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Synagogen bauen

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge Amsterdam – für viele Minjanim dürfte diese Größe ausreichen

Kaliningrad

In Kaliningrad, der Stadt, die früher »Königsberg« hieß, wird demnächst eine neue Synagoge eröffnet (siehe hier). Diese Synagoge ist ein Nachbau der Synagoge, die es bis vor der Schoah in der Stadt gegeben hat – jedenfalls von außen. Der Innenraum wird neu gestaltet, vermutlich dann auch nach den Erfordernissen von Chabad. Die ursprüngliche Synagoge dort diente ja der liberalen Gemeinde mit Orgel und allem was dazu gehört. Die fertige Synagoge wird letztendlich 500 Plätze haben, soll aber bis zu 2.000 Menschen versorgen können. Eines liegt also auf der Hand, auch wenn von einem Wiederaufbau der Königsberger Synagoge gesprochen wird (ausdrücklich), ist es das nicht. Die heutige Gemeinde knüpft natürlich nicht an die Tradition der Königsberger Gemeinde an und erbaut auch nur die Fassade der alten Synagoge.
Ein sehr ungewöhnlicher Schritt, denn gerade Chabad hätte ich zugetraut, etwas »neues« zukunftsorientiertes zu bauen. Mit einem Blick auf eine realistische Einschätzung der Lage: Eine leicht zu unterhaltende Synagoge, zugeschnitten auf die Gemeindemitglieder. Tallinn scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein. Dort baute Chabad ein smartes neues Gemeindezentrum. Statistische Angaben (von 2012: Arena Atlas Religion Maps. »Ogonek«, № 34 (5243)) legen nahe, dass es im gesamten Oblast Kaliningrad gerade so 1.000 Juden gibt. »Oblast« meint das gesamte Gebiet Kaliningrad. Dieses Gebiet hat ungefähr 940.000 Einwohner, weniger als 0,1 Prozent sollen jüdische Einwohner sein. Da sind 500 Plätze mehr als optimistisch.

Aber offenbar erhöht das Akzeptanz der Synagoge und erzeugt offenbar gewisse Emotionen. So konnte man auch das notwendige Geld für den Bau aus Spenden aufbringen und den »Zirkus« der Stadt entschädigen, der auf dem Baugrund stand. Hier wird die Zukunft zeigen, ob dies wirklich das richtige Vorgehen war.

Deutschland – wohnen in der Nähe der Synagoge

Ende des vergangenen Jahres (2017) entschied das Sozialgericht Berlin, dass die Stadt keine 2.000 an Hartz 4 Empfänger für eine Wohnung in der Nähe einer Synagoge zahlen muss (siehe hier). Man dürfe am Schabbat nicht mit dem Auto in die Synagoge fahren – was ja auch stimmt, aber leider seien alle Wohnungen in der Nähe der Synagoge sehr teuer. Deshalb müsse die Miete einer solchen Wohnung vom Amt übernommen werden. Das offenbart ein ganz anderes Problem der Gemeinden in Deutschland: Sie sind zwar »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen (siehe auch den Text hier), aber dort, in der Mitte der Städte, sind die Mieten sehr hoch. Die Gemeinden werden dort gebaut, wo sie gesehen werden und die offene Demokratie demonstrieren. Sie liegen aber nicht dort, wo die Gemeindemitglieder wohnen. Das erschwert observantes Leben eher, als dass es das erleichtert.

Die Verbindung

Beide Ereignisse sind zwar geographisch voneinander getrennt, erzählen aber die gleiche Geschichte: Die Versuchung ist groß, »symbolisch« zu handeln und nicht pragmatisch. Davon hängt aber die Zukunft der Gemeinden ab. Sie sollten pragmatische Entscheidungen treffen und betrachten, wohin sich die Gemeinden entwickeln sollen. Synagogen in Innenstadtlagen sind eher etwas für Menschen, die sich das Leben dort leisten können – wobei es natürlich in Einzelfällen Innenstädte gibt, die noch eine ausgewogene Mietstruktur haben.

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Wütend

Israel haYom titelt mit dem Bekenntnis der Hamas: 50 der Opfer waren unsere Kämpfer.

Es muss einen empathischen Menschen doch wütend machen, dass es Leute gibt, die in einem den blanken Hass auslösen und das mit Absicht. Leute, die wollen, dass man die Kontrolle verliert und emotional reagiert. Und dass dieses Gefühl auch in mir aufkeimt, macht zumindest mich wütend.

So habe ich mehrere Tage die Situation an der Grenze zu Gaza beobachtet – wie viele andere auch.
Seien wir nicht naiv.
Dass sie entstanden ist, hat nichts mit der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem zu tun. Die Eröffnung markiert ohnehin nur eine Tatsache. Jerusalem ist schon länger als eine Woche die Hauptstadt Israels. Einer besonderen Zeremonie hätte es da gar nicht bedurft, um diese Selbstverständlichkeit zu markieren.

Aber zurück nach Gaza.
Der »große Marsch der Rückkehr« – gemeint ist die Rückkehr in die Dörfer, die man nach dem Angriff auf Israel verlassen musste – wurde schon vor längerer Zeit für den Tag der »Nakba« geplant. Vollkommen unabhängig von der Eröffnung der Botschaft.
Es wäre dumm, anzunehmen, dass die Hamas, die Regierung von Gaza, die Israel vollständig vernichten will (Charta), plötzlich ihre Friedfertigkeit demonstrieren will.

Früher war es bei Auseinandersetzungen so, dass die Kontrahenten die Opferzahlen auf eigener Seite möglichst niedrig halten wollen – und die auf der anderen Seite möglichst hoch oder »effektiv«. Hier ist es genau umgekehrt. Der Staat Israel hat es mit einer Organisation zu tun, die Opferzahlen maximieren möchte. Das dürften sogar die Menschen vor Ort wissen. Dass man das in den Medien hier nicht sehen will, wundert schon ein wenig. Darüber, dass man mehrfach am Grenzübergang Kerem Schalom Feuer gelegt hat, um die Energieversorgung zu unterbrechen und humanitäre Hilfsgüter wieder zurück nach Israel schickt, davon erfährt man hier auch wenig.

Die Berichte zeigen, dass man versucht hat, möglichst viele Menschen dazu zu motivieren, den Grenzzaun zu überwinden (New York Times, hier). Nicht um in die Heimatdörfer der Vorfahren zu marschieren, sondern um Menschen zu töten. Was für einige wenige Kämpfer der Hamas nicht möglich wäre, soll die bloße Flut der Menschen schaffen.
Auf der anderen Seite israelische Soldaten. Verstärkte Posten. Es wird Tränengas eingesetzt, es fallen Schüsse und Menschen sterben.

Jetzt kann man natürlich sagen: »Ja, darauf hat es die Hamas doch angelegt.« Und das ist nicht einmal so falsch. Oder man bedauert auch diese Toten und sieht sie als Opfer ihrer eigenen Regierung und bedauert, dass die israelischen Soldaten gezwungen waren, auf die Menschen zu schießen, die den Grenzzaun überwinden wollten, um möglichst vielen Menschen zu schaden. Aber in meiner Filterblase habe ich das kaum sehen können. Es muss Zeit bleiben, um sich die Situation anzuschauen und zu bewerten. Nachzudenken. Es kann doch nicht darum gehen, als erster ein Statement dazu bei facebook oder twitter zu posten?!

Das »na und? das war so beabsichtigt« überwiegt und das sind die Auswirkungen einer solchen Auseinandersetzung in den sozialen Medien – eine gewisse Gleichgültigkeit für die Zahlen. Auch wenn wir jüngst gelernt haben, dass 50 der etwa 65 Toten Soldaten der Hamas waren, ist die Tatsache, dass es dazu überhaupt kommen musste, doch tragisch?

Tragisch, dass das Leben der eigenen Kinder so wenig wert ist, dass man es als Waffe verwendet und andere dazu zwingen will, sie zu töten.
Tragisch, dass man anderen Hass aufzwingen will, den diese Leute vielleicht gar nicht empfinden – oder empfinden wollen.

Genau dies ist auch das Ziel derjenigen, die den Hass auf Juden auch in die Diaspora tragen und dort Gemeindehäuser oder gar Menschen angreifen. Sie wollen, dass man sie hasst.
Was sonst?
Einen taktischen Vorteil wird man dadurch ja wohl kaum erringen können. Diese Agenda wird mehr Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verursachen.

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Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne

Diese Rezension musste etwas reifen, denn das Buch, um das es hier geht ist ungewöhnlich.
Spannend zu lesen und zugleich auch anstrengend, auf beunruhigende Weise intelligent und dennoch möchte man nicht jeden Gedanken mitgehen. Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es eine Zusammenstellung von Texten zu Jerusalem oder Israel?
Doch lasst uns vorher einen Schritt zurückgehen. Zum Thema des Buches »Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne«.
Jerusalem – diese Stadt besteht zu drei Vierteln aus Text und was wir in sie hineinprojizieren und zu einem Viertel aus der tatsächlichen Stadt. Die Stadt des Tempels, der Könige und der Propheten. Die Stadt, die im Gebet zur Hoffnung aller Juden im Exil geworden ist, ganz gleich, wie weit sie entfernt waren. Wir können uns vorstellen, dass kein irdischer Ort mit dieser Idealvorstellung mithalten kann. Zehn Maß Schönheit gäbe es in der Welt und neun habe Jerusalem erhalten (Kidduschin 49b). Und dann? Pizza Schemesch statt goldener Sonnenuntergang, Beter vor der Westmauer, Bar Mitzwah Fotos und laut rufende Menschen statt stiller Einkehr. Beständig Streit um die paar Quadratmeter vor der Westmauer. Diese Stadt beschreibt Alexander Ilitschewski aus vielen Perspektiven. Er schildert Menschen, kurze Ausrisse aus Gesprächen von der Straße, Stimmungen oder kurze Momente. Das tut er besser, als es ein Foto könnte:

»An Jom Kippur ist die Stadt gespenstisch still. Eine Stille, die man nicht einfach genießt, sondern in die man gebannt hineinhorcht. Die Fenster sind geöffnet, du lauschst der Stille, lauschst, wie die Stadt schweigt, hörst Gesprächsfetzen vorübergehender Menschen […] Diese Stille erzeugt die Stadt selbst: Es ist kein Schweigen, sondern eine geheime, kaum hörbare Melodie.« (Seite 49)

Dann widmet er sich ausführlich der Topographie der Stadt, vergleicht sie, analysiert sie und schildert die Eindrücke, die der Betrachter an einem bestimmten Ort dadurch gewinnt. Immer wieder geht er auf die Perspektiven ein. Er beschäftigt sich mit der »Durchsichtigkeit« von Jerusalem, die neue Blicke auf andere historische und topographische Schichten freigibt und die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmelzen. Das spiegelt sich auch in der Anordnung der Texte. Einige von ihnen sind eingestreute Gedichte. Das Buch ist also zugleich Reisebericht, als auch Gedichtsammlung. Reisebericht und Einführung in die Geschichte des Ortes. So lässt der Autor den Leser zwar auch an seiner Anreise mit dem Flugzeug teilhaben, oder an seinen Ausflügen ans Tote Meer, nach Haifa oder Tel Aviv. Aber währenddessen gelingt es Ilitschewski auch über das jüdische Volk, das Judentum, über Islamismus und den jüdischen Staat, über jüdische Erfinder und über Psychoanalyse zu schreiben.

Blick ins Buch

Vielleicht konnte dieses Buch nur jemand wie Ilitschewski schreiben, jemand der den »Außenblick« hat. Ilitschewski wurde 1970 geboren, als seine Heimat Aserbaidschan noch Teil eines anderen Staates war – als Jude also in der Sowejtunion.
Er studierte in Moskau dann Physik, lebte aber auch in Kalifornien und heute in Israel. Überall also niemand, der ein »Insider« ist.

Ilitschewskis Studien haben sich nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkt. Nicht viele andere Bücher machen derart viele Anspielungen auf andere Texte. Es wird wirklich wenige Leser geben, die wirklich mit jeder Anspielung etwas anzufangen wissen. Das ist sehr belesen und weise von Ilitschewski , aber wirkt zuweilen wie ein literarischer Schwanzvergleich. Und »ja«, er kennt einfach mehr Texte als der Leser.

Ob das in der russischen Originalausgabe auch der Fall ist, kann ich nicht sagen. In der vorliegenden Ausgabe hat sich der Verlag »Matthes und Seitz« jedenfalls Mühe gegeben und einen Anhang mit Anmerkungen erstellen lassen. Darin hat man sich bemüht, nahezu alle genannten Personen und Dinge zu erklären. Das ist lobenswert, leider sind einige biographische Angaben jedoch falsch, aber für ein Buch, das in diesem Ausmaß intertextuell arbeitet, ist das schon sehr mühsam und nimmt dem Leser vielleicht etwas zu viel Arbeit ab. Zitate werden dann in einem weiteren Anhang mit Fußnotenzahlen ausgewiesen. Niemand hat die vielen intertextuellen Stellen in Michel Houellebecqs »Unterwerfung« je erklärt, dabei geben diese dem Buch noch eine ganz andere Perspektive.
Dann wäre da noch der Sch(m)utzumschlag. Da dieser bekanntermaßen in den Müll gehört, verliert man damit auch wichtige Informationen zu den letzten Umschlagklappen.

Für jemanden, der sich aufrichtig für Israel und Jerusalem interessiert und zugleich Sprache zu schätzen weiß, ist »Jerusalem« genau das richtige Buch. Dem Verlag sei an dieser Stelle für das Heben dieses literarischen Schatzes ausdrücklich gedankt.

Infos zum Buch
Alexander Ilitschewski
Jerusalem
Stadt der untergehenden Sonne
224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Gorod Zakata (Russisch)
Übersetzung: Jennie Seitz
Erschienen: Ende 2017
ISBN: 978-3-95757-465-7

Leseprobe

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Zwei Dokumentationen

Jüdisches Leben: Zwischen Alltag und Angst?

Zwei Dokumentationen des WDR die zufällig kurz hintereinander veröffentlicht wurden und zufällig thematisch zusammengehören, denn das Thema des einen Videos zeigt die Auswirkungen auf das Thema des anderen.

Da wäre zunächst »Die dunkle Seite des deutschen Rap« (hier klicken, WDR). Die Doku zeigt, dass es Antisemitismus im deutschen Rap kein sehr neues Phänomen ist und weiter genährt wird – auch wenn die Protagonisten überzeugt sind (jedenfalls vor der Kamera), keine Antisemiten zu sein. Nur weil man meint, alle Juden seien reich? Nur weil man Jude für ein prima Schimpfwort hält? Umfassender hat sich bisher niemand damit auseinandergesetzt. Was nicht deutlich wird: Die Folgen auf viele jugendliche Hörer. Das sind diejenigen, die heute Schulhöfe in Höllen für jüdische Schüler verwandeln.

Womit wir bei der zweiten Doku sind:
»Jüdisches Leben: Zwischen Alltag und Angst?« zeigt den Alltag von Michael Rubinstein, dem Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordrhein und einiger Leute aus Düsseldorf. Die Dokumentation zeigt einen dialogbereiten Michael Rubinstein, jemanden der sich ehrlich bemüht, aber zuweilen vielleicht etwas zu optimistisch an die Geschichte herangeht. Nicht alle Probleme haben ihre Ursache darin, dass man Juden nicht kennen würde. Der Mörder von Mireille Knoll, jener Schoah-Überlebenden, die in Paris von ihrem Nachbarn getötet wurde, kannte sie seit seiner Kindheit. Aber das Bemühen ist bewundernswert. Der Dramaturgie der Doku ist vielleicht das seltsame Kippah-Experiment geschuldet, auf dass sich Rubinstein einlassen muss. Er soll mit einer Kippah durch Duisburg-Marxloh laufen und die Reaktionen der Passanten erfassen. Zum einen begleitet von der Kamera, zum anderen vom ehemaligen Vorsitzenden der örtlichen Ditib-Moschee. Es passiert – und das ist auch gut so – nichts. Niemand kann sagen oder vermuten, ob etwas ohne Kamera passiert wäre.

Zum Abschluss hier ein Track von SpongeBOZZ, jenem Rapper, der sich als jüdisch geoutet hat – nix für Leute, die etwas mit dem Wort Tzniut anfangen können. Alle anderen viel Spaß damit…

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Keine Kippah im Anne-Frank-Haus aber eine in Berlin

Warteschlange vor dem Anne-Frank-Haus

Warteschlange vor dem Anne-Frank-Haus

In Berlin trug ein junger Israeli eine Kippah, obwohl er kein Jude war. Anscheinend wollte er zeigen, dass man in Berlin gefahrlos eine Kippah tragen kann. Es kam anders (siehe hier) und er wurde verprügelt. Sein Video von der Tat ging buchstäblich um die Welt. Dass er kein Jude war, nahmen einige, wie etwa Jakob Augstein zum Anlass, dies als »Provokation« zu betrachten oder das anderweitig zu relativieren. Merke: wer auf die Straße mit Kippah tritt und es vielleicht nicht unbedingt notwendig ist, der »provoziert«.
Dass sichtbares jüdisches Leben von einigen nicht geduldet werden will, nimmt man hin und versucht den Mob zu beruhigen, indem man jüdisches Leben noch weiter versteckt und zurückdrängt. Klar, es gibt gut geschützte Synagogen in einigen Stadtzentren. Aber das soll dann auch reichen. Wie so oft: Alle sind empört. Konkretes passiert nicht. Die Botschaft ist unterm Strich: Wir bedauern das. Schützen können wir euch nicht.

Eine Kippah machte auch in Amsterdam Schlagzeilen. Man könnte die zwei Ereignisse getrennt voneinander betrachten, sollte man aber nicht. Sie zeigen beispielhaft, wie man in Europa heute mit öffentlichen Zeichen jüdischen Lebens umgeht.

In Amsterdam ging es um das Anne-Frank-Haus.

Das Anne-Frank-Haus zählt bekanntlich zu DEN touristischen Hotspots in Amsterdam – dort schauen sich Besucher (2017 waren das knapp 1,2 Millionen) an, wie und wo sich ein jüdisches Mädchen mit seiner Familie versteckt hat. Das Haus zeigt in einem Museum auch in aller Kürze die Geschichte von Verfolgung und Ermordung der Juden in den Niederlanden und Europa.

Interessanterweise ist genau dieser Ort einer, an dem Angestellte ausdrücklich keine Kippah tragen dürfen. Das Nieuw Israëlietisch Weekblad (eine niederländische jüdische Wochenzeitung) berichtete in der letzten Woche (siehe hier) von Barry Vingerling. Die Geschichte geisterte danach durch einige englischsprachige jüdische Medien, allerdings etwas verkürzt.

Barry Vingerling arbeitete für das Anne-Frank-Haus. Er trug keine Kippah, als er sich dort vorstellte, wollte später jedoch eine tragen. Als strebsamer Angestellter frug er nach und bekam lange keine Antwort. Zwischendurch sprach er mit einem Beirat des Hauses, Rabbiner Menno ten Brink (liberal), der fand die schwarze Kappe des Anne-Frank-Hauses auch halachisch in Ordnung. Vingerling erhielt aber dennoch wochenlang keine Antwort durch die Leitung des Hauses bezüglich der Kippah.
Fünf Wochen nach dem Gespräch mit Rabbiner ten Brink wurde er mutiger und half ein wenig nach. Er griff zur Kippah. Ein jüdisches Symbol in den Räumen, die an ein jüdisches Mädchen erinnern. Erst danach wird er dazu aufgefordert, keine Kippah mehr zu tragen.
Das Haus möchte sich »so neutral wie möglich« zeigen und keine politischen und religiösen Botschaften präsentieren. Anscheinend soll sich niemand unwohl fühlen.
Angesichts der Geschichte des Hauses erscheint das schwer vorstellbar, sich überhaupt neutral zu präsentieren zu können. Unsinnig, die Geschichte eines jüdischen Mädchens, einer jüdischen Familie, ja der gesamten jüdischen Bevölkerung erzählen zu wollen, ohne überhaupt diesen Aspekt zur Sprache bringen zu wollen. Dieser Ort kann keine neutrale Haltung zum Judentum haben.

Lange Zeit (bis April 2017) war übrigens auf dem Audioguide des Hauses keine iraelische Fahne zu sehen. Alle Sprachen wurden durch eine Fahne des jeweiligen Landes repräsentiert. Israel durch die hebräischen Buchstaben für »Iwrit«.

Wenn selbst große Organisationen in ihrem Bemühen, es allen rechtzumachen, eine defensive Haltung einnehmen, ist doch eigentlich klar, wohin diese Haltung zwangsläufig führen muss. Jüdinnen und Juden werden so lange ausgefadet, bis sie tatsächlich verschwinden.

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Jetzt wird richtig aufgeräumt: Der Antisemitismus-Beauftragte

In dieser Woche wurde bekannt, dass die Regierung einen offiziellen Antisemitismus-Beauftragten nominiert hat. Felix Klein wird es werden, es soll aber hier gar nicht um die Person gehen. Es geht hier eher um die Stelle, die diese Person ausfüllen wird. Auf diese Stelle wird man verweisen, wenn es wieder antisemitische Übergriffe geben wird – und es wird wieder welche geben, daran besteht kein Zweifel.

Die Lösung für die Probleme?

Der Rechtsstaat verfügt über alle Instrumente, um seine Bürgerinnen und Bürger vor Übergriffen zu schützen und um ihnen die Religionsfreiheit zu garantieren. Es wird keine Verschärfung von Gesetzen geben müssen, denn die vorhandenen Gesetze müssten nur konsequent angewendet werden.
Die Probleme die wir haben, betreffen die gesamte Gesellschaft. Wenn »Jude« ein gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen ist, dann sind Lehrerinnen und Lehrer gefordert, entschieden zu intervenieren und das nicht erst dann, wenn tatsächlich jüdische Schüler gemobbt werden. Und selbst in konkreten Mobbingfällen sieht entschiedenes Handeln häufig anders aus, als die Bitte, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Verleiht ein Antisemitismus-Beauftragter den Verantwortlichen die Einsicht, dass es hier nicht um Lächerlichkeiten geht?

Wird ein Antisemitismus-Beauftragter dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden auf der Straße nicht mehr angespuckt werden? Dafür, dass Passanten sich einmischen und eine rote Linie ziehen?

Der Gesellschaft sollte klar sein, dass ein Teil des heutigen Antisemitismus von einer jugendlichen Subkultur ausgeht, die sich zwar am Islam orientiert, aber nicht durch ihn gespeist wird. Die entsprechenden Player dieser Subkultur sind Rapper, Musiker und andere Multiplikatoren. Und wie reagiert die Gesellschaft darauf?
Sie verleiht den entsprechenden Gestalten Preise.

Wir wissen alle, dass Empörung nicht ausreicht. Auch von Solidaritätsbekundungen sind Kinder in Schulen, Beter in Synagogen oder einfach nur Menschen zuhause nicht sicherer. Daran wird auch ein Beauftragter nichts ändern. Aber er wird das Gewissen beruhigen. Man hat »etwas« unternommen. Nun kann auf jemanden gezeigt werden, wenn man sich fragt, warum es diesen oder jenen Vorfall gab.
Was ist das für ein Zeugnis, dass sich der Staat ausstellt, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht mehr durchgesetzt werden können, um es zu ermöglichen, als Jude in Deutschland zu leben?
Benötigt man erst einen Mittelsmann, der zum Handeln auffordern soll?

Es wird auch in Zukunft nicht ausreichen, alle Vorfälle einfach nur zu erfassen und daraus eine pädagogische Handreichung zu erstellen. Es wird wohl oder übel so weit kommen müssen, dass man sich aus der Komfortzone wagt und die Mittel anwendet, über die man bereits verfügt: Verfolgen von Anzeigen, anschließender Schutz der Opfer, zivilrechtliche Verfahren gegen die Eltern minderjähriger Mobber und Gewalttäter.
Es kann sicher auch nicht schaden, eine klare Haltung einzunehmen. Es reicht nicht aus, diese nicht nur zu dokumentieren, sondern auch in Taten zu verwirklichen. Dies dem Antisemitismus-Beauftragten zu überlassen, wird keines der aktuellen Probleme lösen.

Und als habe man das unterstreichen wollen, gab es gleich die folgenden Tweets:

Die CSU gratuliert zur Wahl eines Kandidaten, der mit antisemitischen Untertönen Wahlkampf betrieben hat…

… und der Innenminister, der von der gratulierenden Partei gestellt wird, stellt wenig später über twitter den Antisemitismus-Beauftragten vor. Interessant an dem Tweet ist natürlich der Inhalt, aber insbesondere die Tatsache, wie wenig Mühe man sich mit dem Bild gegeben hat:

Ja, bereits im Januar habe mich dazu geäußert, siehe hier.
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Gemeindemitglieder 2017: interessante Zahlen

Entwicklung der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Die Anzahl der Gemeindemitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland sinkt kontinuierlich. Das habe ich kürzlich erst in Essen vorgestellt und auch skizziert, was nun zu unternehmen wäre (siehe hier). Nun hat die ZWST auch die Zahlen für das Jahr 2017 veröffentlicht. Weiterlesen

Video

Zusha singt die Hatikvah

Rabbi Zus(c)ha aus Hanipol war ein chassidischer Rebbe und Schüler des Maggid von Mesritsch, nach ihm hat sich die »chassidische« Band Zusha benannt. Shlomo Gaisin singt (und arbeitet nebenbei noch als Maschgiach für ein chinesisches Restaurant – wirklich), Zachariah Goldschmiedt spielt Gitaree und Elisha Mlotek spielt das Schlagzeug. Die Band arbeitet viel mit Niggunim und verbindet sich mit modernen Einflüssen – die Jungs sehen auch eher nach Hipstern aus. Sind das Vertreter eines neuen Chassidismus?

Hier hört man sie die Hatikvah in ihrem Style singen – eher als Niggun und den Text in aschkenasischer Aussprache und so hat man die Hatikvah selten gehört. Dazu kommen tolle Bilder vom Land Israel.

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Jüdische Medizinethik in Gelsenkirchen

Rabbiner Soussan in Gelsenkirchen

Rabbiner Julian Chaim Soussan ist einer der besten Redner zu jüdischen Themen, den wir derzeit in Deutschland haben. Das kann man einfach mal so festhalten. Er ist eloquent, setzt Humor an den richtigen Stellen ein und reagiert smart auf Rückfragen. Der Zuhörer merkt schnell, dass hier jemand gerne über das erzählt, was ihm wichtig ist. Eloquenztechnisch und vielleicht auch ein wenig äußerlich bewegt sich Rabbiner Soussan Richtung (Sir) Jonathan Sacks. Das verraten wir ihm aber nicht, sonst beeinflusst ihn das…

Obwohl das Wort »Ethik« in Zusammenhang mit dem gelebten Judentum schwierig ist, weil sie ja untrennbarer Bestandteil des jüdischen Lebens ist, stand ein Vortrag in der Synagoge Gelsenkirchen mit Rabbiner Soussan unter der Überschrift »Jüdische Medizinethik«. In knapp zwei Stunden gab er einen knappen Überblick über die aktuell wichtigsten Themen:
Wann beginnt das Leben?
Was ist mit Präimplantationsdiagnostik?
Wie schaut es mit In-vitro-Fertilisation aus?
Wann endet das Leben?
Darf man lebensverlängernde oder lebenserhaltende Systeme abschalten oder deren Nutzung nicht in Anspruch nehmen?
Wie sieht es mit Schmerzen aus?
Was ist mit Organspenden – darf man oder darf man nicht? Sollte man vielleicht gar Organe spenden?

Natürlich konnten viele der Themen nur angeschnitten und nicht ausführlich ausdiskutiert werden. Während des Vortrags wurde deutlich, dass sich das, leider recht kleine, Publikum (vielleicht 15 Personen) zum größten Teil aus nichtjüdischen Zuhörern zusammensetzte. Diese haben eine andere Auffassung von Halachah als Juden und haben mehrfach danach gefragt, wie Rabbinatsgerichte Verstöße gegen die Halachah ahnden und so ging leider wertvolle Zeit verloren. Im Umgang mit solchen Zwischenfragen wurde deutlich, dass Rabbiner Soussan reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hat und diese Zielgruppe gerne mitnimmt, vielleicht sogar etwas zu gerne. Aber es ist für Rabbiner häufig erfrischend, sagte man mir zumindest, ausnahmsweise vor einem Publikum aufzutreten, das ihm gebannt an den Lippen klebt.
Es ist schade, dass nicht mehr Juden aus dem Ruhrgebiet die Gelegenheit wahrgenommen haben, sich ein wenig Hintergrundwissen zu diesem wichtigen Themenkomplex zu beschaffen. Es besteht aber zweifellos Bedarf danach, sich auch mit den fundamentalen Fragen des Lebens zu befassen. Die medizinischen Möglichkeiten werden immer vielfältiger und die Gesellschaft immer im Zusammenhang mit Fragen zu Tod und Leben immer pragmatischer und kostenorientierter. Die totale (eigene) Freiheit, alles tun zu können und zu dürfen, gilt als grenzenlos und bildet nicht selten die oberste Maxime des Handelns. Dem kann man nachlaufen , oder klare Prinzipien formulieren – wie es das Judentum tut. Das wäre eigentlich bei vielen ethischen Fragen eine interessante Stimme in den allgemeinen Diskussionen – etwa zum Thema Sterbehilfe. Dementsprechend wichtig wäre es also, die Themen auch in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein Wort zur Präsentation durch die einleitende Person der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit: Es wirkt souveräner, wenn man den Namen des einzigen Gastes nicht vom Zettel ablesen muss und auch den Rest der fünf Sätze weniger als Frage formuliert, als vielmehr als Vorstellung des Gastes. Man sollte biographische Angaben vielleicht beim Gast einfordern und nicht einen Wikipediaeintrag vorlesen.

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Sag zum Abschied leise Tschüß

»Sag zum Abschied leise Tschüß« war der Titel eines kurzen Talks in der Alten Synagoge Essen, im Rahmen von Limmud Essen (besser: Limmud Ruhrgebiet). Dort stellte ich die aktuelle Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden vor. Einen besonderen Blick richtete ich natürlich auf die lokale Situation im Ruhrgebiet und diskutierte mit den anwesenden Leuten aus den verschiedensten Gemeinden die, eher ungute, Entwicklung der Mitgliederzahlen der Gemeinden.
Alle kannten oder kennen die Situation bereits, aber dass der Mitgliederrückgang so schnell voranschreitet, ist erst dann offensichtlich, wenn man ihn visualisiert und sich die Konsequenzen bewusst macht.

Allem voran stand die Behauptung meinerseits, dass es die, oft beschworene, Renaissance des Judentums in Deutschland nie gegeben habe. Es entstand nicht an jedem Ort lebendiges jüdisches Leben, schon gar kein Anknüpfen an eine Tradition. Es war vielerorts neues jüdisches Leben, mancherorts ein kurzes Aufblitzen. Ob es Bestand hat, zeigt sich gerade jetzt.
Jahrelang stiegen die Mitgliederzahlen, nun fallen sie wieder.
Dieses Aufblitzen belebte auch Gemeinden, die irgendwie noch existierten, aber in einer Art Winterschlaf. Eine Teilnehmerin meldete sich zu Wort und berichtete von Gemeinden in Ostdeutschland, die während der DDR formal noch bestanden, aber praktisch keine Mitglieder hatten und erst mit dem Zuzug von Kontingentflüchtlingen wieder Mitglieder hatten. Formal gab es diese Gemeinden natürlich, aber praktisch nicht.

Chajm bei Limmud Essen/Ruhr

Wir haben gemeinsam betrachtet, dass die Mitgliedszahlen sowohl in den kleinen, als auch in den großen Gemeinden zurückgehen. Die Zahlen der großen Gemeinden dienen hier als Beispiel.

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Berlin

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Frankfurt am Main

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Düsseldorf

Hier lautete eine Frage aus dem Plenum, ob Juden einfach zu wenig Kinder bekämen. Offenbar haben Juden in Deutschland durchschnittlich viele Kinder (also nicht sehr viel), aber selbst wenn sie viele hätten, stünde dem die Altersstruktur gegenüber.

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Wir haben uns gemeinsam gefragt, ob jüdische Infrastruktur wie Kindergarten, Grundschule und Gymnasium die Mitgliedersituation verändert. Messbar wäre das erst dann, wenn die Zahlen vor einer entsprechenden Einrichtung hätte und dann schauen könnte, wie die Zahl der Zuzüge sich dann verändert. Überhaupt wäre es interessant zu erfahren, ob das ein Argument für einen Umzug wäre. Dazu fehlen derzeit die Zahlen und Daten.

Eine weitere Frage war, was mit Übertritten sei. Wie fallen die ins Gewicht?
Gar nicht.

Sind Übertritte die Rettung?

Schon gar nicht, wenn man ihnen die Zahl von 400 Austritten aus den Gemeinden gegenüberstellt:

Austritte und Übertritte in Relation

Die Anzahl der Gemeindemitglieder insgesamt sinkt, aber die Anzahl der Austritte bleibt nahezu konstant. Theoretisch müsste auch diese Zahl etwas sinken. Auch hier das Problem: Wir wissen nicht, warum die einzelnen Personen ausgetreten sind. Vielleicht um Geld zu sparen? Vielleicht kein Interesse an der konkreten Gemeinde? Vielleicht die Hinwendung zu einer anderen Religion?

Wie groß sind die anderen Gemeinden? Das wissen wir nur dann, wenn sie auch im Zentralrat organisiert sind. Die meisten liberalen Gemeinden machen keine genauen Angaben zu ihren Mitgliedern, aber die Statistik dürfte es nicht retten.
Die neue Kahal Adass Jisroel gibt ihre Mitgliederanzahl mit »über 300« (hier) an.

Was wir wissen ist, dass kleine Gemeinden – die ja auch gebraucht werden – eigentlich nur kleine Chancen, auch in zwanzig Jahren noch zu existieren.

Was nun?

Diese Frage stand ebenfalls im Raum: Was wäre jetzt zu tun?
An der Situation kann man nicht viel ändern. Neue Gemeindemitglieder zu gewinnen, ist schwierig (siehe hier den Ansatz der Israelitischen Gemeinde Basel), vielleicht kann man ausgetretene bewegen, zurückzukommen. Frankfurt am Main hat den Vorteil, dass immer wieder neue Einrichtungen und Firmen dorthin ziehen. Mit ihnen auch vielleicht jüdische Mitarbeiter.

Einige Punkte wurden kurz andiskutiert, für viele war einfach keine Zeit mehr. Deshalb hier eine Liste, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Anspruch auf Polemik. Gerne darf widersprochen werden. Es geht in erster Linie darum, ein neues Denken zu ermöglichen und die Perspektive zu wechseln.

  • Daten sammeln. Klingt langweilig. Ist es aber nicht. Je mehr man über die Mitglieder weiß, desto besser kann man verstehen, welche Entwicklungen gerade vor sich gehen. Natürlich wäre es interessant zu erfahren, warum jemand ausgetreten ist. Ein Fragebogen wäre hervorragend. Zudem fehlt es an Daten darüber, warum jemand nicht an Gemeindeangeboten teilnimmt, oder auch, warum er eigentlich teilnimmt. Maßnahmen sind ansonsten nur schwer zu messen. Wer kennt die Gemeinde? Wer ist über Angebote informiert?
    Wer erwägt eine Mitarbeit? Was hat ihn oder sie bisher davon abgehalten? Alle anderen Einschätzungen sind lediglich Bauchgefühle: »Ich habe das Gefühl, das Gebet ist zu langweilig.« Kann sein, aber es ist nur eine Einzelwahrnehmung. Die kann man nicht generalisieren.
    Das müsste in regelmäßigen Abständen erfolgen.
  • Ein Ende der Politik in den Gemeinden Ein beliebte Beschäftigung ist der Streit über Gemeindeangelegenheiten. Dafür ist keine Zeit mehr. Mitglieder können nicht nur verwaltet werden und um Eitelkeiten kann es nicht mehr gehen. Es geht um Kompetenzen. Wer kompetente Gemeindemitglieder hat, sollte diese als Ressource auch nutzen. Viele Projekte werden scheitern, aber unter 15 könnte eines funktionieren.
    Um dieses geht es.
    Übrigens bringen sich zahlreiche Menschen gerne auch ehrenamtlich ein. Sie müssen es nur wissen, dass ihre Hilfe gebraucht wird.
  • Gemeinden öffnen und Freiräume schaffen Die Infrastrukturen könnten für Gruppen zur Verfügung stehen, die sich ad hoc und nach Interessenlage bilden. Häufig werden Gruppen geplant organisiert. Wo es möglich ist, sollten auch Freiräume für ein einfach so entstehen.
  • Große Infrastrukturen skalieren Meint: Große Synagogen durch Gebäude oder Räume ersetzen, die auch bespielbar sind. Synagogen sind und waren immer auch Symbole an die Außenwelt: Hier gibt es jüdisches Leben. Große Infrastrukturen erzeugen aber auch hohe Kosten. Zudem liegen Synagogen heute häufig in Zentrumsnähe und nicht immer sind dies die Orte, an denen die meisten Gemeindemitglieder wohnen. Die Jüdische Gemeinde München liegt im Herzen der Stadt. Ein schönes Zeichen. Wer aber in Gehweite wohnen möchte, muss ein paar Scheinchen auf den Tisch legen. In der Vergangenheit sind Synagogen dort entstanden,
    wo ihre Mitglieder und Beter lebten.
  • Zum jetzigen Zeitpunkt keine großen Bauprojekte mehr durchführen. In der Diskussion wurde berichtet, dass es vergleichsweise einfach sei, Gelder für Neubauten zu beschaffen, einfacher als Gelder für konkrete Projekte wie Religionsunterricht oder Jugendarbeit. Oft kommen die Kommunen und Städte den Gemeinden entgegen. Natürlich freut man sich, dass jüdische Gemeinden sichtbar existieren (siehe den Punkt über diesem), aber die Belastung beginnt erst richtig mit dem Unterhalt des Gebäudes.
    In Baden-Baden (2016 720 Gemeindemitglieder, im Jahr 2012 waren es 736); soll demnächst eine Synagoge gebaut werden. Sie soll 140 Plätze haben. Das wären etwa 20% der gesamten Gemeindemitglieder. Es ist unwahrscheinlich, dass die jemals alle besetzt werden. Es gibt größere Gemeinden mit Minjanproblemen. Die Statistik zeigt, dass viele Gemeindemitglieder eher Senioren sind. Hier müsste etwas entstehen, um diese zu versorgen. Ein kleiner Betsaal dürfte hier vermutlich ausreichen – wie auch in vielen anderen Gemeinden. Regensburg (2016 999 Mitglieder) ist ebenfalls im Bau.
    Eine Infrastruktur vorzuhalten und zu hoffen, dass sie gefüllt wird, dürfte nicht der Königsweg sein.
  • Es wird zahlreiche ältere Gemeindemitglieder geben. Man könnte einen günstigen Mittagstisch anbieten. So bleiben die Senioren nicht alleine und haben eine Anlaufstelle. Andere Einrichtungen werden vermutlich auch benötigt.
  • Synagogenführungen? Gibt es Synagogenführungen mit kompetenten Gemeindemitgliedern? Sofort damit aufhören und diejenigen, die Ahnung haben, für die Mitglieder der Gemeinde nutzen. Es kann passieren, dass das Angebot zunächst nur von sehr sehr wenigen Menschen in Anspruch genommen wird, aber wenn man nur eine Person erreichen kann, ist das schon viel. In zahlreichen Städten gibt es andere Organisationen die ebenfalls Führungen zum Judentum anbieten können. Im Ruhrgebiet gibt es die Alte Synagoge Essen und das Jüdische Museum Dorsten. In der Regel finden Synagogenführungen nicht während des laufenden Betriebes statt, so dass die Geführten ohnehin nicht viel vom echten jüdischen Leben mitbekommen. Das kann man also ruhig an Profis delegieren.
    In meiner Gemeinde gibt es im Rahmen einer anderen Veranstaltung die Möglichkeit, an einem Kabbalat Schabbat teilzunehmen. Das wird gut angenommen, wird groß aufgezogen und ist immer sehr nett. Dieses Vorgehen kann man durchaus empfehlen.
    Schwierig wird es, wenn Besucher immer bei Gemeindeaktivitäten anwesend sind. Für weitere Schritte sollte gelten: Innerreligiöses Gespräch hat Vorrang vor dem interreligösen. Nur wenn die Basis stimmt, kann man auch nach außen kommunizieren.
  • Gleichgesinnte sammeln. Massives Netzwerken auch außerhalb und zwischen den Gemeinden und Gemeindemitgliedern um Gemeinsamkeiten besser abgleichen zu können und sich zu spontanen Gruppen zusammentun zu können.

Die Diskussion hat gezeigt, dass es weiteren Gesprächsbedarf gibt. Es gibt Bedarf über jüdische Inhalte zu reden, über kulturelle Anlegen, über Kinder und Erziehung, über Schule etc. Auch dafür könnten übrigens Gemeinden Räume schaffen.

Vielleicht, oder hoffentlich, wird die Dringlichkeit dieses Themas immer mehr Menschen bewusst.