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Antisemitismus als Konstante

Wilhelm Buschs Schmulchen Schievelbeiner

Es wurde in den letzten Tagen viel zum Antisemitismus in Deutschland geschrieben (siehe hier Levis Bericht, oder den von Juna). Das hängt zum einen mit dem 27. Januar zusammen, zum anderen mit der Instrumentalisierung des Antisemitismus gegen Flüchtlinge. Es geht dabei um den Antisemitismus, den Flüchtlinge aus Syrien vielleicht mitbringen könnten. So genau weiß man das noch nicht. Aber die »Maintstream-Gesellschaft« war schon ganz froh, dass da jemand kommt, der etwas offener antisemitisch ist (oder sein könnte). Das lenkt davon ab, dass es in Deutschland schon Antisemiten gab, bevor die ersten Syrer vor dem Krieg flohen (siehe auch hier).
Und: Diesen Antisemitismus gibt es nicht »wieder«, sondern »immer noch«. Eine Art Konstante. Schon der alte Wilhelm Busch bediente antisemitische Stereotypen, wie man am Bild zu diesem Artikel sieht.
Schön beschreibt das eine kleine Geschichte (die vielleicht die meisten jüdischen Leser schon kennen):

Ein Mann, ein Jude, steht mit seinem Koffer am Hauptbahnhof und sieht sich suchend um. Er zieht ihn mal in die eine Ecke, dann wieder in eine andere. Schließlich spricht er einen Mann an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« und der Mann antwortet »Natürlich. Juden sind intelligente und aufrichtige Menschen.« Der Mann mit dem Koffer zuckt mit den Schultern und geht weiter. Er spicht eine Frau ein: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« Die Frau antwortet: »Natürlich. Denken Sie mal daran, was diesen armen Menschen durchleiden mussten.« Der Mann zuckt wieder mit den Schultern und zieht weiter. Er spricht den nächsten Passanten an: »Entschuldigung, mögen Sie Juden?« – der Mann sagt »natürlich. Deutsche und Juden sind heute Freunde.« Der Mann mit dem Koffer zuckt erneut mit den Schultern und wendet sich ab. Er wendet sich an einen weiteren Mann. »Entschuldigung, mögen Sie Juden?«. Der Mann verzieht das Gesicht. »Nein. Ich mag Juden nicht besonders. Eigentlich gar nicht.« Der Mann mit dem Koffer schaut erleichtert. »Ich brauche jemanden, der kurz auf meinen Koffer aufpasst. Sie sind der erste ehrliche Mensch der mir heute begegnet ist. Könnten sie das bitte kurz machen?«

Ach. So schlimm ist das doch nicht, ist man geneigt zu sagen. In Deutschland haben immerhin etwa 39 Prozent aller Bürger antisemitische Ansichten. Da kommt es hin- und wieder auch zu Begegnungen. Was ist die Reaktion derjenigen, die das hören oder lesen?
Juden kommen sich zuweilen vor, wie die Person die zum Psychiater kommt und sagt »Ich habe das Gefühl, mich nimmt niemand ernst« und der Psychiater antwortet »Ach! Das glaube ich ihnen nicht.«

Das Ding ist: Wenn man von Vorkommnissen berichtet, bleiben dennoch nur die Berichte hängen, in denen man von »anderen« spricht. Nämlich die Berichte, in denen muslimische oder migrantische Antisemiten agieren. Berichtet man Menschen, die einen teuren Dienstleister einen »echten Juden« nennen, dann heißt es »Ach, das kann doch nicht sein.«. Oder wenn jemand über Marcel Reif sagt, er sei natürlich ein intelligenter Journalist, weil »die« das alle sind. Auch hier: »Ach! Juden sind da einfach zu empfindlich«. Oder, oder, oder. Von der Lupe, unter den Israel in der deutschen Öffentlichkeit steht, muss man gar nicht reden. Da sind die ganz harten Verschwörungstheorien noch gar nicht dabei.
Meine Lieblingstheorie aus den letzten Tagen: Die Behauptung es gäbe (aktuell) ein Antisemitismusproblem sei eine jüdische Verschwörung um von Flüchtlingen abzulenken.

Und dann gibt es auch diejenigen die sagen, man spüre jetzt den Antisemitismus. Die Journalistin Tamara Anthony merkte das öffentlich an und zeigte damit auf das Offensichtliche (etwa hier).
Sie kommt jedoch zu einer falschen Schlussfolgerung: Sie will dem Antisemitismus die »Stirn bieten«. Das ist nicht ihre Aufgabe und nicht die der anderen Juden in Deutschland. Das wäre die Aufgabe der Gesellschaft. Aber die muss das Problem erstmal als »ihr« Problem erkennen und nicht als Problem »der Flüchtlinge«.

Ach ja:

Sollte man dann nicht in den jüdischen Blogs mehr darüber berichten? Wirklich? Vielleicht sollte man nur von den absoluten Höhepunkten berichten. Denn: Ob es Nichtjuden glauben oder nicht: Man spricht zuhause und in der Gemeinde nicht ständig darüber. Da gibt es andere Themen über die man spricht und hoffentlich gibt es noch andere identitätsbildende Elemente. In diesem Blog würde ich gerne (weiterhin) vermehrt über diese anderen Themen berichten. Die Gesellschaft kommt in dieser Zeit (bitte) ihrer Verpflichtung nach.

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Kauf den Tallit einfach bei H&M

Shop H und M
Das war eine tolle Überraschung! Sonst bringt H&M immer Tücher und Schals auf den Markt, die an die Kefije erinnern und statten so ganze Horden Jugendlicher mit wenig positiven Kleidungsstücken aus.

Jetzt wurde weltweit der Tallit-Style auf den Markt gebracht.
Dazu gibt es drei schlechte Nachrichten:

  • Erste: Natürlich gab es Proteste dagegen. Angeblich sei das ein heiliges Symbol. So zitiert die Jüdische Allgemeine jemanden der das so empfindet (siehe auch hier). Auch bei facebook gab es die generelle Bereitschaft sich zu empören. Aber warum? Die JA zitiert die Unternehmenssprecherin mit einer Entschuldigung. Wofür sollte sie sich entschuldigen? Vielleicht bei Antisemiten, die sich provoziert fühlen?
    Gefühlt war das ein Aufreger für engagierte Nichtjuden, die da einen Skandal witterten.
  • Zweite: Der Schal ist für Frauen gedacht. Aber wenn man es ganz genau nimmt, dürften (jüdische) Frauen das Tuch gar nicht anziehen – denn es heißt ja, eine Frau dürfe sich nicht kleiden wie ein Mann.
  • Dritte: Der Schal ist bereits ausverkauft!

Unbestreitbarer Vorteil:
Wenn die Innenstädte voller Tallesim sind, weil sehr sehr viele Menschen den Schal tragen, kann man unbehelligt mit seinem eigenen richtigen Tallit auf die Straße gehen.
Oder: Zitzit kaufen, anbringen – fertig ist ein günstiger Tallit.

Scheinbar gab es bei H&M auch dieses Kleid:

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Das magische Buch

Ein Zauberbuch - hier Dämonen

Ein Zauberbuch? Woher kommen die Dämonen?

Weil alle dazu etwas zu sagen haben:
Es gab einen Zauberer.
Der hatte unvorstellbare Zauberkräfte – gegen die konnte fast niemand etwas tun. Dieser Zauberer hatte ein Buch geschrieben.
Ein Zauberbuch. Und jeder der das Buch las, wurde in den Bann des Zauberers gezogen und folgte fortan den Befehlen aus dem Zauberbuch.
Und unter dem magischen Einfluss des Zauberers taten die Menschen furchtbare Dinge. Sie waren unter einem »Bann«. Oder in heutiger Sprache: Sie waren wie Zombies. Liefen herum, taten schreckliche Dinge, aber ohne den Verstand zu benutzen.
Und natürlich: Die Menschen trugen dafür keine Verantwortung.
Sie standen ja unter dem Einfluss von böser Magie.

Das haben uns die Menschen jedenfalls erzählt als der Zauberer tot war und das glauben viele Menschen noch heute.

In Wahrheit aber: Der Zauberer war nur ein Mensch, ein böser Mensch zwar, aber er hatte keine Zauberkräfte.

Er brachte Menschen nicht mit Magie dazu, böse Dinge zu tun. Sie halfen ihm dabei, weil sie sich viel davon versprachen und wo immer sie ihre Macht schlechtes zu tun ausüben konnten, taten sie das auch. Auch in eigener Verantwortung.

Es ist klar, dass es um »Mein Kampf« geht. Jenes Buch das offenbar so starke Zauberkräfte besitzt, dass jeder der es liest sofort Antisemit oder Anhänger des Nationalsozialismus wird. Da gibt es Ängste die man zur Kenntnis nehmen muss, aber es man sollte sich vor dem Narrativ hüten, der große Zauberer habe die Menschen verführt und es (unter anderem) mit Hilfe des Buchs getan. »Die Nazis« waren keine außerirdischen Besucher und auch keine Dämonen aus der Hölle. Das waren die Bewohner Deutschlands (bzw. des Deutschen Reiches) und sie alle (mit Ausnahmen natürlich, aber das zerstört meine Polemik) haben mitgeholfen, die Maschine des Regimes laufen zu lassen. Ohne seine Helfer wäre der große Zauberer nichts gewesen. Die Effizienz der Tötungsmaschine dachte sich wohl nicht allein der Mann an der Spitze des Staates in allen Details aus, sondern die vielen kleinen Helfer.
Die Züge wird nicht allein einer gefahren haben, die Selektionen an den Rampen hat nicht nur eine Person durchgeführt, die westeuropäischen Juden hat nicht nur ein Mann aus ihren Wohnungen abgeholt, die Massenerschießungen in Osteuropa hat nicht nur ein Mann durchgeführt. Dafür brauchte es viele Helferinnen und Helfer. Und das waren keine ferngesteuerten, willenlose Helfer oder Aliens vom braunen Planet.
Denn auf das erwähnte Märchen läuft es hinaus, wenn wir so tun, als sei »Mein Kampf« ein Buch welches die Menschen bekehren könnte. Gerade noch freundlich, nach einigen Seiten marschieren sie im Stechschritt?

Das Buch gibt sehr genau Auskunft über das wirre Universums seines Autors: Verschwörungstheorien, Rassenwahn, eine geschönte Biographie, absurde Aufzählungen und Analogien. Wer sich über den gesamten Wahnsinn in seiner Aberwitzigkeit informieren will, sollte sich die Lesung von Serdar Somuncu anhören. Er hat das Buch jahrelang öffentlich vorgetragen und es, wenn man so will, demaskiert. Wenn man Somuncu hörte, war die einzige Frage die man sich stellen konnte: Dieser »Text« soll mich überzeugen?
Der wissenschaftliche Kommentar, der jüngst erstellt wurde, scheint das Machwerk dagegen schon ein wenig aufzuwerten. All das, um dem Buch den Zauber zu nehmen? Brauchen wir für jeden Satz eine Fußnote bevor wir das Buch auf die Öffentlichkeit loslassen?
Hören wir auf, daraus Metaphysik zu machen! Das könnte der erste Schritt zu einer vernünftigen Auseinandersetzung damit sein.

Wer behauptet, das Buch könne jemanden ohne Fremdeinwirkung und Vorprägung überzeugen, muss davon ausgehen, dass das Buch jemand liest, der wirklich gar keine eigene Meinung hat und sich vorher die komplette Festplatte hat neu formatieren lassen. Der heutige Leser weiß, wohin das alles geführt hat.
Aber es stimmt: Über den gegenwärtigen Stand der politischen Bildung könnte man einmal nachdenken und darüber nachdenken, wie man das heute vermittelt.

Ein weiterer Aspekt

Im Schillerjahr 1905 wurde Hermann Hesse gefragt, so erzählt man sich jedenfalls, wie man die Menschen dazu bringen könne, wieder Schiller zu lesen. Hesse gab den Rat: Man müsse Schiller verbieten, dann würde er wieder gelesen.

Spricht gar nichts gegen ein Verbot?

Eine Sache wäre da noch: Der offene Verkauf einer antisemitischen Schrift. OK. Im Vergleich zu dem, was in vielen Kommentarspalten hier im Internet veröffentlicht wird, wirkt das Original blass, aber es bleibt juristisch zu prüfen, ob die antisemitschen Aussagen in dem Buch einen Verkauf noch stoppen könnten.

Die Ideologie hat längst ein Update erfahren – denn wie gesagt – sie geht nicht von einer Person aus, sondern wird von vielen Menschen gepflegt und unterstützt. Dagegen vorzugehen, das ist die große Aufgabe.

Wer übrigens richtige Nazi-Zombies sehen will, der kann sich Dead Snow anschauen.

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Im Ruhrgebiet wird weitergelernt

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Der vorletzte Tag von Chanukkah war der Tag, an dem es in der Alten Synagoge Essen eine Art Regional-Limmud gab und die Synagoge wieder zu einem aktiven Zentrum jüdischer Kultur machte. Viele Räume wurden wieder genutzt, man stritt etwa darüber, ob man Israel kritisieren dürfe, hatte die Möglichkeit sich musikalisch weiterzubilden und zündete am Abend dann gemeinsam im Vorraum der Synagoge die Chanukkah-Kerzen. Das Spektrum der Workshops war groß und es tat gut, sich auch einmal inhaltlich austauschen zu können. Nicht nur Chanukkah-Feier – auch eine Umgebung die dem Thema des Festes gerecht wird: Eine Re-Aktivierung des Judentums. Klingt pathetisch – ist auch so gemeint.

Programm-LimmudAm späten Nachmittag fand ich mich inmitten einer Gruppe von Leuten, in einem Seitenbereich des riesigen Synagogensaals und diskutierte mit ihnen über die zwei Schöpfungen des Menschen gleich zu Beginn der Torah. Ich erzählte, warum mich die Interpretation von Rabbiner Soloveitchik so extrem fasziniert und schilderte ein wenig die Punkte, die ich für wesentliche Beobachtungen im Schöpfungsbericht der Torah hielt. Andere Anwesende ergriffen die Möglichkeit, sich über den Text auszutauschen und es wurde schnell auch sprachlich (und sehr präzise) argumentiert. Warum wird im Hebräischen jene Formulierung verwendet und nicht eine andere? Woher nehmen die früheren Kommentatoren die Gewissheit, dass der erste Mensch beidgeschlechtlich geschaffen wurde? Was spricht dafür? Was dagegen?
Aber mit dem Ende des Limmud-Tages muss das aber nicht enden: Der Minchah-Schiur, der nun schon seit Ende 2011 existiert, knüpft (also ein paar Enthusiasten und meine Wenigkeit) genau da an: Austausch über jüdische Inhalte in einer entspannten Atmosphäre.
Es geht weiter am 10. Januar 2016 in Gelsenkirchen. Jüdische Bewohner des Ruhrgebiets sind herzlich eingeladen, sich auszutauschen. Details und einen Link zu einer Mailingliste gibt es hier.

Interessant dürfte sein, ob die Person, welche die Idee hatte, die Synagoge an den Hohen Feiertagen mit Leben zu füllen, die Idee weiterverfolgt. Das wäre ein sehr interessantes Projekt.

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#strangelovesongs Daniel Kahn und Sasha Lurje

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Bevor das Konzert begann, wartete eine Kiste auf der Bühne auf die Besucher. »Verhaltet euch ruhig« stand auf ihr. In Frakturschrift. Ein politisches Statement gleich zu Beginn des Konzerts? Das Thema war doch »strange love songs«? Wird da der Verfremdungseffekt verwendet? Es bleibt offen. Das hätte zu Berthold Brecht gepasst und Sänger (in diesem Fall) Daniel Kahn passt großartig zu Berthold Brecht.
Auf der Bühne wirkt er dann wie eine Figur aus einem Stück von Brecht. Er führt selbstironisch durch das Programm, kommentiert die eigene Haltung zu den Stücken und singt natürlich auch Brecht. Auf Jiddisch. Die Übersetzungen stammen von Daniel Kahn selber und wirken, als hätten die Texte nur darauf gewartet, von ihm in die Sprache der eigentlichen Bestimmung übersetzt zu werden. Das mag auch ein wenig an der überzeugenden Interpretation liegen. Ist das aber Klezmermusik? Nein. Natürlich nicht und das stellt Daniel Kahn auch am Anfang des Konzerts fest. Das Konzert stellt dem Zuhörer und Zuschauer statt dessen eine Reihe von abgedrehten Songs rund um das Thema Liebe vor. Mit der, aus Riga stammenden, Sängerin Sasha Lurje, präsentieren sie vorzugsweise böse Lieder und das in russischer, ukrainischer, deutscher, englischer und jiddischer Sprache. Dabei werfen sie die beiden großartig die Bälle zu. Kahn erzählt, unterbrochen von Sasha Lurje, dem Publikum kurz worum es geht, dann trinken beide einen Schluck Wein oder unterhalten sich miteinander. Vielleicht ist das alles einstudiert und choreographiert. Vielleicht ist das aber auch spontan?
Wenn man so will, wirkten sie zwischendurch wie ein Mädchen und der böse Wolf. Was das soll, findet man spätestens bei der Interpretation des jiddischen Lieds »Margaritkelach« heraus. Kein Liebeslied, sondern ein Song über Gewalt, Gier und Lust. Wie das funktioniert, zeigt vielleicht dieser kleine Ausschnitt:

Der Querschnitt ist groß. Nicht nur bekannte Kost, wie das genannte Margaritkelach. Auch der, bereits erwähnte Brecht. Die Songs werden meist in mehrsprachiger Variante gesungen. Sasha Lurje singt zahlreiche Lieder die ein russischsprachiges Publikum mit Sicherheit gekannt haben wird und Daniel Kahn singt dazu eine englische Übersetzung. Das gipfelt in einer Interpretation eines Liedes des sowjetischen Chansonniers Bulat Okudschawa (kennt vermutlich jeder, der in der Sowjetunion Wurzeln hat). Daniel Kahn und Sasha Lurje öffneten damit diese Musik einem breiteren Publikum.
Es wäre zu wünschen, dass die beiden zu Bulat Okudschawa vielleicht noch etwas mehr machen würden.
Zu einem Song spricht Kahn die englische Übersetzung. Auch das passt irgendwie und durch die makaberen Texte ist das auch sehr kurzweilig. Im Publikum schienen einige gewesen zu sein, die wussten, wo der Abend hinführen würde und eben wieder ein paar, die im Verlauf des Abends überzeugt wurden, dass man in jiddischer Sprache auch etwas singen kann, was nicht sofort zu Tränen rühren muss, sondern dass es auch mal ongevorfen sein kann. Brechts Zuhälterballade wäre da ein schönes Beispiel.

Kein Klezmerabend aber irgendwie ein Abend – sagen wir das mal bildungsbürgerlich – der kontemporären jüdischen Musik in der Einflüsse aus vielen Ländern zusammenkommen aus denen junge Juden heute so stammen: Russischsprachige Länder, aus den USA, Jiddisch ein wenig und ein wenig Deutsch. Alles mischt sich und erzeugt eine moderne Interpretation von jüdischer Kultur.
Das Programm wird vermutlich noch in anderen Städten gespielt. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich das auch anschauen.

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Daniel Kahn und Sasha Lurje singen Bulat Okudzhava im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen

Dieses Konzert beschloss die Konzertreihe »Klezmerwelten« und zeigte ganz gut, worin die Stärken dieser Veranstaltung lagen. Jüdische und Jiddische Kultur abseits dessen zu präsentieren, was man so gemeinhin mit Klezmer assoziiert. Dass die Veranstaltungen von einem kulturell interessierten jungen jüdischen Publikum nahezu ignoriert werden, wird genau daran liegen, dass das Wort Klezmer eher eine Abwehrhaltung hervorruft. Wenn das Festival im Jahre 2017 erneut stattfindet (was hervorragend wäre), dann wird man hoffentlich auch dieses Publikum ansprechen können.

Meine persönlichen Wunschkandidaten für 2017: Avishai Cohen (das Album Aurora ist schon etwas älter, aber für mich sehr faszinierend) und vielleicht die Petersburger Truppe OPA. Benny Friedman oder vielleicht Avraham Fried? Für den müsste dann schon eine größere Halle her. Aber damit wäre wieder die ganze Bandbreite abgedeckt…

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Limmud im Ruhrgebiet – Alte Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Die Alte Synagoge Essen ist heute ein Haus jüdischer Kultur. Lange Jahre war die Synagoge ein Gedenkort und ein Ort an dem Pfarrer (ein wenig Polemik darf an dieser Stelle erlaubt sein) über das Judentum referiert haben.
Doch heute ist die Situation eine andere. Das Haus hat seit dem Weggang der langjährigen Leiterin einen Sprung nach vorne gemacht. Die Dauerausstellung informiert über das Judentum und das jüdische Leben, aber nicht nur aus einer religiösen Perspektive und ist nicht nur Ablageort für alte Kultgegenstände. Es geht auch um jüdische Identität und alles, was damit zu tun hat. Viele Dinge kann man anfassen, einige Sachen ausprobieren und die Architektur auf sich wirken lassen. Das Haus wird gerne besucht, auch wenn es heute nicht als Synagoge dient. Heute ist das Gebäude also nicht nur von außen eine Sehenswürdigkeit.

Flur in der Alten Synagoge

Flur in der Alten Synagoge

Und jetzt geht man noch einen Schritt weiter: Das Haus hat sich Limmud geöffnet und steht damit an einem Tag Jüdinnen und Juden zur Verfügung um sich zu Geschichte, Musik, Tradition, Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und natürlich auch Religion auszutauschen. Übrigens unabhängig vom Alter.
Und das alles am Vorabend des letzten Chanukkah-Tages – am 13. Dezember 2015. Alle Informationen dazu gibt es übrigens hier. Es steckt vermutlich keine tiefere Symbolik dahinter (immerhin ist Chanukkah das Fest der »Tempelwiedereinweihung«), aber es ist eine gute Gelegenheit für diejenigen, die im Ruhrgebiet und drumherum leben, sich auszutauschen und ein paar neue Gesichter zu sehen. Ganz nebenbei ist, wie gesagt, das Haus schon eine Attraktion. Wenngleich an diesem Tag recht viele Chanukkahfeiern in den lokalen Ruhrgebietsgemeinden sind, so kann man doch erwarten, dass dieser Tag etwas besonderes werden dürfte. Hoffentlich, vielleicht, eventuell … etwas vergleichbares gab es im Ruhrgebiet noch nicht.

Wer sich überlegt zu kommen, sollte einfach kurzentschlossen hier klicken und sich anmelden.

Der Vollständigkeit halber: In Dortmund gab es schon einmal (2012) eine lokale Ausgabe eines Limmud-Tages. Die wurde aber recht zurückhaltend an die Nachbargemeinden kommuniziert.

Inside the Old Synagogue Essen

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Unverantwortlich

»Leben und Tod sind in der Gewalt der Zunge« heißt es in den Sprüchen (18,21). Wer sich mit dem Judentum beschäftigt, wird schnell lernen, wie extrem wichtig gesprochenes und geschriebenes Wort sind.

Ein angehender Rabbiner sollte das wissen. Um so gewichtiger ist die verbale Entgleisung von Armin Langer in der taz, der offenbar Rabbiner werden möchte – (»Das Land Israel ist für mich heilig. Der Staat Israel nicht.«).
Er hat vermutlich davon gehört, dass Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster sich für eine Obergrenze für Flüchtlinge ausgesprochen haben soll (siehe auch hier) – was Dr. Schuster nicht getan hat. Er gab in der Zeitung DIE WELT ein Interview. In diesem Interview dachte er (laut) darüber nach, wie Deutschland mit der Einwanderung zurecht kommt. Er erwähnte auch das offensichtliche: Dass einige der Flüchtlinge aus Staaten kommen, in denen Antisemitismus und Antizionismus staatliche Projekte waren. Das bedeutet nicht, dass alle Flüchtlinge schlimme Antisemiten sind (wie das zu beurteilen ist, kann man hier nachlesen) und doch bleibt ein Grad der Verunsicherung. Dazu kommen die antisemitischen Demonstrationen im Jahr 2014 (auch hier erwähnt). Vergessen wird schnell, dass Dr. Schuster sich früh für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hat.

Doch zurück zum taz-Kommentar. Der gipfelt in der Aussage:

Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt.
von hier, taz

Ich fasse zusammen:
Die Sachlage falsch eingeschätzt und dann mit der großen Kelle ausgeteilt.
Das freute alle, die ohnehin schon Probleme mit dem Zentralrat haben (aus ideologischen Gründen). Der Vorwurf des Rassismus ist schwerwiegend und hier nicht nachzuweisen. Für einen angehenden Rabbiner gehört sich das nicht. Man kann erwarten, dass er sich über die Wirkung des Worts Gedanken macht.
Wenn er das getan haben sollte: Umso schlimmer!
Der Schaden ist groß. Für sich selbst und für diejenigen, die da öffentlich angeprangert wurden.

Für eine ernsthafte und sachliche Diskussion zum Thema Zuwanderung, Ängste und Flüchtlinge hat er sich jedenfalls disqualifiziert.

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Zeitgleich gewarnt

Was genau passiert ist, kann man nicht sagen. Aber am gleichen Tag warnen die offiziellen Gesichter des Judentums in Deutschland und Österreich vor einem importierten Antisemitismus durch Flüchtlinge. Oskar Deutsch und Ariel Muzicant unterrichteten heute die österreichischen Journalisten darüber. Die Presse berichtet beispielsweise darüber – siehe hier:

Um eine Gesellschaft zu schützen, muss man das schwächste Glied schützen – das sind die Juden.
von hier – Die Presse

In Österreich werden Obergrenzen diskutiert und indirekt auch gefordert. In Deutschland geht zur gleichen Stunde ähnliches durch die Presse. Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster überlegt laut, ob das Land alle Flüchtlinge auch integrieren kann (siehe etwa hieroder das originale Interview hier in der Welt) – insbesondere wenn sie aus Staaten kommen, in denen sie antisemitisch und antizionistisch erzogen worden sind.

Spulen wir mal zurück: 2014 gab es zahlreiche Ausschreitungen gegen Juden. Die meisten gingen tatsächlich wohl von Jugendlichen aus, deren Eltern aus dem Nahen Osten oder auch aus der Türkei kamen. Triebfeder war irgendeine kranke Art der Jugendkultur. Das war oder ist eine Kultur von Jugendlichen die in Deutschland sozialisiert wurden. Das offenbarte, dass der Staat eine Entwicklung verschlafen hat. Gesellschaftlichen Rückhalt konnte man nicht verlangen. Den gab es einfach nicht. Die wenigen Demonstrationen gegen Antisemitismus kamen nicht gerade aus der Mitte der Gesellschaft.

Und jetzt: Wir wissen nicht, wie antisemitisch die Flüchtlinge tatsächlich sind. Man kann davon ausgehen, dass Flüchtlinge in Deutschland zunächst einmal andere Probleme haben, als ein paar Juden zu suchen.
Und wie sollten sie auf dumme Ideen kommen?
Die Gesellschaft lebt ihnen doch vor, wie man vorbildlich mit Juden und anderen Minderheiten zusammenlebt. Wartet mal… oh…

Zum Thema Antisemitismus und Flüchtlinge siehe auch hier

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Rammstein auf Jiddisch

Dobranotch in Gelsenkirchen
Fassen wir das Konzert der russischen Band Dobranotch in Gelsenkirchen zusammen: Meschigge.
In einem positiven Sinne vollkommen verrückt und das vor dem Hintergrund der schlechten Begleitumstände.
Das Konzert stieg am Samstagabend. Am Freitagabend geschahen die Anschläge in Paris.
Trotzdem trat die Band auf und kommentierte so die Zielsetzung der Attentäter: Eine bunte Gesellschaft unter Druck setzen. Folgerichtig trat man dann auch auf und verabreichte dem angespannten Publikum russisch-jiddische Musik.

Denn tatsächlich war die Stimmung zu Beginn des Konzerts etwas gedrückt – oder man nimmt es so wahr, weil man sehr viel sensibler ist. Aber die Musiker spielten tapfer dagegen an und steigerten so die Stimmung in der ehemaligen Maschinenhalle einer Zeche (Ruhrgebiet!) stetig. Nach der Pause gab es dann absolut kein Halten mehr. Hinter und neben den Stuhlreihen standen plötzlich tanzende Menschen und verausgabten sich. Das lag an der sehr schnellen balkanmäßigen Klezmermusik und den musikalischen Experimenten der Band.

Sie spielten sie ein Techno-Stück, ein wenig Ska, aber arrangierten auch eine jiddische Version (hier klicken um das zu erleben) von Rammsteins Du hast. Ich bin mir sicher, noch immer haben viele Zuhörer nicht verstanden, dass da überhaupt eine Cover-Version angeboten wurde. Die vertrauten darauf, dass da ein traditionelles Lied vorgetragen wurde – allerdings auf Steroiden und die Geschwindigkeit schien bis zum Finale stetig zu steigen. Die Zugaben gab man nicht auf der Bühne, sondern spielte sie inmitten des Publikums und das stand ohnehin schon. Von dieser Stelle an, hätte der Abend wohl ewig weitergehen können.

Dobranotch performing in Gelsenkirchen

Das Publikum war bunt gemischt. Einige wussten, was sie erwartet, andere erwarteten wieder reguläre Klezemerklänge – aus meiner Sicht wäre ein junges, enthemmtes, jüdisches Publikum (zusätzlich, nicht statt dessen) noch großartiger gewesen. Sprachliche Probleme hätte es keine gegeben. Viele Songs waren auf Russisch. Das ist ein Kritikpunkt den man an dieser Stelle unterbringen kann: Man erwischt diese Zielgruppe (jung, jüdisch) mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Ansprache nicht. Aus wirtschaftlicher Sicht sicher nicht notwendig, denn Konzerte dieser Art sind in der Regel ausverkauft.

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Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am