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Alle Haftarot!

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Die Haftarah, also die Lesung aus den Propheten nach der Lesung der Torah, ist häufig der Anhang von gedruckten Torahausgaben für die Synagoge. Die Funktion wird natürlich auch erfüllt: Man kann die Haftarah mitlesen, aber die Haftarah bleibt hier – in der Präsentation – ein Anhang und ist deshalb, bezogen auf den Umfang, limitiert. Als ich 2014 eine kommentierte Torah als ebook und gedrucktes Buch herausgab, stand ich vor der Entscheidung, die Haftarot aufzunehmen und den Umfang der Ausgabe auf 700 Seiten auszudehnen. Dann stellte sich die Frage: Welche Haftarot sollen gezeigt werden? Nur die aschkenasischen? Auch sefardische? Warum weichen Angaben zu Haftarot von Chumasch zu Chumasch ab? Gibt es nicht noch andere Minhagim (Bräuche)? Dass es die gibt, war klar. Wie stark sie voneinander abweichen wurde deutlich, als es darum ging, sie noch in den Umfang einer Torahausgabe zu quetschen. Es war schlicht unmöglich. Dann erschien die Torahausgabe mit einer Liste der Haftarot für die meisten Minhagim. Es war geplant, die Haftarot schnell danach zu veröffentlichen. Dann aber explodierte der Aufwand. Anscheinend gab es bisher kein Buch mit allen Haftarot auf dem Markt oder den Bibliotheken. Der Aufwand sei zu groß, das Interesse zu speziell, erklärte man mir. Da Verleger ja auch ein wirtschaftliches Interesse haben, wagte das niemand. Also ein Projekt für jemanden, der kein wirtschaftliches Interesse verfolgt, sondern an der Thematik interessiert ist und versuchen möchte, auch andere dafür zu begeistern. Mit anderen Worten: Ein Projekt für mich. Für dieses Projekt gab es Zilliarden Anfragen an Rabbiner aus der ganzen Welt, an Bibliothekare, kleinere Reisen zu Archiven die nichts online stellen und alte und spezielle Torahausgaben aufbewahren.

List der Haftarot in der Encyclopedia Talmudit

List der Haftarot in der Encyclopedia Talmudit

Ich habe gelernt, dass kaum eine Gemeinde ihre Minhagim bezüglich der Haftarot aufgezeichnet hat und dass diejenigen Städte in Deutschland, die auf eine lange Geschichte zurückblicken, die überlieferten Minhagim heute nicht mehr einhalten. Dieser Effekt trat in einigen Gemeinden schon mit dem Auftauchen der ersten gedruckten Exemplare eines Chumasch auf. Die Herausgeber hielten sich natürlich an den Minhag, den sie kannten, oder den, der von den meisten Lesern befolgt wurde. In einigen Fällen wurden dadurch Fehler oder falsche Zuordnungen tradiert. Ein interessantes Arbeitsfeld. Ein großes Hilfsmittel war eine, nahezu legendäre, Liste in der Encyclopedia Talmudit mit unfassbar vielen Minhagim. Die ist schwierig zu lesen, enthält ein paar Druckfehler, ist aber wahnsinnig umfassend. Für den wöchentlichen Einsatz kaum zu verwenden.

Aber bevor es zu nerdig wird, etwas mehr zum Buch. Wie auch die Torahausgabe, basiert die Übersetzung auf der von Leopold Zunz und seinen Mitarbeitern. Sie wurde grundlegend auf Basis klassischer Kommentatoren überarbeitet und wird begleitet von Kommentaren. Diese weisen auf Besonderheiten bei der Übersetzung hin. Bei zeitlichen Besonderheiten einer Haftarah, wird in einer Einleitung darauf Bezug genommen und erklärt, unter welchen Umständen, welche Haftarah gelesen wird, so dass dieses Buch als »Kompendium« allen dienen kann, die sich mit der Haftarah beschäftigen wollen. Wann liest man was? Was liest man am Schabbat zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur? Die Antwort ist etwas komplexer, als man vielleicht vermutet.
Wie das ausschaut, kann man hier sehen:

Erklärung der wichtigsten Punkte

Im Anschluss an die Haftarot findet man diejenigen Anweisungen aus dem »Kitzur Schulchan Aruch«, welche die Lesung der Haftarah in der Synagoge betreffen und eine Auflistung der Textstellen mit Zuordnung zur Haftarah – auch das dürfte es nicht so häufig in anderen Werken geben. Man kann also etwa ablesen, wann ein Abschnitt aus Jeschajahu (Jesaja) gelesen wird.

Den Abschluss bilden die Brachot (Segenssprüche) vor und nach der Haftarah für verschiedene Traditionen.
Hier handelt es sich also nicht nur um ein Zusammenschrauben der Zunz-Übersetzung, sondern um eine vorsichtige Übertragung der Übersetzung von Zunz mit einem, hier darf mal ein Superlativ angedeutet werden, bisher noch nicht so häufig angebotenen Umfang.

Das Buch wird es zunächst nicht als ebook geben, nur als richtiges Buch. Das Buch hat 404 Seiten. Der Preis liegt bei 15 Euro. Es ist über mit der ISBN 9783743115453 über den Buchhandel erhältlich, oder über diese Kanäle:

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Berachot über die Haftarah

Berachot über die Haftarah

Auszug aus dem Schulchan Aruch

Auszug aus dem Schulchan Aruch

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Freiburg: Eine Synagoge wird entsorgt

In der Innenstadt Freiburgs soll ein Brunnen in Form des Grundrisses der ehemaligen Synagoge enstehen. Genau dort, wo die Synagoge bis zum 10. November 1938 stand. Bei den Bauarbeiten wurden dann Mauern der Synagoge im Boden gefunden. Was ab diesem Zeitpunkt passierte, ist ein Lehrstück dafür, wie eine Stadt nicht mit ihrem jüdischen Erbe und der lokalen jüdischen Gemeinde umgehen sollte.
Die Reste wurden während der Hohen Feiertage gefunden. Die Gemeinde sollte ihre Position während dieser Tage an die Stadtverwaltung übermitteln. Ein Treffen mit der Gemeinde sollte dann an Jom Kippur stattfinden. Schließlich beschließt die Gemeinde, dass die Mauerreste erhalten werden sollten. Die Stadt jedoch entscheidet anders und fährt fort mit dem Bau (die Jüdische Allgemeine fasst hier zusammen). Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon hat »emotional Verständnis für die Betroffenheit« der Gemeinde, sieht aber anscheinend keinen Handlungsbedarf. Das Mahnmal muss anscheinend zügig gebaut werden. Ausfälle auf Baustellen kosten Geld. Anscheinend auch gegen den Willen der jüdischen Gemeinde.
Ja, richtig gelesen: Mahnmal sticht lebende Juden.
Nun werden sollen die Steine sach- und fachgerecht (wie es in einem Zeitungsartikel dazu heißt) abgetragen werden um sie zu konservieren. Auf einem Video wird nun dokumentiert, wie vorsichtig und umsichtig das archäologische Fachpersonal dabei vorgeht. Die Reste der Synagoge werden einfach entsorgt:

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Unwürdig

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In jüngster Zeit gelangen wieder Rangeleien zwischen nichtorthodoxen und orthodoxen »Betern« in die (jüdischen Medien). So wurde dieser Tweet populär:


Beter steht nicht zufällig in Anführungszeichen. Es geht dort um das Gebet. Das ist nicht der geeignete Ort für Demonstrationen jedweder Art. Regelmäßig versuchen jetzt Frauengruppen am Rosch Chodesch, dem Beginn des jüdischen Monats, dort Gruppen zu organisieren, die auch aus der Torah lesen. Vielleicht zur Verärgerung oder Verwunderung anderer Frauen, die das vielleicht nicht wollen. Mir ist noch nicht so ganz klar, was so verdienstvoll daran ist, die anderen Beter dort zu verärgern.

Dieses Gerangel an diesem Platz sollte für jede »Partei« unwürdig sein. Man braucht auch keinen »egalitären« Bereich an der Kotel. Man braucht einfach einen Bereich für alle Juden.
Da kann ich nur wiederholen, was ich zu Beginn des Jahres von Rabbiner Daniel Bouskila zitierte:

The “landmark decision” should have been to restore the Kotel to what it once was: an open place for all Jews to come pray and meditate as individuals. Instead, with this decision, the Kotel will eternally represent the divisiveness and politics of Judaism’s modern-day denominations.
von hier

Kein Ort der Demonstrationen. Keine Bar-Mitzwah-Location, kein Touristenmagnet, kein Anlaufpunkt für diverse Minjanim. Einfach ein Ort an dem der Einzelne kurz mal an die Überreste des Tempels herantreten kann.

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Ein unverantwortliches Buch?

Armin Langer: Ein Jude in Neukölln

Armin Langer war Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg und ist Mitbegründer einer Gruppe namens »Salaam-Schalom Initiative«.

Im Frühjahr überwarf sich Langer dann mit dem Abraham Geiger Kolleg. An diesem hatte er seine rabbinische Ausbildung begonnen. Jedoch nicht wegen seiner »Meinung« oder seinen Aktivitäten im jüdisch-muslimischen Dialog, sondern weil er, wie das Kolleg berichtete (siehe auch hier), Absprachen zur Außenkommunikation nicht eingehalten hatte. Dass er den Zentralrat der Juden als »rassistisch« bezeichnet hatte (und sich später für die Wortwahl entschuldigte), war also nicht der Auslöser, auch wenn das häufig so gesehen wird.

Nun ist er kein also Rabbinerstudent mehr, aber das Label bleibt. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Mit diesem Label:
In den meisten Berichten und auch im Text des Verlages zu seinem Buch heißt es: »Ármin Langer, jüdischer Rabbinerstudent und Publizist, lebt in Neukölln[…]«. Dementsprechend heißt das Buch »Ein Jude in Neukölln – Mein Weg zum Miteinander der Religionen«. Aber eigentlich, so heißt es im Buch, sollte das Buch »Muslime sind die neuen Juden« heißen (Seite 11), er habe sich dann jedoch umentschieden.
Dieser Titel hätte die Grundidee Langers schon ganz gut zusammengefasst. Diese These wird dann auch untermauert mit verschiedenen »Umdeutungen« und »Uminterpretationen«.
Er spricht etwa über Rabbiner Daniel Alter. Alter wurde in Berlin auf offener Straße von Jugendlichen zusammengeschlagen. Nach allem was wir wissen, Kinder oder Enkel von Migranten mit arabischem Hintergrund und formulierte danach öffentlich, was viele Juden bereits wussten: Es gibt Bereiche in der Stadt (wie auch in anderen Städten), die für Juden nicht sicher seien. Eben wegen solcher Jugendlicher.
An Alter arbeitet sich Langer ab und versucht, das ganze Geschehen zu entkräften. Dieser Vorfall, exemplarisch für andere, wird umgedeutet und das Licht ausschließlich auf Alters Äusserungen danach gerichtet.
Natürlich fehlt auch der Vorwurf nicht, Dr. Josef Schuster, der Zentralratspräsident, hätte Obergrenzen für Flüchtlinge gefordert. Generell wird hier in beiden Fällen ein antimuslimischer Diskurs von Langer vermutet.
Antisemitimus sei generell kein Problem bei »muslimischen« Jugendlichen, so Langer.

Aber eines übersieht Langer in seiner Argumentation und seinem Bemühen, eine schwarz-weiße Welt zu erzeugen: Die Grautöne.
Es ist tatsächlich kein Problem der Religion, sondern der Sozialisierung und des vorherrschenden Mythos, das Judentum sei der Feind des Islam. Diese antisemitische Propaganda aus arabischen Ländern hat langfristige Wirkung gezeigt und färbt sogar auf vereinzelte jüdische Protagonisten ab. Niemand würde ernsthaft behaupten, alle »muslimischen« Jugendlichen seien Antisemiten. Man muss aber das Problem aufzeigen dürfen.
Noch immer meint er, »95 Prozent aller antisemitischen Gewalttaten werden von Neonazis verübt« und damit widerspricht er der Lebenserfahrung der meisten Juden in diesem Land. Jedenfalls derer, die als solche erkennbar sind.
Antisemitismus sei kein Problem. Vielmehr gäbe es Probleme mit dem Staat Israel. Auch zu diesem hat Langer, sagen wir mal, eine »kritische« Haltung (Diskriminierung sei in Israel überall präsent)– um den größtmöglichen Euphemismus zu wählen. Oft sei es gar kein Antisemitismus, wenn Juden ermordet würden. Der Überfall auf den koscheren Pariser Supermarkt Hyper Cacher, sei eher politisch motiviert. Wenn man das weiterspinnt, ist es also eher »physische Israelkritik«. Das Patentrezept für ein Ende solcher Taten: Die »Besetzung« des Westjordanlandes beenden und alle Palästinenser zurückkehren lassen nach »Israel-Palästina«. Vielmehr sei der Staat Israel ein »Risikofaktor für Juden außerhalb Israels«.

Der Antisemitismus wird also wegdefiniert und Israel-Hass scheint legitim zu sein.

Dann gibt es die Behauptung, jüdisches Leben in Deutschland definiere sich heute zu einem großen Teil nur durch die Beschäftigung mit der Schoah oder die Bedrohung durch Antisemitismus.
Der »Status als Opfer« würde immer wieder betont. Das ist eine Sichtweise, die häufig von denen eingenommen wird, die dem Judentum nicht so offen gegenüberstehen und geht an der Realität der Gemeinden generell vorbei. Vermutlich wird das weder am Abraham Geiger Kolleg, noch an den anderen Einrichtungen der Rabbinerausbildung in Deutschland gelehrt. Die meisten Rabbiner aller Strömungen betonen heute, wie wichtig es ist, dass man Herr über sein eigenes Leben ist und wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen. Auch als »Gruppe«.

In dem Buch werden zahlreiche Anstrengungen unternommen, einen antimuslimischen Diskurs nachzuweisen. Wenn man den Argumentationen folgt, dann lassen sie das Engagement von Langer selbst natürlich in einem noch viel besseren Licht dastehen. In seinem Bemühen darum, kommt er zu falschen Schlussfolgerungen und wirft generell kein sehr gutes Licht auf die jüdische Community in Deutschland. Ich weiß nicht, ob er sich dieser Tatsache bewusst ist. Wenn man antwortet, er sei sich dessen nicht bewusst, dann ist er nicht reif genug für das Rabbinat.
Wenn er sich dessen bewusst ist? Was wäre dann?

Ármin Langer
Ein Jude in Neukölln
304 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03659-1

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Vorinstallierter jüdischer Kalender unter iOS

Sperrbildschirm iPhone

Vielleicht wissen es einige Leser bereits, aber sicherlich nicht alle. Wer zwischendurch (oder ständig) auch das jüdische Datum (oder islamische) des Tages sehen möchte, benötigt für iPhones und iPads keine weitere App. Er muss nur eine Einstellung ändern und hat dann den Vorteil, dass das hebräische Datum überall dort gezeigt wird, wo es um Daten geht. Sowohl im Kalender, als auch im Sperrbildschirm.

Kalender auf dem IPhone mit jüdischem Datum

Kalender auf dem IPhone mit jüdischem Datum

Die Einstellung ist dabei nicht einmal »versteckt« – vielmehr noch sehr unbekannt.

Man geht dazu in die Einstellungen:

Einstellungen

Einstellungen

Dann wählt man den Eintrag Kalender. Und hier wählt man den Punkt »Alternative Kalender«:

Einstellungen > Kalender > Alternative Kalender

Einstellungen > Kalender > Alternative Kalender

Hier stehen dann drei zusätzliche Kalender zur Auswahl:
der chinesische Kalender
der islamische Kalender
der jüdische Kalender (hier »hebräischer Kalender« genannt)

Natürlich müsste man nun nur noch den Kalender antippen, den man sich wünscht:

Alternative Kalender

Alternative Kalender

Fertig! Nun hat man auch im Sperrbildschirm einen jüdischen Kalender (oder einen islamischen, oder einen chinesischen) und natürlich auch in der Kalender-App.

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Über Juden sprechen geht ohne Juden einfach besser?

»Klagemauer« Köln

»Klagemauer« Köln

Wer bis zum Ende des Jahres 2015 mit dem Zug nach Köln kam und sich vor den Dom stellte, musste früher oder später Notiz von der »Klagemauer« nehmen. Sie stand am bekanntesten Platz der Stadt und stimmte die Besucher auf den Aufenthalt in der Stadt ein. Die »Klagemauer« wandte sich gegen den Staat Israel und das tat sie in einer Form, die wenig Zweifel daran ließ, dass derjenige, der diese Art des Protests in die Stadtmitte trug, den Staat Israel deshalb ablehnte, weil er der Staat Israel war – der Jude unter den Völkern. Da war die Rede vom »Holocaust in Gaza« und davon, dass Netanjahu Massaker verübe und sie als »Kampf gegen den Terror« verkaufe – wie Hitler. Dazu wurden Bilder und Karikaturen gezeigt, auf denen ein Jude ein Kind verspeist. Dass es antisemitisch war, konnten Jüdinnen und Juden häufig bestätigen. Die Gerichte der Stadt sahen das in der Regel anders und wiesen Klagen diesbezüglich ab. Selbst der Bezirksbürgermeister Andreas Hupke bezeichnete die Sammlung von Material als »völlig einseitig, antisemitisch und nur abscheulich« (taz).

Derjenige, der demonstrierte, Walter Herrmann, zeigte, was in Deutschland legal über Juden und den Staat Israel gesagt werden darf. Das tat weh und verletzte Menschen. Es führte zu Hass bei denjenigen, die der Propaganda auf den Leim gingen und sich bestätigt sahen. Der Schaden dürfte groß sein.
Nun verstarb Walter Hermann im Juni 2016, aber das beendete den Spuk nicht. Jetzt erst wird offensichtlich, dass Herrmann nicht allein war mit dem, was er dachte. Der Kölner Stadtanzeiger berichtete von einer »bewegenden Trauerfeier« (siehe hier) und die Sammlungen israelfeindlichen Materials wurden zu »kontrovers diskutierten Aktionen« (von hier: Kölner Stadtanzeiger).
Der gesamte Bestand seiner Pappschildchen sollte im Kölnischen Stadtmuseum und dem Kölner Stadtarchiv weiter aufbewahrt werden. Das sollte man eigentlich laut hinterfragen. An diese Stelle stellt sich nun die Karl Rahner Akademie Köln und möchte an einem Abend, nach persönlicher Anmeldung, darüber diskutieren.
»Der Erinnerung wert? Walter Hermann, die Klagemauer, der Antisemitismus und die Aufgabe historischer Archive« ist der Titel der Veranstaltung. Geladen sind Bundestagsabgeordneter Volker Beck, Polizeidirektor a.D. Udo Behrendes, die Archivarin Dr. Gisela Fleckenstein, der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums Dr. Mario Kramp, Pfarrer Franz Meurer und Dr. Martin Stankowski. In einer vorherigen Ankündigung wurde noch Prof. Dr. Jürgen Wilhelm von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit genannt.
Die Akademie möchte das Thema am 12. Oktober 2016 diskutieren. Das ist Jom Kippur. Kann sein, dass es die Karl Rahner Akademie im Vorfeld nicht wusste. Deshalb schrieb ich die Karl Rahner Akademie an. Kann es aber sein, dass man »über« Antisemitismus und Juden spricht, ohne einen einzigen Vertreter einzuladen? Auch das wollte ich von der Karl Rahner Akademie wissen:

Sehr geehrte Damen und Herren,
am 12. Oktober 2016 planen Sie die Durchführung einer Podiumsdiskussion zu der sogenannten »Klagemauer« in Köln. Es wird unvermeidbar sein, bei diesem Thema auch über Antisemitismus zu sprechen. Das kündigen Sie ja auch in der Überschrift an.
Die Fragen, die sich bei Betrachtung der Referenten aufdrängt, lauten:
Warum sind keine jüdischen Referenten eingeladen?
Warum wird »über« Juden gesprochen, aber nicht mit?
Hatten Sie vor der Planung der Veranstaltung Kenntnis davon, dass der Veranstaltungstag Jom Kippur sein würde und somit kein Jude im Publikum würde sitzen können, der sich irgendwie für seine Religion interessiert?
Haben Sie sich nach bekannt werden dieser Tatsache um eine Lösung dieses Widerspruchs bemüht?
Ist Ihnen bewusst, dass man dies durchaus als Desinteresse an der jüdischen Haltung auslegen könnte?

Die Mail erreichte die Akademie am 28.09. blieb jedoch ohne Antwort. So ist man – so bin ich – dazu eingeladen, die Schlüsse selber zu ziehen: Ist das Sprechen über Juden ohne Juden vielleicht einfacher? Ist man sich möglicherweise schneller einig? Will man eine jüdische Stimme in dieser Diskussion gar nicht zur Kenntnis nehmen?

Mein Vorschlag würde übrigens lauten: Einen Teil aufbewahren. Der Teil kann dann für das neue jüdische Museum der Stadt Köln genutzt werden. Hier könnte man das neben Objekten zeigen, die eine Geschichte des Antisemitismus dokumentieren und dass so mancher Vorwurf (Brunnenvergifter, Kindermörder) sich ein neues Mäntelchen angezogen hat und als Israel-Kritik daherkommt (noch immer Brunnenvergifter und Kindermörder, aber nun »Israel«).

Update!

Am Nachmittag des 7. Oktober reagierte die Karl Rahner Akademie indirekt (Grammatikfehler aus dem Original):

Verschiebung der Veranstaltung!
Von uns ist aus Unachtsamkeit die Podiumsdiskussion auf den 12. Oktober, das ist in diesem Jahr Jom Kippur, einer der höchsten jüdischen Feiertage, gelegt worden ist, und damit die Teilnahme von Menschen jüdischen Glaubens erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht ist, haben wir uns zur Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt entschieden.

Ob nun auch ein jüdischer Ansprechpartner eingeladen wird, stand nicht in der Nachricht auf der Homepage der Karl Rahner Akademie.

Volker Beck (der eingeladen ist) habe ich auf twitter angesprochen und dieser hat auch gehandelt:

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Unterwegs

Ehemalige Synagoge Heubach

In Hessen gibt es zahlreiche Orte mit Friedhöfen, die zumindest teilweise die Zeiten überdauert haben. In nahezu jeder Ortschaft scheint es eine Mikweh gegeben zu haben. Einige davon, wurden erst jüngst wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mein Streifzug zeigte in erster Linie all die Dinge, die nicht mehr da sind und wie sehr sich das Leben auf »dem Land« vom Leben in den Ballungsräumen unterschied. Keine Grundrisse von Reformsynagogen, sondern traditionelle aschkenasische Synagogen. Die große Anzahl von Mikwaot zeigt natürlich, dass sie gebraucht wurden, so banal das auch klingen mag. Ganz unromantisch kann man aber auch festhalten, dass Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts hier ein radikaler Schrumpfungsprozess einsetzte. 1936 schrieb Lily Hirsch im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Frankfurt (Heft 12) über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Hessen-Nassau:

Keine Provinz weist eine so starke Landbevölkerung auf wie Hessen-Nassau. […] Keine der jüdischen Mittel- und Kleingemeinden unserer Provinz umfasst heute noch 200 jüdische Gemeindemitglieder, während 1932 noch 3 Gemeinden an 400 herankamen. Bad Homburg ist von 400 Mitgliedern im Jahr 1932 auf 195 heruntergegangen, Schlüchtern von 375 auf 194, Hersfeld von 360 auf 181. Diese Zahlen nach dem Stand vom 1. April dieses Jahres dürften heute schon wieder überholt sein.
Wie schnell die Veränderungen vor sich gehen, wie schnell Gemeinden völlig verschwinden können, mögen zwei Beispiele zeigen: Die Gemeinde Ulmbach bei Schlüchtern mit ursprünglich 32 Seelen zeigte im April 1936 noch 4 Gemeindemitglieder an und hat sich in diesen Tagen völlig aufgelöst. Gelnhausen mit einem Bestand von 207 Seelen im Jahre 1932, ist 1934 auf 127 zusammengeschrumpft und meldete am 1. April 1936 noch 66 Mitglieder. Die Gesamtzahl der Gemeinden mit über 100 Seelen ist von 33 auf 14 zurückgegangen, dagegen haben sich die Zwerggemeinden (1 – 49 Seelen) von 64 im Jahre 1932 auf 90 im Jahre 1936 vermehrt, ein Schrumpfungsprozess, dessen Ende man vorausbestimmen könnte.
Lily Hirsch in: Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, 1936, Heft 12 (September 1936)

Sie schließt mit:

Es ist traurig zu wissen, dass viele Gemeinden unseres jahrhundertelang von Juden besiedelten Bezirks in kurzer Zeit verödet sein werden, Gemeinden, von deren einstiger Bedeutung Synagogen, Friedhöfe, Urkunden und Familiennamen zeugen.
Lily Hirsch in: Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, 1936, Heft 12 (September 1936)

80 Jahre später habe ich einige dieser Orte besucht und bin (mit Ausnahme der Städte und eines Ortes) durch Gegenden gekommen, in denen (nahezu?) keine Juden mehr leben. Nur noch Erinnerung. Felsberg war eine Ausnahme. Hier wird eine alte Synagoge renoviert und soll wieder einer kleiner (liberalen) Gemeinde dienen.
Bereits auf dem Weg nach Hessen, kommt man an Warburg vorbei. Eine Stadt, in der es 1946 noch ein »Rabbinat« gegeben hat und wo es heute nur noch einen jüdischen Friedhof gibt. Weiterlesen