Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne

Diese Rezension musste etwas reifen, denn das Buch, um das es hier geht ist ungewöhnlich.
Spannend zu lesen und zugleich auch anstrengend, auf beunruhigende Weise intelligent und dennoch möchte man nicht jeden Gedanken mitgehen. Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es eine Zusammenstellung von Texten zu Jerusalem oder Israel?
Doch lasst uns vorher einen Schritt zurückgehen. Zum Thema des Buches »Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne«.
Jerusalem – diese Stadt besteht zu drei Vierteln aus Text und was wir in sie hineinprojizieren und zu einem Viertel aus der tatsächlichen Stadt. Die Stadt des Tempels, der Könige und der Propheten. Die Stadt, die im Gebet zur Hoffnung aller Juden im Exil geworden ist, ganz gleich, wie weit sie entfernt waren. Wir können uns vorstellen, dass kein irdischer Ort mit dieser Idealvorstellung mithalten kann. Zehn Maß Schönheit gäbe es in der Welt und neun habe Jerusalem erhalten (Kidduschin 49b). Und dann? Pizza Schemesch statt goldener Sonnenuntergang, Beter vor der Westmauer, Bar Mitzwah Fotos und laut rufende Menschen statt stiller Einkehr. Beständig Streit um die paar Quadratmeter vor der Westmauer. Diese Stadt beschreibt Alexander Ilitschewski aus vielen Perspektiven. Er schildert Menschen, kurze Ausrisse aus Gesprächen von der Straße, Stimmungen oder kurze Momente. Das tut er besser, als es ein Foto könnte:

»An Jom Kippur ist die Stadt gespenstisch still. Eine Stille, die man nicht einfach genießt, sondern in die man gebannt hineinhorcht. Die Fenster sind geöffnet, du lauschst der Stille, lauschst, wie die Stadt schweigt, hörst Gesprächsfetzen vorübergehender Menschen […] Diese Stille erzeugt die Stadt selbst: Es ist kein Schweigen, sondern eine geheime, kaum hörbare Melodie.« (Seite 49)

Dann widmet er sich ausführlich der Topographie der Stadt, vergleicht sie, analysiert sie und schildert die Eindrücke, die der Betrachter an einem bestimmten Ort dadurch gewinnt. Immer wieder geht er auf die Perspektiven ein. Er beschäftigt sich mit der »Durchsichtigkeit« von Jerusalem, die neue Blicke auf andere historische und topographische Schichten freigibt und die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmelzen. Das spiegelt sich auch in der Anordnung der Texte. Einige von ihnen sind eingestreute Gedichte. Das Buch ist also zugleich Reisebericht, als auch Gedichtsammlung. Reisebericht und Einführung in die Geschichte des Ortes. So lässt der Autor den Leser zwar auch an seiner Anreise mit dem Flugzeug teilhaben, oder an seinen Ausflügen ans Tote Meer, nach Haifa oder Tel Aviv. Aber währenddessen gelingt es Ilitschewski auch über das jüdische Volk, das Judentum, über Islamismus und den jüdischen Staat, über jüdische Erfinder und über Psychoanalyse zu schreiben.

Blick ins Buch

Vielleicht konnte dieses Buch nur jemand wie Ilitschewski schreiben, jemand der den »Außenblick« hat. Ilitschewski wurde 1970 geboren, als seine Heimat Aserbaidschan noch Teil eines anderen Staates war – als Jude also in der Sowejtunion.
Er studierte in Moskau dann Physik, lebte aber auch in Kalifornien und heute in Israel. Überall also niemand, der ein »Insider« ist.

Ilitschewskis Studien haben sich nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkt. Nicht viele andere Bücher machen derart viele Anspielungen auf andere Texte. Es wird wirklich wenige Leser geben, die wirklich mit jeder Anspielung etwas anzufangen wissen. Das ist sehr belesen und weise von Ilitschewski , aber wirkt zuweilen wie ein literarischer Schwanzvergleich. Und »ja«, er kennt einfach mehr Texte als der Leser.

Ob das in der russischen Originalausgabe auch der Fall ist, kann ich nicht sagen. In der vorliegenden Ausgabe hat sich der Verlag »Matthes und Seitz« jedenfalls Mühe gegeben und einen Anhang mit Anmerkungen erstellen lassen. Darin hat man sich bemüht, nahezu alle genannten Personen und Dinge zu erklären. Das ist lobenswert, leider sind einige biographische Angaben jedoch falsch, aber für ein Buch, das in diesem Ausmaß intertextuell arbeitet, ist das schon sehr mühsam und nimmt dem Leser vielleicht etwas zu viel Arbeit ab. Zitate werden dann in einem weiteren Anhang mit Fußnotenzahlen ausgewiesen. Niemand hat die vielen intertextuellen Stellen in Michel Houellebecqs »Unterwerfung« je erklärt, dabei geben diese dem Buch noch eine ganz andere Perspektive.
Dann wäre da noch der Sch(m)utzumschlag. Da dieser bekanntermaßen in den Müll gehört, verliert man damit auch wichtige Informationen zu den letzten Umschlagklappen.

Für jemanden, der sich aufrichtig für Israel und Jerusalem interessiert und zugleich Sprache zu schätzen weiß, ist »Jerusalem« genau das richtige Buch. Dem Verlag sei an dieser Stelle für das Heben dieses literarischen Schatzes ausdrücklich gedankt.

Infos zum Buch
Alexander Ilitschewski
Jerusalem
Stadt der untergehenden Sonne
224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Gorod Zakata (Russisch)
Übersetzung: Jennie Seitz
Erschienen: Ende 2017
ISBN: 978-3-95757-465-7

Leseprobe

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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