzer, der das abstrahieren kann. Es gibt da also noch reichlich Verbesserungspotential. Dass ein Datenpool existiert, ist ein riesiger Fortschritt. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, diese Daten unter eine freie Lizenz zu stellen, so dass man sich mit anderen Tools aus diesen Daten bedienen und Apps oder Onlineanwendungen bauen kann.

Die deutsche Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz findet man übrigens hier.

5. Januar 2014 – 4 Shevat 5774
von Chajm
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Judentum für Einsteiger

Judentum für Einsteiger

Judentum für Einsteiger

Die Kette der erklärenden Werke zum Judentum reißt nicht ab. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit erscheinen neue. Es gibt dafür auch einen Markt. Kann man zumindest annehmen. Kaum ein Buch erscheint ohne dass eine gewisse Aussicht darauf besteht, dass es auch jemand kauft. Es gibt »kleine«, »kurze« und »schnelle« Einführungen ins Judentum. Einige, etwa von einer in Israel lebenden Autorin, die viele nichtjüdische Fans in Deutschland hat, sind so einfach, dass man sie als vereinfachend bezeichnen könnte. Die schlechteren unter diesen Einführungen bringen Mischungen aus vielen Themen. Ein historischer Abriss kommt mit einer Erklärung der Feiertage zusammen. Hinzu kommen noch ein paar Grundlagen à la »Was ist koscher?«. Es ist offensichtlich, dass man mit dieser Herangehensweise jedes Thema nur kurz streifen kann und keinem so richtig gerecht wird. Wie auch immer: An Juden wenden sie sich nicht. Wenn Juden nicht an der Oberfläche kratzen wollen, sondern eigentlich mit Observanz starten wollen, benötigen sie schon etwas mehr Unterstützung.
Die möchte der israelische Rabbiner Schmuel Bistritzky anbieten. Mit dem Buch/der Serie »Judentum für Einsteiger«. Tatsächlich ist diese Einführung sehr detailliert. Teffilin anlegen, wissen, was überhaupt in ihnen ist, Tallit anlegen etc.
Eine ausführliche Rezension ist hier, auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen, zu finden.
Sicher wird man sich vielleicht einige Details in ein Siddur schreiben wollen. Dort würden sich viele Anmerkungen übrigens sehr gut machen. Einen deutschsprachigen und kommentierten Siddur gibt es ja bisher nicht.
Das Buch ist hier erhältlich. Hier gibt es auch ein ausführliches Inhaltsverzeichnis.

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31. Dezember 2013 – 28 Tevet 5774
von Chajm
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Judentum und Sexualität

Es gibt stets ein paar Dinge und Einzelheiten, die man häufig erst gefragt wird, wenn nicht mehr so viele andere Menschen dabei sind. In der Regel dreht es sich um den Themenbereich Sexualität. Wie sieht es da aus? Juden und Sex? Klar ist wohl, dass sie ihn haben. Dass die Männer beschnitten sind, hat sich wohl ebenfalls herumgesprochen. Und dann? Loch ins Laken geschnitten und los?
Was geht? Was geht nicht? Gibt es Tabus?
Informationsbedarf scheint vorhanden zu sein, also wird es nun auf talmud.de eine ganze Reihe von Artikeln geben, die sich mit der Sexualität beschäftigen. Weil das Judentum sich mit jedem Lebensaspekt beschäftigt, gibt es zu dem Thema auch einiges zu sagen.

Der erste Artikel, der nicht explizit mit »Was geht? Was nicht?« überschrieben ist, aber das
meint, ist hier zu finden.

Die Frage, wer den Mythos mit dem Loch im Laken erfunden hat, konnte aber bisher nicht geklärt werden. Woody Allen?