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Mit einem Boykott zwei Gruppen schädigen

Made in Israel

So wie es aussieht, wird der Boykott Israels so langsam konkret. Die Grundsteine sind gelegt – es wird eine Kennzeichnung israelischer Produkte mit konkreter Herkunft geben. Das macht es den Hassern einfacher, die Produkte zu meiden.
Aber vermeiden die nicht ohnehin alle jüdischen oder israelischen Produkte?
Richtig gelesen. Jüdisch. Die Zeit hat die politische Korrektheit mal Korrektheit sein lassen und hat getitelt: »Obst aus jüdischen Siedlungen wird markiert.«

Die Vorgehensweise der EU-Handelskommission ist mir jedoch noch nicht ganz klar:

  • Entweder hat die Kommission bereits alle gravierenden Probleme der Europäischen Union und der dort lebenden Verbraucher gelöst, wonach es aber derzeit nicht ausschaut, oder
  • die Kommission hat priorisiert und das allerwichtigste Problem identifiziert: Israel.
    Der europäische Verbraucher muss die Möglichkeit haben zu erkennen, ob ein Produkt innerhalb der Vor-1967-Grenzen hergestellt wurde, oder nicht. Ich weiß nicht, welchen Nachteil der Verbraucher hat, wenn die Möhren und Kartoffeln aus israelischer Erde 100 Meter weiter links oder 100 Meter weiter rechts kommen.

Bei landwirtschaftlichen Produkten aus dem Westjordanland kann es natürlich sein, dass sie durch die Hand arabischer Arbeitern gepflückt wurden.
Kann es etwa sein, dass die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström die Verbraucher davor schützen will, nichts mehr aus arabischer Hand essen zu müssen?
Das wäre doch unvorstellbar. Man stelle sich einmal vor, man riefe dazu auf, nichts mehr aus jüdischer Hand zu essen.
Obwohl, wartet mal, hat die EU-Kommission jetzt nicht beide Fliegen mit einer Klappe geschlagen?

Wenn die Verbraucher in Zukunft nämlich tatsächlich Produkte aus den Gebieten meiden, die gemeinhin als besetzt gelten, dann wird es in diesen natürlich wirtschaftliche Probleme geben. Die Firmen werden ihre Produktion entweder woanders aufbauen müssen, oder aufgeben. Es gibt Schätzungen, nach denen etwa 77.000 Palästinenser für israelische Unternehmen arbeiten. In Kernisrael und im Westjordanland. Das ist eine sichere Einkommensquelle und auch ein Ort, an dem sich jüdische Israelis und arabischer Palästinenser zusammenarbeiten und das nicht für einen Hungerlohn.
In der Konsequenz werden diese Menschen ihre Arbeit verlieren und die sicheren Einkommen werden den Familien fehlen. Neue Arbeit wird sich schwer finden lassen. Die Lage wird somit eher schwieriger als besser.
Aber ist das nicht toll für den europäischen Verbraucher? Er kann mit einem Einkaufswagen zwei Gruppen nachhaltig schädigen.

Das ist nicht deren Absicht? Warum dann wird die Kennzeichnung nicht auch für andere Länder eingeführt?
Zypern? Tibet? Transnistrien? Krim? Abchasien? Westliche Sahara? Süd-Ossetien?

Wer die Sache eines palästinensischen Staates aufrichtig unterstützt, dürfte sich also nicht über die jüngsten Aktivitäten freuen. Denn es geht nicht um die Unterstützung eines solchen Staates neben dem israelischen. Es geht gegen den Staat Israel.
Das ist ein großer Unterschied.

2013 war das hier übrigens auch schon einmal Thema

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Kefije für Israel-Freunde

kefije_preview

Auch genervt vom Symbol des bewaffneten Kampfes gegen Israel, das gerne als modisches Accessoire getragen wird?
Das begegnet einem in der Fußgängerzone häufiger. Es sagt:
»Ich mag den Staat Israel nicht.
Ich mag seine Bewohner nicht.
Und weil ich dem jüdischen Volk keine Heimat gönne, mag ich auch keine Juden.«
Es ist klar: Es geht um die Kefije, auch Palästinensertuch genannt.
Das konnte nicht lange so bleiben und so wurde 2006 eine Gegenvariante verkauft. Mit Erfolg. Selbst in Deutschland habe ich hier und da mal eine gesehen. Das ist/war eine gute Nachricht.
Besser ist diese Nachricht: Es gibt eine Neuauflage!

Kefije - Israeli style

Kefije – Israeli style

Dieses Mal gibt es sogar noch eine kabbalistische und eine US-amerikanische Variante. Die kann man tragen um zu zeigen, dass man nicht zu denen gehört, die meinen die USA steckten irgendwie hinter allem Übel der Welt (und weiter unten in der Argumentationskette dann irgendwann auch Juden).
Das dazugehörige Label heißt »The Semitic«. Die deutsche Entsprechung wäre »Semiten«, erinnert aber irgendwie an das Magazin »Der Semit«, welches nicht unbedingt supersolidarisch mit dem Staat Israel war.

Wer den Baal haBlog (also mich) total gern hat und möchte, dass er auch mal etwas zu lachen hat, der spendiert ihm den Tallit Gadol:

Tallit Gadol von »The Semitic«

Tallit Gadol von »The Semitic«

Jewlicious hat darauf aufmerksam gemacht

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Messerattacken und die Botschaft dahinter

Ma'ariv Montag 14. März 2011

Ma’ariv Montag 14. März 2011

Was ich nach Teroranschlägen in den israelischen (und jüdischen) Medien früher selten gesehen habe, waren Bilder der Körper der Opfer. Dem jüdischen Diktum folgend, dass man die Ehre des Toten bewahren sollte, sah man eher die Gesichter der Angehörigen und die Trauer, die sich in ihnen spiegelte.
Wer etwas Empathie aufbringen kann, der spürt den Verlust und die schrecklichen Folgen der Tat. Nicht nur, weil ein Leben genommen wurde, sondern weil man das Leben vieler anderer Menschen zerstört hat und ihnen Schmerz zugefügt hat.
Manchmal sahen wir zur gleichen Zeit andere Bilder von Menschen. Menschen die auf der Straße Täter feierten und ihren Sieg über die Menschlichkeit. Die aufgepeitschte Menge trug schon einmal Bilder von blutigen Leibern oder verstümmelten Körpern. Das war kein Zustand, den wir auch erreichen wollten.
In letzter Zeit tauchen bei Facebook und bei Twitter aber vermehrt Bilder toter und verstümmelter Körper auf. In seltenen Fällen von den Opfern, in vielen Fällen von den Attentätern.
Will man diese Bilder sehen?
Weiter zirkulieren lassen?
Werte einfach vergessen?
Wie konnte es dazu kommen?
Genau darauf zielen die jüngsten Attacken auf Menschen in Israel – oder sie sind zumindest ein Ziel. Man soll diese Werte von Bord werfen.

Die Taktzahl der neuerlichen Attentate spricht dafür, dass es darum geht, Druck auf die israelische Gesellschaft aufzubauen.
Man kann davon ausgehen, dass bereits bei einem solchen Messerattentat in Europa die Hysterie groß wäre und so müsste man die israelische Haltung eigentlich bewundern. Auch wenn es hier und da zu heftigen Reaktionen kommt (häufig verurteilt), die Gesellschaft insgesamt ist nicht am Rande eines hysterischen Zusammenbruchs. Dennoch stellt man sich natürlich die Frage, wie es weitergehen soll.
In Europa anerkennt man diese Haltung nicht. Man fragt, warum die Attentäter unbedingt erschossen werden müssen und lässt sich den Diskurs der Täter aufzwängen oder führt ihn gerne und freiwillig weiter.
So darf, nur als ein Beispiel, im Deutschlandradio der Vorsitzende der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Raif Hussein, unwidersprochen behaupten, die Attentäter seien ermordet worden und spricht von »vehementen Demonstrationen« und versucht die Attentate als Ergebnis einer enttäuschten Friedenshoffnung darzustellen.

Ein Ziel der Attentate nannte ich. Worauf zielen die Attacken noch?
Sie zielen sehr genau auf das Zusammenleben von Israelis arabischer Herkunft und jüdischen Israelis. Um die Gesellschaft zu zerbrechen, um auf der anderen Seite diejenigen radikalisieren zu können, die sich im Augenblick noch wohlfühlen. Man muss man ihnen das Gefühl vermitteln können, sie stünden sowieso weit außerhalb der Gesellschaft.

Und die Botschaft hinter der jüngsten Terrorwelle? Die ist so klar, dass man sie nicht kompliziert entschlüsseln muss:
Es geht nicht um Frieden. Es geht darum, Israelis zu töten.
Es geht nicht um ein Zusammenleben in zwei Staaten. Oder darum, die Anerkennung eines Staates zu erzwingen.
Es geht darum, der anderen Seite das Lebensrecht nicht nur abzusprechen, sondern es ihr zu nehmen.

Jetzt sind diejenigen gefragt, die eine andere Botschaft haben. Es stünde auch den Medien hierzulande gut zu Gesicht, wenn sie Vertreter mit dieser anderen Botschaft zu Wort kommen lassen und nicht einem Raif Hussein Sendezeit für Propaganda überlässt.

Übrigens würde ich es begrüßen, wenn die Nutzer sozialer Netzwerke meine Einleitung beherzigen und auch andere Nutzer dazu auffordern würden, keine Bilder von Leichen mehr einzustellen.

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Jom Kippur und das Opferfest

2015 fallen Jom Kippur und das Opferfest auf einen Tag (den 23. September 2015), wie alle 33 Jahre…
In Israel ist das eine besondere Herausforderung, weil das Land kollektiv still steht und ein Teil der Bevölkerung ausgelassen feiern wird. Der Abraham-Fund in Israel hat unter dem Motto: »Zwei Feste, zwei Völker, ein Tag« ein Video dazu produziert. Hier ist es:

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Der Mossad stiehlt Schuhe! #MossadStoleMyShoes

Schuh in der Gewalt des Mossad

Schuh in der Gewalt des Mossad Wann immer man meint, man hätte schon alle Anti-Israel-Absurditäten gesehen, dann kommt jemand und zieht noch ein weiteres, viel absurderes, Ass aus dem Ärmel.
Der britische (Anti-Israel) Aktivist Asghar Bukhari hat ernsthaft behauptet, der Mossad sei in sein Haus eingebrochen und hätte einen (!) Schuh gestohlen.
Der Aktivist postete das auf facebook und auf YouTube. Das sind 15 Minuten Spaß bis man merkt, dass es sich bei dem Video nicht um einen satirischen Beitrag handelt. Es ist dem Mann sehr ernst. Auch anderen muslimischen Persönlichkeiten sei dies passiert. Man sei in ihre Wohnungen gekommen und hätte ähnliche Dinge getan, also Möbelstücke umgestellt oder Einrichtungsgegenstände an einen anderen Ort gestellt. Der Mann macht, wenn man ihn nicht kennt und nicht weiß, was für hässlichen Dinge er in der Vergangenheit erzählt hat, zunächst einen ganz smarten Eindruck.

Was er leider nicht zur Debatte stellt: Gibt es Augenzeugen, die das geheime Schuhlager des Mossad tief unter den Alpen jemals mit eigenen Augen gesehen haben? Kaum jemand kehrte lebend von dort zurück.
Die Antwort ist klar: Aus diesem Grund gibt es auch so wenig Zeugen.

Bei twitter ist die Sache unter dem Hashtag #MossadStoleMyShoes dankbar angenommen worden. Die Reaktionen sind großartig: Weiterlesen

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Das Land Israel

Die Grenzen Palästinas nach Rabbiner Joseph Schwarz

Die Grenzen Palästinas nach Rabbiner Joseph Schwarz

In hitzigen Medien-Diskussionen rund um den »Nahostkonflikt« (solche Diskussionen sind eigentlich immer hitzig), wird in der Regel irgendein Teilnehmer entweder einen Nazi-Vergleich bringen oder jemand nennt Mahatma Gandhi – soll jedenfalls vorkommen.

In Diskussionen ist mindestens ein Nazi-Vergleich unabdingbar. Einige Blogbeiträge zum Thema kommen meist auch nicht ohne aus.
Dieses Phänomen ist längst dokumentiert und betrifft nicht nur Diskussionen rund um den Staat Israel und wird als Godwins Gesetz bezeichnet. Autor Mike Godwin formulierte, dass im Verlauf längerer Diskussionen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich ins Spiel bringt, sich dem Wert Eins annähert.
Oder anders formuliert: Es ist sehr wahrscheinlich, wenn die Diskussion nur lange genug dauert. Das ist eine Tatsache mit der wir uns abfinden müssen.

Weil das kein Argument ist, schauen wir ganz kurz auf Gandhi und dieser führt uns überraschenderweise direkt zum Land Israel.
Gandhi publizierte und äußerte tatsächlich auch etwas zum Staat Palästina.
Er hatte die Idee, dass Juden sich in Israel niederlassen dürften, wenn sie dies friedlich täten. Im Allgemeinen fand er jedoch die Idee des jüdischen Staats anscheinend nicht so sehr reizvoll und riet, insbesondere auch den Juden Deutschlands im Jahr 1939, man solle in den jeweiligen Heimatländern bleiben. Es sei gut, dort zu leben, wo man geboren worden sei.
Den arabischen Bewohnern der Region stehe Palästina ebenso zu, wie England den Engländern und Frankreich den Franzosen. Den Juden unter deutscher Herrschaft riet er zum passiven Widerstand.
Diese Haltung provozierte natürlich auch Reaktionen von jüdischen Intellektuellen seiner Zeit und klingt nicht nur für heutige Leser sehr naiv.

Einer, der sich öffentlich gegen Gandhi wandte, war der Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965). Es sandte ihm 1939 eine Antwort.
Buber war empört über den Aufruf zum passiven Widerstand und sah schon 1939 wohin die Pläne der Nazis führen würden. In Bezug auf Israel, damals ja noch »Palästina«, wies er die Behauptung zurück, das Land gehöre ausschließlich den Arabern. Dies sei aus historischen, rechtlichen und moralischen Gründen nicht richtig.
Palästina stehe beiden Völkern zu, die über ihre Geschichte mit diesem Land verbunden seien. Eines von Bubers Argumenten zeigt direkt ins Herz der jüdischen Überlieferung zum Land Israel:

»Mir erscheint es, als gebe G-tt keinen Teil Erde weg … das eroberte Land ist, meiner Meinung nach, auch dem Eroberer, der sich darin niedergelassen hat, nur geliehen und G-tt wartet ab, um zu sehen, was er daraus machen wird.«

Mit diesem Argument zitiert Buber einen Rabbiner, der 900 Jahre vor Buber gelebt hat, nämlich den mittelalterlichen Kommentatoren Raschi (1040–1105), der genau so die ersten Zeilen der Schöpfungsgeschichte in der Torah kommentiert.
»Warum fängt die Torah mit der Schöpfungsgeschichte an?« fragt Raschi und antwortet dann unter anderem mit einem Satz, den viele Juden schon einmal als Argument gehört haben:

»Wenn die Völker der Welt zu Jisrael (also zum jüdischen Volk) sprechen sollten >Ihr seid Räuber, denn ihr habt die Länder der sieben Nationen Kanaans gewaltsam genommen< , so könnten sie ihnen zur Antwort geben: >Die ganze Erde gehört dem Heiligen, gepriesen sei er. Er hat sie geschaffen und demjenigen gegeben, der in seinen Augen gerecht war. Nach seinem Willen hat er es denen gegeben und nach seinem Willen ihnen wieder genommen und uns gegeben.«

Heute lesen wir das und reiben uns die Augen angesichts der Tatsache, wie wenig neu die Argumente der Israel-Gegner sind und wie wenig neu das Nachdenken über den Stellenwert jüdischer Präsenz an diesem Ort ist. Weiterlesen

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Die Wahlen und ihr Ausgang

Wahlplakat der Zionistischen Vereinigung »Wir oder er« - von Ranbar (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Wahlplakat der Zionistischen Vereinigung »Das sind Wir oder Er« – von Ranbar (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Mit dem Ausgang der Wahlen ändert sich scheinbar wenig, weil es so ausschaut, als bleibe Netanjahu an der Macht. Das ist die oberflächliche Betrachtung des Wahlausgangs. Tatsächlich hat die Zionistische Vereinigug (HaMachane HaZioni) durch ihr gemeinsames Auftreten kein schlechtes Ergebnis erzielt, auch wenn es nicht für eine Regierungsbeteiligung reichen dürfte. Dies zeigt recht gut, dass die Bevölkerung sehr verschiedene Interessensschwerpunkte hat. Einigen ist Sicherheit wichtig, anderen soziale Gerechtigkeit und die Aussicht, von eigener Arbeit auch (gut) leben zu können. Für die Juden der Diaspora dürften beide Themen nicht so sehr uninteressant sein – natürlich nur dann, wenn man sich über eine Auswanderung Gedanken macht.
Es hat der Mann gewonnen, der in den Augen der Öffentlichkeit hier in Europa, nicht gerade Wunschkandidat war – um das mal euphemistisch zu umschreiben. Fast schon egal, wer statt Netanjahu die Wahl gewinnt. Es dürfte seiner Popularität nicht gerade genutzt haben, in den letzten Stunden noch vor den arabischen Wählern zu warnen – was weder weise, noch akzeptabel war. Er hat sich schon zuvor mit Richter Salim Joubran angelegt, der aus einer arabischen Familie stammt und die Wahlen beaufsichtigt.
Das gute Abschneiden der arabischen Sammelpartei ist interessant und in gewisser Weise bedeutsam. Es zeigt nämlich zwei Dinge: Zum einen, dass Israel genau kein Apartheidstaat ist, in dem nichtjüdische Israelis keinerlei Rechte hätten und zum anderen, dass viele arabische Wähler sich irgendwie doch nicht in den anderen Parteien aufgehoben fühlen – wenngleich HaMachane HaZioni Zouheir Bahloul aufgestellt hat und Jisrael Beitejnu Hamad Amar (einen Drusen). Bei einer großen Koalition wäre übrigens der Spitzenkandidat der Vereinigten Arabischen Liste, Ayman Odeh, offizieller Oppositionsführer geworden.

Das israelische Fernsehen tweetete ein Bild von Ja’akow Herzog und Tzipi Livni vom Frühstück am Strand am Morgen nach der Wahl:


Da war schon klar, dass die Regierungsbeteiligung vermutlich vom Tisch ist. Aber auch für Netanjahu wird es kein Spaziergang. Er muss nun die potentiellen Koalitionspartner unter einen Hut bringen und eine Perspektive für eine Zusammenarbeit formulieren. Bei den vielen kleinen Interessen keine leichte Aufgabe.
Eine Präsidentschaft Netanjahus bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Friedensprozess endgültig begraben wurde, hoffentlich jedenfalls. Entgegen der Aussage, es werde mit ihm keine zwei Staaten geben, muss Netanjahu eine sichere Alternative vorstellen oder von seiner Aussage abrücken und es irgendwie in einen »Ja-Ja-das-war-vor-der-Wahl« Kontext bringen. Auf der anderen Seite war diese Lösung zunächst nur mehr eine schöne illusorische Idee, die aber immer unerreichbarer wurde. Nicht nur aus israelisch-innenpolitischer Sicht.

Langfristig wird große Rhetorik hier keine Lösung bringen und seine Position nicht absichern. Die sozialen Probleme wird seine Regierung angehen müssen. Tatsächlich ist vieles nicht so zementiert, wie es momentan ausschauen könnte.

Abschließend muss man erwähnen, dass ein anderer Wahlausgang bezüglich des Irans keine Änderung gebracht hätte. Es ist Konsens, dass eine iranische Regierung mit Atomwaffen für den Staat Israel eine Bedrohung darstellt.

Noch etwas zur »Rezeption« der Wahlen in den deutschsprachigen Blogs und Facebook-Accounts:
Genausoviel, wie die Europäer wollten, dass Benjamin Netanjahu unter allen Umständen nicht gewählt wird, wollten einige populistische Blogger, dass Benjamin Netanjahu unbedingt wieder gewählt wird.
Warum?
Nicht aus der Erkenntnis heraus, dass Netanjahu dieses oder jenes bewegt hätte, oder weil man vergessen hätte, wie lange er vor einer Antwort auf den Raketenbeschuss aus Gaza im Sommer 2014 gezögert hat. Nein.
Offenbar nur, damit man nun sagen kann: »Bäh, bäh, Bäh – Israel kann selber bestimmen, wer gewählt wird.«
Das wird aber dem Wahlergebnis nicht gerecht und der Komplexität der Situation auch nicht.

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Siedleralltag

Morgens sehr früh aufstehen.
Schon vor Sonnenaufgang ein paar Palästinenser ärgern.
Dann Frühstück. Die Frühstückseier hat man – natürlich – den palästinensischen Nachbarn weggenommen. Dann arbeiten, oder besser, die Arbeit der – wir ahnen es schon – »Hilfskräfte« beaufsichtigen. Die bauen neue Häuser auf ihrem eigenen Land für neue Siedler, die neue Hilfskräfte verpflichten die neue Häuser bauen und so weiter.
Dann Schießtraining und Wasser vom Jordan abzapfen.

So sähe der Tag der »Siedler« aus (oder schlimmer), wenn man eine kleine Umfrage im deutschsprachigen Internet (oder vielleicht sogar auf der Straße) machen würde. Dort ist alleine der Begriff »Siedler« schon ein Kampfbegriff.
Dass da Menschen dahinter stecken, kommt einem nicht in den Sinn. Warum leben sie dort, wo sie leben und wie leben sie dort?

diesiedlerin.net

Es ist häufig nicht schlecht, wenn man die Menschen hinter den Schlagwörtern kennenlernt und vielleicht auch ein wenig Empathie entwickelt.

Chaya Tal hat den deutschsprachigen Lesern nun ein kleines Fenster geöffnet. Sie berichtet über ihren eigenen Alltag in der Nähe Gusch Etzion und nun auch vom Alltag anderer Bewohner der Gegend. Zum Beispiel erzählt sie hier von Orli. Das dürfte die Ausbildung einer eigenen Haltung gegenüber den »Siedlern« ein wenig vereinfachen, wenn man sie nicht nur als Objekte der Nachrichten kennt, sondern, wie gesagt, als Menschen mit einem eigenen Lebensentwurf. Den werden sicherlich einige nicht teilen wollen.
Aber das Leben der Menschen abzulehnen, ohne jemals etwas aus erster Hand erfahren zu haben, wäre allerdings ebenfalls abzulehnen.

Die deutsche Öffentlichkeit hat den Begriff »Siedler« schon zum Synonym für Rassismus und Friedensfeinde gemacht hat. Aber nehmen wir mal Rabbiner Menachem Froman, seine Person ist schon Widerlegung dieser These.

Praktischerweise hat Chayas Blog die URL diesiedlerin.net. Das ist eingängig.

Grundsätzliches zum Thema Siedlungen findet man hier

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Intifada in Frankreich

Die Juden Frankreichs kommen nicht zur Ruhe.
Eine fortwährende Intifada gegen diese (noch) recht große Gemeinde, ist an Brutalität kaum zu überbieten.

Der furchtbare Überfall von Créteil am 4. Dezember ist nur einer von vielen Fällen.
Ein junges, orthodoxes, Paar wurde in der eigenen Wohnung in Créteil überfallen, ausgeraubt und die Frau vergewaltigt. Die beiden Haupttäter hatten schon im November einen alten Mann (ebenfalls jüdisch) auf der Straße zusammengeschlagen.
In diesem Vorort von Paris leben relativ viele Juden und so hat der antisemitische Mob ein leichtes Ziel. Im Mai 2014 wurden dort zwei Brüder brutal zusammengeschlagen.
In den Vorjahren gab es ähnliche Vorfälle. Im Juli 2014, als auch in Deutschland fleißig gegen Israel und Juden im Allgemeinen, demonstriert wurde, gab es zahlreiche Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte.

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 soll sich die Anzahl derartiger Straftaten in Frankreich (im Vergleich zum Vorjahr) verdoppelt haben (siehe hier).
2009 wurde Ilan Halimi zu Tode gequält und seinen Eltern Bilder der Taten zugesandt. Mittlerweile wurden die Ereignisse in Frankreich zu einem Film verarbeitet: 24 jours.

Es hat also auch Tote gegeben (man denke da auch an das Attentat von Toulouse 2013 und 2012. Kein Wunder, dass 2013 nahezu 3000 Menschen nach Israel ausgewandert sind. 2014 dürften es bedeutend mehr sein.

Und Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist sicher eine andere.
Nicht weil es hier zivilisierter zuginge, sondern weil es in Deutschland einfach nicht so viele Juden gibt, wie in Frankreich. Das Potential für derartige Übergriffe scheint vorhanden.
Die Ereignisse im Sommer (2014) offenbarten schon eine gewisse Grundaggression . Die Politik wird es sicher verurteilen, aber macht es das Leben leichter?

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Hass und Lebensgrundlagen

Die aktuellen Ereignisse und Diskussionen bestätigen einen Text, der kurz vor Har Nof geschrieben wurde. Eigentlich geht es um Jizchak und den Wochenabschnitt Toldot.
Aber am Rande geht es um Ereignisse rund um Brunnen:

Kaum haben Jizchak und seine Leute einen Brunnen fertiggestellt (19–20), kommen die Hirten Gerars. Obwohl sie oder ihre Verwandten vorhandene Brunnen zugeschüttet haben, wie der Text der Tora berichtet (26,15), und sie sich nicht für das Wasser interessiert haben, sagen sie nun: »Das ist unser Wasser!« Aber erst, nachdem Jizchak einen neuen Brunnen gegraben hat.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

Wenngleich Wasser eine wichtige Lebensgrundlage ist, so werden Brunnen dennoch zugeschüttet: Das Gegenüber wird so sehr gehasst, dass man bereit ist, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören.
Aktuell ist das, weil denjenigen, die in Israel Attentate begehen, bekannt ist, dass die israelische Regierung ihr Haus vermutlich zerstören wird. Eine umstrittene Maßnahme (aus der Zeit der britischen Mandatsregierung), die offenbar vor dem Hintergrund erdacht wurde, dass sich die Menschen wenigstens um das Wohl ihrer eigenen Familie sorgen und vielleicht auf sie Rücksicht nehmen würden.
Seit 2005 sollte diese eigentlich auch nur in extremen Fällen Anwendung finden.

Aber: weit gefehlt. Diese Empathie scheint nicht vorhanden zu sein.
Man überlässt dann die Arbeit der Propaganda der Bilder. Die entsprechenden Fernsehbilder haben dann auch die Wirkung, die man gerne hätte.
Hier trifft auch das zu, was ich über Jizchaks Brunnen schrieb:

Ihre Feinde hassen sie mehr, als dass sie an die Sicherung der eigenen Zukunft denken.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen