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Freiburg: Eine Synagoge wird entsorgt

In der Innenstadt Freiburgs soll ein Brunnen in Form des Grundrisses der ehemaligen Synagoge enstehen. Genau dort, wo die Synagoge bis zum 10. November 1938 stand. Bei den Bauarbeiten wurden dann Mauern der Synagoge im Boden gefunden. Was ab diesem Zeitpunkt passierte, ist ein Lehrstück dafür, wie eine Stadt nicht mit ihrem jüdischen Erbe und der lokalen jüdischen Gemeinde umgehen sollte.
Die Reste wurden während der Hohen Feiertage gefunden. Die Gemeinde sollte ihre Position während dieser Tage an die Stadtverwaltung übermitteln. Ein Treffen mit der Gemeinde sollte dann an Jom Kippur stattfinden. Schließlich beschließt die Gemeinde, dass die Mauerreste erhalten werden sollten. Die Stadt jedoch entscheidet anders und fährt fort mit dem Bau (die Jüdische Allgemeine fasst hier zusammen). Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon hat »emotional Verständnis für die Betroffenheit« der Gemeinde, sieht aber anscheinend keinen Handlungsbedarf. Das Mahnmal muss anscheinend zügig gebaut werden. Ausfälle auf Baustellen kosten Geld. Anscheinend auch gegen den Willen der jüdischen Gemeinde.
Ja, richtig gelesen: Mahnmal sticht lebende Juden.
Nun werden sollen die Steine sach- und fachgerecht (wie es in einem Zeitungsartikel dazu heißt) abgetragen werden um sie zu konservieren. Auf einem Video wird nun dokumentiert, wie vorsichtig und umsichtig das archäologische Fachpersonal dabei vorgeht. Die Reste der Synagoge werden einfach entsorgt:

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Ein unverantwortliches Buch?

Armin Langer: Ein Jude in Neukölln

Armin Langer war Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg und ist Mitbegründer einer Gruppe namens »Salaam-Schalom Initiative«.

Im Frühjahr überwarf sich Langer dann mit dem Abraham Geiger Kolleg. An diesem hatte er seine rabbinische Ausbildung begonnen. Jedoch nicht wegen seiner »Meinung« oder seinen Aktivitäten im jüdisch-muslimischen Dialog, sondern weil er, wie das Kolleg berichtete (siehe auch hier), Absprachen zur Außenkommunikation nicht eingehalten hatte. Dass er den Zentralrat der Juden als »rassistisch« bezeichnet hatte (und sich später für die Wortwahl entschuldigte), war also nicht der Auslöser, auch wenn das häufig so gesehen wird.

Nun ist er kein also Rabbinerstudent mehr, aber das Label bleibt. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Mit diesem Label:
In den meisten Berichten und auch im Text des Verlages zu seinem Buch heißt es: »Ármin Langer, jüdischer Rabbinerstudent und Publizist, lebt in Neukölln[…]«. Dementsprechend heißt das Buch »Ein Jude in Neukölln – Mein Weg zum Miteinander der Religionen«. Aber eigentlich, so heißt es im Buch, sollte das Buch »Muslime sind die neuen Juden« heißen (Seite 11), er habe sich dann jedoch umentschieden.
Dieser Titel hätte die Grundidee Langers schon ganz gut zusammengefasst. Diese These wird dann auch untermauert mit verschiedenen »Umdeutungen« und »Uminterpretationen«.
Er spricht etwa über Rabbiner Daniel Alter. Alter wurde in Berlin auf offener Straße von Jugendlichen zusammengeschlagen. Nach allem was wir wissen, Kinder oder Enkel von Migranten mit arabischem Hintergrund und formulierte danach öffentlich, was viele Juden bereits wussten: Es gibt Bereiche in der Stadt (wie auch in anderen Städten), die für Juden nicht sicher seien. Eben wegen solcher Jugendlicher.
An Alter arbeitet sich Langer ab und versucht, das ganze Geschehen zu entkräften. Dieser Vorfall, exemplarisch für andere, wird umgedeutet und das Licht ausschließlich auf Alters Äusserungen danach gerichtet.
Natürlich fehlt auch der Vorwurf nicht, Dr. Josef Schuster, der Zentralratspräsident, hätte Obergrenzen für Flüchtlinge gefordert. Generell wird hier in beiden Fällen ein antimuslimischer Diskurs von Langer vermutet.
Antisemitimus sei generell kein Problem bei »muslimischen« Jugendlichen, so Langer.

Aber eines übersieht Langer in seiner Argumentation und seinem Bemühen, eine schwarz-weiße Welt zu erzeugen: Die Grautöne.
Es ist tatsächlich kein Problem der Religion, sondern der Sozialisierung und des vorherrschenden Mythos, das Judentum sei der Feind des Islam. Diese antisemitische Propaganda aus arabischen Ländern hat langfristige Wirkung gezeigt und färbt sogar auf vereinzelte jüdische Protagonisten ab. Niemand würde ernsthaft behaupten, alle »muslimischen« Jugendlichen seien Antisemiten. Man muss aber das Problem aufzeigen dürfen.
Noch immer meint er, »95 Prozent aller antisemitischen Gewalttaten werden von Neonazis verübt« und damit widerspricht er der Lebenserfahrung der meisten Juden in diesem Land. Jedenfalls derer, die als solche erkennbar sind.
Antisemitismus sei kein Problem. Vielmehr gäbe es Probleme mit dem Staat Israel. Auch zu diesem hat Langer, sagen wir mal, eine »kritische« Haltung (Diskriminierung sei in Israel überall präsent)– um den größtmöglichen Euphemismus zu wählen. Oft sei es gar kein Antisemitismus, wenn Juden ermordet würden. Der Überfall auf den koscheren Pariser Supermarkt Hyper Cacher, sei eher politisch motiviert. Wenn man das weiterspinnt, ist es also eher »physische Israelkritik«. Das Patentrezept für ein Ende solcher Taten: Die »Besetzung« des Westjordanlandes beenden und alle Palästinenser zurückkehren lassen nach »Israel-Palästina«. Vielmehr sei der Staat Israel ein »Risikofaktor für Juden außerhalb Israels«.

Der Antisemitismus wird also wegdefiniert und Israel-Hass scheint legitim zu sein.

Dann gibt es die Behauptung, jüdisches Leben in Deutschland definiere sich heute zu einem großen Teil nur durch die Beschäftigung mit der Schoah oder die Bedrohung durch Antisemitismus.
Der »Status als Opfer« würde immer wieder betont. Das ist eine Sichtweise, die häufig von denen eingenommen wird, die dem Judentum nicht so offen gegenüberstehen und geht an der Realität der Gemeinden generell vorbei. Vermutlich wird das weder am Abraham Geiger Kolleg, noch an den anderen Einrichtungen der Rabbinerausbildung in Deutschland gelehrt. Die meisten Rabbiner aller Strömungen betonen heute, wie wichtig es ist, dass man Herr über sein eigenes Leben ist und wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen. Auch als »Gruppe«.

In dem Buch werden zahlreiche Anstrengungen unternommen, einen antimuslimischen Diskurs nachzuweisen. Wenn man den Argumentationen folgt, dann lassen sie das Engagement von Langer selbst natürlich in einem noch viel besseren Licht dastehen. In seinem Bemühen darum, kommt er zu falschen Schlussfolgerungen und wirft generell kein sehr gutes Licht auf die jüdische Community in Deutschland. Ich weiß nicht, ob er sich dieser Tatsache bewusst ist. Wenn man antwortet, er sei sich dessen nicht bewusst, dann ist er nicht reif genug für das Rabbinat.
Wenn er sich dessen bewusst ist? Was wäre dann?

Ármin Langer
Ein Jude in Neukölln
304 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03659-1

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Über Juden sprechen geht ohne Juden einfach besser?

»Klagemauer« Köln

»Klagemauer« Köln

Wer bis zum Ende des Jahres 2015 mit dem Zug nach Köln kam und sich vor den Dom stellte, musste früher oder später Notiz von der »Klagemauer« nehmen. Sie stand am bekanntesten Platz der Stadt und stimmte die Besucher auf den Aufenthalt in der Stadt ein. Die »Klagemauer« wandte sich gegen den Staat Israel und das tat sie in einer Form, die wenig Zweifel daran ließ, dass derjenige, der diese Art des Protests in die Stadtmitte trug, den Staat Israel deshalb ablehnte, weil er der Staat Israel war – der Jude unter den Völkern. Da war die Rede vom »Holocaust in Gaza« und davon, dass Netanjahu Massaker verübe und sie als »Kampf gegen den Terror« verkaufe – wie Hitler. Dazu wurden Bilder und Karikaturen gezeigt, auf denen ein Jude ein Kind verspeist. Dass es antisemitisch war, konnten Jüdinnen und Juden häufig bestätigen. Die Gerichte der Stadt sahen das in der Regel anders und wiesen Klagen diesbezüglich ab. Selbst der Bezirksbürgermeister Andreas Hupke bezeichnete die Sammlung von Material als »völlig einseitig, antisemitisch und nur abscheulich« (taz).

Derjenige, der demonstrierte, Walter Herrmann, zeigte, was in Deutschland legal über Juden und den Staat Israel gesagt werden darf. Das tat weh und verletzte Menschen. Es führte zu Hass bei denjenigen, die der Propaganda auf den Leim gingen und sich bestätigt sahen. Der Schaden dürfte groß sein.
Nun verstarb Walter Hermann im Juni 2016, aber das beendete den Spuk nicht. Jetzt erst wird offensichtlich, dass Herrmann nicht allein war mit dem, was er dachte. Der Kölner Stadtanzeiger berichtete von einer »bewegenden Trauerfeier« (siehe hier) und die Sammlungen israelfeindlichen Materials wurden zu »kontrovers diskutierten Aktionen« (von hier: Kölner Stadtanzeiger).
Der gesamte Bestand seiner Pappschildchen sollte im Kölnischen Stadtmuseum und dem Kölner Stadtarchiv weiter aufbewahrt werden. Das sollte man eigentlich laut hinterfragen. An diese Stelle stellt sich nun die Karl Rahner Akademie Köln und möchte an einem Abend, nach persönlicher Anmeldung, darüber diskutieren.
»Der Erinnerung wert? Walter Hermann, die Klagemauer, der Antisemitismus und die Aufgabe historischer Archive« ist der Titel der Veranstaltung. Geladen sind Bundestagsabgeordneter Volker Beck, Polizeidirektor a.D. Udo Behrendes, die Archivarin Dr. Gisela Fleckenstein, der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums Dr. Mario Kramp, Pfarrer Franz Meurer und Dr. Martin Stankowski. In einer vorherigen Ankündigung wurde noch Prof. Dr. Jürgen Wilhelm von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit genannt.
Die Akademie möchte das Thema am 12. Oktober 2016 diskutieren. Das ist Jom Kippur. Kann sein, dass es die Karl Rahner Akademie im Vorfeld nicht wusste. Deshalb schrieb ich die Karl Rahner Akademie an. Kann es aber sein, dass man »über« Antisemitismus und Juden spricht, ohne einen einzigen Vertreter einzuladen? Auch das wollte ich von der Karl Rahner Akademie wissen:

Sehr geehrte Damen und Herren,
am 12. Oktober 2016 planen Sie die Durchführung einer Podiumsdiskussion zu der sogenannten »Klagemauer« in Köln. Es wird unvermeidbar sein, bei diesem Thema auch über Antisemitismus zu sprechen. Das kündigen Sie ja auch in der Überschrift an.
Die Fragen, die sich bei Betrachtung der Referenten aufdrängt, lauten:
Warum sind keine jüdischen Referenten eingeladen?
Warum wird »über« Juden gesprochen, aber nicht mit?
Hatten Sie vor der Planung der Veranstaltung Kenntnis davon, dass der Veranstaltungstag Jom Kippur sein würde und somit kein Jude im Publikum würde sitzen können, der sich irgendwie für seine Religion interessiert?
Haben Sie sich nach bekannt werden dieser Tatsache um eine Lösung dieses Widerspruchs bemüht?
Ist Ihnen bewusst, dass man dies durchaus als Desinteresse an der jüdischen Haltung auslegen könnte?

Die Mail erreichte die Akademie am 28.09. blieb jedoch ohne Antwort. So ist man – so bin ich – dazu eingeladen, die Schlüsse selber zu ziehen: Ist das Sprechen über Juden ohne Juden vielleicht einfacher? Ist man sich möglicherweise schneller einig? Will man eine jüdische Stimme in dieser Diskussion gar nicht zur Kenntnis nehmen?

Mein Vorschlag würde übrigens lauten: Einen Teil aufbewahren. Der Teil kann dann für das neue jüdische Museum der Stadt Köln genutzt werden. Hier könnte man das neben Objekten zeigen, die eine Geschichte des Antisemitismus dokumentieren und dass so mancher Vorwurf (Brunnenvergifter, Kindermörder) sich ein neues Mäntelchen angezogen hat und als Israel-Kritik daherkommt (noch immer Brunnenvergifter und Kindermörder, aber nun »Israel«).

Update!

Am Nachmittag des 7. Oktober reagierte die Karl Rahner Akademie indirekt (Grammatikfehler aus dem Original):

Verschiebung der Veranstaltung!
Von uns ist aus Unachtsamkeit die Podiumsdiskussion auf den 12. Oktober, das ist in diesem Jahr Jom Kippur, einer der höchsten jüdischen Feiertage, gelegt worden ist, und damit die Teilnahme von Menschen jüdischen Glaubens erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht ist, haben wir uns zur Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt entschieden.

Ob nun auch ein jüdischer Ansprechpartner eingeladen wird, stand nicht in der Nachricht auf der Homepage der Karl Rahner Akademie.

Volker Beck (der eingeladen ist) habe ich auf twitter angesprochen und dieser hat auch gehandelt:

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Unterwegs

Ehemalige Synagoge Heubach

In Hessen gibt es zahlreiche Orte mit Friedhöfen, die zumindest teilweise die Zeiten überdauert haben. In nahezu jeder Ortschaft scheint es eine Mikweh gegeben zu haben. Einige davon, wurden erst jüngst wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mein Streifzug zeigte in erster Linie all die Dinge, die nicht mehr da sind und wie sehr sich das Leben auf »dem Land« vom Leben in den Ballungsräumen unterschied. Keine Grundrisse von Reformsynagogen, sondern traditionelle aschkenasische Synagogen. Die große Anzahl von Mikwaot zeigt natürlich, dass sie gebraucht wurden, so banal das auch klingen mag. Ganz unromantisch kann man aber auch festhalten, dass Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts hier ein radikaler Schrumpfungsprozess einsetzte. 1936 schrieb Lily Hirsch im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Frankfurt (Heft 12) über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Hessen-Nassau:

Keine Provinz weist eine so starke Landbevölkerung auf wie Hessen-Nassau. […] Keine der jüdischen Mittel- und Kleingemeinden unserer Provinz umfasst heute noch 200 jüdische Gemeindemitglieder, während 1932 noch 3 Gemeinden an 400 herankamen. Bad Homburg ist von 400 Mitgliedern im Jahr 1932 auf 195 heruntergegangen, Schlüchtern von 375 auf 194, Hersfeld von 360 auf 181. Diese Zahlen nach dem Stand vom 1. April dieses Jahres dürften heute schon wieder überholt sein.
Wie schnell die Veränderungen vor sich gehen, wie schnell Gemeinden völlig verschwinden können, mögen zwei Beispiele zeigen: Die Gemeinde Ulmbach bei Schlüchtern mit ursprünglich 32 Seelen zeigte im April 1936 noch 4 Gemeindemitglieder an und hat sich in diesen Tagen völlig aufgelöst. Gelnhausen mit einem Bestand von 207 Seelen im Jahre 1932, ist 1934 auf 127 zusammengeschrumpft und meldete am 1. April 1936 noch 66 Mitglieder. Die Gesamtzahl der Gemeinden mit über 100 Seelen ist von 33 auf 14 zurückgegangen, dagegen haben sich die Zwerggemeinden (1 – 49 Seelen) von 64 im Jahre 1932 auf 90 im Jahre 1936 vermehrt, ein Schrumpfungsprozess, dessen Ende man vorausbestimmen könnte.
Lily Hirsch in: Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, 1936, Heft 12 (September 1936)

Sie schließt mit:

Es ist traurig zu wissen, dass viele Gemeinden unseres jahrhundertelang von Juden besiedelten Bezirks in kurzer Zeit verödet sein werden, Gemeinden, von deren einstiger Bedeutung Synagogen, Friedhöfe, Urkunden und Familiennamen zeugen.
Lily Hirsch in: Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, 1936, Heft 12 (September 1936)

80 Jahre später habe ich einige dieser Orte besucht und bin (mit Ausnahme der Städte und eines Ortes) durch Gegenden gekommen, in denen (nahezu?) keine Juden mehr leben. Nur noch Erinnerung. Felsberg war eine Ausnahme. Hier wird eine alte Synagoge renoviert und soll wieder einer kleiner (liberalen) Gemeinde dienen.
Bereits auf dem Weg nach Hessen, kommt man an Warburg vorbei. Eine Stadt, in der es 1946 noch ein »Rabbinat« gegeben hat und wo es heute nur noch einen jüdischen Friedhof gibt. Weiterlesen

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Triff den Blogger: Vor Ort in Hessen

Alte Synagoge in Großkrotzenburg von Lumpeseggl (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Alte Synagoge in Großkrotzenburg von Lumpeseggl (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Für mich wird es eine Art Road Trip sein – eine kleine Reise durch Hessen. Beginnend in Kassel, endend in der Nähe von Frankfurt (Großkrotzenburg). Wer also dem Blogger vor Ort begegnen möchte, kann sich einen der Termine aussuchen. Was begegnet einem inhaltlich?
Es wird um einen modernen und offenen Zugang zu Texten gehen. An einigen Orten wird es die Geschichte von Jonah sein, die vielleicht eine komplexere Geschichte ist, als es die einfache, nahezu kindgerechte, Lesart, vermuten lässt. An anderen Orten wird es die Geschichte von »Jehuda und Tamar« sein. Heute würde man sagen, zwei Underdogs, die sich da über den Weg laufen. Es wird aber auch die Gelegenheit zu Austausch und Diskussion geben.

Wer in der Nähe der Stationen lebt, oder dazwischen, ist herzlich eingeladen! Vielleicht ergibt sich ja auch »mittendrin« die Gelegenheit zum Austausch.

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Religion ist Privatsache! (?)

Wollen Menschen mit Tätowierung darauf angesprochen werden?
Die einhellige Meinung scheint »Nein« zu sein.
Das mag zutreffen, wenn jemand irgendein chinesisches Schriftzeichen irgendwo hat, oder einen hebräischen Satz oder ein hebräisches Wort. Hier kommt es übrigens überdurchschnittlich oft zu Problemen. Besonders peinlich es dann, wenn der Tätowierte sich zwischen vielen Menschen tummelt, die des Hebräischen mächtig sind. So wir kürzlich in einem Schwimmbad: Wenige deutsche Touristen hatten sich hierhin verlaufen. Die größte Gruppe der der Besucher des subtropischen Badeparadieses waren Israelis. Aus Deutschland angereist ist jemand, der »Jesus« toll findet. Er hat eine hebräische Tätowierung: »Jeschua haMelech« – »Jesus der König«. Meinte er. Tatsächlich hat der Tätowierer wohl zwei Buchstaben vertauscht und nun stecht auf dem Oberarm unseres Freundes »Jeschua haLemech« – »Jesus der Narr«. Die übrigen Gäste lächelten nur huldvoll.

Kommen wir zu einer anderen Person mit Tätowierung. Manchmal muss man jemanden auf seine Tätowierung(en) ansprechen – etwa um eine unangenehme Kommunikationspause zu überbrücken:
»Dieses Bild des Gekreuzigten ist ja opulent. Das scheint Ihnen etwas zu bedeuten?«
»Sorry – Religion ist Privatsache und darüber möchte ich nicht sprechen.«
»Ah ja. Sorry. Verstehe. Tut mir leid. Da möchte ich natürlich auch nicht nachbohren. Sonst hätte ich noch nach dem Schriftzug im Nacken gefragt. Den kann ich nicht entziffern.«
»Ach so. Das. Das heißt Stefan. Aber in Spiegelschrift.«
»Ok. Verstehe. Gut.«
»In Spiegelschrift, weil Stefan das dann bei uns lesen kann. Wir haben einen Spiegel über dem Bett und wenn ich auf ihm liege, kann er seinen Namen auf mir lesen.«
»Sagten Sie gerade, Religion sei Privatsache?«
»Ja genau. Wieso?«
» – «

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Kafka und die nationaljüdischen Hardliner

Reiner Stach hat eine viel beachtete, ausführliche und sehr lesbare Biographie von Franz Kafka geschrieben. Ein wahres Lebenswerk. Warum dies noch niemand vor ihm gemacht hat, konnte nicht einmal Stach beantworten. In seinem Buch versucht er, der Frage nachzugehen, kommt jedoch zu keinem klaren Ergebnis.
Reiner Stach ist also jemand, der sich auf dem Gebiet auskennen dürfte, wie kaum eine andere Person.
Aber Reiner Stach sieht Kafka in erster Linie als deutschsprachigen Autoren und erst dann als einen jüdischen und ist sich der Tragweite dieser kleinen Nuance anscheinend nicht bewusst – wenngleich auch Antisemitismus und Ausgrenzung eine Rolle in seiner Beschreibung von Franz Kafkas Leben spielen.
Doch einen Schritt zurück: Im Juni fällte ein israelisches Gericht ein Urteil zum Nachlass des Kafka-Freundes und Verlegers Max Brod. Max Brod war der Mann, der Kafka groß gemacht hat. Bestandteil des Nachlasses sind zahlreiche Dokumente von Franz Kafka selber. Mit diesen kam Brod 1939 aus Prag ins damalige Palästina. Bekanntlich hatte Kafka, der 1924 starb, Brod als Nachlassverwalter eingesetzt und wollte, dass seine Papiere verbrannt werden. Das tat Brod nicht. Ihm verdanken wir also, dass zahlreiche Werke überhaupt heute lesbar sind.
Das Gericht bestimmte nun, die Dokumente seien in der Nationalbibliothek Jerusalem zu deponieren. Eine großartige Entscheidung, denn so bleiben die Unterlagen nicht nur zusammen und bewahrt, sondern werden auch digitalisiert und der Öffentlichkeit zu weiteren Forschungszwecken zur Verfügung stehen. In Jerusalem sind die Unterlagen dort aufbewahrt, wo man das kulturelle Erbe der jüdischen Diaspora wertschätzt.
Das ist eine Tatsache, die Stach nicht anerkennt. Er sähe die Unterlagen gerne im Literaturarchiv Marbach. In einem Text in der ZEIT vom 18. August 2016 (Seite 38) mit der Überschrift »Muss ich alles umschreiben« schreibt er über einen Verkauf von Kafka Manuskripten an das Literaturarchiv Marbach:

Es ist ein Glücksfall – und keineswegs historisches Unrecht, wie nationaljüdische Hardliner gerne vorbringen –, dass das Deutsche Literaturarchiv Marbach […] Kafkas Process erwarb.
DIE ZEIT, Ausgabe 35 vom 18. August 2016, Seite 38

Wer sind also diese nationaljüdischen Hardliner?
Merke: Keine israelischen. Es sind nationaljüdische Hardliner.
Die Formulierung ist jedenfalls reichlich fragwürdig.
Vielleicht Hardliner wie Brod selbst?
Der Deutschland als »verfluchte Nation« bezeichnet hat?
Gibt es hier ein generelles Problem damit, dass die Unterlagen in Israel verbleiben und dort sicher sind? Warum sollte ausgerechnet ein deutsches Archiv diesen Schatz aufbewahren? Warum nicht auch ein tschechisches?
Reiner Stach hält das Marbacher Archiv für die bessere Adresse, weil dort die »deutsch-jüdischen Nachlässe« »mustergültig erschlossen« seien. Erschlossen, also suchbar, vielleicht. Aber nutzbar im Zeitalter der Digitalisierung?
Schauen wir doch einmal nach, was das Literaturarchiv Marbach so alles online gestellt hat: Nichts.
Man kann im Katalog nach Kafka suchen und erfährt, dass das Archiv die Handschriften besitzt und streckenweise als Mikrofiche vorhält. Eine Veröffentlichung dieser Unterlagen im Netz scheint nicht angedacht zu sein. Nicht einmal die Hanschriften von Kafkas Process sind auszugsweise verfügbar. Einige Seiten seien in einer Dauerausstellung zu sehen.

Wer will, kann sich einmal die Publikationsgenehmigung für Handschriften anschauen.

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Radiointerview zu Tischa BeAw

Tischa beAw im Amsterdamer Minhogimbuch

Zum Thema Tischa beAw gibt es etwas verspätet nichts schriftliches, sondern etwas zu hören. Ich hatte das Glück, dem WDR ein Interview zu diesem Tag geben zu dürfen. Was macht Tischa beAw aus? Ist es der schwärzeste Tag, den das Judentum kennt? Welche Bedeutung messe ich diesem Tag heute zu?
Das Interview lief dann in zwei Sendungen in zwei unterschiedlichen Längen. Eines wurde am Vorabend von Tischa beAw ausgestrahlt (leider ein Schabbat) und eine an Tischa beAw (der in diesem Jahr wegen des Schabbats ein Tag später begangen wurde).

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Zeit online: Wir lebenden Juden

Maxim Biller ist natürlich ein großartiger Autor – aber deshalb noch lange kein großer Experte für Literatur.
Ein Jude für eine Nase für aktuelle Entwicklungen, aber eher im Bezug auf das »feuilletonistische Judentum« (Jahreshauptversammlung dieser jüdischen Strömung ist »Tarbut« auf Schloss Elmau, aber vermutlich würde Maxim Biller die Leute dort nicht mögen).
Provozierend hat er behauptet, in Deutschland sei kein jüdischer Intellektueller mehr zu finden, oder so. Nein, eigentlich hat er das nicht getan. Er sagte in einem Interview:

Wo sind die anderen jüdischen Leute in Deutschland, die wie ich versuchen, den nächsten großen Roman zu schreiben? Müssen die alle wirklich Ärzte, Anwälte oder Springer-Journalisten sein? Kann da nicht einer dabei sein, der eine geniale Sinfonie komponiert, ein verrückt teures Bild malt oder ein Buch schreibt, über das sich Juden und Nichtjuden gleichzeitig aufregen? Müssen die Kinder und Enkel der seit 1945 in Deutschland lebenden Juden wirklich alle so bürgerlich, langweilig und scheinheilig sein? Müssen die wirklich jeden Freitagabend bei ihren Eltern sitzen und so tun, als hätten sie noch nie in ihrem Leben einen Joint geraucht?
Maxim Biller im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im April 2016

Er setzte noch hinzu:

Geld, Immobilien und Prada-Handtaschen heilen keine Wunden, wer das denkt, ist total naiv. Maxim Biller im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im April 2016

Na klar. Die Kanidatinnen und Kandidaten gibt und gab es auch. Aber der Leser hat gemerkt, hier wird offensichtlich ein Alleinstellungsmerkmal konstruiert. Einige Monate blieb das unwidersprochen. Jetzt gibt es einen Beitrag von Mirna Funk auf den Internetseiten der ZEIT dazu:
Wir lebenden Juden. Der Artikel stellt ein paar smarte Kandidaten der Generation vor, die Biller so nicht wahrgenommen hat. Vielleicht hat er das aber wahrgenommen und wollte mal schauen, wann die jüdischen Kulturschaffenden von heute ihre Joints zur Seite legen und dazu Stellung beziehen.
Kann aber auch sein, dass sie mit den Schultern gezuckt haben und einfach weiter das gemacht haben, was sie den Tag über so (in Berlin) machen. Vielleicht dachten sie: Was juckt mich schon schon jemand, der gerne als jüdischer Intellektueller wahrgenommen werden möchte?
Vielleicht waren sie einfach damit beschäftigt, ihr Ding zu machen? Ohne Biller-Benchmark. Einfach so.

Übrigens: der Artikel kommt nicht aus dem Nichts. Viele der Protagonisten, wie auch jemand vom Literaturteil der Zeit und der Autorin des Artikels, waren zuvor auf einer Veranstaltung des Maxim-Gorki-Theaters eingeladen.

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Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – ein Vorabbericht

Siddur Tehillat HaSchem innen

Die letzten Siddurim, die mit deutscher Übersetzung erschienen, waren der Schma Kolejnu und Teffilot lekol haSchanah. Schma Kolejnu war ein echter Meilenstein: Modernes Layout, Anweisungen, Einschübe für besondere Tage. Allerdings nicht für alle Feiertage einsetzbar. Hier fehlten ein paar Seiten. Der alte Siddur Sefat Emet war und ist zwar (ein wenig unübersichtlich und für Einsteiger nicht nutzbar), aber im Vorteil, weil man ihn häufiger nutzen kann. Teffilot lekol haSchanah war/ist ein neuer Siddur für nichtorthodoxe Gemeinden. Er ist in mehreren Bänden erschienen und nicht extrem umfangreich. Eine vollständige Transliteration mit Übersetzung braucht viel Platz. Übrigens hat auch die orthodoxe Rabbinerkonferenz einen Siddur für den Schabbat veröffentlicht – Siddur Schomer Jisrael. Hier schien der Fokus besonders auf der Transliteration gelegen zu haben und ist gestalterisch und herstellungstechnisch eine Zwischenlösung für diejenigen, die noch nicht mit einem vollständigen zwei- oder einsprachigen Siddur beten können.

Jetzt gerade erscheint eine neue Ausgabe: »Siddur Tehillat Haschem« in deutscher Sprache. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Es gibt eine hebräische Ausgabe, eine englische, eine russische und nun auch eine deutsche. Sie fußt auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und grundsätzlich mit einem ähnlichen Layout. Deutscher Text ist häufig etwas länger, deshalb kann man nicht von einem gleichen Layout sprechen.
Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen Siddurim die noch so aufgebaut sind, wie sie in der Zeit vor dem Siddur von Artscroll waren. Der Artscroll-Siddur war der erste Siddur, der deutliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit dieser nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf (langer Fließtext in Kursivschrift?!), aber wegweisend für spätere Projekte.
»Siddur Tehillat Haschem« versucht beide Gruppen zu bedienen und ist deshalb interessant. Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben. Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden. Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Die Übersetzung orientiert sich an den vorhandenen deutschen und verbindet auch an dieser Stelle die Traditionalisten mit denjenigen, die eine aktuelle Übersetzung fordern. So verwendet man das Wort »Ewiger«, um den Namen G-ttes (HaSchem) zu umschreiben – so wie es auch schon in Siddurübersetzungen anderer Herausgeber praktiziert wurde.

Siddur Tehillat HaSchem Detailansicht der Amidah

Siddur Tehillat HaSchem Detailansicht der Amidah

Zum Inhalt: Auch wenn der Siddur für einen Nussach gemacht ist, der nicht in allen Gemeinden praktiziert wird, so dürfte es der vollständigste Siddur mit deutscher Übersetzung seit langer Zeit sein.

  • Gebete für Kinder
  • Das Morgengebet für Werktage
  • Segenssprüche (für Reisende, für verschiedene Mitzwot, über Speisen, Tischgebet, bei der Hochzeit etc.)
  • Minchah (das Nachmittagsgebet)
  • Ma’ariw (das Abendgebet)
  • Gebet vor dem Schlafengehen
  • Gebete für den Schabbat
    • Minchah für Freitag
    • Kerzenzünden
    • Kabbalat Schabbat
    • Abendgebet
    • Smirot
    • Kiddusch für Freitagabend
    • Morgengebet
    • Kiddusch für den Tag
    • Minchah für Schabbat mit den übersetzten Pirkej Awot
    • Dritte Mahlzeit
    • Hawdalah
  • Heiligung des Mondes (Kiddusch Lewanah)
  • Segenssprüche über den Lulaw
  • Hallel
  • Gebete für Rosch Chodesch
  • Gebete für die Festtage
    • Eruw
    • Kiddusch
    • Amidah für Festtage
    • Jiskor
    • Mussaf für die Festtage und Chol haMoed
    • Priestersegen
    • Gebet um/für Tau
    • Gebet um/für Regen
    • Gebete für den Vorabend von Rosch haSchanah
    • Gebete für den Vorabend von Jom Kippur
    • die Hoschanot
    • Hakafot für Simchat Torah
    • Chanukkah
    • Purim
  • Gebete für den Monat Nissan wie eine Haggadah für den Schabbat haGadol, Suche nach Chametz und Pessach-Opfer
  • Gebete für Fastentage, Slichot
    • Behab – hier genannt: für Montag – Donnerstag – Montag
    • für den 10. Tewet
    • für das Esther-Fasten
    • für den 17. Tammus
    • für ein erkranktes Kind (versehen mit dem Zusatz: G-tt bewahre)
    • ein langes Awinu Malkejnu
  • Segenssprüche bei Verlobung und Trauung
  • Beschneidung
  • Auslösung des Erstgeborenen
  • Mischnajot für Trauernde
  • Torahlesungen und eine Liste der Haftarot nach dem Brauch von Chabad

Im Anhang findet man noch Verse für Personennamen, ausgewählte Vorschriften und Bräuche, Regelungen für besondere Tage, Transliterationen, Abbildungen (wie man Tallit und Teffilin anlegt etc.), Trauerkaddisch, Kaddisch de’rabbanan.
Ganz hinten im Buch findet man noch eine Tabelle von Erlaubten und verbotenen Unterbrechungen im Gebet.

Die vorliegende Fassung ist noch nicht die endgültige, deshalb will ich an dieser Stelle noch nicht auf typografische und gestalterische Details eingehen. Möglicherweise werden einige Dinge noch geändert.