„Jeder ist Israeli wird als Nichtjude betrachtet, bis das Gegenteil bewiesen wurde“ schreibt Alana Newhouse, Herausgeberin des jüdischen „Tablet Magazine“ in der New York Times. Hintergrund dieser Polemik war ein israelisches Gesetzesvorhaben zu Übertritten, welches mittlerweile zwar nicht mehr unmittelbar entschieden wird, aber auch nicht vollkommen vom Tisch ist.
Zurückgestellt wurde es, weil es aus dem Ausland Proteste nichtorthodoxer Organisationen hagelte und Ministerpräsident Netanjahu persönlich zum Handeln aufgefordert wurde. Im Oktober soll nun das Gesetz zur Abstimmung in die Knesset gehen.
Ein israelisches Gesetz, das im Ausland leidenschaftliche Diskussionen auslöst? Wenn US-amerikanische Rabbiner und ihre Kollegen auf der ganzen Welt Briefvordrucke an den Ministerpräsidenten Netanjahu ins Internet stellen und Proteste organisieren, dann muss es sich um eine Angelegenheit handeln, die zumindest die Interessen des Judentums in der Diaspora berührt oder beeinflusst.
Doch, worum geht es eigentlich? Weiterlesen »
Dieses Video ist mittlerweile viral und damit eint es ausnahmsweise Gegner und Freunde des Staates Israel. Die einen mokieren sich über die militärische Präsenz Israels in Hebron, andere freuen sich darüber, dass israelische Soldaten auch mal ein gutes Bild auf einem YouTube Video abgeben. Alle? Natürlich nicht – gegen die Soldaten wurde ein Verfahren eingeleitet, berichtet HaAretz.
Aber tanzende Soldaten? Das kennen wir doch?! Weiterlesen »
In einer Diskussion bzw. einem Kommentar zu einem Artikel in diesem Blog, nannte ich die Idee, die nun eine libanesische Tageszeitung präsentiert, eine interessante (das ist keine positive oder negative Wertung) Idee. Zu einer großen Wahrscheinlichkeit wird sie undurchführbar sein, weil das Misstrauen einfach zu groß ist:
Akram Baker vom »Daily Star« schreibt nämlich:
Allow Israeli settlers to become Palestinian citizens
und führt die Idee weiter aus (übersehen wir mal die Landraubrhetorik):
As part of a comprehensive agreement between Israel and Palestine, all people currently residing within the borders of the Palestinian state will be given the option of becoming Palestinian citizens. This means that the original owners of the land where the settlements stand would be compensated at the going property rates for the land that was taken from them (those Palestinians who sold their land would of course not be compensated in any way).
Palestinian citizens would have the same rights and responsibilities regardless of race or religion. Those who choose to leave the newly independent Palestine and have legitimate claims to property within its boundaries shall be duly and fairly compensated for their loss. Palestinians from pre-1948 Palestine who have legitimate property claims shall also receive equitable treatment and compensation. von hier
und weiter
At the same time, the settlements would immediately become true “communities,” open to all citizens of the state. How many Israelis would take up this offer, I honestly don’t know. What I do know is that in order to build lasting and deep-rooted peace you cannot commit injustice. By giving everyone the opportunity to become an equal and responsible citizen, and allowing those Israelis who always claim to love the land more than the state to live out their dreams; by being inclusive rather than exclusive; you have the chance to defang one the most difficult issues (among many) and set a solid foundation for a just, robust, free and democratic Palestine. auch von hier
Konkret würde das bedeuten, es gäbe jüdische Gemeinden in Palästina, aber auch jüdische Wähler und das würde in der Konsequenz bedeuten, dass es dann auch jüdische Abgeordnete in diesem Gebiet gäbe. Also eine Art Spiegel der Situation in Israel. Vermutlich brennen die Siedler aber nicht darauf, Bewohner eines Staates Palästina zu werden.
Es ist offensichtlich geworden, dass der angestaute (also bereits vorhandene) Antisemitismus in Deutschland sich seit dem Flotttillendesaster ein Ventil sucht. Dabei ist es unerheblich, ob die Tzahal mit Blumen wirft oder Menschen tötet (so zynisch das auch ist, siehe hier). Jedenfalls findet das nun immer noch ungebremst statt und es ist offensichtlich, dass recht viele türkische/türkischstämmige Jugendliche, sich solidarisieren (natürlich nicht alle, aber eine signifikante Anzahl). Ein gutes Beispiel hätten wir hier:
Der junge Herr zitiert Hitler und möchte Juden gleich vergasen. Kein Einzelfall in den sozialen Netzen, wie wir in der letzten Zeit erfahren durften.
Indiskutabel? Natürlich! Bilkay Öney, Mitglied der SPD-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses, sortiert in der Jüdischen Allgemeinen die Diskussion deshalb neu und mischt als Politikerin mit türkischer Abstammung die Karten ein wenig neu; leider nur in der Jüdischen Allgemeinen -wie es ausschaut – und deshalb zunächst an der Zielgruppe vorbei. Vermutlich werden die entsprechenden Medien den Beitrag Öneys später aufgreifen. Jedenfalls wäre es wünschenswert:
Die türkische Gemeinde bildet die größte Minderheitengruppe in Deutschland. Sie ist gleichzeitig diejenige, die im Mittelpunkt der Integrationsdebatte steht und sich am häufigsten gegen Vorurteile wehren muss. Für dieses Anliegen ist die Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinschaft unerlässlich. Bisher hat diese die türkische Minderheit stets verteidigt und in Schutz genommen: beim Kopftuchstreit, beim Moscheenstreit und als in Mölln (1992) und Solingen (1993) die Häuser von Türken brannten. Nun brennt es politisch wieder. Denn jemand zündelt. Aber wo ist die türkische Stimme in Deutschland, die sich für jüdische Belange starkmacht? von hier
Das Zündeln am Pulverfass führt also nicht nur lokal (in der Türkei) zu einer Mobilisierung und Empörung der Massen, zum Nutzen einer einzelnen Partei, sondern hat den Effekt, dass auch in Deutschland soetwas passiert. Was zu bösesten Folgen führen kann. Besonnenheit scheint also angesagt zu sein.
Dazu stellt sie eine interessante, vielleicht rhetorische Frage:
Wie hätte wohl das türkische Militär reagiert, wenn sich israelische Friedensaktivisten gegen den Willen Ankaras auf den Weg in die kurdischen Gebiete gemacht hätten, um die PKK mit Hilfsladungen zu versorgen? Hätte das türkische Militär die Israelis passieren lassen? Auch von hier
Eine Art Innehalten im Meer der antiisraelischen Reflexe in den Medien: Der (große) israelische Autor David Grossman erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den israelischen Schriftsteller und Journalisten David Grossman. Eine gute Gelegenheit für die Öffentlichkeit, auf den Diskurs in Israel zu blicken. Vielleicht geschieht das ja in den nächsten Tagen, wenn über David Grossman berichtet werden wird.
Alle Artikel zu David Grossman in diesem Blog findet man hier.
Seit dem 15. März 2010 strahlt die Hurva Synagoge im jüdischen Viertel Jeruschalajims wieder im alten Glanz. Seitdem die Synagoge 1948 von jordanischen Soldaten gesprengt wurde, stand sie als Ruine in der Altstadt und erst 2005 wurde der Beschluss gefasst, die Synagoge nach den alten Originalplänen wieder aufzubauen. Schon drei Jahre vor Fertigstellung der Synagoge, im Februar 2007 wurde Rabbi Simcha HaCohen Kook zum Rabbiner erklärt.
Da es sich hier um ein historisches Monument handelt, war recht schnell klar, dass auch der israelische Staat sich an den Baukosten beteiligen würde, ursprünglich sollte der Staat Israel etwa 5 Millionen Euro beitragen, was in etwa 85% der Baukosten abdecken sollte. Federführend war die „Company for the Reconstruction and Development of the Jewish Quarter“ Tatsächlich beschränkte sich die Summe dann auf etwa 2,3 Millionen Euro. Die restliche Summe zahlte der Geschäftsmann Vadim Rabinovich. Theoretisch der Grundstein für eine grandiose Geschichte und einen weiteren Magneten für jüdische Besucher Jeruschalajims. Tatsächlich ist es aber etwas anders gekommen, wie die Jerusalem Post berichtet.
Einige charejdische Juden nutzen die Synagoge nun für sich und sind nicht besonders begeistert über Besucher. Obwohl die Synagoge mit öffentlichen Mitteln bezahlt wurde, bestimmen sie nun, wer zu welcher Zeit die Synagoge anschauen darf und erheben eine Eintrittsgebühr von etwa 6 Euro. Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung: Zu sehen ist die Synagoge nur vom Frauenbereich aus. Der Bereich für Männer bleibt verschlossen.
Die Charejdim gehören zur Gemeinde von Jitzchak Schlomoh Zilbermann, der 2001 verstarb. Etwa 90 Familien gehören zu dieser Gemeinde in der Altstadt und etwa 20 Männer studieren nun den Tag über in der Hurva Synagoge, die nun anscheinend ihre Synagoge ist. Ein ähnliches Vorgehen wurde ja bereits an der Kotel beobachtet (siehe hier).
Die Emotionen zum Flottillendesaster schlagen hoch, in großer Geschwindigkeit. In einer Geschwindigkeit und Intensität wie sie nur dann erleben, wenn Israel beteiligt ist – jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass die Bombardierung der Tanklastzüge bei Kunduz mit ungefähr 140 Toten zu solch heftigen Reaktionen geführt hat. Hier wurden gerade die Auswirkungen verglichen, nicht die Umstände!
Da werden heftigst Argumente ausgetauscht: Hatte die Marine das Recht auf die Erstürmung des Bootes? War die Bootsbesatzung bewaffnet, worum ging es eigentlich der Schiffsbesatzung wirklich?
Die ganze Geschichte und ihre Entwicklung hat mehrere „Schichten“. Versuchen wir sie einzeln zu betrachten und nicht alles in eine riesige Suppe werfen:
Tote sind schockierend und bedauerlich. Der Tod von Menschen ist keine Sache, die man einfach so in Kauf nehmen kann. Wenn es um Israel geht, gilt das noch mehr. Israel hat hohe moralische Ansprüche an sich selber und an Israel werden höchste moralische Ansprüche gestellt. Auch von Staaten, Gruppen oder Personen, für die moralische Maßstäbe sich stündlich ändern. Betrachten wir also in aller Sorgfalt, was da passiert ist.
Die Presse meldete, ein „Friedenskonvoi“ sei über den Seeweg unterwegs nach Gazastadt um Hilfsgüter zu liefern. Etwas, was übrigens jeden Tag auch über den Landweg passiert. Täglich fahren LKWs nach Gaza, um die Stadt mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung zu versorgen. Etwa 15 000 Tonnen Fleisch, Geflügel, Fisch, Milchprodukte, Früchte, Gemüse, Milchpulver und Babynahrung sind das wöchentlich. Seit Januar 2009. Auch Baumaterialien werden, nach Angaben der israelischen Behörden, zugelassen, sofern sie projektbezogen angeliefert werden.
Es war vermutlich allen Beteiligten klar, dass die Reise auf eine Konfrontation mit der israelischen Marine hinausläuft; denn wenn eine Seeblockade ausgerufen wurde, kann man wohl kaum erwarten, dass man die Schiffe passieren lässt. Die Blockade durch Ägypten dürfte ähnlich rigoros durchgesetzt werden.
Für die Marine war die Konfrontation unvermeidbar. Das ist wohl der Grund, warum man die „Flottille“ aufgefordert hat, nach Aschdod zu fahren, dort die Hilfsgüter umzuschlagen und die erlaubten Waren über den Landweg nach Gaza zu bringen. Auf der anderen Seite wussten die Friedensaktivisten, dass ihre Aktion nicht die gewünschte Aufmerksamkeit bringen würde, wenn man nicht zumindest versuchen würde, die Blockade zu durchbrechen. Offenbar war man vorbereitet auf ein Einschreiten der Marine. Die Marineeinheiten, die an Bord der Schiffe gingen, um sie von ihrem Kurs abzubringen, wurden mit Messern, Schlägern und Metallstangen attackiert und letztendlich sogar beschossen. Selbst Fernsehbilder von Al Jazeera zeigen Menschen die mit Eisenstangen auf die Soldaten eingeprügeln. Diese Situation führte zu den toten Aktivisten. Böse Menschen reiben sich die Hände, weil der Plan aufgegangen ist. Das Wort „Massaker“ macht einmal mehr die Runde. Die Presse reagiert unbesonnen und macht mit Überschriften wie »Israelische Marine greift Hilfsflotte an« oder »Blutiger Angriff: Israelisches Kommando stürmt gewaltsam Flottille« auf.
Nach Abwägung der Informationen, die zum Zeitpunkt der Aktion vorlagen: Wie hätte die israelische Marine reagieren sollen? Hätte sie so gehandelt, wie man ihr das gerne vorwirft, dann hätte sie die Boote wohl versenken sollen. Hier hat man sich dafür entschieden, Soldaten auf die Boote zu bringen, um den Kurs entsprechend ändern zu können. Dass die Lage eskalieren würde, konnte zu diesem Zeitpunkt wohl kaum jemand ahnen. Tobias Kaufmann, der auch für die Achse des Guten schreibt (die kürzlich noch über die humanitäre Lage recht fragwürdige Informationen streute), ist anderer Meinung und geht sogar soweit zu behaupten, Barak sei politisch nicht mehr zu halten.
Diejenigen, die helfen wollen, tun das über die offenen Wege und setzen sich dafür ein, dass die Bürger gut versorgt werden; oder klären uns sachlich darüber auf, dass die Versorgung der Menschen eben nicht gewährleistet werden kann. Die anderen setzen sich für Propaganda ein und helfen damit jedoch nur denjenigen, die ohnehin nicht an einer Konfliktlösung interessiert sind.
Fragen wir uns am Rande, warum die Ägypter nicht einfach die Grenze öffnen und hier den Transport von Lebensmitteln etc. zulassen (mögl. Antwort hier).
Eine neue Stimme im proisraelischen Lager ist zu hören – eine die sich allerdings kritisch aufstellt, jedoch nicht so kritisch, wie die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, deren Kritik schon einmal irgendwie verstehen lassen könnte, man fände den bewaffneten Widerstand gegen Israel gut: »Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besatzung« heißt es etwa auf der Website zu einer Mahnwache am 9. April. Von Frankreich ausgehend ist nun JCall zu hören, der European jewish call for reason. Hier heißt es:
Wir stellen fest, dass die Existenz Israels erneut gefährdet ist. Die Gefährdung von außen ist nicht zu unterschätzen, doch ist diese nicht die einzige Gefahr. Eine Gefährdung liegt auch in der Besatzung und in dem Auf- und Ausbau der Siedlungen im Westjordanland und in den arabischen Vierteln Ost-Jerusalems, die ein moralischer Fehler und ein politischer Irrtum sind und die u. a. zu dem inakzeptablen Vorgang der Delegitimierung Israels als Staat führen. von hier
und auch:
Wir alle sind uns dessen bewusst, dass dieses Anliegen dringend ist. Bald wird Israel sich mit zwei katastrophalen Alternativen konfrontiert sehen : Entweder werden die Juden eine Minderheit in ihrem eigenen Land sein oder es wird im Lande ein Regime entstehen, das Israel beschämen und die Gefahr eines Bürgerkrieges heraufbeschwören wird.von hier
Vorangegangen sind die französischen Intellektuellen Alain Finkielkraut, Bernard-Henri Lévy und Daniel Cohn-Bendit. Unter den deutschen Unterzeichnern finden sich auch Unterstützer der Jüdischen Stimmen, die jetzt natürlich versuchen könnten, diesen Mittelweg zu vereinnahmen für ihre eigene Bewegung. Unterm Strich könnte man sagen, dass erklärt wird, Juden möchten nicht gerne Abgesandte der israelischen Regierungspartei sein, sondern ihre eigene Haltung zu Israel haben, auch wenn sie sich unter äußerem Druck natürlich gerade mit Israel solidarisieren. Das wird denjenigen nicht schmecken, die eher als zionistische Trockenschwimmer unterwegs sind und von Israel die Härte einfordern, die sie in ihrem Alltag in der nichtjüdischen Umgebung nicht an den Tag legen können oder dies auch nie tun würden. Sie müssen dann auch nicht mit den Konsequenzen leben. Gerade im Internet sind recht viele dieser Experten unterwegs. Das schließt absolut nahtlos an das an, was ich 2006 zu David Grossmanns Rede schrieb (hier).
Dank an Jörg Lau, er entdeckte die Erklärung vor mir.
Es ist schon reichlich absurd von einem Mann zu lesen, der auf dem Platz vor der Westmauer mit Stühlen um sich wirft (hier beispielsweise) und sich bewusst dafür entscheidet, eventuell jemanden zu verletzen – aber es noch im Bild zu sehen, ist etwas vollkommen anderes:
Woher wissen die Männer eigentlich so genau, was auf der anderen Seite passiert?