Artikel

War Luther Antisemit?

Titelblatt von Luthers: Von den Jüden und Iren Lügen

Diese Frage taugt nicht einmal dazu eine rhetorische zu sein: »War Luther Antisemit?«
Das fragt sich der »Arbeitskreis Christlicher Kirchen« in Gelsenkirchen tatsächlich und lädt unter dem Titel »Martin Luther und die Juden« und dem zitierten Untertitel am 25. April zu einem Vortrag des (freikirchlichen) Theologen Prof. Dr. Wolfgang Heinrichs. In der Ankündigung heißt es übrigens auch, die Einstellung Luthers gegenüber sei »sicher fragwürdig« gewesen. Vielleicht geht der Vortragende schonungslos mit dem Thema um. Zitiert vielleicht die größten Hits aus Luthers antisemitischem Schaffen? Damit ist aber eher nicht zu rechnen, wenn schon die Ankündigung so tut, als ginge es um eine Fußnote in der Geschichte des Reformators – der übrigens am 9. November Geburtstag hat. Ein Datum, dass man sich gut merken kann, wenn man sich für die Geschichte des Judentums in Deutschland interessiert.

Um zu erkennen, dass Luther Antisemit war, bedarf es nicht einmal seinem Werk »Von den Juden und ihren Lügen«:
Juden seien die »Grundsuppe aller losen, bösen Buben, aus aller Welt zusammengeflossen« (Aus: Vom Schem Hamphoras). Sie vergiften Wasser, stehlen Kinder und kundschaften christliche Länder aus. So kann man es jedenfalls in »Vom Schem Hamphoras« nachlesen.
Aber auch sein Dauerbrenner »Von den Juden und ihren Lügen« hat einiges zu bieten:

Was wollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? […]
Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.
Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben.
Zum Dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten.
Zum Vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.
Zum Fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe.
Zum Sechsten, daß man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold nehme.
Zum Siebten, daß man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel, und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nase.

Aus der »Vermahnung wider die Juden«:

Würden die Christen die Juden wissentlich weiter dulden, würden sie sich mitschuldig an ihren Verbrechen machen: Darum sollt ihr Herren sie nicht leiden, sondern wegtreiben.

Darum also ist selbst die rhetorische Frage lächerlich.
Kann das noch unterboten werden?
War Lenin Kommunist? Weiß Günther Jauch wirklich alles? War Mosche Dayan Israeli? War Julius Streicher ein Antisemit?
Vergessen wir nicht das Cover der Titanic vom Juli 2002: »Schrecklicher Verdacht: War Hitler ein Antisemit?«

»Aber schweig still hatender Blogger und politisch korrekter Leser« mag der Veranstalter gedacht haben und schiebt ein Detail nach:
Der Vortragende ist nicht nur akademisch auf dem Gebiet bewandert – Nein! – er ist irgendwie auch Betroffener. So hat man der Ankündigung noch ein weiteres Detail zu Heinrichs Familiengeschichte hinzugefügt:
»Er ist gebürtiger Gelsenkirchener. Seine Großmutter war Jüdin in Gelsenkirchen und überlebte mit ihren drei Söhnen den Holocaust.«
Halachisch also vollkommen irrelevant. Aber der Nimbus des jüdischen ist in der Welt. »Aha« wird man denken »irgendwie ist der dann Jude. Der muss es wissen.«

Die Nürnberger Gesetze waren nicht lange gültig, aber sie haben gereicht um Leute Sätze wie »Ich bin ja auch ein halber Jude« sagen zu lassen (nicht in diesem Zusammenhang). Irgendwie ist da etwas hängen geblieben. Vielleicht auch, dass »jüdisches Blut« auch in der übernächsten Generation kompetent macht. Das spielt eine akademische Karriere (die der Vortragende vorzuweisen hat und die sicher für sich gesprochen hätte) locker aus. Trotzdem man sich zuvor intensiv mit Antisemitismus und dessen Wirkung im Protestantismus befasst hat.

Ist also zu erwarten, dass die »sicher fragwürdige Einstellung« gegenüber den Juden, zu der Einschätzung führt, Luther sei Antisemit gewesen? Wer das glaubt, hat auch gedacht, das Thema würde beim Reformationsjubiläum ein zentrales Thema sein.

Hier das schlecht fotografierte Plakat:

Artikel

Eine fast affirmative Entgegnung zu »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland«

Die ZEIT druckte in der vergangenen Woche den Text »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« von Maxim Biller. In dem Text schreibt Biller, die Kritiken an seinem Roman Biografie verrieten mehr über die Rezensenten als über das Buch selber. Sie stünden in einer gewissen deutschen Tradition der Literaturwissenschaft. Das Wort »Antisemitismus« fehlt natürlich nicht.

Der Text von Maxim Biller zauberte ein Lächeln in mein Gesicht. Ich stellte mir vor, wie einige Leser Gift und Galle spucken und der Text seltsame Hautausschläge und allergische Reaktionen hervorruft. Die »Großen« der deutschen Literaturwissenschaft werden hier immerhin kritisch beleuchtet.

Und tatsächlich. Das Feuilleton reagiert. In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Rainer Moritz, Biller reagiere viel zu empfindlich auf Kritiker. Alles sei Billers Unfähigkeit zuzuschreiben und nicht der Tradition der Kritiker (jetzt mal stark vereinfacht dargestellt).
Andreas Platthaus von der FAZ fragt sich ernsthaft, ob Kritiker einen Ahnennachweis benötigen, ja er schreibt Ahnennachweis, vielleicht war das Wort Ariernachweis (in diesem Falle negativer Ariernachweis) zu verfänglich, um Biller zu rezensieren. Die Texte zeigen jedoch: Biller hat einen Nerv getroffen.

Liegt er etwa richtig?
Ich frage mich vielmehr, ob es nicht tatsächlich anders herum ist.
Die »Kritiker« tragen nicht die braun gefärbten Theorien der Altvorderen aus den 30ern und 40ern weiter und verpacken sie neu.
Vielmehr haben sie eine Umpolung vorgenommen. Sie sehen Biller natürlich noch immer nicht als »jüdischen Schriftsteller in Deutschland« oder als »deutschsprachigen jüdischen Autor«, oder »deutschen Autor jüdischen Glaubens« oder was auch immer.
Nein. Sie sehen in erster Linie das Wort »Jude« vor sich. Und das Wort »Jude« ist nicht mehr negativ belegt, sondern ausschließlich positiv.
Galt der Jude gestern noch als »zersetzender Intellektueller«, so ist er heute der »spitzfindige Intellektuelle«. Das sind doch alles kluge Köpfe! War er gestern »geizig«, so gilt »er« heute als kluger Geschäftemacher. Die Billerschen Kritiker geben hier nicht einer Ablehnung nach, sondern einer übersteigerten Liebe zu dem, was sie für »jüdisch« halten. Philosemitismus wird das genannt.
Da hätte Biller selber drauf kommen können. Immerhin veröffentlichte er 1988 den Text »Philosemitismus und kein Ende« im Tempo. Da ich 1988 noch ein Kind war und Tempo nicht immer lesen konnte, ist der Text (dankenswerterweise) nun (April 2017) in der Sammlung »Hundert Zeilen Hass« erschienen:

»Der Philosemitismus lebt […] bis heute. Er wurde im Laufe der Jahrzehnte an immer neue Generationen standesbewusster Bildungsbürger überliefert.« (»Hundert Zeilen Hass«, Seite 29)

Und so wundert es mich, dass Biller die Verrisse seines Werks »Biografie« nicht damit erklärt hat. Immerhin taugt die These gut, um andere spannende Phänomene in der gegenwärtigen Literaturszene zu erklären.
Das erklärt etwa, warum die meisten Rezensenten Lena Goreliks aktuelles Buch »Mehr Schwarz als Lila« als »virtuoses« Spiel mit Sprache feiern und »betroffen« davon sind, dass die Protagonisten in Auschwitz knutschten, während Tobias Kühn von der »Jüdischen Allgemeinen« das Buch als »nicht ausgereift« bezeichnet. Sehen die nichtjüdischen Rezensenten die Frage nach angemessenen Erinnerungskultur, so sieht die Jüdische Allgemeine hier, vollkommen berechtigt, ein Nebenthema ohne tiefgehende Ausarbeitung.

Oder Shahak Shapiras »Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen« dessen Selbstgefälligkeit hinter dem »Humor« (überhaupt – dieser jüdische Humor) offenbar niemand hat aufblitzen sehen. Das erklärt auch den Erfolg der »lustigen« Adriana Altaras. Lustig scheint ein Adjektiv zu sein, welches man ihr besonders gerne verpasst. »Lebenslustig« ist die schlimmere Steigerungsform. Irene Bazinger in der FAZ: »keine hohe Literatur« aber dafür »viel Zärtlichkeit und großer Witz«.

In dieser umgepolten Welt sind Juden in Deutschland in erster Linie »Opfer« und müssen sich dementsprechend verhalten. Ähnlich wie katholische Heilige, haben sie keinen Sex, nehmen insbesondere keinen »Sühnesex« engagierter deutscher Mädchen an, übervorteilen niemanden, sind meist brav und nett. Sie tun niemandem weh und erzählen vielleicht gerne mal einen »jüdischen Witz« (überhaupt – dieser jüdische Humor). Filthiness gesteht man nur den Juden aus den USA (Israel ist schon ein Grenzfall) zu. Deshalb darf Philip Roth Dinge schreiben, die Biller nicht schreiben darf.
Juden, die in das Bild passen, werden dementsprechend gefeiert. Autoren wie Biller nicht.

Die heftigsten Reaktionen zu meiner satirischen Artikelreihe zum jüdischen Alltag (»Neulich beim Kiddusch«) in der Jüdischen Allgemeinen erhielt ich von Nichtjuden. »Das kann man doch nicht schreiben« hieß es mehrfach. Der Protagonist war nicht immer der freundlichste Kerl und recht häufig ein ziemlich hochnäsig und herablassend. Warum sollte er sich auch anders verhalten?

Und hier schließt sich der Kreis zu Biller. Von beiden Polen kommend haben die Kritiker ein Problem, weil sie tatsächlich über sich schreiben und nicht über den Text. Auch bei »wohlmeinenden« Kritiken, weil der Autor das Klischee erfüllt. Aber es gibt natürlich Autoren und Protagonisten, die haben es sich in dieser Nische bequem gemacht.
Biller gehört definitiv nicht dazu.

Artikel

Gegen Antisemitismus – ach nö Digga

Antisemitismus ist wieder Thema, seitdem bekannt wurde, dass ein jüdischer Junge eine Berliner Schule deshalb verlassen musste (siehe etwa hier). Die Geschichte hat aber zunächst nicht in Deutschland für Aufsehen gesorgt, sondern schwappte aus dem Ausland zurück nach Deutschland. Und wie immer, wenn es um Antisemitismus geht, fragt sich die nichtjüdische Öffentlichkeit: »Wo kommt das her?« Ganz so, als sei das Phänomen neu. Zum Old School Antisemitismus in Deutschland, der sich häufig in abwertenden Kommentaren und Leserbriefen äußerte, manchmal in hässlichen Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen und an Wänden von Synagogen, selten in körperlichen Attacken und sogar Morden, kommt seit einigen Jahren ein neuer Antisemitismus hinzu. Der ist Ausdruck und Teil einer schrägen Jugendkultur in der das Wort »Jude« an sich schon ein Schimpfwort ist. Diese Jugendkultur speist sich aus einem importierten plumpen Antisemitismus aus dem Nahen Osten. Oft transportiert durch Medien aus diesen Ländern. Dort gehört Antisemitismus noch zum guten Ton in der Medienwelt – nicht selten staatlich gefördert und nicht immer Ausdruck einer Überzeugung aller Menschen – aber die Propaganda verfestigt sich irgendwann. Das ist ein Antisemitismus, der sich durch Pöbeleien, Beleidigungen oder Übergriffe zeigt. Viele dieser Fälle wurden aber nicht als antisemitische Straftaten eingestuft, sondern als politisch motivierte Straftaten. Ein Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal wurde jüngst nicht als antisemitischer Vorfall eingestuft. Eher als sehr sehr physische Israelkritik.
Sogar ohne diese politischen Vorfälle, wurden 2015 nahezu 1.400 antisemitische Straftaten registriert. Dennoch fragt man sich regelmäßig: »Wo kommt das plötzlich her?« und »Was können wir machen?«
Eine Antwort könnte lauten: Lasst uns das Problem erkennen und dokumentieren. Im nächsten Schritt gehen wir dagegen vor.
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) ist so ein Projekt. Hier kann jeder einen Vorfall melden, auch wenn er nicht angezeigt wird. Etwa Vorfälle wie diesen:

Am 12. Januar wurde vormittags ein Kippa tragender Mann auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln unvermittelt von einem älteren Mann beschimpft. Der Betroffene wurde beim Überqueren der zu dieser Tageszeit stark belebten Straße, nahe des Neuköllner Rathauses, von dem Mann auf arabisch als „sharmota (dt. sinngemäß: Hurensohn) und „yahud“ beschimpft. Von den zahlreich anwesenden Passant_innen reagierte niemand. Der Betroffene ignorierte die Beschimpfung und setzte seinen Weg fort.

Auch für Hamburg wurde im Februar 2017 eine solche Meldestelle gefordert. Die CDU forderte »Juden müssen sich hier sicher fühlen«. Dafür sollte natürlich auch ein wenig Geld in die Hand genommen werden. Wenn die Gesamtgesellschaft ihre Verantwortung ernst nimmt, dann wäre es von der Forderung nach einer solchen Meldestelle ein kurzer Weg zur Umsetzung. In Hamburg war es jedoch nicht so. Dort beriet sich der Sozialausschuss und der Plan wurde nicht zur Umsetzung angenommen. Mit den Stimmen von SPD und Grünen. Die beiden (in Hamburg) regierenden Parteien waren der Meinung, eine »Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt« reiche aus. Dabei hat die einen anderen Fokus als der Vorschlag der CDU Hamburg.
Ist es die Furcht vor den Zahlen, die möglicherweise erhoben werden könnten?

Vor der Bundestagswahl ist das ein Hinweis darauf, wie ernst man den Kampf gegen Antisemitismus tatsächlich meint. Günstiger ist es natürlich zu sagen: »Woher kommt das nur?«

Artikel

Tatjana

Tatjana kannten die meisten Schüler der Oberstufe. Die meisten männlichen Schüler jedenfalls. 16 Jahre alt, Unterstufe, rote Haare, ein freundliches, offenes Gesicht. Sie wirkte ein wenig älter als ihre gleichaltrigen Mitschülerinnen. Weil sie nicht viel herumkicherte, wirkte sie etwas fokussierter und selbstbeherrschter als ihre Altersgenossinnen. Und obwohl es hieß, sie würde nach der Schule entweder lernen, oder irgendwelche Sachen in einer Kirchengemeinde machen, so sah sie dennoch nicht so aus, als wären ihr Äußerlichkeiten unwichtig. Die meisten gleichaltrigen Schüler waren damit überfordert. Die älteren fanden es gut. Deshalb waren die älteren auch diejenigen, die versuchten, sich zumindest mit ihr zu verabreden. Man kann nicht sagen, es gab einen Wettbewerb um sie, jedenfalls keinen, den man laut ausgerufen hatte. Sie war zu jeder Party der Oberstufe eingeladen und immer kam sie auch, aber ausnahmslos alle Annäherungsversuche wurden recht souverän abgewehrt.

Dann hatte es doch jemand geschafft sich ihr zu nähern. Sie fuhr zum »Kirchentag«. Das klang offenbar harmloser, als es in Wirklichkeit ist. Dort lief sie Reinold über den Weg und der schnappte sich Tatjana. Reinold fuhr ebenfalls mit der Gruppe der Kirche mit, denn Reinold war als Aufsichtsperson dabei. Reinold war Ende zwanzig. Reinold studierte Theologie. Bevor er das Studium antrat, hatte er bereits ein Leben. Das erschien den Oberstüflern weit weg. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann hatte er ein paar Jahre bei einer Bank gearbeitet. Das scheint ihm ins Blut übergegangen zu sein. Er ging auch als Student so aus dem Haus, als würde er gleich ein wichtiges Kundengespräch führen. Nicht viele tauchten bei einer Feier zum achtzehnten Geburtstag in Anzug und Krawatte auf.

Um sich weiter abzugrenzen, lautete sein Vorstellungssatz stets: »Ich bin Reinold, ich werde bald Pfarrer.« Tatjana war sichtlich stolz darauf. Ihre Eltern tolerierten das anscheinend. Immerhin war der Mann ja fast Pfarrer.
Reinold kam jetzt zu jeder Party mit. Wenn man mit Tatjana sprach, umarmte er sie immer von hinten und zog sie ein wenig zur Seite. Es war klar, was er damit zum Ausdruck bringen wollte.
Länger sprach niemand wirklich mit ihm. Zum einen, weil er seine Finger ständig über Tatjana wandern ließ und das Zusehen unangenehm war, zum anderen, weil er mit allen Leuten sprach, als habe er einen Erziehungsauftrag. Außerdem hatte er zu den meisten Themen recht konservative Ansichten. Die einzige Ausnahme schien die Beziehung zu einem jungen Mädchen zu sein. Da war er recht progressiv.

Fast täglich holte er sie von der Schule ab. Ihren Stolz konnte man sehen, wenn er mit dem Auto vorfuhr und sie hineinsprang. Von Reinolds Stolz braucht man gar nicht zu reden.

Von nun an lernte Tatjana nicht nur für sich, sondern jetzt auch mit Reinold für sein Studium. Manchmal brachte sie Bücher mit in die Schule »Einführung in das Alte Testament« oder Lernkarten für das Hebraicum.
Während sie sich durch reines Abfragen von Reinold, einen beachtlichen hebräischen Sprachschatz aneignete, rasselte Reinold zweimal durch die Prüfung für das Hebraicum. Auch die anderen Prüfungen liefen wohl nicht problemlos. Die Finger hätten wohl besser an die Bücher gehört.

Er verlor ein wenig sein Gleichgewicht. Zugleich auch sein Interesse an Tatjana. Die war mittlerweile 17 geworden und anscheinend recht selbstbewusst.

Tatjana traf ich einige Jahre nach der Schule wieder. In der Synagoge einer Nachbarstadt. Der indirekte Hebräischunterricht hatte Folgen hinterlassen und etwas in ihr in Bewegung gesetzt. Sie stand davor nach Israel zu gehen und war längst Jüdin geworden. »Schuld« daran war anscheinend Reinold mit seiner Lernerei. Die Beschäftigung mit dem Urtext fiel (zumindest) bei ihr auf fruchtbaren Boden.

Und Reinold selber? Das wusste sie auch nicht so ganz genau. Er hatte sich wohl kaum noch gemeldet. Eines wusste sie aber recht genau: Dass er wohl kein Pfarrer werden konnte, weil er die entsprechenden Prüfungen nicht schaffte. Lediglich ein Diplom in Theologie.

Betrachten wir beide Wendungen als gutes Ergebnis. Gam ze le’towahauch das zum Guten.

Artikel

Danke für Nichts, Jan Böhmermann

Welches Genie kam eigentlich auf die Idee, dass ausgerechnet Juden sich mit Kollegah über seinen Antisemitismus unterhalten sollten, nach dem Motto »Juden kümmern sich um ihren Kram«?
Und welcher Chochem war es, der ausgerechnet Kat Kaufmann und Shahak Shapira dazu nominierte?
Ach ja! Es war Jan Böhmermann. Als er seine eigene Hilfslosigkeit damit dokumentierte, diejenigen zu nennen, die ihm anscheinend am »jüdischsten« erschienen.

Diese »Zusammenkunft« fand sogar statt. Zusammenkunft erscheint in diesem Zusammenhang das einzig treffende Wort zu sein. Es war kein »Treffen« und schon gar keine »Diskussion«. Vielleicht trifft es das Wort »Audienz« eher. In dem dazugehörigen Video begrüßt Kollegah seine »Gäste«, während seine Gefolgschaft um den »Boss« und um sie herum angeordnet sind. Menschen, die große klassische Malerei gerne interpretieren, hätten ihre helle Freude daran, zu schauen, wie der »Boss«, wie Kollegah sich selber nennt, sich in Szene setzt.
Die Gäste zeigen gleich nach der offiziellen Begrüßung durch den Boss, welche Richtung das Gespräch nehmen wird. Sie versuchen, ein Stück seiner Coolness durch den Spiegeltrick (das Verhalten dessen imitieren, dem man sympathisch sein möchte) zu erhaschen. Dann folgt ein klassischer Griff in den Werkzeugkasten des Alphamännchens: So zu tun, als hätte man sich den Namen des Gegenübers gar nicht gemerkt, oder nicht richtig. So wird also »Shahak Shapiri« begrüßt und der korrigiert seinen Namen gleich »Shapira« und hat damit gleich zu Beginn des Gesprächs demonstriert, dass er nicht die Oberhand haben wird. Aber er versucht aufzutrumpfen indem er einen fragwürdigen Witz über sein Judesein macht: »Ist wie Tripper«– Kunstpause – »wird man nicht los«. In der Muppetshow schauen die Figuren nach solchen Kalauern mit offenen Mündern nickend ins Publikum. Ein Tusch fehlte.
Welche Rolle Kat Kaufmann einnahm, war nicht ganz klar. Entweder wollte sie einfach so cool wirken, dass sie keinen ganzen Satz äußern wollte, oder sie war einfach nicht in der Lage, einen vollständigen Gedanken auszuformulieren. Zu Beginn des Videos beteiligte sie sich kurz an Kritik am Zentralrat. Das erhält besonderen Drive, wenn man weiß, dass ihr Vater, Küf Kaufmann, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats war (oder sogar noch ist).

Über Antisemitismus wurde dann aber auch gesprochen. Der Boss teilte mit, dass er kein Antisemit sei.
Wenig später verlautbarte er: »die einzigen, die sich immer in eine Opferrolle setzen, seid ihr Juden.« Seine Einlassungen über jüdische Anwälte seien eigentlich als Kompliment gemeint. Einfach, weil Juden die besten Anwälte haben. Weiterlesen

Artikel

Kaschrut und Politik?

Im deutschsprachigen Raum gibt es mehrere Kaschrutlisten; also Listen in denen man ablesen kann, welche Produkte nun koscher sind und welche nicht. Gemeinden und Organisationen verstehen das als Unterstützung der »observanten« Mitglieder.
Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel hat eine erstellt, es gibt eine vom Bet Din Berlin mit Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch, die Israelitische Kultusgemeinde Wien gibt jährlich eine Liste (»Hamadrich«), es gibt eine Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (»Rabbi, ist das koscher?«), die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich gibt ebenfalls eine heraus.

In anderen Ländern (außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz) gibt es mehrere Organisationen die koschere Lebensmittel zertifizieren und mit einem »Stempel« versehen. Natürlich geht jede dieser Organisationen davon aus, gründlicher zu sein als alle anderen und damit auch vertrauenswürdiger. Ob nun alle Kunden allen vertrauen, ist eine andere Frage. Man soll schon von Personen gehört haben, die Produkte mit bestimmten Zertifizierungen mit spitzen Fingern zurückgelegt haben und den Ladenbesitzer angeschaut haben, als würde der Schweinskopfsülze verkaufen.
Es ist ein Gerücht, dass es Listen gibt, welcher Kaschrutaufseher vertrauenswürdig ist, also keine Koscherliste für Koscherlistenersteller.

Umso erstaunlicher ist es, dass es Leute gibt, die bei Facebook fragen: »Warum brauchen wir jetzt eine zweite Kaschrutliste?« Oder: »Was ist die Absicht dahinter?« Man ist versucht zu antworten: »Aus welcher Parallelwelt kommt diese Frage?« Wie weit weg von der Realität ist denn das?
»Warum brauchen Sie noch ein Buch, Sie haben doch schon eines?«
Wie lautet die nächste Frage? Vielleicht: Warum setzen sich nicht einfach alle Beteiligten weltweit an einen Tisch und geben eine gemeinsame Liste heraus?
Jeder, der schon einmal eine Gemeindevollversammlung besucht hat, wird genau wissen, warum diese Frage naiv ist.
Aber zurück zum Hintergrund der Frage – der ist auch für mich ein wenig demotivierend – denn vor wenigen Wochen schrieb ich einen Artikel für die Jüdische Allgemeine, in dem ich einige Listen vorstellte und eine Vision für die Zukunft entwarf (alle Herausgeber stellen Daten zur Verfügung, Profis bauen daraus eine App). Wenige Tage später präsentiert sich eine nagelneue Liste im Netz und der Artikel ist schon wieder überholt. Nachdem sich lange nichts auf dem Gebiet getan hat und die neue Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz nicht nur inhaltlich überzeugen konnte.
Jetzt gibt es eine weitere (online): Die des »Vaad haKaschrut Deutschlands«. Hier gibt es (übrigens sehr smart gelöst) Listen von Produkten die »einfach koscher« sind, Listen mit Produkten die »koscher leMehadrin« (also besonders strikt) sind und Listen mit Produkten von denen die Hersteller sagen, sie seien koscher. Darüber hinaus findet man eine Liste aller Firmen, die sich beteiligte Rabbiner angeschaut haben.

Da müsste man eigentlich »Mazal Tov! Schkojach!«

Aber ich schrieb bereits: Manche fragen sich ernsthaft ob das sein muss. Der Hintergrund ist wohl eher politisch, denn der »Vaad haKaschrut« (die Kaschrutaufsicht) ist eine Einrichtung von Chabad und das scheint einigen (jetzt aufgepasst, thematisch passender Kalauer) »nicht zu schmecken«. Wenn es darum geht, es einfacher zu machen in Deutschland koscher zu leben, sollten wir doch eigentlich zufrieden sein, wenn es mehrere Organisationen gibt, die sich damit beschäftigen. Das erhöht Transparenz, die Zertifizierungen liegen nicht in einer Hand und sind somit hoffentlich keinen politischen Spielchen unterworfen.
Also alles gut und ein Angebot mehr verfügbar.

Artikel

Die Propheten des Herder Verlags

1858 hat Rabbiner Ludwig Philippson (1811–1889) ein, bis heute unübertroffenes, Mammutwerk geschaffen:
Die »Israelitische Bibel«. Philippson fertigte eine vollständige Übersetzung des Tanach an, fügte einen ausführlichen Kommentar hinzu, zahlreiche Bilder und einen hebräischen Originaltext.
2015 hat der Herder-Verlag die Übersetzung Philippson neu aufgelegt – jedenfalls zunächst einen Teil davon:
Der Teil »Tora(h)« wurde als eigener Band publiziert und die »bewährte« Übersetzung Philippsons, in leicht überarbeiteter Form, wieder zugänglich gemacht.

Es blieb nicht dabei, den Text aus der Frakurschrift »abzuschreiben.« Ein Herausgeberteam um Walter Homolka, den Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, überarbeitete zurückhaltend die Übersetzung von Philippson, die sich nicht im Austausch veralteter Begriffe und einer modernisierten Orthografie erschöpfte.
Die Arbeit an einer Neuausgabe eines klassischen Texts wird gemeinhin unterschätzt. Der Text muss zunächst sorgfältig digitalisiert werden, dann hat Philippson auch schon einmal einen Satz in der Übersetzung vergessen, es gibt Druckfehler oder Zeichendreher im Original, Wörter müssen behutsam in eine moderne Sprache gebracht werden, ohne die Gesamtwirkung zu zerstören. Eine Arbeit vieler Hände. Jedes Buch der Tora dieser Neusausgabe wurde jeweils von einem kleinen Text aus liberaler Perspektive eingeleitet. Den hebräischen Originaltext fand man auf jeder Seite.
Genau mit diesem Ansatz hat das Team nun auch die »Propheten – Newi’im« umgesetzt. Das Ergebnis sind etwa 1.300 Seiten in einer handlichen Ausgabe. In dieser Überarbeitung behält der Text Philippsons seinen alten »Klang«, aber er ist auf weiten Strecken verständlicher als der Text in der Originalausgabe.

Gestalterisch orientiert sich der deutsche Text ein wenig an der verwendeten hebräischen Schrift. Weiterlesen

Artikel

Böhmermann ist neutral – wie bitte?

Es war wie im richtigen Leben. Man findet jemanden sympathisch, entdeckt relativ viele Schnittmengen und dann *zack* sagt die Person etwas wie: »Das ist wieder typisch. Wie lange wollen die Juden uns das noch vorhalten?«. Weg sind die Schnittstellen. So ähnlich war es, als ich Jan Böhmermann in seiner Sendung vom 2.2.2017 dabei zusah, wie er scheiterte.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich Jan Böhmermann über den mangelnden Rückhalt durch die Bundesregierung beklagt hat.
In seiner Sendung »Neo Magazin Royale« kam es jetzt zu einem Rollentausch im kleineren Format.
Es ging nicht um große Weltpolitik, aber in seiner Sendung, war es an ihm, eine klare Haltung gegen Loyalität zu stellen. Er entschied sich für Loyalität und gegen Haltung.
Die Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt:
Rapper »Kollegah« wird vom Zentralrat für Antisemitismus kritisiert, übrigens nicht im Zusammenhang mit einer Reise in das Westjordanland. Wenige Tage später ist er zu Gast in Böhmermanns Sendung.
Schon das kein besonders cleverer Schachzug.
Noch uncleverer war es dann aber, das Thema »Antisemitismus« überhaupt anzuschneiden.

Böhmermann, der sich sonst eindeutig politisch positioniert, jedenfalls dann, wenn ihm der politische Gegner nicht gegenübersitzt, geriet ins Trudeln.

Zunächst lässt er »Kollegah« kurz über seinen Beef mit dem Zentralrat berichten, wirft dann aber ein, er sei als Moderator und Person »neutral«.
Ganz so, als könnte es bei Antisemitismus so etwas wie Neutralität geben. Das ist eine erfrischend neue Haltung dem Phänomen gegenüber.
Statt: »Ich habe von nichts gewusst«, »ich habe nichts gesehen« oder »wie konnte das nur passieren« kann man jetzt wohl sagen:
»Da bin ich neutral!«

Aber damit nicht genug. Böhmermann geht noch einen Schritt weiter und droppt zwei jüdische Namen:
Kat Kaufman und das neue jüdische Lieblingskind des nichtjüdischen Feuilletons Shahak Shapira. Mit denen solle Kollegah mal telefonieren. Das war Totalausfall Nummer zwei.
Mit anderen Worten: Sollen doch die Juden sich selber um den Antisemitismus kümmern und sich darüber unterhalten.
Gestern sah es noch so aus, als sei Antisemitismus ein Problem der gesamten Gesellschaft. Shapira griff übrigens auf facebook nach den tiefhängen Fame-Früchten, lobte Kollegah für seine Reise und sein Engagement und bot ihm ein Gespräch an.

Totalausfall Nummer drei folgte wenige Minuten später. Es ging um eine Entscheidungsfrage:
Israel oder Palästina?
Eine Frage aus der Böhmermann-Redaktion. Während Böhmermann so tat, als sei das besonders heikel, sagte Kollegah: »Kommt drauf an, was du beruflich machen willst.« Der Verweis auf den großen »Einfluss« der jüdischen Lobby, die Karrieren verhindern kann, ist offensichtlich. Vor allem, weil Kollegah schon mehrfach über die »Rothschilds« gerappt und geschrieben hat. Böhmermann sagt nichts.

Aber hier irrte die Redaktion. Hier ging es nicht um »Israelkritik«. Es ging darum, ob Kollegah nun Antisemit ist oder nicht. Darüber könnte man mit Kollegah diskutieren.
Oder man ist einem Kollegen gegenüber loyal und tut das falsche. Eine Redaktion, die sonst komplexere Sachverhalte recherchiert, wäre jedenfalls dazu in der Lage gewesen, das Thema angemessen vorzubereiten. Wenn sie gewollt hätte.
Aber was das betrifft: Die neue Haltung heißt »wir sind neutral«.

Artikel

Yolocaust

Wenn man morgen die Steine umwerfen möchte, mal ehrlich, dann ist es in Ordnung. Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.
Peter Eisenman, Architekt des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Spiegel Online vom 10.05.2005

Mit Mahnmal ist natürlich die Zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas in Berlin gemeint. Berlin erinnert im Herzen der Stadt an die ermordeten Juden Europas. Mit einem eindrucksvollen Mahnmal. Dieses Mahnmal, die Gedenkstätte, ist jedoch kein Friedhof und kein »heiliger« Ort.
Mit-Initiatorin Lea Rosh wollte dort zwar den Zahn eines Schoah-Opfers beisetzen (den sie mit sich herumtrug), das hat sie jedoch dann nicht getan. Es ist ein Ort an dem die Leute herausfinden müssen, wie sie mit dem Thema und dem »Gedenken« umgehen. In dieser Funktion ist das Mahnmal ein Touristenmagnet geworden. Nicht alle Besucher erfassen dementsprechend, worum es dort geht und benehmen sich dort genau so, wie an allen anderen Orten eines Ausflugs: Die Orte werden zur Kulisse für Selfies. Mal in nachdenklicher Pose, mal »cool« posierend, mal leicht angezogen. Im Sommer legen sich Menschen auch schon mal auf die niedrigeren Steine. Selfies landen oft auf instagram oder bei facebook. Kein smartes Benehmen. Darüber herrscht Einigkeit – vermutlich.
Shahak Shapira scheint die Respektlosigkeit auch nicht besonders zu passen. Verständlich. In seinem Projekt Yolocaust greift er den unsmarten Umgang auf und hinterlegt die Selfies mit Bildern von Opfern der Schoah. Plötzlich stehen die Poser auf einem Leichenberg. Man sieht Bilder der Opfer.
Das Mahnmal steht aber nicht auf dem Geländer eines Konzentrationslagers. Es ist kein »historischer« Ort.
Warum muss man die Bildern von Opfern für einen solchen Zweck verwenden? Das Projekt ist, laut Shapira, als »drastische« Satire angelegt. Man verwendet also die Bilder von Opfern der Schoah für Satire?

Aber was genau ist daran so treffend und so wachrüttelnd, dass das Projekt #yolocaust gerade viral geht?

Es ist günstig für diejenigen, die es teilen. Man kann irgendwie zeigen, dass man die Schoah doof findet, muss sich dafür aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Man muss sich nicht umständlich darum kümmern, dass sich jemand für diejenigen einsetzt, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten (»Ghettorenten«). Das sind die Renten, bei denen solange mit der Auszahlung gewartet wurde, bis die meisten Empfänger verstorben sind.
Man muss sich nicht darum kümmern, dass in Freiburg die letzten Reste einer Synagoge abgerissen werden.
Man kann die Demonstration gegen Antisemitismus der jüdischen Community überlassen. Das stört sonst niemanden. Beispiele gibt es genug.

Artikel

Gericht entscheidet über Belegung eines jüdischen Friedhofs

Trauerhalle des Jüdischen Friedhofs Essen von Es-Punkt-Ge-Punkt (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

»Soweit ist es nun schon gekommen, dass deutsche Gerichte bestimmen, wer auf einem jüdischen Friedhof beerdigt wird und wer nicht« möchte man laut ausrufen und tatsächlich ist es so.
Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen hat entschieden (siehe hier), dass eine Nichtjüdin auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde Essen beigesetzt werden dürfte. Damit bestätigte das Gericht eine Vereinbarung, die der Ehemann der Frau 1971 schon mit der Jü­dischen Kultusgemeinde Essen getroffen hat. Gegen Zahlung einer Gebühr wurde ein Doppelgrab auf Friedhof der Gemeinde »reservieren« lassen – es wurde sogar der Vermerk aufgenommen »trotzdem Ihre Gattin Nicht­jüdin ist«.
Der Mann verstarb 1996 und wurde dort beigesetzt. Als dann 2011 die Frau verstarb, lehnte die Gemeinde eine Beisetzung ab. Es habe 1998 eine Satzungsänderung gegeben. Der Friedhof sei seitdem ausschließlich Mitgliedern vorbehalten.
Die hinterbliebenen Kinder waren deshalb gezwungen, ihre Stiefmutter auf einem anderen Friedhof beisetzen zu lassen.
Diese Kinder, aus erster Ehe und daher übrigens Juden, klagten anschließend gegen die Jüdische Gemeinde Essen.

Der Fall landete dann vor dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen und das sprach den Kindern den Anspruch zu (Aktenzeichen: 19 A 1970/14), ihre Stiefmutter neben ih­rem Vater bestatten zu lassen. Die Kultusgemeinde verstoße mit der Ablehnung »of­fen­sichtlich« gegen die Totenwürde beider Eheleute, in der sich ihre Menschenwür­de als oberstes Verfassungsprinzip nach dem Tod fortsetze. Beide hätten mit dem Er­werb des Grabnutzungsrechts den Wunsch artikuliert, in dem erworbenen Dop­pel­grab als Eheleute gemeinsam die letzte Ruhe zu fin­den. Dieser Belang habe un­ter den Um­ständen des vor­lie­gen­den Einzelfalles Vorrang vor dem ebenfalls be­son­ders hoch zu gewich­ten­den Schutz des Selbstverwaltungsrechts der Kultusgemeinde.

Die Praxis, auch nichtjüdische Ehepartner auf einem »jüdischen« Friedhof zu begraben, ist in Deutschland nicht selten. Die Nachbargemeinde Gelsenkirchen hat das erst neuerdings (2009) erlaubt und hält dafür einen Extrateil des Friedhofs bereits. Auch auf dem Friedhof der Gemeinde Essen gibt es bereits beigesetzte Nichtjuden, unter ihnen die Frau des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Georg Jolles, der den Vertrag 1971 abschloss. Der Friedhof scheint aber für eine gemischte Belegung nicht vorbereitet zu sein. Wenn mich nicht alles täuscht, wären Gräber nebeneinander möglich, wenn der Friedhof insgesamt aus einer Anzahl von einander abgegrenzten (durch kleine Ketten zum Beispiel) Gräbern bestünde. Das ist in Essen derzeit nicht der Fall.
Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, sagte der Vorsitzende Jewgenij Budnizkij, man überlege noch, ob man gegen die Entscheidung des Gerichts vor dem Bundesverfassungsgericht vorgehe.

Die Tatsache, dass bereits Nichtjuden auf dem Friedhof begraben seien, begründete er in der Jüdischen Allgemeinen damit, es handele sich um Frauen, die ihre jüdischen Männer während der NS-Zeit versteckt hätten. Aus halachischer Sicht dürfte das kein Argument sein.

Letztendlich dachte man 1971 in Essen wohl nicht darüber nach, dass die Zeiten sich ändern könnten und bereitete sich später mit der Änderung der Satzung nicht darauf vor, was passieren würde, wenn jemand tatsächlich einen »alten« Vertrag würde einlösen wollen. Dass die Sache nun vor Gericht gelandet ist und anscheinend kein Bejt Din zuvor eine Mediation vornahm, macht die Sache nicht unbedingt besser. Ein Grundsatzurteil vor dem Bundesverfassungsgericht könnte geschlossene Verträge mit Gemeinden thematisieren oder ganz allgemein den Wunsch, gemeinsam begraben zu werden. Wenn dies geschieht, könnte das schwere Auswirkungen auf die Gemeinden haben.