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Endlich

Der »Doktor« war etwa 90 Jahre alt. Ein hagerer Mann. Er sah nicht mehr besonders gut und war deshalb auf Hilfe angewiesen. Wenn ich an einem Abend bei ihm war, half ich ihm, warme Milch vorzubereiten, entfernte für ihn Krusten von Broten und unterhielt mich mit ihm über das, was sein Leben ausgefüllt hat. Er kam aus dem Ruhrgebiet, wuchs dort auf bis ihn die Nazis vertrieben, er verlor einen Teil seiner Familie, er kehrte zurück nach Deutschland, wurde Zahnarzt, hatte ein »ausgefülltes« Leben. In seinem Alter zeigte er eine Art »Dankbarkeit« für das, was er gutes erlebt hatte und Verbitterung nur über diejenigen, die ihm das Leben nehmen wollten. Das verlieh ihm eine gewisse Ruhe.
An einem Sommertag brachte ich ihn zu einem Kardiologen. Der konnte den Zustand seines Herzschrittmachers überprüfen und teilte dem »Doktor« mit, dass die Batterie nun endgültig leer sei. Von einem Austausch würde er abraten. Der »Doktor« nahm das mit Fassung und fuhr mit mir nach Hause. Er wirkte vollkommen ruhig und sprach nicht weiter darüber.
Viele Tage, einige Monate, vergingen. Mal half ich ihm mit dem Abendessen, mal half ich ihm mit dem Frühstück. Dann folgten schwächere Tage. Er konnte das Bett nicht mehr verlassen und am Ende nur noch mit Mühe sprechen. Die Kräfte verließen ihn und noch immer war er ruhig und gefasst. Eines Tages schlief er ein und wachte nicht wieder auf.

Eine andere Dame ging auf die 100 zu. Aber sie wirkte nicht gebrechlich, sondern überaus agil und wach mit einem recht trockenen Humor und jeder ihrer Sätze war druckreif. Ein Austausch von Floskeln lag ihr nicht, Gespräche musste irgendein relevantes Thema streifen. Wen interessiert schon das Wetter? Ich mochte ihren Akzent. Sie wuchs in Czernowitz auf. Zu einer Zeit, in der viele Juden der Stadt Deutsch sprachen. Ihr Alter merkte man ihr nur dann an, wenn es darum ging, größere Herausforderungen anzugehen. Einen Ausflug in den Supermarkt traute sie sich nicht mehr zu. Aus diesem Grund bat sie mich, ihr Süßstoff zu besorgen. Weil ich es für »praktisch« hielt, brachte ich ihr eine große Packung mit. 1000 Süßstoff-Tabletten. Als ich ihr die gab lächelte sie. »Sie wissen doch wie alt ich bin, nicht? Rechnen wir gemeinsam, für wie viele Jahre dieser Vorrat an Süßstoff ausreichen wird. Ich trinke jeden Tag eine Tasse Tee mit Süßstoff. Ich denke also, dass der Süßstoff den Rest meines Lebens vorhalten wird. In meinem Alter ist das ein durchaus übersichtlicher Zeitraum.« Aber es machte ihr nichts aus. Wenn ich mit ihr sprach, schockierte mich die »Zukunft« vielleicht noch etwas mehr als sie.
Diese Ruhe derjenigen, die auf ein langes Leben zurückschauten, wirkte auf mich im wahrsten Wortsinne »beruhigend«. »Sorgen sie dafür, dass sie etwas haben, worauf sie später zurückschauen können.« war ein Apell der Dame an mich. Also an den jungen Mann (damals) der ihr half und den die überschaubare Lebenserwartung ein wenig mit Ehrfurcht erfüllte – aber nicht mit Furcht.

Die eigene Endlichkeit betrachtete mich später erst aus den Augen eines neugeborenen Babys. Du hältst ein Baby in den Armen und weißt plötzlich, dass dieser Mensch dein eigenes Leben überdauern wird. Das war eine andere Wahrnehmung der »Endlichkeit« des Menschen.
Furcht? Ehrfurcht? Transzendenz am Ende?

Das sind immer kleine Augenblicke. Kleine Blitze. Im jüdischen Jahr ist es ritualisiert. Etwa dann, wenn gefordert wird den »Kittel« anzulegen – das Totenhemd.
»Kleine Augenblicke« sind auch Mitteilungen von Todesfällen. Besonders dann, wenn man die Menschen gekannt hat. Verstärkt dann, wenn sie »vor der Zeit« gehen.
Der Tod eines »Prominenten« kann das auch sein. Bei Roger Willemsen war es so. Eine Person, die die Medien seit meiner Jugend bewohnte und die ich für sympathisch hielt, weil sie immer etwas aus der Zeit gefallen wirkt(e). Als es die Zeitung »Die Woche« noch gab, hatte Willemsen eine Kolumne dort. Hin und wieder schrieb er ein Buch über das man sich unterhalten konnte. Er schrieb eigentlich äußerst viele Bücher, aber nicht alle habe ich gelesen. Ich war nicht »Fan«, sondern vielleicht sympathisierender »Begleiter«.
Er war jemand, von dem andere schreiben, er habe »intensiv« gelebt, was in diesem Zusammenhang ausnahmsweise nicht bedeutete, dass er sich mit Alkohol und Drogen das Leben selber verunstaltet hat. Hier bedeutete das tatsächlich, dass ein Mensch versucht hat, möglichst viel zu tun. In der Nachbetrachtung wirkt das Motto, dass Roger Willemsen zur Bewerbung seines Buchs »Momentum« ausgegeben hat, sehr glaubhaft: »Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.«. Ich hätte mir gewünscht, dass er mehr Zeit dafür gehabt hätte, zurück zu schauen.
Und zugleich denke ich daran, dass dies auch die »ehrliche« Haltung ist, die durch jüdische Texte scheint. Keine Orientierung daran, dass »später« einmal alles besser ist, sondern ein Festhalten daran, wie schön das Leben sein kann und dass man sich natürlich wünscht, es würde niemals aufhören.
Im Buch Jeschajahu (38,18-19) wird König Chiskijahu zitiert:
»Denn der Scheol preist dich nicht, der Tod preist dich nicht; die in die Grube hinabgefahren sind, hoffen nicht auf deine Treue. Der Lebende, der Lebende, der preist dich.«

Rabbi Joseph Soloveitchik erzählt in seinem Buch »Isch haHalachah«, die größten »Torah-Giganten« hätten sich vor dem Tod gefürchtet. Sein Onkel R. Meir Berlin (Bar-Ilan) etwa. Als er eines Morgens die Strahlen der aufgehenden Sonne über dem Meer betrachtete, sei er zugleich voller Ehrfurcht vor diesem Naturschauspiel gewesen und zugleich voller Furcht und Melancholie. Er sagte deshalb zu Rabbiner Chajm von Brisk, er sei deshalb so traurig und bedrückt, weil er gerade angesichts des Schauspiels an den Tod denken müsse. Ein kleiner Blitz.
Und vielleicht gerade deshalb gilt das, was die Süßstoff-Dame mir als Aufforderung mit auf den Weg gab.

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Ischto K’Gufo

Dass sefardische und aschkenasische Juden »in« die jeweils andere Tradition heiraten, ist eigentlich ein »neues« Phänomen.
Herauszufinden, warum wer die Tradition des Ehepartners übernimmt, war deshalb gar nicht so sehr einfach… es gibt ein Prinzip namens Ischto K’Gufo – was das ist, habe ich für die Jüdische Allgemeinen aufgeschrieben:
Wieso Weshalb Warum – Ischto K’Gufo

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Wikis und Judentum

Judentum in der Wikipedia

Das direkt vorweg: »Das« Wiki meiner Kindheit hieß Wickie und war der geschlechtslose Abkömmling eines Wikingers – bis ich in einer Folge Wickie nackt auf einem Fisch habe schwimmen sehen. Von da an war klar: Wickie war ein Junge. Sein Potz war deutlich zu sehen. Das kann man wohl heute nicht mehr zeigen. Überflüssig zu sagen, dass es »damals« kein Internet gab, also auch kein Forum für diejenigen, die sich darüber aufregen wollten. Die Wikipedia, die das Konzept des Wikis erst bekannt gemacht hat, wurde erst 2001 gegründet.

Das Projekt hat vieles und viele verändert. Neben google ist es DIE Anlaufstelle für alle diejenigen geworden, die mal eben etwas wissen wollen und hat das Sterben einiger lexikalischer Projekte von Verlagen vermutlich ein wenig beschleunigt. Die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an Encarta (von Microsoft). Das Lexikon wurde zunächst auf CDs ausgeliefert, später gab es einen Online-Zugang und irgendwann wurde es vollkommen eingestellt. Die Menschen klickten gerne in die Wikipedia und es gab und gibt ein paar von denen, die Dinge auch korrigieren und sogar neue Artikel erstellen.
In einer idealen Welt gewinnen die Artikel dadurch an Qualität: Nutzer 1 schreibt irgendetwas, die Nutzer 2 bis 5000 lesen es, Nutzer 5001 sieht einen Fehler und korrigiert ihn (weil er sich auf dem Gebiet auskennt). Das funktioniert zu einem Großteil auch.
Aber die Anzahl derjenigen, die »mal eben« etwas korrigieren, geht aber kontinuierlich zurück.
Das betrifft die englischsprachige Wikipedia, aber auch die deutschsprachige (hier die Rohdaten für die deutschsprachige Wikipedia).

Gut, das kann daran liegen, dass alle Artikel sehr perfekt sind, aber die Anzahl der Menschen, die sehr sehr sehr viel an den Artikeln arbeiten, ist gleich geblieben. Es kann aber auch an fortschreitenden Bürokratisierung der Strukturen in der Wikipedia liegen – . Die Werkzeuge und die Idee dahinter sind großartig. Die konkrete Umsetzung ist etwas zäh. Der Hang zu einer Selbstbürokratisierung von Strukturen in Deutschland scheint nicht gefühlt zu sein, sondern er manifestiert sich auch ganz real. Die Wikipedia gibt es weltweit und eine Art Dachverein kümmert sich um die lokalen Ableger. Zu Deutschland gibt es zu sagen:

Wikimedia Deutschland also has the largest number of staff and largest budget for staff among the Wikimedia affiliates. Some members of the FDC consider that Wikimedia Deutschland’s staff is already oversized and see no rationale behind further increases, especially when the overall budget is being reduced.
von hier: Wikimedia

und jüdische Themen?

Insbesondere wenn es um spezielle Themen geht, wird man in der (deutschsprachigen) Wikipedia schnell an Grenzen des Machbaren stoßen. So weigern sich viele Nutzer und Administratoren beharrlich Kreuze bei den Sterbedaten nichtchristlicher Menschen zu entfernen und setzen die Entfernungen durch andere Nutzer gern zurück. Wer dann tiefer eintaucht und ein wenig an den Artikeln herumschrauben möchte, die für da Thema Judentum relevant sind, gerät schnell an an gewisse Grenzen und muss sich attestieren lassen, keine Ahnung vom Judentum zu haben. Unter anderem auch von Nutzern, die Gemarah und Gemtriah nicht auseinanderhalten konnten. Hier ist dann entscheidend, wer die meisten Nutzer hinter sich zu versammeln weiß. Der Ton ist rustikal, man muss schon sehr sehr viel Interesse an einer Artikelverbesserung haben, wenn man sich das antun möchte.

Die Idee der Wikipedia ist, wie gesagt, sehr gut und wurde deshalb auch schnell adaptiert.
Für jüdische Themen wird es in Zukunft (hoffentlich) spezielle Portale (außerhalb der Wikipedia) geben – mit verlässlichen und guten Informationen. Auch diese sollten im frei im weitesten Sinne sein.

Opensiddur ist ein solches Projekt, bei talmud.de wurde etwas in diese Richtung begonnen. Die Wurzeln von Sefaria.org liegen ebenfalls in etwas, was die Wikipedia begonnen hat.
Spezialisierte Portale mit detaillierteren Informationen und der Möglichkeit, Quelltexte zu nutzen, dürften auf diesem Gebiet die Zukunft sein.

Einige Dissidenten der Wikipedia haben ein jewiki.net gegründet. Ein Projekt, welches eigentlich den Fokus auf jüdischen Themen legen wollte, aber (für meinen Geschmack) ein wenig zu viel dem großen Vorbild entspricht und den Fokus ein wenig verloren hat; denn es werden auch Seiten übernommen, die eigentlich nichts mit dem Judentum zu tun haben. So geht die Zeit für die Weiterentwicklung von jüdischen Themen möglicherweise verloren. Hier kann man von außen nur dazu raten den Projektfokus nicht zu verlieren. Generalisten können von allem ein wenig, aber nichts in der hinreichenden Tiefe.

Mit der Nennung der notwendigen Quellen darf jedes andere Onlineprojekt die Texte übernehmen und verbessern. Für talmud.de habe ich das bereits mit einem Text über Raschi (exemplarisch) gemacht. Die Übernahme des Textes erlaubt es, diesen zu verbessern und vielleicht doch Anlaufpunkte für Informationen mit höherer Qualität zu schaffen.

Wenn man über den Tellerand blickt, sieht man die Bibelpedia. Dort katalogisiert eine Person viele viele Bibelausgaben sehr detailliert und fortlaufend. Das wäre so in der Wikipedia vermutlich gar nicht möglich. Hoffentlich sind das Vorbilder für andere, die noch zögern.

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Antisemitismus als Konstante

Wilhelm Buschs Schmulchen Schievelbeiner

Es wurde in den letzten Tagen viel zum Antisemitismus in Deutschland geschrieben (siehe hier Levis Bericht, oder den von Juna). Das hängt zum einen mit dem 27. Januar zusammen, zum anderen mit der Instrumentalisierung des Antisemitismus gegen Flüchtlinge. Es geht dabei um den Antisemitismus, den Flüchtlinge aus Syrien vielleicht mitbringen könnten. So genau weiß man das noch nicht. Aber die »Maintstream-Gesellschaft« war schon ganz froh, dass da jemand kommt, der etwas offener antisemitisch ist (oder sein könnte). Das lenkt davon ab, dass es in Deutschland schon Antisemiten gab, bevor die ersten Syrer vor dem Krieg flohen (siehe auch hier).
Und: Diesen Antisemitismus gibt es nicht »wieder«, sondern »immer noch«. Eine Art Konstante. Schon der alte Wilhelm Busch bediente antisemitische Stereotypen, wie man am Bild zu diesem Artikel sieht.
Schön beschreibt das eine kleine Geschichte (die vielleicht die meisten jüdischen Leser schon kennen):

Ein Mann, ein Jude, steht mit seinem Koffer am Hauptbahnhof und sieht sich suchend um. Er zieht ihn mal in die eine Ecke, dann wieder in eine andere. Schließlich spricht er einen Mann an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« und der Mann antwortet »Natürlich. Juden sind intelligente und aufrichtige Menschen.« Der Mann mit dem Koffer zuckt mit den Schultern und geht weiter. Er spicht eine Frau ein: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« Die Frau antwortet: »Natürlich. Denken Sie mal daran, was diesen armen Menschen durchleiden mussten.« Der Mann zuckt wieder mit den Schultern und zieht weiter. Er spricht den nächsten Passanten an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« – der Mann sagt »natürlich. Deutsche und Juden sind heute Freunde.« Der Mann mit dem Koffer zuckt erneut mit den Schultern und wendet sich ab. Er wendet sich an einen weiteren Mann. »Entschuldigung, mögen Sie Juden?«. Der Mann verzieht das Gesicht. »Nein. Ich mag Juden nicht besonders. Eigentlich gar nicht.« Der Mann mit dem Koffer schaut erleichtert. »Ich brauche jemanden, der kurz auf meinen Koffer aufpasst. Sie sind der erste ehrliche Mensch der mir heute begegnet ist. Könnten sie das bitte kurz machen?«

Ach. So schlimm ist das doch nicht, ist man geneigt zu sagen. In Deutschland haben immerhin etwa 39 Prozent aller Bürger antisemitische Ansichten. Da kommt es hin- und wieder auch zu Begegnungen. Was ist die Reaktion derjenigen, die das hören oder lesen?
Juden kommen sich zuweilen vor, wie die Person die zum Psychiater kommt und sagt »Ich habe das Gefühl, mich nimmt niemand ernst« und der Psychiater antwortet »Ach! Das glaube ich ihnen nicht.«

Das Ding ist: Wenn man von Vorkommnissen berichtet, bleiben dennoch nur die Berichte hängen, in denen man von »anderen« spricht. Nämlich die Berichte, in denen muslimische oder migrantische Antisemiten agieren. Berichtet man Menschen, die einen teuren Dienstleister einen »echten Juden« nennen, dann heißt es »Ach, das kann doch nicht sein.«. Oder wenn jemand über Marcel Reif sagt, er sei natürlich ein intelligenter Journalist, weil »die« das alle sind. Auch hier: »Ach! Juden sind da einfach zu empfindlich«. Oder, oder, oder. Von der Lupe, unter den Israel in der deutschen Öffentlichkeit steht, muss man gar nicht reden. Da sind die ganz harten Verschwörungstheorien noch gar nicht dabei.
Meine Lieblingstheorie aus den letzten Tagen: Die Behauptung es gäbe (aktuell) ein Antisemitismusproblem sei eine jüdische Verschwörung um von Flüchtlingen abzulenken.

Und dann gibt es auch diejenigen die sagen, man spüre jetzt den Antisemitismus. Die Journalistin Tamara Anthony merkte das öffentlich an und zeigte damit auf das Offensichtliche (etwa hier).
Sie kommt jedoch zu einer falschen Schlussfolgerung: Sie will dem Antisemitismus die »Stirn bieten«. Das ist nicht ihre Aufgabe und nicht die der anderen Juden in Deutschland. Das wäre die Aufgabe der Gesellschaft. Aber die muss das Problem erstmal als »ihr« Problem erkennen und nicht als Problem »der Flüchtlinge«.

Ach ja:

Sollte man dann nicht in den jüdischen Blogs mehr darüber berichten? Wirklich? Vielleicht sollte man nur von den absoluten Höhepunkten berichten. Denn: Ob es Nichtjuden glauben oder nicht: Man spricht zuhause und in der Gemeinde nicht ständig darüber. Da gibt es andere Themen über die man spricht und hoffentlich gibt es noch andere identitätsbildende Elemente. In diesem Blog würde ich gerne (weiterhin) vermehrt über diese anderen Themen berichten. Die Gesellschaft kommt in dieser Zeit (bitte) ihrer Verpflichtung nach.

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Das Jüdische Museum Wien online sehen!

Das Jüdische Museum Wien online

Das Jüdische Museum Wien online

Das Jüdische Museum Wien kann man nun auch online anschauen und sich durch Exponate klicken, sie nahezu beliebig vergrößern und sich sehr genau anschauen – wie etwa diesen Vorhang eines Aron haKodesch:

Toravorhang des Diskin Waisenhauses

Toravorhang des Diskin Waisenhauses


Einigen Objekten kommt man so vielleicht näher als bei einem realen Besuch und kann sich jedes Detail anschauen. Das ist bei Kultgegenständen oder Kunst besonders interessant. Dennoch will man natürlich all diese Dinge auch einmal in Wirklichkeit sehen (ich jedenfalls).

Man kann sich das alles jedoch auch alles in Form eines Rundganges anschauen und sich mit ausführlichen Informationen versorgen lassen und sich so ein umfassendes Bild machen und das führt mitunter auch zu Exponaten, die man sich vielleicht nicht direkt angeschaut hätte.
Eines meiner persönlichen Highlights ist deshalb die Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde« : »Eine Anleitung zur jüdischen Selbstfindung und zum Engagement im politisch-jüdischen Dschungel Wiens« wie es im Begleittext heißt:

Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde«  – »Ausschnitt« aus einem Exponat des Jüdischen Museums Wien

Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde« – »Ausschnitt« aus einem Exponat des Jüdischen Museums Wien


Man muss wohl dem Jüdischen Museum Wien und google (für die technische) Umsetzung und die tollen Einblicke danken.

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Der Admor von Malta

Website Admor von Malta

Website Admor von Malta

Malta hat eine kleine (winzige) jüdische Bevölkerung. Ansonsten dürfte der Staat besonders für die Playmobil-Produktion und die Teilnahme am Eurovision-Song-Contest bekannt sein.

Seit einiger Zeit gibt es aber offenbar eine neue Einrichtung.
Den »Admor« – wobei Admor ein sogenanntes Akronym ist. Also ein Wort aus einer Abkürzung:
Addoneijnu Morejnu, weRabbeijnu Das we (Waw) kann auch als O gelesen werden: Also kurz AdMOR. Das bedeutet »Unser Herr, unser Lehrer, unser Rabbi«. Das wird in der Regel für sehr sehr bedeutende Torahgelehrte verwendet.
Oder anders formuliert: Ein neuer Rebbe ist in der Stadt.

Viel kann man nicht erfahren über diesen Mann, außer dem, was er selber über sich veröffentlicht. Er sei Kabbalist und »High-Priest of G-d« und »Grandmaster« der »United Order of Light«. Außerdem sei er Heiler. Kikar haSchabbat berichtet berichtet, der Admor habe kurze Zeit in Israel gelebt. Mehr weiß auch diese (orthodoxe) nicht zu berichten.
Auf seiner Website heißt es, er habe in Amsterdam seine Berufung empfangen und Kabbalah studiert. Die Kleidung des Rebben erinnert wenig an die anderer Rabbiner.
Zielgruppe scheinen in erster Linie Nichtjuden zu sein. Auf Fotos zum Launch der Website sieht man eher distinguierte Damen und Herren.

Da seine Zielgruppe eher Nichtjuden sind, beziehen sich auch die Lehren eher auf ein breites Publikum auf der Suche nach spirituellen Inhalten und Tipps fürs berufliche und private Weiterkommen. Unter anderem auch, wann man mit einem Mann zusammenkommen kann, der bereits verheiratet ist (siehe hier). Viele Inhalte sind »protected« – man kann sie also nicht lesen. Ein Artikel über Jom Kippur beschäftigt sich mit Königin Esther ohne zu sagen aus welchem Grund (hier).

Aufmerksam wurde ich über einen kleinen Umweg auf den neuen Rebben: Kikar haSchabbat כיכר השבת hat kürzlich darüber berichtet, als der Rebbe in Bejt Schemesch weilte. Davon gibt es auch ein Video bei YouTube:

Das zu bewerten, ist an Euch…

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Ritualmord?

Alte russische Darstellung des Jungen Gabriel

Alte russische Darstellung des Jungen Gabriel

Nach 15 Jahren Wikipedia kann man sagen was man will, aber bestimmte Inhalte überleben nicht lange, auch wenn man viele andere aussichtslose Kämpfe (etwa gegen das Kreuz im Sterbedatum jüdischer Personen) austragen muss und dabei so einiges einstecken muss. Der, mitunter, seltsame Umgang mit Nischenthemen hat aber in vielen Bereichen dazu geführt, dass die Dinge einfach selber in die Hand genommen werden.

Die Orthopedia ist so ein Beispiel. Sie ist ein (großes) Wiki zum orthodoxen Christentum (einen Witz zur Bezeichnung ähnlich lautenden Fachärzte habe ich mir verkniffen – unter Schmerzen) in dem beneidenswert viel Arbeit steckt.
Die Orthopedia, zeigt aber vielleicht zugleich, welche Vorteile es haben könnte, wenn noch einmal jemand ganz unbefangen die Texte liest. So könnten Texte entstehen, die es in dieser Form in der Wikipedia vielleicht nicht gegeben hätte, denn dort finden wir (mindestens einen) Artikel der – formulieren wir es vorsichtig – an Ritualmordlegenden denken lässt:

Im Mai 1917 bekleidete er das Amt des Vorstehers der Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale (Kathedrale Basilius des Seligen) in Moskau, wo damals Teile der Heiligen Reliquien des von Juden ermordeten Heiligen Kindes Gabriel von Sluzk aufbewahrt wurden.
von hier: Orthopedia (Direktlink auf die letzte Version)

Die Rede in diesem verhängnisvollen Nebensatz ist hier vermutlich von Gabriel von Białystok. Der wurde angeblich (und klassischerweise) zum Pessachfest eingefangen.
Der Grund ist bekannt: Blut für Mazzen. Auch die russischsprachige Wikipedia ist man nicht so extrem zimperlich und fügt lediglich an, das Märtyrertum des kleinen Gabriel werde von russischen-orthodoxen Gläubigen geglaubt. Aber der russischsprachige Artikel gibt Auskunft darüber, dass die deutschen Besatzer in den 40er Jahren gerne dabei behilflich waren den Kult wieder zu reaktivieren. Das kann man in der Orthpedia.de so nicht lesen.

Was den deutschsprachigen Artikel betrifft:
Es ist erstaunlich, mit wie wenig Kritik das in einen Artikel einfließen kann, der in deutscher Sprache publiziert wird und so seit Dezember 2012 online steht. Zumindest der eingebende Mensch muss sich doch gefragt haben, was heute dazu zu sagen ist? Oder dokumentiert dies die offizielle Haltung?

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Kauf den Tallit einfach bei H&M

Shop H und M
Das war eine tolle Überraschung! Sonst bringt H&M immer Tücher und Schals auf den Markt, die an die Kefije erinnern und statten so ganze Horden Jugendlicher mit wenig positiven Kleidungsstücken aus.

Jetzt wurde weltweit der Tallit-Style auf den Markt gebracht.
Dazu gibt es drei schlechte Nachrichten:

  • Erste: Natürlich gab es Proteste dagegen. Angeblich sei das ein heiliges Symbol. So zitiert die Jüdische Allgemeine jemanden der das so empfindet (siehe auch hier). Auch bei facebook gab es die generelle Bereitschaft sich zu empören. Aber warum? Die JA zitiert die Unternehmenssprecherin mit einer Entschuldigung. Wofür sollte sie sich entschuldigen? Vielleicht bei Antisemiten, die sich provoziert fühlen?
    Gefühlt war das ein Aufreger für engagierte Nichtjuden, die da einen Skandal witterten.
  • Zweite: Der Schal ist für Frauen gedacht. Aber wenn man es ganz genau nimmt, dürften (jüdische) Frauen das Tuch gar nicht anziehen – denn es heißt ja, eine Frau dürfe sich nicht kleiden wie ein Mann.
  • Dritte: Der Schal ist bereits ausverkauft!

Unbestreitbarer Vorteil:
Wenn die Innenstädte voller Tallesim sind, weil sehr sehr viele Menschen den Schal tragen, kann man unbehelligt mit seinem eigenen richtigen Tallit auf die Straße gehen.
Oder: Zitzit kaufen, anbringen – fertig ist ein günstiger Tallit.

Scheinbar gab es bei H&M auch dieses Kleid:

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Das magische Buch

Ein Zauberbuch - hier Dämonen

Ein Zauberbuch? Woher kommen die Dämonen?

Weil alle dazu etwas zu sagen haben:
Es gab einen Zauberer.
Der hatte unvorstellbare Zauberkräfte – gegen die konnte fast niemand etwas tun. Dieser Zauberer hatte ein Buch geschrieben.
Ein Zauberbuch. Und jeder der das Buch las, wurde in den Bann des Zauberers gezogen und folgte fortan den Befehlen aus dem Zauberbuch.
Und unter dem magischen Einfluss des Zauberers taten die Menschen furchtbare Dinge. Sie waren unter einem »Bann«. Oder in heutiger Sprache: Sie waren wie Zombies. Liefen herum, taten schreckliche Dinge, aber ohne den Verstand zu benutzen.
Und natürlich: Die Menschen trugen dafür keine Verantwortung.
Sie standen ja unter dem Einfluss von böser Magie.

Das haben uns die Menschen jedenfalls erzählt als der Zauberer tot war und das glauben viele Menschen noch heute.

In Wahrheit aber: Der Zauberer war nur ein Mensch, ein böser Mensch zwar, aber er hatte keine Zauberkräfte.

Er brachte Menschen nicht mit Magie dazu, böse Dinge zu tun. Sie halfen ihm dabei, weil sie sich viel davon versprachen und wo immer sie ihre Macht schlechtes zu tun ausüben konnten, taten sie das auch. Auch in eigener Verantwortung.

Es ist klar, dass es um »Mein Kampf« geht. Jenes Buch das offenbar so starke Zauberkräfte besitzt, dass jeder der es liest sofort Antisemit oder Anhänger des Nationalsozialismus wird. Da gibt es Ängste die man zur Kenntnis nehmen muss, aber es man sollte sich vor dem Narrativ hüten, der große Zauberer habe die Menschen verführt und es (unter anderem) mit Hilfe des Buchs getan. »Die Nazis« waren keine außerirdischen Besucher und auch keine Dämonen aus der Hölle. Das waren die Bewohner Deutschlands (bzw. des Deutschen Reiches) und sie alle (mit Ausnahmen natürlich, aber das zerstört meine Polemik) haben mitgeholfen, die Maschine des Regimes laufen zu lassen. Ohne seine Helfer wäre der große Zauberer nichts gewesen. Die Effizienz der Tötungsmaschine dachte sich wohl nicht allein der Mann an der Spitze des Staates in allen Details aus, sondern die vielen kleinen Helfer.
Die Züge wird nicht allein einer gefahren haben, die Selektionen an den Rampen hat nicht nur eine Person durchgeführt, die westeuropäischen Juden hat nicht nur ein Mann aus ihren Wohnungen abgeholt, die Massenerschießungen in Osteuropa hat nicht nur ein Mann durchgeführt. Dafür brauchte es viele Helferinnen und Helfer. Und das waren keine ferngesteuerten, willenlose Helfer oder Aliens vom braunen Planet.
Denn auf das erwähnte Märchen läuft es hinaus, wenn wir so tun, als sei »Mein Kampf« ein Buch welches die Menschen bekehren könnte. Gerade noch freundlich, nach einigen Seiten marschieren sie im Stechschritt?

Das Buch gibt sehr genau Auskunft über das wirre Universums seines Autors: Verschwörungstheorien, Rassenwahn, eine geschönte Biographie, absurde Aufzählungen und Analogien. Wer sich über den gesamten Wahnsinn in seiner Aberwitzigkeit informieren will, sollte sich die Lesung von Serdar Somuncu anhören. Er hat das Buch jahrelang öffentlich vorgetragen und es, wenn man so will, demaskiert. Wenn man Somuncu hörte, war die einzige Frage die man sich stellen konnte: Dieser »Text« soll mich überzeugen?
Der wissenschaftliche Kommentar, der jüngst erstellt wurde, scheint das Machwerk dagegen schon ein wenig aufzuwerten. All das, um dem Buch den Zauber zu nehmen? Brauchen wir für jeden Satz eine Fußnote bevor wir das Buch auf die Öffentlichkeit loslassen?
Hören wir auf, daraus Metaphysik zu machen! Das könnte der erste Schritt zu einer vernünftigen Auseinandersetzung damit sein.

Wer behauptet, das Buch könne jemanden ohne Fremdeinwirkung und Vorprägung überzeugen, muss davon ausgehen, dass das Buch jemand liest, der wirklich gar keine eigene Meinung hat und sich vorher die komplette Festplatte hat neu formatieren lassen. Der heutige Leser weiß, wohin das alles geführt hat.
Aber es stimmt: Über den gegenwärtigen Stand der politischen Bildung könnte man einmal nachdenken und darüber nachdenken, wie man das heute vermittelt.

Ein weiterer Aspekt

Im Schillerjahr 1905 wurde Hermann Hesse gefragt, so erzählt man sich jedenfalls, wie man die Menschen dazu bringen könne, wieder Schiller zu lesen. Hesse gab den Rat: Man müsse Schiller verbieten, dann würde er wieder gelesen.

Spricht gar nichts gegen ein Verbot?

Eine Sache wäre da noch: Der offene Verkauf einer antisemitischen Schrift. OK. Im Vergleich zu dem, was in vielen Kommentarspalten hier im Internet veröffentlicht wird, wirkt das Original blass, aber es bleibt juristisch zu prüfen, ob die antisemitschen Aussagen in dem Buch einen Verkauf noch stoppen könnten.

Die Ideologie hat längst ein Update erfahren – denn wie gesagt – sie geht nicht von einer Person aus, sondern wird von vielen Menschen gepflegt und unterstützt. Dagegen vorzugehen, das ist die große Aufgabe.

Wer übrigens richtige Nazi-Zombies sehen will, der kann sich Dead Snow anschauen.

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Ein paar Worte zu Ani Teffilah von Koren

Ani Tefillah von Koren

Der Verlag Koren bringt derzeit die (gestalterisch) besten jüdischen Bücher heraus (alle Beiträge zu Koren, bitte hier klicken).
Der Talmud: Unerreicht.
Die Neuausgabe des Siddurs: Ganz groß.
Die neuen Ausgaben des Tanach: Setzen Standards.
Inhaltlich stets hervorragend, gestalterisch und typographisch merkt man, dass sich da Leute mit der Thematik auseinandergesetzt haben, die sich hervorragend damit auskennen.

Bei neuen Veröffentlichungen muss man also eine ganz besondere Messlatte anlegen. Man befürchtet es also schon: Mindestens ein Buch hat mich enttäuscht. Zumindest teilweise.

Die Rede ist von einem Siddur für Wochentage von Koren. Der kommt mit einem Kommentar zu den täglichen Gebeten daher (der übrigens sehr gut ist) und ein paar anderen halachischen Anmerkungen zu den täglichen Gebeten. Zielgruppe sind in erster Linie Jugendliche, aber auch Erwachsene können die Kommentare mit Gewinn lesen.

Interessant ist, dass man für diese Ausgabe in den Kommentaren nicht, wie sonst bei Koren üblich, eine Serifenschrift verwendet, sondern eine Schrift ohne Serifen. Das orientiert sich möglicherweise an der Talmud-Edition von Koren. Dort ist der Kommentar auf dem Seitenrand ebenfalls serifenlos – wirkt aber weniger aufdringlich.

Ani Teffilah - Kommentar

Ani Teffilah – Kommentar

Verblüfft war ich aber von der Chuzpe im Minchah-Gebet. Dort wollte man den Kommentar zur Amidah nicht wieder verwenden, was sehr verständlich ist, hat aber den Text nicht neu auf den Seiten angeordnet, sondern einfach nur den Kommentar entfernt. Das Ergebnis sind Seiten auf denen sehr viel weißer Raum ist:

Ani Teffilah - Minchah

Ani Teffilah – Minchah


So sähe die Seite mit Kommentar aus:
Minchah mit Kommentar

Minchah mit Kommentar

Im Vorwort wird dem die Krone aufgesetzt und zur Tugend erklärt. Man habe bewusst im Minchah-Gebet auf einen Kommentar verzichtet und dort Platz für eigene Notizen und Gedanken gelassen. Das ist Papierverschwendung, führt zu unnötiger Blätterei während des Gebets und wirkt so, als nähme man den Leser nicht sonderlich ernst. Stand man da unter Zeitdruck?
Für Jom Hatzma’ut wurde Psukej deZimrah für Feiertage aufgenommen, aber Elemente für die Zwischenfeiertage fehlen (etwa Mussaf für Chol haMo’ed). Eine redaktionelle Entscheidung, über die man diskutieren könnte. Den Platz dafür hätte man jedenfalls gewonnen, wenn man das Minchah-Gebet auf weniger Seiten präsentiert hätte.

Von den großen Vorbildern verlangt man natürlich auch mehr. Trotz des guten Kommentars (den man also empfehlen kann), lässt dieser eine Punkt das Gesamtwerk irgendwie schräg aussehen. Schade.