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Eine Torah aus Essen

Die Bilder der Alten Synagoge Essen gingen um die Welt. Ebenso die Nachricht, dass es dort nun wieder Gebete gab. Aber auch an einem anderen Ort hat man an der Geschichte der Synagoge angeknüpft: In New York. Der letzte Rabbiner der in der Synagoge amtierte, Rabbiner Dr. Hugo Hahn, floh nach der Reichspogromnacht in die USA und gründete dort mit anderen Essenern (unter anderem) eine neue Gemeinde. Die HaBonim Gemeinde.

Rabbiner Hahn musste in Deutschland miterleben, wie die Synagoge angezündet wurde und ausbrannte. Aus den Trümmern zog Rabbiner Hahn die Überreste einer Torahrolle. Der aktuelle Rabbiner der Gemeinde, Rabbiner Joshua Katzan hat mir nun Fotos dieser Rolle gesendet. Sie ist in ein Kunstwerk eingearbeitet und hängt im Gemeindezentrum.

Torah aus Essen in New York

Torah aus Essen in New York

Neben der Torah erinnert ein Bild an die Tradition an welche die Gemeinde einst anknüpfte:

Torah und Bild der Alten Synagoge Essen

Torah und Bild der Alten Synagoge Essen

Der Kantor, Bruce Halev, berichtete in einer Mail, dass noch einige der Gemeindemitglieder in Essen geboren wurden. Wenngleich er Rabbiner Hahn nicht mehr kennengelernt hat, so wird die Erinnerung an die Synagoge Essen doch weitergetragen – wie man an dem Bild im Gemeindezentrum sehen kann.

Vielleicht kriegen wir noch heraus, ob die Mikweh, die der Architekt in seinem Grundriss eingezeichnet hatte, nicht vielleicht doch gebaut wurde, aber heute vielleicht noch auf ihre Entdeckung wartet. Bei twitter war das ein kleines Thema:

Die Geschichte der Alten Synagoge Essen ist also nicht an ihrem Ende angelangt. Wie immer in der jüdischen Geschichte hat man die Erinnerung an diesen Ort an einen anderen getragen und sie aufbewahrt. Nach nun 71 Jahren gibt es über das Internet eine Brücke. Heute sehen nun auch Menschen außerhalb der HaBonim Gemeinde die Torahrolle aus den Trümmern der Synagoge.
Übrigens bedeutet HaBonim – die Erbauer.

Dank an dieser Stelle erneut an Rabbiner Katzan für die Übersendung der Fotos.

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Als die Alte Synagoge Essen noch nicht alt war

Als die Synagoge, die wir heute als »Alte Synagoge« Essen kennen, im Jahr 1913 eröffnet wurde, war sie natürlich die »neue« Synagoge und architektonisch sehr interessant. Heute noch beeindruckt die Größe der Synagoge. Ihre dicken Mauern haben sie davor bewahrt, vollständig abgetragen zu werden – obwohl sie wohl vorwiegend den Lärm der umgebenden Straßen abhalten sollten.
Der Architekt Edmund Körner dokumentierte sein Werk ausführlich.

Seine Fotografien geben uns heute einen guten Eindruck davon, wie das Gebäude gewirkt haben muss, als es als Synagoge verwendet wurde.
Diese Nutzung dauerte nur etwa 25 Jahre.

Die Fotos sind nun hier das erste Mal digitalisiert und öffentlich verfügbar.

Machen wir also einen kleinen Rundgang und beginnen mit der Fassade. Ähnlich präsentiert sie sich heute auch:

Alte Synagoge Essen - Ansicht von der Alfredistraße aus.

Alte Synagoge Essen – Ansicht von der Alfredistraße aus.

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Morgengebet in der Alten Synagoge Essen

Rabbiner Friberg betet vor. Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan (alle Rechte verbleiben bei Ilja Kagan)  Ilja Kagan

Rabbiner Friberg betet vor.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan – hier sein facebook-Profil (alle Rechte verbleiben bei Ilja Kagan)

Im Dezember, zu Chanukkah, beherbergte die Alte Synagoge Essen schon das Limmud-Festival und erlaubte es einen Tag lang, dass Jüdinnen und Juden sich zu Geschichte, Musik, Tradition, Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und auch Religion austauschen, diskutieren und vielleicht auch ein wenig lernen. Am Abend zündete man gemeinsam die Chanukkah-Kerzen und nach langer Zeit schien wieder der Schein einer Chanukkiah aus diesem Gebäude heraus auf die Straße.

Jetzt, im März 2016, kam hier ein weiteres Lebenszeichen hinzu. Der Anlass war eine Tagung mit Leuten aus dem gesamten Bundesgebiet: Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk wählte Essen als Ort für ein Seminar am 2. und 3. März 2016 in Essen. Im Rahmen der Veranstaltung bot man dann auch ein Schacharit (Morgengebet) an. Im Hauptraum der Synagoge fand also am 2. März 2016 das erste Schacharit seit den Novemberpogromen 1938 statt. Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Natürlich historisch, aber auch wenn man sich speziell die Geschichte der »Alten Synagoge« nach 1945 anschaut. Zunächst zweckentfremdet und furchtbar verunstaltet, dann schließlich »Dokumentationszentrum« mit Gedenkstättencharakter und seit einigen Jahren auch »Haus jüdischer Kultur« mit einer starken Öffnung auch in das Jüdische Ruhrgebiet hinein. Und dann noch die Tatsache, dass es da für zwei Tage das Angebot gab, zu einem Werktags-Schacharit zu gehen. Auch wenn nicht wenig Juden im Ruhrgebiet leben, ein Schachachrit an einem Werktag ist immer noch eine absolute Ausnahme (leider – in Dortmund gibt es das noch).

Der Tagungsort war also eine gute Wahl für diejenigen, die davon vor Ort hätten profitieren können – denn prinzipiell hätte jeder (Jude) am Schacharit teilnehmen können und speziell Studenten waren, insbesondere bei facebook, dazu eingeladen worden. Leider verpassten einige Ruhrgebietler diesen Meilenstein des jüdischen Ruhrgebiets, der, im Widerspruch zu seiner historischen Bedeutung (großes Wort) ganz leise daherkam. Rabbiner Shaul Friberg betete vor und unterbrach immer wieder ganz kurz für kleine Anmerkungen und Anweisungen. Die präsentierte er mit einem feinen Gespür für Humor und ohne gezwungene Lockerheit. Gerade für Einsteiger dürfte diese Herangehensweise einen guten Zugang zum Schacharit eröffnet haben.

Gerne wieder und häufiger! Es war großartig, dabei gewesen zu sein.
Möglicherweise belebt die Gründung des Hillel-Hubs Ruhrgebiet die Region noch etwas mehr.
Dazu muss man noch sagen: Der Zuzug von Chabad nach Essen war bisher kaum im Umfeld spürbar. Vielleicht, weil Chabad direkt in der Jüdischen Gemeinde Essen wirkt und deshalb nur eine eingeschränkte Ausstrahlung hat?

Schacharit im Hauptraum der Synagoge.  Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan - hier sein facebook-Profil

Schacharit im Hauptraum der Synagoge. Foto mit freundlicher Genehmigung von Ilja Kagan – hier sein facebook-Profil

Wer facebook hat, kann sich dort (hier klicken) ein ganzes Album von Ilja Kagan mit den Bildern anschauen.

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Fragwürdige Erfolge an der Kotel

Am Ende eines Prozesses der Jahre gedauert hat wurde entschieden, dass es irgendwo an der Westmauer möglich sein soll, dass Frauen und Männer gemeinsam beten. Dabei lautete die ursprüngliche Forderung, dass Frauen das Recht haben sollten, im Frauenbereich mit Tallit und Teffilin zu beten. Zudem wollte man regelmäßig aus der Torah lesen. Daraus wurde ein Kompromiss: Es wird einen progressiven Bereich an der Kotel geben. Da können sich dann auch Frauen austoben und Teffilin legen und einen Tallit überziehen. Das wurde in den letzten Wochen als großer Durchbruch gefeiert und auch so verkauft. Ist es ein Erfolg?
Wenn es darum geht, gegen das beaufsichtigende Rabbinat zu gewinnen, dann vielleicht. Aber hier gibt es keine Gewinner. Verloren haben alle Seiten. Der Platz vor der Kotel ist eine große Synagoge geworden und viele Parteien wollen gerne kontrollieren, wer was wann und wie in dieser Synagoge macht. Es gibt verschiedene Minjanim, einen Bar-Mitzwah-Tourismus und eine Menge passiert drumherum. Stolze Jungs lesen Torah und von der anderen Seite der Mechitzah rufen die stolzeren Mütter, dass sie Fotos machen wollen.

Rabbiner Daniel Bouskila hat in einem Kommentar aus sefardischer Perspektive richtige Worte dazu gefunden:

The “landmark decision” should have been to restore the Kotel to what it once was: an open place for all Jews to come pray and meditate as individuals. Instead, with this decision, the Kotel will eternally represent the divisiveness and politics of Judaism’s modern-day denominations.
von hier

Keine Bar-Mitzwah-Location, kein Touristenmagnet, kein Anlaufpunkt für diverse Minjanim. Einfach ein Ort an dem der Einzelne kurz mal an die Überreste des Tempels herantreten kann.
Rabbi Dr. Nathan Lopes Cardozo kommentiert dies ebenfalls so: Besser einfach den ganzen Ort schließen und nicht weiter in kleinere Teile brechen (siehe hier).
Übrigens scheint mir gerade die »alte« Sicht auf die jüdischen Strömungen »aufzubrechen« und die Menschen sich über die Grenzen hinweg bewegen.

Aus dem Auge verloren hat man offenbar, dass es nicht darum geht und nicht darum gehen kann, Macht zu demonstrieren oder der eigenen Strömung einen Vorteil zu verschaffen. Das scheint dem Ort nicht angemessen zu sein. Synagogen gibt es mittlerweile rundherum. Die kann man nutzen. Direkt neben der Kotel gibt es den Wilson-Bogen in dem heute eine richtige Synagoge untergebracht ist.
Vielleicht gelingt es ja, dass man sich an diesem wichtigen Ort zusammenrauft, den gegenwärtigen Status überdenkt und gemeinsam ändert.

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Endlich

Der »Doktor« war etwa 90 Jahre alt. Ein hagerer Mann. Er sah nicht mehr besonders gut und war deshalb auf Hilfe angewiesen. Wenn ich an einem Abend bei ihm war, half ich ihm, warme Milch vorzubereiten, entfernte für ihn Krusten von Broten und unterhielt mich mit ihm über das, was sein Leben ausgefüllt hat. Er kam aus dem Ruhrgebiet, wuchs dort auf bis ihn die Nazis vertrieben, er verlor einen Teil seiner Familie, er kehrte zurück nach Deutschland, wurde Zahnarzt, hatte ein »ausgefülltes« Leben. In seinem Alter zeigte er eine Art »Dankbarkeit« für das, was er gutes erlebt hatte und Verbitterung nur über diejenigen, die ihm das Leben nehmen wollten. Das verlieh ihm eine gewisse Ruhe.
An einem Sommertag brachte ich ihn zu einem Kardiologen. Der konnte den Zustand seines Herzschrittmachers überprüfen und teilte dem »Doktor« mit, dass die Batterie nun endgültig leer sei. Von einem Austausch würde er abraten. Der »Doktor« nahm das mit Fassung und fuhr mit mir nach Hause. Er wirkte vollkommen ruhig und sprach nicht weiter darüber.
Viele Tage, einige Monate, vergingen. Mal half ich ihm mit dem Abendessen, mal half ich ihm mit dem Frühstück. Dann folgten schwächere Tage. Er konnte das Bett nicht mehr verlassen und am Ende nur noch mit Mühe sprechen. Die Kräfte verließen ihn und noch immer war er ruhig und gefasst. Eines Tages schlief er ein und wachte nicht wieder auf.

Eine andere Dame ging auf die 100 zu. Aber sie wirkte nicht gebrechlich, sondern überaus agil und wach mit einem recht trockenen Humor und jeder ihrer Sätze war druckreif. Ein Austausch von Floskeln lag ihr nicht, Gespräche musste irgendein relevantes Thema streifen. Wen interessiert schon das Wetter? Ich mochte ihren Akzent. Sie wuchs in Czernowitz auf. Zu einer Zeit, in der viele Juden der Stadt Deutsch sprachen. Ihr Alter merkte man ihr nur dann an, wenn es darum ging, größere Herausforderungen anzugehen. Einen Ausflug in den Supermarkt traute sie sich nicht mehr zu. Aus diesem Grund bat sie mich, ihr Süßstoff zu besorgen. Weil ich es für »praktisch« hielt, brachte ich ihr eine große Packung mit. 1000 Süßstoff-Tabletten. Als ich ihr die gab lächelte sie. »Sie wissen doch wie alt ich bin, nicht? Rechnen wir gemeinsam, für wie viele Jahre dieser Vorrat an Süßstoff ausreichen wird. Ich trinke jeden Tag eine Tasse Tee mit Süßstoff. Ich denke also, dass der Süßstoff den Rest meines Lebens vorhalten wird. In meinem Alter ist das ein durchaus übersichtlicher Zeitraum.« Aber es machte ihr nichts aus. Wenn ich mit ihr sprach, schockierte mich die »Zukunft« vielleicht noch etwas mehr als sie.
Diese Ruhe derjenigen, die auf ein langes Leben zurückschauten, wirkte auf mich im wahrsten Wortsinne »beruhigend«. »Sorgen sie dafür, dass sie etwas haben, worauf sie später zurückschauen können.« war ein Apell der Dame an mich. Also an den jungen Mann (damals) der ihr half und den die überschaubare Lebenserwartung ein wenig mit Ehrfurcht erfüllte – aber nicht mit Furcht.

Die eigene Endlichkeit betrachtete mich später erst aus den Augen eines neugeborenen Babys. Du hältst ein Baby in den Armen und weißt plötzlich, dass dieser Mensch dein eigenes Leben überdauern wird. Das war eine andere Wahrnehmung der »Endlichkeit« des Menschen.
Furcht? Ehrfurcht? Transzendenz am Ende?

Das sind immer kleine Augenblicke. Kleine Blitze. Im jüdischen Jahr ist es ritualisiert. Etwa dann, wenn gefordert wird den »Kittel« anzulegen – das Totenhemd.
»Kleine Augenblicke« sind auch Mitteilungen von Todesfällen. Besonders dann, wenn man die Menschen gekannt hat. Verstärkt dann, wenn sie »vor der Zeit« gehen.
Der Tod eines »Prominenten« kann das auch sein. Bei Roger Willemsen war es so. Eine Person, die die Medien seit meiner Jugend bewohnte und die ich für sympathisch hielt, weil sie immer etwas aus der Zeit gefallen wirkt(e). Als es die Zeitung »Die Woche« noch gab, hatte Willemsen eine Kolumne dort. Hin und wieder schrieb er ein Buch über das man sich unterhalten konnte. Er schrieb eigentlich äußerst viele Bücher, aber nicht alle habe ich gelesen. Ich war nicht »Fan«, sondern vielleicht sympathisierender »Begleiter«.
Er war jemand, von dem andere schreiben, er habe »intensiv« gelebt, was in diesem Zusammenhang ausnahmsweise nicht bedeutete, dass er sich mit Alkohol und Drogen das Leben selber verunstaltet hat. Hier bedeutete das tatsächlich, dass ein Mensch versucht hat, möglichst viel zu tun. In der Nachbetrachtung wirkt das Motto, dass Roger Willemsen zur Bewerbung seines Buchs »Momentum« ausgegeben hat, sehr glaubhaft: »Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.«. Ich hätte mir gewünscht, dass er mehr Zeit dafür gehabt hätte, zurück zu schauen.
Und zugleich denke ich daran, dass dies auch die »ehrliche« Haltung ist, die durch jüdische Texte scheint. Keine Orientierung daran, dass »später« einmal alles besser ist, sondern ein Festhalten daran, wie schön das Leben sein kann und dass man sich natürlich wünscht, es würde niemals aufhören.
Im Buch Jeschajahu (38,18-19) wird König Chiskijahu zitiert:
»Denn der Scheol preist dich nicht, der Tod preist dich nicht; die in die Grube hinabgefahren sind, hoffen nicht auf deine Treue. Der Lebende, der Lebende, der preist dich.«

Rabbi Joseph Soloveitchik erzählt in seinem Buch »Isch haHalachah«, die größten »Torah-Giganten« hätten sich vor dem Tod gefürchtet. Sein Onkel R. Meir Berlin (Bar-Ilan) etwa. Als er eines Morgens die Strahlen der aufgehenden Sonne über dem Meer betrachtete, sei er zugleich voller Ehrfurcht vor diesem Naturschauspiel gewesen und zugleich voller Furcht und Melancholie. Er sagte deshalb zu Rabbiner Chajm von Brisk, er sei deshalb so traurig und bedrückt, weil er gerade angesichts des Schauspiels an den Tod denken müsse. Ein kleiner Blitz.
Und vielleicht gerade deshalb gilt das, was die Süßstoff-Dame mir als Aufforderung mit auf den Weg gab.

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Ischto K’Gufo

Dass sefardische und aschkenasische Juden »in« die jeweils andere Tradition heiraten, ist eigentlich ein »neues« Phänomen.
Herauszufinden, warum wer die Tradition des Ehepartners übernimmt, war deshalb gar nicht so sehr einfach… es gibt ein Prinzip namens Ischto K’Gufo – was das ist, habe ich für die Jüdische Allgemeinen aufgeschrieben:
Wieso Weshalb Warum – Ischto K’Gufo

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Wikis und Judentum

Judentum in der Wikipedia

Das direkt vorweg: »Das« Wiki meiner Kindheit hieß Wickie und war der geschlechtslose Abkömmling eines Wikingers – bis ich in einer Folge Wickie nackt auf einem Fisch habe schwimmen sehen. Von da an war klar: Wickie war ein Junge. Sein Potz war deutlich zu sehen. Das kann man wohl heute nicht mehr zeigen. Überflüssig zu sagen, dass es »damals« kein Internet gab, also auch kein Forum für diejenigen, die sich darüber aufregen wollten. Die Wikipedia, die das Konzept des Wikis erst bekannt gemacht hat, wurde erst 2001 gegründet.

Das Projekt hat vieles und viele verändert. Neben google ist es DIE Anlaufstelle für alle diejenigen geworden, die mal eben etwas wissen wollen und hat das Sterben einiger lexikalischer Projekte von Verlagen vermutlich ein wenig beschleunigt. Die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an Encarta (von Microsoft). Das Lexikon wurde zunächst auf CDs ausgeliefert, später gab es einen Online-Zugang und irgendwann wurde es vollkommen eingestellt. Die Menschen klickten gerne in die Wikipedia und es gab und gibt ein paar von denen, die Dinge auch korrigieren und sogar neue Artikel erstellen.
In einer idealen Welt gewinnen die Artikel dadurch an Qualität: Nutzer 1 schreibt irgendetwas, die Nutzer 2 bis 5000 lesen es, Nutzer 5001 sieht einen Fehler und korrigiert ihn (weil er sich auf dem Gebiet auskennt). Das funktioniert zu einem Großteil auch.
Aber die Anzahl derjenigen, die »mal eben« etwas korrigieren, geht aber kontinuierlich zurück.
Das betrifft die englischsprachige Wikipedia, aber auch die deutschsprachige (hier die Rohdaten für die deutschsprachige Wikipedia).

Gut, das kann daran liegen, dass alle Artikel sehr perfekt sind, aber die Anzahl der Menschen, die sehr sehr sehr viel an den Artikeln arbeiten, ist gleich geblieben. Es kann aber auch an fortschreitenden Bürokratisierung der Strukturen in der Wikipedia liegen – . Die Werkzeuge und die Idee dahinter sind großartig. Die konkrete Umsetzung ist etwas zäh. Der Hang zu einer Selbstbürokratisierung von Strukturen in Deutschland scheint nicht gefühlt zu sein, sondern er manifestiert sich auch ganz real. Die Wikipedia gibt es weltweit und eine Art Dachverein kümmert sich um die lokalen Ableger. Zu Deutschland gibt es zu sagen:

Wikimedia Deutschland also has the largest number of staff and largest budget for staff among the Wikimedia affiliates. Some members of the FDC consider that Wikimedia Deutschland’s staff is already oversized and see no rationale behind further increases, especially when the overall budget is being reduced.
von hier: Wikimedia

und jüdische Themen?

Insbesondere wenn es um spezielle Themen geht, wird man in der (deutschsprachigen) Wikipedia schnell an Grenzen des Machbaren stoßen. So weigern sich viele Nutzer und Administratoren beharrlich Kreuze bei den Sterbedaten nichtchristlicher Menschen zu entfernen und setzen die Entfernungen durch andere Nutzer gern zurück. Wer dann tiefer eintaucht und ein wenig an den Artikeln herumschrauben möchte, die für da Thema Judentum relevant sind, gerät schnell an an gewisse Grenzen und muss sich attestieren lassen, keine Ahnung vom Judentum zu haben. Unter anderem auch von Nutzern, die Gemarah und Gemtriah nicht auseinanderhalten konnten. Hier ist dann entscheidend, wer die meisten Nutzer hinter sich zu versammeln weiß. Der Ton ist rustikal, man muss schon sehr sehr viel Interesse an einer Artikelverbesserung haben, wenn man sich das antun möchte.

Die Idee der Wikipedia ist, wie gesagt, sehr gut und wurde deshalb auch schnell adaptiert.
Für jüdische Themen wird es in Zukunft (hoffentlich) spezielle Portale (außerhalb der Wikipedia) geben – mit verlässlichen und guten Informationen. Auch diese sollten im frei im weitesten Sinne sein.

Opensiddur ist ein solches Projekt, bei talmud.de wurde etwas in diese Richtung begonnen. Die Wurzeln von Sefaria.org liegen ebenfalls in etwas, was die Wikipedia begonnen hat.
Spezialisierte Portale mit detaillierteren Informationen und der Möglichkeit, Quelltexte zu nutzen, dürften auf diesem Gebiet die Zukunft sein.

Einige Dissidenten der Wikipedia haben ein jewiki.net gegründet. Ein Projekt, welches eigentlich den Fokus auf jüdischen Themen legen wollte, aber (für meinen Geschmack) ein wenig zu viel dem großen Vorbild entspricht und den Fokus ein wenig verloren hat; denn es werden auch Seiten übernommen, die eigentlich nichts mit dem Judentum zu tun haben. So geht die Zeit für die Weiterentwicklung von jüdischen Themen möglicherweise verloren. Hier kann man von außen nur dazu raten den Projektfokus nicht zu verlieren. Generalisten können von allem ein wenig, aber nichts in der hinreichenden Tiefe.

Mit der Nennung der notwendigen Quellen darf jedes andere Onlineprojekt die Texte übernehmen und verbessern. Für talmud.de habe ich das bereits mit einem Text über Raschi (exemplarisch) gemacht. Die Übernahme des Textes erlaubt es, diesen zu verbessern und vielleicht doch Anlaufpunkte für Informationen mit höherer Qualität zu schaffen.

Wenn man über den Tellerand blickt, sieht man die Bibelpedia. Dort katalogisiert eine Person viele viele Bibelausgaben sehr detailliert und fortlaufend. Das wäre so in der Wikipedia vermutlich gar nicht möglich. Hoffentlich sind das Vorbilder für andere, die noch zögern.

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Antisemitismus als Konstante

Wilhelm Buschs Schmulchen Schievelbeiner

Es wurde in den letzten Tagen viel zum Antisemitismus in Deutschland geschrieben (siehe hier Levis Bericht, oder den von Juna). Das hängt zum einen mit dem 27. Januar zusammen, zum anderen mit der Instrumentalisierung des Antisemitismus gegen Flüchtlinge. Es geht dabei um den Antisemitismus, den Flüchtlinge aus Syrien vielleicht mitbringen könnten. So genau weiß man das noch nicht. Aber die »Maintstream-Gesellschaft« war schon ganz froh, dass da jemand kommt, der etwas offener antisemitisch ist (oder sein könnte). Das lenkt davon ab, dass es in Deutschland schon Antisemiten gab, bevor die ersten Syrer vor dem Krieg flohen (siehe auch hier).
Und: Diesen Antisemitismus gibt es nicht »wieder«, sondern »immer noch«. Eine Art Konstante. Schon der alte Wilhelm Busch bediente antisemitische Stereotypen, wie man am Bild zu diesem Artikel sieht.
Schön beschreibt das eine kleine Geschichte (die vielleicht die meisten jüdischen Leser schon kennen):

Ein Mann, ein Jude, steht mit seinem Koffer am Hauptbahnhof und sieht sich suchend um. Er zieht ihn mal in die eine Ecke, dann wieder in eine andere. Schließlich spricht er einen Mann an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« und der Mann antwortet »Natürlich. Juden sind intelligente und aufrichtige Menschen.« Der Mann mit dem Koffer zuckt mit den Schultern und geht weiter. Er spicht eine Frau ein: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« Die Frau antwortet: »Natürlich. Denken Sie mal daran, was diesen armen Menschen durchleiden mussten.« Der Mann zuckt wieder mit den Schultern und zieht weiter. Er spricht den nächsten Passanten an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« – der Mann sagt »natürlich. Deutsche und Juden sind heute Freunde.« Der Mann mit dem Koffer zuckt erneut mit den Schultern und wendet sich ab. Er wendet sich an einen weiteren Mann. »Entschuldigung, mögen Sie Juden?«. Der Mann verzieht das Gesicht. »Nein. Ich mag Juden nicht besonders. Eigentlich gar nicht.« Der Mann mit dem Koffer schaut erleichtert. »Ich brauche jemanden, der kurz auf meinen Koffer aufpasst. Sie sind der erste ehrliche Mensch der mir heute begegnet ist. Könnten sie das bitte kurz machen?«

Ach. So schlimm ist das doch nicht, ist man geneigt zu sagen. In Deutschland haben immerhin etwa 39 Prozent aller Bürger antisemitische Ansichten. Da kommt es hin- und wieder auch zu Begegnungen. Was ist die Reaktion derjenigen, die das hören oder lesen?
Juden kommen sich zuweilen vor, wie die Person die zum Psychiater kommt und sagt »Ich habe das Gefühl, mich nimmt niemand ernst« und der Psychiater antwortet »Ach! Das glaube ich ihnen nicht.«

Das Ding ist: Wenn man von Vorkommnissen berichtet, bleiben dennoch nur die Berichte hängen, in denen man von »anderen« spricht. Nämlich die Berichte, in denen muslimische oder migrantische Antisemiten agieren. Berichtet man Menschen, die einen teuren Dienstleister einen »echten Juden« nennen, dann heißt es »Ach, das kann doch nicht sein.«. Oder wenn jemand über Marcel Reif sagt, er sei natürlich ein intelligenter Journalist, weil »die« das alle sind. Auch hier: »Ach! Juden sind da einfach zu empfindlich«. Oder, oder, oder. Von der Lupe, unter den Israel in der deutschen Öffentlichkeit steht, muss man gar nicht reden. Da sind die ganz harten Verschwörungstheorien noch gar nicht dabei.
Meine Lieblingstheorie aus den letzten Tagen: Die Behauptung es gäbe (aktuell) ein Antisemitismusproblem sei eine jüdische Verschwörung um von Flüchtlingen abzulenken.

Und dann gibt es auch diejenigen die sagen, man spüre jetzt den Antisemitismus. Die Journalistin Tamara Anthony merkte das öffentlich an und zeigte damit auf das Offensichtliche (etwa hier).
Sie kommt jedoch zu einer falschen Schlussfolgerung: Sie will dem Antisemitismus die »Stirn bieten«. Das ist nicht ihre Aufgabe und nicht die der anderen Juden in Deutschland. Das wäre die Aufgabe der Gesellschaft. Aber die muss das Problem erstmal als »ihr« Problem erkennen und nicht als Problem »der Flüchtlinge«.

Ach ja:

Sollte man dann nicht in den jüdischen Blogs mehr darüber berichten? Wirklich? Vielleicht sollte man nur von den absoluten Höhepunkten berichten. Denn: Ob es Nichtjuden glauben oder nicht: Man spricht zuhause und in der Gemeinde nicht ständig darüber. Da gibt es andere Themen über die man spricht und hoffentlich gibt es noch andere identitätsbildende Elemente. In diesem Blog würde ich gerne (weiterhin) vermehrt über diese anderen Themen berichten. Die Gesellschaft kommt in dieser Zeit (bitte) ihrer Verpflichtung nach.

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Das Jüdische Museum Wien online sehen!

Das Jüdische Museum Wien online

Das Jüdische Museum Wien online

Das Jüdische Museum Wien kann man nun auch online anschauen und sich durch Exponate klicken, sie nahezu beliebig vergrößern und sich sehr genau anschauen – wie etwa diesen Vorhang eines Aron haKodesch:

Toravorhang des Diskin Waisenhauses

Toravorhang des Diskin Waisenhauses


Einigen Objekten kommt man so vielleicht näher als bei einem realen Besuch und kann sich jedes Detail anschauen. Das ist bei Kultgegenständen oder Kunst besonders interessant. Dennoch will man natürlich all diese Dinge auch einmal in Wirklichkeit sehen (ich jedenfalls).

Man kann sich das alles jedoch auch alles in Form eines Rundganges anschauen und sich mit ausführlichen Informationen versorgen lassen und sich so ein umfassendes Bild machen und das führt mitunter auch zu Exponaten, die man sich vielleicht nicht direkt angeschaut hätte.
Eines meiner persönlichen Highlights ist deshalb die Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde« : »Eine Anleitung zur jüdischen Selbstfindung und zum Engagement im politisch-jüdischen Dschungel Wiens« wie es im Begleittext heißt:

Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde«  – »Ausschnitt« aus einem Exponat des Jüdischen Museums Wien

Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde« – »Ausschnitt« aus einem Exponat des Jüdischen Museums Wien


Man muss wohl dem Jüdischen Museum Wien und google (für die technische) Umsetzung und die tollen Einblicke danken.

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Der Admor von Malta

Website Admor von Malta

Website Admor von Malta

Malta hat eine kleine (winzige) jüdische Bevölkerung. Ansonsten dürfte der Staat besonders für die Playmobil-Produktion und die Teilnahme am Eurovision-Song-Contest bekannt sein.

Seit einiger Zeit gibt es aber offenbar eine neue Einrichtung.
Den »Admor« – wobei Admor ein sogenanntes Akronym ist. Also ein Wort aus einer Abkürzung:
Addoneijnu Morejnu, weRabbeijnu Das we (Waw) kann auch als O gelesen werden: Also kurz AdMOR. Das bedeutet »Unser Herr, unser Lehrer, unser Rabbi«. Das wird in der Regel für sehr sehr bedeutende Torahgelehrte verwendet.
Oder anders formuliert: Ein neuer Rebbe ist in der Stadt.

Viel kann man nicht erfahren über diesen Mann, außer dem, was er selber über sich veröffentlicht. Er sei Kabbalist und »High-Priest of G-d« und »Grandmaster« der »United Order of Light«. Außerdem sei er Heiler. Kikar haSchabbat berichtet berichtet, der Admor habe kurze Zeit in Israel gelebt. Mehr weiß auch diese (orthodoxe) nicht zu berichten.
Auf seiner Website heißt es, er habe in Amsterdam seine Berufung empfangen und Kabbalah studiert. Die Kleidung des Rebben erinnert wenig an die anderer Rabbiner.
Zielgruppe scheinen in erster Linie Nichtjuden zu sein. Auf Fotos zum Launch der Website sieht man eher distinguierte Damen und Herren.

Da seine Zielgruppe eher Nichtjuden sind, beziehen sich auch die Lehren eher auf ein breites Publikum auf der Suche nach spirituellen Inhalten und Tipps fürs berufliche und private Weiterkommen. Unter anderem auch, wann man mit einem Mann zusammenkommen kann, der bereits verheiratet ist (siehe hier). Viele Inhalte sind »protected« – man kann sie also nicht lesen. Ein Artikel über Jom Kippur beschäftigt sich mit Königin Esther ohne zu sagen aus welchem Grund (hier).

Aufmerksam wurde ich über einen kleinen Umweg auf den neuen Rebben: Kikar haSchabbat כיכר השבת hat kürzlich darüber berichtet, als der Rebbe in Bejt Schemesch weilte. Davon gibt es auch ein Video bei YouTube:

Das zu bewerten, ist an Euch…