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Ein unverantwortliches Buch?

Armin Langer: Ein Jude in Neukölln

Armin Langer war Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg und ist Mitbegründer einer Gruppe namens »Salaam-Schalom Initiative«.

Im Frühjahr überwarf sich Langer dann mit dem Abraham Geiger Kolleg. An diesem hatte er seine rabbinische Ausbildung begonnen. Jedoch nicht wegen seiner »Meinung« oder seinen Aktivitäten im jüdisch-muslimischen Dialog, sondern weil er, wie das Kolleg berichtete (siehe auch hier), Absprachen zur Außenkommunikation nicht eingehalten hatte. Dass er den Zentralrat der Juden als »rassistisch« bezeichnet hatte (und sich später für die Wortwahl entschuldigte), war also nicht der Auslöser, auch wenn das häufig so gesehen wird.

Nun ist er kein also Rabbinerstudent mehr, aber das Label bleibt. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Mit diesem Label:
In den meisten Berichten und auch im Text des Verlages zu seinem Buch heißt es: »Ármin Langer, jüdischer Rabbinerstudent und Publizist, lebt in Neukölln[…]«. Dementsprechend heißt das Buch »Ein Jude in Neukölln – Mein Weg zum Miteinander der Religionen«. Aber eigentlich, so heißt es im Buch, sollte das Buch »Muslime sind die neuen Juden« heißen (Seite 11), er habe sich dann jedoch umentschieden.
Dieser Titel hätte die Grundidee Langers schon ganz gut zusammengefasst. Diese These wird dann auch untermauert mit verschiedenen »Umdeutungen« und »Uminterpretationen«.
Er spricht etwa über Rabbiner Daniel Alter. Alter wurde in Berlin auf offener Straße von Jugendlichen zusammengeschlagen. Nach allem was wir wissen, Kinder oder Enkel von Migranten mit arabischem Hintergrund und formulierte danach öffentlich, was viele Juden bereits wussten: Es gibt Bereiche in der Stadt (wie auch in anderen Städten), die für Juden nicht sicher seien. Eben wegen solcher Jugendlicher.
An Alter arbeitet sich Langer ab und versucht, das ganze Geschehen zu entkräften. Dieser Vorfall, exemplarisch für andere, wird umgedeutet und das Licht ausschließlich auf Alters Äusserungen danach gerichtet.
Natürlich fehlt auch der Vorwurf nicht, Dr. Josef Schuster, der Zentralratspräsident, hätte Obergrenzen für Flüchtlinge gefordert. Generell wird hier in beiden Fällen ein antimuslimischer Diskurs von Langer vermutet.
Antisemitimus sei generell kein Problem bei »muslimischen« Jugendlichen, so Langer.

Aber eines übersieht Langer in seiner Argumentation und seinem Bemühen, eine schwarz-weiße Welt zu erzeugen: Die Grautöne.
Es ist tatsächlich kein Problem der Religion, sondern der Sozialisierung und des vorherrschenden Mythos, das Judentum sei der Feind des Islam. Diese antisemitische Propaganda aus arabischen Ländern hat langfristige Wirkung gezeigt und färbt sogar auf vereinzelte jüdische Protagonisten ab. Niemand würde ernsthaft behaupten, alle »muslimischen« Jugendlichen seien Antisemiten. Man muss aber das Problem aufzeigen dürfen.
Noch immer meint er, »95 Prozent aller antisemitischen Gewalttaten werden von Neonazis verübt« und damit widerspricht er der Lebenserfahrung der meisten Juden in diesem Land. Jedenfalls derer, die als solche erkennbar sind.
Antisemitismus sei kein Problem. Vielmehr gäbe es Probleme mit dem Staat Israel. Auch zu diesem hat Langer, sagen wir mal, eine »kritische« Haltung (Diskriminierung sei in Israel überall präsent)– um den größtmöglichen Euphemismus zu wählen. Oft sei es gar kein Antisemitismus, wenn Juden ermordet würden. Der Überfall auf den koscheren Pariser Supermarkt Hyper Cacher, sei eher politisch motiviert. Wenn man das weiterspinnt, ist es also eher »physische Israelkritik«. Das Patentrezept für ein Ende solcher Taten: Die »Besetzung« des Westjordanlandes beenden und alle Palästinenser zurückkehren lassen nach »Israel-Palästina«. Vielmehr sei der Staat Israel ein »Risikofaktor für Juden außerhalb Israels«.

Der Antisemitismus wird also wegdefiniert und Israel-Hass scheint legitim zu sein.

Dann gibt es die Behauptung, jüdisches Leben in Deutschland definiere sich heute zu einem großen Teil nur durch die Beschäftigung mit der Schoah oder die Bedrohung durch Antisemitismus.
Der »Status als Opfer« würde immer wieder betont. Das ist eine Sichtweise, die häufig von denen eingenommen wird, die dem Judentum nicht so offen gegenüberstehen und geht an der Realität der Gemeinden generell vorbei. Vermutlich wird das weder am Abraham Geiger Kolleg, noch an den anderen Einrichtungen der Rabbinerausbildung in Deutschland gelehrt. Die meisten Rabbiner aller Strömungen betonen heute, wie wichtig es ist, dass man Herr über sein eigenes Leben ist und wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen. Auch als »Gruppe«.

In dem Buch werden zahlreiche Anstrengungen unternommen, einen antimuslimischen Diskurs nachzuweisen. Wenn man den Argumentationen folgt, dann lassen sie das Engagement von Langer selbst natürlich in einem noch viel besseren Licht dastehen. In seinem Bemühen darum, kommt er zu falschen Schlussfolgerungen und wirft generell kein sehr gutes Licht auf die jüdische Community in Deutschland. Ich weiß nicht, ob er sich dieser Tatsache bewusst ist. Wenn man antwortet, er sei sich dessen nicht bewusst, dann ist er nicht reif genug für das Rabbinat.
Wenn er sich dessen bewusst ist? Was wäre dann?

Ármin Langer
Ein Jude in Neukölln
304 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03659-1

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Ein Roman: Fayvel der Chinese

Fayvel der Chinese

Am Anfang steht die Fiktion einer Übergabe von Dokumenten an den Autoren Philippe Smolarski. Er schreibt, der Roman sei die Übersetzung von Erinnerungen eines jüdischen Gangsterbosses der aus Polen stammt und sich in China eingerichtet hat. In diesen Erinnerungen schaut er zurück auf die Zeit des Warschauer Ghettos. 1941 kehrt er nämlich zurück in genau dieses Ghetto um seine Familie zu retten. Aber er reist nicht allein. Walter, ein deutscher Jude und natürlich Gangster und eine Chinesin mit dem Namen Meiling begleiten ihn. Im Ghetto lernt Fayvel die junge Maria aus Wien kennen (und einige andere Damen). Nachdem Fayvel Zeuge dessen wurde, was im Ghetto tatsächlich passiert und erfahren hat, welche Ausmaße der Mord an den Juden Europas hat, will er mit seiner kleinen Bande aus dem deutschen Reich fliehen. Von der Flucht und der Zeit im Ghetto handelt »Fayvel der Chinese«. Fayvels Werkzeuge auf dieser Reise hat er als Waffen- und Drogenhändler erworben und damit ist schon klar, dass wir hier keinem Juden begegnen, wie man ihn gemeinhin aus den Romanen aus jener Zeit kennt. Einer Zeit über die man nicht schreiben darf, wenn man nicht selbst Zeuge dieser Zeit war, wenn es nach Maxim Biller geht. So jedenfalls hat er das einmal in der Sendung »Literarisches Quartett« postuliert. Das scheint eine Annahme zu sein, die weit verbreitet ist und das erklärt möglicheweise die vorangestellte Herausgeberfiktion des Romans. Dabei war übrigens Maxim Biller selber Gewinner der »Heeb Fake Holocaust Memoir Competition«. Aber zurück zu Fayvel.
Seine Tour durch Europa ist eine Aneinanderreihung skurriler oder aberwitziger Situationen, welche die Handlung wie einen Film vorantreiben und doch immer wieder Details über die Zeit einzustreuen. Das ist kurzweilig für den Leser, offenbart aber auch ein paar Schwächen im sprachlichen Aufbau des Romans. Könnte der Aufbau der Szene aus einem Film von Quentin Tarantino stammen, so bleibt sie sprachlich etwas brav und scheinbar naiv. Der Gangstersprech von Fayvel bricht nur manchmal aus ihm heraus. Der Verfasser der Memoiren scheint ein Feingeist zu sein der sich auch nach Jahren daran erinnert, dass eine Skulptur auf dem Schreibtisch von Arno Breker war. Eine Frau schläft nicht einfach ein, sondern gleitet in die Arme von Morpheus. Dafür, dass Fayvel so ein harter Kerl ist, ist »seine« Sprache zuweilen etwas zu brav und etwas sehr reich an Erwähnungen historischer Personen und Organisationen. Frauen werden grundsätzlich »geliebt«, wenn der Autor sagen will, dass es zwischen Fayvel und eine seiner Gespielinnen zur Sache geht. Dabei gäbe es da schon ein paar saftige jiddische Wörter um den Vorgang zu beschreiben. Nicht immer soll es dabei ja um Liebe gehen. Meisterhaft verwoben wurde die Sprache eines Gangsters mit literarischer Qualität in Natan Dubowizkis (man vermutet hinter dem Pseudonym den Politiker Wladislaw Surkow) »Nahe Null«.

Wirklich smart gelöst sind (neben der Typographie) die Anmerkungen zum Text auf dem Rand der jeweiligen Seiten:

Detailansicht einer Anmerkung in Fayvel der Chinese

Detailansicht einer Anmerkung in Fayvel der Chinese

Die Randanmerkungen wirken wie handschriftliche Notizen und erklären Begriffe und Wörter die man im Original belassen hat. Zuweilen muss der Leser schmunzeln, der die Begriffe kennt. Jemand wird Durak genannt. Die Notiz erklärt zwar richtig, dass das Dummkopf bedeuten kann, berichtet jedoch auch über ein gleichnamiges Kartenspiel. Wir sehen oben auch, dass Tuches ojfn Tisch wörtlich übersetzt etwas anderes bedeutet, als Karten auf den Tisch. Auch hier wieder der Unterschied zwischen Gangstertum und braven sprachlichen Mitteln.

Der Leipziger Liesmich Verlag hat dieses Buch schon im Jahr 2015 veröffentlicht. Der ungewöhnliche Ansatz ist beachtenswert und hat schon deshalb Aufmerksamkeit verdient. Geschichten wie diese sind rar gesät, auch wenn es sprachlich noch nicht so rappelt im Karton.

Philippe Smolarski:
Fayvel der Chinese.
Aufzeichnungen eines wahnwitzigen Ganoven.
Leipzig: Liesmich Verlag 2015, 264S., 14,95€.
Erhältlich im Buchhandel oder versandkostenfrei unter www.liesmich-verlag.de

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Ein paar Worte zu Ani Teffilah von Koren

Ani Tefillah von Koren

Der Verlag Koren bringt derzeit die (gestalterisch) besten jüdischen Bücher heraus (alle Beiträge zu Koren, bitte hier klicken).
Der Talmud: Unerreicht.
Die Neuausgabe des Siddurs: Ganz groß.
Die neuen Ausgaben des Tanach: Setzen Standards.
Inhaltlich stets hervorragend, gestalterisch und typographisch merkt man, dass sich da Leute mit der Thematik auseinandergesetzt haben, die sich hervorragend damit auskennen.

Bei neuen Veröffentlichungen muss man also eine ganz besondere Messlatte anlegen. Man befürchtet es also schon: Mindestens ein Buch hat mich enttäuscht. Zumindest teilweise.

Die Rede ist von einem Siddur für Wochentage von Koren. Der kommt mit einem Kommentar zu den täglichen Gebeten daher (der übrigens sehr gut ist) und ein paar anderen halachischen Anmerkungen zu den täglichen Gebeten. Zielgruppe sind in erster Linie Jugendliche, aber auch Erwachsene können die Kommentare mit Gewinn lesen.

Interessant ist, dass man für diese Ausgabe in den Kommentaren nicht, wie sonst bei Koren üblich, eine Serifenschrift verwendet, sondern eine Schrift ohne Serifen. Das orientiert sich möglicherweise an der Talmud-Edition von Koren. Dort ist der Kommentar auf dem Seitenrand ebenfalls serifenlos – wirkt aber weniger aufdringlich.

Ani Teffilah - Kommentar

Ani Teffilah – Kommentar

Verblüfft war ich aber von der Chuzpe im Minchah-Gebet. Dort wollte man den Kommentar zur Amidah nicht wieder verwenden, was sehr verständlich ist, hat aber den Text nicht neu auf den Seiten angeordnet, sondern einfach nur den Kommentar entfernt. Das Ergebnis sind Seiten auf denen sehr viel weißer Raum ist:

Ani Teffilah - Minchah

Ani Teffilah – Minchah


So sähe die Seite mit Kommentar aus:
Minchah mit Kommentar

Minchah mit Kommentar

Im Vorwort wird dem die Krone aufgesetzt und zur Tugend erklärt. Man habe bewusst im Minchah-Gebet auf einen Kommentar verzichtet und dort Platz für eigene Notizen und Gedanken gelassen. Das ist Papierverschwendung, führt zu unnötiger Blätterei während des Gebets und wirkt so, als nähme man den Leser nicht sonderlich ernst. Stand man da unter Zeitdruck?
Für Jom Hatzma’ut wurde Psukej deZimrah für Feiertage aufgenommen, aber Elemente für die Zwischenfeiertage fehlen (etwa Mussaf für Chol haMo’ed). Eine redaktionelle Entscheidung, über die man diskutieren könnte. Den Platz dafür hätte man jedenfalls gewonnen, wenn man das Minchah-Gebet auf weniger Seiten präsentiert hätte.

Von den großen Vorbildern verlangt man natürlich auch mehr. Trotz des guten Kommentars (den man also empfehlen kann), lässt dieser eine Punkt das Gesamtwerk irgendwie schräg aussehen. Schade.

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Badatz!

Badatz Bis 2012 erschienen in der Jüdischen Allgemeinen zahlreiche Artikel in der Kolumne »Neulich beim Kiddusch«. Die Geschichten setzten da ein, wo es beim Kiddusch, also dem gemütlichen Zusammensitzen nach dem Gebet am Schabbat und den Segen über den Wein, interessant wird.
Nämlich dann, wenn sich über das austauscht, was so in der letzten Zeit passiert ist. Es kann auch vorkommen, dass die Geschichten, die während des Kidduschs passieren schon an sich Material für weitere Gespräche bieten. Ganz klar, dass dabei nicht immer sehr objektiv vorgegangen wird.
44 Geschichten (aus meiner Feder) habe ich nun gesammelt, einige gekürzte Geschichten wieder erweitert und ein paar Themen mit Exkursen (Hawdalah, Kaschrut und natürlich Laschon haRa) versehen.

Diese Geschichten sind nun unter dem Titel »Badatz!« erschienen und bei amazon.de erhältlich!

Man begegnet in den Geschichten Juden aus London, Antwerpen, dem Ruhrgebiet, Israel und vielleicht auch aus den Nachbargemeinden. Nichtjüdische Synagogenbesucher , Super-Orthodoxe, Konvertiten, Naa-zis, Zionisten und Anti-Zionisten mischen natürlich auch mit.

Eine Leseprobe gibt es hier.
Das Buch gibt es übrigens auch als ebook (Kindle).

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The Lonely Man of Faith

Lonely Man of Faith - Artikelbild

Für zwei Neuerscheinungen des Koren-Verlages muss ich ein wenig weiter ausholen und ein paar Hintergründe schildern. Nicht allen Lesern dürfte klar sein, welch großartige Neuerscheinungen das sind.

Von Rabbiner Joseph Soloveitchik (1903-1993) The Rav haben möglicherweise schon diejenigen gehört, die sich ein wenig mit moderner Orthodoxie beschäftigen. Mir ist der Name ein paar Mal begegnet, ich konnte aber zunächst nicht sehr viel damit anfangen, bis ich eines Tages an einem Schiur zum Thema Tfillah teilnahm und Rabbiner Soloveitchiks Sichtweisen ein wenig eingehender dargestellt wurden. Als jemand, der den Existentialismus mit jüdischem Denken vereinigte. Er sähe den Menschen als freies Individuum, das seine Umgebung und sich selber verändern kann und aktiv an der Schöpfung weiterarbeitet. Tatsächlich lehrte Soloveitchik genau das. So heißt es in seinem Buch Halakhic Man – Isch haHalachah

The most fundamental principle of all ist hat man must create himself. It is this idea that Judaism introduced into the world.
(Halakhic Man – Isch haHalachah)

Eine interessante Idee, die noch über das liberale Tikkun Olam hinausgeht und bei mir jedenfalls zu einer intensiveren Beschäftigung mit Soloveitchik geführt hat.
Der Mensch ist jedoch nur creator, wenn er sich auch für diesen aktiven Aufbau entscheidet. Solovitchik unterscheidet zwischen der Spezies Mensch und den Mensch G-ttes, der aktiv in der Welt entscheidet.
Spezies Mensch entscheidet nichts, erschafft nichts und geht passiv durch die Welt.
Das Werkzeug und die Brille des Aktiven, mit der die Welt wahrgenommen wird, ist die Halachah.
Immer wieder treffen wir in Soloveitchik verschiedenen Schriften den religiösen Menschen der Neuzeit, der auf der Suche nach Transzendenz und seiner Sehnsucht nach einer losgelösten Existenz. Dem setzt Soloveitchik gegenüber, dass die Selbstzufriedenheit und das Streben nach innerer Harmonie kein Ziel des halachischen Menschen sei, sondern eher im Gegenteil.
Die Bereitschaft, sich dem g-ttlichen Auftrag zuzuwenden macht die Probleme der Welt erst viel bewusster und das kann auch schmerzen. Man denke etwa an Ijow (Hiob), der erst durch seine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit G-tt seine Misere in der Welt erfährt.

Auf der anderen Seite ist G-tt zugleich König, aber auch zugänglicher Awinu Vater (dazu kommen wir gleich noch).

Tschuwah, die Umkehr, ist deshalb auch keine Abkehr von der Welt oder den derzeitigen Zuständen. Der reuige Sünder entschuldigt sich nicht bei G-tt, tut Buße und hofft, dass G-tt, der entrückt ist, ihm verzeiht. Tschuwah bedeute vielmehr ein Einsehen, aber auch ein aktives Umgestalten der Situation und der eigenen Lage. Zwar wird G-tt im Gebet um Vergebung gebeten, allerdings ist er ein erreichbares Gegenüber und nicht weit entfernt vom Menschen.

Halacha kann nach Soloveitchik der Religiosität eine konkrete Ausdrucksform geben. In The Lonely Man of Faith heißt es:

…that the feeling become thought, and experience be acted out and transformed into an objective event.
dass das Gefühl ein Gedanke wird und das Erfahrung in Handeln Ausdruck findet …

oder an anderer Stelle schreibt er: knowledge without action serves no purpose.

The Lonely Man of Faith - Cover

The Lonely Man of Faith – Cover

Es gibt ein paar Säulen, die veröffentlicht worden sind und in denen er seine Weltsicht entwickelt. Zu nennen sind insbesondere Isch haHalachah, das in englischer Übersetzung als Halakhic Man verfügbar ist und The Lonely Man of Faith, sowie eine Reihe weiterer Veröffentlichungen. Sie sind nicht leicht zu verstehen, muss man einräumen, aber sich zu bemühen, lohnt sich. Es ist seltsam, dass dieser große Schatz in Deutschland nicht gehoben wurde und keines seine Werke auch nur auszugsweise in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht wurde. Dabei hat Soloveitchik in Berlin studiert.

In The Lonely Man of Faith schloss für mich ein wenig der der Kreis zwischen Gedanken zum Gebet und zur Aufgabe und Beschaffenheit des Menschen.

Was ist der Kern des Lonely Man of Faith?

Es geht um den Menschen, der laut Schöpfungsgeschichte in zwei Anlagen erschaffen wurde Adam II und Adam II. Oder wie ich gerne schreiben würde Adam Rischon und Adam Scheni. Damit erläutert Rabbiner Soloveitchik nicht nur plausibel und erschöpfend, warum die zwei Berichte über die Erschaffung des Menschen in der Torah überhaupt existieren, sondern erläutert auch, was das aus uns Menschen macht. Der eine Mensch sucht nach G-tt und erkennt sein Alleinsein im Universum und der andere Mensch beherrscht die Erde und baut weiter an ihr. Er interessiert sich zwar dafür, wie sie funktioniert, aber nur, um dies für sich zu nutzen. Der andere Mensch sieht, wie sie funktioniert und fragt Warum?:

Adam I wird zusammen mit Chawa nach dem Bilde G-ttes erschaffen worden und hat den Auftrag, die Natur und die Welt Untertan zu machen.
Adam I ist derjenige, der die Welt dementsprechend beherrscht und alle Beziehungen seinerseits werden funktional, pragmatisch im Rahmen dieser Aufgabe gesehen, um Arbeit zu teilen und den Fortbestand zu erhalten. Auch die Beziehung zu G-tt ist eher utilitaristisch geprägt. Er baut auf: durch die Eroberung des Weltalls, sein Wissen, moderne Technologie und kulturellen Fortschritt.

Hatte Adam I noch den Auftrag, den Garten zu unterwerfen, ist Adam II der Mann/Mensch des Bundes, der Hüter des Gartens, der aufpasst und bewahrt. Erst durch das Eingreifen G-ttes wird aus dem eingeschlechtlichen Adam ein zweigeschlechtlicher zur Erleichterung seiner existentiellen Einsamkeit. Nach dem Bilde G-ttes geschaffen zu sein, reicht nicht mehr aus, der Lonely Man of Faith fragt nach dem Sinn des Lebens und strebt nach Erlösung.

Beide Typen sind in jedem Menschen angelegt und beide will der Mensch gerne vereinen.
In seinem Buch beschreibt Soloveitchik Adam I und Adam II und den Zustand der Welt, in der sie sich heute befinden und das ist nicht nur auf das Judentum allein bezogen. Alle Menschen, die Religion nicht als Ego-Geschichte verstehen, werden die Auseinandersetzung von Religion und moderner Welt interessant und vielleicht auch herausfordernd finden.

Aber auch das Gebet tauchte hier wieder auf und zeigt ein wenig, wie sich aus der Textauslegung eine kleine Philosophie entwickelt.

Der Dialog mit G-tt findet, nach Rabbiner Soloveitchik in Prophetie und Gebet (Englisch: Prophesy and prayer) statt. Bei der Prophetie spricht G-tt mit dem Menschen, im Gebet spricht der Mensch mit G-tt.
Die Tages-Gebete erinnern immer und immer wieder an G-tt und den Dialog. Es dient zwar auch der Introspektive, aber eben auch dem Dialog mit G-tt. Interessant übrigens, wie weit wir von den alten, vielleicht eher volkstümlichen Vorstellungen, vom Gebet entfernt sind. Gab es doch eine Zeit, in der man annahm, man bete und löst etwas aus, oder nimmt Einfluss auf G-tt.

Eine Seite aus The Lonely Man of Faith - Koren Verlag

Blick ins Buch

Wie Prophetie, hat das Gebet seinen Platz in der Gemeinschaft. Der einzelne Prophet steht nur für seine Gemeinschaft und ist deren Repräsentant. Es geht nicht um die spirituelle Entwicklung der Person Prophet, sondern um den großen Zusammenhang. Prophetie hatte ja auch niemals nur eine mystische Bedeutung, sondern transportiert immer einen konkreten Auftrag. Weitergesponnen heißt das natürlich auch, dass die Mitzwot keine Privatsache sind, sondern der Gemeinschaft obliegen und hier beginnt eine Reibung mit der säkularisierten Welt und dem modernen Streben nach mehr Spiritualität, welches aber die damit verbundenen Werte und Aufgaben immer weiter ausblendet. Wenn Spiritualität (mein Zusatz an dieser Stelle, nicht die Erklärung von Soloveitchik) sich nicht auch mit moralisch-ethischen Imperativen verbindet, ist eine reine Egogeschichte und hat mit Religion nichts mehr zu tun. Als Beispiel könnte ich direkt an die modische Beschäftigung mit Kabbalah erinnern. Wenn das nicht mit dem Rest der Torah zusammengeht, hat das nichts mit dem ursprünglichen Zweck zu tun.
Weil wir keine Prophetie haben, greifen wir auf das Gebet zurück, um mit G-tt in Verbindung zu treten – im Zusammenhang mit einer Gemeinschaft und diese Gemeinschaft hat eine Aufgabe auf der Welt. Aber das ist in diesem Zusammenhang nur ein Aspekt.

Der Koren Verlag hat das Buch neu herausgegeben und diese Neuausgabe ist durchaus ein Fortschritt zur alten (sofern man diese kennt). So werden hebräische Begriffe und Sätze, die Soloveitchik einführt, vollständig übersetzt und sind typografisch hervorragend in das Gesamtschriftbild eingefügt worden. Zudem gibt es ein einleitendes Vorwort. Für diejenigen, die mehr wissen wollen: Koren-Schriftsatz zusammen mit Arno.
Das Buch gibt es auch bei amazon. Hier die Buchbeschreibung auf den Seiten von Koren.

Ein Siddur mit Kommentar von Rabbiner Joseph Soloveitchik ist ebenfalls erschienen. Eine ausführliche Rezension folgt!

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Chabad unter die Lupe genommen

Das Heer des Rebben

War Chabad vor einigen Jahren in noch ein Phänomen das deutsche Juden aus dem Ausland kannten (Wollen Sie Tefillin legen?), so sind heute zahlreiche Emissäre (die sog. Schluchim) von Chabad auch in Deutschland aktiv und das mit beachtlichen Erfolgen, während andere Bewegungen nicht richtig von der Stelle kommen, oder in weitaus kleinerem Maße wachsen. Sieht man von Lauder ab. In 15 Städten ist Chabad aktiv und weltweit tun etwa 4000 dieser Schluchim mit ihren gesamten Familien den Dienst.
Was ist das Erfolgsgeheimnis von Chabad? Warum kopieren andere Strömungen nicht einfach Teile davon? Wie finanziert sich Chabad? Was sind die häufigsten Vorwürfe gegenüber Chabad? Weiterlesen

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Judentum im Kinderbuchformat

Es gibt schon ein paar Bücher, in denen das Judentum Kindern näher gebracht werden soll. Häufig wird aus nichtjüdischer Perspektive das Judentum beschrieben. Ebenso häufig werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Christentum herausgestellt. So wird auf Bekanntes verwiesen und soll die Fremdheit ein wenig relativieren, die Kinder empfinden könnte. Siehe etwa Mona und der alte Mann (siehe auch Beschreibung bei amazon.de) Für jüdische Kinder sind derartige Bücher also eher weniger geeignet. Wer die Feiertage veranschaulichen möchte, kann auf die Bücher über Beni, Bina und die Taube Chagai von Yaffa Ganz und der Illustratorin Liat Benyaminy Ariel zurückgreifen, die in der Schweiz auch in deutscher Sprache erschienen sind. Die setzen allerdings sehr viel voraus, sie handeln in charejdischen Haushalten und sind eigentlich auch für diese Zielgruppe gedacht. Viele hebräische Begriffe tauchen auf und müssten den Kindern erklärt werden. Dafür wird die Geschichte der jeweiligen Feiertage ausführlich erklärt.
Im März erschien nun ein Buch, das die Lücke schließt. Dieses Mal trifft nicht ein nichtjüdisches Kind ein jüdisches, sondern ein Kind nicht observanter Eltern auf ein Kind aus einem orthodoxen Haushalt und das ist ein großartiges Setting. Dinahs Familie geht nur zu den Hohen Feiertagen in die Synagoge, Levis Familie beachtet dagegen alle Feiertage und so erleben die jungen Leser (oder diejenigen, denen vorgelesen wird, ab 4 Jahren) in dem Buch von Alexia Weiss und der Illustratorin Friederike Großkettler die Feiertage und jüdischen Alltag aus erster Hand. Nicht einmal wertend in die eine oder andere Richtung. Die Illustrationen sind großartig und erinnern an die Bilder, wie man sie in altersgerechten Schul- und Vorschulbüchern sehen kann. Ein kleiner Anhang erklärt einige Begriffe detaillierter (allerdings recht knapp).
Dinah und Levi: Wie jüdische Kinder leben und feiern (hier bei amazon) führt ans Judentum heran oder zeigt Kindern, dass jüdischer Alltag nichts ungewöhnliches ist und wie andere jüdische Kinder leben. Nichtjüdische Kinder und Erwachsene haben ebenfalls die Möglichkeit, etwas über das Judentum zu lernen und erfahren zugleich, dass nicht alle Juden ihren Alltag in gleicher Art und Weise gestalten. Wer Kinder hat und gerne mal ein jüdisches Buch über das Judentum hätte (sogar noch in deutscher Sprache), hat jetzt eines.

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Katzen und die Schoah

In verschiedenen Blogs heißt es, Katzen-Content geht immer, aber dieser Katzen-Content ist schon sehr sehr speziell. Hatten wir schon einen Roman aus der Perspektive von Hitlers Schäferhund Blondi, so gibt es nun auch die Reichspogromnacht aus Sicht einer Katze. Benno and the Night of Broken Glass (Homepage des Verlags mit Buchvorstellung) heißt das Bilderbuch von Meg Wiviott, das Kindern von 7 bis 11 die Schoah näher bringen soll. Das Buch schildert aus Sicht der Katze, wie Juden zunächst als Teil der Gesellschaft leben, ausgegrenzt werden, Bücherverbrennungen, die Reichspogromnacht und schließlich, dass die jüdischen Familien nicht mehr da sind. Die Perspektive ist distanziert, die Illustrationen eher Collagen. Mehr erfährt man eigentlich nicht über das Schicksal der Familien oder Personen: Familien sind da, füttern Katze, Familien werden weggebracht, Fütterer weg. Dazu kommt die Frage, ob man so etwas Kindern in dem Alter zumuten kann und ob das die richtige Herangehensweise ist. Niedliche Tiere zu malen, um etwas kindgerecht zu gestalten, dürfte nicht ausreichen. Kinder, die solche Geschichten ernst nehmen, wird es möglicherweise schockieren, auch wenn die emotionale Bindung zu den jüdischen Figuren kaum besteht, weil diese eigentlich nicht charakterisiert werden.

Einige Bilder aus dem Buch kann man sich auf der Homepage von Illustrator Jose Bisaillon anschauen (hier)
Wer es sich unbedingt als Buch anschauen will, kann es in Deutschland über amazon kaufen.

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Reckless? – ja das ist es

reckless kann man auch mit unbekümmert übersetzen und ja, so geht das neue Buch von Cornelia Funke mit den Märchen der westlichen Welt um, die da als Inventar für ihre (als Mehrteiler geplante) Geschichte namens Reckless dienen. Viel unbekümmerter ist jedoch die Darstellung der Zwerge. Die Zwerge sind sehr geschäftige, ja geschäftstüchtige, geldgierige Gesellen, die auch mal gerne den Mächtigen als Berater zur Seite stehen. Und damit der Wink mit dem Zaunpfahl auch verstanden wird, sind sie natürlich schwarz gekleidet. Ist das nun reckless?
Kommentator Yoram hat in seinem Kommentar auf die Zwerge bei Tolkien hingewiesen und dass auch dort die Zwerge jüdisch angelegte Figuren seien:

I do think of the ‚Dwarves‘ like Jews: at once native and alien in their habitations, speaking the languages of the country, but with an accent due to their own private tongue

und

The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.

J. R. R. Tolkien
Sein ganzer Kommentar (4) weiter unten (oder hier klicken).

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Judentum und Christentum

Der Jüdisch-Christliche Dialog hebt heute (aus gutem Grunde) in der Regel Gemeinsamkeiten hervor und vielfach wollen Christen ihre eigene Religion über das Judentum erschließen. Diesem Bedürfnis wurde in jüngster Zeit vielfach Rechnung getragen, so wurde etwa die christliche Bibel durch jüdische Autoren ausgelegt und die eigentlich jüdischen Lehren darin herausgearbeitet. Das führte häufig auch dazu, dass man schrieb, was die Leser gerne lasen und diskutierte Themen, die eher gefälligerer Natur waren. Titel wie Er predigte in ihren Synagogen oder Der Jude Jesus bedienten ein christliches Publikum. Letztendlich führt das zuweilen zu einer sehr schiefen Wahrnehmung, wenn man die gleichen Begriffe verwendet, aber sie unterschiedliche Bedeutungen haben. Gesetzesreligion? Synagoge und Kirche? Versöhnung und Erlösung?
Dabei gibt es grundlegende Unterschiede der beiden Religionen die man sich verdeutlichen muss, wenn man in den Dialog tritt. Rabbiner Max Dienemann, hat diesen Unterschied in seinem 1919 erschienenen Buch »Judentum und Christentum« herausgearbeitet. Er sieht den Hauptunterschied im Menschenbild der jeweiligen Religion.
Als Verteter eines traditionsorientierten, gegen die Assimilation gewandten, Judentums, erklärte er ganz klar, wo die Grenzen zwischen den Religionen liegen und wie viel eigener Wert im Judentum liegt.
Rabbiner Dienemanns Werk hat heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt und ist eigentlich Grundlage für jüdisch-christlichen Dialog.
Da dieses Buch nur noch antiquarisch erhältlich ist, habe ich eine Ausgabe verfügbar gemacht:
Eine Kaufmöglichkeit gibt es hier, bei amazon.de und im Buchhandel.