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Ordnung, Märchen und Afrin

Hänsel und Gretel

Für die Deutschen muss immer alles geordnet sein. Ist es nicht so, wird entweder eine Ordnung unterstellt, oder man ordnet sich die Welt unter. Die erste Wahl ist zwar auch nicht die smarteste, aber besser als die zweite. Der Weg hat sich als unpraktikabel erwiesen.
Ordnung muss es auch im politischen Weltbild geben.
Gut gegen Böse, Klein gegen Groß. Man kennt das.

Manifestiert hat sich die German Ordnung offenbar in Märchen. Im Märchen funktioniert das nämlich ganz gut.
Die Stiefmutter ist böse.
Dann gibt es den Underdog. Der Underdog ist oft zufällig auch schöner als der Bösewicht (»Spieglein Spieglein an der Wand«), ist herzensgut und trumpft deshalb am Ende auf. Dass die Welt dann ebenfalls in solche Kategorien eingeteilt wird, ist erstmal kein Problem für denjenigen, der die Welt in die gleichen Kategorien verpackt. Jemand ist der Böse und jemand ist der Gute.
Israel böse, Palästinenser gut.
Türkei böse, Kurden gut.
USA Trump böse, Europa gut.

Schwierig ist es dann, wenn diese persönliche Kategorisierung plötzlich für andere Maßstab sein soll. Dann wird daraus plötzlich die öffentliche Meinung. Und die verwendet dann die gleichen Kategorien.
Nehmen wir mal Afrin.
Hier scheinen die Rollen festgelegt zu sein. Die Kurden sind der kleinere Player. Die Türkei ist der größere. Also wird hier wieder unser Schema angewendet. Türkei böse. Kurden gut. Außer, sie demonstrieren in Deutschland. Dann gilt: »Macht das bei euch aus.«
Natürlich ist es nicht so einfach.
Die Propagandamaschine beider Seiten läuft auch Hochtouren. Die Türkei behauptet, die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) seien ein Ableger der verbotenen PKK. Und siehe da: Das ist auch der Fall. Und die geht weiterhin gegen die Türkei vor. Man denke an die Anschläge von Diyarbakir und Istanbul im letzten und vorletzten Jahr. Aber die YPG ist nicht der einzige Akteur in Afrin. Da gibt es auch die PYD und die YPJ und einige andere kurdische Gruppen. Sogar islamistische Gruppen gibt es. Nicht alle haben die gleichen Ziele. Aber die Propaganda hat es geschafft, dass die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) den Kampf »aller« Kurden führen. Das lässt das Vorgehen der türkischen Armee in Syrien hinterfragen – gegen wen soll da gekämpft werden? Es rechtfertigt schon gar keine Kriegsbegeisterung in der türkischen Diaspora, oder Hetze gegen »alle« Kurden per se. Oder gegen alle »Türken«. Die innenpolitische Motive der Türkei für einen Krieg auf syrischem Boden sind ebenfalls schwer zu verstehen und kaum bis gar nicht nachvollziehbar.
Beide Seiten sind im Unrecht. Es gibt hier keine gute und keine böse Seite. Wer Waffen oder Panzer an beide Seiten verkauft hat, ist vielleicht zynisch. Aber darum gleich böse? Immerhin geht es da um uns.
Wer sich also »solidarisch mit Afrin« zeigt, mit wem macht er sich solidarisch? Wer sich »solidarisch mit der Türkei« zeigt, wessen Agenda unterstützt er dann?

Die heutigen Konflikte sind keine Fußballspiele bei denen wir mit jemandem mitfiebern können – sie haben auch kein Vorbild im Märchen. Die heutigen Konflikte sind in eine komplexe Welt eingebunden und dementsprechend auch, überraschenderweise, komplex. Wer das Gegenteil behauptet, hat entweder keine Ahnung oder führt etwas im Schilde. Wenn das jemand gar nicht verstanden hat, aber es für »einfach« hält, wird er mit ziemlicher Sicherheit regelmäßig als »Nahostexperte« irgendwo sprechen und die Ordnung wieder herbeireden. Dass das auch für Israel gilt, muss nicht extra gesagt werden.

Noch einmal zum Märchen. Am Ende von Hänsel und Gretel kommt übrigens heraus, dass die Geschichte immer nur aus der Perspektive der beiden Kinder geschildert wurde. Die beiden sind nichts anderes als Diebe. Sie haben die Hexe vorsätzlich verbrannt um sich ihr knuspriges Haus und ihr Gold unter den Nagel zu reißen. Am Ende haben sie sich für den Vater eine schöne Legende dazu ausgedacht. Diese miesen Kinder. Kein Wunder, dass ihre Stiefmutter sie aussetzen wollte.

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Chabad nearby – So geht Digitalisierung

Die App Chabad Nearby – Kathmandu

Chabad ist fast schon synonym mit »überall vorhanden« – wie andere bekannte Franchise-Unternehmen. Du weißt, dass du ein Zentrum von Chabad »irgendwo« finden wirst und wenn Du eines kennst, weißt Du, was dich erwartet. Immerhin gibt es so ungefähr 4.500 solcher Zentren weltweit. Das können ganz kleine Wohnungen eines Schaliach, Gesandten, von Chabad sein, oder wirklich große Komplexe wie in Berlin oder gar riesig in Dnepropetrovsk. Und auch diejenigen, die nicht die Philosophie von Chabad teilen, sind hier und da froh, wenn ihnen jemand mit Matzot helfen kann, oder weit weg von zuhause etwas hejmisches anbieten kann.
Natürlich ist Chabad auch an Outreach interessiert, also daran, neue Zielgruppen und Interessierte zu erschließen. Um auch hier die Hürde niedrig zu halten, gibt es nun »Chabad Nearby«. Eine App für Smartphones. Diese kann entweder über die Standortbestimmung des Telefons, oder über manuelle Eingabe, ein Chabad-Zentrum in der Nähe finden und anzeigen. Entweder auf einer Karte, oder in einer Liste. Hat man eines gefunden, kann man sich alle Details anzeigen lassen. Ansprechpartner (mit der Möglichkeit direkt Mails zu versenden), Einrichtungen oder Veranstaltungen. Veranstaltungen sind nicht für jedes Zentrum in Deutschland gepflegt, aber die großen Zentren haben zahlreiche Veranstaltungen eingetragen:

Detailansicht mit Ereignissen in der App Chabad Nearby

Einige (der größte Teil) der Zentren in Deutschland haben keine vollständige Adresse eingetragen, so dass die App in Deutschland sehr ungenau ist. Für die größeren Städte passt es, aber Chabad Essen wird auf einem Golfplatz angezeigt. Das stimmt vermutlich nicht. Für das Ausland sieht es schon besser aus. Für die leichtere Kontaktaufnahme ist nicht nur die Telefonnummer angegeben, sondern auch die Ortszeit.
Zum einen ist es erstaunlich zu sehen, wo die Bewegung überall präsent ist, zum anderen hilft die App, einen Ansprechpartner zu finden. Für Reisende jedenfalls ein sehr hilfreiches Werkzeug. Großartig wäre eines solche Anwendung für jüdische Gemeinden. Wer unterwegs ist, müsste nicht erst im Internet aufwändig recherchieren. Übrigens wäre auch hier Chance recht groß, an ein Zentrum von Chabad zu geraten – denn auch bei google sind die Zentren ganz gut platziert. Aus dem Projekt »Shulshopper«, welches leider nicht mehr online ist, hätte sich eine solche App entwickeln können. Bei »Shulshopper« konnte man Synagogen und Gemeindezentren eintragen und zugleich auch bewerten, wie gut einem der Besuch gefallen hat. Das machte es möglich, schnell zu recherchieren, welche Gemeinde es in welchem Ort gibt.

Keine Ahnung, wie viel Budget in die Entwicklung der App investiert hat, aber sie kann sich sehen lassen.

Die App gibt es für iOS und Android.

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Die Pforten der Hölle und der Antisemitismusbeauftragte

Juden in der Hölle – aus dem »Hortus Deliciarum« (12. Jahrhundert)

Das Ritual ist immer gleich: Irgendwo im Westjordanland grinst ein Soldat der Zahal jemanden schief an oder irgendjemand findet Jerusalem gäbe eine tolle Hauptstadt ab. Dann skandiert die Hamas, man werde die »Tore der Hölle öffnen« oder zur vollständigen Vernichtung Israels ausholen. Die »Tore der Hölle« werden seit den 2000er Jahren fast nur außerhalb Israels geöffnet. Es werden Juden verletzt gejagt, jüdische Einrichtungen beschädigt und es wird natürlich martialisch demonstriert. Das gehört zum Ritual. Zum Ritual gehört auch die Beschwichtigung durch die Politik. Man stünde gegen Antisemitismus ein. Zeitungen zeigen Prominente unter dem Aufruf »nie wieder« – es kostet ja nahezu nichts, sich da anzuschließen. Es erfordert auch keinen besonders großen Mut, das auf eine Zeitung zu schreiben. Dennoch applaudiert man, wenn jemand, der den Staat Israel auf seinem Profilbild bei Twitter ausgelöscht hat, einen Preis bekommt. Man sichert aber gerne zu, dass Antisemitismus »uns alle« trifft, was nicht stimmt und auch noch nie Konsequenzen hatte. Weiterlesen

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Überregionale Bedeutung? Bitte nicht!

von Jwaller (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Synagoge Gröbzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt) ist für die Region eine Art Geschenk (wenn man bei verlassenen, verwaisten Synagogen davon überhaupt sprechen kann), wobei die Geschichte des Gebäudes stellvertretend für viele andere ist: Schon vor 1939 aufgegeben und so erhalten geblieben, danach anderweitig genutzt und fast in Vergessenheit geraten. Die DDR hatte kein besonderes Interesse am Erhalt dieser Erinnerung an die jüdische Gemeinde. Erhalten geblieben ist ein Ensemble aus Synagoge, Gemeindehaus, Schule und Friedhof – also eine Seltenheit. All das kann man sich anschauen und erschließen. Regelmäßig finden Konzerte und Ausstellungen statt. Die Ausstrahlung geht über den Landkreis weit hinaus. Also etwas, wofür engagierte Macher leidenschaftlich kämpfen. Und genau das ist das Problem und genau deshalb wird der derzeitige Träger nicht mehr finanziert. Der MDR zitiert Bernhard Böddeker vom Landkreis Anhalt-Bitterfeld nach den Ausführungen, dass das Museum ein überregionaler Anziehungspunkt sei:

Die Veranstaltungen im Museum seien in der Vergangenheit kaum von Menschen aus Gröbzig, Köthen oder der Region besucht worden. Stattdessen seien Besucher aus ganz Deutschland vor Ort gewesen. »Das ist ja auch schön. Es ist aber nicht das, wofür wir so viel Geld ausgeben wollen«, sagte Böddeker.
von hier, MDR

Die Rede ist von 120.200 Euro für den Betrieb des Museums. Um das »Problem« der überregionalen Bekanntschaft zu beheben, wird derzeit ein neuer Förderverein gegründet. Dieser soll scheinbar ein kleineres Profil fahren und dafür sorgen, dass das Museum nicht so auffällt. Ein wichtiger Beitrag bei der Bemühung jüdisches Kulturgut auf deutschem Boden kleinzureden und möglichst unauffällig unterzubringen. Vielleicht nimmt man damit nun doch eine alte Erinnungstradition an?

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Limmud Ruhrgebiet 2018

Für alle (jüdischen) Bewohnerinnen und Bewohner des Judentums, egal ob religiös oder nicht religiös dürfte »Limmud Essen« ein interessanter Termin werden. Wie 2015 (siehe hier die Rückschau) und 2017 steht die Alte Synagoge Essen einen Tag lang im Zeichen des Austauschs von Jüdinnen und Juden untereinander. Es wird zusammen gelernt, diskutiert, vielleicht auch gemeinsam Musik gemacht. Abhängig davon, für welche Workshops man sich entscheidet. 2015 gab es politische Themen, psychologische, religiöse oder einfach nur kulturelle.

Alle Informationen zur Veranstaltung am 11. Februar 2018 gibt es hier.

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(K)ein Rückschlag

Im September 2017 wurde recht deutlich, was diejenigen schon wussten, die das deutschsprachige jüdische Internet schon länger beobachteten: Das Projekt jewiki transportierte das Anliegen des »Besitzers« und nahezu einzigem Bearbeiter des Wikis. Eine Wahlempfehlung für die AfD wurde eingestellt. Es wurde aber auch danach geschaut, welche Inhalte sich denn nun mit jüdischen Themen beschäftigen. Das sind nicht so sehr viele. Viele Einträge (die meisten?) stammen aus der Wikipedia und sind, mit Verweis auf die Quelle, dort hineinkopiert. Eine Kuratierung findet nicht statt. Die übernommenen Artikel wurde da in jahrelanger Nachtarbeit hineinkopiert. Eine Aufgabe, die ein findiger Scripter sogar automatisieren könnte. Als das im September 2017 publik wurde, hat es geschadet. Denn die Seite wurde als »jüdisches« Projekt betrachtet oder man ging davon aus, eine Reihe von jüdischen Autoren stellten dort Artikel zusammen.

Das machte aber auch deutlich: Es gibt keine zentrale Website mit »allen« Informationen zum Judentum. Auch der Informationsstand der deutschen Wikipedia ist »schwierig«, weil dort noch immer Änderungen des Kreuzzeichens für das Sterbedatum rückgängig gemacht werden und sinnvolle Ergänzungen mit viel Ausdauer verteidigt werden müssen. Die Schaffung einer Plattform für Wissen zum Judentum wäre doch eigentlich eine gute Idee.

Dabei ist dieses »Wissen« ist derzeit sogar vorhanden, allerdings sehr verteilt und wird nicht an allen Stellen des Netzes aktuell gehalten: Das »Österreichische Jüdische Museum« erfasst derzeit in seinem Blog Grabsteine verschiedener Friedhöfe: (siehe etwa Friedhof Eisenstadt – Archiv). In einer perfekten Welt hätte man eine Seite mit grundlegenden Informationen zur Geschichte der Juden in Eisenstadt, einen Artikel zum entsprechenden Friedhof und eine Liste mit Gräbern. Diese wiederum würde Einzeldatensätze (Seiten bzw. Artikel) zu jedem beschriebenen Grabstein enthalten und die biographischen Angaben zu den einzelnen Namen – sofern verfügbar – einzeln erfassen.
Vom Friedhof Eisenstadt könnte man also zum Grab von Charlotte Bondi navigieren und von dort aus zu Details zur Person. In einem Wiki könnte man dann auch Verwandte mit dem Eintrag verbinden und so ein Netz von Informationen aufbauen. Häufig vorkommende Begriffe, wie צנועה אשה könnten einmal und ausführlich erläutert werden. Gleiches gilt für andere Artikel über Städte oder bibliographische Informationen.
Man könnte also ein dichtes Informationsnetz spinnen. Beim Jüdischen Museum Berlin entsteht gerade ein Online-Portal zur Topografie jüdischen Lebens in Deutschland, das Steinheim-Institut Essen hat die Smartphone-Web-App »Orte jüdischer Geschichte« geschaffen, in der Wikipedia sind georeferenzierte Daten vorhanden, auf verschiedenen lokalen Portalen wie »Alemannia Judaica«, oder synagogen.info ebenfalls. Noch granularer, aber detaillierter wird es auf beispielsweise im lokalen Wiki »Wulfenwiki«. Einige dieser Informationsquellen erlauben schon heute eine Weiterverwendung der Daten mit Nennung des Urhebers (Creative Commons Lizenzen). Es ist also alles da. Aber nicht verknüpft.

Das Interessante daran: Viele finden die Idee gut, halten sie aber für schwer realisierbar. Ich habe mit vielen Akteuren in den letzten Wochen darüber gesprochen und abgetastet, ob das möglich wäre. Die Bereitschaft ist grundsätzlich vorhanden. Aber man steckt häufig in eigenen Projekten. Geld steht üblicherweise für konkrete, in sich geschlossene, Projekte zur Verfügung. Ein Austausch darüber hinaus ist komplex. Da eine »jüdische Wikipedia« aber nicht ein Projekt einer Einzelperson bleiben darf und soll, bin ich auch davor zurückgeschreckt, das einfach mal zu machen – was technisch leicht zu realisieren wäre.

So ist das kein Rückschlag, sondern hat zumindest ein paar Leute ins Gespräch gebracht und die Idee in die Öffentlichkeit getragen. Dass sie nicht unmittelbar realisiert werden konnte, ist auch etwas, woraus man etwas lernen kann.

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Das Tagebuch der Anne Frank als Graphic Diary

Wer heute als Tourist nach Amsterdam kommt, wird Anne Frank in der Stadt begegnen. Heute gibt es Taschen mit Sätzen aus dem Tagebuch der Frank, es gibt natürlich ein Theaterstück und seit diesem November sogar ein weiteres »Achter het Huis« (Hinter dem Haus). Dieses Stück kommt sogar ohne Juden und Nazis aus. In diesem Stück geht es statt dessen um einen fiktiven Übergriff durch Dr. Fritz Pfeffer auf Margot, Annes Schwester. Warum? Weil das Tagebuch der Anne Frank, laut Regisseur Ilja Pfeijffer ansonsten keinerlei Dramatik enthält. Eine Oper namens »Anne en Zef« (»Anne und Zef«) zeigte zu Beginn des Jahres Annes Verhältnis mit einem albanischen Teenager der einem Ehrenmord zum Opfer fiel.
Wer möchte, kann sich fürs Anne-Frank-Haus Karten online reservieren und kann dann termingerecht mit Priorität an der absurd langen Schlange vorbeiziehen und sich durch die Ausstellung schieben lassen. Nicht selten habe ich beobachtet, dass man sich vor dem Eintritt »viel Spaß« gewünscht hat. Der »originale« Ort soll dann wohl einen »authentischen« Eindruck verleihen. Bis vor kurzer Zeit konnte man anschließend im Museumsshop ein leeres Tagebuch kaufen. Wer auf der Suche nach »Authentizität« ist, sollte sich vielleicht an das Tagebuch halten und den Bereich draußen auf sich wirken lassen.
Die »Figur« Anne Frank unterliegt als Symbol für alles mögliche mittlerweile auch einer gewissen Kommerzialisierung und Banalisierung, nicht nur durch den Einsatz für beliebige Zwecke. Mal wird behauptet, Anne hätte sich, wenn sie noch lebte, für die Sache der Palästinenser eingesetzt, dann wieder für vollkommen andere Dinge. Oder um es mit Eyal Boers zu sagen: Anne Frank ist die »Heilige Dreifaltigkeit der Symbolik: Das Kind, die junge Frau, die Jüdin.« Für jeden ist also etwas dabei. Vom Tagebuch und dem Schicksal des Mädchens, welches das Buch schrieb, ist das alles recht weit weg.

Nun gibt es das Tagebuch auch noch als »Graphic Diary«, also als gezeichnetes Buch. Hier kann man natürlich nicht das gesamte Buch abbilden, sondern muss sich auf bestimmte Inhalte beschränken und eine thematische Auswahl treffen. Damit befasst waren Ari Folman, israelischer Filmregisseur und der Comiczeichner David Polonsky. Ari Folman arbeitet derzeit an einem Film zu Anne Franks Tagebuch. Die beiden machen aus dem fragwürdigen Unterfangen einen interessanten »Kommentar« zum Tagebuch der Anne Frank und führen an die Lektüre heran.
Polonskys Bilder und Folmans Ausformulierung der Geschichte überzeichnen zwar Annes überraschend klare Sicht der Dinge (die im Tagebuch zuweilen altklug wirkt) und die Beziehungen zwischen den Bewohnern, aber arbeiten damit ein paar Aspekte besonders hervor. Die Bildsprache und die Formulierungen zeigen, mit wie viel Ironie oder gar Spott Anne hier ihren Alltag schilderte. Aber auch ihre Befürchtungen oder Hoffnungen. Sie sieht die Juden schuften vor der Kulisse eines ägyptisch anmutenden Nazireichs, dann zündet die Meldung des »D-Days« im Radio neue Hoffnung auf eine baldige Befreiung. Lediglich die Augen der Hauptfiguren wirken etwas verstörend groß. Die Übersetzung erledigte übrigens die großartige Mirjam Pressler.
Abschließend kann man also sagen, dass das »Graphic Diary« bestimmte Aspekte des Buchs verdeutlicht und der Lektüre anschließend weitere Aspekte hinzufügen, aber es kann die Lektüre nicht ersetzen oder als »Zusammenfassung« dienen. Es ist ein wenig kommerzieller Baustein, aber keiner derjenigen, der irgendeine beliebige Symbolik hinzufügt, sondern etwas sinnvolles beiträgt. Das antizipierten wohl die Herausgeber schon und versichern, dass UNICEF wesentliche Teile des Erlöses erhält. Irgendwie ist es ein jüdischer Aspekt, dass es zu einem Buch ein Buch gibt…

Hinweis: Auch Juna, von irgendwiejuedisch.com hat das Tagebuch gelesen. Ihre Rezension findet man hier.

Bibliographische Angaben

Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary. Umgesetzt von Ari Folman und David Polonsky
S. Fischer Verlag
160 Seiten
ISBN-10: 3103972539
Leseprobe hier verfügbar

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Ihre Sendung wurde antizionistisch geöffnet

Kassenzettel statt Geschenk

Es schadet nicht, rechtzeitig vor Chanukkah noch Sendungen aus Israel nach Deutschland auf den Weg zu bringen. Das dachte auch die Freundin von F. Also packte die Freundin ihr kleines Chanukkah-Geschenk ein, zusammen mit zwei Kinderbildern. Dann ging der Umschlag auf den Weg.

In Deutschland freute sich F. auf den Umschlag. Als er dann endlich eintraf, klebte auf dem Umschlag ein Aufkleber des Zolls in Frankfurt und war zudem in eine Plastikhülle eingepackt. Das kann passieren. Wer häufiger Sendungen aus dem Ausland erhält, weiß, dass der Zoll vereinzelt in Sendungen hineinschaut. Das ist in der Regel auch kein Problem. Zuweilen klebt auch ein mehrsprachiger Hinweis auf der Umverpackung. Der informiert darüber, dass die Sendung beschädigt wurde und deshalb von der Deutschen Post neu verpackt wurde. Auch dies ist meist recht freundlich von der Post.

Auf F. wartete jedoch eine ganz besondere Überraschung zu Chanukkah. In Deutschland muss jemand das eigentliche Geschenk gegen ein Mickey-Maus-Heft und drei Tankquittungen aus Norddeutschland getauscht haben. Denn diese Dinge steckten nun, zusammen mit den Kinderbildern, in dem Umschlag Alle vier Sachen mit Botschaften bekritzelt die sich offensichtlich gegen den Staat Israel richten:

»Ask Laws – Den Haag – Holland« und »§ Ask land crimes« steht etwa auf den Zetteln. Es ist also offensichtlich, dass die neue Füllung des Umschlags aus Deutschland stammt und sich inhaltlich gegen den Staat des Absenders richtet. Umso absurder erscheint es, dass die Post nach einer Mailanfrage eine Standardantwort versendet, in der es heißt, dass internationale Sendungen nicht überprüft werden könnten. Eine telefonische Anfrage von F. beim Internationalen Sendungszentrum in Frankfurt brachte ebenfalls nichts. Die Person am anderen Ende der Leitung legte einfach auf. Kurzum: Die Post möchte sich nicht darum kümmern, hat aber anscheinend ein Problem, wenn irgendwo zwischen zollamtlicher Abfertigung und Zustellung Dritte sich einfach am Inhalt von Sendungen zu schaffen machen und für besondere Chanukkah-Geschenke sorgen. Eigentlich ein kleiner Skandal.

Disclaimer: Die Deutsche Post fertigt jeden Tag unfassbare viele Sendungen ab – in der Regel auch zur Zufriedenheit der Empfänger. Das ist bekannt und steht außer Frage.

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Das Mahnmal vor der Haustür des Politikers

Denkmal für die ermordeten Juden Europas – von Deror avi (Eigenes Werk) [Attribution], via Wikimedia Commons

Du darfst in Dortmund eine Gedenkveranstaltung an den 9.November stören, du darfst Synagogen anstecken ohne in Verdacht zu geraten, ein Antisemit zu sein. Du kannst Jüdinnen und Juden per Mail den Tod wünschen, du kannst Stolpersteine aus dem Boden reißen. Du darfst in Deutschland im Vorbeigehen einem jüdischen Passanten die Kippah vom Kopf hauen, du darfst ihm sogar ins Gesicht schlagen. Du darfst einen Rabbiner angreifen, du kannst einen Überlebenden der Schoah umbringen, oder eine Frau töten.
Aber wehe, du vergehst dich am Mahnmal! Also an der Zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas. Da verstehen die Leute keinen Spaß und das muss um jeden Preis, im wahrsten Sinne des Wortes, geradegerückt werden. Es muss nicht korrigiert werden, dass da jemand nicht verstanden hat, wie groß die Katastrophe der Schoah für dieses Land war – das hat man selber vermutlich gar nicht verstanden – nein. Die Kritik am Mahnmal muss geradegerückt werden. Wo man doch schon ein Mahnmal gebaut hat, zu dem man »gerne« geht. Das lässt sich das »Zentrum für politische Schönheit« 69.000 crowdgefundete, Euro kosten.

Auf dem Nachbargrundstück von Björn Höckes Haus, baut das ZfpS 24 Betonstelen auf. Die Gruppe gibt an, sie habe das Grundstück angemietet, nachdem Höcke das Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichnet hatte und in der gleichen Rede eine »eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« gefordert hatte.

Philip Ruch vom ZfpS schreibt auf der Website:

»Die Zivilgesellschaft finanziert dieses Mahnmal. Das bedeutet: Wir können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht länger auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach knapp einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss in den braunen Ecken in Beton gegossen werden.«
von hier, deine-stele.de

Das bedeutet, private Spender haben es möglich gemacht, dass jemand das Mahnmal, das in Berlin schon kaum seinen Zweck erfüllt, nämlich an die Schoah zu erinnern, in einem Garten in kleiner Form nachbaut. Geld, mit dem man vielleicht die wenigen Überlebenden der Schoah noch gut hätte unterstützen können. Auch diejenigen, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten. Oder einen Opferfond hätte gründen können. Für diejenigen, die Opfer antisemitischer oder rassistischer Gewalt wurden. Wenn man Höcke ärgern wollte, könnte man für jeden Exkurs durch ihn, in dem es um die Schoah oder die Erinnerung an den Nationalsozialismus geht, die Einlage aufstocken. 69.000 Euro wäre auch eine schöne Summe, um sie in politische Bildung zu investieren. Damit niemand die Chance hat, den Diskurs vom »Mahnmal der Schande« irgendwo fruchtbringend in Umlauf zu bringen.

Aber so nimmt man das Mahnmal, das nicht einmal ein historischer Ort ist, zum Anlass für eine vermeintliche Provokation – die niemand anderem nützt, außer der Gruppe die das Theater veranstaltet. Das Ziel dieser Provokation dürfte davon auch profitieren. Mehr Aufmerksamkeit für beide.

Die Aktion ist in einem schlechten Sinne doch sehr spießig und gar nicht künstlerisch hipp: Das offizielle Gedenken sticht alle anderen Anliegen und verstellt den Blick auf die Gegenwart. Eine Aktion bei der am Ende diejenigen, an die da gedacht werden soll, gar nicht mehr vorkommen.